Links vom 7. April 2015

The Slow Death of the University

Terry Eagleton schreibt unterhaltsam, aber deprimiert über den Niedergang der Geisteswissenschaften an den englischen Universitäten, wo inzwischen eher Manager*innen statt Dozent*innen gesucht werden:

„Universities, which in Britain have an 800-year history, have traditionally been derided as ivory towers, and there was always some truth in the accusation. Yet the distance they established between themselves and society at large could prove enabling as well as disabling, allowing them to reflect on the values, goals, and interests of a social order too frenetically bound up in its own short-term practical pursuits to be capable of much self-criticism. Across the globe, that critical distance is now being diminished almost to nothing, as the institutions that produced Erasmus and John Milton, Einstein and Monty Python, capitulate to the hard-faced priorities of global capitalism. [...]

In the midst of this debacle, it is the humanities above all that are being pushed to the wall. The British state continues to distribute grants to its universities for science, medicine, engineering, and the like, but it has ceased to hand out any significant resources to the arts. It is not out of the question that if this does not change, whole humanities departments will be closed down in the coming years. If English departments survive at all, it may simply be to teach business students the use of the semicolon, which was not quite what Northrop Frye and Lionel Trilling had in mind. [...]

As professors are transformed into managers, so students are converted into consumers. Universities fall over one another in an undignified scramble to secure their fees. Once such customers are safely within the gates, there is pressure on their professors not to fail them, and thus risk losing their fees. The general idea is that if the student fails, it is the professor’s fault, rather like a hospital in which every death is laid at the door of the medical staff. One result of this hot pursuit of the student purse is the growth of courses tailored to whatever is currently in fashion among 20-year-olds. In my own discipline of English, that means vampires rather than Victorians, sexuality rather than Shelley, fanzines rather than Foucault, the contemporary world rather than the medieval one. It is thus that deep-seated political and economic forces come to shape syllabuses. Any English department that focused its energies on Anglo-Saxon literature or the 18th century would be cutting its own throat.

Hungry for their fees, some British universities are now allowing students with undistinguished undergraduate degrees to proceed to graduate courses, while overseas students (who are generally forced to pay through the nose) may find themselves beginning a doctorate in English with an uncertain command of the language. Having long despised creative writing as a vulgar American pursuit, English departments are now desperate to hire some minor novelist or failing poet in order to attract the scribbling hordes of potential Pynchons, ripping off their fees in full, cynical knowledge that the chances of getting one’s first novel or volume of poetry past a London publisher are probably less than the chances of awakening to discover that you have been turned into a giant beetle. [...]

What if the value of the humanities lies not in the way they conform to such dominant notions, but in the fact that they don’t? There is no value in integration as such. In premodern times, artists were more thoroughly integrated into society at large than they have been in the modern era, but part of what that meant was that they were quite often ideologues, agents of political power, mouthpieces for the status quo. The modern artist, by contrast, has no such secure niche in the social order, but it is precisely on this account that he or she refuses to take its pieties for granted.“

(via mediumflows FB)

„Volkskultur“ und „Popkultur“ oder: das Vergnügen an Widersetzlichkeit

Dietlind Hüchtker vergleicht Volkskultur, wie zum Beispiel Karneval und Räubergeschichten, mit der deutlich jüngeren Popkultur:

„Volkskultur und Popkultur beziehen sich auf historische Zeiten, die sich in ganz zentralen Aspekten unterscheiden: in den Kommunikationsweisen und technischen Möglichkeiten, ökonomischen Strukturen, Lebensstandards und Wissenssystemen. Bei der Beschäftigung mit frühneuzeitlicher Volkskultur gilt es, die langen Kommunikationswege zu beachten, die einen geringeren Vergesellschaftungsgrad bedeuteten, geringere Verflechtung und geringere Integration. Daraus ergaben sich Spielräume für lokale Welten, deren Potenz und Eigenlogik die Grundlage für die Deutung als Gegenwelten darstellen. Popkultur hingegen beruht auf globalen Konsummöglichkeiten und der Technisierung des Alltags, auf schneller Kommunikation, die Jugend als distinkten Lebensstil überhaupt erst ermöglicht und die Kommerzialisierung aller Lebensbereiche vorantreibt. In dieser Hinsicht erscheint Popkultur eher als Subkultur, denn als Gegenwelt, das heißt, eher als Affirmation vorherrschender Bedingungen, denn als deren radikale und grundsätzliche Ablehnung, auch wenn Normen und Regeln infrage gestellt werden.“

kinder.los

umstandslos, das Magazin für feministische Mutterschaft, schreibt in seiner neuen Ausgabe über kinderlose Frauen. Hier geht’s zum Editorial. Darin wird auf ein eBook von Sonja Schiff aufmerksam gemacht: Vom Älterwerden und generativen Verhalten kinderloser Frauen:

„Die vorliegende Arbeit hat zum Ziel, Einblicke zu erhalten in das Älterwerden kinderloser Frauen. Es wird der Frage nachgegangen, ob die Entstehung der Kinderlosigkeit auf den Alternsprozess wirkt und ob kinderlose Frauen auch generativ tätig sind. Dabei wurde auf mögliche Unterschiede zwischen gewollt und ungewollt kinderlosen Frauen geachtet. [...]

Die Ergebnisse zeigen, dass der Weg zur Kinderlosigkeit als Schlüsselprozess im Leben kinderloser Frauen zu betrachten ist. Eine bewusste Entscheidung für ein Leben ohne Kind beeinflusst den biographischen Verlauf und das Älterwerden der Frau positiv. Gewollt kinderlose Frauen erleben in der retrospektiven Betrachtung kaum Wehmut, sie haben einen positiveren Blick auf ihr Altern und klarere Pläne für den Fall von Pflegebedürftigkeit. Unabhängig ob gewollt oder ungewollt kinderlos, sind Frauen ohne Kinder im Alter wirtschaftlich abgesichert, wissen um ihr Risiko im hohen Alter alleine zu sein und legen großen Wert auf ihre Selbständigkeit. Sie haben Kontakte zu Jüngeren und bringen sich in vielfältiger Weise, bis hin zu materiellem Transfer, für jüngere Generationen ein.“

Sie wollen ihr Leben zurück

In diesem Zusammenhang ein Artikel von Esther Göbel in der SZ über Mütter, die in der Rückschau lieber keine geworden wären:

„Die Wissenschaftlerin untersucht ein Phänomen, das sie “regretting motherhood” nennt. Übersetzt heißt das so viel wie “die Mutterschaft bereuen”. Donath widmet sich in ihrer Forschung Frauen, die bewusst Mutter geworden sind und von sich sagen, sie liebten ihr Kind oder ihre Kinder – die sich gleichzeitig aber in ihrer Mutterrolle so unglücklich fühlen, dass sie den Schritt, ein Kind bekommen zu haben, zutiefst bereuen. Nicht nur in den ersten schwierigen Wochen und Monaten nach der Geburt, sondern nachhaltig, bis in das Erwachsenenalter der Kinder hinein. Und zwar so sehr, dass sie die Geburt ihrer Kinder rückgängig machen würden, wenn sie nur könnten.

Mit dieser Forschung steht Donath allein auf weiter Flur: Das Phänomen wird wissenschaftlich kaum untersucht. In der Entwicklungspsychologie beispielsweise wird eher zum Thema pränatale Angst oder postnatale Depression von Frauen geforscht. Auch in der Soziologie und der Anthropologie hat man die bereute Mutterschaft nie groß verfolgt. Langzeitstudien und quantitative Untersuchungen fehlen bisher. [...]

Erst im Zuge der industriellen Revolution ab der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts ergab sich die Rollenaufteilung zwischen beiden Geschlechtern, da erstmals der Arbeitsplatz und der private Raum zu Hause auseinanderfielen. Wo vorher Vater und Mutter gemeinsam die Arbeit auf dem Feld bestellt und die Kinder mitgenommen hatten, blieb die Frau nun allein mit den Kindern zurück, während der Mann jeden Tag seinen Gang in die Fabrik antrat. Die Frau wurde zur Haupterziehungsperson.

