Was schön war, Freitag, 6. Januar 2017 – Alles

Gestern war in Bayern Feiertag. F. und ich lungerten deswegen ewig im Bett rum, was alleine schon schön ist und zu zweit noch mehr. Danach ging ich mit Musik auf den Ohren durchs knackig kalte München nach Hause, kaufte mir beim Bäcker um die Ecke Croissants – und verbrachte danach so ziemlich den ganzen Tag auf dem Sofa mit Kaffee, Internet, Serien, Büchern und Candy Crush. Nicht am Schreibtisch gewesen, nichts für die Uni gemacht. Wobei mein Kopf ja immer was für die Uni macht, wie mir heute beim Aufwachen auffiel, als ich aus dem Nichts eine neue Struktur für die AI-Hausarbeit parat hatte. Eine Verabredung für heute abend getroffen, gemeinsam eingeschlafen.

Tagebuch, Donnerstag, 5. Januar 2017 – Oktober 1977

Ich hatte mir einen Berg Zeitungen aus dem Oktober 1977 in den Lesesaal legen lassen, denn das war der Monat, in dem Amnesty International den Friedensnobelpreis zugesprochen bekam. Ich wollte einfach mal die originale Berichterstattung darüber lesen.

Ich hatte völlig vergessen, dass das der Monat war, in dem Hanns-Martin Schleyer ermordet, die Landshut entführt wurde und die RAF-Häftlinge in Stammheim Selbstmord begingen. Das war eine sehr andere Lektüre als die, auf die ich vorbereitet war, aber es war ebenso spannend. Wenn ich mir mit dem Münchner Merkur allerdings auch ein damals übel rechtes Blatt rausgesucht hatte, das in seinen Kommentaren den Hass auf linke Denker so richtig schön über die Seiten kotzte.

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In dem Monat lief außerdem im Blatt noch eine Serie, die sinngemäß hieß „Mehr Kinder für Deutschland“ und vier Wochen lang rumjammerte, dass Frauen egoistische Biester seien, wenn sie nicht ausschließlich Mütter sein wollten.

Richtig entspannt war die Lektüre also nicht, aber das war sie eh nicht, denn ich war zu spät in die Stabi gekommen – alle Sitzplätze waren bereits belegt und, was noch nerviger war, auch die Plätze an den Rechnern, an die ich musste, um auf das FAZ-Archiv zugreifen zu können. Also schleppte ich die Zeitungen an einen Stehtisch und las gut zwei Stunden vor mich hin. Dann blätterte ich noch im AI-Jahresbericht von 1978, wo der Nobelpreis natürlich auch erwähnt wurde, merkte aber, dass meine Grundquengeligkeit nicht so recht wegging, denn eigentlich wollte ich ja die FAZ durchwühlen, was aber schlicht nicht ging.

Ich legte den Jahresbericht in mein Ablagefach, zwei Zeitungsbände in ein anderes, wo die Großformate liegen, gab die Zeitungen, die ich nicht mehr brauchte, vor dem Lesesaal ab und ging ins Erdgeschoss an mein Schließfach, um aus meinem Rucksack ein Buch zu holen, das ich auch noch abgeben musste. Ich ging in den Raum, in dem sich die Rückgabe und die Ausleihe befinden, gab ein Buch ab, holte ein neues aus meinem Fach – und sah auf dem Weg zum Ausgang weitere Rechner. Die hatte ich ja völlig vergessen! Und sie waren alle frei! Leider nur an Stehtischen, aber daran war ich ja jetzt gewöhnt. Neues Buch in den Rucksack im Schließfach gelegt, Laptop wieder rausgezerrt, ihn vor dem Tischrechner aufgeklappt und ins FAZ-Archiv geklickt.

Alleine die Anzahl von Artikeln belegt, dass AI in den 1970ern deutlich wichtiger geworden war und mehr wahrgenommen wurde. Von 1960 bis 1969 erschienen in der FAZ 50 Artikel zu AI, von 1970 bis 1979 waren es bereits 721. Es wurden deutlich mehr Pressemitteilungen abgedruckt, die AI zu verschienenen Ländern und Themen einreichte; es häuften sich aber auch Todesanzeigen, in denen statt um Blumen um eine Spende für Amnesty gebeten wurde. Künstler spendeten Preisgelder an AI (1969 Siegfried Lenz 3.000, 1979 Oskar Kokoschka 10.000 D-Mark), andere Künstler arbeiteten unentgeltlich (Leonard Bernstein wird mehrmals in den 70ern erwähnt). Weil ich gerade den Oktober 77 so intensiv durchgearbeitet hatte, fand ich eine Meldung vom 8. November diesen Jahres spannend: Da wurde AI ein Infostand in Frankfurt (oder in der Nähe, habe ich mir gestern nicht anständig notiert) verweigert, weil Ausschreitungen nach dem Schleyer-Mord befürchtet wurden.

Ich klickte gestern nur stichprobenartig in den Artikeln rum, aber ich glaube, da lässt sich sehr hübsch ein Stimmungsbild der Entwicklung und Wahrnehmung von AI zeichnen. Gerade wenn ich bei einem Thema wie der RAF bleibe. Was mir auch aufgefallen ist: die Fußball-WM 1978 in Argentinien. Amnesty machte auf Menschenrechtsverletzungen im Land aufmerksam und Sepp Maier unterzeichnete eine Petition der Organisation. Darauf angesprochen, reagierten Klaus Fischer und Berti Vogts uninteressiert bis ungehalten und es fiel der übliche Satz, was Fußball denn mit Politik zu tun habe.

Amnesty hat übrigens gerade erst vor ein paar Tagen mal wieder auf die Situation der Arbeiter in Katar aufmerksam gemacht, was der FIFA anscheinend egal ist und dem FC Bayern auch, der zum wiederholten Male dort gerade sein Wintertrainingslager stattfinden lässt. Schon deprimierend, dass wir 40 Jahre später ähnliche Diskussionen führen. Nebenbei bemerkt, auch über den Umgang mit Terroristen.

Was schön war, Mittwoch, 4. Januar 2017 – Fortschritte

Vormittags das Referat zu Leo finalisiert und das Handout für die Kommilitoninnen hübsch gemacht. Erster Rededurchlauf war natürlich zu lang; ich habe lausige 15 Minuten zur Verfügung und muss daher auf tausend spannende Details verzichten. Nach der üblichen Streichorgie und dem Nitpicking, damit auch wirklich alles stimmt, musste ich aber erstmal dringend was essen.

Es ging übrigens um diesen Padua.

Mein Mittagessen waren dann keine Fischstäbchen, sondern mal wieder was von Buzzfeed: Möhren mit Petersilie und Paprikapulver im Ofen geröstet plus Kräuterdipp.

Nachmittags das erste Kapitel der Amnesty-Arbeit geschrieben. Leider hat sich die Sache mit einer Münchner AI-Gruppe zerschlagen, weil viel Material nicht für die Öffentlichkeit bestimmt ist. Das ahnte ich, aber jetzt wurde mir das nochmal mitgeteilt. Gut, dass ich mich innerlich eh schon für die Presseschau entschieden hatte.

Abends das übliche Essen: gucken, was da ist und es in eine Pfanne werfen. (Oh, ich hab noch Spinat! Yay! Rein damit!)

Feierabend mit Brooklyn-Nine-Nine und meinem zweiten Buch für den Lekürekurs, das sich ausgesprochen spannend liest.

