Tagebuch, 8. Juni 2016 – Alltag

Morgens bei der Hausärztin ein neues Rezept geholt; ohne vorherigen Anruf nach einer Minute wieder draußen gewesen. Auf dem Weg zu ihr wieder den U-Bahn-Aufgang genommen, von dem aus ich durchs Sendlinger Tor gehen kann, obwohl das ein kleiner Umweg ist, aber ich gehe so gerne kurz ins mittelalterliche München.

Danach beim Paketzentrum eine Sendung abgeholt, die eigentlich in eine neue Packstation hätte gehen sollen. Scheint langsam egal zu sein, in welche Packstation ich mir Dinge schicken lasse, sie kommen eh meist woanders an. Ich habe 300 Meter vor meiner Haustür eine, dahin kam im Dezember die letzte Sendung. Manchmal gehen sie in eine Postfiliale, die nur wenige Meter weiter weg ist und deren Öffnungszeiten mir als Studi nichts ausmachen, aber ich muss halt doof in einer Schlange stehen. Alle anderen Sendungen gingen an eine Station zwei Kilometer von meiner Heimadresse weg. Das ist auch nicht schlimm, die Ecke ist sowohl mit Öffis als auch mit dem Rad gut für mich zu erreichen. Mit dem Fahrrad bin ich in zehn Minuten da, mit Bus und Tram in 20. Aber sie liegt überhaupt nicht auf meinem normalen Weg, es ist immer ein Umweg.

Daher kam ich neulich auf die Idee, mal eine Packstation anzutesten, die nur mit einem winzigen Umweg verbunden ist, wenn ich von der Uni nach Hause radele. Die ersten beiden Sendungen kamen wunschgemäß dort an, die dritte und gestrige landete im Paketzentrum – und das ist über fünf Kilometer von Zuhause entfernt. Da es gestern auch noch regnete, nahm ich U-Bahn und Tram und war mit Wartezeit im Paketzentrum eine knappe Stunde unterwegs. Ich glaube, ich werde wieder meine alte Packstation nutzen und gottergeben einen Umweg radeln.

Für meine beiden letzten Referate rumgelesen, leider nicht gut konzentriert gewesen. Für das heutige Kindheitsseminar Texte gelesen. Ich hätte gerne mal zwei, drei Tage am Stück eine Pause, ich merke, dass ich ein bisschen in den Seilen hänge. Zum innerlichen Trost ein neues Rezept ausprobiert und erstmals Eclairs gebacken, die vorgestern in Masterchef Australia dran waren. Der Teig schmeckte gut, meine Füllung mit Zitronensahne war auch gut (keine Lust auf Guss oben drauf gehabt), aber sie sahen überhaupt nicht nach Eclairs aus. Werde neue Versuchsreihe starten müssen.

Was schön war (obwohl ich wieder heulen musste, aber das muss ich ja dauernd), Dienstag, 7. Juni 2016 – Musike

Ich bin kein Riesenfan von James Cordens Carpool Karaoke, aber die neueste Ausgabe hat mich total erwischt:

Mit Hamilton und Lin-Manuel Miranda kann ich auch nicht so viel anfangen, was vermutlich daran liegt, dass ich mit Hip Hop nicht viel anfangen kann. Aber sobald die weiteren Gäste Audra McDonald, Jesse Tyler Ferguson und Jane Krakowski auf dem Rücksitz saßen und vor allem, als die ersten beiden Akkorde von Seasons of Love erklangen, saß ich awwwwend vor dem Rechner. Nach Can’t Take My Eyes Off You sangen die fünf, die offensichtlich richtig Spaß hatten, noch One Day More aus Les Misérables, und da konnte ich mich nicht mehr wehren, fiepste zum Rechner mit, öffnete danach Spotify und hörte den kompletten Soundtrack durch. Bei On My Own hörte ich dann auch auf zu fiepsen und sang laut mit – was ich schon länger nicht mehr gemacht habe.

Ich habe vor ungefähr anderthalb Jahren mit dem Gesangsunterricht aufgehört. Der war eh zerstückelt, weil ich nicht mehr dauernd in Hamburg war, weswegen ich meiner Lehrerin des Öfteren unbegleitet in meiner Münchner Küche am Telefon was vorgesungen habe und nur in den Semesterferien neben ihr am Klavier stehen konnte. Ich habe da schon gemerkt, dass ich immer wackeliger werde – heißt: immer näher am Wasser bin –, je mehr ich mir stimmlich zutraue und je lauter ich singe. Um laut zu singen, muss ich nämlich alles an Beherrschung fallenlassen, was mich sonst zusammenhält und dafür sorgt, dass ich ein braves, produktives Mitglied der Gesellschaft bin. Wenn ich so richtig stimmlich die Sau rauslassen will, muss ich loslassen. Und das bedeutet bei mir leider: Es kommt eine Menge hoch, das ich seit Jahren mit mir rumschleppe, aber irgendwo in mich reingestopft habe und festhalte, damit es nicht weh tut. Wenn ich aber nun schutzlos am Klavier stehe und fiese Musicalballaden schmettere, kriecht alles an die Oberfläche, was da runten rumlungert, und dann dauert es bis zur nächsten Songzeile, die irgendwas mit Liebe, Schutz, Vertrauen oder persönlichem Wachstum zu tun hat und ich fange an zu heulen.

Je länger ich in München war und je mehr sich zeigte, dass ich wohl noch etwas länger hier bleibe, was auch hieß, dass sich meine Beziehung ändern wird, desto schwerer fiel es mir, durch einen einzigen Song zu kommen. What I did for love? Ha! („Nothing’s Gonna Harm You“) Not While I’m Around? Pffft. Never Give All the Heart? Isklar. Über Beautiful müssen wir gar nicht reden oder Moon River („There’s such a lot of world to see“) und auch nicht über On My Own („I love him / But every day I’m learning / All my life / I’ve only been pretending / Without me / His world will go on turning“). Ich wollte immer weniger ins Telefon singen und heulend in meiner Küche stehen, und im fünften BA-Semester kam dazu auch noch der vollgepackteste Stundenplan des ganzen Studiums, weswegen ich irgendwann um eine Pause bat. Sie hält bis heute an.

Ich will meiner Gesangslehrerin seit Monaten eine Mail schreiben, um mich bei ihr zu bedanken, dass ich bei ihr wachsen durfte, lernen, lachen und ja, auch weinen. Ich hatte nie das Gefühl, fehl am Platz zu sein, ich hatte immer das Gefühl, dass jede Träne sein musste und durfte. Ich habe in einer 45-Minuten-Stunde vermutlich des Öfteren nur 30 Minuten gesungen, aber das war immer richtig so. Vielleicht schicke ich ihr stattdessen den Link zu diesem Blogeintrag, denn gestern habe ich mich nach erstem zaghaften Fiepsen in Pose gestellt und On My Own laut mitgesungen, scheiß auf ein paar wackelige Töne, scheiß auf die dünnen Wände zu den Nachbarn, die garantiert zuhause waren. Das war schön.

Okay, danach habe ich meinen Liebling What I Did For Love angestimmt und bin bis zur dritten Zeile gekommen, aber gut. In mir wohnt ja auch noch ganz viel, über das ich weinen muss. Dann mach ich das. Und singe ein bisschen dazu.

Tagebuch, Montag, 6. Juni 2016 – Rumdenken

Wieder eine schöne Sitzung im Biografieforschungsseminar gehabt. Wir sprachen zunächst über das Habitus-Konzept Bourdieus, das ich allmählich verinnerlicht habe, weil wir auch im Esskulturenseminar darüber diskutierten. Gestern setzten wir es in einen Bezug zu einem Buch von Morten Reitmayer über Bankiers im Kaiserreich. Das Referat zum Thema wurde von einem nicht-deutschen Studenten gehalten – anhand seines Namens tippe ich auf irgendwas in Osteuropa –, der damit begann, dass er selbst versuche, seinen Habitus an den seiner deutschen Umgebung anzupassen: „Ich bin immer pünktlich und arbeite gewissenhaft.“ Das war einerseits niedlich, sowas gesagt zu bekommen, auf der anderen Seite aber auch irgendwie seltsam. Allmählich glaube ich, Pünktlichkeit und Pflichtbewusstsein sind keine Klischees – wir sind anscheinend wirklich so.

Nach dem Seminar brachte ich einen Schwung Bücher in die Bibliothek und lieh mir zwei neue (kein Gang mit leeren Händen, alte Kellnerinnenregel). In einem davon las ich einen Aufsatz von Detlev Mares und Ute Schneider über ein interessantes Projekt der TU Darmstadt: „‚So habe ich das nicht in Erinnerung …‘ Seniorenstudierende als Zeitzeugen der Geschichte. Ein Projektbericht.“ Darin wird erzählt, dass gerade Geschichte ein beliebtes Fach für Senior*innen an der Uni ist (ich würde Kunstgeschichte auch ganz oben in die Liste packen), aber eher ältere und antike, weniger neue und neueste Geschichte. In diesen Seminaren und Vorlesungen finden sich allerdings auch ältere Menschen, und die TU nutzte diese Gelegenheit, um daraus ein Seminar um Zeitzeugenschaft zu basteln. Einige Senior*innen ließen sich über die Zeit direkt nach dem Zweiten Weltkrieg ausfragen, und die Studis führten Interviews und werteten sie aus.