Das romantische Mutterbild, wie es heute noch immer in den Köpfen festsitzt, bekam unter den Nationalsozialisten weiter Vortrieb: Gebären und Kinder großziehen für den Führer, im Dienste der arischen Rasse – darin sollte sich das Potenzial einer jeden Frau erschöpfen. Dafür bekam sie Respekt. In der Nachkriegszeit seit den Fünfzigerjahren wurde dann das Private verklärt, “ein Rückzug in die eigenen vier Wände”, sagt Christina Mundlos. Auch in dieser Zeit hatte die Frau vor allem eines zu sein: Mutter.“

Links vom 5. April 2015

Viel Weiß, viel Vase, viel Bett

Die von mir sehr geschätzte @anika_meier (unter anderem deshalb und deshalb) hat im Monopol-Magazin über Instagram geschrieben:

„Stilprägend sind zum einen technische und formale Gegebenheiten, die große Schärfentiefe, die Größe des Bildschirms, auf dem die Fotos angesehen werden, und das quadratische Bildformat. Fast alles spielt sich in der Fläche ab, alles wird nah herangeholt, die Ausschnitte werden eng gewählt und die Motive werden frontal, am besten gleich aus der Zentralperspektive fotografiert. Die Komposition erstarrt, das Bild wird statisch. Zum anderen ist das Vorbild das vierteljährlich erscheinende amerikanische Lifestyle-Magazin „Kinfolk“ für den modernen Hipster mit wenig Text und vielen Bildern, das in den letzten Jahren zur Bibel des guten Geschmacks mutierte und eine eigene Ästhetik prägte. Wer wissen möchte, wie man ein Ei richtig kocht, wird hier fündig. Und wer sehen möchte, wie man seinen Besitzstand am besten kuratiert und sein Leben ästhetisiert, lernt hier seine Lektion.“

Meier verweist in ihrerm Artikel auf einen Text von Wolfgang Ullrich, der 2013 in der NZZ erschienen ist und die Instagram-Ästhetik anders interpretiert – weit weniger statisch und inszeniert, sondern unscharf, verwackelt, für den Moment und nicht für die Ewigkeit:

„Heute hingegen besteht das Neue darin, dass man schnell entstandene Bilder auch schnell reproduzieren und an jeden Ort der Welt schicken kann. „Live“ ist kein Privileg des Fernsehens mehr, vielmehr verfügt fast jeder Amateur inzwischen über die Möglichkeiten maximaler Bildmobilität. Damit aber verändert sich der Charakter vieler Bilder ein weiteres Mal. Statt auf Komposition oder Originalität zu achten, geht es darum, das Live-Ereignis oder einen besonderen Moment einzufangen und ein Flair von Spontaneität, Ausgelassenheit, Sensation rüberzubringen. Für den, der eine Foto geschickt bekommt, ist wichtiger und emotionaler als das, was er sieht, die Tatsache, ohne relevante Zeitverzögerung mitzubekommen, was anderswo gerade geschieht. Und es geht darum, wer einen daran teilhaben lässt. Nicht das Bild an sich hat Bedeutung, sondern es zählt, wann, wo und wie es gesehen werden kann. In einem klassischen Sinn gut gemacht brauchen die Bilder also nicht zu sein; sie leben vor allem von ihrer Aktualität.

Manche Flüchtigkeit – ein verrutschter Bildausschnitt, eine Unschärfe, grelles Gegenlicht – wird dann sogar vom Manko zum Wert, dokumentiert sich darin doch die Eile, mit der ein Bild gemacht wurde, um andere möglichst schnell in ein Ereignis mit einzubeziehen.“

Die Texte scheinen sich zu widersprechen, aber: Meier verweist auch auf Roland Barthes, dessen Essay Die helle Kammer ein Stardardwerk zur Fotografie ist. Ich zitierte ihn mal in diesem Blog:

„Eine Photographie ist immer die Verlängerung dieser Geste; sie sagt: das da, genau das, dieses eine ist’s! und sonst nichts; sie kann nicht in den philosophischen Diskurs überführt werden, sie ist über und über mit der Kontingenz beladen, deren transparante und leichte Hülle sie ist. Zeige deine Photographien einem anderen; er wird sogleich die seinen hervorholen und sagen: „Sieh, hier, das ist mein Bruder; das da, das bin ich als Kind“ und so weiter; die PHOTOGRAPHIE ist immer nur ein Wechselgesang von Rufen wie „Seht mal! Schau! Hier ist’s!“; sie deutet mit dem Finger auf ein bestimmtes Gegenüber und ist an diese reine Hinweis-Sprache gebunden. Daher kann man zwar sehr wohl von einer Photographie sprechen, doch, wie mir scheint, mitnichten von der PHOTOGRAPHIE.“

Der meiner Meinung nach bemerkenswerteste Satz des Textes (weil so schön zitierfähig) stammt von Olly Lang, der sagte, dass Fotografie immer mehr zur Performance Art werde. Das mag auf die Ecken von Instagram zutreffen, in denen sich Meier und Lang bewegen – meine Timeline ist hingegen wild gemischt, da ist zwischen der natürlich vorhandenen „My life on Instagram“-Idylle auch Platz für die dokumentarisch und feministisch geprägte #609060-Bewegung, die ein ganz anderes Ziel hat als etwas darzustellen – nämlich genau das Gegenteil, und ner Menge Essen, das auch nicht immer aussieht wie #kinfolkmylife.

Ich glaube, das macht den Reiz dieses Mediums aus, genau wie es den Reiz jedes Mediums ausmacht: die Mischung, die persönlich kuratiert werden kann. Ich stelle mir meinen Twitterstream und meine Facebook-Timeline zusammen, genau wie ich früher ausgewählt ferngesehen habe und nicht beliebig jedes Buch im Regal hatte, sondern nur die, die mir zusagen. Die Vielfalt eines jeden Mediums ist ihm immanent, genau wie gewisse Regeln, die es in der Anfangszeit formten, aber sofort durchbrochen, erweitert, vernachlässigt wurden. Sonst hätten wir bis heute nur die Bibel als gedrucktes Werk, nur wissenschaftliche Auseinandersetzungen als Zeitschrift und nur Nachrichten im Fernsehen.

Kunst für alle?

Nochmal Monopol-Magazin: Markus Neuschäfer schreibt über das leidige Thema Urheberrecht.

„Wie der Urheberrechtsspezialist Till Kreutzer von der Infoplattform iRights feststellt, behindert die aktuelle Rechtslage ebenso den freien Zugang wie auch die kreative Entfaltung. Die in der Ausstellung vertretenen Künstler dagegen kopieren völlig hemmunglos. In zahlreichen Grafiken werden bekannte Werke der Kunstgeschichte und geschützte Marken verwendet, gerne auch Schattenrisse der Disney-Maus mit Erektion oder abgetrenntem Arm. In seinem Plakat „Die vier apokalyptischen Reiter“ ergänzt Klaus Staeck das gleichnamige Werk Albrecht Dürers um die Namen von bekannten Internetkonzernen.

