Was schön war, Freitag, 22. Januar 2016

Von Derrida zu Naomi Campbell.

Im Iconic-Architecture-Seminar hörten wir ein spannendes Referat über Zaha Hadid und ihre Beziehung zum Dekonstuktivismus bzw. Suprematismus. Wir sahen ihre Entwürfe zu The Peak, einem Club in Hong Kong, der leider nie gebaut wurde, mich aber sehr faszinieren konnte. Hier ein Bild aus dem MoMA, hier weitere Entwürfe auf Hadids Website. Ich hörte erstmals von der Ausstellung Deconstructivist Architecture von 1988 im MoMA, wo neben ihren noch Entwürfe von sechs weiteren Architekten hingen. Hier eine Diskussion 25 Jahre später, den Text habe ich aber selbst noch nicht gelesen. Den Katalog sollte ich mal durchblättern.

Zum Schluss überlegten wir, ob wir im bisherigen Seminarverlauf vielleicht Gebäudetypen vergessen hätten, die iconic sein könnten und kamen auf Wohnhäuser. Als Beispiel diente dem Dozenten die Villa von Vladislav Doronin, einem russischen Immobilien-Tycoon, der sich dieses Ding in die Nähe von Moskau bauen ließ. Und wofür? Damit er dort mit seiner damaligen Lebensgefährtin Naomi Campbell rumturteln konnte – mit Aussicht über die russischen Wälder.

Mir fiel noch das Antilia ein, meldete mich aber nicht zu Wort, weil ich den Entwurf nicht für ikonisch halte.

Zweisamkeit.

Den Abend mit F. verbracht: Pizza gegessen, Fußball geguckt, dann eine Stunde #ibes (mehr wollte ich dem Herrn nicht zumuten), Arm in Arm eingeschlafen.

Was schön war, Donnerstag, 21. Januar 2016

Hausarbeit an die geschätzte Korrekturleserin schicken.

Der Kiefer liegt jetzt in der Korrekturschleife. Ich entfernte alle Lesezeichen aus den circa 35 geliehenen Büchern, die seit Wochen meinen Küchentisch vollliegen, warf die ausgedruckten pdfs mit den Textmarkerlinien in den Müll, stapelte die ersten Bücher, die auf jeden Fall schon in die Stabi und die UB zurückkommen, im Flur auf zwei Häufchen und räumte die noch verbliebenen Bücher an die Seite, damit ich schnellstmöglich mit den Barocklernkärtchen anfangen kann.

Erster Semesterbrocken quasi geschafft, zwei to go: Klausur am 1. Februar und Hausarbeit über das Vogelnest, für die ich bis zum 15. März Zeit habe.

Kaffeeklatsch.

Ich traf mich gestern mit einer Blogleserin, die mir im November eine lange Mail geschrieben hatte, in der sie mich unter anderem dringend bat, mich um ein Promotionsstipendium zu bemühen. Sie sei Anfang diesen Jahres in München und stünde für alle Fragen zur Verfügung.

Normalerweise treffe ich mich ungern mit Leser*innen, weil ihr mir natürlich irrwitzig viel voraus habt: Ihr kennt mich eventuell seit Jahren („kennen“ im Sinne von „ihr lest mein sorgfältig gefiltertes Blog“) und ich weiß, wenn’s hoch kommt, eure Mailadresse. Dieses Angebot wollte ich aber nicht ablehnen und so saßen wir gestern zwei entspannte Stunden im Café Schneller, ich hörte mir viel über DFG-Förderung, Planung einer Promotion, Publizieren, Peer Review und überhaupt Wissenswertes über das Uni-Leben an sich an. Gleichzeitig konnten wir prima gemeinsam Augenrollen über „Nein, nein, wir brauchen keinen Feminismus mehr, es gibt ja schließlich 50 Prozent Professorinnen, nicht wahr?“ und uns ein bisschen darüber austauschen, wie sich Kunstgeschichte vom Fach der Dame, dir mir gegenüber saß, unterscheidet. Das war sehr befruchtend und motivierend, vielen Dank!

Ich war etwas zu früh im Café, weswegen ich den ersten Milchkaffee alleine trank, im Beisein meiner Begleitung den zweiten bestellte und mich dabei zur Deppin machte, als die Bedienung mir meine Tasse entreißen, ich aber noch den letzten Schluck haben wollte. Ich liebe den Milchkaffee da so sehr! Das vergesse ich irgendwie immer, aber gestern saß ich wieder da, nahm den ersten Schluck und dachte sofort, ach stimmt, der schmeckt hier ja so gut. Beim zweiten: Mensch, der ist aber wirklich lecker. Beim dritten: DAS IST ECHT GUTER KAFFEE! Und deswegen wollte ich auch alles austrinken, was in der Tasse war, aber ich nehme an, ich sah wie eine total gierige Irre aus.

Mondsichelmadonna mit Mond über dem Marienplatz.

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So sieht die Mariensäule von vorne aus. Und irgendwann habe ich wieder eine richtige Kamera und nicht mehr nur das olle iPhone.

14 Fragen

Schon wieder ein Fragebogen. Dieses Mal kam er korrekt in meine Richtung und ich musste ihn mir nicht selber abholen. Danke, Frau serotonic.

1. Wie hast Du Deinen ersten Korb erlebt? (receiving)

Wie ich alle Körbe erlebt habe: bedauernder Gesichtsausdruck seinerseits, lässig-ironisch-distanzierender Spruch meinerseits. Einmal war’s anders: bedauernder Gesichtsausdruck ihrerseits, völlige Fassungslosigkeit meinerseits.

2. Wie hast Du Deinen ersten Korb erlebt? (giving)

Wie ich alle meine Körbe erlebt habe (waren deutlich weniger giving als receiving): sehr kurz angebunden. Ich wollte da nur weg.

3. Wenn Du nochmal zurück könntest, worum würdest Du Deine erste Grundschullehrerin (m/w) bitten?

Ich kann mich kaum an die Grundschule erinnern. Ich behaupte, ich war da gerne und hab mich wohl gefühlt. Daher wüsste ich nicht, worum ich bitten sollte.

4. Zahnseide oder Munddusche?

Weder noch.

5. Notlüge oder bittere Wahrheit?

Notlüge, außer beim Körbegeben. Ich konfliktscheue Memme.

6. Hütchenspiel oder Skat?

Doppelkopf! Aber Skat kann ich auch. Damit sind meine Schwester und ich quasi groß geworden. Ich weiß nicht mehr, ob Opa uns beiden in irgendwelchen Sommerferien das Spielen beigebracht hat oder Papa, aber wir können das beide. Meine Schwester geht heute noch regelmäßig mit Papa zum Preisskat bei uns im Heimatdörfchen, wo sie gerne mit Schweinehälften oder toten Vögeln als Gewinn wiederkommen. Die beiden spielen mich locker an die Wand, aber hey, so ein schönes Null Ouvert kann ich auch. (Im Grand spielt man Ässer und es hat sich schon mal einer totgemischt.)

7. Musical oder Oper?

Beides mit großem Genuss. Aus dem Musical komme ich meistens wie vom Rummelplatz (wo-hoooo!), aus der Oper bedeutungsschwer und tiefenentspannt. (Außer bei Mozart, der alten Nervensäge.)

8. Nachschlag oder Nachtisch?

Nachtisch. Und wenn ich vorher zwölf Gänge hatte, im Dessertmagen ist immer Platz.

9. Wenn Du eine Sache an Deinem Körper ändern könntest, welche wäre das?

Über die Frage habe ich – logisch – am längsten nachgedacht. Mir fiel spontan nichts ein, was ich für ein sehr gutes Zeichen gehalten habe. Das hat mich aber gleichzeitig stutzig gemacht, weil ich schließlich 40 Jahre lang irgendwas, nee, alles an meinem Körper ändern wollte. Außer meiner Nase, die fand ich schon immer super. Also habe ich oben angefangen und gedanklich an mir runtergeguckt, ob da irgendwas ist, was mich nervt. Und als ich unten angekommen war, grinste ich in mich rein und tippte voller Überzeugung das folgenden Wort: nichts.

Ich bin der Mensch, der ich heute bin – und den ich gerne mag –, auch wegen meines Körpers. Das ist ja der Kardinalsfehler bei allen Diäten: Sie gaukeln uns vor, der Körper wäre nur irgendein dickes Ding, was an unserem eigentlichen schlanken Selbst dranhängt und weg muss. Falsch gedacht. Wir sind dieser Körper. Ich bin mein Körper, genau wie ich mein schlaues Hirn und mein weiches Herz bin. Das ist alles ich und das ist alles gut so. Ich habe meinen Körper lange genug gehasst und ihn malträtiert. Jetzt mag ich ihn gerne und kümmere mich um ihn. Er ist noch genauso dick wie vorher, aber mir – oder uns – geht es besser als jemals zuvor. Warum sollte ich also irgendwas an ihm ändern wollen?

Der gestrige Tag war ein bisschen nervig, weil ich eine Absage auf einen Praktikumsplatz bekommen habe, den ich wirklich gerne gehabt hätte und weil ich aus meiner wundervollen Kiefer-Hausarbeit durch die doofe Zeichenbegrenzung gefühlt einen Stumpf gemacht habe. Aber das Nachdenken über diese Frage hat sehr gut getan. Das Nachdenken über die übernächste auch.

10. Wenn Du eine Sache an Deinem Charakter ändern könntest, welche wäre das?

Ich wäre gerne eine etwas weniger konfliktscheue Memme.

11. Wenn Dir ein bedingungsloses Grundeinkommen ermöglichen würde, Dich – anstatt zu arbeiten – einer Aufgabe zu widmen – welche wäre das?

Ich würde genau das tun, was ich jetzt gerade tue: studieren. Momentan gibt es nichts auf der Welt, was mich glücklicher macht.

