Linguine mit Zitronensauce

Sonst drehe ich ja gerne mal die Helligkeit bei meinen Futterfotos hoch, damit alles schön strahlt, aber bei diesem Nudelberg habe ich genau das Gegenteil machen müssen, damit man überhaupt was erkennt. Das hat man von monochromem Essen! Mein Trost: Bei der NYT, woher das Rezept ist, sieht es auch nicht viel eindrucksvoller aus.

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Das Rezept tauchte gestern in meiner Twitter-Timeline auf, und da ich mal wieder am Schreibtisch sitze und keine drei Stunden kochen will, kam mir dieses 20-Minuten-Ding genau recht. Und geschmeckt hat es auch.

Für eine Portion

120 g Linguine in ordentlich Salzwasser bissfest garen. Das „ordentlich“ ist hier wichtig, denn sonst kommt nix an Salz oder Pfeffer ans Gericht.

In einer großen Pfanne
2 EL Butter bei mittlerer Hitze schmelzen lassen.
2 EL geriebene Zitronenschale dazugeben.

Wenn die Nudeln fertig sind, in die Pfanne umsiedeln, alles durchrühren und noch
4 EL Sahne,
2 EL frischen Zitronensaft und
2 EL geriebenen Parmesan dazugeben. Nochmal durchrühren, ab auf den Teller, essen.

Ich habe noch ein paar Parmesanspäne und ein paar Zitronenzesten oben draufgehauen, aber das war Deko. Die wenige Flüssigkeit bleibt komplett an den Nudeln kleben, es ist also ein sehr saucenloses Gericht. Das hat mich überraschenderweise aber nicht gestört, denn dafür schmeckt es sehr leicht und frisch und nicht nach dem üblichen Kohlenhydratklops. Not that there’s anything wrong with a Kohlenhydratklops.

Tagebuch Sonntag, 8. Mai 2016 – Gefressen werden

Ein sehr durchwachsener Tag, an dem ich sehr dünnhäutig war und mich sehr schutzlos gefühlt habe.

Seit einigen Wochen stoße ich online und offline immer wieder auf ein Thema, von dem ich dachte, es wäre keins mehr für mich: der Körper, genauer gesagt, der Nicht-Norm-Körper, der dicke Körper, der vielleicht mal ein dünner wird (vermutlich nicht, aber man weiß ja nie). Ich dachte, ich hätte diesen Komplex durchgedacht und durchgefühlt und ich wäre durch meine Biografie davor gefeit, alles noch mal neu zu denken, aber wie ich gestern merkte: Nee, bin ich nicht.

Ein Mensch in meiner nächsten Umgebung hat einiges an Gewicht verloren – nicht durch Diät, sondern durch eine schmerzhafte Krankheit, aber auch dann pieksen mich Sätze wie „Ich passe wieder in Größe XY“ an den falschen Stellen. Eine Frau in meiner Instagram-Timeline nimmt ebenfalls ab, und ich dachte, ich könnte mich darüber freuen, weil es ihr anscheinend gut damit geht und weiterhin ihre leckeren Essensbilder anschmachten, aber dann tauchte der Hashtag „weightlossjourney“ unter einem Post auf, und es piekste wieder. Gestern las ich in einem Blog, das eigentlich ein sicherer Hafen ist, einen Kommentar, der ein Abnehmblog verlinkte, das seit Monaten recht lautstark in meiner Peripherie rumsummt und wegen dem ich schon mehreren Menschen auf Twitter entfolgt bin und ihre Blogs nur noch vorsichtig lese, weil auch da plötzlich das Thema viel zu viel Raum einnimmt.

Ich habe gar nicht gemerkt, wie sehr es mich belastet, von abnehmenden Menschen zu lesen oder von ihnen umgeben zu sein, bis ich mich gestern dabei erwischt habe, heulend auf der Weight-Watchers-Seite rumzuklicken. Da wo ich vor zehn Jahren schon mal war und wo es mir nicht wirklich gut ging.

Gestern erwischte mich aus heiterem Himmel (gefühlt) und mit voller Wucht die Erkenntnis, dass in meinem Leben gerade kaum ein Steinchen mehr da sitzt, wo es mal gesessen hat. Und so schön München ist und so erfüllend mein Studium – in wackeligen Momenten, die sich gestern anscheinend alle zusammenrotteten und bei mir anklopften, bricht alles zusammen und ich denke, das einzige Gebiet, über das ich Kontrolle habe, ist mein Körper. Was natürlich Blödsinn ist und das weiß ich auch, aber gestern musste ich mir das dutzende Male sagen.

Denn über meinen Körper habe ich genauso wenig Kontrolle wie über alles andere. Ich kann wochenlang die Bibliothek leerlesen und ein Dozent kann trotzdem nur eine 1,3 unter meine Arbeit schreiben und keine 1,0. Ich kann der tollste Mensch der Welt sein und ein Mann findet mich trotzdem nicht so super wie ich ihn. Ich kann irrwitzig viele Qualitäten mitbringen, aber es muss nicht unbedingt ein Job oder ein Praktikum dabei rauskommen. Ich bin von so vielen Dingen abhängig, die nicht in meinem Kontrollbereich liegen, und ich muss es aushalten, dass es so ist. Und mein Körper ist das letzte, was ich im Griff habe, und es hat sehr viel Kraft gekostet, mir das einzugestehen und dem ganzen Diätrotz nach 25 Jahren Auf Nimmerwiedersehen zu sagen, weil er mich weder dünn noch glücklich gemacht hat, sondern genau das Gegenteil.

Ich habe es seitdem allerdings im Griff, gut zu mir zu sein. Ich kann auf mich achten, auf mich und meine Gefühle aufpassen, mich um mich kümmern. Ich weiß, dass ich immer noch auf Krücken laufe; in meinem Schrank müssen fünf Tafeln Schokolade liegen, sonst werde ich nervös. Ich esse sie nicht mehr wie früher an einem üblichen Binge-Eating-Tag in einem Zug weg (die Kids heute nennen das ganze liebevoll Cheat Day und glauben, es wäre eine Superidee – ihr Irren), sondern Stück für Stück, aber sie müssen da sein. Ich muss einen vollen Kühlschrank haben, damit mein Kopf mir glaubt, dass der Bauch immer und alles essen darf. Ich habe ihm jahrelang erzählt, ja klar, kriegst du was, und er hat mir vertraut, und was hat er gekriegt? Kalorienreduzierten Scheiß und auch immer nur fast so viel, wie er gerne gehabt hätte, aber sei jetzt bitte dankbar und fühl dich wohl und leicht und liebenswürdig. Kein Wunder, dass der mir nichts mehr glaubt.

Ich dachte, ich hätte meine Essstörung – denn nichts anderes ist dieses zwanghafte Verhältnis zum Essen, auch wenn ich mir nicht den Finger in den Hals stecke oder von 400 Kalorien am Tag leben möchte – im Griff oder zumindest soweit unter Kontrolle, dass mir Instagramposts oder Blogkommentare nichts mehr ausmachen. Vielleicht ist das auch so, aber vielleicht ist das nur so, wenn der Rest meines Lebens in Reih und Glied und rechtwinklig ausgerichtet und alphabetisch sortiert ist, wie ich das mag, weil es mir Sicherheit gibt. Im Moment ist mein Leben aber eine einzige wackelige Angelegenheit. Und gestern kippte etwas in mir um, von dem ich dachte, ich hätte es halten können. Ich fühlte mich sehr hilflos in dieser Stadt, in dieser Wohnung und in diesem Studium, ich vermisste die Sicherheit, den Plan, das Geld, den Ex, die Freundinnen, und ich konnte dieser bröckelnden Lawine nur ausweichen, indem ich wieder darüber nachdachte, Kalorien zu zählen.

Es hat wirklich die blöde WW-Seite gebraucht, um aufzuwachen und mitzukriegen, was sich seit Wochen in meinem Inneren abspielt, ohne dass ich es wirklich zur Kenntnis genommen habe. Das latente Unwohlsein, das ich bei diesem Thema immer habe, hatte sich zu einem Problem aufgebaut, und ich wusste nicht mehr, wie ich damit umgehen sollte.

Ich weiß es immer noch nicht. Momentan fällt mir nichts ein, als manche Menschen zeitweise zu entfolgen, so leid es mir tut, vielleicht mal wieder ein paar Blogs zu meiden, vielleicht überhaupt mal das Internet mit seinen vielen Menschen ein winziges bisschen runterzufahren. Stattdessen hilft vielleicht das, was auch gestern nach stundenlangem Elend geholfen hat: am Schreibtisch ein Buch nach dem anderen stumpf durchzuarbeiten anstatt wie sonst von einem zum anderen zu springen, hier kurz etwas nachgoogeln, da einen Aufsatz online lesen, ach, und wenn ich eh schon hier bin, kurz auf Twitter und Instagram gucken. Genau das habe ich gestern nicht gemacht, sondern eben krampfhaft gelesen, exzerpiert, Texte geordnet, umgeschrieben, nächstes Buch, weitermachen. Zwischendurch vier riesige Schüsseln Cornflakes mit Erdbeeren und Weintrauben und Birnen und fürs Seelenheil eine Tafel Schokolade und einen Milchkaffee. Abends dann die neue Folge Masterchef Australia, in der so gut gekocht wird wie sonst in keiner Masterchef-Ausgabe, und ich habe gemerkt, wie sehr ich das genieße, gutem Essen zuzusehen und im Kopf zu überlegen, wie ich das nachbauen könnte, was ich da sehe. Ich habe mich gefreut, nach stundenlangem Ringen mit mir und meinen Dämonen wieder Glück zu empfinden, als das Thema Essen vor mir rumflimmerte.