Was schön war, Dienstag, 3. Januar 2017 – YouTube-Yoga

Morgens stand neben mir an der Haltestange in der U-Bahn eine Frau, recht schmal, knielanger, enger, grauer Mantel. Sie las in der Monatsvorschau der Pinakotheken, mit der linken Hand hielt sie sich fest. Sie trug einen goldenen Ring mit einem kleinen Stein am Zeigefinger. Ihr Haaransatz war nicht sichtbar, sie hatte ein breites Tuch, das die Haare hochband. Der Mantel war modern, ihre Brille auch, sie war eindeutig im Hier und Jetzt konnotiert, aber der Ring und das Tuch erinnerten mich sofort an alte niederländische Bilder, die in München in der, genau, Alten Pinakothek hängen.

Im Zentralinstitut für Kunstgeschichte wieder mal über Leo und die Nachkriegskunst gelesen. Wegen der Begegnung in der U-Bahn hatte ich mir aber auch noch spontan einen Band mit niederländischen Altären an den Platz getragen. Mir fiel wieder einmal auf, wie einzigartig diese Werke sind. Kunst begeistert mich, fasziniert mich, regt mich auf, macht mich traurig, was auch immer. Aber die Werke von Memling, van der Weyden, van Eyck, Christus oder van der Goes sorgen in mir immer für eine tiefe, schwere Ruhe. Selbst wenn ich nicht vor den Originalen stehe, sondern nur einen Bildband vor mir liegen habe.

Über den Königsplatz nach Hause gegangen.

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Morgens hatte ich einen Tweet von Jasna in meiner Timeline, auf den ich, warum auch immer, klickte. Ich landete bei einem Yoga-Video, guckte die ersten Minuten an – und wollte sofort mitmachen.

In meiner Timeline auf Instagram oder Twitter sowie in einigen Blogs, die ich lese, ist Yoga seit Jahren präsent. Ich gucke mir das immer gutmütig an und frage mich, warum man beim Yoga anscheinend stets schlimm gemusterte Leggings tragen muss, aber ansonsten freue ich mich mit den Damen (es sind nur Damen), dass es ihnen anscheinend sehr gut tut, dieses Yoga. Mich selbst verbrezeln wollte ich nicht, einfach weil ich es mir nicht zutraue.

Ich hatte 2001 einen Bandscheibenvorfall, der operiert werden musste. Danach hatte ich sechs herrliche schmerzfreie Jahre, die mir sehr bewusst waren, weil ich Rückenschmerzen hatte, seit ich ein Teenager war. (Seit ich Weihnachten bei meinen Eltern mal wieder mein 15 Kilo schweres Akkordeon umgeschnallt habe, ahne ich, woher die kamen. Drecksding. Querflöte hätte ich lernen sollen, verdammt.) Nach diesen herrlichen sechs Jahren hatte ich einen zweiten Vorfall, den ich nicht mehr operieren lassen wollte, weil ich von der ersten OP einige doofe Nebenwirkungen mitbekommen habe: Einige Nerven sind beim Eingriff beschädigt worden, ich kann rechts nicht mehr auf Zehenspitzen stehen bzw. mich mit den Zehen abdrücken, was Treppensteigen sehr nervig werden ließ. Das gesamte rechte Bein, die rechte Pobacke und einige weitere, etwas intimere Körperteile wurden in Mitleidenschaft gezogen, was alles keinen Spaß macht und mit deren verringerter Gefühlsfähigkeit bzw. Funktion ich sehr lange gehadert habe. Deswegen hielt ich vor einigen Jahren ungefähr sechs Monate Scheißschmerzen aus, stand ständig unter Drogen und lernte auf die harte Tour, was meinem Rücken gut tut – nämlich oft genug Ruhe und leichte, vorsichtige Bewegungen. Nach jeder Krankengymnastik und jedem Kiesertraining, das ich natürlich auch ausprobiert habe, traute ich mich kaum, mir die Schuhe zuzubinden, weil ich dachte, mein Rücken bricht durch. Seit ich aber nett zu ihm bin und sehr vorsichtig mit ihm umgehe, geht es mir gut. Dazu gehört auch, einige Dinge einfach nicht mehr machen, zum Beispiel Getränkekisten zu schleppen. Leider gehören auch Golfabschläge dazu – eine ruckartige Drehung der Lendenwirbelsäule scheint mir nicht mehr angebracht zu sein. Ab und zu habe ich eine Wärmflasche im Kreuz, sobald ich das Gefühl habe zu verspannen, mache langsame Spaziergänge und trage fast täglich Einkaufstüten, anstatt mir Gewaltmärsche und Hanteltraining anzutun. So bin ich seit Jahren schmerzfrei – aber gleichzeitig vermutlich inzwischen übervorsichtig.

Vielleicht reizte mich deshalb diese kleine Yoga-Einheit: Sie kam mir erstens auch für einen dicken und außer durch Uniradeln und Einkaufstaschenschleppen untrainierten Menschen machbar vor. Und sie klang zweitens: achtsam. Das war mir neu, dieser sanfte Umgang mit dem eigenen Körper. Ich kannte eher die fordernde Krankengymnastenstimme mit dem beschissenen „In den Schmerz reinarbeiten!“ und das noch beschissenere „Sie wollen anscheinend gar nicht gesund werden“, als ich mich bei einer Übung weigerte, sie auszuführen, weil ich mich mit ihr nicht wohlfühlte.

Und so hatte ich den ganzen Tag bei der Arbeit das Video im Hinterkopf. Abends googelte ich schließlich nach fat yoga, ob ich irgendwas beachten sollte und stieß zum Beispiel auf den sehr guten Tipp, mich im Schneidersitz auf ein Kissen zu setzen anstatt auf den Boden. Dann zog ich mir ungemusterte Leggings an und ein weites Shirt, schnappte mir ein Kissen, setzte mich auf den Wohnzimmerfußboden (bzw. das Kissen) und klickte das Yoga-Video an.

Bis auf eine Übung, in der man in Rücklage beide Beine gleichzeitig anheben sollte – das vermeide ich gnadenlos –, habe ich alles mitgemacht. Ich habe einen fat downward facing dog gebastelt und fand es nicht nur überraschend, sondern schlicht schön. Ich hätte mir ein etwas geringeres Tempo gewünscht, aber das mag daran liegen, dass ich wirklich keine Ahnung hatte, was ich machen sollte, weswegen ich noch am Körperteile sortieren war, während die Vorturnerin schon in die nächste Position krabbelte. Ich merkte, dass ich am Anfang noch sehr verspannt war, weil ich einfach damit gerechnet hatte, dass ich irgendwas nicht kann oder mir das nicht zutraue oder der Rücken anfängt rumzuzicken. Aber nach wenigen Minuten konnte ich mich auf meinen Atem konzentrieren und dann darauf, dass ein weites Shirt eine doofe Idee war, weil mir der Kragen dauernd im Gesicht hing, während ich auf allen Vieren im Wohnzimmer atmete. Aber auch das war irgendwann egal, weil ich dauernd dachte, ach guck, das kannst du ja auch, ohne dass was weh tut oder du ängstlich bist. Hätteste jetzt nicht gedacht. Die 23 Minuten vergingen viel zu schnell und ich habe mich sehr wohl und aufgehoben gefühlt, ganz anders als auf meinen bisherigen Matten, auf denen ich eher aufgefordert wurde, Dinge auszuhalten und durchzuziehen, während mir hier gesagt wurde, pass auf dich auf, fühl dich wohl, wenn irgendwas nicht geht, dann mach’s auch nicht. Achtsam eben.