Auch wenn es sich bei der Grafik selbst um einen Remix handelt, gilt für das neu entstandene Werk das Staeck-Copyright: Eine kritische Rekontextualisierung wie in der surrealistischen Montage „La femme cachée“ wäre ohne explizite Genehmigung ebensowenig möglich wie eine Abbildung in der Wikipedia. Eine Auseinandersetzung mit der Ausstellung in Form von Appropriation Art, Twitter-Posts oder Blogartikeln setzt umständliche Genehmigungen, hohe Gebühren und bürokratische Leidensfähigkeit voraus. Falls die Urheber zu spät antworten oder der Kontext nicht genehm erscheint, muss der demokratisch-kreative Besucher mit einer Abmahnung rechnen, sofern er nicht ganz auf den Beitrag verzichtet.“

Neuschäfer spricht unter anderem meine Lieblinge vom Rijksmuseum und ihr Rijksstudio an, wo ein Museum mal eben die Kontrolle über große Teile ihrer Sammlung aus der Hand gibt und User*innen einfach machen lässt:

„Wie man moderne Kunstvermittlung innovativ und gelassen gestaltet, demonstriert das Amsterdamer Rijksmuseum. In dem Online-Portal Rijksstudio kann man 190.000 Bilder in höchster Qualität herunterladen. Da die meisten Urheber bereits seit mehr als 70 Jahren verstorben sind, stehen die Inhalte in der public domain. Diese Großzügigkeit ist keine Ausnahme, neben anderen Institutionen bietet auch das EU-Projekt Europeana sämtliche Inhalte mit einer CC0-Lizenz an. Die Datamanagerin des Rijksmuseums Lizzy Jongma zeigt sich vollkommen unbesorgt vor dem digitalen Kontrollverlust: „We are so happy with whatever people do with our collection!“ Auch Direktor Taco Dibbits freut sich noch im Falle von bedruckten Kleidern, Sitzsäcken und Toilettenpapier herzlich über die hohe Reproduktionsqualität der Werke und die wachsende Bekanntheit des Hauses. Der kunsthistorischen Bewertung von Vermeer hat dies bislang nicht geschadet.“

Digitale Sammlung des Staedel

So ganz „einfach mal machen“ kann man bei der neuen digitalen Sammlung des Frankfurter Staedelmuseums nicht, weil man einige Vorgaben hat, aber anhand derer kann man sich sehr entspannt durch Teile der Sammlung hangeln: assoziativ, spielerisch und informativ. Okay, da hätte von mir aus noch deutlich mehr kommen können, und ich lese lieber als dass ich zuhöre, weswegen ich auch keine Audioguides mehr ertrage, aber für den ersten Aufschlag finde ich das alles schon sehr schön, innovativ, benutzer*innenfreundlich und vor allem spannend.

„Der Historiker von morgen wird Programmierer sein oder es wird ihn nicht mehr geben“

Das Blog digitale : Geschichte „begleitet die Veranstaltungen im Sommersemester 2015 der Gastprofessur von Mareike König für Digital Humanities am Institut für Geschichte der Universität Wien.“ König twittert übrigens auch, und sie ist eine von den Twitter*innen, von denen ich so ziemlich jeden Link anklicke. Mein Lieblingssatz im Artikel, der gnadenlos in der BA-Arbeit zitiert werden wird, in der ich eine Datenbank konzipieren werde (Hervorhebung von mir):

„Durch den Computer konnte nach Eingabe der Daten nicht nur eine einzige Kurve erstellt werden, wie man sie auch von Hand hätte errechnen können (wenn auch mit einiger Mühe). Sondern es war möglich, in kurzer Zeit die Daten in verschiedenen Graphiken auszugeben und miteinander in Bezug zu setzen.“

Das ist für mich der Knackpunkt und die große Errungenschaft des Digitalen: Wir können Bezüge herstellen und sie visuell aufbereiten. Was für uns kleine Bildwissenschaftler*innen natürlich total schnafte ist, weil wir nicht erst visuelle Eindrücke in Text übersetzen müssen, sondern sie jetzt auch bildlich darstellen können. Das ist zwar immer noch eine Interpretation (hey, Wissenschaft!), aber sie kann jetzt im gleichen bzw. in einem ähnlichen Medium stattfinden wie das, in dem das Original vorhanden ist.

Geschichtshausarbeit „Altstadt, Neustadt und Vorstadt im Mittelalter“

Knurr. Die Note für diese Arbeit bzw. für den Vertiefungskurs Mittelalter „Die Stadt im Mittelalter: Verfassung – Sozialstruktur – Wirtschaftsleben“ war die letzte in meinen schnuffigen Nebenfach Geschichte – und sie ist die schlechteste, die ich im gesamten Fach eingefahren habe. Sie setzt sich aus den Noten für Referat, Klausur und Hausarbeit zusammen und rausgekommen ist eine 1,8. Wenn mein iPhone-Taschenrechner recht hat, müsste ich zweimal eine 1,7 und einmal eine 2,0 bekommen haben. OMG ZWEI KOMMA NULL! DAS IST JA QUASI MANGELHAFT! … Ich passe mich nur dem Notendruck des Bachelors an, ich bin nicht hysterisch, ECHT NICHT, VERSALIEN SIND TOTAL NORMAL HIER.

Anyway. Ich nehme an, die Klausur war eine 2,0, in Klausuren habe ich noch nie eine glatte 1 produzieren können; auf das Referat habe ich eigentlich sehr gutes Feedback bekommen, wobei für mich „sehr gut“ nicht 1,7 heißt, aber nun gut.* Und dafür, dass ich sowohl mit dem Referat als auch mit der Hausarbeit ziemlich gekämpft habe, was die Findung einer wissenschaftlichen Frage angeht, ist das Ergebnis wohl noch okay. Ich bin trotzdem schlecht gelaunt. Der Kurs war vom Thema her genau meins, die Gruppe war gut, die Referatsthemen spannend, und trotzdem habe ich gefühlt nur rumgehadert.

Für die Hausarbeit hatte ich mir eigentlich vorgenommen, nachdem ich die Unterschiede zwischen Altstadt, Neustadt und Vorstadt etabliert hatte, noch einige Städte genauer zu untersuchen. Also zu gucken, ob sich z. B. die Vorstädte in Städten ähneln, die an großen Flüssen liegen. Oder ob sie sich in gewissen Kategorien von Städten ähneln, wie Salinenstädte oder Stiftstädte. Dafür hatte ich aber nach der Erklärung keinen Platz mehr, die meiner Meinung nach auch nicht kürzer hätte ausfallen dürfen, um überhaupt eine Basis zu haben, auf der man vergleichen kann. Vielleicht ist das Ergebnis dann, ich sag’s mal so böse, etwas zu banal für eine bessere Note ausgefallen. Jedenfalls war das mein Gefühl nach dem Referat, das quasi meine Hausarbeit in kürzer war, weswegen ich in der Hausarbeit ja noch ein Schippchen draufpacken wollte, was aber … ich sagte es ja gerade.

Nun denn. Falls ich einen Masterstudienplatz bekomme, werde ich trotzdem weiter in Geschichte rumwühlen, auch wenn das Fach hier in München dann „Gemeinsamer geistes- und sozialwissenschaftlicher Profilbereich“ heißt. 1,8 my ass.

Ach so, hier ist die Arbeit. Ich nöle noch ein bisschen in mich rein, ich schlechtgelaunte Strebernase.

* Edit 5.5.2015, nach Hausarbeitseinsicht: 2,0. Dafür waren die Klausur und das Referat eine 1,7. Feedback des Dozenten, das ich komplett nachvollziehen kann: keine Quellen, teilweise etwas ungenau, teilweise zu alte Literatur, keine wissenschaftliche Frage, die einen umhaut.

Über Denkmalpflege

„Je mehr die Aufgabe der Denkmalpflege im Konservieren gesehen wurde und nicht mehr im Restaurieren, und je mehr die Architekten sich der Moderne zuwendeten und dem Historismus abschworen, desto mehr wurden Selbstverständnis und Theorie der Denkmalpflege von den Kunsthistorikern bestimmt. Zwei Kunsthistoriker, Alois Riegl und Georg Dehio, waren es auch, die kurz nach der Jahrhundertwende [zum 20. Jahrhundert] versuchten, nicht nur die prinzipielle Notwendigkeit der Denkmalpflege neu zu begründen, sondern auch sach- und zeitgerechte Kriterien dafür zu finden, was eigentlich ein Denkmal ausmacht. Die alten Argumente reichten ja nicht aus, wenn es nicht mehr darum ging, eine alte Kirche fertig- oder eine Burg wieder aufzubauen, sondern darum, den unfertigen Zustand der Kirche zu konservieren und die Burg gerade als Ruine zu schützen und zu erhalten.