12. Deine größte irrationale Angst ist …?

Ich finde Spinnen unangenehm, und ich weiß, dass das Quatsch ist. Mir hat noch nie eine was getan, ich bin tausendmal größer als sie, und gegen meinen Staubsauger haben sie keine Chance. Aber ich kriege trotzdem jedesmal einen Herzinfarkt beim Dschungelcamp-Insert mit der blöden Vogelspinne und ich gucke bei den Prüfungen mit Spinnen nie hin. Gut, eigentlich spiele ich bei allen Prüfungen Candy Crush, weil das der Teil der Sendung ist, der mir sehr egal ist.

13. Gibt es einen Film, den Du immer wieder gucken kannst?

Ja: Dave. Der ist so schön simpel. Die Guten gewinnen, Kevin Kline schmiert Sandwiches, Frank Langella guckt böse, Ving Rhames redet über Rollkragenpullis und Sigourney Weaver ist Sigourney Weaver. Sobald ich den in irgendeiner Mediathek im Original sehe, wird er geguckt und ich fühle mich jedesmal gut unterhalten.

14. Wie stehst Du zu Deinen Füßen?

Ich freue mich darüber, dass sie da sind und mich tragen. Deswegen kaufe ich ihnen auch immer schöne bunte Ringelsocken und bequeme Schuhe und quäle sie nicht mit hohen Absätzen.

Was schön war, Dienstag 19. Januar 2016

Stabi

Am Sonntag war ich schon mal in der Staatsbibliothek, halbwegs früh (haha) gegen 10. Ich dachte an das schöne Wetter, den Sonntag, hoffte, dass alle anderen Studierenden Münchens das auch taten – und wurde bitter enttäuscht. Die komplette Bibliothek war voll, nicht mal an den Stehtischchen fand ich noch Platz und auf die Treppe setzen wollte ich mich dann auch nicht. Wenn ich arbeite, will ich vernünftig arbeiten, und auf einer Treppenstufe großformatige Ausstellungskataloge ausbreiten, während ich meinen Laptop auf den Knien balanciere, war mir zu doof. Ich hatte bei meinem Hoffen natürlich die übliche Endsemester-Emsigkeit vergessen: Das Semester ist nur noch zwei Wochen lang, die Klausuren nahen, die Hausarbeiten wollen geschrieben werden, weswegen alle plötzlich früh aufstehen.

Genau das tat ich gestern auch. Ich stellte den Wecker auf 7, damit ich um 8.30 (wir wollen es ja nicht übertreiben) im Lesesaal sein konnte, der um 8 Uhr öffnet. Mein Unterbewusstsein weckte mich schon um 6.30 Uhr, was praktisch war, denn so hatte ich ein bisschen das Gefühl, schon ausgeschlafen zu sein und stand kurz nach 8 in der Stabi. Eine sehr gute Idee; gegen halb zehn sah ich kaum noch einen freien Platz, wenn es mir auch nicht ganz so überfüllt vorkam wie Sonntag. Ich arbeitete konzentriert drei Stunden vor mich hin und überprüfte dabei vor allem die kunsthistorisch wichtigen Daten zu den einzelnen Werken, also Maße, Material und Aufbewahrungsort, die ich zu jedem Bild in die Fußnoten schreibe. Außerdem fing ich mit meinem Abbildungsverzeichnis an. Das habe ich schon sehr abgespeckt; der ursprüngliche Plan war, alle Werke zu erläutern und abzubilden, die einen Bezug zu Wagner haben. Damit wäre ich aber locker auf Masterarbeitslänge gekommen. Meine Dozentin meinte: „Suchen Sie sich ein oder zwei Werke raus, die exemplarisch sind, alle anderen führen Sie nur auf und erläutern sie auch nicht.“ Mir blutet das Herz, aber nach dem gestrigen Tag war ich bei 60.000 Zeichen, aus denen ich jetzt irgendwie 50.000 machen muss.

In der Endphase meiner Hausarbeit checke ich grundsätzlich nochmal alles an Fußnoten und Belegen; das sind dann die Tage, an denen ich von einer Bibliothek zur nächsten fahre, denn die Bücher, aus denen ich zitiere, verteilen sich auf mehrere Standorte. Einige der Belege für Kiefer liegen in der Stabi, weitere im Zentralinstitut für Kunstgeschichte, und da fuhr ich dann auch hin.

Königsplatz

Aber nicht mit dem Rad, wie gewohnt. In München liegt Schnee, die meisten Radwege sind ungeräumt, und ich traue mich gerade nicht aufs Fahrrad, vor allem nicht mit einem teuren Laptop auf dem Rücken. Deswegen setzte ich mich in den Bus der Museumslinie 100 und ließ mich zum Königsplatz chauffieren. Der Bus hält an der Westseite des Platzes, das Zentralinstitut liegt an der Ostseite, was mir die willkommene Gelegenheit gab, über meinen Lieblingsplatz zu stapfen.

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Das hier ist die Sicht von Osten. Ich gucke gerade um die Ecke der Glyptothek auf die Propyläen, beides Gebäude von Leo von Klenze. Das hatte ich erst Montag in der Vorlesung gehört, aber das wusste ich natürlich längst (my precious). Was ich aber noch nicht kannte, weil ich sie mir noch nie angeguckt hatte, war die Rückseite der Glyptothek.

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Das ist nur ein Ausschnitt, genauer gesagt, das westlich gelegene Drittel der Wand. Das östliche Drittel sieht genauso aus, und in der Mitte haben wir noch einen schlichten Eingang mit Säulenportikus. Das Bild zeigt das sogenannte Palladio-Motiv oder Serliana: eine mittige Arkade wird von zwei seitlichen Säulen eingefasst. Dabei ist wichtig, dass der Architrav über den Säulen nicht in den Bogen der Arkade übergeht. Tut es das, haben wir statt des Palladio-Motivs einen syrischen Bogen. Den kennen aufmerksame Blog-Leser*innen schon von Borromini und seinem Palazzo di Propaganda Fide in Rom.

So, das merkt ihr euch jetzt, in zwei Wochen frag ich das ab.

Zentralinstitut für Kunstgeschichte

Nach dem kleinen Kulturspaziergang durch den Klassizismus ging’s in die NS-Architektur des Zentralinstituts. Dort blätterte ich weitere Ausstellungskataloge durch, verfluchte Kiefer mal wieder dafür, dass er Bildtitel mehrfach vergab, scannte Bilder und checkte Fußnoten. Nach gut zwei Stunden konnte ich nichts mehr machen, denn die institutseigene Suchmaschine hatte gestern keine Lust, und so sehr ich die Bibliothek aus 500.000 Bänden schätze, so sehr bin ich verloren, wenn ich nichts in ihr finde.

Ich stapfte wieder zum Bus und fuhr zu meinem Bäcker, wo ein weiteres Highlight des Tages auf mich wartete: Eierlikörkrapfen. Ich habe mit Fasching ja nichts am Hut, aber die Tradition der Krapfen gefällt mir außerordentlich gut.

Was schön war, Montag 18. Januar 2016

Die Barock- und Klassizismus-Vorlesung.

Ich mag das, wenn Dozierende kurz aus ihren Rollen als allwissende Müllhalden fallen und persönlich werden. Wir sind in der Vorlesung nach italienischen Kirchen und französischen Schlössern jetzt im Berlin und München des Historismus angekommen; gestern sprachen wir zunächst über die Friedrichwerdersche Kirche und danach vor allem über die Schinkel‘sche Bauakademie, nachdem wir letztes Mal das Stadtschloss angesehen hatten. Und da konnte sich der Dozent dann doch nicht mehr beherrschen und knurrte was von „Zuerst wird die Herrschaftsarchitektur wieder aufgebaut, die niemand braucht, und dann auch noch so halbgar – das Schloss wird so ein komisches Zwitterwesen, da kommt das Humboldt-Forum rein, wissen Sie ja alles, aber sowas Wegweisendes wie die Bauakademie, die wird nicht wieder aufgebaut.“ Die Bauakademie erlitt im 2. Weltkrieg vergleichsweise wenige Schäden, wurde aber trotzdem zu DDR-Zeiten abgerissen. Das forderte ein launiges „Nach 1945 wurde in Deutschland mehr zerstört als davor“ heraus, was er natürlich gleich wieder zurücknahm. (Ich denke darüber immer noch nach.)

Wir sahen uns außerdem einen wunderschönen Kaufhausentwurf von Schinkel an, der mit seiner Skelettbauweise – kaum Wand, fast nur Pfeiler und Fenster – grundlegend für die späteren Grand magasins in Frankreich wurde, die allerdings erst eine Generation später entstanden.

Was nicht so schön war: Mein iPhone zickt seit Wochen rum, genauer gesagt, sein Touchscreen. Aus heiterem Himmel reagiert er nicht mehr, nichts lässt sich mehr anklicken. Das übliche Neustarten, dann den üblichen Hard-Reset habe ich natürlich längst ausprobiert und dutzendfach erledigt, aber nichts hilft. Ein paar Tage lang funktioniert es, dann hakt es wieder. Ehe ich das Ding genervt in den Apple Store trage, googelte ich in der Gegend rum, was man sonst noch machen könnte, und da hieß es: auf Werkseinstellungen zurücksetzen. Vor dem Schritt drücke ich mich gerne, weil ich meinen Back-up-Fähigkeiten nie so ganz vertraue, aber gestern hat mich das ständige An-und-aus-Machen und hoffen, dass es jetzt geht, so genervt, dass ich genau das tat. Das iPhone läuft bisher, aber – was ich gerne vergesse, auch beim Datenimport von einem alten iPhone auf ein neues: die Mails kommen nicht mit. Manchmal denke ich dran und schicke mir wichtige Mails (also persönlichen, sentimentalen Kram) nochmal auf den Rechner, aber gestern vergaß ich das und deswegen sind jetzt die letzten Mails, die ich an den Kerl schrieb, weg.

