Filmfest München 2014, Tag 1

Mein drittes Filmfest – und das erste, das sowohl mit einer Fußballweltmeisterschaft als auch mit meiner eigentlichen Hochphase des Lernens kollidiert. In der Woche vom 7. bis 11. Juli sind nämlich meine Klausuren, und normalerweise sind mindestens die zwei Wochen davor tabu für alles, weil ich meinen Stoff gerne über einen etwas längeren Zeitraum verteile anstatt mir alles in zwei Nächten vor der Klausur reinzuzwingen; ich glaube eh nicht, dass das funktioniert, aber viele meiner KommilitonInnen schwören auf diese Methode. Daher ist mein vorläufiger Terminplan deutlich lichter als sonst, und wie immer wird die spontane Laune entscheiden, was ich wann gucke. Gestern habe ich drei von vier geplanten Filmen gesehen.

Everything We Loved (Neuseeland 2013)

Ich zitiere von der Filmfest-Website:

„Einst tourten Charlie und Angela durchs Land, er ein Magier, sie seine Assistentin. Doch nach dem Tod ihres Sohns Hugo trennten sich sowohl beruflich wie auch privat ihre Wege. Als Angela eines Tages zu Charlie zurückkehrt, hat er eine Überraschung für sie parat – einen entführten Fünfjährigen als Ersatz für Hugo.“

Irgendwie muss ich ja anfangen, über diesen Film zu reden, daher ist die Inhaltsangabe die naheliegende Idee. Trotzdem enthält sie schon einen dicken Spoiler (ganz ohne kommen Inhaltsangaben halt nicht aus), was ein bisschen schade ist, denn der Film schafft es sehr clever, die ZuschauerInnen erst glauben zu lassen, alles sei in Ordnung und der Junge halt der Junge, den wir erwarten. Erst nach und nach fühlt sich alles seltsam an, schräg, schmerzhaft. Und dann wird es noch schmerzhafter, als die Mutter des toten Jungen zu ihrem Mann zurückkehrt, eigentlich, um alles endgültig hinter sich zu lassen. Die ersten Instinkte, die man wahrscheinlich schon beim Lesen des Inhalts im Kopf hatte – ruf die Polizei, mach dem Kerl klar, dass er gerade völlig austickt –, setzen auf einmal aus. Und interessanterweise nicht nur bei der Mutter (ist man noch eine Mutter, wenn das Kind nicht mehr da ist?), sondern auch bei den ZuschauerInnen.

Jedenfalls bei mir. Der charmante Begleiter war nach dem Film felsenfest anderer Meinung: „Da gibt’s doch nichts zu diskutieren – die Handlung ist falsch und unmoralisch, warum sollte ich auch nur eine Sekunde mein Herz an die beiden Hauptfiguren verlieren?“ Aber genau das ist es, was Everything We Loved für mich so interessant gemacht hat: die innere Zerrissenheit zwischen Moral und Trauer, dem Wunsch nach „Alles wird wieder gut“, was natürlich nicht passieren wird, weil manches eben nie wieder gut werden kann. In Amores Perros gab es den wunderbaren Satz „Wir sind auch immer das, was wir verloren haben“. Den fand ich hier sehr passend. Wir tun unmoralische Dinge, weil uns andere Dinge angetan wurden. Wir versuchen festzuhalten, was schon längst weg ist. Oder wie der Ehemann zu seiner Frau sagt: „I couldn’t save him. I thought I could save you.“

Bechdel-Test bestanden: Nicht so richtig. Die Ehefrau redet mit einer anderen Mutter, aber das passiert nur in zwei kleinen Szenen. Der Film besteht fast komplett aus einer Nahaufnahme der Familie – oder eben den drei Menschen, die so tun, als seien sie eine.

Die Trost-Bechdel: Gibt’s leider auch nicht. Drehbuch und Regie sind männlich.

Chef (USA 2014)

Ich twitterte direkt nach dem Film: „Nearly perfect feel-good foodie movie.“ Auch nach einer Nacht darüber schlafen fühlt sich das richtig an. Chef ist eine leichte, schnuffige Sommerkomödie, in die man nie, nie, nie hungrig gehen sollte, und die wenigen Macken, die der Film meiner Meinung nach hat, sind halbwegs verzeihlich und ruinieren nicht dieses angenehme „Nee, watt schön“-Gefühl, mit dem man aus dem Film kommt.

Jon Favreau spielt einen Koch, der sich quengelnd in die Anweisung seines Chefs fügt, gefälligst das zu kochen, was seit gefühlt immer auf der Karte steht anstatt seine neuen Kreationen, die fieserweise in Großaufnahme und sattestem (haha) Technicolor präsentiert werden. Ein Restaurantkritiker, der früher mal Foodblogger war, verreißt ihn natürlich. Chefs Sohnemann, der für ihn scheinbar eher ein nerviges Anhängsel ist, um das er sich kümmern muss, weil die Scheidungsvereinbarung das nun mal vorsieht, zeigt dem Herrn Papa Twitter, was diesen natürlich dazu bringt, eine eher unfeine Äußerung in Richtung Kritiker zu zwitschern (wer von uns kennt das nicht?). Natürlich eskaliert alles, wie es eskalieren muss, mehr sage ich gar nicht, das kann man sich ja denken, überraschend ist Chef wirklich nicht, und übrig bleiben ein Koch mit Sinnkrise, ein Sohnemann mit Ferien und ein Roadmovie mit Futter.

Was ich an Chef mochte: natürlich die vielen Aufnahmen von Nahrungsmitteln, sei es ein Sternemenü oder ein Käsesandwich, die dazu auch noch alle auf 16 Kanälen überlaut brutzeln, gluckern, knuspern und knacken. Ich wiederhole die Warnung: Geht in diesen Film nicht hungrig! Der charmante Begleiter konnte nach den ersten beiden Filmen in keinen dritten mehr, weil er nur noch ESSEN! wollte. (Wobei der Mann eigentlich immer essen will. Sehr sympathisch.) Ich mochte die teilweise deutlich improvisierten Dialoge, die Besetzung, bei der Favreau anscheinend einfach mal sein Hollywoodstars-Telefonbuch durchgeklingelt hat, und ich mochte die clevere Einbindung von Twitter, Vine und Facebook, ohne die der Film nicht funktioniert und die nicht aufgesetzt wirkt, sondern als normale Mediennutzung wie Handys und Zeitungen präsentiert wird.

Was ich nicht ganz so mochte: die letzten drei Minuten, die leider in die Klischeefalle tappen. Ich fand die Situation, die ich jetzt nicht näher erwähnen will, weil ich dann nur spoilern kann, gut so, wie sie war, weil sie nicht so ganz hollywoodesk war, und das ruiniert sich der Film ein bisschen selbst. Was mich persönlich noch gestört hat: die Jungszentriertheit. Der Sohn ist eben ein Sohn, er hätte aber auch eine Tochter sein können, was den Film für mich besser gemacht hätte. Dann wären zwar ein paar Testosteronwitze rausgeflogen, aber die hätte man in einem veränderten Setting auch nicht vermisst.

Trotzdem bleibt mein Fazit sehr positiv. Leichte Filmkost (haha), aber gut abgeschmeckt (haha) serviert (haha). Okay, ich bin durch. (Haha. Nee, doch nicht.)

Bechdel-Test bestanden: Überhaupt nicht. Eine halbwegs große Frauenrolle (Sofía Vergara als Ehefrau), die aber immerhin ein eigenes Business hat, weswegen der Chef dann auch mal die Nanny sein muss, was er etwas fassungslos feststellt. Eine zweite Frauenrolle ist Scarlett Johansson als Sommelière und Quasi-Affäre des Chefs, die sinnlich auf dem Bett rumliegt, während er Penne all’arrabbiata zubereitet, wobei ich mich die ganze Zeit gefragt habe, warum sie nicht AM TISCH SITZT, VERDAMMT.

Die Trost-Bechdel: Nö. Written and directed by Jon Favreau.

Quai d’Orsay (Frankreich 2013)

Um den Film rum hatte ich mir den ganzen Samstag gebastelt – und er war fürchterlich. Was mich sehr geärgert hat, denn die Vorlage, eine Graphic Novel, war großartig. Ich schrieb selbst: „Wie West Wing auf Speed.“ Der Film war leider West Wing auf Valium.

Was funktioniert hat: Der Witz, dass alle Blätter hochfliegen, sobald der hektische Außenminister in einen Raum kommt, ist auch beim zehnten Mal noch lustig. Was nicht funktioniert hat: seine Geschwätzigkeit. Das klingt im Trailer schon an: Der Herr spricht gerne in Schlagworten oder salbadert sinnlos rum, er ändert dauernd seine Meinung und liest eh nichts richtig durch. Im Comic habe ich die Freiheit, den ganzen Quatsch einfach zu überlesen – ich meine mich auch daran zu erinnern, dass seine Sprechblasen gerne mal durch andere überdeckt werden –, aber im Kino bin ich dem Gequatsche hilflos ausgeliefert. Thierry Lhermitte als Außenminister ist allerdings wirklich gut, er kommt durch sein ganzes Geseier mit einer bewundernswerten Ernsthaftigkeit. Trotzdem macht er einen schlicht wahnsinnig mit seinen Worthülsen, mich jedenfalls. Ich bin sehr nölig zwei Stunden auf meinem Sitz rumgerutscht, weil ich deppigerweise in der Mitte saß und mich nicht durch die ganze Reihe drängeln wollte. Hätte ich am Rand gesessen, wäre ich nach 20 Minuten draußen gewesen.

Bechdel-Test bestanden: Pffft. Fast nur Jungs. Die Sekretärinnen sind weiblich, die Freundin vom Redenschreiber, um den es eigentlich geht, darf auch ab und zu was sagen, aber die Rollen, die den Film voranbringen, sind quasi alle männlich. Eine Ausnahme: Es gibt im Team der Schreibenden immerhin eine Frau, aber deren Bluse ist total zufällig immer bis zum dritten Knopf offen, und in einer Szene steht sie allen Ernstes in Strapsen in ihrem Büro vor dem Ganzkörperspiegel, um ihr Oberteil zu wechseln. Ist klar, ihr Spinner.

Die Trost-Bechdel: Nö. Auch hier wieder Drehbuch und Regie von Jungs.

Links vom 23. Juni 2014

The end of the hipster: how flat caps and beards stopped being so cool

Über Umwege via Peter Glasers Glaserei:

„Chris Sanderson, futurologist and co-founder of trend forecasting agency The Future Laboratory, thinks it’s simple: “The hipster died the minute we called him a hipster. The word no longer had the same meaning.”“

Im Artikel steht auch, woher das Wort eigentlich kommt. Wusste ich nicht:

„The word was coined in the 1940s to define someone who rejected societal norms – such as middle-class white people who listened to jazz. Then came a reactive literary subculture, realised through the work of beatniks such as Jack Kerouac and William Burroughs. It was Norman Mailer who attempted to define hipsters in his essay The White Negro as postwar American white generation of rebels, disillusioned by war, who chose to “divorce oneself from society, to exist without roots, to set out on that uncharted journey into the rebellious imperatives of the self”.

A decade later, we had the counter-culture movement – hippies who carried their torch in a fairly self-explanatory fashion, divorced from the mainstream. The word mostly vanished until the 1990s, when it was redefined so as to describe middle-class youths with an interest in “the alternative”.“

Der Osten lebt

Ich zitiere die Selbstbeschreibung des Tumblrs:

„Faszinierend, dass die Umrisse der DDR in aktuellen statistischen Kartendarstellungen noch immer zu entdecken sind. Beispiele werden hier gesammelt.“

(via @ichichich)

9 Facts Shatter the Biggest Stereotypes About Fat People

Die ewig gleichen Vorurteile mit den ewig gleichen Gegenargumenten. Je länger ich mich mit dem Thema beschäftige, desto mutloser werde ich, aber: Es hilft ja nix. Posten wir also weiter Artikel, die die Schauermärchen über dicke Menschen widerlegen. Möge es nützen. Irgendwann und irgendwem.

„If being fat were inherently bad for us, then weight loss should bring about innumerable health benefits. But that’s not always the case: Multiple studies have seen little to no connection between weight loss and decreased risk of mortality.