Die Kunstgeschichte, die der Denkmalpflege die neuen Paradigmen liefern sollte, kämpfte um 1900 selbst noch um Identität und Eigenständigkeit. Was konnte dabei eine bessere Waffe sein als das von der avancierten Kunst geteilte Postulat, das eigentliche Wesen von Kunst sei Form? Und was konnte die oft bezweifelte Wissenschaftlichkeit des neuen Faches besser untermauern als die These, Form entwickele sich nach einer nur ihr eigenen, immanenten Gesetzlichkeit, die im Prinzip genauso objektiv feststellbar sei wie die der Natur?

Einer der Protagonisten in diesem Kampf war Alois Riegl. Georg Dehio dagegen, aus damaliger Sicht der Konservativere, ging zu solchen Tendenzen auf Distanz: „Zur Zeit beschäftigt uns meistens die Erforschung der inneren Kunstgesetze und die aus ihnen hervorgehende Stilentwicklung. Diese Betrachtungsweise verleugnet nicht das geschichtliche Moment, das in dem Begriff der Entwicklung schon gegeben ist, aber sie beschränkt es. Ihr erscheint die Kunst als eine autonome Macht. Sie fragt wenig, zu wenig, nach den anderen geistigen Mächten, in deren Umgebung die Kunst ihr geschichtliches Leben führt und von denen sie mitbedingt wird, sie fragt noch weniger nach den materiellen Voraussetzungen. Sie gibt eine Geschichte des künstlerischen Denkens, nicht eine vollständige Darlegung des wirklichen Verlaufes in seinen verwickelten Kausalzusammenhängen.“

[Dehio, Georg: Kunsthistorische Aufsätze, München/Berlin 1914, S. 67. Der zitierte Aufsatz heißt Deutsche Kunstgeschichte und deutsche Geschichte, ist in der Historischen Zeitschrift 100 im Jahr 1908 erschienen, und wenn ihr auf die Digizeitschriften zugreifen könnt, steht er hier auf S. 473. Oder bei jstor.]

Riegls Aufsatz „Über den modernen Denkmalkultus“ [von 1903] ist zwar als Erläuterungs- und wohl auch Werbetext für ein neues Gesetz geschrieben, stellt den Leser aber bis heute vor beträchtliche Schwierigkeiten. Trotz scheinbar streng rationaler Begriffsbildung und Gedankenführung bleibt der Text auf weite Strecken hermetisch. Riegl geht von einer Reihe axiomatischer Prämissen aus, die keineswegs immer zureichend erklärt oder gar begründet werden. Die zur Abstraktion drängenden Kunsterfahrungen des Jugendstils spielen dabei ebenso eine Rolle wie die ästhetische Faszination durch eine deterministisch verstandene Naturwissenschaft. Früher, so Riegl, habe Denkmalpflege auf dem Kunst- und dem Erinnerungswert ihrer Objekte aufbauen können. Dieser Werte aber hätten sich überlebt. Ein neuer Wert müsse an ihre Stelle treten, der Alterswert. Wie der Erinnerungswert das 19., so werde er das 20. Jahrhundert beherrschen. Vor allem aber: der Denkmalwert eines Gebildes könne nicht aus seiner Bedeutung in der Vergangenheit bestimmt werden, sondern ausschließlich aus seiner Bedeutung für die Gegenwart. Riegl, und das ist sein fundamentaler Beitrag zur Theorie und Programmatik der Denkmalpflege, hat die Illusion zerstört, daß es so etwas wie objektive, ein für allemal gegebene Eigenschaften gäbe, die ein Gebilde zum Denkmal machten. Ob, inwiefern und wofür etwas Denkmal ist, das entscheidet sich – so Riegls grundlegende Erkenntnis – nicht bei seiner Entstehung, sondern in seiner Rezeption.“

Huse, Norbert (Hrsg.): Denkmalpflege: Deutsche Texte aus drei Jahrhunderten, München 2006 (3. Aufl.), S. 124–126.

Wem die englischsprachigen Biografien zu kompliziert sind, hier die Deutsche Biographie über Riegl und Dehio.

Literatur von Riegl und Dehio bei arthistoricum.net.

Geschichtshausarbeit „Heimat ist überall. Der Heimatbegriff in Weblogs und auf Instagram“

Das Semesterende nähert sich, die ersten Noten treffen ein. (YAY!)

Mein Kurs „Heimat“ in der modernen Welt war mein Vertiefungskurs in Neuer und Neuester Geschichte. Als kleines Nebenfach muss ich nur zwei der drei großen Epochen abdecken, was in meinem Fall heißt: Ich ignoriere die arme Antike und kümmere mich um Mittelalter und eben die neue Geschichte.

Im Heimatkurs haben wir uns mit den verschiedenen Bedeutungen, die dieses Wort haben kann, auseinandergesetzt. Zunächst lasen wir verschiedene Texte aus mehreren Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts, und einige Wochen später kamen dann unsere Referate dran. Dazu sollten wir uns zu Gruppen zusammentun und uns ein Thema ausdenken. Frau Gröner knurrte innerlich, denn Gruppenarbeit kann ich überhaupt nicht leiden. Ja, das ruiniert garantiert den ersten Eindruck in der Bewerbung, wenn man sich als teamunfähig outet, aber wenn ich irgendwas in meinen diversen Lebensjahrzehnten gelernt habe, dann: TEAM – Toll, Ein Anderer Macht’s. Ich sitze lieber alleine vor meinen Büchern; wenn’s eine gute Note wird, ist alles meins, und wenn’s eine schlechte wird, erst recht. Netterweise traf ich auf zwei Kommilitoninnen, die auch eher Einzelkämpferinnen sind, und so überlegten wir uns ein Oberthema, das wir getrennt voneinander bearbeiten konnten.

Dass wir uns ein Thema selbst überlegen sollten, kannte ich auch noch nicht: Normalerweise zücken die Dozierenden in der ersten Stunde eine schöne, saubere Liste mit schönen, sauberen Themen, um die wir uns dann kloppen. Hier war die Ansage: „Denken Sie sich was aus, Sie haben ja anhand der Texte der letzten Wochen einige Ansatzpunkte sammeln können.“ Und wo ich innerlich dachte, super, jetzt reden fünf Teams über Ostpreußen, durfte ich (natürlich) feststellen, dass dem nicht so war, der Dozent total recht hatte und ich, wie immer, keine Ahnung.

Die Gruppen beschäftigten sich zum Beispiel mit so unterschiedlichen Dingen wie dem Asylverfahren in der Bundesrepublik, der Geschichte des Staates Israel, dem Max-Frisch-Fragebogen zu Heimat, einem Eurodistrikt in der Nähe von Straßburg, dem ständig umherreisenden Fußballtorwart Lutz Pfannenstiel, und unsere Gruppe referierte über „Heimat in der medialen Vermittlung.“ Meine Mitstreiterinnen erzählten etwas über den deutschen Heimatfilm nach 1945 und brasilianische Volksmusik, und ich guckte mir an, wie oder ob Heimat im Internet stattfindet.

Die Arbeit dazu hat mir sehr viel Spaß gemacht und ich hätte gerne doppelt so viel Platz gehabt. Die vielen Forschungspositionen zu diesem fies-schwammigen Begriff konnte ich gefühlt nur streifen bzw. in die Fußnoten packen, damit die Arbeit nicht noch länger wird. Auch zu Weblogs und Instagram hätte ich deutlich mehr schreiben können, von der Medienart an sich bis zu ihrer Nutzung und Rezeption. Die Belege zu Weblogs fand ich sehr putzig: Anstatt einfach in jede Fußnote zu schreiben „Ich bin Anke, ich blogge seit 2002, ask me anything“, musste ich gucken, wie andere diese Bewegung empfunden haben und sie zitieren. Über Instagram gibt es noch so gut wie keine wissenschaftliche Literatur; kein Wunder bei einer App, die es erst seit 2010 gibt, aber dass ich gerade mal zwei amerikanische Aufsätze von 2014 und 2015 fand, die ich nutzen konnte, erstaunte mich dann doch. Gerade in der Kunstgeschichte müssten wir uns doch um das Ding reißen: Die Filter als Kunstimitation, das Selfie als neue Porträtgattung und natürlich generell die Sujets, die abgebildet werden und sich von bisherigen Bildmotiven unterscheiden. Oder nicht? Ich persönlich würde gerne eine Linie von niederländischen Stillleben des Barock zu #Foodporn ziehen, aber ich habe leider keine Zeit. (Im Master dann.)