Dann soll das wohl so. Ich war trotzdem den Rest des Abends traurig. … Also bis #ibes anfing. Mag ja sein, dass die Show ganz schlimm ist, aber ich war gestern sehr dankbar für sie.

Elf Fragen

Die Fragebögen fliegen derzeit so schön in der Blogosphäre rum. Ich lese sie sehr gerne, also habe ich mir diesen mal bei Crocodylus mitgenommen.

1. Eine Abenteuerreise wartet auf Sie. Was wäre für Sie das absolute Abenteuer?

Bei dem Wort Abenteuer habe ich sofort negative Assoziationen, obwohl das vielleicht gar nicht gemeint war. Im Kopf sehe ich etwas vor mir, das mich aus meiner Komfortzone jagt – also Zelt statt Hotel, kein eigenes Bad, womöglich Wandern, viel Natur, viel draußen sein, nur rumlaufen und abends totmüde umfallen, Hitze, also ein exotisches Land … das wäre für mich ein absolutes Abenteuer und ich würde vermutlich jede Minute davon hassen. Viel lieber fahre ich irgendwo hin, wo ich ein anständiges Bett und ein ebenso anständiges Bad habe, Internet und eine schöne Stadt vor der Hoteltür, die ich mir mit öffentlichen Verkehrsmitteln oder in kleinen, angenehmen Etappen zu Fuß erschließen kann. Am liebsten mit einem Klima so um die 15 Grad und einer Sprache, die ich verstehe, ausgestattet. Das ist dann zwar kein Abenteuer, aber ein Urlaub, an den ich mich vermutlich sehr gerne zurückerinnern werde.

2. Sie dürften bestimmen, wer eine Spende von 10.000 € bekommt. Wer wäre das und warum?

Das Rote Kreuz. Meine Großmutter hat sich da jahrzehntelang engagiert und wenn ich Geld spende, dann immer aus familiärer Gewohnheit dahin. Irgendwann hat der Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge mal von mir Geld bekommen (mein Opa ist bei Leningrad gefallen), und seitdem hauen sie mir dauernd Zeug in den Briefkasten. Das nervt etwas.

3. Für einen Tag dürften Sie in die Haut eines anderen Menschen schlüpfen. Von wem wüssten sie gerne, wie sich sein Leben anfühlt?

Seitdem ich überlege, was mir manche Künstler*innen mit ihren Werken sagen wollen, würde ich gerne wissen, ob ich damit recht habe. Daher würde ich vermutlich auf die andere Seite der Kunst wechseln. Ich kann jetzt allerdings nicht genau sagen, wem ich beim Arbeiten zugucken wollen würde. Der erste Gedanke war Jeff Koons – von dem würde ich wirklich gerne mal wissen, ob er glaubt, dass alles toll ist, was er da macht. (Auf den Balloon Dog lasse ich nichts kommen, alles andere von ihm halte ich für hervorragenden Quatsch.)

4. Und welches Tier wären Sie gerne, wenn das möglich wäre?

Eins, das fliegt. Ein Adler wäre schick, der sieht so elegant in der Luft aus. Ich sehe nicht mal am Boden elegant aus und ich bewundere jeden Menschen, der das mühelos hinkriegt.

5. Hat schon mal ein Traum Ihr Leben beeinflusst?

Leben ist zu hoch gegriffen, aber manchmal hat der Kerl irgendwas Doofes im Traum gemacht und ich war deswegen nach dem Aufwachen pissig auf ihn. Das legte sich aber netterweise, sobald mein Hirn wieder da war.

6. Lieblingsbücher liest man gerne mehrfach. Welches haben Sie am häufigsten gelesen?

Das ist immer noch, und inzwischen ist es mir auch nicht mehr peinlich zuzugeben, Tim von Colleen McCullough. Total kitschige Geschichte. Scheißegal. Tut mir immer gut, wenn ich es lese … und nachdem ich den Fragebogen entdeckt hatte, mit meiner Uni-Arbeit fertig und das Dschungelcamp vorbei war, habe ich genau dieses Buch aus dem Regal gezogen und bis kurz nach 2 Uhr nachts durchgelesen. Das war schön.

7. Wenn Sie in ein anderes Land fliehen müssten, dessen Sprache Sie nicht sprächen und wo Ihre Berufsausbildung nicht anerkannt würde, mit welchen Fähigkeiten könnten Sie sich den Lebensunterhalt verdienen?

Die Frage fand ich so reizvoll, dass ich den ganzen Bogen ausfüllen wollte. Ich glaube, ich würde Putzen gehen. Putzen kann ich gut und ich mache es auch nicht so fürchterlich ungern. Ich freue mich immer, wenn meine Wohnung ordentlich ist oder wenn ich nach der Arbeit sehe, was ich getan habe.

Die zweite Möglichkeit wäre kochen, aber für eine Privatköchin reichen meine Fähigkeiten nicht und für eine Großküche wäre ich körperlich nicht belastbar genug. Daher, ja, Putzen. Irgendwie beruhigt mich das gerade zu wissen, dass ich das machen könnte.

8. Verraten Sie uns ihr Lieblingskuchenrezept?

Das ist der Orangenkuchen von Pastasciutta. Gelingt immer, geht schnell, schmeckt großartig. (Da fällt mir ein, ich muss endlich ein Donauwellenrezept suchen, denn eigentlich ist das mein liebster Kuchen, aber ich habe noch nie einen gebacken.)

9. Unter Ihrem Balkon soll jemand ein Ständchen singen. Sie dürfen sich Sänger und Lied wünschen. Also, wen und was wünschen Sie sich?

Das Schnulzbuch ist mir nicht peinlich, aber der Schnulzensänger ein winziges bisschen. Okay, here goes: Ich mag die Stimme von Josh Groban sehr gerne. Puh. Am liebsten hätte ich gerne ein deutsches Volkslied. Diese CD hier höre ich sehr gerne, vor allem In einem kühlen Grunde. Jetzt müsste Josh nur noch akzentfrei Deutsch singen können, dann könnten wir loslegen. Ach so, und ich müsste noch schnell in eine Wohnung mit Balkon ziehen. Auf den habe ich in meinen bisherigen Wohnungen noch nie Wert gelegt.

10. Auf welche fünf Lebensmittel können Sie nicht verzichten?

– Weißbrot. Als Kind durfte ich keins essen, als 25 Jahre lang essgestört lebende (vulgo: diätende) Frau habe ich es mir verkniffen. Seitdem ich wieder gelernt habe, genussvoll zu essen, esse ich nur noch Weiß- oder zumindest sehr helles Brot. Und jedesmal, wenn ich eins neu aufschneide, freue ich mich darüber. Wirklich jedesmal.
– Schokolade. Gleiche Gründe.
– Käse. In allen Varianten, alle Sorten, alles egal. Eigentlich könnte ich hier aufhören, denn mit Käsebrot und Schokolade bin ich rundumversorgt.
– Aber gut, dann nehme ich noch Äpfel und Tomaten. Die habe ich immer im Haus, weil sie immer gehen: Äpfel ins Müsli, pur in Viertel geschnitten auf die Hand, als Kuchenbelag, als Kompott zu Pfannkuchen, mit Vanillesauce aus dem Ofen … und Tomaten als Salat, als Sauce zu Pasta … oh, Moment, Pasta … und Wein … hm … (konzentrier dich, jetzt nicht an Italienurlaub denken) … als Cherrytomate zum Wegsnacken und natürlich als zusätzliche Schicht auf dem gloriosen Käsebrot. ALL HAIL THE KÄSEBROT!

11. Die Elf ist die Zahl des Narren. Wenn Sie sich denn verkleiden würden, als was würden Sie zum Karneval gehen?

Als Norddeutsche hege ich ein gesundes Misstrauen gegenüber Karneval, aber eine Kollegin von mir ist mal als Kaktus gegangen, das fand ich großartig. So eine riesige grüne gemütliche Hülle, die Menschen auf Abstand und auf dem Nachhauseweg warmhält – perfekt.

Was schön war, Samstag, 16. Januar

Tee trinken.

Am frühen Morgen in netter Gesellschaft, während es draußen schneite. Und dann holte mir die nette Gesellschaft auch noch Croissants, was für immer einen Platz in meinem Herzen sichert.

Netflix.

Den Rest der ersten Staffel von Fargo geguckt. Ich weiß nicht, ob ich die zweite Staffel auch noch anschauen werde; ich bin momentan so schnuffig drauf, ich möchte gerade nicht so viel Blut sehen.

#ibes

Mein ganzes Twitter war eine einzige Solidaritätskundgebung für Piepsie Menderes, der sich von Potenzpöbel Legat Machoscheiß anhören musste <3

Lesen.

Die Kiefer-Hausarbeit mal einen Tag lang bewusst in Ruhe gelassen, dann gestern nochmal über meine letzten Schlussfolgerungen gelesen. Gefällt mir sehr gut. Das beruhigt mich ja immer, wenn Geschriebenes einen oder zwei Tage später noch gut ist.

Was schön war, Freitag, 15. Januar

Architektur.

Im Iconic-Architecture-Seminar habe ich das schönste Gebäude des ganzen Semesters gesehen: das Harbin Cultural Center (oder Opera House) des chinesischen Architekturbüros MAD. Es wurde im Dezember 2015 eröffnet. ArchDaily hat noch ein paar hübsche Renderings von 2013, Fotos der Bauphase und Hintergrundinformationen. Das Gebäude befindet sich in einer Gegend, in der sechs Monate Schnee liegt und gerade dann passt es sich wundervoll in die Insellandschaft ein, aus der es aufragt. Im Sommer scheint es nicht ganz so spektakulär zu sein, aber auch da funktionieren die fließenden Linien und kristallinen Gläser, die an Schneeverwehungen erinnern sollen, ziemlich eindrucksvoll. Das Innere ist aus einem Holz gestaltet, das aus der Gegend kommt und soll an Gletscher oder Höhlen erinnern, die das Wasser in den Fels gefressen hat.