Das war eine sehr unerwartete und schöne Erfahrung und gleichzeitig mal wieder eine Gelegenheit, den eigenen Körper zu spüren und positiv wahrzunehmen. Solche Gelegenheiten muss man sich ja gerade als dicker Mensch dauernd schaffen, um nicht irre zu werden in einer Gesellschaft, die unsere Körper ausradieren möchte, weswegen das gestern eine sehr willkommene Übung in Selbstliebe war.

(Breathe out.)

Was schön war, Montag, 2.1.2017 – Wissen abrufen

Ich habe den ganzen Tag am Schreibtisch gesessen und mein Referat zu Leo von Welden fertiggestellt, das ich nächsten Montag in der Galerie in Rosenheim halten werde. Vor Originalen zu sprechen anstatt vor einer Powerpoint zu sitzen, ist ziemlich toll, und jetzt, wo ich endlich im Depot war und große Teile der von Weldens gesichtet habe, fällt es mir auch deutlich leichter, die Bilder auszuwählen, auf die ich hinweisen möchte.

Ich fand es schön zu merken, dass ich seine Biografie und Ausstellungen, zumindest bis 1945, quasi auswendig kann; das Aufschreiben hat nicht sehr lange gedauert. Ab 1945 wühlte ich dann in seinen Briefen und den Dingen, die ich im Archiv gefunden hatte, um auch dort Ausstellungen zu vervollständigen und zu schauen, wie sich die Preise seiner Bilder entwickelt hatten. Gleichzeitig werde ich ein wenig über die Ankaufspolitik der Galerie Rosenheim sprechen. Das konnte ich noch nicht aus dem Kopf schütteln, aber auch das ging recht zügig. Es hat mich gefreut zu sehen, was ich alles im vergangenen Semester gelernt und wie gut ich es behalten habe bzw. in welche unterschiedlichen Kontexte ich meine Wissensbröckchen bringen kann.

Abends mal wieder mein liebstes Linsengericht gemacht. Schmeckt mir seit Jahren immer wieder.

Das wollte ich eigentlich schon gestern aufschreiben, aber der Eintrag kam mir stimmig vor wie er war, daher heute als Nachtrag: Ich habe aus diesem Artikel in der NYT etwas Neues über das Freedom-Video von George Michael gelernt, das ich persönlich zu meinen stilbildenden Musikvideos zähle. Keine Ahnung, wie oft ich es damals auf MTV gesehen habe, gefühlt eine Milliarde Mal. Ungefähr eine Woche vor Michaels Tod lief auch wieder Listen without Prejudice auf meinem Spotify beim Kochen, und ich kann die Texte noch mitsingen. Jedenfalls: Ich wusste bis vor einigen Tagen nicht, wer dieses Video gedreht hat – es war David Fincher.

Was schön war, Freitag bis Sonntag, 30.12.2016 bis 1.1.2017 – Happy new year!

Am Freitag fuhr ich in die Stabi, um das FAZ-Archiv durchzuwühlen. Das geht trotz Unizugang nur direkt von den Stabi-Rechnern, weil die über eine Bibliothekslizenz verfügen. Soll mir recht sein, denn ich musste eh in den Lesesaal, wo Literatur auf mich wartete – in Mikroficheform. Zunächst setzte ich mich aber an einen der Bibliotheksrechner, ging ins FAZ-Archiv und suchte nach „Amnesty“.

Im Gespräch mit meiner Dozentin des Menschenrechtskurses hatte ich drei Hausarbeitsvorschläge gehabt. Der erste war – und deswegen hatte ich mich mit einem Menschen von AI getroffen –, eine Münchner AI-Gruppe auszuwerten und zu überprüfen, ob sich die Entwicklung der großen Gesamtorganisation in den 1970er Jahren im kleinen Grüppchen vor Ort widerspiegelt und wenn ja, wie (oder eben auch nicht, denn die Gruppen arbeiten recht autark). Das scheint aber eher schwierig zu werden, weil nicht jede Gruppe alles aufgehoben hat. Ich maile heute noch ein weiteres langjähriges Mitglied an, deren Namen ich von meinem Gesprächspartner vorletzte Woche bekommen habe, aber so recht glaube ich nicht mehr daran, dass die Idee trägt. Wenn das hier eine Masterarbeit wäre, säße ich natürlich längst im Zug nach Berlin, um das deutsche AI-Archiv durchzuwühlen, aber für eine Hausarbeit ist mir das zeitlich und finanziell zu viel Aufwand.

Meine zweite Idee war, mich mit den Imagefilmen von AI zu beschäftigen. Ich hatte einen Aufsatz einer spanischen Kommunikationswissenschaftlerin gelesen, die einem Film von AI unterstellt, rassistische und neokoloniale Bilder zu reproduzieren. Auf der internationalen AI-Website stehen weitere Imagefilme, mit denen ich diesen Aufsatz kontrastieren wollte. Das ist zwar im Prinzip eine nette Idee, aber diese Quellen sind schlicht zu neu, sie sind noch nicht historisch. Daher kamen wir auf die Idee, vielleicht eine Art visuelle Geschichte von Amnesty zu erstellen – oder wenigstens einen Ansatz, denn eine komplette Geschichte wäre schon dissertationswürdig. Also fuhr ich Dienstag ins Zentralinstitut für Kunstgeschichte, denn dort standen mehrere Bücher mit Fotos und Plakaten von AI. Nachdem ich sie durchgeblättert hatte, war mir allerdings auch klar, dass diese Idee selbst im Ansatz viel zu groß für eine Hausarbeit ist, denn jedes Land fuhr in der Vergangenheit eine eigene visuelle Strategie; dieser Link zum Guardian macht klar, was ich meine. Nicht mal das Logo war überall das gleiche, manche Länder nutzten sogar nicht einmal den Namen „Amnesty International“, sondern übersetzten ihn in die Landessprache (ich habe den Namen einmal in Portugiesisch gesehen). Mein Fazit wäre also, zumindest bis 2008: Es gab keine eindeutige visuelle Geschichte von AI, höchstens im Detail, weil sich die Versatzstücke natürlich wiederholten: Friedenstauben, Gitterstäbe, die Kerze im Stacheldraht etc. Aber es gab scheinbar keine gemeinsame Corporate Identity, keine immer gleiche Fotoauffassung oder ähnliches. Die Idee habe ich geknickt.

Bleibt die Presseschau, die mir inzwischen auch recht gut gefällt. Beim ersten Durchklicken des Archivs fielen mir schon schöne Dinge auf, die ich für notierenswert hielt. Der erste Artikel über Amnesty in der FAZ erschien im Dezember 1963, zweieinhalb Jahre nach Gründung der Organisation. 1966 wurde AI noch als „Juristenverband“ bezeichnet, 1967 wurde die Orga noch falsch erklärt: Angeblich kümmerten sich Gruppen von drei um einen Gefangenen – richtig wäre: eine Gruppe aus egal wie vielen Mitgliedern kümmert sich nicht um einen, sondern um drei Gefangene: einen aus einem westlich-demokratischen Land, einen aus einem kommunistischen und einen aus den sogenannten Entwicklungsländern. Nebenbei hatte AI damals noch einen Artikel, es hieß immer „die „Amnesty International““ in Anführungszeichen.