In fact, some studies have found that fat people are more likely to survive cardiac events and that being overweight can have a positive influence on longevity. What’s more, losing significant weight is very difficult, and intense yo-yo dieting can cause plenty of health problems, too. The conversation about weight-related health risks also frequently ignores the problems that thin or underweight people may face as well.

Extremes on either end of the scale carry risks, and no one doubts that eating a balanced diet and getting regular exercise are good things. On its own, however, weight is not the issue. Too much junk food combined with a sedentary lifestyle is, and it’s going to be regardless of one’s weight.“

(via @journelle)

#WM2014

Auf dem Weg vom Hamburger Zuhause zum nächstgelegenen Supermarkt.

engita

Well played, Italy.

gre

ghager

Ein Service der Hausgemeinschaft: jeweils die tagesaktuellen Spiele ausflaggen.

gerrus

bobcro

Wer keine Fahne hat, hat einen Schwamm.

Über was ich alles in epischer Breite hätte bloggen können, aber irgendwie keine Lust hatte, weswegen ihr jetzt ein paar Schnipsel kriegt, damit ihr nicht glaubt, ich würde nicht an euch denken

Ich habe in meinem Kurs „Mediengeschichte des 19. Jahrhunderts“ ein Referat über Die Gartenlaube gehalten und dafür eine 1,0 bekommen. Seit ich mich brav an die Anleitungen aus meinem tollen Basiskurs Neue Geschichte im letzten Semester halte, sind meine Profs äußerst zufrieden mit mir, und ich merke, wieviel leichter ich Referate verfassen und halten kann. Vielleicht sollte ich meiner ehemaligen Dozentin mal eine Dankeschön-Mail schreiben.

Ich habe mit den Herren @probek, @sammykuffour und @munifornication (Teile der #SektionKultur auf dem #tpmuc) den kompletten Cremaster Cycle von Matthew Barney gesehen. Momentan läuft die Ausstellung zu seinem neuen Film River of Fundament im Haus der Kunst, und weil das so ist, hat sich ein Student der Akademie der Bildenden Künste gedachte, das wäre doch toll, wenn man parallel zu seinem neuen Werk mal ein paar Klassiker von ihm zeigen könnte. Also schrieb er ganz simpel eine Mail an die Sammlung Goetz, das eins der vier (?) Museen weltweit ist, die alle Cremaster-Filme in ihrer Sammlung haben, die Sammlerin fand die Idee gut, holte das Haus der Kunst noch mit ins Boot und dazu die HFF, die ihr Audimax zur Verfügung stellte, um die Filme in anständiger Qualität zeigen zu können. Und so saßen wir an drei Abenden hintereinander in weichen Sesseln vor einer großen Leinwand, gucken umsonst fünf Filme, die Kunstgeschichte geschrieben hatten, und diskutierten danach stundenlang bei viel Wein über Kunst, Kultur und Kwatsch. Das war sehr schön.

In meinem Spaces-of-Experience-Kurs waren wir diese Woche in der Neuen Pinakothek. Beim Rumbummeln unterhielt ich mich mit mehreren Kommilitoninnen, denen es genau wie mir geht: Wir lieben die Alte Pinakothek und kennen brav die der Moderne, aber die Neue ist irgendwie das seltsam riechende Stiefkind, das man immer vergisst. Was fies und gemein ist, vor allem, weil in ihr wirklich großartige Werke hängen. Ihr Problem: Sie hat nicht die ganzen Alten Meister, für die auch Touris Geld bezahlen, und sie hat nicht die ganze zeitgenössische Kunst und Grafik und Design, sondern „nur“ das 19. Jahrhundert – das dafür aber in epischer Breite.

So schlenderten wir durch die Räume und so ziemlich jede von uns sagte irgendwann, ach, stimmt, das hängt ja auch hier, und das müsste man sich auch mal wieder genauer angucken, wir sprachen über Caspar David Friedrich, Honoré Daumier, Carl Theodor von Piloty und den Impressionismus, leider nicht über meinen Liebling Leibl, und dass wir alle früher irgendeine Monet-Postkarte über dem Schreibtisch hängen hatten. Ich blieb kurz bei meinem Lieblingsbild im Haus stehen und versprach ihm, jetzt echt aber bald mal wiederzukommen und musste bei der Comtesse de Sorcy daran denken, wie oft ich sie vor meinem inneren Auge habe.

Die Dame ist nämlich, zusammen mit Marquise de Pompadour in der Alten Pinakothek, meine Blaupause für „Kunst nach der Französischen Revolution“ versus „Kunst vor der Französischen Revolution“. Immer, wenn ich in der Bestimmungsübung rumhänge und irgendeinen Franzosen vor mir habe, denke ich an diese beiden Bilder. Sie sind – neben vielen anderen – zwei meiner liebsten Anker im Kopf, um die ich andere Bilder rumdatiere. Auch wenn mir Boucher so richtig auf den Zeiger geht; bei diesem Link, den ich vor einigen Monaten ungefähr eine Million Mal in meinen Mentions hatte, ist jede Erklärung natürlich Quatsch, aber bei Boucher nicht ganz so großer Quatsch. (Finde ich.)

Von Jacques-Louis David, dem Maler der Comtesse, kennt ihr übrigens garantiert noch ein Bild, nämlich das hier.

In einem anderen Kurs, genauer gesagt, in einer anderen Vorlesung, in der es um das fotografische Porträt geht, habe ich eine Künstlerin kennengelernt, die mich sofort fasziniert hat, wobei ich mit meiner Faszination mal wieder viel zu spät komme, denn die Dame ist a) inzwischen Mainstream und b) schon tot, aber wurst. Bitte gucken Sie sich mal Bilder von Francesca Woodman an.

Wo wir gerade so schön über Bilder reden: Katia Kelm schreibt darüber, wie man Bilder malt. Ich besitze drei Werke der Dame und fühle mich daher total als Sammlerin.

Der Tweet, der in den letzten Wochen die allermeisten Favs abgeräumt hat, ist der hier:

140610_tweet

Ich habe zwar in meinem Buch schon vor Ewigkeiten geschrieben, dass mir niemand, der mich in einem weiten Kaftan in 54 sieht, glaubt, dass ich darunter eigentlich eine 34 trage, aber so richtig geglaubt habe ich mir selber nicht. Irgendwie habe ich auch Jahre nach dem Foodcoaching gehofft, dass es doch Kleidung gibt, die mich irgendwie schlanker erscheinen lässt. Was natürlich Blödsinn ist und eigentlich weiß ich das auch, aber komplett über Bord geworfen habe ich diesen Müll erst vor wenigen Tagen, als ich mich zum ersten Mal in meinem Leben mit engen Leggings und einem kniekurzen Kleid an die Öffentlichkeit wagte. Und was soll ich sagen: Es sind keine Kleinkinder schreiend vor mir davon gelaufen, es sind keine Katzenbabys gestorben, die Welt ist nicht untergegangen und niemand musste an Augenkrebs dahinsiechen, weil eine dicke Frau in hübscher Kleidung unterwegs war. Ja, ich sehe aus, als wäre ich mit Drillingen schwanger, vor allem an den Unterschenkeln, aber meine Güte, war das herrlich, nicht in Jeans und Shirt bei 30 Grad rumzulaufen, sondern eben in einem Kleid und mit Sandaletten.

Und dafür habe ich mir mit 45 Jahren zum ersten Mal die Zehennägel lackiert. Das hier wird jetzt ein knallhartes Modeblog, denn mit Kunst kann man ja schließlich kein Geld verdienen.

Bücher April/Mai 2014

tartt

Donna Tartt – The Goldfinch

Der erste Roman von Donna Tartt, The Secret History, ist das Buch, das ich am meisten in meinem Leben verschenkt habe. Als ich es vor 20 Jahren das erste Mal las, habe ich es nicht aus der Hand legen können, es aber danach jeder und jedem aufgedrängt. Ich traue mich seit dieser Zeit nicht, es noch einmal zu lesen, denn ich habe es als eines der beeindruckendsten Bücher in Erinnerung, die ich je gelesen habe und den Eindruck möchte ich behalten.

Zehn Jahre später begann ich ihren zweiten Roman The Little Friend – und kam nicht über 100 Seiten hinaus. Keine Ahnung warum, aber das Buch hat bei mir überhaupt nicht funktioniert und ich war ein bisschen verstimmt, dass ich nach zehn Jahren Wartezeit nicht noch mal begeistert wurde. Was man als Leserin halt so macht mit Erwartungen an AutorInnen.

2013 erschien der dritte Roman Tartts: The Goldfinch. Und das ist wieder eines der Bücher, das ich jeder und jedem aufdrängen möchte. Das mag daran liegen, dass die Hauptfigur in diesem Werk keine Figur ist, sondern ein Gemälde: Der Distelfink von Carel Fabritius, das sich der 13-jährige Theo mit seiner Mutter in Museum anschaut, als eine Bombe explodiert und nichts mehr ist, wie es vorher war. Im Laufe des Buchs lernen wir seinen Vater kennen, bei dem er in Las Vegas lebt, seinen Schulkameraden, dessen Eltern ihn fast wie ein eigenes Kind behandeln – und dann doch gar nicht so, wir sehen Theo beim Großwerden zu und was das Erwachsensein und die damit verbundene Verantwortung mit ihm macht, aber bei all dem haben wir ein Bild im Hinterkopf, das Tartt meiner Meinung nach meisterhaft zusammenfasst:

„The wooden panel was tiny, ’only slightly larger than an A-4 sheet of paper’ as one of my art books had pointed out, although all that dates-and-dimensions stuff, the dead textbook info, was as irrelevant in this way as the sports-page stats when the Packers were up by two in the fourth quarter and a thin icy snow had begun to fall on the field. The painting, the magic and aliveness of it, was like that odd airy moment of the snow falling, greenish light and flakes whirling in the cameras, where you no longer cared about the game, who won or lost, but just wanted to drink in that speechless windswept moment. When I looked at the painting I felt the same convergence on a single point: a flickering sun-struck instant that existed now and forever. Only occasionally did I notice the chain on the finch’s ankle, or think what a cruel life for a little living creature – fluttering briefly, forced always to land in the same hopeless place.“

Während ich das Buch las, konnte ich nie beschreiben, was mich genau so daran fasziniert hat. Auch jetzt, nachdem das Leseerlebnis ein paar Wochen her ist, kann ich es nicht. Ich kann den Stil Tartts nicht in Worte fassen, ich weiß nicht, warum ich so an ihren Sätzen hänge. Vielleicht ist es ähnlich wie mit Bildern, von denen sie in The Goldfinch schreibt, dass die besten von ihnen sich für jeden anfühlen, als wären sie genau für sie oder ihn gemalt. Bilder, die 500 Jahre alt sind, Bilder, die fünf Jahre alt sind, ProfiguckerInnen, KunsthistorikerInnen, Unbeteiligte, die im Museum gelandet sind, weil es draußen regnet, für jeden von ihnen hängt ein Bild an der Wand, das bei ihnen bleibt. So fühlt sich The Goldfinch für mich an. Es ist für mich geschrieben worden.