Lange Rede, kurze Arbeit: hier ist sie.

Die Gesamtnote des Kurses ist 1,2 – das setzt sich aus der Hausarbeit, der Klausur und dem Referat zusammen. Die Einzelnoten habe ich noch nicht, aber gefühlt war die Arbeit meine beste Leistung. Bis ich was vom Dozenten höre, kann ich also nur raten, ob es meine Lieblingsnote geworden ist.

Edit, 5.5.2015 nach Hausarbeitseinsicht: 1,3. Sehr gut lesbar, aber ich habe die Themen teilweise zu kurz abgehandelt. Das kann ich sehr gut nachvollziehen.

Schokoladenganachetorte und ein paar Bemerkungen zu meinen Lieblingskochbüchern

Gestern war wieder Damenabend im Hause Gröner. Es hat sich eingebürgert, dass meine zwei Hamburger Lieblingsfrauen Mittelmeerkram anschleppen wie Feta, Hummus, Oliven und Fladenbrot, und meine Wenigkeit zaubert ein Salätchen (gestern gab’s mal wieder den wunderbaren Zucchinisalat) und einen kleinen Nachtisch. So was hier zum Beispiel.

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Ich wollte eigentlich eine halbierte Trüffeltorte machen, las mir mein eigenes Rezept noch mal durch, erinnerte mich an den knochenharten Biskuit und dachte, guckste doch mal in dein Go-to-Kochbuch, in dem bergeweise idiotensichere Basisrezepte stehen, die dann im Laufe des jeweiligen Kapitels komplexer werden. Dieses Buch sind zwei Bücher, sie stammen von 1993, sind bei Zabert Sandmann erschienen und haben mich in jeder meiner bisherigen Küchen begleitet. Selbst in den Zeiten, in denen ich noch nicht ernsthaft gekocht habe (ich bereite erst seit dem Foodcoaching von 2009 mein Essen so zu, dass man es Kochen nennen kann), nutzte ich diese Bücher. Sie werden, so weit ich weiß, bis heute immer wieder neu aufgelegt und ich kann sie jedem Anfänger und jeder Anfängerin wärmstens ans Herz legen.

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Einige Rezepte, mit denen ich damals meine ersten Schritte in der Küche gemacht habe, sind bei mir bis heute Standard. So habe ich diverse Arten getestet, Kartoffelgratin zuzubereiten, aber nur die aus diesem Buch überzeugt mich bis heute: Auflaufform mit Knoblauch ausreiben, rohe, dünne Kartoffelscheiben ziegelförmig schichten, jede Schicht ordentlich salzen und wenig pfeffern, mit Sahne bis zur oberen Schicht aufgießen, backen, fertig. Ich hatte Rezepte, in denen die Kartoffeln in Brühe gekocht werden, mal mit Lorbeerblatt, mal ohne, ich hatte Rezepte mit Sahne und Milch, ich hatte welche mit irrwitzigen Gewürzmischungen, Zwiebeln oder Käse – alles Quatsch. Nur dieses Rezept lässt einen die Zutaten von Kartoffelgratin – Kartoffeln und Sahne – anständig schmecken.

So sind übrigens alle Rezepte in den Büchern: wenige Zutaten, die stimmig vermischt werden und ein schlichtes, aber geschmacksintensives Ergebnis hervorbringen. So gerne ich Ottolenghi nachkoche, dessen Rezepte nie weniger als 20 Zutaten haben, so gerne kehre ich zu diesen Büchern zurück, die genau das Gegenteil machen.

Das Biskuitrezept habe ich halbiert; wenn ihr die untenstehenden Zutaten verdoppelt, kommt dabei ein dicker Biskuitboden raus, der entspannt gedrittelt und zum Beispiel für so herrliche Dinge wie Schwarzwälder Kirschtorte verwendet werden kann. (Ja, auch diese Torte backe ich nach diesem Buch.)

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Eine 26er Springform buttern.

45 g Butter schmelzen und etwas abkühlen lassen.
70 g Zartbitterkuvertüre schmelzen.
3 Eier trennen. Das Eiweiß zu Eischnee schlagen, das Eigelb mit
85 g Kristallzucker im heißen Wasserbad dicklich aufschlagen. In diese Mischung
75 g Mehl sieben – nicht umrühren. (Normalerweise siebe ich Mehl nicht, sondern kippe es unbeeindruckt in die Teigschüssel, aber da hier nicht mit dem Mixer gerührt wird, habe ich brav gesiebt. Man fühlt sich auch irrwitzig professionell dabei.)

Die lauwarme Butter und die flüssige Schokolade dazugeben und den Eischnee nach und nach vorsichtig unterheben. Die Biskuitmasse in die Springform geben und sofort (sonst geht der schöne Fluff verloren) im auf 180° vorgeheizten (!) Ofen für 35 Minuten backen. Den Boden stürzen und auskühlen lassen.

Während der Backzeit kann man sich um die Ganache kümmern. Dazu, total simpel,
250 ml Sahne erhitzen. Kurz vor dem Kochen
200 g gehackte Zartbitterkuvertüre einrühren.

Den Topf vom Feuer nehmen und so lange rühren, bis sich die Schokolade vollständig gelöst hat. Die Masse zwei Stunden lang kühl stellen (das war bei mir nur die Speisekammer, nicht mal der Kühlschrank) und dann für zehn bis 15 Minuten mit dem Handrührer zu einer dicklichen Creme aufschlagen.

Den Biskuitboden ordentlich mit Johannisbeergelee oder Preiselbeeren oder irgendwas anderem Säuerlichen bestreichen – bei mir ist zu wenig Gelee auf dem Kuchen gewesen, das darf ruhig mehr sein als auf dem Foto. Dann die Ganache darauf verteilen. Die ist noch halbwegs zähflüssig, wird aber in kurzer Zeit im Kühlschrank bretthart. Damit kann man also auch prima Torten umhüllen. Ich habe da einen Plan.

Lieblingsdrinks

Ich bediene mich mal bei Frau Esskultur, die einen Fragebogen zu ihren Trinkgewohnheiten beantwortet hat.

1. Was ist dein liebster Drink?

Kommt auf die Stimmung an. Wenn ich was Klares, Kühles, Elegantes möchte, wird’s ein Martini. Den mag ich auch deshalb so gerne, weil ich das Glas sehr schön finde und es sich so schick daraus trinken lässt. Lieber mit Gin als mit Wodka, lieber mit Zitronenschale als mit Olive. Den Drink bestelle ich gerne, wenn ich mal in eine Bar gehe, was leider viel zu selten vorkommt.

Wenn ich eher was Entspannendes möchte und vor allem zuhause trinken will, wird’s ein White Russian. Gerne in der Schmalspurvariante mit Milch und Eiswürfeln. Sahne habe ich selten im Haus, meist nur, wenn ich sie zum Kochen brauche. Was natürlich heißt: Wenn ich was mit Sahne koche, gibt’s abends einen White Russian. Das wäre ja Verschwendung, wenn nicht.

Wenn ich sehr gute Laune habe, gibt’s immer was mit Blubber: Ich liebe Sekt, Crémant, Schaumwein, Perlwein, weiß, rot, rosé, völlig egal, hauptsache, es hat Kohlensäure. Das wird mir nie langweilig und man macht mich immer glücklich, wenn man mir ein Sektglas vor die Nase stellt.

Wenn ich sehr schlechte Laune habe und ich mich abschießen will, was netterweise nicht mehr sehr oft der Fall ist, ist es Wodka pur.