Was mich dabei faszinierte, war die Art des Erzählens und des Nachfragens. Einige Senior*innen hatten sich eine Biografie gebastelt (machen wir ja alle – this is my truth, tell me yours), die mit gelernten Geschichtsbildern übereinstimmte, andere wichen davon ab und berichteten zum Beispiel von unangenehmen Begegnungen mit amerikanischen Soldaten, die in der allgemeinen Erinnerung als „die Guten“ abgespeichert sind. Auch wichtig: die persönliche Sympathie der Fragenden, die sie teilweise davon abhielt, nachzuhaken oder unangenehme Fragen zu stellen.

Darüber denke ich auch seit kurzem nach, denn ich hoffe, dass ich mit der Tochter von Leo von Welden (sie ist jetzt 80) sprechen kann, um über die Werke ihres Vaters mehr zu erfahren. Mein anfängliches Bild von von Welden hat sich schon geändert, was ich versucht habe im Blick zu behalten und es nicht einfach so hinzunehmen. Anfangs war ich darüber verärgert, dass seine Mitwirkung in der GdK in der Literatur offensiv verschwiegen wurde und war bestrebt, diese Ausstellung als einen großen Teil seiner Biografie anzusehen; inzwischen stehe ich auf dem Standpunkt, dass es unfair ist, ihn anhand von fünf Bildern, die stilistisch und motivisch nicht seinem Restwerk entsprechen, zu verurteilen. Ich frage mich allerdings, ob ich damit nicht genau das tue, was alle nach 1945 getan haben: Strich drunter, Stunde Null. Ich will objektiv an den Künstler und sein Werk herangehen, aber ich ahne langsam, dass das schlicht nicht möglich ist. Also versuche ich immerhin, mir über meine Subjektivität klar zu sein, bevor ich das Gespräch mit Frau Schwaiger-Welden beginne. Ich weiß aus meiner Erfahrung mit Interviews aber auch, dass ich gerne dem Faden folge, den mir die Interviewten hinlegen; ich bin immer dankbar für ein Narrativ, das ich unhinterfragt aufschreiben kann – und genau das darf mir in diesem Fall natürlich nicht passieren. Mein Dozent warnte mich auch schon vor dem Gefühl des Eingeweihtseins, der Freude über diesen Zugang zu Werken, den nicht jeder bekommt – da sollte ich vorsichtig sein und kritisch bleiben. Auch aus diesem Grund habe ich den Aufsatz über die Seniorstudis gerne gelesen. (Und mich von ein paar Vorurteilen verabschiedet.)

Wovon ich mich vermutlich auch verabschiede, sind die beiden Vorlesungen in diesem Semester. Mit den vier Seminaren bin ich absolut zufrieden, mit den Vorlesungen überhaupt nicht. Beide Themen klangen vielversprechend, aber ich merke, dass ich in jeder Sitzung damit kämpfe, nicht dauernd auf Twitter nachzugucken, was die Welt macht oder einzuschlafen. Die beiden Dozentinnen haben leider beide einen recht anstrengenden Vortragsstil, aus Zeitgründen habe ich bereits jeweils ein bis zwei Sitzungen ausfallen lassen, und so wirklich Lust habe ich auf beide nicht mehr.

Andererseits will ich nicht zwei Vorlesungen ins dritte Semester mitschleppen; die eine hätte ich bereits im ersten MA-Semester abhaken müssen, was ich nicht geschafft habe (auch hier: Langeweile). Ganz eventuell kommt hier die Taktik zum Tragen, mit der ich eine Geschichtsklausur im fünften BA-Semester bestanden habe: Nur drei von zwölf Sitzungen besuchen, aber die Folien akribisch auswendig lernen. So will ich eigentlich nicht studieren, aber wenn’s nicht anders geht, dann eben so.

Was schön war, Freitag bis Sonntag, 3. bis 5. Juni 2016 – Rumkochen

Am Freitag verordnete ich mir einen Tag ohne Uni- oder Auftragsschreibarbeit und hielt das auch brav bis 18 Uhr durch. Vorher kochte ich ein wenig in der Gegend rum.

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Normalerweise mache ich Pfannkuchen nach Augenmaß: Ich verrühre ein Ei mit einem ordentlichen Schuss Milch und kippe dann solange Mehl nach, bis mir die Teigkonsistenz gefällt (eher zäh als flüssig). Freitag mittag dachte ich aber, guckst du doch mal in dein geliebtes, uraltes Löffelkochbuch mit den tausend Grundrezepten, wie die eigentlich Pfannkuchen machen.

Für sechs Crêpes hätte das Buch gerne 1/8 l Milch, mit einem Ei verrührt. Dazu dreieinhalb Esslöffel Mehl (man merkt, ich habe das Rezept halbiert) und einen Esslöffel Zucker, nach und nach mit der Eiermilch verrührt. Dazu eine Prise Salz. Das ergibt einen sehr flüssigen Teig, der hauchdünn in die leicht gefettete Pfanne gegossen werden soll; beim Eingießen die Pfanne drehen und wenden, damit der ganze Boden bedeckt ist. Hab ich alles brav gemacht und eine haftbeschichtete Pfanne verwendet – trotzdem habe ich den Crêpe nicht mal wenden können geschweige denn dass ich ihn heile aus der Pfanne gekriegt hätte. Das könnte aber auch an der zickigen Pfanne gelegen haben. Die ist schon recht alt, kleiner als meine normalen, und immer, wenn ich sie verwende, weil ich mal eine kleine Pfanne brauche, fällt mir ein, dass an ihr gerne Zeug kleben bleibt, trotz Fett und Beschichtung.

Ich nahm also meine normale große Pfanne, kippte Teig in sie – und merkte, da kommt jetzt ein anständiger und ein halber Crêpe bei rum, also kippte ich einfach alles an Teig, was noch da war, in die Pfanne und guckte dem Wunderwerk beim Festwerden zu. Das Wenden ging dann auch einwandfrei.

Normalerweise gebe ich keinen Zucker in meinen Pfannkuchenteig, weil ich Pfannkuchen grundsätzlich mit süßer Marmelade beschmiere und sie eingerollt esse. Oder ich werfe süßes Obst auf sie und falte sie komisch zusammen. Ahornsirup ist auch ein gerngesehener Gast auf Pfannkuchen. Im Crêpe war aber Zucker, und ich knabberte bereits begeistert Teigfetzen des ersten Crêpes ohne alles, während der zweite noch buk. Zucker halt.

Weil ich ja Zeit hatte, dachte ich mir außerdem: schlägst du doch mal Sahne von Hand, einfach nur mal um auszuprobieren, ob’s geht. Ich goß Sahne in eine große Schüssel anstatt in meinen hohen Becher, in dem ich sonst immer Sahne mit dem Handmixer schlage, den ich grundsätzlich mit einem Handtuch abdecke, weil sonst die halbe Küche Sahnespritzer abkriegt. Dann nahm ich meinen herrlichen WMF-Schneebesen, der so schön in der Hand liegt und genau die richtige Griffdicke hat und schlug vor mich hin. Das ging besser als erwartet; trotzdem tat mein Ärmchen relativ schnell weh, auch wenn ich mir immer sagte, locker aus dem Handgelenk, wie ne Zabaione. Handwechsel war sinnlos, mit links bin ich zum Sahneschlagen komplett unbegabt. Aber: nach wenigen Minuten hatte ich wunderbar steife Sahne (und einen schmerzenden Unterarm). Wenn also die Apokalypse kommt und wir keinen Strom mehr haben, aber noch kühle Sahne – ich stehe bereit.

In einer weiteren Schüssel zerquetschte ich mit meinem ebenso geliebten WMF-Kartoffelstampfer ein paar Erdbeeren und gab einen winzigen Schuss Orangenlikör dazu, ich hab frei, ich darf vor vier Alkohol zu mir nehmen, verrührte das Erdbeermus mit der Sahne, gab sie auf den Pfannkuchen, faltete ihn wirr und schmierte weiter lustig Erdbeersahne zwischen die Teigschichten. Die Sahne schmolz natürlich auf dem heißen Pfannkuchen wieder, aber sie war mal wunderbar steif.

Es schmeckte ganz hervorragend. Ich sollte öfter Zucker in den Teig geben. (Und ich hätte mir diesen Eintrag von WMF sponsern lassen sollen. Stattdessen gibt’s Amazonlinks, aber das kennt ihr ja.)