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Dialog.

Meine Dozentin sieht es netterweise wie ich: In meinem Kiefer-Wagner-Thema steckt weitaus mehr als eine Hausarbeit. Sie hatte aber sehr gute Tipps für mich, wie ich mit der jetzigen vorgeschriebenen Zeichenzahl hinkomme und mir trotzdem die Möglichkeit offenhalten kann, daraus eventuell eine Master-Arbeit zu zimmern. Läuft.

Haut.

Für jemanden da sein und in dessen Armen einschlafen können.

Was schön war, Mittwoch/Donnerstag, 13./14. Januar

Wein in netter Gesellschaft.

Der ehemalige Mitbewohner und ich haben uns gefühlt im letzten Jahr irrwitzig selten gesehen. Drei Jahre lang haben wir quasi aufeinandergehockt und dann war 2015 irgendwie Funkstille. Das lag sicher daran, dass ich im ersten Halbjahr sehr mit mir selbst beschäftigt war und in den letzten sechs Monaten dann zusätzlich noch mit der neuen Beziehung, aber das ändert sich ja gerade alles wieder. Deswegen haben wir es am Mittwoch abend endlich mal wieder hingekriegt, stundenlang am Küchentisch zu hocken, sehr viel Wein zu trinken (meine Kopfschmerzen am Donnerstag morgen meinten: zu viel) und ausgiebig zu plaudern. Ich warf nebenbei noch Käse und Brot und Obst und Schokolade auf den Tisch und wir ließen es uns richtig gut gehen. Und Tee habe ich auch noch geschenkt bekommen! Ein perfekter Abend. Gerne wieder und gerne auch wieder regelmäßiger.

Schreiben.

Am Donnerstag vertrieb ich erstmal die eben angesprochenen Kopfschmerzen und dann setzte ich mich wieder an den Schreibtisch, um mich Kiefer und Wagner zu widmen. Eigentlich hatte ich nach dem mühsamen Morgen mit einem eher zähen Nachmittag gerechnet, aber ich war blitzschnell im Schreibflow, und als ich nach fünf Stunden aus diesem Flow auftauchte, war die Hausarbeit quasi fertig. Also fertig im Sinne von: leider zu lang.

Mein Job als Kunsthistorikerin ist es (unter anderem), Kunstwerke zu beschreiben, um mich ihnen zu nähern. Das hätte in dieser Arbeit auch super funktioniert, wenn es nur die fünf oder sechs Bilder gewesen wären, von denen ich leichtsinnigerweise ausgegangen bin, bevor ich anfing, alle Kataloge im ZI durchzuwühlen. Inzwischen bin ich, wie ich bereits schrieb, bei 23 Bildern und ich ahne, dass da noch mehr sind. Deswegen habe ich heute einen Sprechstundentermin bei meiner Dozentin, um sie zu fragen, wo ich in meiner Arbeit kürzen kann oder soll, ohne dass die Qualität darunter leidet. Ich weiß, dass ich die Forschungspositionen sehr ausführlich dargelegt habe, denn genau an denen arbeite ich mich ja ab; ich kann die These „Die Gralsgeschichte im Parsifal ist ein direkter Vorläufer zum Blutmythos der Nationalsozialisten“ jedenfalls nicht unwidersprochen stehenlassen. Trotzdem ahne ich, dass ich da streichen kann und muss. Und dann wären wir wieder bei den Bildbeschreibungen, bei denen ich schlicht nicht weiß, ob das noch eine anständige wissenschaftliche Auseinandersetzung ist, wenn ich die Werke nur abbilde, aber nicht beschreibe. Ich weiß einfach nicht, ob ich damit genau den Teil meiner Arbeit vernachlässige, der mein Job ist.

Andererseits kenne ich natürlich genug kunsthistorische Aufsätze, die sich nicht mit detaillierten Bildbeschreibungen aufhalten, sondern sich auf das Wesentliche konzentrieren, an dem sie ihre Thesen entwickeln. Genau das habe ich natürlich auch gemacht; ich habe nur das Detail beschrieben, an dem klar wird, dass sich dieses Bild auf eine Wagner-Oper bezieht, weil genau dieses Detail Teil meiner Argumentation ist. Aber selbst das ist bei 23 Bildern schon viel zu viel für meine lausig geringe Zeichenzahl.

Ich warte meinen Termin heute ab und bin dann hoffentlich schlauer. Die Idee, aus dieser Arbeit mein Forschungssemester zu machen, habe ich wieder zu den Akten gelegt, denn, kurzfristig vergessen, ich bin ja gar nicht im betreffenden Modul angemeldet, sondern brav, wie es sich für das 1. MA-Semester gehört, in einem regulären Hauptseminar und damit komme ich aus der 50.000-Zeichen-Nummer nicht mehr raus. Trotzdem bin ich jetzt einfach mal positiv, hoffe, dass meine Dozentin einen schlauen Vorschlag hat und freue mich darüber, dass die Arbeit, wenn ich sie halbwegs so lassen darf, deutlich früher fertig ist als erwartet.

Ich muss auch allmählich mal anfangen, meine Lernkarten für die Barockklausur zu basteln.

LeserInnenpost.

Ich reagiere quasi nie auf Mails, vor allem nicht auf die Fanpost, weil ich nie weiß, was ich schreiben soll, aber ihr sollt wissen, dass ich immer verlegen grinsend mit roten Bäckchen vor dem Rechner sitze, wenn ihr mir nette Worte zukommen lasst. Vielen Dank.

Ein Fragebogen

Die Kaltmamsell reichte mir einen Fragebogen weiter, den ich sehr gerne annehme. Ich mag Fragebögen, immer her damit.

1. Welcher Körperteil schmerzt dich am häufigsten?

Meine linke Schulter. Vor zehn Jahren war es meine rechte. Ich bin von Arzt zu Ärztin gelaufen, wurde geröntgt, MRTet, bekam Krankengymnastik und Tabletten, obwohl niemand wusste, woher die Schmerzen kamen. (Weswegen ich die Tabletten auch nicht genommen habe. Pfft.) Irgendwann merkte ich, dass sie von alleine besser wurden, wenn ich flach auf dem Rücken liege oder ich im Sitzen die Schulter irgendwo nach hinten gegendrücken kann. Das habe ich jahrelang gemacht, bis die Schmerzen einfach irgendwann weg waren. Und sobald ich mich darüber freuen konnte, fing es links an. Keine Ahnung, warum, aber ich kann die Schulter ja immer irgendwo gegendrücken.

2. Welche Bewegung machst du am liebsten?

Ein Buch aufschlagen.

3. Welches ist dein Lieblingsfrühstück?

Zuhause, wie man gestern erst wieder sehen konnte, Cappuccino und Saft. Wenn ich außerhalb meiner Wohnung gegen Geld irgendwo frühstücke, was recht selten passiert, weil ich ja alles zuhause habe, was schmeckt, wird es meistens was mit Obst und viel Käse und einem riesigen Milchkaffee.

4. Zurückschlagen oder wegrennen?

Die klassische Antwort: kommt drauf an. Wenn’s nicht wichtig ist: wegrennen. Ich bin ein eher konfliktscheuer Mensch, ich kriege es nicht mal hin, Kellnern zu sagen, dass das Essen mies war. Wenn mir an einem Thema aber etwas liegt und ich kontra kriege, schlage ich immerhin verbal zurück. Vor körperlicher Gewalt habe ich hingegen große Angst, da würde ich vermutlich immer wegrennen. Ich musste es allerdings glücklicherweise noch nie ausprobieren.

5. Was siehst du gerade, wenn du deinen Kopf nach links wendest?

Den Rest meines L-förmigen weißen Sofas, auf dem ich rumlungere, wenn ich blogge, ein viersegmentiges weißes Expedit von Ikea, in dem viele Weinflaschen stehen, den unteren Teil des goldenen Rahmens von Luise und die weiße, geöffnete Tür zum Flur.

6. Duschen oder Vollbad?

Ich wohne seit Jahren in Wohnungen mit Badewanne, auf die ich immer Wert gelegt habe, bis mir irgendwann aufgefallen ist, dass ich vermutlich nur noch einmal im Jahr bade, wenn’s hochkommt. Als ich noch Golf gespielt habe, war es das Größte, nach der Runde erstmal die müden Knochen in ein heißes Bad zu tauchen. Aber seit ich das nicht mehr tue, ist die Badewanne eigentlich nur noch Deko. (Aber ich kaufe mir jetzt trotzdem endlich die Absolvente, das hab ich mir vor drei Jahren beim Studienbeginn versprochen.)

7. Wo sitzst du am liebsten in der Sonne?

Nirgends. Ich mag Sonne gerne aus der kühlen Sicherheit meiner Wohnung heraus. Und wenn ich schon raus muss, dann bitte nur in den Schatten; alles über 15 Grad empfinde ich als nervig, alles ab 25 als wirklich störend. Wie sagten Tokio Hotel vor Jahren mal bei einem Interview: „Wir sind mehr so Drinnies.“ Ich bin bei euch, Jungs.

8. Welches Kleidungsstück ist der kürzlichste Neuzugang in deinem Schrank?

Eine Winterjacke. Ich konnte meine schwarze nicht mehr sehen, deswegen habe ich jetzt eine in kermitgrün.