„And in the midst of our dying, as we rise from the organic and sink back ignominiously into the organic, it is a glory and a privilege to love what Death doesn’t touch.“

sow

Noah Sow – Deutschland Schwarz Weiß: Der alltägliche Rassismus

Sow schreibt wütend über Rassismus, der sich manchmal als total gut gemeinte Diskussion um das N-Wort in Kinderbüchern tarnt, als echt überhaupt nicht diskriminierend gemeintes Schwarzschminken von weißen SchauspielerInnen, als hungerndes, großäugiges afrikanisches Kind in Anzeigen zur Weihnachtszeit, überhaupt das Wort „Afrika“, das mal eben locker diverse Länder und Kulturen unter einen Hut packt, wo Deutsche und Franzosen sich das wahrscheinlich verbeten würden, gemeinsam irgendwo unter „Europa“ subsumiert zu werden, weil wir ja total unterschiedlich sind (angeblich, keine Ahnung). Das Buch hat mich öfter überraschend können und ich war genauso oft dabei, mich an meine weiße, doch eigentlich aufgeklärte Nase zu fassen. Große Leseempfehlung.

ohff

Heinz Ohff – Der grüne Fürst: Das abenteuerliche Leben des Hermann Pückler-Muskau

Der Hermann von Pückler-Muskau war anscheinend ein toller Hecht – so klingt jedenfalls diese Biografie, die das Fanboytum leider nie ganz abschütteln kann. Ich mochte an dem Buch, dass es manchmal von der Person Pückler-Muskaus abschweift und ihn einordnet in seine Zeit und sein Land; das hätte von mir aus auch alles mit ein paar Sätzen mehr abgehandelt werden können. Es liest sich sehr entspannt weg, denn Ohff hat einen lockeren Plauderton drauf, der einen schön über die Seiten schunkeln lässt. Dabei lässt er aber manchmal ein bisschen Distanz vermissen. Ich hätte mich gefreut, den Fürsten auch mal hinterfragt zu sehen. Dass er ein alter Schwerernöter gewesen zu sein scheint, geschenkt – aber ich hätte gerne gewusst, warum sich so viele Damen auf ihn einließen und dass eine Beziehung oder noch besser Heirat zu dieser Zeit für Frauen so ziemlich die einzige Möglichkeit war, etwas aus sich zu machen. Ich hätte gerne etwas mehr über den Sklavenhandel erfahren, der es Pückler-Muskau ermöglichte, sich eine junge Frau zu kaufen und mit nach Preußen zu nehmen. Das politische und historische Umfeld bekommt ein bisschen Platz (wie gesagt, gerne mehr davon), aber das persönliche kommt mir deutlich zu kurz. Vielleicht weil es so schmeichelhaft und exotisch ist, aber genau diese Einordnung habe ich dem Buch etwas übel genommen.

Pückler-Muskau war außerdem ein begnadeter Gartenarchitekt – seine Parks gibt es heute noch (Branitz, Muskau) –, und wenn das schon sein großes Talent neben dem Schreiben war, hätte ich mich auch hier über mehr Details gefreut: Was genau ist das Tolle an seinen Parks? Worin unterscheiden sie sich von den bisher üblichen im entstehenden Deutschen Reich? Was hat er aus England und dessen Gärten mitgenommen oder verändert? Seine schriftstellerischen Leistungen kommen immerhin in ein paar Zitaten zu Wort, und die machen auch große Lust darauf, mehr von ihm zu lesen. Fazit also: kann man gut weglesen, taugt aber nur als kumpeliger Einstieg in die Person Pückler-Muskaus und seine Zeit. Vielleicht bin ich aber auch gerade nur von der Uni und ihren wissenschaftlichen Texten versaut.

Apropos wissenschaftliche Texte: Was ich sonst noch so gelesen habe, kommt jetzt ohne Rezension und Bildchen. Nicht, dass hier langsam der Eindruck einsteht, ich lese nix mehr. Ha, sage ich da nur, HA!

Barth, Dieter: Zeitschrift für alle. Das Familienblatt im 19. Jahrhundert. Ein sozialhistorischer Beitrag zur Massenpresse in Deutschland, Münster 1974.

Belgum, Kirsten: Popularizing the Nation: Audience, Representation and the Production of Identity in ‚Die Gartenlaube‘, 1853–1900, Lincoln/Nebraska 1998.

Boeckelmann, Walter: „Zur Konstruktion der Fensterbank- und Leibungsschrägen in der Einhartsbasilika zu Steinbach im Odenwald“, in: Kunstgeschichtliches Institut der Johannes-Gutenberg-Universität Mainz (Hrsg.): Karolingische und ottonische Kunst. Werden, Wesen, Wirkung, Wiesbaden 1957, S. 141–149.

Brückner, Wolfgang: „Trivialisierungsprozesse in der bildenden Kunst zu Ende des 19. Jahrhunderts, dargestellt an der ‚Gartenlaube‘“, in: De la Motte-Haber, Helga (Hrsg.): Das Triviale in Literatur, Musik und bildender Kunst, Frankfurt/Main 1972, S. 226–254.

Brugger, Walter/Von Bomhard, Peter: „Bau- und Kunstgeschichte des Klosters Frauenchiemsee“, in: Brugger, Walter/Weitlauff, Manfred (Hrsg.): Kloster Frauenchiemsee 782–2003. Geschichte, Kunst, Wirtschaft und Kultur einer altbayerischen Benediktinerinnenabtei, Weißenhorn 2003, S. 521–612.

Burandt, Walter: „Bauforschung am Portal der Klosterkirche“, in: Dannheimer, Hermann: Frauenwörth. Archäologische Bausteine zur Geschichte des Klosters auf der Fraueninsel im Chiemsee, München 2005, S. 373–383.

Dannheimer, Hermann: „Ludwig oder Tassilo? Archäologische Beobachtungen zur Baugeschichte der Torhalle des Klosters Frauenwörth“, in: Bayerische Vorgeschichtsblätter 68 (2003), S. 123–128.

Dannheimer, Hermann: „Die Kirche“, in: Dannheimer, Hermann: Frauenwörth. Archäologische Bausteine zur Geschichte des Klosters auf der Fraueninsel im Chiemsee, München 2005, S. 10–41.

Dannheimer, Hermann: „Die Klöster auf den Chiemsee-Inseln“, in: Sennhauser, Hans Rudolf (Hrsg:) Pfalz – Kloster – Klosterpfalz. St. Johann in Müstair: Historische und archäologische Fragen. Tagung 20.–22. September 2009 in Müstair. Berichte und Vorträge, Zürich 2010, S. 127–137.

Dopsch, Heinz: „Gründung und Frühgeschichte des Klosters Frauenchiemsee bis zum Tod der seligen Irmengard“, in: Brugger, Walter/Weitlauff, Manfred (Hrsg.): Kloster Frauenchiemsee 782–2003. Geschichte, Kunst, Wirtschaft und Kultur einer altbayerischen Benediktinerinnenabtei, Weißenhorn 2003, S. 29–55.

Dopsch, Heinz: „Die Frühgeschichte der Chiemseeklöster und die historischen Quellen“, in: Sennhauser, Hans Rudolf (Hrsg:) Pfalz – Kloster – Klosterpfalz. St. Johann in Müstair: Historische und archäologische Fragen. Tagung 20.–22. September 2009 in Müstair. Berichte und Vorträge, Zürich 2010, S. 139–145.

Exner, Matthias: „Die früh- und hochmittelalterlichen Wandmalereien im Kloster Frauenchiemsee“, in: Brugger, Walter/Weitlauff, Manfred (Hrsg.): Kloster Frauenchiemsee 782–2003. Geschichte, Kunst, Wirtschaft und Kultur einer altbayerischen Benediktinerinnenabtei, Weißenhorn 2003, S. 115–153.

Fahle, Hanna: Geschichte der Abtei Frauenwörth ab 782, Lindenberg im Allgäu 2009.

Gruppe, Heidemarie: „Volk“ zwischen Politik und Idylle in der „Gartenlaube“ 1853–1914, Frankfurt/Main u. a. 1976.

Jacobsen, Werner u. a. (Hrsg.): Vorromanische Kirchenbauten, München 1991.

Kirschstein, Eva-Annemarie: Die Familienzeitschrift. Ihre Entwicklung und Bedeutung für die deutsche Presse, Berlin 1937.

Koch, Marcus: Nationale Identität im Prozess nationalstaatlicher Orientierung. Dargestellt am Beispiel Deutschlands durch die Analyse der Familienzeitschrift „Die Gartenlaube“ von 1853–1890, Frankfurt/Main u. a. 2003.

Lobbedey, Uwe: „Buchbesprechung“, in: Zeitschrift für Kunstgeschichte 31 (1966), S. 238–245.

Milojčić, Vladimir: Bericht über die Ausgrabungen und Bauuntersuchungen in der Abtei Frauenwörth auf der Fraueninsel im Chiemsee 1961–1964, München 1966.

Oswald, Friedrich: „Beziehungen der Klosterkirche Frauenchiemsee zur Baukunst Oberitaliens im 11. Jahrhundert“, in: Zeitschrift für Kunstgeschichte 29 (1966), S. 311–314.

Oswald, Friedrich: „Zur Forschungssituation von Frauenwörth im Chiemsee nach dem Erscheinen der Publikation ‚Hermann Dannheimer: Frauenwörth. Archäologische Bausteine zur Geschichte des Klosters auf der Fraueninsel im Chiemsee‘“, in: Kunstchronik: Monatsschrift für Kunstwissenschaft, Museumswesen und Denkmalpflege. Mitteilungsblatt des Verbandes Deutscher Kunsthistoriker 62 (2009), S. 20–31.

Sedlmayr, Hans: „Die Fresken“, in: Milojcic, Vladimir: Bericht über die Ausgrabungen und Bauuntersuchungen in der Abtei Frauenwörth auf der Fraueninsel im Chiemsee 1961–1964, München 1966, S. 253–274.

Strobel, Richard/Weis, Markus: Romanik in Altbayern, Würzburg 1994.

Zimmermann, Magdalene: Die „Gartenlaube“ als Dokument ihrer Zeit, München 1967.

Alle Links zu Amazon sind Affiliate Links.

Kunst gucken: PLAYTIME, Kunstbau im Lenbachhaus, München

(Dieser Eintrag steht auch in meinem Zweitblog, wo die Bilder etwas größer sind.)

Der Kurs Spaces of Experience wird immer mehr zur Wundertüte. Am Anfang dachte ich, naja, da gucken wir uns halt ein paar Museen an, was soll sich da schon groß unterscheiden, das sind ja immer Räume mit Zeug drin, aber je länger der Kurs dauert, desto spannender werden die Einblicke. Wir waren zum Beispiel in der Alten Pinakothek, wo wir über den Einfluss von Wandfarben und Licht auf die Kunstrezeption sprachen. Danach kam das Bayerische Nationalmuseum dran, in dem ich die sogenannten period rooms kennenlernte – also Räume, die so gar nicht dem heute gewohnten white cube entsprechen, sondern Räume, die die BesucherInnen in eine bestimmte Stimmung versetzen sollen, indem durch Einrichtung und Gestaltung des Raums eine Epoche erweckt wird. So gibt es Räume, die an eine gotische Kirche erinnern, wieder andere sind im Stil von römischen Thermen gestaltet, und ein dritter ist quasi selbst das Ausstellungsstück: Die Holzvertäfelung der Augsburger Weberstube wurde auf eine eigens dafür gestaltete Wand aufgebracht, so dass man sich wirklich wie im 15. Jahrhundert fühlt. Was eine wissenschaftliche Auseinandersetzung aber erschwert – der Kurator erwähnte, dass man die Wandvertäfelung natürlich auch auf ein Stahlgerüst hätte anbringen können, aber das war Ende des 19. Jahrhunderts – aus der Zeit stammt der Raum – noch nicht en vogue.

Dann kam die Hypo-Kunsthalle, die sich von den bisherigen Museen dadurch unterschied, dass sie keine ständige Sammlung hat, was die Organisation von Ausstellungen erschwert. Normalerweise laufen die Deals zwischen Museen flapsig ausgedrückt so: „Leihst du mir deinen Kirchner, leihe ich dir meinen Picasso.“ Diese Möglichkeit hat die Hypo-Kunsthalle nicht, weswegen sie meist mit anderen Museen kooperiert, das heißt, eine Ausstellung findet nacheinander an zwei Orten statt. Was das andere Museum davon hat? Ganz simpel: mehr Einnahmen. Ein Beispiel: Bei einer Kooperation mit dem Kunsthistorischen Museum in Wien waren die Einnahmen durch Kataloge deutlich höher als bei einer Einzelausstellung im KHM – aus dem schlichten Grund, dass das KHM eher eine Touristenattraktion ist. Touris gucken sich die Kunst pflichtschuldig an, wollen aber keinen schweren Katalog mit nach Hause schleppen. Die Hypo-Kunsthalle wird eher von MünchnerInnen besucht bzw. Menschen, die gezielt diese eine Ausstellung sehen wollen, und die geben dann auch mal 40 Euro aus und tragen drei Kilo Papier in die U-Bahn. Schon werden deutlich mehr Kataloge zur gleichen Ausstellung verkauft und beide Museen haben was davon.