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Bei Risotto bin ich normalerweise Puristin: Zwiebel und Knoblauch in Butter andünsten, Reis dazu, kurz mitbraten, bis er glänzt, mit Weißwein aufgießen und dann stetig Hühnerbrühe nachgießen und rühren. Ja, ich bin eine von den Rührerinnen. Muss man nicht, weiß ich auch, mache ich aber. Zum Schluss Parmesan unterrühren und sofort essen. Keine Pilze rein, kein Schnickschnack – ich liebe diese Kombination aus Wein, Zwiebeln und Käse sehr, ich will da gar keine weiteren Sondergeschmäcker haben.

Ich hatte am Donnerstag abend aber meine geliebten Lauch-Bohnen-Puffer gemacht und etwas Lauch übrig. Außerdem lag Bärlauchbutter im Kühlschrank. Und deswegen dünstete ich Lauch statt Zwiebeln in Bärlauchbutter an und verzichtete auf den Knoblauch. Dann rührte ich wieder ein Viertelstündchen und war mit dem Ergebnis sehr zufrieden.

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Am Samstag kaufte ich Pilze, die ich eher selten esse, weil mir ihre Konsistenz nie so richtig gefällt. Aber im neuen Kochbuch hatte mich ein Rezept für Polenta mit Pilzragout angelacht und deswegen brauchte ich Pilze.

Ich aromatisierte die Milch, in der ich die Polenta kochen wollte, mit einem Lorbeerblatt, einer halben Zwiebel, einer angedrückten Knoblauchzehe und ein paar Thymianzweigen und kochte sie auf. Nebenbei schnitt ich die Pilze in Scheiben, weil ich ja schließlich multitaskingfähig bin. Dachte ich jedenfalls, bis mir ein Zischen und Blubbern signalisierte, dass meine Milch gerade überkochte. Ich zog den Topf von der Herdplatte, säuberte diese so gut es ging, quengelte vor mich hin (bzw. öffentlich) und schnitt weiter Pilze. Die briet ich dann in Olivenöl und Butter scharf an, salzte, pfefferte, würzte zusätzlich mit Rosmarin, Thymian und Knoblauch, goß alles schließlich mit Rotwein und Gemüsebrühe auf und ließ es einkochen. Nebenbei kochte ich die Milch wieder auf und gab Polenta dazu.

Blöderweise hatte ich bei der Menge Polenta vergessen, dass ich nicht mehr die gesamte Milchmenge im Topf hatte, denn einiges davon klebte ja jetzt am Herd. Deswegen wurde die Polenta leider nicht so cremig wie erhofft, sondern eher brockig. Schmeckte aber trotzdem sehr gut, wobei ich zum Schluss noch Olivenöl über alles gab, weil es doch ein winziges bisschen zu trocken geworden war. Polenta bekomme ich selten so richtig, richtig cremig hin. Vielleicht mal die Flüssigkeitsmenge erhöhen und die Packungsangabe ignorieren? Oder erst zubereiten und dann noch Milch runterrühren? (Edit: Per Mail kam der Hinweis, es mal nicht mit Instantpolenta zu versuchen. Das könnte wirklich das Problem sein, denn genau die habe ich natürlich im Schrank.)

Reis kriege ich inzwischen prima für eine Person hin, aber Polenta mache ich immer zu viel – so war es auch gestern, aber die Reste werde ich heute anbraten und mit Parmesan bestreuen.

Was schön war, Donnerstag, 2. Juni 2016 – Yay & Zzzz

Gutes Referat über Herrn von Welden gehalten. Dozent glücklich, Anke glücklich, Kurs hoffentlich auch glücklich. Hilfreiche Hinweise zur weiteren Recherche bekommen. Sehr zufrieden in nächste Seminar geradelt.

Dort weiter mit der Kindheit im 19. Jahrhundert beschäftigt, wie immer gute Texte zur Vorbereitung gehabt, gute Referate gehört, gute Diskussionen geführt. Sehr zufrieden nach Hause geradelt.

Dort eine Schüssel Cornflakes mit Weintrauben und Erdbeeren verspeist, aufs Sofa gesetzt und kurz die Augen zugemacht. Dreieinhalb Stunden später aufgewacht. Da waren Hirn und Körper wohl doch etwas ausgereizter als ich dachte.

Abends endlich mal wieder Zeit für F. gehabt. Gut gegessen, Sekt getrunken, gemeinsam eingeschlafen.

Was schön war, Mittwoch, 1. Juni 2016 – Diverses

Schön: mit einer lieben SMS geweckt worden.

Weniger schön: Sie kam in dem Moment, in dem ich hektisch und schlaftrunken nach dem iPhone suchte, das gerade im Weckmodus war. Der Tag fing also mit radikaler Überforderung an.

Schön: in der Stabi gewesen.

Weniger schön: wieder nicht das gefunden, was ich gesucht habe. Langsam glaube ich der Sekundärliteratur zu Herrn von Welden überhaupt nichts mehr. Ich suchte zwei Ausstellungsberichte über zwei Schauen in Berlin 1943 und in Stuttgart 1944. Über Berlin berichtete (laut meinem Buch) die Kölnische Zeitung. Ich ließ mir also das Konvolut in den Lesesaal legen und blätterte gestern zum zweiten Mal den kompletten Oktober durch. Nüscht. Wobei die Zeitung mit „Reichsausgabe“ übertitelt war. Ich frage mich nun, ob es auch eine andere Ausgabe gab, in der der Artikel stehen könnte? Aber wenn eine Kölner Zeitung über eine Ausstellung in Berlin berichtet, wäre da nicht die Reichsausgabe sogar logischer als eine eventuell vorhandene Lokalausgabe?

Dann blätterte ich den Februar 1944 des Stuttgarter NS-Kurier durch. In meinem Buch stand als Zitatnachweis nur „Erwin Bareis in einem unbezeichneten Zeitungsartikel vom Februar 1944“, was mich ja auch schon irre gemacht hatte. Durch wildes Googeln nach Herrn Bareis und freundliche Hinweise glaube ich, dass es sich bei dieser Zeitung um eben den NS-Kurier handeln müsste. Aber auch hier: nüscht.

Immerhin fand ich im Spiegel von 1975 eine Anzeige wieder, die ich vom Lenbachhaus bekommen hatte und für die ich keinen Kontext hatte. In der im Spiegel abgebildeten Anzeige aus dem Wall Street Journal wird ein Hitler-Porträt angeboten, angeblich von 1938, angeblich aus Berchtesgaden und signiert mit „Welden“. Leo signierte in den 1920er Jahre noch mit vollem Namen, ab den 1930ern dann nur noch mit „Welden“, manchmal mit einer Jahreszahl daneben. Das könnte also neben den fünf Bildern in der GdK noch ein weiteres sein, das sich kulturpolitisch auf NS-Linie bewegt und aus seinem sonstigen, eher zeitlosen Schaffen rausfällt. (In meinem Kopf habe ich natürlich längst eine extrem unwissenschaftliche Räuberpistole, wie ein GI das Bild von einer Wand des Berghofs klaut und 30 Jahre nach Kriegsende wieder loswerden will.)

Ich hatte gehofft, der Artikel wäre über Raub- und/oder Beutekunst, aber es war bloß der Hohlspiegel, also die Rubrik auf der letzten Seite, in der andere Zeitschriften mit seltsamen Artikeln zitiert werden. Meh. Allerdings ist das wenigstens mal eine Spur, die ich nachvollziehen konnte. Diese unauffindbaren Zitate machen mich sehr misstrauisch. Die wenige Sekundärliteratur ist ja eh groß darin, aus von Welden einen Quasi-Widerstandskämpfer zu machen, und dann sind die angeblichen Quellen nicht mal vorhanden, Herrgottnochmal. Oder ich bin zu blöd zum Suchen.

(Ja, ich weiß, ich mache mir schon wieder zu viel Arbeit. Aber ich mag diesen Spürnasenkram so gern.)

Ohne Einschränkung schön: eine Dame vom sonntäglichen Festessen wiedergetroffen und über Politik und Kunstgeschichte geplaudert. Dazu meinen liebsten Milchkaffee Münchens. Trocken zuhause angekommen. Referat nochmals probegehalten und zufrieden gewesen. Zwei Stunden Spielzeit für Candy Crush errungen und nebenbei Masterchef Australia laufen gelassen. Fürs Kindheitsseminar spannende Texte über Kinder- und Jugendliteratur des 19. Jahrhunderts gelesen. Erdbeeren.

Was schön war, Dienstag, 31. Mai 2016 – Bücherbücherbücher

Habe vormittags auf ein Seminar verzichtet, weil ich lieber im Zentralinstitut für Kunstgeschichte in der Bibliothek rumwühlen wollte. Das habe ich dann auch exzessiv gemacht, noch mehr schöne Details für das von-Welden-Referat gefunden und außerdem erstmals in der Auktionsdatenbank des ZI rumgeklickt. Jetzt kann ich sogar eine anständige Preisentwicklung der letzten 80 Jahre aufzeigen. Jedenfalls kurz anreißen, denn mein Referat soll laut Dozent möglichst nicht länger als 16 Minuten werden (ist er nicht niedlich?), weil wir morgen vier Referate in 90 Minuten durchprügeln müssen.