Vielleicht bin ich doch schon weiter als ich gestern dachte. Ich muss mir das Glück aber anscheinend weiterhin erkämpfen – und vor allem: darauf aufpassen.

Was schön war, Samstag, 7. Mai 2016 – Königsplatz

Die Strecke, die ich in München mit Abstand am häufigsten fahre, ist natürlich die von Zuhause in die Uni oder die diversen Bibliotheken. Direkt danach kommt der Weg zum und vom ehemaligen Mitbewohner. Gestern fuhr ich diese Strecke zum ersten Mal mit dem Hamburgfahrrad – was mir erst auffiel, weil gewisse Streckenabschnitte auf einmal leichter zu fahren waren als mit dem alten Schlachtross.

Neuerdings fahre ich in Richtung Innenstadt eine etwas andere Strecke; nicht mehr den fürchterlich engen und von Fußgängern und parkenden Autos verstopften Radweg an der Augustenstraße lang, von der ich in die Brienner Straße einbiege, um majestätisch auf die Propyläen am Königsplatz zuzurollen. Stattdessen hebe ich mir den Königsplatz als Schmankerl für den Rückweg auf. Ich fahre jetzt lieber die Acisstraße runter, bei der ich an den beiden NS-Bauten Führerbau und NSDAP-Verwaltungszentrum vorbeikomme, von denen einer meist mein Ziel ist (ich wiederhole mich: In letzterem befindet sich heute unter anderem das Zentralinstitut für Kunstgeschichte). Die beiden Gebäude sind seit Kurzem von jeglichem Grünzeug befreit, das heißt, man kann den Baukörper wieder uneingeschränkt angucken, was ich zugegebenermaßen recht gerne mache. Die beiden Sockel der sogenannten Ehrentempel sind allerdings noch unterschiedlich bewachsen, und das gefällt mir ebenfalls: Während der eine freigelegt wurde und nun ein Ensemble mit dem NS-Dokumentationszentrum bildet, dürfen auf dem anderen weiterhin Büsche, Bäume und Gras wachsen, wie sie es seit 70 Jahren tun. Das nimmt dem ganzen Komplex viel von seiner strengen Symmetrie, lässt aber noch erkennen, wie sie mal gemeint war.

Gestern war nicht das ZI mein Ziel, sondern ein Biergarten um die Ecke vom ehemaligen Mitbewohner, in dem wir gemeinsam aßen und tranken und über Kunst, YouTube und Panzer redeten (was man halt so macht). Danach radelte ich nach Hause und freute mich die ganze Strecke auf meinen großen Liebling. Ich fuhr den üblichen Umweg über Sonnen- und Max-Joseph-Straße, weil ich gerne am Wittelsbacher Brunnen und der Neuen Maxburg vorbeifahre, gerade abends, wenn der Brunnen beleuchtet ist. Dann umrundete ich den Karolinenplatz und fuhr auf den Königsplatz zu.

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Ich verlangsamte wie immer mein Tempo, sobald mein Fahrrad den asphaltierten Radweg verlässt, der am Königsplatz in staubigen Schotter übergeht, rollte über den Platz, guckte entspannt nach rechts und links, wo auf den Stufen der Glyptothek und der Antikensammlung noch traubenweise Menschen saßen, radelte rechts an den Propyläen vorbei und begann den letzten Streckenabschnitt nach Hause.

Ich mag es, dass ich dabei einige hundert Meter weiße Radreifen habe, weil der helle Staub des Königsplatzes noch ein bisschen bei mir bleibt.

Was schön war, Donnerstag/Freitag, 5./6. Mai 2016 – Sonnigkeiten

ERDBEEREN OMG ERDBEEREN

Die ersten Erdbeeren in diesem Jahr gegessen, die nach Erdbeeren geschmeckt haben. Noch besser als der erste Spargel.

Beton

Auf Instagram folge ich seit längerer Zeit einem Herren, der dauernd Architektur fotografiert. Vor ein paar Tagen instagrammte er ein verfallendes Hotel mit Freizeitanlagen in Kroatien, und seitdem bin ich der Meinung, ich sollte mich mehr mit Nachkriegsbetonarchitektur befassen.

Hier ist eins meiner Lieblingsbilder vom Haludovo-Palasthotel in Malinska (Krk), so sah es dort mal aus (pixelig, aber die Ansichten sind fast die gleichen, deswegen diese Bildauswahl). Der Architekt war Boris Magaš.

Beim Rumgoogeln über Socialist Modernism gestolpert. Die Seite wird anscheinend nicht mehr aktualisiert, aber die Betreiber(*innen?) instagrammen noch.

Fahrradfahren

Gestern war der erste Tag des Jahres, an dem ich ohne Jacke radgefahren bin. Die Sonne schien, aber es war noch nicht unangenehm heiß, sondern genau richtig, um sich darüber zu freuen, ohne Jacke radfahren zu können, ohne gleichzeitig Angst haben zu müssen, bei jedem Ampelhalt innerhalb von fünf Sekunden einen Sonnenbrand zu bekommen.

Gestern war dann auch der erste Tag, an dem ich mich großflächig mit Sonnencreme einschmadderte, was meine zarte Körper- und Parfumduftnote wieder für Monate ruiniert.

Mir fällt vor allem beim Radfahren ein, wie schön es ist, sich zu bewegen, sich bewegen zu können. Jahrelang war ich damit beschäftigt, meinen Körper zu hassen und ihn als unfähig zu beschimpfen, weil er nicht so aussehen wollte wie ich ihn gerne gehabt hätte. Seitdem ich das nicht mehr tue und stattdessen würdige, was er kann, ist er mir öfter bewusst, und das meist positiv. Ich meckere eigentlich nur noch mit meinem Uterus rum, der schmerzhaften Nervensäge.

Zeitungsfilm lesen

Ich kannte aus meinem ersten Studium noch Mikrofiche, aber eine Zeitung auf einer Filmrolle kannte ich noch nicht. Dank der freundlichen Einweisung in der Stabi kam ich in den Genuss, mal wieder einen Film aufspulen zu dürfen, was mir sofort Filmvorführerinnenflashbacks bescherte. Ich fand zwar nicht, was ich suchte, aber ich möchte jetzt noch mehr Zeitungen von 1943 auf Film ausleihen, einfach, um mal wieder einen Film in ein Abspielgerät einlegen zu können.

Dicksein dürfen

In der NYT gab es in den letzten Tagen gleich zwei Artikel, die – soweit ich weiß – erstmals sagen: Leute, Diäten sind Quatsch, Abnehmen und Schlankbleiben funktioniert nur für einen winzigen Prozentsatz aller Menschen, die das versuchen, und Dicksein ist eventuell doch nicht ganz so fürchterlich, wie wir euch das die letzten Jahre eingetrichtert haben.

Dieser Absatz aus dem ersten Artikel war entlarvend:

„Dr. Lee Kaplan, an obesity researcher at Harvard, says there is no diet or weight-loss regimen that is guaranteed to work but that people can often maintain a loss of 5 percent of their weight, which is enough for health benefits to kick in.“

Heißt erstens das, was die Fatosphere seit Jahren erzählt: Keiner weiß, warum manche Menschen dick sind und andere dünn und wie man das ändern kann. Heißt auch: Schon ein geringer Gewichtsverlust kann dafür sorgen, dass Bluthochdruck und Diabetes zurückgehen oder verschwinden. Und ich lese das und denke, das ist doch super – und dann kommt dieser Satz:

„He tells his patients to try one weight-loss program after another in hopes of finding something that works for them.“

ALTER!

Der zweite Artikel beschrieb, dass auch die Abnehmindustrie hinter verschlossenen Türen zugibt, dass sie Schlangenöl verkauft. Auch nix Neues – in den entsprechenden TV-Werbespots steht immer brav in winzig „Results not typical“.

„For example, men with severe obesity have only one chance in 1,290 of reaching the normal weight range within a year; severely obese women have one chance in 677. A vast majority of those who beat the odds are likely to end up gaining the weight back over the next five years. In private, even the diet industry agrees that weight loss is rarely sustained. A report for members of the industry stated: “In 2002, 231 million Europeans attempted some form of diet. Of these only 1 percent will achieve permanent weight loss.”“

Dann folgt der Punkt, der mir selbst am schmerzlichsten bewusst ist: Wer einmal anfängt, Diät zu halten oder weniger zu essen, als der Körper haben will, hat die besten Chancen, davon dicker zu werden.

„After about five years, 41 percent of dieters gain back more weight than they lost. Long-term studies show dieters are more likely than non-dieters to become obese over the next one to 15 years. That’s true in men and women, across ethnic groups, from childhood through middle age. The effect is strongest in those who started in the normal weight range, a group that includes almost half of the female dieters in the United States. [...]