Nach dem ersten erfolgreichen Wühlen ging ich zum Mikrofichelesegerät. Dort wartete ein Stapel Länderdossiers von 1976 und 1977 (oder ein kleines Heftchen Plastikfolie) auf mich. Ich lernte, dass AI eingeladen wurde, an der Autopsie der RAF-Häftlinge in Stammheim teilzunehmen. AI hatte sich im Vorfeld mit der Gefangenensituation beim Hungerstreik oder der Einzelhaft beschäftigt; die Organisation hatte aber keinen der RAF-Häftlinge als politischen Gefangenen adoptiert (der AI-Ausdruck für ein Engagement für eine*n Gefangene*n). Die RAF war natürlich auch ein Gegenstand der Berichterstattung in der FAZ, das könnte ganz spannend werden.

Derart motiviert setzte ich mich zuhause an die Hausarbeit und schrieb die Einleitung runter. Die las sich auch am Samstag noch gut.

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Den Silvesterabend verbrachte ich bei F., der schon vor einigen Tagen mein Racletteset zu sich geschleppt hatte. Ich brachte Fleisch und Gemüse mit, er hatte Käse und Brot besorgt sowie eine kleine Selektion an Schaumwein, denn Frau Gröner trinkt Silvester gerne Schaumwein. (Okay, Frau Gröner trinkt immer gerne Schaumwein.)

Der Abend war schön, aber irgendwas irritierte mich. Das fiel mir aber erst am Neujahrstag auf. Raclette war immer Kais und mein Silvesteressen gewesen. Im letzten Jahr hatte ich alleine Raclette gemacht, weil F. und ich da gerade eine Beziehungspause eingelegt hatten, weil ich schlicht von allem überfordert gewesen war. Ein Teil der Überforderung war damals, dass ich Beziehungsmuster, die ich elf Jahre lang verinnerlicht hatte, in die neue Beziehung mitgeschleppt hatte, was natürlich stets knirschte und quietschte, denn F. ist nicht Kai (ach was). Alleine Raclette zu machen, hatte mir gefallen, weil ich mir so Dinge wiederholen konnte, die vorher pärchenkonnotiert waren – wie Paris, wo ich im Januar alleine war. (Da fällt mir ein: Ich muss noch alleine nach Sylt.) Und jetzt saßen F. und ich um das olle Racletteset und irgendwas nervte. Als ich am 1. Januar die übliche Restepfanne aufsetzte, beschloss ich, nächstes Jahr kein Raclette mehr zu machen und auch F. meinte, schön bekocht zu werden oder essen zu gehen, würde ihm auch besser gefallen. Weg mit euch, Silvesterpfännchen. Zeit für neue Traditionen.

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2016 revisited

(2015, 2014, 2013, 2012, 2011, 2010, 2009, 2008, 2007, 2006, 2005, 2004, 2003.)

Ich verkürze den Fragebogen mal wieder.

Manche Fragen gingen mir im Laufe der Jahre auf die Nerven oder ich empfand sie als bedeutungslos, weswegen sie rausflogen. Als erstes starb die Frage „Zugenommen oder abgenommen?“, weil mich diese Frage viel zu lange viel zu sehr beschäftigt hatte. Seit ich intuitiv esse, gut esse, gern esse und mich bewege, weil es Spaß macht und nicht, weil es Kalorien verbrennt, geht es mir deutlich besser. Ich habe seit 2009 keine Waage mehr und sie keinen Tag vermisst. Da ich eher selten Klamotten kaufe und gerade Hosen so lange trage, bis sie auseinanderfallen, kann ich aber trotzdem vermelden, dass ich anscheinend seit ungefähr sieben Jahren mein Gewicht halte – das habe ich seit der Pubertät nicht mehr hinbekommen.

Ich habe seit 2012 auch keinen Ganzkörperspiegel mehr und das war ebenfalls eine sehr gute Idee. Wenn ich mich in irgendwelchen Klamotten gut fühle, dann reicht mir das als Bestätigung, ich brauche keine visuellen Hinweise mehr dazu. Deswegen fliegt dieses Jahr auch die Frage nach „mehr oder weniger bewegt“ raus, denn darauf will ich ebenfalls nicht bewusst achten. Ich liebe mein Fahrrad, ich habe bequeme Schuhe, das reicht mir. Generell geht mir der Selbstoptimierungswahn, was den Körper angeht, seit Längerem auf den Zeiger. Aber auch ich bin davon leider nicht ganz frei: Seit ein paar Jahren trainiere ich fast jeden Tag meinen grauen Klumpen im Kopf. Team 2h Bib statt 2h Gym! Aber jeder, wie er mag.

Die Fragen nach Haarlänge oder Kurzsichtigkeit haben sich bei mir auch erledigt; meine Haare bleiben irgendwie immer halblang, so dass ich sie mir hinter die Ohren klemmen kann, um ungestört zu lesen, und an meiner Kurzsichtigkeit wird sich vermutlich auch nichts mehr ändern. Das muss ich nicht jedes Jahr wieder neu notieren. Die Frage nach dem besten Sex habe ich von Anfang an eher ausweichend beantwortet, weil euch das nichts angeht; die ist anscheinend seit letztem Jahr nicht mehr dabei, was mir erst beim Copypasten des Eintrags aufgefallen ist.

Was in diesem Jahr rausfliegt: die Frage nach dem Geld. Das spielt seit meinem ersten Semester nur noch eine Rolle, weil es nicht mehr so üppig da ist wie vorher, was mir klargemacht hat, wie sehr ich mich früher über meinen Kontostand definiert habe. Ich habe immer von mir behauptet, dass mir das egal sei, „it’s just money“, aber den Satz kann man in all seiner Großkotzigkeit natürlich auch nur von sich geben, wenn eben genug da ist. Auch meine erste Twitter-Bio, Liberaces Ausspruch „I cried all the way to the bank“, schien mir im Nachhinein zu sagen, ja, dir geht’s vielleicht nicht gut, aber hey, du kannst dir alles kaufen. Was mich aber anscheinend auch nicht glücklich machen konnte. Das kriegt das viele Wissen, das ich in den letzten vier Jahren angehäuft habe, deutlich besser hin, auch wenn ich beim Anblick meines Kontos manchmal in eine Papiertüte atmen möchte. Jedenfalls will ich nicht mehr darüber nachdenken, ob ich mehr oder weniger verdient habe als im Jahr davor. So viel wie in der Werbung werde ich vermutlich eh nie wieder haben. Auch okay.

Ich ahne, dass sich spätestens hier die Frage aufdrängt, wieso ich den Bogen überhaupt noch ausfülle. Ganz einfach: Alleine die Fragen nach Dingen, die ich im vergangenen Jahr zum ersten Mal oder nach langer Zeit wieder gemacht habe, lohnen das Nachdenken.

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1. Der hirnrissigste Plan?

Ich glaube, ich hatte in diesem Jahr keinen einzigen hirnrissigen Plan. Seit der Trennung, dem Umzug, der beruflichen Neuorientierung und dem Alles-auf-Anfang meiner neuen Beziehung bewege ich mich gefühlt sehr auf Eierschalen. Alles wackelt ein bisschen, daher bin ich vermutlich gerade etwas übervorsichtig bei allem, bloß nicht noch mehr kaputtmachen. Vielleicht ist das auch der hirnrissige Plan, überlege ich gerade.

2. Die gefährlichste Unternehmung?

Eventuell ohne anwaltliche oder steuerfachliche Unterstützung mit der KSK korrespondiert zu haben. Ich warte noch, was dabei rauskommt.

3. Die teuerste Anschaffung?

Letzter Teil des Umzugs.