Was ich an dem Haus auch spannend finde, ist seine variable Ausstellungsarchitektur. Die Räume sind sehr wandelbar, weswegen ich bei der von uns besuchten Dix-Beckmann-Ausstellung auch fast in den Ausgang anstatt in den Eingang gelaufen wäre, denn der lag bei meinem letzten Ausstellungsbesuch (Pracht auf Pergament, 1000 Jahre alte Bücher) eben am anderen Ende. Diese Ausstellung kam für mich etwas früh; jetzt, mit meinem ganzen frisch erworbenen Mittelalterwissen, könnte ich sie viel mehr würdigen. Aber ich war ja damals schon eine brave Besucherin und habe 40 Euro für drei Kilo Papier ausgegeben und kann mir daher jetzt immerhin noch den Katalog angucken.

Dann kam das Haus der Kunst und die Matthew-Barney-Ausstellung zu seinem Film River of Fundament, die mich überraschenderweise doch beeindruckt hat (hatte ich nicht erwartet). Hier fand ich natürlich besonders die Geschichte des Hauses spannend, die inzwischen auch wieder sichtbar ist. Wo nach dem 2. Weltkrieg versucht wurde, die klassische Nazi-Architektur zu verschleiern, wurde nach und nach bewusst zurückgebaut. Blöderweise habe ich mir ausgerechnet das Wort „Blutwurstmarmor“ für die rostroten Säulenverkleidungen gemerkt. Und noch mehr sinnloses Wissen: Die Fliesengröße der Fußböden ist im ganzen Haus unterschiedlich, je nachdem wie langsam oder schnell man die BesucherInnen an den Werken vorbeiführen will. In der ehemaligen Ehrenhalle – die heutige Mittelhalle, also der Riesenraum, in den man reinkommt, wenn man geradeaus durchgeht – sind die Fliesen ungefähr ein mal einen Meter groß: perfekte Stechschrittweite. Im ersten Stock, wo die kleinen Bildwerke hängen, sind es ungefähr 50 mal 50 Zentimeter, damit man sich möglichst langsam bewegt. Und im Erdgeschoss, da wo jetzt gerade Barney vor sich hinmonumentiert, liegen Fliesen, die ungefähr 65 mal 65 Zentimeter groß sind: die „Schlenderfliesen“. Der Begriff ist seit dem Besuch gnadenlos in meinem Wortschatz.

lenbach_TimeClock_500

Tehching Hsieh, „One Year Performance 1980-1981 (Waiting to Punch the Time Clock)“
Photograph by Michael Shen
© 2014 Tehching Hsieh
Courtesy the artist and Sean Kelly, New York

Letzten Mittwoch besuchten wir den Kunstbau des Lenbachhauses, also diesen lustigen Ausstellungsraum an der U-Bahn-Station Königsplatz, wo man aus dem Haus raus auf die Rolltreppen zur U-Bahn guckt und umgekehrt die U-Bahn-Gäste beim Runterfahren ein bisschen Kunst mitkriegen. Die Ausstellung: PLAYTIME. Ich zitiere von der Ausstellungswebsite (Binnen-I, yay):

„Arbeit verspricht nicht nur Selbstverwirklichung, sondern auch soziale Anerkennung und gesellschaftliche Teilhabe. Nicht zuletzt deshalb hat in den letzten Jahrzehnten eine enorme Entgrenzung zwischen Arbeit und Privatleben stattgefunden. Das Paradox von Arbeit liegt heute vor allem darin, dass der arbeitende Mensch durch die zunehmende Automatisierung und Technisierung überflüssig zu werden scheint, während gleichzeitig alles zu Arbeit wird. (…)

Die Ausstellung PLAYTIME knüpft an die in Jacques Tatis gleichnamigen Film geäußerte, feinsinnige Kritik der modernen Arbeitswelt an und stellt verschiedene Fragen: Wie setzen sich KünstlerInnen unterschiedlicher Generationen und Hintergründe mit dem Thema Arbeit auseinander? Was bedeutet künstlerisches Arbeiten heute? Und inwiefern unterscheidet sich künstlerische Arbeit von anderen Formen der Arbeit?“

Die Ausstellung versammelt Videokunst, Zeichnungen, Fotografien, Dokumentationen von Performances und Objektkunst und ist damit von vornherein sehr abwechslungsreich. Noch spannender sind natürlich die einzelnen Auseinandersetzungen mit dem Thema – und für mich als Kursteilnehmerin bzw. Studentin wie immer die Hintergrundinfos bzw. Diskussionen mit der Kuratorin. So habe ich zum Beispiel noch nie darüber nachgedacht, ob es sich um verschiedene Kunstwerke handelt bzw. sich das Wesen des Werks ändert, wenn sich das Medium ändert, mit dem es wiedergegeben wird.

Eines meiner liebsten Werke war Martha Roslers Semiotics of the Kitchen von 1975 (hier auf YouTube zu sehen), das ich im letzten Semester im Kurs über amerikanische Kunst seit 1945 kennengelernt habe. Dieses Werk habe ich zum ersten Mal vollständig in einem Ausstellungskontext gesehen und das fühlte sich ein bisschen an wie einen Klassiker zu lesen. Rosler setzt sich mit der Rolle der Frau auseinander, die traditionell in der Küche verortet ist. Sie zeigt, wie auf Shopping-Kanälen, verschiedene Küchenutensilien in alphabetischer Reihenfolge in die Kamera, nutzt sie aber nicht so, wie wir heute im Zeitalter von kuscheligen Foodblogs eine Pfanne oder ein Messer zeigen würden, sondern geht aggressiv mit ihnen um bzw. nutzt harte, abgesetzte Bewegungen statt des klischee-igen Umgangs, den man erwartet. Wir haben uns generell bei den Videoinstallationen gefragt, ob es noch das gleiche Kunstwerk ist, wenn es von einer DVD abgespielt wird. Es gibt durchaus KünstlerInnen, die genau vorgeben, wie ihr Werk wiedergegeben werden soll – auf welchem Gerät welcher Bauweise, in welchem Abstand stehen eventuell Sitzgelegenheiten davor oder eben nicht, soll der Raum dunkel sein, muss es überhaupt ein Extraraum sein usw. Gehört die Wiedergabe des Werks noch zum Inhalt oder ist es eine Äußerlichkeit, die verhandelbar ist?

Ein weiteres Kunstwerk hat mich länger beschäftigt: Tehching Hsieh hat mit seinem Time Clock Piece eine einjährige Performance geschaffen, die viele Dokumente erzeugte. Sein Werk: ein Jahr lang, jeden Tag zu jeder vollen Stunde eine Karte in einer Stempeluhr stempeln. Was mich so irre macht an diesem Werk, ist der schiere Aufwand an körperlicher und geistiger Kraft, die dazu nötig ist, ein Jahr lang nie richtig durchzuschlafen und nichts wirklich machen zu können, weil es alle 60 Minuten unterbrochen wird. Von einem Jahr ausgesprochener Anstrengung bleibt nichts übrig, was irgendeinen Nutzen hat, wenn man schlichte kapitalistische Maßstäbe anlegt. Was stattdessen übrig bleibt, sind Berge von Stempelkarten, ein Video, das den Künstler bei jedem Stempeln zeigt sowie Fotos, auf denen das gleiche zu sehen ist. Hier fand ich eben diese Dokumente spannend, denn Hsieh überlässt es den jeweiligen Museen, was sie von diesem Werk ausstellen: alles? Nur eine Stempelkarte oder 150? Nur das Video und nicht die Bilder? Nur ein paar Bilder und kein Video? Ich finde dieses flexible Kunstwerk sehr interessant, mal abgesehen von der Performance an sich, die mir fassungslose Bewunderung abringt.

lenbach_HUMAN_RESOURCES500

Julian Röder, from the series: „Human Resources“, 2007–2009
backlight illuminated A1A transfer print in aluminium frame, 70 x 50 cm
Courtesy the artist and Russi Klenner, Berlin

Ich habe mich gefreut, mal einen Blick auf Andrea Frasers Untitled von 2003 werfen zu können, denn davon hatte selbst ich, die immer noch erschreckend ungebildet ist, was zeitgenössische Kunst angeht, etwas gehört. Ich zitiere die Künstlerin, die den Begleittext zu ihrem Werk selbst verfasste:

„Das Projekt Untitled begann im Herbst 2002, als Fraser den Galeristen Friedrich Petzel bat, einen Sammler zu finden, der an einem Projekt partizipieren würde, bei dem dieser Sex mit der Künstlerin in einem Hotelzimmer haben würde und die Begegnung auf einem vorab gekauften Videoband dokumentiert werden sollte. Der Verkauf war arrangiert und die Künstlerin und der Sammler trafen sich in einem Hotel in New York Anfang 2003. Das entstandene Video, das bis auf die Löschung des Tons unbearbeitet blieb, wurde als Kunstwerk definiert; von der Auflage von fünf erhielt der teilnehmende Sammler die Auflagennummer 1/5.“

Fraser stellt das Werk nur noch äußerst selten in Sammelausstellungen aus; stattdessen ist es fast ausschließlich in ihren Werkschauen zu sehen. Umso mehr hat es mich gefreut, es im Kunstbau zu finden. Auch hier ist die Aufstellung wichtig: Man sieht dem tonlosen Video auf einem kleinen Monitor zu, der in Kniehöhe in einer Ecke gedrängt steht. Man kann sich nicht hinsetzen und entspannt einem Geschlechtsakt zugucken, sondern lungert irgendwie komisch-voyeuristisch im Museumsgang rum. In unserer Gruppe kam die Frage nach dem Jugendschutz auf, woraufhin die Kuratorin erklärte, dass man sich bewusst gegen irgendwelche Hinweisschilder entschieden habe, sondern die Menschen an der Kasse angewiesen sind, Familien mit Kindern oder Jugendliche darauf hinzuweisen, welche Art Material zu sehen sein wird. Die Idee fand ich sehr gut; das Kunstwerk bekommt so keinen seltsamen Schmuddelcharakter, und einen persönlichen Hinweis finde ich eh netter als noch mehr Schilder bzw. Text an den Wänden. Wobei ich dessen Menge sehr angenehm fand.

2014_Playtime500

Ausstellungsansicht PLAYTIME
Dieter Roth, „Solo Szenen“
Dan Perjovschi, „Still Drawings Moving News“
Foto: Lenbachhaus
Städtische Galerie im Lenbachhaus, München

Weitere Lieblinge der Ausstellung waren die Bürozeichnungen von Peter Piller, die zwischen 2000 und 2004 entstanden. Als Angestellter einer Medienagentur verarbeitete er den schnarchigen Büroalltag auf dem Firmenbriefpapier, das jetzt mit Sätzen und Bildern versehen gerahmt im Museum hängt. Oder die Fotoserie Human Resources von Julian Röder. Erst in dieser Ausstellung ist mir die Perfidie dieses Begriffs so richtig aufgefallen. Außerdem die Wandbemalung von Dan Perjovschi. Er gestaltete, mit dicken Eddings ausgestattet, die Wandfläche direkt am Eingang und stimmt einen so auf die Ausstellung ein. Mir kam sein Werk zwar eher politisch motiviert vor anstatt dass es dem Motto der Ausstellung folgte, aber vielleicht ist es bei ihm eher die Arbeit des Wandbeschriftens an sich und nicht so sehr der Inhalt, der passt. Er leistet für die Ausstellung eine Arbeit, und mit dem Ende der Schau endet auch sein Werk, denn die Wände werden wieder überstrichen. Das fasst er übrigens selbst ganz rechts unten in der Ecke zusammen: “They pay me to mess with their walls, can you believe it?”

PLAYTIME läuft noch bis zum 29. Juni. Den Katalog kann man sich tollerweise für lau als eBook runterladen. Keine 40 Euro, keine drei Kilo Papier.