2. Wann hast du das erste mal Alkohol getrunken?

Ich glaube, meine Schwester und ich durften als Kinder auf einer Familienfeier mal Bier oder Likör probieren und fanden es erwartungsgemäß bäh. Auf den ersten pubertären Partys gab’s Bier, was ich auch nicht so super fand, und bis heute sind das bayerische Helle oder Kölsch die einzigen Biere, von denen ich mehr als 0,2 l trinken möchte (bei der schnuffigen Plörre bleibt einem ja auch gar nichts anderes übrig). Als ich 16 wurde, durfte ich bei uns eine Party geben und lud leichtsinnigerweise alkoholgewöhnte Klassenkameraden ein, die Pernod in Fanta- und Wodka in Wasserflaschen ins Haus schmuggelten. Ich erinnere mich daran, dass meine Oma irgendwann den stark angeheiterten Kerlen eine Gardinenpredigt gehalten hat, was diese zerknirscht über sich ergehen ließen, und ich den ersten und bis heute fiesesten Kater meines Lebens hatte.

3. Welchen Drink hast du am meisten bereut?

Einen Drink habe ich eigentlich nie bereut, höchstens drei oder vier, weil der Abend zu nett oder zu scheiße war, um mit dem Trinken aufzuhören.

4. Bar oder Kneipe?

Lieber Bar, noch lieber Küchentisch, Sofa, Biergarten, Isarufer.

5. Champagner oder Schaumwein?

Alles, immer. Siehe Frage 1.

6. Mit wem würdest du gerne trinken?

Mit Freunden und Freundinnen am Küchentisch, auf dem Sofa, im Biergarten und am Isarufer. Neuerdings ist Felix mein Go-to-guy, der mich gerade seine komplette Whiskey- und Whisky-Sammlung probieren lässt. Das ist quasi Bildungstrinken.

7. Bei wem würdest du gerne trinken?

Der ehemalige Mitbewohner und ich haben mal die Rote Nacht von Campari genutzt, um neue Bars anzutesten. Dabei bin ich ganz klassisch der Falk’s Bar im Bayerischen Hof verfallen und würde da gerne immer trinken. Wobei auch das Trader Vic’s sehr lustig ist. (Ich habe mich noch nicht ins Schumann’s getraut, aber irgendwann mache ich das!)

8. Wie sieht deine Hausbar aus und was ist das Kostbarste darin?

Meine Hausbar befindet sich wie zurzeit alles in zwei Städten gleichzeitig. Das hier ist die Hamburger, und sie ist eigentlich keine Bar, sondern ein Eckchen in unserer Speisekammer. Meine ganzen herrlichen Weine liegen in zwei Metallregalen unterhalb der weißen Regalbretter. Die Münchner Flaschensammlung steht sehr unzeremoniell auf meinem Küchenfußboden, weil die Schränke voll sind. Da steht ungefähr das gleiche noch mal.

hausbar

Unterhalb der Backzutaten und friedlich neben den Marmeladen stehen Gin, Wodka, Tequila (weiß, braun), Rum (braun), Whiskey (Oban), zwei Grappa, Port (weiß, rot), Triple sec, Kahlua (logisch), Pitu, Campari, Amaretto, Noilly Prat (den trinke ich ab und zu auch pur auf Eis) und eine Pulle Bols Blau. Die ist auch das Kostbarste, wenn auch nur aus Sentimentalität.

bols

Die stammt noch aus dem Keller meiner Omi und müsste so um die 40 Jahre alt sein. Ich habe sie jahrzehntelang ungeöffnet gelassen, weil ich das Label so gerne mag und mir sicher war, das Zeug schmeckt eh nicht mehr. Bis ich vor zwei Jahren dachte, so, du bist jetzt 44, du möchtest jetzt einen Bols-Blau mit O-Saft trinken. Flasche geöffnet, dran gerochen, für gut befunden, gemixt, getrunken, hat geschmeckt. Seitdem verdunstet der Stoff eher als dass ich ihn trinke, aber die Flasche werde ich nie wegschmeißen.

9. Beschreib deine Eiswürfel.

Ohne Schnickschnack aus den Eiswürfelbehältern, die im Kühlfach des Kühlschranks der jeweiligen Wohnung liegen. Wobei ich immer darauf achte, warmes Wasser einzufüllen, weil ich mal gelesen habe, dass das schneller gefriert als kaltes.

10. Was ist deine Gin-&-Tonic-Empfehlung?

Irgendein Gin, irgendein Tonic. Zuhause bin ich doch eher eine pragmatische Trinkerin. Im Moment habe ich Gordon’s und Schweppes im Haus.

11. Wie bekämpfst du deinen Hangover?

Ich höre mit dem Trinken auf, bevor die Gefahr besteht, einen Kater zu kriegen. Meistens jedenfalls, siehe Frage 3. Wenn es mich wider Erwarten mal erwischt: viel Wasser und eine Kopfschmerztablette. Schlecht war mir nur bei meinem ersten Kater mit 16, seitdem bedeutet Hangover für mich Nachdurst, Kopfweh und Matschigkeit.

Friday I’m in love with my bookshelves

„Sie mussten ja fragen.“

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„Okay, wo waren wir stehengeblieben?“

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„Wer waren Sie noch mal?“

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„Sie hatten noch eine Frage …?“

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„Wenn wir Ihnen die Tierkolumne geben, wie würde sie heißen?“

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„Was sind denn so Ihre Hobbys?“

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„Was würden Sie auf eine einsame Insel mitnehmen?“

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„Was geht Ihnen so richtig auf die Nerven?“

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„Was hätten Sie gern?“

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„Haben Sie heute noch was vor?“

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„Möchten Sie uns zum Abschluss noch etwas sagen?“

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Links vom 12. März 2015

Mucha, Münter, Makart

Ein Artikel in der NZZ weist auf eine Ausstellung in Pilsen hin, die noch bis Anfang April läuft und Bilder aus der ertragreichen Zeit der Münchner Schule zeigt:

„In dieser Zeit entwickelte sich München zu einer der führenden Kunstmetropolen der Welt. Aus allen Herren Ländern strebten junge Künstler in die Stadt, um hier an der berühmten Kunstakademie zu studieren. Die Anziehungskraft Münchens als Kunststadt wuchs aber auch aus dem Rang, den in Bayern – dank dem kunstfördernden Königshaus der Wittelsbacher – die Kunst als ein Bestandteil der politischen Repräsentation des Landes einnahm. Entsprechend hoch war der gesellschaftliche Status der Künstler, die von ihrer Arbeit hier gut leben konnten. Stadtpaläste wie das Lenbachhaus legen bis heute Zeugnis davon ab. Kunst zu kaufen, gehörte in den wohlhabenden Kreisen Münchens zum guten Ton.

Zur Atmosphäre und Dynamik der Stadt mit ihren privaten Malerschulen, Galerien, Kunstvereinen und Jahresausstellungen im Glaspalast trugen nicht unwesentlich die Künstlerkolonien bei, die ausländische Studenten aus Polen, Ungarn, Russland und anderen Ländern gründeten. Eine der wichtigsten und stärksten dieser Kommunitäten bildeten die Künstler aus Böhmen.“

(via @cogries)

Monet und die Geburt des Impressionismus

Das Frankfurter Städelmuseum hat ein (selbst so bezeichnetes) Digitorial zur Monet-Ausstellung gestaltet, die gestern eröffnet wurde. Es gefällt mir sehr gut, weil es unaufdringlich bewegte Designelemente einbindet, ohne wild rumzuflackern. Man bekommt schnell einen Überblick über die Themen, wird aber nicht von Informationen erschlagen, denn die verbergen sich hinter den klickbaren Plus-Zeichen. Rechts bleibt stets eine Menüleiste sichtbar, aber so klein, dass sie nicht stört. Audiofiles plärren nicht ungefragt los. sondern signalisieren dir kurz, hey, ich bin hier, klick mich an oder lass es.