4. Das leckerste Essen?

Die erste Stadionwurst in Augsburg, jedes Oktoberfestbier, das Schnitzel mit Katha und dem Sängermeister in Wien, der Burger auf F.s Balkon und mein Geburtstagsmenü im Broeding,

5. Das beeindruckendste Buch?

Comic: La page blanche von Pénélope Bagieu. Auf französisch mühsam entziffert, ein paar Monate später auf deutsch runtergelesen. Das sollte ich vielleicht nochmal mit einem anderen französischen Comic machen. Runner-up: Haarmann von Peer Meter und Isabell Kreitz.

Sachbuch: Kongo von David van Reybrouck. Generell eins der beeindruckendsten Sachbücher, die ich je gelesen habe, nicht nur in diesem Jahr. Runner-up: Mythos Trümmerfrauen von Leonie Treber.

Fiktion: Room von Emma Donoghue. Runner-up: This isn’t the sort of thing that happens to someone like you von Jon McGregor. Ich habe viel zu wenig Fiktion gelesen in diesem Jahr; hier liegen noch so viele schöne Leser*innengeschenke, zu denen ich noch nicht gekommen bin.

6. Der ergreifendste Film?

The Last Laugh, ganz knapp vor Toni Erdmann.

7. Die beste CD? Der beste Download?

Ich habe in diesem Jahr überhaupt keine Musik gekauft, zahle aber brav für Spotify, weil ich mich an meinen „Mix der Woche“ so gewöhnt habe.

8. Das schönste Konzert?

F. führte mich in die Oper aus und das war ziemlich toll.

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9. Die tollste Ausstellung?

Anselm Kiefer im Centre Pompidou und in der Albertina. Das war fantastisch, so viele Werke so kurz nacheinander (Januar und März) von ihm anschauen zu können. Wobei: Der Prado hat mich auch umgehauen.

10. Die meiste Zeit verbracht mit …?

… überlegen, was schön war, damit ich es ins Blog schreiben kann. War eine gute Therapie, um nicht dauernd Vergangenem hinterher zu trauern oder Zukunftsangst zu schieben. Manchmal denke ich aber auch darüber nach, ob das nur eine blöde Vermeidungsstrategie ist.

11. Die schönste Zeit verbracht mit …?

… Kunstgucken, kuscheln, lesen (auf dem Sofa, am Schreibtisch, in Bibliotheken), schreiben (auf dem Sofa, am Schreibtisch, in Bibliotheken), lernen, dazulernen, noch mehr lernen, weiterlernen.

12. Vorherrschendes Gefühl 2016?

Quo vadis, Gröner?

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13. 2016 zum ersten Mal getan?

Die goldene Hochzeit meiner Eltern gefeiert. Einen Fahrradschlauch gewechselt. In Wien gewesen. In Madrid gewesen. In Rosenheim und Bad Aibling gewesen. Ja, das mag etwas abstinken, aber diese Aufenthalte haben sowohl mein Masterthema als auch die Entscheidung für eine Promotion sehr bestimmt. Ach ja, mich für eine Promotion entschieden (wenn man mich lässt). In vielen Archiven gewesen und es so toll gefunden, dass ich das noch viel öfter machen möchte. Den FC Augsburg als alternativen Fußballclub zu Bayern entdeckt. Und: an einem Museumskatalog mitgeschrieben. So, jetzt isses raus. Das war dieser Job, über den ich immer nur wolkige Andeutungen gemacht habe. Der Katalog erscheint aber erst 2017 und daher darf ich IMMER NOCH NICHT darüber bloggen.

14. 2016 nach langer Zeit wieder getan?

In Paris gewesen, Geister vertrieben.

Paris und ich hatten immer eine etwas schwierige Beziehung. Als ich das erste Mal in Paris war, zerstritt ich mich übelst mit meinem besten Freund auf dem Père Lachaise. Das zweite Mal war Kai mein Begleiter, wobei: Eigentlich war ich seine Begleiterin, denn Paris war immer seine Stadt; sein Onkel lebt da, wir übernachteten da, Kai ging vor und ich hinterher. War damals okay, weil ich es nicht anders wollte, aber dieses Mal war Paris meins. Ich war zum ersten Mal alleine in der Stadt und ich flog, weil ich eine Ausstellung anschauen wollte; ich kam als Besucherin und ging als Kunsthistorikerin. Paris und ich sind jetzt Kumpels.

15. Drei Dinge, auf die ich gut hätte verzichten können?

Zweifel an der Art, wie ich jetzt esse und lebe.

Der letzte Teil meines Hamburg-München-Umzugs, der zwar theoretisch durch ist, mich seelisch aber immer noch nicht loslässt. Überhaupt alles, was mich noch nicht loslässt – oder was ich noch nicht loslassen kann.

Die geschichtsvergessene Wiederkehr der Idiotie (Trump, Brexit, AfD).

16. Die wichtigste Sache, von der ich jemanden überzeugen wollte?

Ähnliche Antwort wie im letzten Jahr: Mich selbst davon, dass das schon irgendwie alles wieder passen wird.

17. Das schönste Geschenk, das ich jemandem gemacht habe?

So oft, wie F. es erwähnt hat, war meine Kondition im Prado – fünf Stunden statt zwei – anscheinend ziemlich schön für ihn. Für mich auch.

18. Das schönste Geschenk, das mir jemand gemacht hat?

Eine Flasche Wein von meinem liebsten Neuseeländer Weingut, eine Packung Nougatpralinen (TEAM NOUGAT!), ein kleines Stofftier und eine Postkarte mit Münchner Motiven, auf der nur „Welcome home“ stand, die in meiner Münchner Küche auf mich warteten, als ich zum letzten Mal aus Hamburg geflogen kam.

19. Der schönste Satz, den jemand zu mir gesagt geschrieben hat?

„Wären Sie an einer Zusammenarbeit interessiert?“

20. Der schönste Satz, den ich zu jemandem gesagt habe?

„Ich möchte gerne wieder mit dir zusammen sein.“

21. 2016 war mit einem Wort …?

Aufbruch. (Hoffentlich.)

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Was schön war, Mittwoch, 28. Dezember 2016 – Plan P

Nach drei Tagen Familienzeit, in der ich kaum alleine war und dem Dienstag, an dem ich mich auch sofort wieder in die Uniarbeit gestürzt hatte, fiel mir gestern ein, dass ich ja mal ein bisschen Pause machen könnte. Ich schrieb zunächst mal wieder konzentriert Mails an ein paar Archive, fuhr dann mein System aber auf halbe Kraft runter, druckte Aufsätze aus, ohne sie zu lesen, puschelte ein bisschen an Leos Biografie rum, sortierte Zeug von rechts nach links auf dem Schreibtisch und zog mich schließlich aufs Sofa zurück, um ein Buch zu lesen, das nichts mit der Uni zu tun hat.

Abends fuhr ich zu F., wo wir weiter über Unikram redeten, und mitten im Gespräch wurde mir klar, dass ich im Kopf schon bei der Promotion bin. Ich freue mich sehr auf meine Masterarbeit, ich freue mich auch auf die zwei noch ausstehenden Hausarbeiten, auch wenn das zeitlich in diesem Semester enger ist als mir lieb ist – Abgabe Hausarbeiten: bis 15. März, Beginn Bearbeitungszeit MA-Arbeit: 20. Februar –, und irgendwo weiß mein Hirn auch, dass es mal langsam ernsthaft für die noch zu bestehenden zwei Klausuren lernen müsste, aber eigentlich sind das alles nur noch Schritte, die ich machen muss, um dann eine Dissertation zu schreiben.