Also habe ich abends die fast letzten Folien in die Powerpointpräse gehauen (ein Bild muss ich noch scannen, das mache ich heute) und dann den ersten richtigen Probedurchlauf gemacht. Ergebnis: 16 Minuten.

Eine Tüte Edelnüsschen geöffnet und einen Gin Tonic gemixt. Und dann noch einen.

Was schön war, Montag, 30. Mai 2016 – Referatvorbereitung

Gut mit Herrn von Welden vorangekommen. Es geht es mir darum, die Kontinuität im Schaffen von Weldens aufzuzeigen, also dass er zwischen 1933 und 1945 keinen Bruch in seiner Biografie aufweist, dass er eben nicht zur sogenannten Verlorenen (verschollenen, vergessenen etc.) Generation gehört.

Ich habe Unterlagen aus dem Lenbachhaus über Ankäufe mit Datum und Preis und kann sie (leider bisher nur teilweise, da fehlt mir noch Zeug) mit den Ankäufen der Galerie Rosenheim vergleichen, um so auch eine Preisentwicklung aufzuzeigen. Ich habe überrascht festgestellt, dass er zur NS-Zeit deutlich teurer war als in der Nachkriegszeit, zumindest auf der Großen deutschen Kunstausstellung. Die GdK zeichnete sich aber generell durch recht hohe Preise aus, denn schließlich war in ihr die angeblich beste deutsche Kunst ausgestellt. (All the Blumenstillleben beg to differ.) Das Lenbachhaus hat ihn zu moderateren Preisen angekauft.

Dass ein Facharbeiter um die 2000 RM im Jahr verdient hat, was der ungefähre Verkaufspreis für ein Bild von Weldens auf der GdK war, hätte ich gerne noch durch eine weitere Quelle belegt; bisher habe ich nur eine. 1944 kaufte die Galerie Rosenheim drei Blätter von ihm für jeweils 1200 RM an. 1948 war er der erste Künstler, den die neu eröffnete Galerie kaufte; man bezahlte für „Mappen mit Zeichnungen“ (ich habe leider bisher keine nähere Kenntnis über den Inhalt der Mappen) 400 D-Mark.

Ich lese inzwischen auch die Zeitungsartikel aus dem Stadtarchiv Rosenheim mit Lupe, Pinzette und feinem Kamm, ob sich in ihnen noch Infos verstecken. In einem Artikel fand ich einen Hinweis auf das Schreiben des Kunstvereins Freiburg, das ihm unterstellte, sich künstlerisch eher mit „Untermenschen“ auseinanderzusetzen; diesen Fakt kannte ich auch aus der einzigen Monografie über von Welden. Im ersten, offensichtlich schlampigen Lesedurchlauf hatte mir das als weiterer Beleg für die inkonsistente Kulturpolitik in der NS-Zeit gereicht – in einer Stadt durfte er ausstellen, in einer anderen nicht. Beim zweiten Lesen fiel mir aber auf, dass dieser Brief in der Ausstellung gezeigt wurde. Das heißt, er liegt irgendwo vor, und ich kann mich endlich mal auf ein Originaldokument verlassen und nicht immer auf die wolkige, verklärende Sekundärliteratur.

Ich habe außerdem zwei Artikel aus der Weltkunst von 1940 und 1942, in denen Ausstellungsbeteiligungen von Weldens in München beschrieben werden sowie zwei Artikel aus Berliner Zeitungen von 1943, wo er in einer Einzelausstellung 160 Grafiken zeigte. In Stuttgart stellte er 1944 150 Zeichnungen aus, aber den betreffenden Artikel habe ich noch nicht gefunden. Letzte Woche blätterte ich in der Stabi einen kompletten Monat des Stuttgarter NS-Kuriers durch (ehemals Stuttgarter Neues Tagblatt), aber im betreffenden Monat habe ich nichts gefunden. Muss ich noch mal durchgucken, anscheinend lese ich neuerdings nur so halbherzig, siehe Freiburg. Das Nicht-Auffinden kann aber auch daran gelegen haben, dass es wirklich überhaupt keinen Spaß macht, 30 Tage Nazipropaganda zu überfliegen und ich deswegen irgendwann nur noch augenrollend und bockig gelesen habe.

Was schön war, Sonntag, 29. Mai 2016 – Fremde Menschen

Am Dienstag erreichte mich eine Mail von Stepanini, die mich zu einem Essen am Sonntag einlud. Ich hatte von ihren Supper Clubs mit ihrer Mitköchin schon gehört, mich aber nie angemeldet, weil ich eine Schisserin bei zu vielen fremden Menschen bin. Dieses Essen sollte aber anders ein. Die Gastgeberin hatte selbst eingeladen: „lauter tolle Frauen allen Alters, die wir so kennen, halb-kennen, spannend finden.“ Und weil ich auch nach über drei Jahren in München nur Menschen kenne, die ich über den ehemaligen Mitbewohner kennengelernt habe sowie die Kaltmamsell und weil es mir seit Tagen scheiße geht, dachte ich mir, so, Schnecki, du verlässt jetzt mal deine Komfortzone, denn es kann nur besser werden und deswegen sagst da jetzt zu.

Am Sonntagnachmittag verfluchte ich mich natürlich selbst, denn ich hätte so schön weiter schlecht gelaunt und/oder traurig in Schlumpfklamotten in meiner eigenen Suppe rumliegen können, aber nein, ich zog mein Lieblingsshirt aus dem Schrank, nahm meine Lieblingsohrringe aus dem Gläschen über dem Waschbecken, zog mir geringelte Socken und bequeme Sneakers an (keine Jungs anwesend = keine hohen Absätze) und setzte mich in die U-Bahn. Die Idee, lieber doch nicht mit dem Fahrrad zu fahren, um möglichst unverschwitzt anzukommen, wusste ich am Ende des Abends sehr zu schätzen, als es in Strömen regnete.

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Ich war natürlich fürchterlich nervös, aber das legte sich nach wenigen Sekunden, als die Gastgeberin sich offensichtlich sehr freute, mich zu sehen (was auf Gegenseitigkeit beruhte – ich mag Stepaninis Instagramstream genauso gerne wie ihr Blog und war sehr neugierig auf die Wohnung, deren Details ich ja schon kannte. Internet, ey). Ich begrüßte die schon anwesenden Damen, man plauderte, mir wurde Prosecco mit Erdbeermus und Rosmarinzweiglein in die Hand gedrückt, und dann stand eine Dame neben mir, die als Foodbloggerin vorgestellt wurde. „Ich heiße Julia.“ Ich so innerlich: Ich kenne nur eine Julia mit Foodblog, nämlich Chestnut & Sage, bei dem ich die Bilder so schön kinfolkig finde, was mir immer viel zu anstrengend ist, was ich aber stets bewundere, weil es so diszipliniert aussieht. „Und dein Blog?“ „Chestnut & Sage.“ Ich so: Internet, ey, und zack, hatte ich eine Sitznachbarin, mit der ich stundenlang plaudern konnte.

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Neben uns saß eine Steuerberaterin, auf meiner anderen Seite eine Fotografin, noch eine Ecke weiter eine Buchbloggerin, deren Brotberuf ich nicht mitbekommen habe, aber der ist ja auch egal, wenn man sich stattdessen über Bücher und London unterhalten kann; mir gegenüber gab sich eine Dame als Kunsthistorikerin zu erkennen, woraufhin ich anfing, peinlich rumzufiepsen und mich zum Affen zu machen, was sie gut abbog, indem sie erzählte, dass sie als Redenschreiberin arbeitete und nebenbei Gemüse auf einer kleinen Parzelle zog. Ihre Nachbarin war übrigens auch Kunsthistorikerin, arbeitet auch als eine und zog auch Gemüse, woraufhin erstmal Handyfotos mit besonders schönen Salatköpfen rumgezeigt wurden, wovon ich eventuell am Mittwoch einen in den Händen halten werde, denn die Redenschreiberin und ich haben uns mal flugs zum Lunch verabredet.

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Ich plauderte nach links und rechts und gegenüber, genoss das Essen, die sehr entspannte Stimmung zwischen zwölf Frauen, die sich meist noch nicht kannten, gönnte mir nach dem Espresso die erste Zigarette des Jahres auf dem Balkon und musste Stepanini irgendwann ein bisschen weinselig sagen, dass mir dieser Abend so unglaublich gut tat. Ich hadere gerade mit so vielem, mit viel zu vielem, und einfach mal an einer wunderschönen Tafel zu sitzen, herrliches Essen und guten Wein vorgesetzt zu bekommen, schlaue und freundliche Menschen kennenzulernen und den Kopf mal auszumachen, außer für neue Kontakte – das war genau das Richtige. Damit hatte ich nicht gerechnet und es war ein großes Geschenk.

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Und schmackhaft war’s auch, und mit Julia kann man ganz hervorragend über die Kochblogszene lästern.