In people, dieting also reduces the influence of the brain’s weight-regulation system by teaching us to rely on rules rather than hunger to control eating. People who eat this way become more vulnerable to external cues telling them what to eat. In the modern environment, many of those cues were invented by marketers to make us eat more, like advertising, supersizing and the all-you-can-eat buffet. Studies show that long-term dieters are more likely to eat for emotional reasons or simply because food is available. When dieters who have long ignored their hunger finally exhaust their willpower, they tend to overeat for all these reasons, leading to weight gain.

Even people who understand the difficulty of long-term weight loss often turn to dieting because they are worried about health problems associated with obesity like heart disease and diabetes. But our culture’s view of obesity as uniquely deadly is mistaken. Low fitness, smoking, high blood pressure, low income and loneliness are all better predictors of early death than obesity. Exercise is especially important: Data from a 2009 study showed that low fitness is responsible for 16 percent to 17 percent of deaths in the United States, while obesity accounts for only 2 percent to 3 percent, once fitness is factored out. Exercise reduces abdominal fat and improves health, even without weight loss. This suggests that overweight people should focus more on exercising than on calorie restriction.

In addition, the evidence that dieting improves people’s health is surprisingly poor. Part of the problem is that no one knows how to get more than a small fraction of people to sustain weight loss for years. The few studies that overcame that hurdle are not encouraging. In a 2013 study of obese and overweight people with diabetes, on average the dieters maintained a 6 percent weight loss for over nine years, but the dieters had a similar number of heart attacks, strokes and deaths from heart disease during that time as the control group. Earlier this year, researchers found that intentional weight loss had no effect on mortality in overweight diabetics followed for 19 years.

Diets often do improve cholesterol, blood sugar and other health markers in the short term, but these gains may result from changes in behavior like exercising and eating more vegetables. Obese people who exercise, eat enough vegetables and don’t smoke are no more likely to die young than normal-weight people with the same habits. A 2013 meta-analysis (which combines the results of multiple studies) found that health improvements in dieters have no relationship to the amount of weight they lose.“

So. Können wir uns dann bitte wieder alle beruhigen? Danke.

*Erdbeeren essend ab*

Tagebuch, Dienstag/Mittwoch, 3./4. Mai – Schreibtisch

Die Überschrift sagt schon alles. Okay, nebenbei hatte ich auch noch schöne Unikurse und -vorlesungen, aber im Prinzip pendele ich gerade zwischen der Historicumsbibliothek und dem Schreibtisch zuhause hin und her und versuche, eine Fragestellung für das Referat zu Familienfesten im 19. Jahrhundert festzuzurren. Seit gestern steht immerhin eine These, die ich jetzt durch Literatur zu untermauern versuche. So ganz auf die Zwölf ist sie noch nicht, aber immerhin so zwischen 10 und 11, und daher bin ich zuversichtlich, dass ich sie heute oder morgen finalisieren kann.

Vom Herrn von Welden weiß ich inzwischen, dass die Pinakotheken ein Ölbild auf Pappe von ihm besitzen (1942 gemalt, 1946 als Schenkung erhalten) – der Kontakt kam über die Kuratorin des Lenbachhauses zustande, und die Antwortmail auf meine piepsige „Habt’s was von dem Herrn?“-Frage kam innerhalb von zehn Minuten. Das kleine Achtsemester dankt. Das Münchner Stadtmuseum hat ein Aquarell von ihm im Bestand, das ich mir sogar anschauen kann; dafür habe ich aber noch keinen Termin, und die Entstehungs- bzw. Ankaufdaten wurden mir auch nicht mitgeteilt. Aber das kann ich ja vor Ort erfragen.

Donnerstag in einer Woche sind wir dann endlich in der Städtischen Galerie in Rosenheim vor Ort, und von diesem Museum weiß ich bereits, dass „Leo von Welden [..] zu Höchstpreisen 1944 von der Städtischen Galerie in Rosenheim angekauft [wurde] (wurde auch davor schon angekauft, aber ’44 stiegen die Preise unverhältnismäßig) und [dass er] nach dem Krieg [...] der erste Künstler [war], der von der Galerie angekauft wurde (also nicht durch Stiftungen etc. erworben wurde).“ Das Zitat stammt aus einer Mail unserer … ich weiß ihren offiziellen Titel gar nicht … Kursbegleiterin? Wissenschaftliche Mitarbeiterin? Die Dame hat ihre Masterarbeit über die Galerie geschrieben, und wir Kursteilnehmer*innen warten sehnsüchtig darauf, dass diese Arbeit veröffentlicht wird, damit wir sie zitieren können. Da das aber bis nächste Woche nicht passiert sein wird, wie mir die Dame schrieb, gab sie mir diesen Tipp vorab per Mail. Dafür bin ich sehr dankbar; bei der Durchsicht der Ankaufspreise des Lenbachhauses ist bei mir nämlich nicht der Eindruck entstanden, dass die Preise exorbitant höher wurden. Hier liegen mir drei Vergleichsdaten vor: 1943 wurden im Mai zwei Tuschezeichnungen von ihm für jeweils 150 RM gekauft, beide ca. 23 x 33 cm groß, während im Januar 1944 für eine Zeichnung in der Größe 53,5 x 36 cm 250 RM gezahlt wurden. (Die Motive waren übrigens ein weiblicher Akt, drei Zecher im Gasthaus sowie ein Ritter und der Tod.)

Von den Karteikarten bzw. dem Datenbankauszug des Lenbachhauses wird auch ersichtlich, wo die Bilder gekauft wurden; ein Selbstbildnis von 1939 wurde zum Beispiel auf der Kunstausstellung im Maximilianeum (München) erworben, ein weiteres von 1944 auf der Ständigen Ausstellung der Künstlergenossenschaft München. So viel zum Thema, von Weldens Kunst sei „entartet“ gewesen und er habe nicht ausstellen können. Generell wurden Museumskäufe vor allem in Ausstellungen getätigt; die Mitarbeiter*innen gingen eher nicht in die Ateliers der Künstler*innen, um dort direkt zu kaufen.

Außerdem habe ich weitere Bücher zur sogenannten Verlorenen Generation gefunden, aber bisher nur durchgeblättert. Der Begriff „Verlorene Generation“ wird für mehrere Gruppen verwendet; hier meint er Maler*innen, die um die Jahrhundertwende geboren wurde und zur NS-Zeit noch nicht den Erfolg hatten, den sie hätten haben können, wenn sie unbehelligt hätten weiterproduzieren können. Nach 1945 waren sie entweder vergessen, emigriert oder hatten sich mit dem System arrangiert – egal, was mit ihnen passierte, sie konnten weder an vorherige, wenn vorhandene, Erfolge anknüpfen noch in der Bundesrepublik Fuß fassen, weil neue Produzent*innen nachgewachsen waren. Eine Info habe ich mir aus unserem Ost-West-Seminar im letzten Semester gemerkt, weil sie mich sehr beeindruckt hatte: So gut wie alle Künstler*innen, die nach 1933 ins Ausland emigriert waren, kehrten in den Landesteil zurück, aus dem die DDR entstehen sollte, wenn sie überhaupt zurückkehrten.

Was schön war, Montag, 2. Mai 2016 – Koala Cake

Ich habe erstmals mit Fondant rumgespielt und bin für einen ersten Versuch recht zufrieden gewesen. Jetzt muss ich nur noch rausfinden, wie man Fondant ausspricht. Französisch „Fon-doo“, betont auf der letzten Silbe? Englisch „Fondäntt“, betont auf der ersten? Oder so, wie’s da steht: Fonndánnt?

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Das Geburtstagskind mag Koalas, also suchte ich bei Pinterest nach „koala cake“. Solltet ihr auch mal ausprobieren, da tun sich Abgründe auf zwischen Kunstwerken und Dinge der Kategorie „Nailed it!“ (Der letzte Link sorgt bei mir übrigens verlässlich für gute Laune.)

Auf irgendwelchen Wegen landete ich dann bei diesem YouTube-Video, wo mir eine freundliche Australierin bei nerviger Hintergrundmusik Koala Cupcakes vorführte. Die wollte ich zwar nicht, aber der Koala gefiel mir, er kam mir anfängerinnenkompatibel vor, und so bestellte ich freudig Fondoo.

Vorgestern buk ich einen Carrot Cake in einer 18-cm-Springform, nutzte allerdings mein übliches Rezept für eine größere Form, weswegen ich zwei Kuchen hatte. Das war am Sonntag toll, denn so hatte ich leckeren Carrot Cake für mich alleine, aber gestern beim Kuchenanschneiden nicht so toll, weil ich überhaupt keinen Hunger mehr auf Carrot Cake hatte. Ich erspare euch übrigens ein Bild des gemetzelten Koalas. TIL: Ich werde nie wieder was mit Gesicht auf eine Torte basteln.