Der Wunsch zu promovieren ist schon länger da, aber es sprachen immer so eklig kluge Gründe dagegen: Ich bin eh schon viel zu alt, vermutlich ist es total egal, ob ich einen Doktortitel habe oder nicht, wenn ich jetzt noch promoviere, bin ich noch älter, und ein bisschen Geld kostet das natürlich auch alles. Andererseits spricht ein total unekliger Grund für eine Promotion: Ich will sie machen. Ich gehe doch nicht fünf Jahre zur Uni und lerne einen Riesenberg tolles Zeug, um dann so mittendrin aufzuhören. Ts.

Weihnachen besprach ich das mit meinen Eltern, die mir Unterstützung signalisierten, und auch wenn das so gar nicht der Plan war, mit 50 noch Taschengeld von Mama zu kriegen, fühlt es sich sehr beruhigend an, dass es möglich ist. Ich hoffe trotzdem auf ein Stipendium, dann verdiene ich wenigstens einen Hauch selbst Geld.

Jetzt muss ich mich nur noch entscheiden, ob ich weitere drei Jahre mit Leo verbringe oder mit jemand anderem – eine biografische Arbeit über jemanden rund um die NS-Zeit wird es sehr wahrscheinlich werden –, dann quengele ich meinen Lieblingsdozenten an, und nebenbei schließe ich noch mein Studium ab. Na dann.

Was schön war, Donnerstag bis Dienstag, 22. bis 27. Dezember 2016 – Weihnachten (ach was)

Donnerstag Feedback aufs Amnesty-Referat bekommen, Lob („im Einser-Bereich“) und Kritik („manchmal zu wenig historische Einordnung“), alles nachvollziehbar und hilfreich. Mit der Dozentin meine drei Ideen für die Hausarbeit besprochen, eine gleich als „vielleicht“ markiert, die anderen beiden Richtungen bitte verfolgen und bis Mitte Januar eine Entscheidung treffen.

Freitag Madeleines gebacken. Ich wollte F. den ersten Band von Prousts Auf der Suche nach der verlorenen Zeit zu Weihnachten schenken, und da die legendäre Szene mit dem feinen Gebäck recht früh kommt, dachte ich, so schnell wie der Mann liest, kann er dabei gleich was Passendes essen.

Samstag erstmals in die Business Class eingestiegen. Ehe meine schönen Hamburg-München-Meilen verfallen, gönnte ich sie mir als Weihnachtsgeschenk für den Flug nach Hannover. Für die Langstrecke hätten sie eh nicht gereicht, also raus damit. Ein bisschen protzig kam ich mir ja schon vor, zu den ersten zu gehören, die an Bord dürfen, aber dann musste ich an Casey Neistat denken, wenn er stolz „First one on the plane!“ in die Kamera grinst, und fand es dann doch okay.

Ich hätte nicht gedacht, dass ich mich mal so über Geschirr, ein Glas und eine Stoffserviette freuen würde, aber das fand ich überraschend schön, nicht mit dem üblichen Pappbecherchen und nem Schokoriegel hinten zu sitzen, sondern vorn mit viel Platz, etwas mehr Beinfreiheit (? weiß nicht, ob ich mir das einbilde) und eben menschenwürdigen Essutensilien, die sich nicht nach Imbissbude anfühlen und einem hektisch entgegengereicht werden. Und das späte Frühstück war auch sehr schmackhaft: ein Brötchen, Butter, Salami, roher Schinken, zwei Käsesorten, ein paar Weintrauben, ein Gürkchen, als Nachtisch rote Grütze mit Vanillepudding und als Rausschmeißer zwei Pralinen, während neben einem das Wasserglas nachgefüllt wird. Ich habe mir ungefähr achtzigmal den Mund abgetupft, weil ich noch nie eine Stoffserviette an Bord hatte, und wusste außerdem das Erfrischungstuch sehr zu schätzen. Das könnte man übrigens auch in der Economy mal verteilen, Stichwort Schokoriegel.

Meine Schwester holte mich aus Hannover ab und fuhr mich zu unseren Eltern, wo ich für das Weihnachtsessen zuständig war. Meine Mutter hatte sich Kürbissuppe gewünscht, für die ich natürlich mein Lieblingsrezept aus dem Lieblingskochbuch nutzte. Als Hauptgang wollte meine Schwester Geflügel, aber keine Gans, weswegen ich einen Putenrollbraten mit Petersilie, Walnüssen und Zitronenschale füllte, was auch gut ankam. Dazu Kartoffelgratin und grüne Bohnen. Als Nachtisch selbstverständlich Welfenspeise, wieder aus Deutschland vegetarisch, wo ich aber dringend über die Mengenangaben diskutieren möchte. Das Rezept reicht angeblich für vier, was ich im letzten Jahr verdoppelte (wir waren fünf), wovon nichts übrigblieb und gequengelt wurde, warum nichts mehr da sei. Dieses Mal habe ich die dreifache Menge zubereitet und damit waren dann fünf Leute glücklich. (Und ich am nächsten Tag, als ich noch ein kleines Gläschen Rest hatte.)

Am ersten Feiertag waren wir abends bei Schwesterchen und ihrem Mann und wurden dort mit Huhn vom Grill, Knödeln und Rotkohl bewirtet. Anschließend traditionelles Doppelkopfspielen, das eigentlich am Heiligen Abend stattfindet, aber ich war nach fünf Stunden in der Küche so müde, dass ich mich um 23 Uhr in mein altes Kinderzimmer zurückgezogen hatte. Als Strafe für meine Memmigkeit haushoch beim DoKo verloren.

Montag entspanntes Rumlungern, wobei ich zwischendurch kurz den Rechner aus dem Rucksack zog, weil mir eine Struktur für die Leo-von-Welden-Hausarbeit eingefallen war. Resteessen, Mittagsschlaf, Mohnkuchen und Kaffee, und dann fuhr mich Schwesterchen abends wieder zum Flughafen, wo ich ein weiteres Mal Spaß mit einer Stoffserviette hatte.

Negativrekord für die Zeit von Landung bis Haustüraufschließen: zwei Stunden. Dieser verdammte Am-Arsch-der-Welt-Flughafen. Ich war schneller von der Wedemark in München (500 km) als von Erding in der Maxvorstadt (32 km).

Gestern waren die Feiertage endlich rum und ich konnte wieder in die Bibliothek. Zunächst verfolgte ich eine Amnesty-Idee, die sich leider relativ schnell als doof erwies. Aber weil ich schon mal zwischen lauter Büchern saß, suchte ich mir noch ein paar, die für die Masterarbeit nützlich sein könnten und las mich dort fest. Einen neuen Dreh für das Thema entdeckt, zufrieden gelesen und geblättert und das Gefühl genossen, mich richtig entschieden zu haben.

„Es begab sich aber zu der Zeit …

… dass ein Gebot von dem Kaiser Augustus ausging, dass alle Welt geschätzt würde. Und diese Schätzung war die allererste und geschah zur Zeit, da Quirinius Statthalter in Syrien war. Und jedermann ging, dass er sich schätzen ließe, ein jeder in seine Stadt. Da machte sich auf auch Josef aus Galiläa, aus der Stadt Nazareth, in das jüdische Land zur Stadt Davids, die da heißt Bethlehem, weil er aus dem Hause und Geschlechte Davids war, damit er sich schätzen ließe mit Maria, seinem vertrauten Weibe; die war schwanger. Und als sie dort waren, kam die Zeit, dass sie gebären sollte. Und sie gebar ihren ersten Sohn und wickelte ihn in Windeln und legte ihn in eine Krippe; denn sie hatten sonst keinen Raum in der Herberge.