Links vom 20. Mai 2014

Was machen die da: Markus Trapp, Stabsstelle Social Media

Auf Was machen die da könnte ich eigentlich jede Woche verlinken, das ist immer faszinierend. Dieses Mal besonders, jedenfalls für mich. Im Rahmen des Studiums lungere ich neuerdings sehr gerne in Bibliotheken rum. Im Historicum weiß ich, die Luft ist gut und man kriegt immer einen Platz, in der Stabi gibt es jedes Buch dieses Planeten (und jede Zeitschrift), in der KuGi-Bib sind die bequemsten Stühle der ganzen Uni, in der Musikwissenschaft kann man über Kopfhörer Klavier spielen, in der Zentralen Lehrbuchsammlung sitzt man um ein Atrium rum und hört den Windows-Startton über vier Stockwerke weg, und am vergangenen Wochenende lernte ich auch mal die Germanistik-Bib kennen, in der diese langen Leitern auf Rollen an den Regalen stehen, auf denen man bis unter die Decke klettern kann. Das wollte ich schon immer mal machen!

Wo ich auch gerne rumhänge: in digitalen Bibliotheken. Ich bin völlig fasziniert davon, was zum Beispiel die Bayerische Staatsbibliothek alles digitalisiert hat bzw. zu welchen Aufsatzdatenbänken ich über die UB Zugang habe. Wenn ich jemals nicht mehr studieren werde (kann ich mir gerade gar nicht vorstellen), brauche ich Bibliotheksausweise, bis mein Portemonnaie quietscht. Auf diesen Berg an Wissen will ich nie wieder verzichten müssen.

Darum geht’s zwar eigentlich gar nicht im Beitrag über Herrn Trapp, den ich eher als @textundblog kenne, aber ich dachte, ich erzähle euch das trotzdem mal, wie toll Bibliotheken sind. Die Stabi in Hamburg, in der Trapp arbeitet, ist auch toll, und mein Lieblingsschließfach ist Dante.

„Wir haben Zeitungsdigitalisierungsprojekte, wo mehrere Millionen Zeitungsseiten aus dem 19. und 20. Jahrhundert eingescannt werden, die man dann mit Volltextrecherche abfragen kann, das sind spannende Sachen. Da brauche ich Leute, die mir das sagen. Die mir sagen, wir haben hier gerade was, das wär doch was fürs Blog. Am Anfang habe ich von ganz vielen Kollegen Mails bekommen wie: »Herr Müller hat gesagt, ich soll Ihnen was schicken fürs Blog«, und da merkst du schon, die wollen das gar nicht, sie finden das doof, aber sie haben es aufgedrückt bekommen. Ich sehe meinen Job darin, den Leuten nicht mit dem Zeigefinger zu sagen, ihr müsst doch sehen, dass das wichtig ist, sondern ich versuche erstmal, sie zu verstehen. Ich merke, für die ist das alles Humbug.

Viele denken, wer ins Internet schreibt, hat zu viel Zeit, das ist unseriös. Aber sie geben mir ihre Informationen, ich mache einen Blogartikel draus und versuche, das ein bisschen aufzubereiten, damit es schön aussieht. Dann schicke ich ihnen den Link und schreibe: vielen Dank für das Material, gucken Sie nochmal drüber, ob alles in Ordnung ist, und dann wird es online geschaltet. Das bringt die auch noch nicht hinterm Ofen hervor. Aber dann passiert es ganz oft, dass Leute im Netz begeistert sind. Dass sie twittern: »boah, ich bin hier seit 4 Stunden in den historischen Karten der Stabi unterwegs«. Und dann kriegt diese Frau Müller eine Mail von mir: »gucken Sie mal, hier haben Sie jemanden glücklich gemacht«. Zwei Wochen später schreibt sie mir: »wir haben jetzt noch mal ein paar neue Karten digitalisiert, wollen Sie da noch mal drauf hinweisen?« Und dann merke ich, die bekommen jetzt mit, dass das wirklich etwas Sinnvolles ist. Die Leute nutzen unsere Angebote ja, es werden eben auch auf Twitter und Facebook nicht nur Essensbilder gepostet oder Gute Nacht und Guten Morgen.

Kaiser Ludwig in München

Eins meiner liebsten Geschichtsseminare, in der ich die ganzen Grundwissenschaften wie Urkundenlehre (Diplomatik) oder Schriftkunde (Paläografie) usw. lerne, hat als Oberthema Ludwig IV., besser bekannt als Ludwig der Bayer. In München kommt man gerade nicht um ihn rum, denn wir feiern sein 700. Königskrönungsjubiläum (Kaiser wurde er 1328); vor einigen Tagen eröffnete eine große Ausstellung über ihn in Regensburg, und seit gestern ist eine Browser-App online, die ein LMU-Geschichtsseminar im letzten Semester erstellt hat. Mit ihr kann man durch München wandern und Stätten entdecken, an denen Ludwig gewirkt hat oder wo noch etwas von ihm oder seiner Regentschaft zu sehen ist.

PS: Das Bild, das auf der Startseite der App bzw. im Browser angezeigt ist, ist die älteste bekannte Stadtansicht Münchens von 1493 aus der Schedel’schen Weltchronik.

William Morris

Ihr solltet einfach alle William Morris kennen und euch vor allem seine Stoffmuster in der William Morris Gallery angucken.

Bonuscontent

Bilder vom Königsplatz schaden ja nie. Über den bzw. meine Zuneigung zu ihm müsste ich auch mal bloggen.

Kresse-Brot-Gnocchi mit grünem Spargel

Zum Geburtstag bekam ich nicht nur Kochbücher zu indischer und libanesischer Küche, sondern auch zu was total Benachbartem: Bayern. Einmal das Bayerische Kochbuch, das wahrscheinlich in jedem zweiten Haushalt hier im Süden rumsteht und das sich so liest, als hätten schon Urgroßmütter daraus gekocht (was ja nicht schlecht ist). Und dann das hier: Die neue Bayrische Küche, eine moderne Variante – so modern, dass das „e“ hinter dem „y“ fehlt, was mich immer irre macht, auch wenn zum Beispiel Lion Feuchtwanger das auch gemacht hat, aber das ist Feuchtwanger, der darf das. Was ich sagen wollte: Mein erstes Rezept aus dem zweiten Buch waren Semmelknödel, die ganz hervorragend geschmeckt haben, auch wenn meine Wickeltechnik noch zu wünschen übrig ließ. Mein zweites Rezept daraus waren die folgenden Gnocchi, die ich etwas verändert habe.

brotgnocchi

Ich glaube, die Menge reicht für zwei bis drei Personen als kleine Hauptspeise. Ich habe alles halbiert und noch Spargel dazu gemacht, danach war ich sehr satt.

180 g Weißbrot grob würfeln und in der Küchenmaschine fein zerhacken. In meiner Münchner Küche* gibt es keine Küchenmaschine, aber ich habe festgestellt, dass man auch mit dem Pürierstab aus grob gehackten Brotwürfeln Brösel machen kann, ich Fuchs.

Zum Brot
2–3 Eier,
160 g Quark und
30 g geriebenen Parmesan geben und alles vermischen. Mit
Salz und
Pfeffer würzen.

Das Buch wollte dann 40 g Petersilie, fein gehackt und kurz blanchiert, dazugeben. Ich habe stattdessen ein Töpfchen frische Kresse, fein gehackt, aber unblanchiert, in den Teig gegeben.

Aus dem Teig mit bemehlten Händen (ging bei mir auch so) kleine Bällchen formen. Also kleiner als die, die ich fürs Foto gemacht habe, wobei da auch die Perspektive ein bisschen fies ist. Das Buch wollte irgendwas mit Teelöffeln abstechen, aber so einen Firlefanz mache ich nicht. Wozu hab ich denn Hände.

Einen großen Topf mit Wasser zum Kochen bringen, ordentlich salzen und die Gnocchi ungefähr fünf Minuten leicht sprudelnd ziehen lassen. Mit einer Schöpfkelle herausnehmen, kurz in einer Pfanne mit Butter schwenken und mit Parmesanspänen servieren.

Bei mir gab’s noch grünen Spargel dazu, den ich mit zwei Knoblauchzehen und ordentlich Meersalz angebraten und zum Schluss mit ein bisschen Zitronensaft abgelöscht habe.

Alle Links zu Amazon sind Affiliate Links.

* Ursprünglich stand hier „Münchner Dritte-Welt-Küche“. Das sollte eine scherzhafte Anspielung darauf sein, dass ich hier deutlich weniger Gerätschaften, Geschirr und Arbeitsfläche zur Verfügung habe als in unserer Hamburger Küche, die aus zwei zusammengeworfenen Haushalten plus tollen neuen Dingen besteht. Ob der Scherz gelungen war, überlasse ich euch, aber an dem Begriff „Dritte Welt“ hatte meine Leserin Melanie etwas auszusetzen – und das zu Recht. Wieder was gelernt. Danke für den Hinweis.

Warum hier zwei Wochen nichts los war

Mich hatte ein Referat im Griff.

In meinem Kunstgeschichtskurs über bayerische Klöster seit den Karolingern wurden nicht wie sonst in der ersten Semesterwoche die Referate verteilt, sondern erst in der zweiten Sitzung. Und da Frau Naseweis ja unbedingt das Mittelalter wollte, wurde ihr Referatwunsch entsprechend quittiert: „Gut, dann sind Sie in zwei Wochen die erste.“ Ächz.

Zwei Wochen hört sich nach viel Zeit an (jedenfalls war halb Twitter dieser Meinung), aber ich habe in den letzten Semestern festgestellt, dass ich mit mindestens drei Wochen am besten arbeite. In der ersten Woche lese ich kreuz und quer alles, was mir unter die Finger kommt, am liebsten Aufsätze, denn die sind kürzer als Bücher und schon sehr speziell, was es mir erleichtert, eine ebenso spezielle Fragestellung zu entwickeln, mit der ich mich im Referat beschäftigen möchte. Außerdem dient die erste Woche dazu, in der Unibibliothek und der Stabi alles zu bestellen, was ich klicken kann und dann drei bis fünf Tage darauf zu warten, dass die Bücher in meinem Abholfach liegen.

In der zweiten Woche, in der ich so gut wie alles Material habe, das ich brauche, lese ich gründlicher bzw. suche gezielter nach Antworten auf die Frage, die ich hoffentlich inzwischen formuliert habe. Meist finde ich in Fußnoten noch weitere Literatur, in die ich mal reingucken will, und da ich ja noch über eine Woche Zeit bis zum Referat habe, klappt das meistens auch.

In der dritten Woche steht mein Referat schon ziemlich. Ich halte es mir selbst einmal, wobei ich grundsätzlich merke, was geht und was nicht: Wo muss ich Inhalte vorziehen oder zurückstellen, damit mir meine ZuhörerInnen folgen können, wo brauche ich ein Bild, wo nicht und was muss ich kürzen, damit ich nicht länger als die geforderten 20 Minuten werde. Ich musste bis jetzt immer kürzen: Wo ich am ersten Tag denke, keine Ahnung, wie ich jemals die Zeit rumkriegen soll, habe ich schon nach wenigen Tagen meist genug, um eine Stunde zu reden.

Wenn das Referat steht, bastele ich die Präsentation dazu. In Kunstgeschichte wollen wir immer Bilder sehen, in Geschichte war das bisher noch nicht nötig, aber das ändert sich vermutlich nächste Woche, denn da steht lustigerweise schon das nächste Referat an, weswegen es hier wahrscheinlich nach diesem Eintrag wieder ruhiger wird. Nach der Präsentation kommt noch das Handout für die KommilitonInnen, das quasi aus meinem Referat besteht, das ich auf Stichpunkte runterkürze und mit einer kleinen Literaturliste versehe.

Was ich an drei Wochen Zeit auch schätze, ist die Möglichkeit, zwischendurch einen Tag alles liegenlassen zu können. Ich mag es sehr gerne, den Kopf alleine weiterarbeiten zu lassen, während ich mich um andere Dinge kümmere, um dann nach einem Tag Pause frisch auf alles draufzugucken. Die drei Wochen geben mir auch einen kleinen Puffer, falls einer der hirntoten Tage kommt, an denen nichts geht. Das kenne ich schon von der Arbeit: Es gibt einfach Tage, an denen weißt du, dass du jeden Satz, den du jetzt gerade schreibst, morgen wieder löschst, weil er fürchterlich ist. Das beunruhigt mich nicht mehr so wie früher, weil ich weiß, dass das nur eine Phase ist. Diese Ruhe habe ich an der Uni aber noch nicht, weil ich mich da um lauter Themen kümmere, um die ich mich vorher noch nie gekümmert habe. In der Werbung, gerade wenn es um Autokataloge geht, weiß ich, was auf mich zukommt. In meinen Referaten weiß ich das nicht, da finde ich dauernd neue Fakten und Daten und lustige Einzelheiten, die ich gestern noch nicht wusste und die manchmal meine schöne These ruinieren, weswegen ich noch mal neu rangehen muss. Und dann ist es praktisch, wenn man drei Wochen Zeit hat.