Das Weichkneten des Fondoo ging gut, das Ausrollen dank des gegoogelten Tipps „Arbeitsfläche mit Puderzucker oder Stärke bestäuben“ auch – die erste Schwierigkeit war, die Kreise auszustechen, die ich für das Gesicht, die Ohren und die Augen des Koalas brauchte. Natürlich habe ich mir mit der Essknete kein Profiwerkzeug wie im Video dazubestellt, mein einziger kreisrunder Ausstecher ist in Keksgröße und meine Servierringe waren genau in der Mitte zwischen zu klein (fürs Gesicht) und zu groß (für die Ohren). Also wurde ein kleiner Henkeltopf das Gesicht, um den ich mit einem Küchenmesser rumschnitt; die Ohren sind der Deckel meines Cocktailshakers, die Augen fertigte ich, indem ich mit einem dicken Strohhalm eine Form im Fondoo andeutete und dann mit dem Messer freihändig weiter außen um diese Form rumsäbelte. Deswegen sieht der Koala auch irgendwie unsymmetrisch aus, aber wir wissen ja: Symmetrie ist die Ästhetik der Dummen. (Hat angeblich Picasso gesagt, und ich will ihm da nicht immer zustimmen.)

Die grüne Oberfläche ist mir etwas zu pickelig geraten. Ich habe es dank meiner tollen Palette geschafft, das Frosting halbwegs glatt aufzutragen, las dann aber, dass man Fondoo nicht direkt auf Sahnecreme oder so auflegen soll. Gut, im Frosting ist keine Sahne, aber Frischkäse. Also schmolz ich noch eine Runde weiße Kuvertüre und bestrich den Kuchen damit; allerdings wurde daraus eher die Abbildung schwerer See als eine glatte Fläche, warum auch immer.

Ich hatte beim Basteln gestern eine Stunde lang Spaß, werde das aber vermutlich nicht wiederholen. Auch weil ich Fondoo geschmacklich nicht so irre lecker finde, und ich finde es blöd, Lebensmittel mit irgendwas zuzukleistern, was dann als unattraktiver Abfall auf dem Teller bleibt. Aber das Geburtstagskind hat sich sehr gefreut, und das hat mich sehr gefreut.

Tagebuch, Samstag/Sonntag, 30. April/1. Mai – Wellental

Hochmotiviert vom Freitag ins Bett gegangen, den Schwung noch zum samstäglichen Einkauf genutzt – und dann versackt.

Wochenende ist manchmal noch anstrengend, weil ich jahrelang den Rhythmus verinnerlicht hatte „Montag bis Freitag sehe ich Kai morgens und abends, aber am Wochenende sehe ich ihn den ganzen Tag, yay!“ Dann wurde Wochenende zum Zwei-Tage-Urlaub in Hamburg, was sich nach zwei Jahren nicht mehr so entspannt anfühlte wie am Anfang, weil ich immer öfter das Gefühl hatte, aus meinem Hauptleben rausgerissen zu werden, von meinem Schreibtisch weg, aus meiner Stadt, um in eine andere Stadt zu fliegen, die mir nicht mehr am Herzen lag und um eine Beziehung zu retten, von der wir beide ahnten, dass sie nicht mehr zu retten war.

Mit ein bisschen Abstand weiß ich, dass das Ende der Beziehung nicht dadurch kam, weil wir uns plötzlich doof fanden (das ist auch immer noch nicht so), sondern weil wir beide sehr unterschiedliche Vorstellungen von unseren nächsten fünf oder zehn Lebensjahren hatten. Diese beiden Vorstellungen passten schlicht nicht zusammen, und deswegen passten wir schlicht nicht mehr zusammen.

Das ist meinem Kopf auch alles klar, aber manchmal vermisst der Bauch noch dieses wohlig-heimelige Gefühl der Gewohnheit, weil die Wochenenden bei uns meist recht gleich aussahen, was ich immer sehr mochte. Ich musste nicht über meinen Tag nachdenken, weil jeder Tag gleich war; Montags bis Freitags Agentur, Wochenende mit Kai, fertig.

Inzwischen ist jeder Tag bei mir anders und er ändert sich alle sechs Monate wieder. Gerade wenn ich einen festen Ablauf verinnerlicht habe – und ich muss zugeben, ich mag feste Tagesabläufe –, bastele ich mir einen neuen Stundenplan, und alles ist anders. Die Referate liegen in jedem Semester anders, so dass sich auch die Arbeitsbelastung immer anders verteilt. Ich kann keine Routine entwickeln, weil das schlicht nicht vorgesehen ist.

Manchmal erwischt mich die Sehnsucht nach der Routine noch. Manchmal denkt mein Bauch, er ist in Hamburg, wir gucken gleich gemeinsam Fußball und du verdienst einen Arschvoll Geld, bis ihm auffällt, nein, du bist in München, lebst größtenteils von deinen Ersparnissen und müsstest echt mal diese 15 Bücher auf deinem Schreibtisch durcharbeiten. Eigentlich macht er das ja gerne, aber gestern und vorgestern wollte er nicht. Ich habe gerade drei Aufsätze geschafft, und ansonsten habe ich meinen Kopf damit beruhigt, dass mein Unterbewusstsein weiterarbeitet, während der Rest von uns auf dem Sofa liegt und alte West-Wing-Folgen guckt.

Die Grundtraurigkeit konnte das aber auch nicht vertreiben. Gut, dass heute Montag ist. Montags habe ich keine Zeit mehr für Wochenendgefühle.

Was schön war, Freitag, 29. April 2016

Altes Buch auslesen.

Okay, schön war das nicht, endlich mit Franzens Purity abzuschließen, und die letzten 100 Seiten habe ich nur noch durchgeblättert, weil ich weder die Figuren noch die Handlung länger ertragen habe. Aber es war schön, das Ding endlich hinter sich lassen zu können. Ich stimme der Rezension von Katharina Granzin in der taz weitgehend zu, hätte den Schinken aber noch mehr verrissen.

In den Bestandskarteikarten des Lenbachhauses rumwühlen.

Das war ein äußerst ergiebiges Rumwühlen, weil sich das Bild von Leo von Welden langsam verfestigt. Festzustellen, dass der Mann zur NS-Zeit durchaus gearbeitet und ausgestellt sowie von Museen angekauft wurde, ruiniert die These, dass er als sogenannter „entarteter“ Künstler verfemt und verboten war, die in den wenigen Katalogen von ihm kolportiert wird. Ich habe Ankaufsdaten des Lenbachhauses von 1935 bis 1944, und dank eines Tipps der Kuratorin, mal in den Pinakotheken anzufragen – die hätten auch von Weldens im Bestand –, vermutlich demnächst noch mehr.

Wobei die Klassifizierung als „entartet“ des Öfteren nicht konsequent durchgesetzt wurde. Das bekannteste Beispiel ist sicherlich Rudolf Belling, der 1937 sowohl in der ersten Großen Deutschen Kunstausstellung als auch in der Ausstellung „Entartete Kunst“ zu sehen war, circa 500 Meter Luftlinie voneinander entfernt. Es gab (soweit ich weiß) keine offizielle Linie, keine Liste zum Abhaken, was ein Bild zu einem „entarteten“ machte. Im Lenbachhaus gibt es den Fall Julius Hüther, dessen Knabenbildnis von 1929 als „entartet“ aus der Sammlung entfernt und laut Karteikarte in den 1950er Jahren wieder eingegliedert wurde. Gleichzeitig kaufte das Haus aber die ganze NS-Zeit über weiterhin Werke von ihm an.

Ich werde mich also mal mit der Einkaufspolitik deutscher Museen zur NS-Zeit beschäftigen – ich hoffe, ich kann mich da auf München beschränken –, und gleichzeitig werde ich versuchen, noch weitere Maler*innen zu finden, die die gleichen religiösen Themen bearbeitet haben wie von Welden. Einfach um da einen besseren Überblick zu haben, ob von Welden vielleicht doch innerhalb dieser Gruppe etwas Besonderes hatte. Bis jetzt kommt mir seine künstlerische Karriere wie eine ganz normale vor – er malte das, was er verkaufen konnte, und einige Themen gingen eben sowohl zur als auch vor und nach der NS-Zeit. Spannend sind jetzt die Bilder, die es die Große Deutsche Kunstausstellung geschafft habe, denn die waren eben nicht religiös, sondern schön auf Parteilinie getrimmt.

Neues Buch anfangen.

Meine Nase steckt seit gestern abend in Annette Pehnts Chronik der Nähe, nachdem ich von ihr bereits Insel 34 und Mobbing mit großem Genuss gelesen habe. Ich glaube, ich kaufe von der Dame einfach mal alles.

Was schön war, Donnerstag, 28. April 2016

Uni. (Ach was.)

Im Seminar zur Kindheit und Jugend im 19. Jahrhundert besprachen wir zwei Texte, die wir zur Sitzung gelesen hatten und ergänzten sie in Gruppen um zwei weitere; einer war von einer Frau, einer von einem Mann geschrieben und wir konzentrierten uns in der jeweiligen Gruppe auf die geschlechtsspezifische Perspektive. Dann legten wir generelle Themen fest, unter denen man unser Seminarthema abhandeln könnte – Bildung der Kinder/Jugendlichen, Sozialisation, Sexualität, Religion etc. –, dann dachten wir über Quellen nach, die uns darüber Aufschluss geben könnten, und schließlich sprachen wir über Forschungsperspektiven, aus denen wir einen Blick aufs 19. Jahrhundert werfen könnten. Also neben dem üblichen Politik und Wirtschaft die Geschlechtergeschichte, die Sozialgeschichte, die Bildungsgeschichte oder, was mir neu war, was daran liegen könnte, dass es ein recht neues Fach ist: die Emotionsgeschichte. Die wäre für mich im Hinblick auf die private Festkultur vielleicht interessant, indem ich mich um gezeigte Zuneigung kümmere.