Und es waren Hirten in derselben Gegend auf dem Felde bei den Hürden, die hüteten des Nachts ihre Herde. Und der Engel des Herrn trat zu ihnen, und die Klarheit des Herrn leuchtete um sie; und sie fürchteten sich sehr. Und der Engel sprach zu ihnen: Fürchtet euch nicht! Siehe, ich verkündige euch große Freude, die allem Volk widerfahren wird; denn euch ist heute der Heiland geboren, welcher ist Christus, der Herr, in der Stadt Davids. Und das habt zum Zeichen: ihr werdet finden das Kind in Windeln gewickelt und in einer Krippe liegen. Und alsbald war da bei dem Engel die Menge der himmlischen Heerscharen, die lobten Gott und sprachen: Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden bei den Menschen seines Wohlgefallens.“

Ich wünsche euch allen ein friedliches, fröhliches, besinnliches, schönes, gesegnetes Weihnachtsfest. Danke fürs Lesen.

Ein altdeutsches Dankeschön …

… an Sandra, die mich zwar nicht überrascht hat, aber von der trotzdem ein Geschenk in der Packstation lag: ein Übungsbuch für Sütterlin. Ich habe mir angewöhnt, zum Entziffern von Quellen auf diese Website zurückzugreifen, aber ich merke ständig, dass es eher sinnlos ist, einzelne Buchstaben zu entziffern, vor allem, wenn die in diversen Handschriften vorkommen und daher nicht immer wie aus dem Lehrbuch aussehen. Mir wurde klar: Ich muss Sütterlin schreiben lernen, um es lesen zu können. Dann wollen wir mal. Vielen Dank für das Geschenk, ich habe mich sehr gefreut.

PS: Ich bin sehr froh darüber, dass Leo in Frankreich groß geworden ist und nie die altdeutsche Schreibschrift benutzt. Ich bin ebenfalls sehr froh darüber, dass er trotzdem fast ausschließlich auf Deutsch schreibt. Sehr praktisch, der Mann. (Dafür will ich dauernd in seinen Briefen Kommata setzen und aus Doppel-S ein Esszett machen.)

Tagebuch, Mittwoch, 21. Dezember 2016 – Besuch bei Amnesty

Bis zu meinem Termin um 15.30 Uhr im Bezirksbüro von Amnesty International las ich weiter Kershaw, fand eine sehr unwissenschaftliche Fußnote …

… las außerdem eine Dokumentation zur Anti-Folter-Kampagne von AI, die mir mein Gesprächspartner zugemailt hatte und entzifferte weiter Briefe und Postkarten von Leo.

Gegen drei machte ich mich auf den Weg und genoss – auch nach vier Jahren – mal wieder das Tramfahren. Tramfahren ist super. Bitte mehr Trams in allen Städten. (Und mehr Radwege.)

Mein Gesprächspartner verspätete sich etwas, aber ich wurde von einer Angestellten mit hilfreicher Literatur versorgt, deren Titel ich mir gleich in mein ewig langes Stoffsammlungsdokument auf dem MacBook notierte. Nach dem Tramfahren freute ich mich darüber, dass meine Batterie wieder funktionierte und ich mal eben so meinen Laptop aufklappen konnte, um mit ihm zu arbeiten.

Das Gespräch war dann leider nicht ganz so ergiebig wie ich mir erhofft hatte. Der Herr war zwar äußerst hilfsbereit und auskunftsfreudig, aber Dokumente aus den 70er Jahren hätte er leider nicht für mich. Ich erfuhr aber viel über die Gruppenarbeit von AI, was ich bisher noch nicht aus der Literatur kannte. Außerdem meinte der Herr, dass die Münchner Polizei AI und seine Aktionen in der Stadt immer ein bisschen misstrauisch beäugt hätte – bis zum Erhalt des Friedensnobelpreises 1977. Seitdem hätte die Organisation einen guten Ruf und die Polizei würde nicht mehr so komisch gucken. Das brachte mich auf eine weitere Hausarbeitsidee, falls das mit den AI-Quellen nichts wird: eine Presseschau. Wie wurde über AI in München in den 70er Jahren berichtet und änderte sich diese Berichterstattung ab 1977? Ich sehe mich schon zentnerweise riesige Zeitungsbände durch die Stabi schleifen.

Abends weiter Briefe gelesen, Halloumi mit Pfannengemüse und Kräuterquark gegessen, Fußball am Rechner geguckt. Mit Kershaw eingeschlafen.

Was schön war, Dienstag, 20. Dezember 2016 – Zuhören

Morgens war mir nicht nach osmanischer Architektur. Vorlesung geschwänzt, lieber mit Tee an den Schreibtisch gesetzt und weiter in Leos Briefen gelesen und sie transkribiert. Je mehr Werke ich von ihm kenne, desto spannender finde ich es zu lesen, was er zu seiner Kunst – oder Kunst generell – zu sagen hatte. Manchmal kommen mir seine Zeilen wie Untertitel im Kino vor.

Von Twitter gelernt, dass in alten Poststempeln die Uhrzeit vorkam.

Weiter im Kershaw gelesen, den will ich über Weihnachten und Neujahr endlich durchkriegen. Ich erinnere mich noch an mein großmäuliges „Was, nur zwei Bücher für den Lektürekurs?“, und bis jetzt habe ich noch nicht mal eins durch. Deadline ist der 31. Januar, dann trifft sich unser Kurs wieder und redet über die Werke. Zu Kershaw könnte ich zwar schon jetzt nach 200 Seiten was Fundiertes sagen, und ich ahne, dass das auch auf die restlichen 400 Seiten zutrifft, aber der Mann schreibt so gut, das will ich halt lesen.

Abends wieder Menschenrechtsseminar. Das erste Referat ging um Chile und wieso dieses Land bzw. der Umgang der Welt mit dem Pinochet-Regime eine hübsche Übung war: Das Land war politisch weder dem westlichen noch dem Ostblock zuzurechnen und es hatte nichts Spannendes für den Export, weswegen sich alle Systeme hier ausprobieren ließen – kirchliche und Menschenrechtsorganisationen, Parteien und Regierungen, jeder versuchte sich an Solidarität oder Boykotten. Keiner von den globalen Akteuren hatte etwas zu verlieren, um es zynisch auszudrücken. Der Kurs war sich auch recht einig darin, dass viele Aktionen nur wenig gebracht hätten, wobei der Aspekt der Hoffnung, des nicht Alleinseins, weil die Welt immerhin weiß, was in Chile passiert, erwähnt wurde.

Das zweite Referat handelte von Südafrika und dem ANC, wobei hier recht ausführlich auf die internationale Isolation eingegangen wurde. Dass es seit 1983 eine UN-Liste von Künstler*innen gegeben hatte, die den Boykott ignoriert hatte, hatte ich schon wieder vergessen, dass man damals Chiquita statt Dole gekauft hat, wusste ich allerdings noch. Nach der Stunde hatte ich einen fiesen Ain’t gonna play Sun City-Ohrwurm. Der Referent hatte Biko angespielt.