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Die steht mir übrigens laut meiner Farbberatungskarte ü-ber-haupt nicht. Als Sommertyp soll ich bitte kräftige Farben vermeiden. Und die Länge ist auch nicht okay; laut den total wichtigen Hinweisen für dicke Frauen, wie sie sich bitte schmeichelhaft kleiden sollen (vulgo: „Bitte verhüllen Sie sich weiträumig, damit Idioten die Konturen Ihres Körpers nicht ertragen müssen“), soll ich Jacken tragen, die über meinen Hintern rübergehen. Dann sieht quasi niemand mehr, wieviel Po darunter ist. (Ist klar.) Ich habe aber meist keine Lust, Jacken zu tragen, die ich beim Radfahren hochschieben oder auf die ich mich draufsetzen muss, also trage ich eine Jacke, die meinen Hintern nicht ganz bedeckt. IN EINER KRÄFTIGEN FARBE! Ich müsste mich also eigentlich ganz fürchterlich fühlen, aber stattdessen fühle ich mich ganz wundervoll so als dicker Wollfrosch.

9. Was entspannt dich mehr: Musik oder Stille?

Stille. Musik höre ich fast nur noch als Hintergrund beim Putzen oder Kochen und da ist es die Gute-Laune-Playlist. Ich bin generell eine Freundin der Stille.

10. In welcher Sportart wärst du gerne richtig gut?

Kendo, weil’s supercool aussieht.

11. An welchen Urlaub erinnerst du dich am liebsten zurück?

Ich erinnere mich gerne an die Studienreise nach China zurück, weil ich da zum ersten Mal kapiert habe, was ein anderer Kulturkreis Kulturraum ist und die Welt ganz anders sein kann als meine kleine deutsche Blase. Und an die Studienreise nach Rom, denn die hat mir den letzten Kick gegeben, Kunstgeschichte studieren zu wollen. Auch wenn ich jetzt die betreffenden Blogeinträge kaum noch ertragen kann, weil sie eben kunstgeschichtlich unglaublich naiv und unwissend sind.

#12von12 im Januar

Wie immer am 12. des Monats: zwölf Bilder vom Tag. Alle anderen gibt’s bei Draußen nur Kännchen.

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Das erste, was ich sehe, wenn ich aufwache: Luise. Sehr schemenhaft, zugegeben. Ich bin schon gespannt darauf, wie der Blick im Sommer sein wird, wenn es morgens im Zimmer heller ist.

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Immer noch leicht körnig, weil das Licht immer noch düster ist: mein Frühstück. Heute eher ein Flat White statt des üblichen Cappuccinos – der Milchaufschäumer war anscheinend noch nicht ganz wach.

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Ich hatte am Montag Serverprobleme, weswegen ich meinen langen Blogeintrag über meinen kurzen Parisbesuch nicht in der WordPress-Maske tippen konnte. Aber rumsitzen wollte ich natürlich auch nicht, also schrieb ich ihn vorgestern erstmal ohne Links und Bilder in ein Word-Dokument.

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Aus dem dann nur gut eine Stunde später ein schöner Blogeintrag wurde.

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Eigentlich wollte ich gestern erst in die Stabi und dann ins Zentralinstitut für Kunstgeschichte. So sehr ich letzteres liebe – manchmal hat die Stabi dann doch einen Katalog oder ein Buch, das dort nicht steht. So wie jetzt gerade, wo ich in der Stabi die englische Ausgabe einer Dissertation über Kiefer und seine Bilder zu Celans Todesfuge lese anstatt die französische im ZI. Draußen vor dem Fenster mischten sich aber Regen und Schnee, weswegen ich zuhause weitertippte, wo auch genug Bücher lagen, aus denen ich mich bedienen konnte. Mit einem Ausblick auf neue Tulpen und einem kleinen Snack an meiner Seite.

In meiner Hausarbeit wollte ich Närrin ja alle Bilder aufzählen, in denen Kiefer auf Wagner rekurriert, und sie neu besprechen, weil mir die bisherige Forschung zu dem Thema zu wischiwaschi ist. Während des Referats kamen mir so fünf, sechs Bilder unter und ich dachte launig, ach, das wird gehen. Es gibt leider kein Werkverzeichnis von Kiefer, weswegen ich die Zeit vor und nach dem Jahreswechsel damit zubrachte, alle Kataloge durchzublättern, die im ZI stehen. Inzwischen bin ich bei 23 Werken mit eindeutigem und zehn Werken mit nicht-eindeutigem Wagner-Bezug – und ich habe noch nicht mal alle Kataloge durch geschweige denn die Datenbanken aller Museen dieser Welt angeklickt (das mache ich dann auch erst bei der Dissertation).

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Dementsprechend sieht meine Hausarbeit aus, die bisher nur aus der Einleitung, dem Forschungsstand und den blanken Daten zu den Bildern besteht. Ich habe gestern angefangen, diese wenigstens rudimentär zu beschreiben; also nicht in allen Einzelheiten (es gibt ja auch ein Abbildungsverzeichnis), aber wenn ich schon über Wagner-Bezüge rede, dann möchte ich wenigstens genau die möglichst präzise erläutern. Also: Was soll der Speer bei Parsifal I, wieso ist Siegfried’s Difficult Way to Brünhilde eindeutig Wagner und nicht Nibelungenlied und so weiter.

Blöderweise frisst das mehr Zeichen als ich dachte. Ich darf – extra noch mal nachgeguckt – 50.000 Zeichen inklusive wissenschaftlichem Apparat schreiben. Nach meiner gestrigen Arbeit bin ich bei 43.000 und ich habe mit meiner These (Wagner bei Kiefer ist ein Hinweis auf das Familiäre und nicht den großen, anonymen NS-Staat) noch nicht mal angefangen geschweige denn alle Bilder beschrieben. Daher überlege ich jetzt ernsthaft, diese Arbeit nicht als reguläre Hausarbeit, sondern als meine Forschungsarbeit zu nehmen, die eigentlich erst im 3. Mastersemester vorgesehen ist und 70.000 Zeichen umfassen darf. Das werde ich dringend mit meiner Dozentin besprechen müssen. Ich weiß ja inzwischen, dass ich mich in jedes Thema reinfresse und bei jedem Thema irgendwann denke, daraus kann man viel mehr machen, aber dieses Mal fühlt sich das wirklich nach Forschung und einer neuen Sichtweise auf ein Werk an, während ich im Bachelor doch gefühlt nur Zeug aus der Sekundärliteratur zusammengetragen und neu interpretiert habe. Die Arbeit, die ich jetzt gerade leiste – ein auszugsweises, thematisches Werkverzeichnis – habe ich so aber noch nicht vorgefunden. Hm. Anke: Sprechstundentermin machen statt weitergrübeln. Heute.

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Bis dahin jammere ich noch darüber, dass ich keinen Platz mehr auf meinem Schreibtisch habe.

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Und dass in jedem Buch andere Maße für die gleichen Bilder stehen, was mich wahnsinnig macht.

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Gegen 17 Uhr gab’s dann Mittag. Ich gönnte mir zwei Folgen Grace and Frankie auf Netflix, bevor ich mich für die Abendveranstaltung aufhübschte: eine Buchpräsentation in den Kammerspielen. Genauer gesagt, eine Präsentation dieses Werks:

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Netterweise gab es die Möglichkeit, das Werk in den Kammerspielen zu erwerben, was F. für mich erledigte, während ich noch unterwegs war. Gut, dass ich den ollen Rucksack aufgesetzt hatte anstatt das damenhafte Handtäschchen zu nehmen, denn die beiden Bücher wiegen fast fünf Kilo und sind riesengroß.

Die Präsentation begann mit zwei kurzen Vorträgen: Was soll das eigentlich, wer hat damals Mein Kampf gelesen, wer sollte es heute noch lesen usw. Dann trug eine Schauspielerin der Kammerspiele Passagen des Originaltextes vor, die dann von den vier anwesenden Editoren Christian Hartmann, Thomas Vordermayer, Othmar Plöckinger und Roman Töppel zerpflückt wurde. Man bekam einen guten Eindruck davon, wie die letzten Jahre der Arbeit an dem Buch verlaufen waren, dass quasi jeder Satz angeguckt, überprüft und notfalls kommentiert wurde. Die Ausführungen waren allesamt sehr lehrreich und so komisch das klingt: Ich freue mich darauf, in der Edition lesen zu können.

Bemerkenswert fand ich die Einleitung von Christian Hartmann, dem Leiter des Projekts, der klarstellte, dass man mit einer gewissen Haltung an die Sache gegangen wäre, um die, halbwegs O-Ton, „Lügen, Verfälschungen und Andeutungen Hitlers“ zu korrigieren. Er meinte, man könne diesem Buch nicht neutral gegenüberstehen. Ich erinnerte mich an die ersten Amazon-Rezensionen, die genau das beklagt hatten: dass man eben die Haltung spürt, mit der jemand an den Originaltext gegangen ist und diesen, jetzt aber O-Ton Hartmanns, „umzingelt“ hat mit seinen Anmerkungen. Dann scheint der Plan ja funktioniert zu haben.

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Zuhause wollte ich dann aber doch nicht mehr in der Edition lesen – sie ist in ihrem Format leider sehr bettunfreundlich – und las daher weiter Patricia Highsmiths The Price of Salt, or Carol. (Den Film habe ich nicht durchgehalten, die Geschichte interessiert mich aber.)

Anselm Kiefer im Centre Pompidou

Seit Anfang Oktober beschäftige ich mich intensiv und fast ausschließlich mit Kiefer, vor allem mit seinem Frühwerk. Die Hausarbeit ist zu einem Drittel geschrieben, der Rest ist noch im Kopf und muss nur noch aufs Papier (haha), auf meinem Schreibtisch stapeln sich Bücher zu Kiefer, und im Zentralinstitut für Kunstgeschichte steht mein Handapparat aus Ausstellungskatalogen. Als ich im Dezember erfuhr, dass bis April eine Retrospektive von Kiefer im Centre Pompidou läuft, zierte ich mich noch ein wenig, aber als ich im ZI den Ausstellungskatalog in der Hand hatte und sah, wieviele Bilder ich dort sehen könnte, über die ich seit Monaten nachdenke, buchte ich ein Ticket. Am Samstag war es dann soweit; ich stand um vier Uhr morgens auf, um den 7.15-Flug nach Paris zu kriegen, dort ins Museum zu gehen und abends wieder zurückzufliegen. (Keine Zeit und kein Geld für mehr.)