Zu guter Letzt bietet mir diese Zeit auch die Möglichkeit, über den Tellerrand wegzugucken: Ich befasse mich nicht nur mit meinem speziellen Thema, sondern schaue mir auch das Umfeld an. Bei Hans Memling also: Was hat er von seinem (vermuteten) Lehrmeister Rogier van der Weyden mitgekriegt und wie malten die Italiener zu seiner Zeit? Bei Archipenko: Wie sah die Kunstszene in Paris und Berlin in den Zehnerjahren des 20. Jahrhunderts aus, was machten Picasso, Brancusi und Gris gerade? Und bei den German Sales: Wie sehen andere Datenbanken aus, was Inhalte und Funktionalität angeht? Ich sitze dann vorne nicht wie ein Fachidiot, sondern kann einschätzen, wo sich mein Thema einordnet.

Das ging dieses Mal alles nicht. Zusätzlich lag der 1. Mai in meiner Vorbereitungszeit, an dem alle Bibliotheken geschlossen haben, und von den wichtigen Büchern konnte ich mir gerade eins ausleihen, alle anderen standen im Historicum oder meiner geliebten KuGi-Bib, was mir aber am Feiertag so gar nichts brachte. Netterweise war ausgerechnet der 1. Mai der Tag, an dem mein Kopf überhaupt keine Lust hatte, weswegen das nicht weiter schlimm war. Trotzdem war es wieder ein Tag weniger, und ich war eh schon nervös genug, denn übermäßig viel Literatur hatte ich nicht gefunden, vor allem kaum wirklich neue, was der Dozent explizit gefordert hatte: „Nichts, was älter ist als zehn Jahre.“

grundriss
(Grundrissrekonstruktion der ersten Klosterkirche. Quelle: Dannheimer, Hermann: Frauenwörth. Archäologische Bausteine zur Geschichte des Klosters auf der Fraueninsel im Chiemsee, München 2005, S. 40.)

Mein Thema war das Kloster Frauenwörth auf Frauenchiemsee. Die Ansage: „Was wissen wir eigentlich über Torhalle und Kirche?“ Ich suchte im OPAC also brav nach dem Kloster, fand eine Aufsatzsammlung von 2003 und entschied, die geht gerade noch, sowie einen Ausgrabungsbericht von 2005. Der brachte mich zu einem Grabungsbericht von 1966, und zusätzlich fand ich Rezensionen zu diesen Berichten, die die wissenschaftliche Diskussion der letzten 50 Jahre in Ansätzen nachzeichneten. Die Berichte befassten sich aber nicht nur mit Torhalle und Kirche, sondern auch mit den Klostergebäuden, dem Campanile, dem Friedhof und einzelnen Details wie den Bildprogrammen in der Kirche, einer Kapelle in der Torhalle und dem Kirchenportal mit seinem Tympanon und dem Türzieher. Ich hatte also einen Berg an Zeug und fand blöderweise immer mehr Zeug, denn die eben angesprochenen wissenschaftlichen Diskussionen wollte ich gerne selbst nachvollziehen. Das heißt, ich verließ mich nicht auf einen Halbsatz in einer Rezension, sondern suchte die Originalquelle. Deswegen verfranste ich mich langsam in der Stofffülle – was genau an der Torhalle und der Kirche wollte ich eigentlich besprechen? Die Architektur? Die Ausgrabungen? Die Bildprogramme?

Am Wochenende vor dem Referat war ich kurz davor, das Ding abzusagen, weil ich immer noch keinen roten Faden hatte, immer noch keine wirkliche Frage, aber dafür immer mehr Daten, Fakten und Namen, die sich in meinem Kopf gefühlt zu nasser Watte knüllten, ohne eine Chance für mich, irgendetwas fassen zu können. Ich erzählte mir meine Stoffsammlung selber, um so ein Ziel zu finden, fand es zwar nicht, merkte aber, dass ich mal wieder viel zu viel hatte und brach nach 35 Minuten Reden ab. Die Bildprogramme flogen raus, aber mehr wusste ich nicht. Erst beim Einschlafen kam der rettende Gedanke, der mir heute so logisch erscheint, dass ich mich frage, wieso ich nicht früher draufgekommen bin: Ich vergleiche die beiden Grabungsergebnisse und ihre Rezensionen und erzähle ganz simpel nach, einmal für die Kirche, einmal für die Torhalle, welcher Wissenschaftler wann was gesagt hat und wie er es begründet. Also: Wissenschaftler A findet ein altes Fundament unter der bisher als ältesten Kirche angenommenen, datiert es auf dann und dann und glaubt, es könnte eine Saalkirche gewesen sein. Wissenschaftler B glaubt, es könnte eine dreischiffige Basilika gewesen sein und begründet das so. Wissenschaftler C sagt, alles Quatsch, Jungs, Saalkirche it is und zwar deswegen. Genauso mit der Torhalle: „Der Putz ist von dann und dann.“ „Ja, aber der Holzfußboden ist älter.“ „Schnickschnack, Fußboden, ich hab hier einen Holzspan im nachweisbar ältesten Kalkmörtelestrich und der ist noch älter, ätsch!“

Damit konnte ich endlich mal wieder beruhigt schlafen, kürzte am Dienstag meinen Textwust auf eine anständige Menge runter und bereitete gleichzeitig die Präsentation vor. Im Laufe meiner Stoffsammlung hatte ich mir immer brav aufgeschrieben, wo welcher Grundriss und wo welches Diagramm zu finden war, um es schnell einscannen zu können. Das hatte ich Montag schon gemacht – viel zu viel gescannt, aber egal, das hatte ich jetzt Dienstag alles griffbereit und konnte es gemütlich in Keynote ziehen. Dienstag abend nahm ich mir frei, um am Mittwoch, nach der üblichen Nacht-zum-drüber-Schlafen, aus dem Referat das Handout zu erstellen. Dafür brauchte ich bis 22 Uhr – ich hatte ja auch noch Uni und Hausaufgaben –, hielt mir dann quasi zum ersten und einzigen Mal das Referat mit der Präsentation zusammen und ging gefühlt so unvorbereitet wie nie ins Bettchen.

portal_exc
(Portal mit Tympanon der Klosterkirche Frauenwörth. Quelle: Brugger, Walter/Weitlauff, Manfred (Hrsg.): Kloster Frauenchiemsee 782–2003. Geschichte, Kunst, Wirtschaft und Kultur einer altbayerischen Benediktinerinnenabtei, Weißenhorn 2003, S. 69.)

Am Donnerstag saß ich ab acht in der Uni, konnte da also auch nicht mehr machen als in jeder Pause zwischen den Seminaren noch mal meine Notizen zu überfliegen, wenn ich nicht gerade mit Gebäude- bzw. Raumwechsel oder Jogurt essen beschäftigt war. Um 14 Uhr war ich dann dran – dachte ich jedenfalls. Aber eine Kommilitonin begann vor mir: Ihr Thema war St. Emmeram in Regensburg, das weitaus wichtigere Kloster als mein kleines, schnuffiges Frauenwörth, an das ich ein bisschen mein Herz verloren habe. Sie begann, ohne ein Handout auszuteilen, was mich etwas wunderte, aber ich wollte auch nicht danach fragen. Das hatte ich auch schon öfter gesehen: Referentinnen, die so nervös waren, dass ihnen erst nach ihrem Referat einfiel, dass sie ja noch ein Zettelchen für uns hatten. Also sagte ich nichts, sondern hörte ihr zu, wenn auch etwas angestrengt, weil ich keinen roten Faden fand. Der Dozent anscheinend auch nicht, denn nach fünf Minuten stellte er die Killerfrage: „Geht das so weiter?“ Der Kurs zuckte wahrscheinlich ähnlich fies innerlich zusammen wie ich, keine Ahnung, wir saßen nur lämmergleich da und guckten starr nach vorne, wo die Referentin sich ihr eigenes Grab schaufelte, indem sie auf die Frage, welche Literatur sie denn benutzt habe, antwortete: „Ich hab ein paar Kirchenführer gelesen.“

Daraufhin wurde die Atmosphäre noch mal ungemütlicher, ich verabschiedete mich innerlich von einer guten Note, ging aber nach einer etwas lauteren Ansprache des Dozenten an den Kurs nach vorne und begann, mein Macbook mit dem Beamer zu verbinden, was meist nie auf Anhieb klappt. Währenddessen fragte eine Kommilitonin, wie sich der Dozent denn ein gutes Referat vorstellte; die Antwort habe ich nicht mitgekriegt, ich befand mich in den Systemeinstellungen und betete, dass die Beamergötter mich heute bitte liebhaben mögen, was sie taten: Alles ging, ich teilte mein Handout aus und hielt mein Referat, von dem ich bis eine Sekunde nach dem „Danke für eure Aufmerksamkeit“ nicht wusste, ob es totaler Quatsch war. War es anscheinend nicht, denn nachdem ich fertig war, drehte sich der Dozent zu der Kommilitonin von vorhin um und meinte: „Um Ihre Frage noch mal zu beantworten: So stelle ich mir ein gutes Referat vor.“

Ich war äußerlich natürlich professionell unbeeindruckt, aber eigentlich war ich Beckerfaust und innerer Reichsparteitag.

referat1

referat2

Gelernt: Ich kann anscheinend in zwei Wochen ein ziemlich gutes Referat hinkriegen. Dafür komme ich aber nicht mehr zum Bloggen, zu Museumsbesuchen oder zum entspannten Biergartensitzen. Daher bleibe ich lieber bei meinem Drei-Wochen-Rhythmus. Dann bin ich auch weitaus ausgeglichener und muss vor allem keine Jobs für Geld absagen, was ich letzte Woche in meiner Unizeit das erste Mal getan habe, weil ich meinem Kopf und meinem Zeitplan schlicht kein Platz mehr war.

Und jetzt stürze ich mich wieder ins nächste Referat, dieses Mal über die Gartenlaube. Ich freue mich schon sehr auf das Buch über die Mund- und Kieferheilkunde in dieser Publikation.

Die letzten Wochen auf Instagram oder: Mein Geburtstagsgeschenk auf dem Weg von Hamburg nach München

Holzarbeit

Charlotte bewarf mich und ich fange so was sehr gerne. Wobei mich diese Fragen etwas überfordern, denn ich sehe mich noch deutlich mehr als Texterin und nur zu einem winzigen Prozentsätzchen als Wissenschaftlerin.

1. Welche wissenschaftliche Erkenntnis, über die du in den letzten zehn Jahren gestolpert bist, hat dich staunen lassen?

Ich mache diesen Wissenschaftskram erst seit vier Semestern, daher lässt mich momentan noch alles staunen. Meine innere Ulknudel möchte „dass Schokolade Schnaps enthält“ sagen.

2. Sind soziale Medien wichtig für Wissenschaftler?

Ich glaube, sie sind für WissenschaftlerInnen genauso wichtig oder unwichtig wie für alle anderen, die ihre Arbeit in die Öffentlichkeit tragen wollen. Die Vernetzung geht deutlich schneller und man bekommt sehr viele Impulse – nur durch einen Tweet oder einen Link.

3. Und wie archiviert man jetzt Bundeskanzler-SMS?

Meinten Sie: Bundeskanzlerinnen-SMS?

4. Ich blogge, also …

… blogge ich. Und lerne dadurch Menschen kennen, gucke über Tellerränder, weil andere auch bloggen, und lese über Dinge, von denen ich nie gedacht hätte, dass sie mich interessieren. Ich blogge, also ist mein Leben spannender.

5. Was hättest du gemacht, wenn du dein Fach nicht studiert hättest?

Weiterhin arme Kontakterinnen angefaucht, die es wagen, in mein Büro zu kommen. Keine gute Sache.