Ich kam wieder sehr vollgepackt mit Eindrücken aus dem Kurs. Ich trauere zwar immer noch dem Münchner Kunsthandel zwischen 1920 und 1960 hinterher, was meine erste Wahl war, die ja leider wegen mangelndem Interesse nicht stattgefunden hatte, aber der Menschenrechtskurs ist ein ganz hervorragender Ersatz. Es ist auch das erste Mal, dass ich mich in Geschichte mit gefühlt für mich noch aktuellen Ereignissen beschäftige bzw. mit Geschichte, die ich selbst miterlebt habe. Ich bin endlich eine von den Seniorinnen, die im Kurs sagen könnte: „Das habe ich aber ganz anders in Erinnerung.“ Ha! (Bis jetzt hat noch niemand was nach mir geworfen.)

Tagebuch, Montag, 19. Dezember 2016 – Buchtipps zwischen den Zeilen

Vormittags Mails erledigt und Zeug geordnet, bevor ich um 12 zum Rosenheim-Seminar gehen wollte. Um kurz nach 11 klingelte aber mein Handy und einer der Amnesty-International-Kontakte, die ich vom Bezirk empfohlen bekommen hatte, rief mich an. Er engagiert sich seit Jahrzehnten in der CAT-Gruppe (Campaign for the Abolition of Torture), die mich besonders interessiert, weil die Kampagne gegen Folter die erste große, weltumspannende von AI war. Er meinte zwar, dass die Unterlagen, die ich suche, eher in Berlin (dem Sitz des Vorstands der deutschen AI-Sektion) lägen, aber er lud mich zu einem Treffen ein, auf dem er mir vielleicht noch Tipps geben könnte. Natürlich sagte ich zu und bin sehr auf morgen gespannt.

Im Rosenheim-Seminar hörte ich ein Referat über Maria Caspar-Filser, von der ich leider nicht viel wusste; mir war eher ihr Mann Karl Caspar ein Begriff, der in den 1920er Jahren seine Lehrtätigkeit an der Münchner Akademie der Bildenden Künste begann – er galt als „Moderner“, während der Rest des Lehrkörpers das gerade nicht war; das damalige Durchschnittsalter lag bei über 70 Jahren und viele lehrten das, was sie selbst früher als Künstler geschaffen hatten. (Nebenbei: Wer mehr über die Akademie wissen möchte, könnte mal in dieses empfehlenswerte Buch schauen.)

Die Rosenheimer Galerie besitzt nur ein Bild von Caspar-Filser aus den 1950er Jahren und wir diskutierten, ob wir es in unsere Ausstellung aufnehmen wollten, die möglichst ohne Leihgaben auskommen soll. Unser zu behandelnder Zeitraum liegt zwischen 1920 und 1960, daher würde es passen, und es argumentierten mehrere Kommilitoninnen, dass sie die erste Frau wäre, die wir im Repertoire hätten, weswegen sie sie zeigen wollten. Ich sah das ähnlich; Caspar-Filser malte zur NS-Zeit weiter, allerdings im Verborgenen, womit wir auch den Punkt „Innere Emigration“ zeigen könnten, den wir bei den Jungs, soweit ich das bisher übersehen kann, noch nicht haben.

Nach der Uni ging ich zum Weihnachtsbaumstand, an dem ich letztes Jahr meinen ersten Münchner Baum gekauft hatte. In diesem Jahr war ich recht spät dran, weswegen die ganzen richtig schönen Bäume schon weg waren. Der Stand sah schon sehr zerrupft aus, aber ich erinnerte mich daran, wie gut mir damals das kurze freundliche Gespräch mit der Verkäuferin getan hatte und daher wollte ich partout hier einen Baum kaufen und nicht 200 Meter weiter beim anderen Stand. Ich verstand den diesjährigen Verkäufer zwar kaum, weil er so fies bayerte, und einen perfekten Baum fand ich auch nicht, aber einen, der mir sofort gefiel, obwohl er ein bisschen krumm war und ein paar Äste wild abstanden. Einwickeln lassen, bezahlt, die Arbeitshandschuhe angezogen, den Baum zur nächsten Bushaltestelle getragen und mich nach Hause schaukeln lassen.

Dort stellte ich den Baum ab und griff mir das Weihnachtspäckchen für mein Patenkind. Mit der U-Bahn fuhr ich in die Nähe des ehemaligen Mitbewohners, denn für den sollte ich was erledigen und dafür musste ich in seine Wohnung. Also nutzte ich die Post bei ihm um die Ecke und stellte mich auf 30 Minuten Wartezeit in der Schlange ein (für sowas hat man immer ein Buch dabei). Aber: Es waren gerade mal drei Menschen vor mir, es ging gefühlt blitzschnell, der Postmensch war freundlich, ich auch, alles prima. Das war bestimmt Karma, weil ich den krummen Baum gekauft hatte. (Anne Lamott sieht in solchen Details kleine Akte Gottes. Ich sehe darin Dinge, die schön sind und die ich ins Blog schreibe. Es ist egal, wie man solche Begebenheiten nennt, aber in ihrer Masse sorgen sie dafür, dass ich nicht an diesem Jahr verzweifele, in dem Vernunft und Menschlichkeit anscheinend gerade mal ne Pause einlegen.)

Für den ehemaligen Mitbewohner brachte ich dann Kram in die Stadtbücherei zurück, den der Mann vergessen hatte abzugeben; er ist schon nicht mehr in der Stadt, weswegen ich das übernahm. Aus der Stadtbibliothek am Gasteig, in der ich immer ausleihe, kannte ich folgendes, total futuristisches System der Abgabe: Man legt sein Buch, seine CD, sein wasauchimmer auf ein kleines Förderband, von wo es gescannt wird (Artikel erscheint auf dem Bildschirm) und von alleine in den Tiefen der Bibliothek verschwindet. In der Filiale des Mitbewohners gab es nur einen Scanner, den ich eher von der Ausleihe kannte: Man hält sein Buch, seine CD, sein wasauchimmer unter einen Scanner, die Anzeige erscheint auf dem Bildschirm und man darf das Zeug mitnehmen. Hier klickt man erst auf „Rückgabe“, scannt dann … äh … und dann wusste ich nicht, wohin mit dem Zeug. Kein fancy Förderband! Ich guckte ein bisschen doof in der Gegend rum, bis ich den Korb neben dem Scanner sah, an dem ein Zettel hing „Rückgebuchte Bücher hier ablegen“ oder so ähnlich. Sehr schön. Abgelegt und fertig.

Danach wollte ich eigentlich noch in die Stabi und die UB, jeweils ein Buch abholen, aber ich hatte keine Lust mehr auf Rumrennen. So fuhr ich nach Hause, stellte den Baum auf und las den Rest des Tages schlaue Bücher. Abends schaute ich kurz bei Twitter rein und sah, was in Berlin passiert war, woraufhin ich Twitter wieder schloss. Ich weiß, dass jede*r diesen Dienst anders benutzt, aber ich weiß inzwischen auch, dass er für mich bei aktuellen politischen Ausnahmesituationen völlig unbrauchbar geworden ist. Vermutungen, Tweets gegen Vermutungen, die ersten Lästertweets über „Je suis Berlin“, tausend Retweets der Berliner Polizei, Aufregung über die Medien, die genauso hysterisch sind wie Twitter, und das alles in einer Minute. Bei der Schießerei in München waren wenigstens einige Tweets für mich wichtig, weil ich in der Stadt war, in der es passiert. Gestern war es das nicht. Auf Facebook geguckt, ob meine Hasis in Sicherheit sind, Twitter ausgemacht, schlafen gegangen.