Tagebuch, Samstag, 28. Mai 2016 – Knäuel

Ich habe vor wenigen Tagen einen Tweet geteilt, auf dem Trauerarbeit bzw. Heilung als nicht-linear bezeichnet wurde. Als ich nach dem Bild googelte, fand ich ein anderes, das es gefühlt noch besser ausdrückt. (Quelle unklar, taucht irrwitzig oft bei Pinterest auf.)

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Ich befinde mich seit fast zwei Jahren in einem Trennungsprozess; zunächst von einer Stadt, dann von einem Beruf, dann von einem Lebensgefährten und zum Schluss von der gemeinsamen Wohnung. Das ist eine Menge, und das vergesse ich gerne. Ich spreche oft davon, Dinge jetzt abzuhaken oder ich warte darauf, dass Dinge abgehakt sind, denn sie liegen ja jetzt hinter mir, dann sollen sie gefälligst auch nicht mehr weh tun. Das schlaue Lektorgirl meinte neulich (und ich behaupte, ich habe ihr Augenrollen durchs Telefon gesehen), dass ich diese Metapher mal lassen sollte. Und je länger dieser Prozess dauert, desto mehr sehe ich das ein. (Knurrend.)

Es kostet mich gerade wieder viel Kraft, durch meinen Tag zu kommen. Mal abgesehen davon, dass mein Schreibtisch überquillt, liegen unvermutet Stolpersteine wie eine miese Note im Weg, die mich kurzfristig völlig aus dem Konzept gebracht hat. Ich habe für das Geschichtsreferat gelesen wie bescheuert, aber mir hätte schon am Tag des Referats klar sein müssen, dass irgendwas im Argen liegt, denn wenige Stunden vor der Präsentation habe ich noch Folien in Powerpoint ausgetauscht. Wenn ich mit einem Referat glücklich bin und weiß, was ich tue und wovon ich spreche, ist die Präse meistens tagelang vorher fertig. Hier fielen mir am Tag selbst noch Ungenauigkeiten auf, die sich vermutlich auch auf meinen Vortrag ausgewirkt haben, nach dem ich sowieso sehr unsicher war, ob meine Kommiliton*innen irgendwas mitnehmen konnten. (Laut meiner Sitznachbarin ja.)

Jetzt könnte ich das ganze natürlich professionell abhaken und sagen, ja mein Gott, das ist eine Note, guck dir einfach alle deine anderen Noten an, die sind besser, trink nen Tee, kauf Schokolade, fahr ne Runde Rad. Aber da sind wir wieder beim Abhaken. Ich bin die weltschlechteste Abhakerin aller Zeiten. Ich nehme mir alles zu sehr zu Herzen, weswegen ich auch am liebsten alleine zu Hause bin, denn da kann mir nichts passieren, da kann mir nichts weh tun. Tut es neuerdings natürlich trotzdem, denn mein komplettes Zuhause erinnert mich daran, dass ich ein anderes verloren habe, und mein Alleinsein erinnert mich daran, dass ich mal zu zweit war. Also flüchte ich an den Schreibtisch, denn wo soll ich sonst hin, in öffentlichen Bibliotheken heult sich’s deutlich unentspannter. Konzentrieren konnte ich mich aber auch nicht richtig, denn momentan denke ich alle fünf Sekunden: Ich will nach Hause.

„Nach Hause“ bedeutet nicht wieder auf die gemeinsame Couch vor den Fernseher in Hamburg. Damit war ja offensichtlich irgendwas nicht in Ordnung, sonst hätte ich das alles nicht hinter mir gelassen.

Zuhause bedeutet stattdessen die Sicherheit einer langjährigen Beziehung. Zuhause bedeutet, einen Job zu haben, den man beherrscht und der ausreichend was aufs Konto bringt. Zuhause bedeutet, Freundinnen in der Nähe zu haben, die einen in Notzeiten ans Händchen nehmen und viel Rotwein bestellen. Zuhause ist ein langer ruhiger Fluss und nicht das komische Knäuel, in dem ich mich gerade befinde. Ich ahne, dass ich Dinge durcheinander bringe, dass ich Dinge als Zuhause bezeichne, die vielleicht gar nicht so viel Gewicht haben müssten. Keine Ahnung. Ich stecke in einem Knäuel, ich kann gerade nicht so weit gucken.

Ich wünschte mir, dieses Prozesshafte würde irgendwann mal aufhören, dieser Schwebezustand. Immer wenn ich denke, so, München, das isses, Studium läuft, Job wird schon irgendwie kommen, selbst mit einer so doofen Jahreszeit wie Sommer hab ich mich hier angefreundet, immer dann kommt das Knäuel um die Ecke, ich verheddere mich in Kleinkram und will nach Hause und irgendwas abhaken. Und weil alles so prozesshaft und im Werden und Vergehen ist, habe ich nicht mal ein anständiges Ende für diesen Blogeintrag. Der fasert jetzt einfach so aus.

Kräuter-Erdnuss-Nudelsalat oder wie ich ihn gemacht habe: Kräuter-Cashew-Nudelsalat mit Huhn und ohne Bohnen

Noch ein Rezept aus diesem schönen vegetarischen Kochbuch, das ich kurzfristig entveganisiert habe, weil im Kühlschrank noch ein Rest Hähnchenfilet rumlag und ich keine grünen Bohnen hatte, wie im Rezept verlangt. Ich plaudere erstmal das Rezept aus, das im Buch steht und dann das, was ihr auf dem Foto seht. Das wird super beim Nachkochen, gnihi.

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Für vier Personen.

200 g Eiernudeln nach Packungsanleitung kochen. Abkühlen lassen. (Hier geht das „oder auch nicht“ schon los. Ich mag meine Eiernudeln warm.)

75 g ungesalzene Erdnüsse im Ofen bei 180° knapp zehn Minuten lang rösten und abkühlen lassen. (Bei mir ungeröstete Cashews, weil ich dachte, ich hätte Erdnüsse im Haus – hatte ich aber nicht.)

150 g grüne Bohnen oder Zuckerschoten bissfest garen und abkühlen lassen. (Weggelassen, keine Bohnen gekriegt, keine Lust auf Zuckerschoten gehabt.)

1/2 Salatgurke entkernen und in Scheiben schneiden. (Ich hab sie nicht entkernt, aber total toll in Scheiben geschnitten.)

6 Frühlingszwiebeln in feine Ringe schneiden. (ALLES GEMACHT WIE IM REZEPT VERLANGT!)

1 kleines Bund Minze,
1 kleines Bund Koriander und
ca. 12 Blätter Basilikum fein hacken. (Basilikum weggelassen.)

Ein Dressing herstellen aus
1 TL Demararazucker,
1/2 bis 1 kleinen rote Chili, fein gehackt, (bei mir eine seeeehr milde)
1 Knoblauchzehe, fein gehackt,
1 Limette, Schale und Saft (oder eine halbe Zitrone),
1 EL Reisessig,
1 TL dunklem Sesamöl und
1/2 TL heller Sojasauce.

Alles in eine Schüssel zusammenwerfen, notfalls mit Sojasauce nachwürzen, genießen.

Bei mir gab es wie erwähnt statt der Bohnen ein bisschen Huhn, zu dem ich die grob gehackten Cashewkerne in die Pfanne geworfen habe. Die fertigen Nudeln durften auch kurz in die Pfanne und dann kam das ganze kühle Grünzeug dazu. Ich habe den Salat vor ein paar Tagen schon ohne Huhn, mit Zitrone statt Limette und mit Schalotte statt Frühlingszwiebel gemacht – schmeckt genauso gut. Aber ich glaube, die Bohnen lasse ich weiterhin weg, die kommen mir sehr komisch vor. Ich werde allerdings mal ein paar Paprikastreifen reinwerfen. Und vor allem endlich die Erdnüsse!

Tagebuch, Donnerstag, 26. Mai 2016 – Grummelig

Feiertag in Bayern. Das kriege ich ja nur mit, weil die Bibliotheken geschlossen haben. *quengel*

Grummelte immer noch über die Note fürs Geschichtsreferat. Fucking 2,0. Das ist die mieseste Note im ganzen Studium; die hatte ich bisher nur einmal in einer Hausarbeit, auch Geschichte, im fünften Semester, sonst alles besser. Fucking 2,0. Habe versucht, es durch bockige Produktivität wieder wettzumachen („Dann werden die anderen drei Referate halt super!“). Hat einigermaßen gut geklappt, ich habe viel geschafft. War abends trotzdem weiterhin grummelig.

Sehr, sehr viel Ostfriesentee getrunken. In den kippe ich grundsätzlich Milch, aber gestern gönnte (Scheißwort, ich komme gleich noch mal darauf zurück) ich mir auch noch Zucker in die Tasse. Ich bin bereits als Kind darauf gedrillt worden, dass Zucker DAS BÖSE ist, weswegen ich jahrelang bitteren Süßstoff in alles gekippt habe. Und auch heute zucke (haha) ich zusammen, wenn ich es wage, in den Milchkaffee noch Zucker zu kippen, der ist ja schließlich schon durch die Milch etwas lieblicher, und muss das denn sein, und braucht’s das denn, und reiß dich mal zusammen, und zack! ist die ganze Scheiße wieder da, übers Essen nachzudenken, wenn man doch einfach nur einen Kaffee trinken will. Das geht anscheinend nicht mehr weg. Ich fühlte mich gestern jedenfalls total rebellisch, als ich ein winziges Löffelchen Zucker in die große Tasse löffelte. Es schmeckte natürlich ganz wunderbar, aber so richtig genießen konnte ich es nicht.