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Ich landete um 9 in Paris; das Centre Pompidou öffnet allerdings erst um 11. Ich wusste, dass der Flughafen Charles de Gaulle ein riesiges Monster ist, und ich hatte keine Ahnung, wo die RER-Gleise waren, von denen mich ein Zug bis nach Châtelet-Les Halles bringen sollte, damit ich von dort zu Fuß zum Centre Pompidou laufen könnte. Daher hatte ich mir nur locker ein kleines Touri-Programm überlegt, falls ich tatsächlich noch Zeit hätte. Das Monster war allerdings überraschend gut ausgeschildert, ich fand sofort die Ticketautomaten, erwischte den richtigen Zug und war laut Swarm-Check-in um 10 nach 10 mitten in Paris.

Wer in Les Halles das Wort sortie nicht kennt, wird vermutlich dort unten verenden. Ich suchte nach dem Ausgang zur Rue de Rivoli, fand ihn manchmal, verlor die Richtung dann wieder und dachte schließlich, Schnickschnack, ich nehme jetzt die nächste Treppe nach oben und zücke Google Maps. Denn die 50 Minuten, bis ich theoretisch am Centre Pompidou sein müsste, wollte ich erstmal am Louvre investieren. Am, nicht im, das war zeitlich nicht drin (leider), aber ich wollte mir auch nur eine einzige Wand angucken: die Ostfassade.

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Die Kunstgeschichte ist bis heute traurig darüber, dass nicht Bernini diesen Teil des Louvres umbauen durfte, denn seine Entwürfe wären einen Hauch schwungvoller geworden als das, was da jetzt seit 1674 steht. Ich habe im Bachelor, glaube ich, drei Dozenten gehabt, die sich in drei unterschiedlichen Vorlesungen oder Seminaren über diese Fassade beschwerten, und jetzt, wo ich sie gesehen habe, kann ich das nachvollziehen. Man steht vor einem ewig langen Block, und das Auge kann sich nirgends richtig festhalten. Ein Mittelrisalit und zwei Eckrisalite gliedern die lange Kolonnadenreihe zu wenig, um wirklich Abwechslung zu erzeugen. Die Doppelsäulen betonen die Aneinanderreihung von einer Achse nach der nächsten sogar noch anstatt sie zu unterbrechen. Das Ganze wirkt sehr massiv, es fehlt die Leichtigkeit von Bernini oder auch die des französischen Schlossbaus, der durchaus gezeigt hat, wie man lange Fronten spannender gestalten kann, zum Beispiel die Gartenseite von Versailles, die kurz vor der Louvre-Umgestaltung entstand.

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Ich verbrachte trotzdem ein Viertelstündchen damit, die Fassade abzugehen – und entdeckte überrascht, dass hinter ihr irgendwann der Eiffelturm hervorlugt. Mir fehlt für Paris jeglicher Orientierungssinn, ich weiß nie, von wo man den schnuffigen Turm sieht. Aber jetzt, wo ich ihn gesehen hatte, dachte ich, machste doch noch schnell das übliche Tourifoto von der Pont Neuf.

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Die Louvre-Fassade war mein einziger geplanter Bonustrip zum Centre Pompidou; ich hatte locker im Hinterkopf, dass, wenn ich früh genug mit Kiefer fertig wäre, ich noch zur Notre Dame schlendern könnte. In der war ich zwar schon zweimal, aber Kathedralen kann man sich ja immer wieder angucken. Und nun stand ich auf der Brücke, guckte zum Eiffelturm, drehte mich um, um in Richtung Centre Pompidou zu gehen – und sah natürlich schon die Türme der Notre Dame. Das wäre jetzt ja quasi albern, erst zu Kiefer zu gehen und dann nochmal hierhier, also schlenderte ich über die nächste Brücke auf die Île de la Cité, am Justizpalast vorbei, wo sich die ersten Tourigruppen sammelten – es war sehr leer in Paris, was mich etwas wunderte, so kannte ich die Stadt überhaupt nicht –, bis ich wenige Minuten später vor der Kirche stand.

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Was mir neben der ungewohnte Leere noch auffiel: sehr viele Menschen in Tarnkleidung mit Maschinenpistolen, selten allein, meist gleich mindestens zu fünft. Vor Notre Dame mischten sie sich aufmerksam zwischen die Touris, später sah ich sie vor dem Rathaus in noch größerer Anzahl, und sogar vor dem Centre Pompidou, dort allerdings eher vereinzelt. Bevor ich in Notre Dame eintreten durfte, musste ich meinen Rucksack öffnen – ich bin mir allerdings unsicher, ob das vor den Attentaten nicht auch schon so war, genau wie im fnac Les Halles, wo ich später am Tag noch einen Comic kaufte. Vor dem Centre Pompidou gab es längere Schlangen, weil man auch hier die Taschen öffnen und durch einen Metalldetektor gehen musste.

Aber noch stand ich vor Notre Dame und guckte mir entspannt die Fassade an. Ich mag die Königsgalerie so gerne, die die Fassade horizontal teilt und die Portalzone deutlich von Fensterzone und Türmen trennt. Auch an Tympana kann ich nie vorbeigehen, ganz gleich an welcher Kirche sie sich befinden. Ich freue mich immer über die raffinierten Gestalten, vor allem, wenn sie nicht die üblichen weihevollen Jünger und Apostel sind, sondern wie hier Fratzen und Ungeheuer.

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Drinnen war es wie immer: zu laut. Ich glaube, es kommen stets mehr Schilder hinzu, die Menschen darauf hinweisen, dass das hier eine Kirche ist, also Fresse, aber das bringt nie was. Ich mag das Innere von Notre Dame eh nicht so richtig gerne, freute mich aber wie immer an den Fensterrosen, wobei mir dieses Mal die beiden im Querschiff sogar besser gefielen als die große Rose an der Hauptfassade. Und ich genoss, wie immer in gotischen Kirchen, den Chorumgang, weil ich halt so gerne hinter dem Hauptaltarraum rumlaufe. Das kennt man aus modernen Kirchen ja nicht, dass nach dem Altar noch was kommt außer einer Wand. In den gotischen Kirchen befinden sich hier aber diverse kleine Kapellen, in denen gerne Reliquien lagen, und der Chorumgang war für die ganzen Pilger da, die sich die Reliquien auf ihrer Reise anschauen wollten. Damit die Jungs (Pilgern war eine fast ausschließlich männliche Angelegenheit) nicht das ganze Mittelschiff vollstanden, schuf die Gotik halt Platz für sie und steuerte sie um den Altarraum herum, auf einer Seite rein, weitergehen, nicht stehenbleiben, auf der anderen Seite raus. Klappt heute noch genauso. Theoretisch. Praktisch steht natürlich immer jemand mit Selfiestick im Weg.

Ich blieb nicht lange in der Kirche, setzte mich nur kurz ins Mittelschiff, um mich zu freuen, dass ich in Paris sein kann und ging dann weiter ins Centre Pompidou. Zu Kiefer. (OMG!)

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Mir diese Ausstellung anzuschauen, war ein sehr ungewohntes Erlebnis. Normalerweise gehe ich fürchterlich emotional in Museen. Gerade wenn ich endlich ein Bild oder eine Skulptur sehe, die ich vorher oft in Büchern gesehen habe, stehe ich gerne mal wackelig vor dem Werk und schlucke Tränchen runter. Das ging mir bei Kiefer überhaupt nicht so, obwohl ich mir sein Œuvre durchaus auch emotional erschlossen habe. Stattdessen erwischte ich mich, quasi durchgehend zustimmend zu nicken, ja, schöne Hängung, bisschen wenig Platz, aber gut, so ist das Museum eben, können ja nicht alle so riesig sein wie die Pinakothek der Moderne, weiternicken, gucken, ja, kenne ich, aha, so sieht das also in echt aus, so hatte ich mir das auch vorgestellt, aha, aha.

Ich weiß nicht, ob es an meiner wirklich gründlichen Vorbereitung lag, daran, dass ich eben seit Monaten über Kiefers Werk brüte und so ziemlich alle Bilder kannte, die an den Wänden hingen und sie mich deswegen auf den ersten Blick nicht mehr überraschen konnten, oder ob schlicht meine gebündelte Konzentration überwog, weil ich wusste, ich bin nur heute hier, in zwei Stunden kann ich eh nix mehr sehen, also streng dich an. Das fühlte sich eher nach Arbeit an als nach einem entspannten Museumsbesuch, aber: Es war großartig. So fühlt man sich also als Kunsthistorikerin. Aha, aha.

Die Ausstellung war halbwegs chronologisch geordnet, aber gleichzeitig – sehr schlau – nach Themen. Im Pressedossier des Centre Pompidou, das ich peinlicherweise nicht mehr auf der Website wiederfinde, ist ein praktischer Plan abgebildet, in dem die Räume beschrieben sind. Den ersten Raum, Rhétorique de guerre, nahm ich mit, weil das mit Kiefers älteste Werke waren, die also in die Zeit fallen, mit der ich mich in der Hausarbeit beschäftige. Hier besah ich mir eher seine Maltechnik als die Motive – die kannte ich ja auch alle – und die Farben, weil man bei denen in keinem Katalog sicher sein kann, ob sie auch wirklich denen auf der Leinwand entsprechen. Hier fand ich auch Maikäfer flieg (1974), das den Titel des Katalogs ziert und bei dem mich die dicken Farbschichten faszinierten, die durchbrochen waren von völliger Abwesenheit von Farbe. Das hängt übrigens sonst im Hamburger Bahnhof in Berlin, einfach mal vorbeischauen.