6. Wozu braucht man einen Doktortitel?

Ich brauche erst mal einen Bachelortitel, der aber wahrscheinlich zu uncool für eine überarbeitete Visitenkarte ist. Deswegen brauche ich einen Doktortitel.

7. Wenn ich mich gerade nicht wissenschaftlich betätige, mache ich …

… Essen.

8. Was ist die absurdeste Arbeit, die du jemals gelesen hast? (Nein, die wissenschaftliche Untersuchung zu Koboldstaubsaugern wird als Antwort ausgeschlossen.)

Je länger ich auf meine eigenen Arbeiten gucke, desto absurder kommen sie mir vor. (Meinen Dozierenden netterweise nicht.) Arbeiten von anderen sind natürlich alle großartig. Gib mir noch ein paar Semester, dann fange ich an, die Nase zu rümpfen.

9. Mit 4 Millionen Euro würde ich …

… einen Doktortitel machen und Visitenkarten drucken lassen.

10. Stelle dir selber eine Frage.

Dein liebstes Instagrambild der letzten Wochen?

11. Beantworte Frage 10.

(Deswegen betätige ich mich nicht nur wissenschaftlich.)

Arnold Esch, „Überlieferungs-Chance und Überlieferungs-Zufall als methodisches Problem des Historikers“ (1985)

In meinem Basiskurs Mittelalter haben wir als erste Hausaufgabe einen Text bekommen, den ich so spannend fand, das ich ihn euch hiermit aufdrängen möchte. Jede/r HistorikerIn winkt bestimmt mild lächelnd ab, ja klar, den kennen wir und ja klar, wir kennen auch das beschriebene Problem, aber für mich waren das mal wieder ein paar schlaue Gedanken, die ich mir noch nicht gemacht hatte.

Worum es geht: dass Geschichte, gerade alte, selektiv ist. Totale Überraschung, ich weiß, aber der Text fasst das alles sehr hübsch zusammen und liest sich charmant-unwissenschaftlich. Ihr findet ihn vollständig in der Bibliothek der Monumenta Germaniae Historica als Scan oder bei jstor als pdf, falls ihr da Zugriffsrechte habt.

Der Text beginnt mit der Überlegung, was eigentlich alles überliefert ist – und vor allem: was nicht? Esch beschreibt die Einzigartigkeit von Pompeji, erwähnt den Urkundenbestand der toskanischen Stadt Lucca, aus der tausende von Besitzurkunden von Grundstücken aus dem 12. Jahrhundert überliefert sind, aber kaum weitere Zeugnisse über anderen Handel und was uns das für ein Bild zeichnet. Er erwähnt auch, dass viele Urkunden nur temporären Charakter hatten, dass sie weggeworfen wurden oder das Pergament neu verwendet wurde und dass uns vor allem offizielle Schriftstücke vorliegen, meist aus Klöstern, Kirchen und Behörden.

„Die Chancen-Ungleicheit der Überlieferung prämiert also, sagen wir, den Grundbesitz und diskriminiert Handel und Gewerbe; sie begünstigt die Kirche und benachteiligt die Laien. Und sie tut noch etwas anderes: sie begünstigt das Unerhörte, das Ungewöhnliche, das Fatale, und benachteiligt den Alltag, das Übliche, das Normale. Das Schiff, das heil nach Hause zurückkommt, werden wir möglicherweise gar nicht wahrnehmen, es segelt unterhalb unserer Wahrnehmungsschwelle: es würde allenfalls in einem Zollregister vermerkt werden, soweit solche überhaupt geführt wurden – und was ist uns davon schon erhalten. Geht das Schiff aber unter, dann findet es vielleicht Eingang in eine Chronik, in einen Brief, wird womöglich zum Versicherungsfall, zum Fall vor Gericht mit all den Akten, die dazugehören, kurz: das untergehende Schiff erzeugt viele Quellen und erhöht damit die Chance, daß wir 500 Jahre später von diesem (und vielleicht nur von diesem) Schiff noch hören. Nicht zufällig trägt eine von den Übersee-Historikern vielbenutzte portugiesische Sammlung den sprechenden Titel História trágico marítima: tragische Seegeschichte, maritime Geschichte als Geschichte untergehender Schiffe.

Doch ist es zu Lande nicht anders: Der gute Wechselbrief hat eine viel geringere Chance, auf uns zu kommen, als der schlechte, der sich vor Gericht und damit doppelt und dreifach in Erinnerung bringt. Alles ging schief, sagen wir uns erschrocken – und wissen davon vielleicht überhaupt nur, weil es schief ging. Denn die größere Überlieferungs-Chance hat alles, was zusätzlich Quellen erzeugt: der Streit vor Gericht (…); die Mehrausgabe (die bewilligt und gerechtfertigt sein will und darum vielleicht zusätzlich Eingang in weitere Registerserien findet – überhaupt hat eine Chance alles, was etwas kostet und abgerechnet werden muß); die Repression (…) – so ist eine wachsende Zahl von Bauernunruhen nicht notwendig Indiz für zunehmende Aufsässigkeit, sondern vielleicht nur für den zunehmenden Ausbau wachsamer Behörden.“

Esch spricht dann von dem Überlieferungs-Zufall – dass also vieles, was uns überliefert wurde, gar nicht dazu gedacht war. Er erwähnt altägyptische Papyri, die nur durch das Wüstenklima überdauert habe und nicht, weil der Inhalt vieler Briefe und Notizen von der damaligen Gesellschaft als überlieferungswürdig eingestuft wurde. Und dann kommt er auf einen Sonderfall, der mich sehr fasziniert hat:

„Die Scheu, Schriftstücke zu vernichten, die beiläufig den Namen Gottes enthielten oder auch nur durch die hebräische Schrift geheiligt waren, ließ strenggläubige Juden ihre Briefe und Verträge zu ritueller Bestattung in einem eigenen Depotraum (Geniza) der Synagoge niederlegen. Glückliche Umstände, darunter wiederum das dortige Klima, haben den Inhalt einer solchen Geniza erhalten. Das sind die berühmten Bestände der Geniza von Alt-Kairo, seit 1890 in zahllose Sammlungen zerstreut und doch aus demselben, in tausend Jahren nie geleerten Raum stammend: Geschäftsbriefe von Marokko bis Indien, Privatbriefe, Zahlungsanweisungen, Frachtlisten, die Autobiographie eines normannischen Proselyten und ein mittelhochdeutsches Epos in hebräischer Schrift, Verträge jeder Art, vom Heiratsvertrag aus dem Jahre 871 bis zum Scheidungsakt von 1879 aus Bombay, und vorzugsweise Stücke aus dem 11. und 12. Jahrhundert in totalem, immer wieder durchwühlten Durcheinander. Ein weiterer Fall außerordentlicher Überlieferung also, der nicht auf die Nachwelt zielt (und insofern dem konservierenden Wüstensand näher ist als dem bewahrenden Archiv); ein Bestand, der nicht von der Geschichte ausgelesen wurde und nun – wie die Papyri auf den Alltag des antiken Ägypten – einen scharfgebündelten Lichtstrahl auf den Alltag einer Gruppe auch des mittelalterlichen Ägypten wirft – und ringsum jene Dunkelheit, an die das Auge des Mediävisten gewöhnt ist.“

Der „scharf gebündelte Lichtstrahl“ ist wichtig, denn als HistorikerIn darf man nie vergessen, dass diese Quellen nur eine Auswahl sind; sie zeigen nie das ganze Bild der Zeit. Und: Sie unterliegen sozialen Auswahlprozessen:

„Selbstzeugnisse aus dem sogenannten „niederen Volk“ gibt es fast nicht, sie fallen in die Kategorie der nie geschriebenen Quellen. (…) Wenn Bertolt Brechts Lesender Arbeiter fragt: „Der junge Alexander eroberte Indien. Er allein? Caesar schlug die Gallier. Hatte er nicht wenigstens einen Koch bei sich? Philipp von Spanien weinte, als seine Flotte untergegangen war. Weinte sonst niemand?“ – wenn er so fragt, dann meint er, daß nach Caesars Koch oder nach Philipps Soldaten nicht gefragt werde (und damit hat er, oder hatte er, sicherlich auch recht). Aber daß Brechts lesender Arbeiter auf seine treffenden Fragen nicht so leicht eine Antwort findet, liegt nicht allein an der Bosheit der herrschenden Klasse, die diese Fragen nicht stelle, die diese historische Fragestellung nicht zulasse, sondern ist wiederum zugleich ein Problem der Überlieferung (und das heißt allerdings wieder: daß nie einer da nach gefragt hat). Caesars Koch hat keine sehr große Chance, in eine historische Quelle zu kommen – es sei denn, er täte das Unerhörte und vergifte Caesar.“

Etwas weiter oben sprach ich es schon an: Die Lebenden treffen bereits eine Auswahl darüber, was überlieferungswürdig ist. Das machen wir heute genauso, nämlich bei Tageszeitungen (ich erinnere daran, dass der Text von 1985 stammt). Esch schreibt, dass von den 500.000 Wörtern, die täglich bei einer Presseagentur eingehen, nur zehn Prozent an die Tageszeitungen weitergegeben werden, und die wiederum nur das abdrucken, was passt oder gefällt: Sie schneidern uns eine „Wahrheit nach Maß“. Und: Sie berichten, genau wie die alten Quellen, eher das Ungewöhnliche als den Alltag.

„Solange es die von Christian Morgenstern erdachten Zeitungen nicht gibt, „die immer gerade das mitteilen und betonen, was augenblicklich nicht ist; zum Beispiel: keine Cholera! Kein Krieg! Keine Revolution! Keine schlechte Ernte! Keine neue Steuer!“ – solange wird uns die Zeitung grundsätzlich mehr das Ungewöhnliche, das Berichtenswerte mitteilen so wie jede bewußte Überlieferung und Mitteilung mehr dem Außergewöhnlichen als dem Alltäglichen gilt, auch im privaten Bereich: „wie viele Fotos gibt es von Sonntagen, und wie viele von … Montagen?“ Eine Sonntag/Montag-Grenze eigener Art, die wir für unsere eigene Gegenwart leicht, für frühere Zeiten schwer ziehen können. Und so, wie die Nachrichten dann auf die Seiten der Zeitung sortiert sind, würde es für das Bild, das sich eine spätere Zeit von der unsrigen machen wird, einen großen Unterschied bedeuten, ob ihr von einer Tageszeitung zufällig die Weihnachts-Beilage oder aber die 14. Seite eines Dienstags im Februar überliefert wäre. Für die Überlieferung und ihre Bewertung hat der Informations-Verbund, den die Presse unter der Menschheit herstellt, im übrigen noch tiefgreifende Folgen: Eines der aufregendsten Erlebnisse der jüngeren Menschheitsgeschichte, die erste Mondlandung, wird in den Abertausenden von Postkarten, die an jenem Juli-Sonntag geschrieben worden sind, vermutlich gar nicht erwähnt worden sein, einfach weil jedermann diese Information bei jedermann voraussetzen durfte.“

Und genau deswegen bin ich so froh darüber, dass es Blogs und Instagram gibt. Der blöde Satz „Nobody cares what you had for lunch“ regt mich jedesmal auf, wenn ich ihn in seiner Überheblichkeit irgendwo stehen sehe. Denn: I care. Ich lese lieber persönliche Blogs als irgendwelche Newsfeeds, mich interessieren Menschen und ihr Alltag mehr als Neuigkeiten. Klar sind die spannend, aber in meinem kleinen Umfeld sind sie deutlich unwichtiger als die Frage, wie es meinen Bloglieblingen geht, was sie so machen, was sie erleben. Ich mag Futterfotos auf Instagram gerne, und die ganzen Baudenkmäler, die ihr ablichtet, gucke ich mir auch sehr gern an.