Apropos Gruppenarbeit: die scheint sich didaktisch völlig durchgesetzt zu haben. In allen Geschichtskursen in diesem Semester werden wir ständig zu Gruppen zusammengeworfen, um Texte für die gemeinsame Diskussion vorzubereiten. Das klappt ganz gut, auch weil die Dozierenden darauf achten, uns nicht 30 Minuten miteinder rummeinen zu lassen, sondern ein Auge auf die Uhr haben. Die anschließende Textarbeit kommt mir auch strukturierter vor, weil vieles eben schon intern, in der Gruppe, diskutiert und eventuell verworfen wurde. Aber vielleicht liegt das an der Kursgröße – je weniger wir sind, desto öfter stecken wir in Gruppen, vielleicht damit jede/r zu Wort kommt. In großen Kursen – ich erinnere mich an das Heimat-Seminar aus dem fünften Semester – haben wir höchstens einmal Gruppenarbeit gemacht, ansonsten wurde in großer Runde diskutiert, was aber nur ging, weil wir eine große Runde waren; da waren viele Stimmen zu hören, während im kleinen Kreis meist die gleichen zwei, drei Leute ständig sprechen. (Ich nehme mich da nicht aus.)

Generell hat mir die gestrige Sitzung gefallen, weil sie textliche Erkenntnisse auf einer höhere Ebene einordnen konnte und mir verschiedene Zugangsweisen zu Texten gezeigt hat. Das ist eh so ein Ding, was mich seit Jahren anfrisst: dass wir in Geschichte gefühlt deutlich strukturierter und forschungsorientierter arbeiten, während wir in Kunstgeschichte manchmal luftig in der Gegend rumplaudern. Eine hier nicht näher zu nennende Historikerin, die ich von Twitter kenne und neulich endlich mal persönlich kennenlernen durfte, erzählte von einem Kommilitonen, über dessen Auftauchen in den Kunstgeschichts-Nebenfachkursen sich die KuGis immer gefreut hätten, weil dann, halbwegs O-Ton, endlich mal wissenschaftlich gearbeitet würde. So geht mir das auch: So ziemlich alle wissenschaftlichen Grundlagen, mit denen ich arbeite, habe ich in Geschichte beigebracht bekommen und nicht in meinem Hauptfach. Wenn ich der LMU mal einen Wunschzettel für die Ersti-Propädeutika schreiben dürfte? (Wobei meine Propädeutika sehr gut waren – dass was fehlte, habe ich erst gemerkt, als ich anfing, Geschichte zu studieren.)

E-Mail.

Nach der Uni radelte ich nach Hause und setzte mich vor die Bücher, als mein Mailprogramm mir Post einer Kuratorin des Lenbachhauses anzeigte. Die Dame kenne ich schon; sie spendierte mir vor Jahren mal eine exklusive Führung durchs Haus, die ich sehr genossen habe. Dieses Mal hatte sie was zu Leo von Welden zu sagen, über den sie in meinem Blog gelesen hatte, und der anscheinend, ich zitiere die Mail, „nicht so richtig in [die] offizielle Erfolgsgeschichte der Moderne oder ihr Gegenteil reinpass[t], und gerade Maler mit religiösen Themen stellen da besondere Herausforderungen dar.“ Sie lud mich ein, bei ihr rumzukommen, um mir die Bilder in der Sammlung des Hauses anzugucken (nur auf Karteikarte, nicht im Depot, das ist zeitlich nicht möglich, aber wurst), und ich darf ihr danach beim Kaffee ein Loch in den Bauch fragen. Da radele ich dann heute hin und freue mich schon sehr.

Donnerstag scheint der Tag für gute Mails zu sein: Letzte Woche kam auch so ein Kracher, aber über den darf ich noch nicht bloggen. Hat auch was mit Kunst zu tun, und auch über den freue ich mich wie doof.

Gerade mal nachgeguckt: Die Einladung zur Kiefer-Ausstellung in der Albertina kam an einem Mittwoch. Das ist fast Donnerstag! Keep it coming, Museumpeople! Make Thursday Great Again!

Zuhause.

Nach Uni und Schreibtisch gönnte ich mir abends ein bisschen Lesezeit mit Franzens Purity, den ich eigentlich nur noch hasslese, aber ich bin fast durch, und jetzt will ich wissen, wie der Scheiß ausgeht. Ich saß also so in meiner Sofaecke, nachdem ich von meinen drei Stehlampen zwei ausgeschaltet hatte, um mein Hirn auf baldige Schlafenszeit einzustimmen; eine kleine Lampe leuchtete aus noch ihrer Ecke, die Sofalampe beschien mein Buch, ich blickte auf und sah: den heimeligen Lichtschein, der mein Bücherregal beschien. Ich sah die Papierlampe, die ich so mag, die Bücher, die ich so mag, Erinnerungen an Menschen, die ich mag, meine Lieblingsvasen auf dem Couchtisch, ich guckte weiter um mich rum und sah Luise in ihrem Goldrahmen, das Geschirr meiner Großeltern im Regal, und alles war ruhig und stimmig, und ganz unwillkürlich musste ich lächeln und tief und zufrieden aufseufzen. Die übliche Semesteranfangshysterie hat sich gelegt, bei der ich immer denke, ich weiß nix, sie ist in die übliche neugierige Phase gewechselt, bei der ich denke, ich weiß jetzt schon ein bisschen und wenn ich hier und da noch rumbohre, weil ich ganz viel. Ich hatte in den letzten Tagen wieder gute Kurse, ich habe gute Texte gefunden und gelesen, ich habe die Zeit dafür, zu lernen und zu lernen und zu lernen, und abends habe ich Zeit, mit einem Buch auf dem Sofa zu sitzen und um mich rumzugucken.

Mir geht es gut. Und ich habe gute Menschen um mich herum und wohne in einer guten Stadt. Das war schön, das mal wieder zu merken.

Tagebuch, Mittwoch, 27. April 2016 – Leo von Welden (erster Eindruck)

Gestern begann ich mit dem zweiten großen Referat, das nach dem zu Festen im 19. Jahrhundert ansteht: das über Leo von Welden. Ich muss gestehen, ich hatte noch nie von dem Mann gehört, als sein Name in der Referatsthemenliste auftauchte, aber da ich mit Alexander Archipenko ganz gut gefahren bin, den ich auch unbekannterweise bearbeitete, meldete ich mich zu dem Thema und bekam es.

Zuhause nach der Sitzung googelte ich nach dem Mann – was ich halt so mache, um einen ersten Eindruck zu erhalten, bevor ich mich in die Bibliothekskataloge stürze – und bekam vermittelt, dass er zu den sogenannten „entarteten“ Künstlern gehört hatte. Darüber wollte ich aber gar nicht referieren; ich wollte mich bewusst einem NS-Künstler nähern und mailte daher blauäugig dem Dozenten meinen Irrtum. Seine Antwort, die ich peinlich berührt las, begann so: „Liebe Frau Gröner, hier irren Sie: Leo von Welden war kein Entarteter Künstler, auch wenn das im Netz so stehen mag.“ Ähem. Dann folgten noch ein Aufsatz und ein paar Literaturhinweise und die Bitte, mich doch um den Mann zu kümmern. Okay then. (Meine Antwortmail begann mit „Lieber Herr X, erwischt, mehr als gegoogelt hatte ich natürlich noch nicht.“ Rettet mich natürlich auch nicht mehr. Ganz hervorragender erster Eindruck. Meh.)

Gestern trug ich dann die wenigen (vier sehr schmale) Kataloge aus den Kellern der Bibliothek des Zentralinstituts für Kunstgeschichte in den Lesesaal und blätterte und las – und war am Ende der dreistündigen Sitzung sehr zwiegespalten. So richtig kann ich nichts mit den Werken des Mannes anfangen. Sie scheinen völlig aus der Zeit gefallen zu sein (ich spreche jetzt von vor 1933 und nach 1945), konzentrieren sich stark auf christliche Motive und da gerne immer auf die gleichen, oder auf Motive, die nach längst vergangenen Zeiten klingen (Infanten, Kokotten, Rokoko-Paar, Hoffräulein). Auch stilistisch ist der Mann nicht so ganz meiner; das sieht alles technisch ordentlich aus, natürlich konnte von Welden was, aber ich hatte die ganze Zeit das Gefühl, dass er seine Fähigkeiten an Motive verschwendet, die niemand braucht. Ich sah in den Bildern keine Auseinandersetzung mit der Weimarer Republik oder der jungen Bundesrepublik und ich sah keinen der Stile, die in dieser Zeit vorherrschten. Die Bilder kommen mir alle wie eine kleine Flucht aus der Realität vor – wogegen ja nichts einzuwenden ist, aber das erklärt vielleicht, wieso von Welden nie so eine riesige Nummer war; er scheint mir schlicht nicht relevant gewesen zu sein. Das ist alles hübsch und nett, was er machte, aber das war’s dann auch.