Die Themenüberschriften und Bilder geben einen sehr guten Eindruck von der Ausstellung und was einen erwartet. Von mir aus hätten die Plus-Texte ruhig noch länger sein dürfen, aber das ist natürlich nur mein persönlicher Geschmack, der sich so langsam neben dem Studium her verändert hat. Mir reichen die kleinen Einblicke nicht mehr, ich will jetzt die acht Katalogseiten zu einem Thema haben.

Beim Impressionismus werde ich inzwischen immer etwas wehmütig, denn wir waren mit einem Seminar mal in der Neuen Pinakothek, wo ja bekanntlich diese Zeit hängt, und als wir so vor den van Goghs über unsere Faszination für Kunst sinnierten, stellten wir fest, dass wir fast alle irgendwann die Monet’schen Seerosen als Postkarte über dem Schulschreibtisch hängen hatten. Für fast alle von uns Studentinnen war der Impressionismus der erste Kontakt zur Kunst bzw. die Stilrichtung, die in uns den Wunsch geweckt hat, sich länger mit dieser Spielart von künstlerischer Auseinandersetzung (im Gegensatz zu z. B. Theater oder Schriftstellerei) zu befassen. Wir gestanden uns aber auch, dass wir inzwischen alle den Impressionismus hinter uns gelassen und uns längst anderen Richtungen zugewandt haben.

Gedichtzeilen

Ich stolperte gestern bei zwei Gelegenheiten über Gedichtzeilen. In What’s Wrong With Public Intellectuals? schreibt Mark Greif über die Partisan Review und nutzt dabei den Satz „Fools rush in where angels fear to tread“. „Fools rush in“ kannte ich, zum einen natürlich von Elvis, zum anderen als Matthew-Perry-Fan von diesem wirklich schlimmen Film, aber wie der Satz weitergeht oder wo er herkommt, wusste ich nicht. Jetzt weiß ich’s.

Bei „Angels“ musste ich natürlich an mein liebstes Shakespeare-Zitat denken: „Hell is empty and all the devils are here“, das aus dem ersten Akt von The Tempest stammt.

Und dann spülte mir noch Whiskey River ein Gedicht in die Twitter-Timeline, das ich noch nicht kannte und von dessen Autor ich auch noch nie gehört hatte, das ich jetzt aber dringend lesen möchte. Der Satz, der jetzt gerade zu mir und meinen Leben passt und gleichzeitig weh tut und hoffen lässt, lautet:

„A wall has started to fall in you, it will take years to land.“

Links vom 9. März 2015

Stimmen der Kulturwissenschaft

Ein Podcast, den ich jetzt leerhören werde.

Kirchenbau: Bauen für die Ewigkeit

Maik Novotny schreibt über die Kölner Architektenfamilie Böhm, über die es sogar einen Dokumentarfilm gibt, den ich aber anscheinend gerade in den Kinos verpasst habe, und über ihren Bau der Neuapostolischen Kirche in Wien-Penzing. (Den fiesen Kalauer im letzten Satz verzeihe ich Novotny so gerade.)

„Biblisch auch der Beton: Die Idee dafür kam den Architekten, als sie noch während der Wettbewerbsphase einen Gottesdienst besuchten. Als der “Fels, auf dem ich meine Kirche baue”, wird Petrus in Penzing zu Stein in Form von grobporigem Dämmbeton, dessen bauphysikalisch “unsaubere” Optik durchaus gewollt ist: “Es hat dadurch etwas Gewachsenes, Geologisches”, sagt Oliver Aschenbrenner. Mit wenigen, aber präzise verarbeiteten Mitteln – Beton, Holz, und versiegelter Estrichboden – schafften die Architekten ein edel-stilles Interieur, fern von katholischer Frontalüberwältigung. So familiär geht es hier zu, dass dem Hauptraum sogar ein Eltern- und Kinderzimmer in einer verglasten Loge mit Blick in den Kirchenraum beigefügt ist – so lässt sich störungsfrei unten im Stillen beten und oben beim Stillen beten.“

Flake: “Tastenficker”

Peter Richter über die Autobiografie von Christian Lorenz alias Flake alias der Keyboarder von Rammstein.

„Wie eine Punk-Attitüde wirkt das zunächst, wenn Flake bis heute bei jeder Gelegenheit die DDR zum angenehmeren deutschen Staat erklärt. Er sagt aber, das sei sein voller Ernst: „Weil ich vor dem Mauerfall exakt das gemacht habe, was ich machen wollte. Und weil ich mit den Möglichkeiten, die sich danach boten, nichts anfangen konnte. Ich wollte nicht wegfahren, ich wollte mich nicht selbständig machen, es gab nichts, was mir gefehlt hätte.“

Seine Frau rutscht bei dem Thema etwas unruhig auf dem Stuhl herum, sie muss hier nun kurz einhaken. Jenny Rosemeyer also sagt: „Das sehe ich auch so, wenn ich mir deine Biografie anschaue. Andere aber wären an Grenzen gerammelt. Du hattest schon auch viel Glück.“

Flake korrigiert: „Ich hatte früh Einsicht. Ich habe mich leicht abfinden können mit den Gegebenheiten. Ich habe mich dann nicht so aufgeregt wie andere. Wenn da steht, wer weitergeht, wird erschossen, sag ich: Aha, wer weitergeht, wird erschossen, also geh ich da mal nicht weiter. Damit war das für mich abgeschlossen.““

Post-its from Georges

Schreibt mehr auf.

„He used to do one thing in particular that was always sure to make me smile. On days when we didn’t see each other, or if I was going out in the evening, he would leave little post-it notes for me. They might say, “I did this or that today”, or if I had a difficult meeting that evening, there might be one saying something like, “I kiss your lovely smile”.

What I’ve done – because as you can imagine after 47 years of knowing Georges, and now he’s gone, it’s such a difficult time for me – I have placed all these post-it notes, one after another, around my apartment. The last one I see before I go in my bedroom says “Goodnight darling”.“

Orangen-Ingwer-Suppe mit Kräutercrackern

Ach, ich hatte einfach Lust auf Suppe. Irgendwas mit Möhren. Die Kochblogsuche angeworfen, fündig geworden, mich an ein anderes Rezept erinnert, das mich vor einigen Tagen angelächelt hatte – fertig war die Abendessenplanung.

orange_ingwer

Für zwei Personen. Erst den Teig für die Cracker ansetzen; während der ruht, die Suppe machen; während die kocht, die Cracker fertigstellen, und eine gute Stunde später steht alles auf dem Tisch.

Für die Suppe
50 g Schalotten (das waren bei mir zwei),
1 Knoblauchzehe und
20 g Ingwer (vulgo: ein daumengroßes Stück) fein würfeln und in
1 EL Butter andünsten.

100 g Petersilienwurzel (bei mir eine große Pastinake),
1 große Möhre und
1/2 Lauchstange (das Weiße davon) so halbfein würfeln und kurz mitdünsten.

Mit dem
Saft von 3 Orangen (das waren bei mir 450 ml) und
500 ml hellem Geflügelfond (bei mir Gemüsebrühe) ablöschen. Alles für gut 15 Minuten köcheln lassen.

4 EL Sahne aufschlagen. Die Suppe fein pürieren (wer mag, streicht sie noch durch ein Sieb; ich mag das nie) und mit
1 Msp. Anispulver,
Salz und
Pfeffer abschmecken. Die Sahne vor dem Servieren vorsichtig unterheben und noch ne Runde Kerbel drüberstreuen. (Das ist mir erst nach dem Fotografieren eingefallen.)

Im Originalrezept gehören noch Parmaschinken und kandierter Ingwer als Deko aufs Süppchen – das mit dem Schinken stelle ich mir sehr gut vor, denn ohne ist die Suppe anfangs ungewohnt süß, bevor sie ingwerscharf wird. Aber nach ein paar Löffeln hat man sich dran gewöhnt, wobei ich ganz dankbar für den Kerbel war. Und natürlich die Cracker. Die gehen so:

Für ein Blech
120 g Mehl mit
einem knappen TL Meersalz,
1/4 TL Muscovadozucker,
2 TL kalter Butter und
120 ml Sahne mischen. Erstmal alles mit einem Löffel durchrühren und dann kneten; bei mir war der Teig sehr feucht, weswegen ich noch ein bisschen Mehl nachgekippt habe, bis der Teig sich gerade so kneten ließ. Zur einer Kugel formen, in Klarsichtfolie einschlagen und eine halbe Stunde im Kühlschrank parken.