Durch den Raum mit Papierarbeiten ging ich recht schnell; ich war wegen der Gemälde hier. Eins meiner liebsten fand ich dann auch schon im dritten Raum, in dem Landschaftsbilder hingen, darunter Siegfried vergißt Brünhilde (1975), das sonst in Duisburg im MKM hängt. Gerade bei diesem Bild bin ich froh, dass ich es endlich im Original gesehen habe, denn in den meisten Abbildungen kam es mir sehr rosig vor – jetzt weiß ich, dass diese Version (es gibt mehrere, siehe meine gestrige Nölerei bei Twitter) eher grünlich schimmert, fast unwirklich und wie ein Unterwassersee aussieht anstatt wie ein oberirdischer Acker im Tageslicht.

Im vierten Raum, Mythes germaniques, hing Varus (1976), über das ich schon im Referat gesprochen hatte und das ich sehr gerne mag. Das hatte ich mir immer größer vorgestellt als es ist; 200 x 270 cm ist nicht gerade winzig, aber im Vergleich zu den Werken aus dem nächsten Raum – Une histoire allemande – dann doch fast kleinformatig. Eben dieser Raum war der, für den ich nach Paris geflogen bin. Hier hingen Parsifal III (1973) und Notung (1973) und ich blieb sehr lange bei ihnen. (Wobei ich glaube, dass das Bild eher Parsifal I ist; die Nummerierung geht in allen Katalogen lustig durcheinander. Das Bild mit dem Speer ist der Mittelteil des Triptychons Parsifal III, I, IV, daher tippe ich auf die I.)

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Endlich konnte ich mich mit der Größe der Bilder konfrontieren anstatt sie auf höchstens 30 Zentimeter Breite in einem Buch abgedruckt zu sehen, ich konnte die gemalte Maserung des hölzernen Dachbodens mit den Augen verfolgen und gucken, was der gemalte Raum mit mir macht. Auch hier bemerkte ich das Fehlen jeglicher Emotionalität, es blieb bei der faszinierten und begeisterten Konzentration und einem sehr positiven Schub für die Hausarbeit. Außerdem fand hier ein Ereignis statt, das eine meiner Theorien ganz wunderbar bestätigte, das ich aber trotzdem nicht in die Arbeit schreiben werden kann, weil es ganz und gar unwissenschaftlich ist.

Mein Zugang zu Notung und dem Wagner-Bezug im Bild ist nicht der übliche „Wagner ist Hitlers Lieblingskomponist und damit sind die Bilder ein grobschlächtiger Hinweis auf den NS-Staat“. Stattdessen glaube ich, dass Wagner für etwas anderes steht – er ist für mich ein Hinweis auf die enge Bindung, die Hitler zur Familie Wagner in Bayreuth pflegte. Die Bilder mit Wagner-Bezug zeigen für mich intimere Szenen als andere Kiefer-Bilder, wo er weite Landschaften abbildet, Stammbäume mit deutscher Geschichte, NS-Architektur usw. – der große Bogen zum Nationalsozialismus. In den Wagner-Bildern geht er für mich vom großen Ganzen und dem übermächtigen Staat weg in die kleine Keimzelle der Familie, die durch ihr Mitwirken eben auch für das Funktionieren des NS-Staats gesorgt hat und die jetzt, nach 1945, eisern dazu schweigt, um das Wirtschaftswunder durchzuziehen. Das ist für mich eine andere Ebene als die der großen Politik. Mir kam das Schwert im Bild auch nie wie eine Waffe vor, sondern wie ein Kinderspielzeug. Und als ich Samstag vor dem Bild stand, rannte plötzlich ein kleiner Junge direkt auf das Bild zu und hatte die Hände schon nach dem Spielzeugschwert ausgestreckt, als sein Vater ihn noch kurz vor dem Absperrseil schnappen und festhalten konnte. Aha, aha.

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Eigentlich war damit schon alles erfahren, was ich haben wollte, als ich den Parisflug gebucht hatte. Aber ein Raum wartete noch auf mich, der mich dann doch ein bisschen emotional werden ließ.

Im Raum La valeur des ruines hingen mehrere Werke aus der Bilderserie Kiefers, in der er NS-Architektur gemalt hatte, Speer, Troost, die ganze Bande. Auf ein Bild – Dem unbekannten Maler (1983) – hatte er einzelne Strohhalme geklebt, was ich nie so recht verstanden hatte. Aber jetzt, als ich vor dem Bild stand, war auf einmal alles klar: Die Halme fielen nach und nach vom Bild ab, an einigen Stellen war nur noch die Leinwand zu sehen – so wie die abgebildete Architektur in unseren Städten nicht mehr zu sehen ist, weil sie nach 1945 nach und nach vernichtet oder verbaut wurde, aus den Augen, aus dem Sinn.

In diesem Raum hingen noch zwei weitere großformatige Bilder, für die sich die Fahrt alleine gelohnt hätte: Margarete und Sulamith, beide von 1981. In ihnen verarbeitet Kiefer Paul Celans Todesfuge: Margaretes goldenes Haar wird von Stroh dargestellt, Sulamiths aschenes bekommen wir nicht mehr zu sehen; stattdessen stehen wir vor dem Bild eines Gebäudes, das einer Soldatenhalle von Wilhelm Kreis von 1939 nachempfunden ist, das aber an einen Ofen erinnert (kann man im Link unter Sulamith sehen). Die Bilder hingen direkt nebeneinander, und vor ihnen standen gefühlt weitaus mehr Menschen als vor allen anderen Werken. Vielleicht weil sie, im Gegensatz zu vielen anderen Bildern Kiefers, so simpel und eindrücklich funktionieren.

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In dem Moment, in dem ich vor diesen Bildern stand, twitterte ich: „Verstehe zum ersten Mal die Wucht der Materialität von Kiefer“ und „Arschfrühes Aufstehen, teurer Flug – alles egal, alles richtig gemacht.“ Und mit genau diesem Gefühl bin ich dann auch durch den Rest der Ausstellung gegangen, die mir für meine Hausarbeit nichts mehr brachte, weil die Bilder und Skulpturen zu neu und anderen Themen zugeordnet waren, aber sie gaben mir einen hervorragenden Gesamteindruck mit. Ich kann jede Kritik verstehen, die Kiefer seit 40 Jahren zu hören kriegt – esoterischer Quatsch –, ich weiß nun aber ganz genau, warum mich diese Bilder so faszinieren. Sie haben mich schon als kleines Foto in dutzenden von Büchern begeistert und sie tun es erst recht, wenn ich vor ihnen stehe. Ihre Größe, ihre Haptik, ihre nachvollziehbaren, lesbaren Spuren, überhaupt Spuren, nicht einfach nur Farbe auf Leinwand, sondern ein Landkarte meines eigenen Landes und seiner Vergangenheit, das Empfinden, hier Wahrheiten zu sehen und kein vages Kunstwollen sowie das Gefühl, schon viel gewusst zu haben, es aber es jetzt erst richtig verstehen zu können – all das nehme ich mit. Merci, Monsieur. Merci, Paris.

Schokoladenpudding

Kracherrezept, ich weiß. Aber ganz ehrlich: Jede Ente à l’orange kann einpacken, wenn ich eine Schüssel Pudding vor der Nase habe. Das Buch, aus dem ich das Rezept habe – natürlich Deutschland vegetarisch –, sagt mir zwar, dass gekochte Süßspeisen aus Milch und Stärke Flammeri heißen, während ein Pudding eigentlich eine im Wasserbad gegarte Speise ist, aber das weiß außer dem Buch vermutlich niemand.

Okay, jetzt weiß ich’s.

Mpf.

PUDDING! Menno.

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Kracherzubereitung, dauert fünf Minuten plus Kühlzeit und schmeckt grandios. Noch besser mit Vanillesauce, Obst, gesüßter Sahne, was weiß ich. Ich esse Pudding allerdings ohne alles.

In einem Topf
400 ml Milch,
100 ml Sahne,
100 g Zartbitterschokolade, fein gehackt (bei mir Kuvertüretröpfchen),
40 g Zucker,
10 g dunkles Kakaopulver (also kein Kaba oder sowas),
35 g Speisestärke und
1 Prise Salz (vergesse ich immer, ist egal)

unter ständigem Rühren mit einem Schneebesen aufkochen. Das ständige Rühren ist erstens wichtig, weil sich das dunkle Kakaopulver, die Stärkeklümpchen und der Zucker so anständig auflösen, und zweitens, weil die wunderbare Flüssigkeit beim Heißwerden ganz plötzlich zu einer wunderbaren Schlotzmasse wird. Den Zeitpunkt sollte man nicht verpassen, sonst brennt alles an. Sobald die Schlotzmasse kocht, weiterrühren und noch eine Minute kochen lassen (ich mache dabei immer schon die Herdplatte aus) und dann in Gläser oder eine Schüssel umfüllen und auskühlen lassen. Wie man auf dem Bild erkennt, bekommt der Kram eine herrliche Haut, was sowieso das beste am Pudding ist.

Kracher-PS: Für Vanillepudding Schokolade und Kakao weglassen und stattdessen das Mark einer Vanilleschote, drei Eigelb und 80 g Zucker nehmen.