Was allerdings spannend ist: Der neueste Katalog ist von 2008, also in einer Zeit entstanden, der man nicht mehr vorwerfen kann, in der Mentalität der 1960er Jahre („wir wussten von nix zwischen 33 und 45, und wir waren alle im Widerstand“) geschrieben worden zu sein – und selbst in ihm wird von Weldens Mitwirken in der Großen Deutschen Kunstausstellung nicht erwähnt. Zwischen 1938 und 1943 hingen fünf Bilder von ihm im Haus der (Deutschen) Kunst, und sie fallen stilistisch etwas aus dem Rahmen. Soweit ich das beurteilen kann, ich habe noch keine weiteren Abbildungen gefunden außer den hier verlinkten. Immerhin wird im Katalog erwähnt, dass er zweimal seine grafischen Arbeiten während der NS-Zeit ausstellte, 1943 in Berlin und 1944 in Stuttgart. Davon weiß ich auch noch nicht mehr – was genau hing da, wie sah es aus? Eine Zeitungskritik vom Oktober 1944 (eventuell aus Stuttgarter Neues Tagblatt, 1, 2, Fehler im Tweet: Es geht um 1944, nicht 43), die ich auch noch nicht im Original lesen konnte, lautete: „Der Münchner Graphiker Leo von Welden [...] ist eine jener ursprünglichen Kraftnaturen [...] Aus jeder Gestalt spricht eine gedankliche, mehr noch eine philosophische Hintersinnigkeit, an der wir den unverfälschten deutschen Kern erkennen.“

Der einzige Hinweis, das von Welden angeblich „entartet“ war, kommt von einer Aussage eines Freundes, der erzählte, dass man von Welden die Aufnahme in die Reichskulturkammer verwehrt habe, was einem Berufsverbot gleichkam. (Ich nehme an, es ist die Reichskammer der bildenden Künste gemeint.) Das ist mir ein bisschen zu wenig, wenn ich ehrlich sein darf. Ich frage mich gerade, ob es ein Archiv gibt, in dem ich nachschauen könnte, ob der Mann wirklich einen Antrag gestellt hat oder ob die Ablehnung irgendwo verschriftlicht vorliegt. Weitersuchen.

Im Katalog wird auch erwähnt, dass sich in von Weldens ungeordnetem Nachlass (meine Finger jucken!) ein großer Stapel ungegenständlicher Experimente befindet. Warum sind die nicht abgebildet? Wieso setzen wirklich alle Kataloge auf das naturalistische Werk von Weldens, wenn doch gerade die Experimente die Breite seiner Schaffenskraft zeigen könnten?

Ich ahne, dass dieser Blogeintrag total quengelig klingt und so, als ob ich von Welden nachweisen wollen würde, dass er insgeheim ein glühender Parteigenosse gewesen war. So ist es nicht. Ganz im Gegenteil: So zwiespältig ich den Werken – also denen, die ich kenne – gegenüberstehe, desto spannender finde ich es, in den Dingen rumzuwühlen, die da noch rumliegen bzw. mehr über den Künstler zu lernen, was vielleicht meinen ersten Eindruck völlig revidieren wird. Ich weiß, dass in der Galerie Rosenheim, zu der wir in zwei Wochen fahren, Bilder von ihm vorrätig sind, und ich freue mich sehr darauf, sie im Original sehen zu können. Vielleicht erschließt sich mir sein Werk dann etwas besser.

(wird fortgesetzt)

Tagebuch, Dienstag, 26. April 2016 – Strukturalismus, go home!

Morgens im schönen „Europäische Esskulturen nach dem Zweiten Weltkrieg“-Seminar verschiedene Theorien durchgehechelt. Unser Ausgangstext stammte von Schamma Shahadat, die Theorien von Claude Lévi-Strauss, Roland Barthes, Norbert Elias, Georg Simmel und Mary Douglas erläuterte – unter der allen Theorien gemeinsamen Prämisse, dass sie Essen „sowohl als physiologischer Handlung als auch als scheinbar unbedeutender Materie Sinn“ verleihen. (Shahadat, Schamma: „Essen: ‚gut zu denken‘, gut zu teilen. Das Rohe, das Gekochte und die Tischsitten“, in: Zeitschrift für Kulturwissenschaften 1 (2012), S. 19–29, hier S. 20.)

Mit Lévi-Strauss und seinem kulinarischen Dreieck („le triangle culinaire“), das aus dem Rohen, dem Gekochten und dem Verfaulten besteht und Nahrung in einem ständigen Transformationsprozess beschreibt, stehe ich auch nach zwei Sitzungen etwas auf Kriegsfuß. Das mag aber daran liegen, dass ich mit allem, was aus der Linguistik kommt, auf Kriegsfuß stehe, weil ich es schlicht nicht verstehe. Wobei ich die Idee schon spannend finde, auch die Einzelteile des Dreiecks noch runterzubrechen, zum Beispiel das Gekochte noch in Kochen und Braten, was Lévi-Strauss begründet mit „Kochen steht der Kultur näher, Braten eher der Natur“. Die Familie bekocht man, Gäste kriegen einen Braten vorgesetzt. Mein Lieblingssatz: „In einem nächsten Schritt gliedert Lévi-Strauss den Kannibalismus in dieses Modell ein; er unterscheidet zwischen „Endo-Kannibalismus“ und „Exo-Kannibalismus“, wobei Verwandte eher gekocht, Feinde eher gebraten werden.“ (S. 22)

Auch mit Herrn Barthes werde ich nicht warm, obwohl seine Mythen des Alltags natürlich bei mir im Regal stehen, direkt neben Die helle Kammer über Fotografie – einer dieser fiesen Grundlagentexte, die man als Kunsthistorikerin kennen sollte. Oder wenigstens mal gelesen haben sollte. Oder als Minimalanforderung im Regal stehen haben sollte. Shahadat fasst den Mythos-Begriff Barthes’ zusammen genau wie seine Semiotik – und ich habe beides wie immer nicht kapiert. Aber das ist ja das Schöne an der Uni: Ich kann mir selber zugestehen, Dinge nicht verstehen zu wollen, fertig. Für ein kunsthistorisches Referat im dritten Semester musste ich mich dem semiotischen Ansatz der Bildanalyse auseindersetzen, und ich habe nie wieder so viel Sekundärtexte gebraucht wie hier, um den Ursprungstext von Felix Thürlemann zu verstehen. Seitdem weiß ich, dass ich persönlich mich Bildwerken nie wieder auf diese Art nähern möchte. (Unsere Lektürekurstexte stehen übrigens in diesem Buch, das ich sehr empfehlen kann. Bis auf den Thürlemann-Text. Knurr.)

Zurück zum Futter: So halbwegs nachvollziehen konnte ich die Ansage, dass Nahrung ihren Esser gegenüber einem Milieu situiert. Sowohl Lévi-Strauss als auch Barthes weisen der Nahrung eine Aufgabe zu, die über die Funktion des Treibstoffs für uns hinausgeht. „Ist Essen für Lévi-Strauss eine Möglichkeit, die Welt und das Dasein zu denken (den Menschen gegen das Tier abzusetzen, die Kultur gegen die Natur), so ist Barthes’ Semiologie dieser metaphysische Anspruch fern, sie ist stärker im Alltag verankert. Ihm geht es um kollektive Phantasien, die eine Kultur mithilfe bestimmter Nahrungsmittel – sei es Zucker, wie in den USA, oder Wein, wie in Frankreich – ausagiert.“ (S. 25) Der Text erklärt mir leider nicht, was genau die USA mit Zucker ausagiert – ich habe es mal als Belohnung, als schlicht angenehm und sinnlich angesehen, weil ich dem Amerikaner an sich unterstelle, dass er sich sein Leben so angenehm machen will wie möglich. (Soziologie ist echt nicht meins.)

Dafür konnte ich mit Norbert Elias und Georg Simmel mehr anfangen. Elias beschreibt, dass Tischsitten Teil des Zivilisationsprozesses sind und sie seit der Renaissance als gemeinschaftsstiftend angesehen werden. Simmel geht hingegen auf die sozialisierende Wirkung des Essens sein: „In der gemeinsamen Mahlzeit wird der Feind zum Freund“ (S. 25), und er beschreibt mit Anweisungen für Farbgestaltung des Esszimmers sowie seiner Möbel die Ästhetisierung des Essens, „die den Menschen über die ‚Hässlichkeit des physischen Essvorgangs‘ erhebt“ (S. 26). Über diese Hässlichkeit hätte ich zwar gerne mit Herrn Simmel kurz diskutiert und ihm meinen Instagram-Stream gezeigt, aber gut, wenn ich an die ganzen doofen Women-laughing-alone-with-salad-Bilder denke, hat er vielleicht doch recht gehabt, wenn auch anders als gedacht.

Mein Liebling im Text war Mary Douglas, für die „jede Mahlzeit ein durchstrukturiertes soziales Ereignis [ist], das andere soziale Ereignisse spiegelt“ (S. 28). So schreibt sie, für mich total logisch, dass man mit Fremden trinken kann, aber nicht essen. Eine weitere Differenzierung ist warmes und kaltes Essen – man müsse sich schon intimer kennen, um mit jemandem eine warme Mahlzeit einzunehmen. (Ich denke gerade über die Dating-Kultur nach – da geht man auch erst was trinken, bevor man sich gemeinsam an ein längeres Mahl traut.)