Ich hasse das alles so sehr.

Auch heute morgen grummelig gewesen, aber eher traurig-grummelig als bockig-grummelig. Einen gefühlt ewig langen Traum gehabt, in dem ich drei Beziehungen gleichzeitig verarbeitete und wo ich zum Schluss zwei Rucksäcke und mehrere Plastiktüten mit Erinnerungen in meinen Fahrradkorb packte und wieder zu meinen Eltern zog. Über eine Stunde nach dem Aufwachen im Bett liegen geblieben und darüber nachgedacht.

Tagebuch, Mittwoch, 25. Mai 2016 – Kindheitsreferat

Mpf. 2,0 für die bürgerlichen Familienfeste im 19. Jahrhundert. Ich war selbst auch nicht so recht zufrieden, aber aus anderen Gründen als der Dozent. Was ihm hauptsächlich nicht gefallen hat, war die Einbindung meiner Quellen ins Referat, was schließlich den Ausschlag zur 2,0 gegeben hat; er hatte kurz zur 1,7 rübergeschwankt, wie er meinte.

Mein Thema im Seminar „Kindheit und Jugend im 19. Jahrhundert“ lautete „Familienfeste von der Wiege bis zur Bahre“. Ich beschränkte mich hauptsächlich aus Zeitgründen auf das Bürgertum, aber auch, weil das etwas exaltierter feierte als die eher mittellose Arbeiterschaft oder Bauern und Bäuerinnen. Als ich mit der Arbeit begann, musste ich mir erstmal klar darüber werden, über welche Feste ich schlussendlich referieren wollte und wie meine Leitfrage lautete. Nach dem üblichen wochenlangen Rumlesen landete ich bei „Inwiefern spiegeln Familienfeste im 19. Jahrhundert die neue Selbstwahrnehmung des Bürgertums wider?“. Dementsprechend dröselte ich erstmal auf, wie sich das Bürgertum denn neuerdings so wahrnimmt, um dann diese einzelnen Punkte anhand der Feste abzuklopfen.

Meine Stichworte waren Individualität, Stolz auf eigene Bildung und Besitz (daher die Begriffe Bildungs- und Besitzbürgertum), Religion als Privatangelegenheit, Rückzug ins Private, Familie als Gemeinschaft, Emotionalität sowie eine neue Eltern-Kind-Beziehung.

Schon während der Aufklärungszeit begannen sich Menschen als Individuum wahrzunehmen und nicht mehr nur als Teil einer Schicht oder Klasse. Individuelle Eigenschaften wurden gefördert, im 19. Jahrhundert dann auch bei Kindern, was einen Wechsel im Erziehungsstil nach sich zog, eher fördernd-verständnisvoll als strafend (Achtung, ich verallgemeinere in diesem Blogeintrag sehr, sonst wird eine Dissertation daraus). Die Erziehungsratgeber wandten sich interessanterweise nun vermehrt an (bürgerliche) Frauen anstatt an Männer, die bisher die Zielgruppe waren.

Das Bürgertum grenzte sich als Gruppe nach oben vom Adel und nach unten von Arbeiter*innen und Bäuer*innen ab; man war stolz auf den selbst erarbeiteten Besitz in Abgrenzung zum Adel, der qua Geburt vermögend war, und man war stolz auf die Bildung, die man sich dadurch leisten konnte (Schulgeld, Privatlehrer*innen etc.). Bildung war dann auch eher der Kompass im Leben, wodurch die Religion etwas zurückgedrängt wurde. Im 19. Jahrhundert festigte sich die eher säkulär geprägte Gesellschaft; die Entkirchlichung hatte zwischen 1845 und 1875 ihren Tiefpunkt erreicht, wenn man Abendmahls- oder Kommunionshäufigkeit als Maßstab ansetzt. Das Bürgertum sah Religion eher als eine Art moralische Verpflichtung an, die sich zum Beispiel in Mitgliedschaften in wohltätigen Vereinen oder Stiftungen für Arme und Waisen zeigte. Generell entzog sich das Bürgertum mehr und mehr dem Staat und der Kirche und legte großen Wert auf die neu entstandene – und neu geschätzte – Privatsphäre. Das eigene Heim, die eigene Familie waren der soziale Mittelpunkt. Familie war nun mehr als die seit Jahrhunderten bestehende Versorgungsgemeinschaft, in der jedes Familienmitglied frühestmöglich zum gemeinsamen Überleben beitragen musste. Familie zeigte sich nun eher durch emotionale Bindungen.

Wobei Rebekka Habermas für mich sehr nachvollziehbar anmerkt, dass wir diese neuen Familienstrukturen nur durch Schriftzeugnisse oder Bildnisse kennen. Diese entstanden vielleicht unbemerkt in der Absicht, genau diese Emotionen zu transportieren, weil man als Bürger oder Bürgerin wusste, dass sie von einem erwartet wurden. Auch die angeblich neue Eltern-Kind-Beziehung zweifelt Habermas an; sie spricht eher von einer veränderten Qualität. Während im Mittelalter und der frühen Neuzeit Eltern und Kinder aufeinander angewiesen waren, konnten sich bürgerliche Eltern nun „bedürfnislos“ an ihre Kinder wenden; diese mussten nicht mehr arbeiten, um zum Familienunterhalt beizutragen und wurden nicht mehr aufgezogen, um die Eltern im Alter zu pflegen. Kindern wurde eine eigene Persönlichkeit und ein eigener Lebensweg zugestanden; man sah sie nicht mehr als unfertige Erwachsene an, sondern erkannte Kindheit als einen ganz speziellen Lebensabschnitt, der anders zu gestalten war als die Jugend oder das Erwachsensein. (Ich wiederhole mich: Ich rede über den winzigen Bevölkerungsausschnitt des Bürgertums. In den eher mittellosen Schichten sah das bis in das 20. Jahrhundert hinein anders aus.)

Im Referat wollte ich nun diese bürgerlichen Eigenschaften daraufhin abklopfen, ob sie sich in den Familienfesten widerspiegeln. Dazu besprach ich kurz den Forschungsstand der Festforschung (things I learned: Es gibt Festforschung) und ging dann auf fünf Etappen aus Kindheit und Jugend ein, die festlich begangen wurden: Geburtstag/Namenstag (ev./kath.), Konfirmation/Kommunion, Hochzeit als letzte Etappe der Jugend, bevor man offiziell als erwachsen galt, Beerdigung sowie als Exkurs Weihnachten als das zentrale Familienfest des 19. Jahrhunderts.

Den eigenen Geburtstag feierte man im Bürgertum bereits um 1800 herum; davor feierte ihn eher der Adel und nutzte ihn zu Loyalitätsbekundungen der Untergebenen. Viele Schichten feierten ihn nicht, schlicht aus dem Grund, weil man das eigene Geburtsdatum nicht kannte. Dass Kindergeburtstage gefeiert wurden, war neu; die Kindersterblichkeit ging erst um 1870 signifikant zurück, davor war vor allem das erste Lebensjahr eins der gefährlichsten; wenn Kinder vor ihrem 18. Geburtstag starben, dann zum allergrößten Teil bereits im ersten Lebensjahr. Deswegen nannte man die Geburtstagsgeschenke zum 1. Geburtstag auch Pockengeschenke. Dieser Begriff bestand bereits zwischen Erwachsenen, die sich zu einer überstandenen schweren Krankheit beglückwünschten. Beschenkt wurden Kinder gerne mit pädagogisch Wertvollem; das Bürgertum schenkte oft Bücher, auch um auf den Bildungsstand des Schenkenden hinzuweisen. Für Geschenke bedankte man sich meist schriftlich; Susan Baumert nennt dies ein „Ratifizierungsritual“, das auf die Verbindung (familiär, emotional) zwischen Schenkendem und Beschenktem hinweist. Geschenke waren geschlechtercodiert; es entstand Kinderliteratur, die sich an Jungen oder Mädchen wandte, Mädchen bekamen Puppen, Jungs eher Zinnsoldaten. Für mich persönlich interessant: Den Geburtstagskuchen gibt es auch seit ungefähr 1800.