Was schön war, Donnerstag, 7. Januar 2016

Vormittags noch rumgedöst, gelesen, gebloggt, weiter auskuriert. Nachmittags handfeste Nahrung statt Suppe zu mir genommen. Am späten Nachmittag den Hummeln im Hintern bzw. in den Fingern nachgegeben und mich nach fünf Tagen Pause wieder an den Schreibtisch gesetzt und weiter an der Kiefer-Hausarbeit geschrieben. Gut vorangekommen. Nebenbei Nachschub an Schokoladenpudding gekocht because I can. Guter Tag.

Was schön war, Mittwoch, 6. Januar 2016

Platz.

Ein Bekannter kam vorbei und räumte mir so gut wie alle Umzugskartons aus meinem winzigen Kellerabteil, so dass dieses jetzt wieder benutzbar ist. Vorher musste man erstmal Zeug rausräumen, um überhaupt eintreten zu können. 40 Kartons nehmen doch ganz schön Platz weg, aber der gehört jetzt wieder mir. Und wenn mein Kreislauf nicht mehr nach einer Treppe und fünf-Kartons-Tragen anfängt memmig zu werden, werde ich auch endlich Kram aus meiner Abstellkammer in der Wohnung in einige der noch übriggebliebenen Kartons packen und sie im Keller stapeln, wie sich das gehört.

Essen.

Nachdem ich mich drei Tage lang von Weintrauben, Schokoladenpudding und Caear Salad ernährt habe (Knoblauchcroutons kann ich auch an der Schwelle zum Exitus zubereiten und ja, ich habe für Notfälle wie Erkältungen ein Fertigdressing im Haus, jetzt isses raus), konnte ich gestern endlich mal wieder was kochen. Heißt: Ich kann schon wieder 30 Minuten am Stück irgendwo rumstehen und Gemüse schnippeln und ich kann wieder mehr schmecken.

Gestern ist es eine Kokosmöhrensuppe geworden. Ich hatte leider keine rote Currypaste mehr im Haus, von der ich sonst einen Klecks in die Suppe gebe; stattdessen warf ich aus dem Handgelenk Kurkuma, gemahlenen Koriander, gemahlenen Kreuzkümmel und Currypulver darüber. War auch okay. Als Deko gab’s Petersilie statt Koriander (hatte ich auch nicht, und gestern war in Bayern ja Feiertag, was den Nachschub stark erschwerte), Mandelblättchen, Sesam und dunkles Sesamöl. Ich sollte überhaupt mehr dunkles Sesamöl an Dinge klecksen, das war sehr lecker.

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Lesen.

Ich kann mich wieder besser konzentrieren, weswegen ich gestern nicht weiter vor Pastewka vor mich hindöste, sondern mal wieder ein Buch in die Hand nahm. Ich lese immer noch Mythos Trümmerfrauen, und gestern stieß ich auf eine Passage, die für mich als Kunsthistorikerin interessant war. (Der folgende Text lehnt sich stark an Trebers Buch an, vor allem an die Seiten 280–343.)

Es gibt in Berlin auf beiden Seiten der ehemaligen Mauer Statuen für Trümmerfrauen bzw. Aufbauhelferinnen. Die beiden Skulpturen sehen sehr unterschiedlich aus, was auch mit dem unterschiedlichen Frauenbild in den beiden neu entstehenden deutschen Staaten zu tun hat.

Hier die Aufbauhelferin von Fritz Cremer (den ich inzwischen netterweise aus unserem Ost-West-Dialoge-Seminar kenne), 1954, Rathausstraße vor dem Roten Rathaus:

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Cremer Aufbauhelferin“. Licensed under Wikimedia Commons.

Seit Ende des Krieges war in Ost-Berlin und der SBZ/DDR die Aufbauhelferin medial repräsentiert. Die Berichterstattung über ihre Arbeit diente allerdings nicht dazu, ein objektives Bild von ihr zu zeichnen, sondern das negative Image der Trümmerräumung umzudeuten. Trümmerräumung war, wenn es nicht von Maschinen erledigt wurde, zunächst von ehemaligen Parteigenoss*innen, dann von Arbeitslosen übernommen worden und galt als Straf- oder Sühnearbeit. Auch waren Männer grundsätzlich in der Mehrheit; Frauen arbeiteten sehr selten im Baugewerbe (im NS-Staat war ihnen dieses untersagt gewesen), und wenn sie es jetzt, nach 1945, taten, dann aus purer Not, um ihre Essensrationen aufzustocken und nicht aus freudigem Aufbauwillen. In der SBZ wurde nun aber genau diese Tätigkeit als Folie für das neue sozialistische Frauenbild genutzt: Die Trümmerfrau wurde zu einer Vorreiterin der Gleichberechtigung.

Der Staat folgte hier alten Forderungen der proletarischen Frauenbewegung des 19. Jahrhunderts, allen voran Clara Zetkin, die schon damals das Recht der Frau auf außerhäusliche Erwerbsarbeit als eine wesentliche Voraussetzung für die Emanzipation der Frau angesehen hatte. Die sowjetische Militärregierung hatte bereits 1946 mit dem Befehl 253 gleichen Lohn für gleiche Arbeit festgelegt, der unverändert in die DDR-Verfassung übernommen wurde; weiterhin wurden alle Gesetze, die der Gleichberechtigung der Frau in Ehe und Familie entgegenstanden, aufgehoben (im Gegensatz zur Bundesrepublik, die beispielsweise 1952 die Aufhebung des Verbots der Frauenarbeit auf dem Bau wieder rückgängig machte, so dass dort weiterhin die Regelung von 1938 galt).

Die Praxis konnte mit der sozialistischen und gleichberechtigten Theorie allerdings nicht mithalten, denn das neue Frauenbild und die vollständige Integration der Frau ins Berufsleben traf auf die Beibehaltung der männlichen Vormachtsstellung und deren Privilegien. Trotzdem galt gerade die Trümmerfrau (die nach und nach als „Aufbauhelferin“ bezeichnet wurde) als Vorbild für alle Frauen, die nun einen vielleicht ungewohnten, sogenannten Männerberuf erlernen wollten. Trümmerräumen sollte nicht mehr als Strafarbeit oder als Arbeit aus der Not angesehen werden, sondern als emanzipatorischer Akt. Und so sieht die Skulptur dann auch aus: eine junge, tatkräftige Frau in Arbeitshosen, die in schweren Stiefeln steckt, schultert eine Schaufel. Ihr linker Fuß berührt nur noch knapp die Platte, auf der Skulptur steht, sie scheint im Vorwärtsdrang abgebildet worden zu sein.

Ganz anders das Bild, das in West-Berlin von der Trümmerfrau gezeichnet wurde. Die Plastik stammt von Katharina Szelinski-Singer und wurde 1955 auf der Rixdorfer Höhe im Volkspark Hasenheide aufgestellt.

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(Die Bildquelle ist ein Artikel von Leonie Treber, die das Buch Mythos Trümmerfrauen verfasst hat. Gleich mal ne Leseempfehlung. Das Foto stammt von Dietmar Treber.)

Die Figur der Trümmerfrau hatte in den westlichen Medien kaum Wiederhall gefunden; bis auf West-Berlin war sie kaum repräsentiert. In der öffentlichen Meinung hatte sich die Trümmerfrau als Phänomen von Ost-Berlin bzw. der SBZ herausgebildet. Die Politik tat ein Übriges, um die Leistung der Frauen in einem anderen Licht erscheinen zu lassen: Sie sah die dort arbeitende Frau als ein Beispiel für die Ausbeutung des weiblichen Geschlechts. Das bundesrepublikanische Frauenbild knüpfte fast nahtlos an das des NS-Staates an: Die Vormachtsstellung des Mannes wurde nicht in Frage gestellt, die Festlegung der Frau auf die Mutter- und Hausfrauenrolle als „natürliche Anlage“ ihres Geschlechts beschrieben. Die Gleichberechtigung war zwar im Grundgesetz festgeschrieben, aber anders als in der DDR, wo alle bestehenden Gesetze, die diesem Grundsatz widersprachen, einfach gestrichen wurden, wurde in der Bundesrepublik um jede Änderung gerungen.

Auch aus finanziellen Gründen waren Frauen aber, wie ihre Schwestern in der DDR, außerhäusig berufstätig; 1960 stellten sie bereits 33,4 Prozent aller Erwerbstätigen. Das heißt jedoch nicht, dass ihre Berufstätigkeit gesellschaftlich anerkannt war: „Geduldet wurde die Berufstätigkeit unverheirateter Frauen oder verheirateter Frauen, solange die finanzielle Situation dies erforderte. Kategorisch abgelehnt wurde hingegen die dauerhafte Berufstätigkeit der Frau über die wirtschaftliche Notlage hinaus und vor allem die der Mutter.“ (S. 314)

Die Trümmerfrauen-Skulptur in West-Berlin sieht dementsprechend aus: Eine ältere, müde gearbeitete Frau im langen Rock legt zur einer kurzen Pause ihre Hände in den Schoß; in einer Hand hält sie einen Hammer, was für mich neben der Haltung der beiden Figuren (sitzend vs. stehend) fast einen noch größeren Unterschied im Abbild macht. Eine geschulterte Schaufel erweckt den Eindruck einer tatkräftigen Aktion, man sieht die Dame fast vor sich, wie sie sich kraftvoll den Steinmassen nähert, während der Hammer nur an das Putzabklopfen der Ziegel erinnert, eine kleine, leise, fast bürokratische Geste. Außerdem sieht die Figur wie ein Abbild der Vergangenheit aus, während die Aufbauhelferin eindeutig den Weg in die Zukunft antritt. Zusätzlich ist der Standort der Plastik wichtig: Während die Westberliner Trümmerfrau zwar am Ort ihres Wirkens abgebildet wurde (die Rixdorfer Höhe entstand auf einem Schuttberg), bleibt sie doch eher außerhalb der Sicht – im Gegensatz zur Ostberliner Aufbauhelferin, die stolz direkt vor dem Rathaus in der Stadtmitte steht.