Wir lasen zusätzlich noch den Ursprungstext von Simmel, den Shahadat nur anreißt, und einen Text von Ulrich Tolksdorf, der ein schönes Modell von „Mahlzeit“ aufstellte (hier auf Seite 13). Er unterteilt „Mahlzeit“ zunächst in „Speise“ und „Situation“, wonach er „Speise“ noch in „Nahrungsmittel“ und „(kulturelle) Technik (der Zubereitung)“ untergliedert. „Situation“ wird noch in „Zeit“ und „Raum“ geteilt, wonach sich bei der Beurteilung einer Mahlzeit die simple Fragefolge „Was, wie, wann, wo“ ergibt, um sie zu untersuchen.

Als Abschluss legte uns der Dozent ein paar Bilder vor, unter anderem da Vincis Abendmahl, ein Foto einer Arbeiterkantine und einen Ausschnitt aus der Brigitte von 1968 („Was tun Sie, wenn Ihr Mann nachmittags um vier anruft: ‚Zum Abendessen bringe ich fünf Gäste mit!‘“ – Das ist einfach: „Kauf auf deinem Heimweg was vom Türken, Pappkopf, ich les hier gerade ein gutes Buch“). Wir sollten zu jedem Bild eine der Theorien anwenden, die wir gerade kennengelernt hatten, was ich sehr spannend fand, weil da wenigstens ein bisschen Bildwissenschaft (aka die moderne Kunstgeschichte) mit drin ist.

Nach dem Seminar ging ich in die Historicumsbibliothek, denn in zwei Stunden folgte meine nächste Vorlesung. Und da ich inzwischen weiß, wenn ich nach dem Seminar nach Hause fahre, gucke ich eh bloß zwei Serienfolgen, blieb ich stattdessen brav in der Uni und arbeitete vor mich hin. Um kurz vor 14 Uhr schlenderte ich dann ins Hauptgebäude, kletterte in den zweiten Stock, ging zum Hörsaal – und genau in dem Moment, in dem ich ihn betreten wollte, fiel mir ein: Die Vorlesung fällt aus. Das hatte uns die Dozentin letzte Woche doch gesagt. Hmpf.

Auf einem Auge blöd stapfte ich zur Bushaltestelle und fuhr nach Hause, wo ich weiter Bücher zur Festkultur las, zwischendurch zwei Brezn mit Salat und Hummus aß, Ablage und Steuerquatsch machte und schließlich Texte für das Kindheitsseminar am Donnerstag las. Darüber vernachlässigte ich sträflich F., mit dem ich eigentlich verabredet war, aber wie wir Texterleins alle wissen: Never leave a hot keyboard. Das lief gestern so gut, und ich fand so viel gutes Zeug, dass ich schlicht nicht vom Schreibtisch weg wollte. So sorry!

Hillsborough disaster: deadly mistakes and lies that lasted decades

Kein einfacher Artikel, aber eine lange und gründliche Auseinandersetzung mit dem Hillborough Disaster, über das gestern ein neues Urteil gefällt wurde: Es war nicht die Schuld von drängelnden und betrunkenen Fußballfans, dass 96 Menschen zu Tode kamen, sondern eine äußerst unglückliche Verkettung von menschlichem Versagen und einem maroden Stadion. Die Angehörigen der 96 haben für dieses Urteil seit 27 Jahren gekämpft. Deswegen war gestern der Hashtag #JFT96 – Justice for the 96 – ziemlich oft in meiner Timeline.

„At these inquests, he admitted he had given “no thought” to where the people would go if he opened the gate. He had not considered the risk of overcrowding. He had not foreseen that people would naturally go down the tunnel to the central pens right in front of them. He had not realised he should do anything to close off that tunnel. The majority of the 2,000 people allowed in through gate C went straight down the tunnel to the central pens, and gross overcrowding there caused the terrible crush. Of the 96 people who died, 30 were still outside the turnstiles at 2.52pm. They went in through gate C when invited by police, and were crushed in the central pens barely 10 minutes later.“

Eva Hesse

Ab Donnerstag läuft eine Doku über Eva Hesse im Kino, auf die ich mich sehr freue. Hier ein Artikel aus der NY Times und hier noch mal der Link zu meinem Ausstellungsbesuch in Hamburg 2014, wo bereits ein kurzer Ausschnitt des Films lief.

Tagebuch, Sonntag/Montag, 24./25. April 2016 – Bibliografieren und biografieren

Mein erstes Referat ist am 19. Mai, das zweite am 2. Juni. Beide sind ausgerechnet die gefühlt großen, also die, über die ich auch eine Hausarbeit schreiben werde. Die letzten beiden Referate sind nur das: Referate; da kann ich also bei eventuellem Zeitmangel darauf verzichten, mir jede Quelle rauszuschreiben, sondern nur wild exzerpieren und dann vortragen. Alleine diesen Satz zu schreiben, verursacht Schweißausbrüche, weswegen ich das natürlich nicht tun werde. Aber es ist nett zu wissen, dass ich es könnte.

Der erste Thema, das ich mir seit letzter Woche erschließe, sind die Familienfeste im 19. Jahrhundert. Unser Seminar heißt „Kindheit und Jugend im 19. Jahrhundert“, mein Referatsthema laut Seminarplan „Familienfeste von der Wiege bis zur Bahre“. Erster Gedanke war: Weihnachten und Geburtstag. Wobei sofort ein Nachgedanke aufpoppte: Das eine ist ein christliches Fest, das andere nicht. Oder Moment, was ist mit der Taufe? Gehen wir doch noch andere christliche Feste durch: Ostern? Pfingsten? Allerheiligen? Was wird gefeiert und von wem? Feiern Arbeiter anders als Bürgerinnen? (Davon gehe ich mal aus.) Dann: Was ist mit jüdischen Festen? Sind das Familienfeste, so wie ich Weihnachten als ein Familienfest verstehe? Moment, ist das überhaupt eins? Ist die religiöse Botschaft im 19. Jahrhundert noch wichtiger als der heutige Geschenkeberg unterm Baum? Ab wann stellte man in Deutschland (oder dem geografischen Bereich, der 1871 das Deutsche Reich wurde) überhaupt einen Weihnachtsbaum auf? Wer schenkte wem was? Und wie passt das Seminaroberthema da rein – die Kinder? Ist Allerheiligen ein Fest, in dem Kinder eine besondere Rolle spielen wie sie es Ostern tun beim Eiersuchen? Ab wann gibt es das olle Eiersuchen? Und so weiter und so fort.

Ich wusste also nicht mal genau, wonach ich suchte, als ich begann zu suchen. Immer eine gute Idee. Nicht.

Neben der Unfassbarkeit meines Themas bzw. den vielen kleinen Unterthemen, mit denen ich anfangen könnte, war ausgerechnet die Aufsatzsuche fast ergebnislos. Normalerweise sind Aufsatzdatenbanken mein großer Liebling, denn diese Textart lässt sich weitaus schneller konsumieren als ein Buch, und in den Fußnoten verbergen sich gerne grundsätzliche Texte zum Thema. Suchanfragen wie „Christmas“ „19th century“ plus „Germany“ ergaben aber quasi nix, und auch Anfragen wie „family celebration“, „Familienfest“, „Festkultur im 19. Jahrhundert“ und ähnlich warfen mir nur Quatsch entgegen. Meist hatte ich das Problem, etwas zu einem Fest zu finden, dann fehlte grundsätzlich das 19. Jahrhundert, oder ich fand was in der richtigen Zeit, aber nur über Erwachsenenfeste (Schützenfest, politische Festivitäten – auch noch mal ein anderes Thema, Wartburgfest etc.), und so war ich Ende der Woche schon komplett genervt von meinem Thema. Ich schleppte die halbe Stabi nach Hause und musste erstmals feststellen, dass ich fast nur Quatsch ausgeliehen hatte.

Deswegen setzte ich mich am Sonntag wie ein Erstsemesterchen in die Historicumsbibliothek und zog den Klassiker aus dem Regal: Die Geschichte des privaten Lebens von Philippe Ariès. Es ist zwar sehr aus der französischen Perspektive geschrieben, aber erste Anhaltspunkte – wie feierte das Bürgertum denn so generell und was überhaupt – konnte ich hier endlich mal gebündelt finden. In einem weiteren Buch entdeckte ich autobiografische Aufzeichnungen von Menschen, deren Kindheit im 19. Jahrhundert lag, was weiteren Aufschluss gab. Generell bin ich jetzt bei der Annahme, dass familiär begangene Festlichkeiten die offiziellen politischen und kirchlichen ergänzten (nicht ablösten). Die Familie war im 19. Jahrhundert wichtig genug geworden, um sie zu feiern, zum Beispiel ihre Kontinuität zu begehen, indem man Geburtstage beging. Jahrhundertelang waren außer von adeligen Personen keine Geburtsdaten notiert worden, und man sah sich als Individuum noch nicht als wichtig genug an, um sich zu feiern. Auch der Totenkult zu Allerheiligen begann im 19. Jahrhundert wieder aufzuleben. Nachdem die Kirche im 18. Jahrhundert erklärt hatte, der leibliche Körper wäre egal und daher müsste man nicht auf Friedhöfen rumhängen (in Paris wurden sie nach der französischen Revolution sogar zeitweise geschlossen), setzte sich im 19. Jahrhundert die familiäre Bedeutung der Ahnen durch. Genau wie beim Geburtstag wurde auch hier der Kontinuität der Sippe gedacht.