Beim Komplex Kommunion/Konfirmation ging ich vor allem auf die Kleidung ein. Zu diesem Fest trugen bürgerliche Kinder meist neue Kleidung, die ihnen oft von den Paten geschenkt wurden – ein nicht unbeträchtlicher finanzieller Aufwand, den sich viele weniger gut gestellte Familien nicht leisten konnten. In Autobiografien aus der Zeit wird gerne über Pannen im Gottesdient geschrieben, aber vor allem über die Kleidung, entweder über den Stolz auf das neue Tuch oder den Schmerz und die Scham darüber, dass man in geliehenen oder geflickten Stücken vor dem Altar stehen musste. Was mir auffiel, war die neue Mode des weißen Kleidchens für Mädchen, das gerne mit einem Schleier kombiniert wurde. Im 19. Jahrhundert setzte sich das weiße Brautkleid durch, das davor dem Adel vorbehalten gewesen war. Ich fand es auffällig, dass sich die Kommunionskleidung plötzlich an der Hochzeitskleidung orientierte und frage mich seitdem, ob das schon ein Vorgeschmack auf die erwartete Rolle als Ehefrau und Mutter für das bürgerliche Mädchen war. Zur Erinnerung: Erst im 19. Jahrhundert und eben im Bürgertum setzte sich diese Trennung zwischen Männern, die aus dem Haus gehen, um für Geld zu arbeiten, und Frauen, die nun zuhause blieben und sich um Heim und Familie kümmerten, durch. Davor war der eigene Wohnraum, der meist aus nicht mehr als aus einem Raum bestand, sowohl Arbeitsplatz als auch Wohnstätte, und beide Geschlechter kümmerten sich um das finanzielle Überleben und die Erziehung der Kinder (daher mein Hinweis oben, dass nun fast ausschließlich Frauen die Zielgruppe der Ratschlagenden waren).

Beim Komplex Beerdigungen und Trauerfeier fand ich es aus kunsthistorischer Sicht spannend, auf neu gestaltete Grabsteine hinzuweisen. Erstens entstanden üppige Familiengräber, die wir heute noch in ihrer massigen Anlage bestaunen können. Dabei wurden gerne Porträtbüsten oder Medaillons eingesetzt, was die Individualität der Verstorbenen nochmals heraushebt. Auch künstlerisch wurde sich erst im 19. Jahrhundert mit dem Kindstod auseinandergesetzt; es kam in Mode, Trauerkleidung auch für gestorbene Kinder anzulegen, sie also auch öffentlich und emotional zu betrauern. Das neue Medium der Fotografie wurde nicht nur dafür genutzt, ein Kommunionsbild zu erstellen, sondern auch, um gestorbene Kinder zu fotografieren, um ein Andenken zu behalten.

Weihnachten war das Familienfest schlechthin. Aus einem Fest für ein Kind wurde nun das Fest der Kinder. Im ersten Drittel des Jahrhunderts kam der Weihnachtsbaum in Mode, ab 1871 stand er auch in kleinbürgerlichen Familien, nachdem offiziell angeordnet worden war, ihn in Lazaretten und Kasernen aufzustellen. Der religiöse Hintergrund war genau das: ein Hintergrund; man ging zum Gottesdienst, aber das war nur ein Teil eines aufwendigen Drehbuchs, das die ganze Feier zu einem Ritual familiärer Festlichkeit werden ließ. Diese Rituale feiern wir heute noch (da kann jetzt jede/r von euch mal kurz in sich gehen und das überprüfen): Baumschmuck und Krippe wurden vererbt und bewusst weitergenutzt, es gab klare Ansagen, wer schmückt den Baum, wer entzündet die Kerzen, was wird gegessen, wann wird es gegessen, wann gibt es Geschenke etc.

Als kleinen Exkurs im Exkurs sprach ich über „Weihnukka“, also die Verbindung von Weihnachten und Chanukka. Viele deutsche Juden und Jüdinnen waren Teil des Bürgertums, und da sich Weihnachten immer mehr von seinem religiösen Fundament löste, stellten schließlich auch jüdische Bürger*innen Weihnachtsbäume auf und beschenkten ihre Familien. Bereits 1859 sah sich das Jüdische Volksblatt genötigt, das Aufstellen von Weihnachtsbäumen zu rügen und versuchte, Chanukka wieder stärker ins Bewusstsein zu rufen. Ich fand es spannend zu sehen, dass vielen Jüd*innen die offensichtliche Zugehörigkeit zum Bürgertum wichtiger war als die Religion. Manche feierten jüdische Feste auch deshalb nicht mehr, weil sie ihnen ihre „Andersartigkeit“ (ich benutzte das Wort sehr vorsichtig) bewusst machte.

Zum Schluss zog ich natürlich das Fazit, dass sich alle bürgerlichen Merkmale in unterschiedlicher Ausprägung in den Festen wiederfinden, vor allem die zelebrierte, emotionale Gemeinschaft. Meine Quellen waren Ausschnitte aus zwei Biografien sowie eine Karikatur aus dem Schlemiel, wo ein jüdischer Junge unter dem Weihnachtsbaum eine Menorah als Geschenk vorfindet. Ich nutzte diese Quellen als Beleg für meine Argumentation, legte aber mehr Wert auf viele weitere Details, die ich hier nicht aufgeschrieben habe, um meine These zu belegen. Der Dozent wünschte sich eine bessere Kontextualisierung und eine eher umgekehrte Vorgehensweise: also mit der Quelle beginnen und daran das Argument entwickeln anstatt umgekehrt.

Das hat jetzt echt bis zum zweiten Mastersemester gedauert, bis mir klar geworden ist, was ich in Geschichte eigentlich machen soll. Nämlich genau das, was ich auch in Kunstgeschichte mache: vom Werk ausgehen und daraus eine Theorie entwickeln. Herrgottnochmal. Ich setze mich in KuGi doch auch nicht vor einen Berg Sekundärliteratur, denke mir ein hübsches Argument aus und suche dann nach Bildern, die in dieses Argument passen! Nee, ich mache das natürlich genau andersherum.

Für meine Hausarbeit werde ich jetzt also ein paar (Dutzend) Frauenbiografien querlesen und hoffentlich eine finden, an der ich den ganzen Sermon da oben schön nachweisen kann. Das ist zwar in diesem Fall immer noch die verkehrte Reihenfolge, aber der Dozent war mit meiner Frage und der Antwort darauf zufrieden und empfahl mir, das auch für die Hausarbeit beizubehalten.

Literatur (Auswahl):

Baumert, Susan: Bürgerliche Familienfeste im Wandel. Spielarten privater Festkultur in Weimar und Jena um 1800, Frankfurt am Main 2014.
Budde, Gunilla: Auf dem Weg ins Bürgerleben. Kindheit und Erziehung in deutschen und englischen Bürgerfamilien 1840–1914, Göttingen 1994.
Gestrich, Andreas: Geschichte der Familie im 19. und 20. Jahrhundert, München 1999.
Habermas, Rebekka: Frauen und Männer des Bürgertums. Eine Familiengeschichte (1750–1850), Göttingen 2000.
Hölscher, Lucian: „Die Religion des Bürgers. Bürgerliche Frömmigkeit und protestantische Kirche im 19. Jahrhundert“, in: Historische Zeitschrift 250 (1990), S. 595–630.
Kocka, Jürgen: „Obrigkeitsstaat und Bürgerlichkeit. Zur Geschichte des deutschen Bürgertums im 19. Jahrhundert“, in: Hardtwig, Wolfgang/ Brandt, Harm-Hinrich (Hrsg.): Deutschlands Weg in die Moderne. Politik, Gesellschaft und Kultur im 19. Jahrhundert, München 1993, S. 107–121.
Martin-Fugier, Anne: „Riten der Bürgerlichkeit“, in: Perrot, Michelle (Hrsg.): Geschichte des privaten Lebens, Band 4: Von der Revolution zum Großen Krieg, Frankfurt/Main 1992, S. 201–266.
Maurer, Michael: „Feste in Geschichte und Gegenwart. Aspekte, Beispiele, Perspektiven“, in: Erwägen, Wissen, Ethik 19 (2008), S. 210–222.
Richarz, Monika: „Weihnukka. Das Weihnachtsfest im jüdischen Bürgertum“, in: Kat. Ausst. Weihnukka. Geschichten von Weihnachten und Chanukka, Jüdisches Museum Berlin, 28.10.2005–29.01.2006,
Berlin 2005, S. 86–99.
Schulz, Andreas: Lebenswelt und Kultur des Bürgertums im 19. und 20. Jahrhundert, 2., um einen Nachtrag erw. Aufl., Berlin/München/Boston 2014.
Soénius, Ulrich S.: Wirtschaftsbürgertum im 19. und frühen 20. Jahrhundert. Die Familie Scheidt in Kettwig 1848–1925, Köln 2000.
Ungermann, Silvia: Kindheit und Schulzeit von 1750–1850. Eine vergleichende Analyse anhand ausgewählter Autobiographien von Bauern, Bürgern und Aristokraten, Frankfurt am Main 1997.
Weber-Kellermann, Ingeborg: Die deutsche Familie. Versuch einer Sozialgeschichte, Frankfurt am Main 1996.

Ein spielerisches Dankeschön …

… an Dominic, der mich mit Stephan Thomes Gegenspiel überraschte. Den Vorgänger Fliehkräfte habe ich ausnehmend gern gelesen – und das Spannende an Gegenspiel ist jetzt, dass es die gleiche Geschichte noch mal erzählt, nur aus einer anderen Perspektive. Vielen Dank für das Geschenk, ich habe mich sehr gefreut.