Nicht nur ich: Wir produzieren wie die Irren. Heute ist eher die Menge der Datensätze als ihr Fehlen ein Problem:

„Rühmt der wohlwollende Rezensent beim Mediävisten vorzugsweise den „kombinatorischen Scharfsinn“, so beim Zeithistoriker eher den „sicheren Zugriff“ – und wahrhaftig, den braucht es angesichts der Materialfülle. Man denke nur an die Aktenproduktion der modernen Verwaltung auf allen ihren Ebenen: Nach fünfeinhalb Jahren Regierungszeit hat die Nixon-Administration 42 Millionen Seiten Dokumente hinterlassen – wobei noch sehr die Frage ist, ob wichtige Entscheidungen nicht per Telephon gefallen sind und in dieser Papiermasse vielleicht gar nicht mehr überliefert werden: In immer mehr Akten steht immer weniger drin. (…)

Wir begannen mit der Frage, was wir denn gern überliefert bekämen, und sehen uns nun zum Schluß der Frage gegenüber, was wir denn unsererseits überliefern wollen. Denn mit dem (unter Archivaren so genannten) „Aussonderungs- und Wertungsverfahren“ bestimmen wir, bestimmt der Archivar, was endlich der Überlieferung für wert zu halten sei – er vereinigt gewissermaßen Chance und Zufall in seiner Person: Wahrhaftig eine fast göttliche Macht, freilich mit durchaus menschlichen Zügen, mit (manchmal sehr persönlichen) Auswahlkriterien, die dann noch von Generation zu Generation wechseln. Einer der nützlichsten Fonds des Berner Staatsarchivs trägt die bemerkenswerte Signatur „Unnütze Papiere“ – eben darum, weil diese Papiere im 18. Jahrhundert der Überlieferung nicht für wert befunden wurden, während sie heute sehr willkommen sind.“

Und so freuen sich vielleicht die HistorikerInnen der Zukunft über eure – und meine – Fischstäbchenbilder.

Ein nicht alltägliches Dankeschön …

… an Britta, die mich mit Terézia Moras Alle Tage* überraschte. Das Paket freut mich besonders, denn es hat eine Woche in einer kalten, einsamen Packstation gelegen, ohne eine Chance, zu entkommen, aber nicht vergessen von der Außenwelt, nein, ganz im Gegenteil, ich habe aus München warme Gedanken geschickt und an die DHL eine Mail mit der Frage, ob man die Lagerzeit verlängern könnte. Die wurde natürlich nicht beantwortet, und so sendete ich weiter geistige Grüße und die Bitte, noch ein bisschen durchzuhalten, mein Flieger landet am Donnerstag abend und dann komme ich sofort zu dir, kleines Buch, und rette dich, und so war es dann auch: Der Taxifahrer guckte zwar etwas sparsam, als ich ihn kurz halten ließ, aber dann hatte ich das arme, kleine, duldsame Päckchen in den Händen. Vielen Dank für das Geschenk, ich habe mich sehr gefreut.

mora

PS: Seit wann verpackt Amazon die Bücher nicht mehr nur in Geschenkpapier, sondern schlägt sie in Papier, steckt sie in schicke Schachteln und nutzt sogar Geschenkband, das farblich zum Buchumschlag passt? I like!

(Ja, ich weiß, das mit dem Band ist Zufall, aber das sah wirklich sehr hübsch aus.)

* Affiliate Link

Links vom 17. April 2014

Heute mal wieder ein bisschen kunsthistorischer. Zunächst was zum Spielen:

Bestimmungsübung

Die Bestimmungsübung von artefakt versammelt 2.400 Kunstwerke, darunter auch Architektur, und man darf ganz simpel raten, was es ist, von wem es ist und von wann es ist. Oder man studiert Kunstgeschichte und rät dann nicht, sondern denkt kurz nach. Oder lang. Ich muss gestehen, dass ich viele der Werke nicht kenne, aber ich habe überrascht festgestellt, dass ich ziemlich gut darin bin, das Herkunftsland zu erkennen und so ungefähr die Zeit – meist liege ich nur 20 bis 30 Jahre daneben (einer meiner Professoren würde mir jetzt für das „nur“ gleich eine ganze Note abziehen). Okay, einmal lag ich auch satte 200 Jahre daneben, aber dafür kann ich ja nichts, dass der olle Velázquez manchmal sehr fortschrittlich gemalt hat.

The Female Body and Horizontal Images

Eines meiner liebsten Kunsthistorikerinnenblogs, Alberti’s Window, über Abbildungen von Frauen und warum sie gerne horizontal angelegt sind.

„So, why would a horizontal format be preferred by some artists of the female form? I approached this topic through the lens of feminist analysis (in relation to female objectification and the “male gaze”), and here are some ideas which I came up with:

– The horizontal orientation the medium implies rest and repose. The image is “at rest” – as emphasized by the horizontal lines on the top and bottom of the canvas or medium itself. This suggestion of repose can perhaps suggest a contrast between the active viewer and the image itself.

– Repose and rest is emphasized in the horizontal orientation of the subject matter. In this way, the object can be interpreted as passive as well, which draws a contrast with the active viewer. (…)

– A thought: Could it be that the female form is more predisposed to horizontal orientations because females are traditionally associated with the land and earth? I’m reminded of the horizon lines of landscapes and wonder if there might be some parallel. In contrast, I often think vertical lines often are associated more with masculinity (e.g. phallic imagery, skyscrapers, etc.).“

Die Venus von Ann Arbor

Ich zitiere das NZZ Folio: „Früher benutzte die amerikanische Künstlerin Brenda Oelbaum Diätbücher, um abzunehmen. Heute macht sie Kunst daraus.“ Es geht in dem Artikel hauptsächlich um die Biografie Oelbaums, die leider der von vielen Frauen ähnelt, die irgendwann mal mit dem Diäten angefangen haben und erst nach Jahrzehnten merken, wieviel Energie und Lebenszeit man damit verschwenden kann.

„Ich habe in der Kunst meine Stimme gefunden – mit diesen humorvollen, konzeptionellen Arbeiten. Naomi Wolf hat vollkommen recht. In ihrem Buch Der Mythos Schönheit schreibt sie: «Eine Kultur, die einem weiblichen Schlankheitswahn huldigt, ist nicht besessen von weiblicher Schönheit, sondern von weiblichem Gehorsam. Diäten sind das machtvollste politische Sedativum in der Geschichte der Frauen.» Genauso ist es.

Eines Tages sah ich im Fernsehen eine Werbung für ein Diätpräparat, das die Venus von Willendorf zeigt, dazu die Worte: «So willst du ja wohl nicht aussehen!» Die wagten es, dieses Symbol weiblicher Fruchtbarkeit, diese Ikone des Feminismus, zu missbrauchen! Da wurde ich wütend. Es war die Geburtsstunde des Venus-von-Willendorf-Projekts. Seitdem sammle ich alle Diätbücher, deren ich habhaft werden kann, und mache daraus eine Venus um die andere. Bitte spendet mir eure alten Diätbücher! Die Adresse findet ihr auf www.brendaoelbaum.me. Seite für Seite mache ich aus den Taschenbüchern mit Wasser und Zucker Papiermaché und forme üppige Frauenleiber. Genau wie ich damals wird eine Venus mit jeder Diät dicker. Von manchen Büchern, wie zum Beispiel der Atkins-Diät, habe ich so viele, dass ich mehrere Skulpturen daraus machen könnte. Eine andere Venus trägt Stulpen – die Leute erkennen sie sofort: Jane Fonda, die essgestörte Fitnesskönigin der 1980er Jahre, der wir so lange nachgehüpft sind.“

Lorenzo Lotto: Die mystische Vermählung der hl. Katharina

Wir hatten gestern unseren ersten Seminartermin vor Ort im Kurs „Spaces of Experience“, in dem wir uns verschiedene Arten der Kunstpräsentation anschauen, dieses Mal in der Alten Pinakothek. Ich fand so viele Aspekte spannend, dass ich mich im Nachhinein ärgere, mir nicht wenigstens Stichworte aufgeschrieben zu haben. Einige meiner KommilitonInnen protokollierten mit, aber das bringt mir für meinen heutigen Blogeintrag natürlich gar nichts.

Wir sprachen unter anderem über die verschiedenfarbig bespannten Wände in den vier Hauptsälen, in denen wir waren – sie waren entweder kirschrot oder blässlichgrün, was klassische Farben für Alte Meister sind; im Louvre oder im Kunsthistorischen Museum in Wien sieht es ähnlich aus. Wir beschäftigten uns ausnahmsweise also nicht mit den Bildern und ihren Inhalten, sondern: Wie wirken sie auf unterschiedlichem Grund. In den Kabinetten findet sich noch eine silbrige Wandbespannung, auf der zum Beispiel die Goldgrundbilder aus dem Mittelalter unglaublich strahlen. Auf Rot sieht Gold sehr edel aus, was zur langen Historie und den meist biblischen oder anderweitig beeindruckenden Inhalten der Alten Meister passt. Das Grün lässt die Bilder allerdings manchmal ein wenig verblassen, die dunklen Bilder wirken noch dunkler, die Brauntöne kippen ins Gräuliche. Das hat uns schon gewundert, warum man sich trotzdem für diese Art der Präsentation entscheidet. Was mir auch noch nie aufgefallen ist: Selbst die Stahlseile, an denen die Bilder hängen, sind grün oder rot gestrichen worden.

Wir sprachen über die Lichtwirkung von Kunst- oder Tageslicht (die Kabinette haben ganz wunderbares Nordlicht – viele Ateliers in Schwabing sind auch bewusst nach Norden ausgerichtet), wir achteten auf knarzendes Parkett, entdeckten peinlicherweise ein Spinnweben an einem Veronese, sprachen über die Hängung von Stillleben oben in der zweiten Reihe unter der Decke im Gegensatz zu den als wichtiger erachteten Porträts auf Augenhöhe, bemerkten, wie sehr sich das Wachpersonal im Hintergrund hielt und hatten sogar das Glück, einen Gemäldefahrstuhl zu bestaunen, der zufällig gerade geöffnet war. Das habe ich mich ja auch schon öfter gefragt, wie man die zum Teil sehr großformatigen Werke in den ersten Stock der Pinakothek kriegt. Apropos erster Stock: das Treppenhaus (runterscrollen), von dem so ziemlich jeder Besucher (m/w) beeindruckt ist, stammt nicht aus der Originalbauzeit von Leo von Klenze, sondern von Hans Döllgast und ist ein Kind des Wiederaufbaus in den 1950er Jahren. Wer hätte gedacht, dass die piefigen Fünfziger so majestätisch sein können.

Mein Lieblingsbild in der Pinakothek ist das im Titel dieses Absatzes erwähnte: Die mystische Vermählung der heiligen Katharina von Lorenzo Lotto (1505–08). Bei meinem ersten Besuch in der Alten Pinakothek wollte ich nur zu den Raffaels und hatte keine Ahnung, was hier noch alles hing. Und dann kam der Lotto. Ich verweise auf meinen alten Blogeintrag vom Juni 2011, der schon ahnen lässt, warum ich heute Kunstgeschichte studiere.

Und der Lotto hängt inzwischen als Kunstdruck über meinem Münchner Küchentisch.

lotto

Ein schwarzweißes Dankeschön …

… an Steffi, die mich mit Noah Sows Deutschland Schwarz Weiß: Der alltägliche Rassismus* überraschte. Das Buch ist nicht mehr ganz neu (2008), aber das Thema Rassismus geht ja anscheinend nicht weg, genau wie Sexismus, Lookismus und die ganzen anderen doofen -ismen. Daher wollte ich mich endlich mal geballt informieren, also etwas lesen, was über Tweets hinausgeht, die mich auf rassistische Dinge hinweisen, über die ich meist vorher noch nicht nachgedacht habe – Blackfacing, total gut gemeinte Jim-Knopf-Saalwetten (nicht), das N-Wort in Kinderbüchern, alles Dinge, bei denen ich sicher auch mal gesagt habe, was soll die Aufregung, bis mir klar wurde: Sobald mir ein Betroffener oder eine Betroffene sagt: „Ich reg’ mich auf, weil …“, sollte meine Reaktion nicht sein, mir egal, sondern: Vielleicht sollte ich da mal zuhören. Genauso wie schlanke Menschen beim Thema Lookismus zuhören sollten, Jungs bei Sexismus und so weiter. Also mach’ ich das jetzt. Beziehungsweise lese ein Buch. Vielen Dank für das Geschenk, ich habe mich sehr gefreut.

*Affiliate Link