Aus den biografischen Aufzeichnungen fand ich den Ansatz spannend, dass Feste nur deshalb begangen wurden, weil sie den Kindern Freude machte – siehe Weihnachten, dessen religiöse Bedeutung schon im 19. Jahrhundert nachzulassen begann, während man anfing, den Kindern Geschenke zu überreichen. (Einige Quellen sagen, Kinder schenkten den Eltern oder Geschwistern nichts, andere sprechen von aufgesagten Gedichten oder extra eingeübten Klavierstücken.)

Ich bin noch nicht viel weiter in Bezug auf eine wissenschaftliche Fragestellung und ich habe mich auch noch nicht entschieden, auf welche Feste ich mich überhaupt konzentriere, aber das war Sonntag die erste produktive Lesesitzung.

Am Montag saß ich dann im Biografieforschungsseminar, das bis jetzt die Perle meines Stundenplans ist. Okay, ich hab fast nur Perlen, aber die hier glänzte von Anfang an. (/schwülstige Metapher off.) Wir lesen (für mich) sehr aufschlussreiche Texte und haben eine diskussionsfreudige Gruppe – besser geht’s nicht. Ich frage mich in den Geschichtssitzungen immer, warum diese Diskussionfreude in Kunstgeschichte nicht so präsent ist – auch bei mir, ich bin da auch etwas stummer als im Historicum. Bei mir mag es daran liegen, dass ich mich mit Geschichte und so simplen Grundlagen wie „Wann war welches Ereignis und wer hat dabei mitgespielt“ schlicht deutlich länger beschäftigt habe und eher weiß, in welchem historischen Kontext wir uns gerade bewegen. In Kunstgeschichte fallen mir hingegen immer wieder meine Lücken auf (Stile, Künstler*innen, künstlerische Positionen und Grundlagentexte), und ich muss mir dauernd selbst sagen, dass alle anderen auch Lücken haben, nur andere als ich, weswegen wir nicht ganz so selbstsicher argumentieren wie in Geschichte.

Gestern sprachen wir über die Biografie als Gattung und lasen einen Text eines Literaturwissenschaftlers, bei dem (in Zusammenhang mit einem Text der letzten Woche) mir erstmals klar wurde, dass eine Biografie Literatur ist. Ich hatte Biografien als historische Darstellungen im Hinterkopf abgelegt und nie wieder darüber nachgedacht, aber klar: Biograf*innen nutzen literarische Mittel, um Geschichte zu erzählen.

Dazu gab es ein schönes Zitat von Robert Littell aus Truth is a Stranger (The New Republic, 16. Dezember 1925):

„Biographer: We are both in the same business.
Novelist: How do you make that out?
Biographer: We are both writing about people.
Novelist: But your people have actually existed, while mine are made up inside my head.
Biographer: That difference is not as real as it seems on the surface. The people you believe you have invented get their start from people you have known in real life, or have read about. And the statesmen or adventurers whose lives I choose to retell are in great part my own creations.“

Wir sprachen auch darüber, dass eine Biografie so gut wie nie die letzte ist, die über einen Menschen geschrieben wird – nicht nur weil sich die Quellenlage ändern kann, sondern auch, weil jede Generation oder jeder Kulturraum die gleichen Quellen anders auslegt. In diesem Zusammenhang empfahl die Dozentin Christoph Nonns Biografie über Bismarck. Ich gebe das mal weiter, ohne sie zu kennen.

Und noch ein Lesetipp: Felix schreibt über die Bruder-Klaus-Feldkapelle in Wachendorf.

Tagebuchschnelldurchlauf Montag, 18. bis Samstag, 23. April

Ich hatte Uni.

Das war’s eigentlich.

Ich erinnere mich nicht mehr, ob ich bei jedem Semesteranfang (außer dem ersten) das Gefühl der latenten Überwältigung hatte; ich ahne, dass ja, aber ich weiß es nicht mehr. Jedenfalls denke ich gleichzeitig, oh wow, das ist alles so spannend und ich habe so tolle Themen, aber gleichzeitig denke ich, OMG ist das viel Zeug, das schaffe ich nie. Ist natürlich Blödsinn, ich habe bis jetzt alles immer geschafft, aber in dieser Woche habe ich gefühlt sehr viel die Nase in Büchern oder ausgedruckten Texten gehabt und die Welt um mich rum versucht zu ignorieren.

Dann gab es Dienstag bei mir um die Ecke etwas, das mich sehr ablenkte, dann musste ein mir nahestehender Mensch ins Krankenhaus (er ist schon wieder zuhause), dann bekam ich am Donnerstag eine Mail, die mich seitdem sehr blöd grinsend durch die Gegend schweben lässt, auch wenn sie noch mehr Arbeit bedeutet, und irgendwie habe ich in diesem Semester noch keinen Fuß gefasst. Ich stolpere gefühlt etwas suchend durch die Gegend und vergrabe mich hinter meinen Bücherbergen auf dem Schreibtisch, die dort natürlich bereits in der ersten Woche gewachsen sind.

Und gleich fahre ich in die Historicumsbibliothek. Was man halt Sonntags so macht.

Hausarbeit „Gibt es einen Peking-Effekt?“ über das Nationalstadion in Peking

Über die Note 1,3 hatte ich zunächst gequengelt (ja, auf hohem Niveau, ja, ich weiß), aber als ich heute die gedruckte Fassung mit den Anmerkungen des Dozenten aus unserer Bibliothek holte, verstand ich die Note und kann sie jetzt beruhigt und unquengelig abnicken.

Meine Arbeit stellt die Frage, ob es einen Peking-Effekt gibt – also ob ikonische Sportbauten einen ähnlich positiven Effekt auf eine Stadt haben wie ikonische Museumsbauten à la Guggenheim Bilbao. Der Dozent merkte dazu sehr treffend an: Peking ist nicht Bilbao; es geht hier nicht darum, eine wirtschaftliche schwache Stadt wieder auf die Füße zu kriegen, sondern einer ökonomischen Boom-Stadt ein hübscheres Antlitz zu verpassen. Damit ist eigentlich meine ganze Argumentation total sinnlos, und deswegen quengele ich auch nicht mehr. Da habe ich mich von meiner eigenen Wortschöpfung des Peking-Effekts vermutlich zu sehr einlullen lassen. Manchmal vergesse ich, dass ich keine Werberin mehr bin.

Der zweite Kritikpunkt war die Baubeschreibung, die dem Dozenten etwas zu kurz geraten war; er hätte sich unter anderem eine längere Auseinandersetzung mit dem Kontrast der runden Außenhülle zum eher kantigen Inneren gewünscht. Das war mir fast klar, dass die Baubeschreibung eventuell als zu kurz empfunden wird; ich musste mir während des Schreibens öfter selber sagen, dass ich hier was Kunsthistorisches abgebe und keine Arbeit in Stadtsoziologie. Hätte ich mir vielleicht noch öfter sagen müssen.

Das hat aber anscheinend alles nicht so irrsinnig geschadet, denn das Fazit, das ich mir einrahmen werde, lautete: „[...] ist der Rest der Arbeit von vorbildlicher Professionalität im Hinblick auf folgerichtig-sinnvolle Konzeption, intensive Recherche, klare Entwicklung der Gedanken und eine präzise und dabei flüssige, auch fehlerlose Sprache.“ BÄM! Ich mag das, wenn meine Sprache gewürdigt wird. An der bastele ich schließlich genauso lange rum wie an den Thesen, die ich mit ihr formuliere.

Das hier verlinkte pdf der Arbeit ist nicht die kurze Fassung mit 50.000 Zeichen, die ich abgegeben habe (warum ich sie dusseligerweise gekürzt habe, steht hier), sondern die lange mit knapp 65.000. Die kriegt ihr, damit ich die ganzen schönen Zeilen nicht umsonst geschrieben habe. Dass aber auch in der kurzen Fassung meine Gedankengänge anscheinend ausreichend klar ersichtlich waren, belegt mal wieder die gute alte Texterinnenregel, die jede Juniorette hoffentlich von ihrer CDeuse beigebracht bekommt: Schreib den Text so wie du ihn haben willst, schreib, bis alles drin ist, was du sagen willst, schreib, bis der Text perfekt ist – und dann kürz ihn um ein Drittel.

Geht immer.

Was schön war, Sonntag, 17. April 2016

Den ganzen Vormittag bei F. verdaddelt. Warme Croissants vom Bäcker. Pfirsiche aus der Dose. (Ist so ein Kindheitsding, glaube ich. Vielleicht esse ich auch nur gerne dieses eine Obst aus der Dose, alles andere finde ich eher doof. Nee, warte, Ananas aus der Dose ist auch super. Hmmm, Toast Hawaii. Das wäre auch schön gewesen, und das ist jetzt wirklich ein Kindheitsding.) Drei Stunden lang Texte für die Uni gelesen, unter anderem von Droysen und Dilthey. Interessant, aber kompliziert, daher drei Stunden. Zwei Folgen The Americans geguckt. Pseudo-Nizza-Salat gegessen. Gemeinsam eingeschlafen.