Tagebuch, Montag, 23. Mai 2016 – Archivarbeit und Alles wird gut

Ich war am vergangenen Freitag im Stadtarchiv Rosenheim, dessen Bestände man teilweise online durchsuchen kann. Wie toll das ist, merkte ich, als ich am Wochenende versuchte, die Münchner Bestände zu durchsuchen, denn das ist leider nicht möglich.

In Rosenheim ließ ich mir eine Sammelmappe herauslegen (Archivsprech: ausheben), in der Zeitungsausschnitte zu Leo von Welden gesammelt wurden. Ein Fest, denn darauf war ich noch gar nicht gekommen, mal strunzdumm zu gucken, ob Ausstellungen von ihm irgendwo besprochen worden waren – manchmal wurden dort nämlich Werke abgebildet, die ich in keinem Katalog gefunden hatte. In den diversen Zeitungsausschnitten fand ich sogar Berichte zu Ausstellungen, die in der einzigen Monografie über ihn (2008) nicht verzeichnet sind. Dazu lag in der Mappe ein Redemanuskript zu einer Ausstellungseröffnung (leider undatiert, aber das konnte ich halbwegs zweifelsfrei zuordnen), in dem einige moderne Werke von Weldens positiv angesprochen wurden – also genau die Werke, die ich immer noch nicht kenne. Eine Preisliste war ebenfalls undatiert, und ich weiß auch nicht, vom wem sie stammt (der Ehefrau? der Tochter? der Galerie Rosenheim?), aber da sich fast alle Artikel in den 1960er Jahren abspielen, tippe ich auch hier auf diese Zeit.

Generell fand ich meine erste Archivarbeit sehr spannend, weil ich es toll fand, in alten Originaldokumenten rumzuwühlen, auch wenn es fast ausschließlich aufgeklebte Zeitungsausschnitte waren. Ich durfte leider nichts fotografieren, aber immerhin konnte ich ein paar Blätter kopieren. In einem Artikel von 1995 fand ich eine als Zitat gekennzeichte Phrase wieder, deren Ursprung mir immer noch nicht klar ist, die aber auch zur Legende des „entarteten“ Künstlers passte: Angeblich wurde ihm in Freiburg mal bescheinigt, sich künstlerisch eher mit „Untermenschen“ zu befassen, daher wolle man ihn nicht ausstellen. Dass er zeitgleich in Köln, Stuttgart, Berlin und München hing, reichte anscheinend nicht als Gegenbeleg. Ich frage mich, ob diese Hinweise bewusst ausgelassen wurden bei seiner Heldenerzählung oder ob sie schlicht nicht bekannt waren. Letzteres kann ich mir kaum vorstellen, denn mich als absoluten Newbie auf diesem Gebiet hat es ungefähr drei Wochen gekostet, um an diese Infos zu kommen; dass die Leute, die sich schon viel länger mit ihm befassen, das nicht mitkriegen, scheint mir unwahrscheinlich.

Ich verstehe diese Intention des Verschweigens nicht. Dass direkt nach 45 angeblich alle im Widerstand waren und nicht wussten, was da zwölf Jahre mit ihnen passiert ist, kann ich ja sogar nachvollziehen, auch wenn’s eklig ist. Aber dass Mitte der 1990er und eben in der Monografie von 2008 immer noch ein offensichtlich falsches Bild gezeichnet wird, macht mich irre. Ich frage mich, ob diese Autor*innen glauben, die Kunst von Weldens nach 1945 würde durch das geschmälert, was er vor 1945 gemacht hat, was ich für falsch halte. Kleiner Schwenk zu meinem gestrigen Biografieforschungsseminar: Dort besprachen wir zwei Biografien über Max Weber, die von Dirk Kaesler, der sehr werkimmanent arbeitete und vieles von Webers Wesen anhand seiner Texte herausarbeitete; und die von Joachim Radkau, der sich auf neues Quellenmaterial stützte, unter anderem intime Briefe zwischen Weber und seiner Geliebten Else Jaffé, in denen Webers masochistische Neigung sehr deutlich wird. Die wissenschaftliche Kritik hat Radkaus Biografie mehrheitlich verrissen; ein Kritikpunkt war, dass diese offenherzige Darstellung das Werk Webers schmälern würde. Das sahen wir im Kurs anders: Das Werk Webers wird doch nicht weniger gut, wenn wir wissen, dass es nicht nur beim einsamen Studium entstanden ist, sondern auch beim, ich erfinde frei, lustvollen Stiefellecken.

Zurück nach Rosenheim: Nach der Archivarbeit ließ ich mich wieder mit der Bahn nach München chauffieren und nahm mir vor, die Zeitungsbestände im Müncher Archiv genauso durchzuwühlen, denn von Welden hatte dort bis 1943 gelebt. Gestern stand ich also um kurz nach Öffnungszeit das erste Mal im Lesesaal des Münchner Stadtarchivs und bat eine Angestellte um Hilfe. Da ich online nichts hatte einsehen können, wusste ich nicht, was alles kommt. Leider kam gar nichts. Das Archiv hatte zu von Welden keine Mappe angelegt, aber: Es fanden sich ein paar Fotos, die allerdings bestellt werden mussten. Normalerweise hebt das Archiv an mehreren Tagen in der Woche zu drei Tageszeiten aus; ich muss aber leider am Dienstag wiederkommen und gucken, was das überhaupt für Fotos sind. Mir wurde außerdem eine Mailadresse gegeben, bei der ich eine Kollegin fragen könnte, ob sie für die Chronik Infos zu von Welden hätte. Ich habe keine Ahnung, was diese Chronik ist, aber ich nehme an, das werde ich dann auch per Mail erfahren.

Nachmittags setzte ich mich in ein LMU-Seminar, das für uns KuGi-Studis offen steht, ohne dass wir angemeldet sein müssen: Berufsperspektiven für Kunsthistoriker. Gestern ging es um den Bereich Museum, und weiterhin anschauen will ich mir noch Journalismus (hauptsächlich, um Kia Vahland anzuhimmeln), Denkmalpflege und Universität, auch wenn ich mir letzteres eigentlich schon abgeschminkt habe.

Die Runde gestern war äußerst unterhaltsam und zudem sehr informativ. Dass es nicht den einzig wahren Lebensweg gibt, um dort zu landen, wo man hin will, muss man mir zwar nicht mehr erzählen, aber für 22Jährige ohne Berufserfahrung ist es vermutlich ganz schön, das mal zu hören. Für mich neu war das Arbeitsfeld Kulturstiftungen, bei denen ich immer BWLer*innen vermutet hatte. Der Referent erzählte auch freimütig, dass er alles tut, um genau diese Nasen rauszuhalten und stattdessen Kunsthistoriker*innen einzustellen, denn es ginge schließlich erstmal um Kunst und dann erst um Geld. Sehr sympathisch. Außerdem meinten alle, dass Geschichte die perfekte Ergänzung zu Kunstgeschichte sei; nur eine von den dreien hatte das als Nebenfach, die anderen beiden meinten, sie hätten sich die Fähigkeiten selber reinprügeln müssen. „Alleine die Hilfswissenschaften! Alte Schriften lesen können! Das ist Gold wert, ganz egal, worauf Sie sich spezialisieren.“ Frau Gröner dachte versonnen an ihre Urkundenlesekünste und freute sich: Endlich mal was richtig gemacht. (Frau Gröner denkt aber neuerdings auch sehr oft daran, endlich mal Kurrent und Sütterlin zu lernen; das ist für die Beschäftigung mit der NS-Zeit recht sinnvoll.)

Im weinseligen Gespräch nach der Veranstaltung fragte ich dann konkret nach: Habe ich in meinem Alter überhaupt noch eine Chance, was alle bejahten. Sie gaben mir allerdings den dringenden Rat, es vor allem an kleineren Häusern zu versuchen – „nach Berlin und München wollen alle, da wächst dauernd junges Volk nach, das für sehr wenig Geld sehr viel tut.“ Auch für die Stipendiensuche während der Promotion hatten sie einen guten Rat; angeblich gebe es viele Stipendien für „Frauen mit gebrochenenen Lebensläufen“, die oft gar nicht ausgeschöpft würden, weil genau wir Damen gar nicht damit rechnen, ein Stipendium zu bekommen.

Das tat sehr gut, all das zu hören, auch wenn ich natürlich weiß, dass ich mehr Glück als Können brauche, um wirklich irgendwo als irgendwas Kunsthistorisches in meine gefühlt fünfte Karriere zu starten (ich habe immer die Moritat der Kaltmamsell im Hinterkopf). Was mir aber auch gut getan hat, war eine Aussage einer der Referentinnen, die zusätzlich zu ihrem Hauptjob noch an der Uni unterrichtet: „Das merkt man bei den Studierenden sofort, wer da wirklich was wissen will und wer nur seine Zeit absitzt.“ Na immerhin.