Danach den Teig sehr dünn ausrollen (das habe ich nicht ganz so sklavisch gemacht, sollte man aber tun) und mit
1 Eiweiß bestreichen. Mit allen Kräutern, auf die man Lust hat, belegen, in wilde Formen schneiden, mit Meersalz bestreuen, auf ein Backblech umsiedeln und bei 175° Ober- und Unterhitze 12 Minuten lang backen.

Ich denke, wenn ich den Teig dünner ausgerollt hätte, wäre der Name „Cracker“ besser hingekommen. So war es eher buttrig-mürbes Salzgebäck, aber es sehr gut zur Suppe gepasst.

Ein freundlicher Buchhinweis: Walter Grasskamp, „Die unbewältigte Moderne“

Meine liebste Vorlesung im letzten Semester war Kunst in Deutschland 1925–1960 bei diesem Herrn hier, von dem Sie auch ruhig mal was lesen können, wenn Sie darüber stolpern. (Ich habe mir gerade dieses Buch in der Hamburger Stabi zurücklegen lassen, wo ich Samstag sein werde.) Seine Folien beinhalteten auch gerne mal Buchtipps, die ich jetzt der Reihe nach abarbeite, denn diese Vorlesung hat so ziemlich alles umgepflügt, was ich bisher über die genannte Zeit zu wissen glaubte.

Das erste Buch, das ich mir vornahm, war Walter Grasskamps Die unbewältigte Moderne (München 1994, 2. unveränderte Aufl.) Das Inhaltsverzeichnis ist hier zu finden. Einige Kapitel des Buches sind bereits vorher einzeln veröffentlicht worden; sie wurden zwar für das Werk überarbeitet und ergänzt, aber ein bisschen merkt man dem Buch doch an, dass es nicht aus einem Guss ist. Das ist aber völlig egal, denn die Einzelteile sind spannend genug.

Grasskamp beginnt mit der Gründung von Kunstvereinen in Deutschland; der erste entstand 1817 in Hamburg. Es trafen sich Kunstinteressierte, um in kleiner, privater Runde – der Verein sollte laut Satzung nie mehr als 50 Mitglieder haben – über ihre eigenen Sammlungen von Stichen und Zeichnungen zu sprechen. Bereits 1826 gründete sich in Hamburg ein weiterer Kunstverein, der die Sache anders anging: Es gab keine Beschränkung der Mitgliederzahl, die Teilnehmer zahlten in eine Kasse ein, und von diesem Geld wurden Kunstwerke angekauft, die unter den Mitgliedern verlost wurden. Kunst wurde also nicht bewusst erworben, sondern sie wurde einem durch Zufall zugeteilt. Beide Vereine organisieren Ausstellungen ihrer Werke, bei denen Kunst verkauft anstatt nur bewundert wurde, andere Kunstvereine in anderen Städten zogen nach, es begannen die ersten überregionalen Ausstellungen – in Deutschland war ein Kunstmarkt entstanden. „Der Sieg der Kommerzialisierung der Kunst über die Tradition ihrer Aneignung durch Konversation war der Sieg des neureichen 19. über das gesellige 18. Jahrhundert.“ (S. 18) Die beiden Vereine schlossen sich und ihre Sammlung zusammen, die sie schließlich 1846 ausstellen. „Weitere zehn Jahre später wird mit einer zwangsläufigen Logik die Stadt für den Bau eines öffentlichen Museums gewonnen, das die nunmehr angewachsene Sammlung aufnehmen soll. Dieses Gebäude, die Hamburger Kunsthalle, wird 1868 eröffnet. [...] [Der Verein] bleibt [...] der Kunsthalle als Stifter gewogen, sie erhält 1891 die Bibliothek und die Sammlung und Stiche des Vereins, in der sich auch das Blatt befunden haben muß, um das sich 1817 einige wenige Hamburger zum ersten Mal versammelt haben.“ (S. 20/21)

Mir gefallen solche Zusammenhänge ja immer, vor allem, wenn man selbst mal durch das Museum gegangen ist und nun weiß, warum es da steht. Grasskamp nutzt die Vorgeschichte als Sprungbrett, um über den veränderten Umgang mit Kunst zu schreiben, die Rituale der Versammlung und der Kommunikation, die später dem andächtigen Schweigen vor den Werken wichen. (Eigentlich blöd. Aber dafür gibt es ja jetzt Podcasts.) Er erwähnt auch den neuen Waren- und Fetischcharakter, den Kunst nun innehat und der sich in der Verehrung äußert, die man ihr entgegenbringt. Die Ausstellungsanordnung passt sich dem Flanieren an; die Werke hängen nicht mehr in Petersburger Hängung, sondern vereinzelt auf Augenhöhe. Habermas wird zitiert, der den Übergang vom „kulturräsonierenden zum kulturkonsumierenden Publikum“ beschreibt.

Grasskamp schreibt weiter über die neue Mobilität der Bilder, wobei er die Wege der Wanderausstellungen kurz nachskizziert, das zersplitterte Deutsche Reich dem zentralistischen Frankreich gegenüberstellt und auch die Transportbedingen erwähnt. Bilder, die heute in klimatisierten Kisten hochversichert verreisen, wurden damals vermutlich zusammengerollt per Postkutsche transportiert – oder schlimmer. „[Die Anfänge der modernen Bildzirkulation] müssen dem Bankier Johann Friedrich Städel drastisch genug vor Augen gewesen sein, um die Stiftung seiner Kunststammlung an die Stadt Frankfurt testamentarisch an die Bedingung zu knüpfen, daß kein Gemälde je ausgeliehen werden dürfe.“ (S. 31)

Diese Zirkulation sorgte dafür, dass zeitgenössische Kunst schnell im gesamten Deutschen Reich gesehen wurde. Grasskamp geht auf die Aura des Originals ein, die vor allem Walter Benjamin beschrieb und beschwörte, und beschreibt moderne Kunst und Künstler*innen, die sich der Zirkulation entziehen, wie zum Beispiel die Land Art, die an einen Standpunkt gefesselt bleiben will. Weiterhin beschäftigt sich Grasskamp mit den Kunstmessen, die ein Exzess des Kunstmarkts sind und mit ästhetischen oder Wirkungsansprüchen, die wir der Kunst einschreiben, nichts mehr zu tun haben: „Nirgends wirken Kunstwerke so heimatlos wie auf einer Kunstmesse. Nirgends, selbst im konservativsten Museum nicht, wird ihr Anspruch auf eine gesellschaftlich relevante Aussagekraft gründlicher dementiert als inmitten dieser Fülle.“ (S. 46) Über die Auseinandersetzung mit Galerist*innen und weiteren Playern des modernen Markts findet Grasskamp schließlich zum Schlusskapitel des ersten Teils, Das Elend der Provokation, in dem er heutigen Künstler*innen bescheinigt, durch „Ekeltechniken“ (S. 67) provozieren zu müssen, um überhaupt noch wahrgenommen zu werden – was ihre Kunst allerdings nicht immer besser macht, sondern höchstens marktgerecht.

Der zweite Teil des Buches war der, weswegen ich es lesen wollte (wobei ich den ersten im Nachhinein genauso spannend fand). Es geht um die zeitliche Linie von der Weimarer Republik bis in die bundesrepublikanische Nachkriegszeit. Grasskamp beschäftigt sich ausführlich mit der ersten documenta von 1955, die für ihn in direkter Linie zur Ausstellung „Entartete Kunst“ von 1937 steht.

„Als wollten sie jene Hetzausstellung wie eine bedauerliche Entgleisung revidieren, meldeten sich die Gründerväter der documenta mit Vehemenz und Begeisterung in der internationalen Moderne zurück. Sie versäumten es aber, mit ihrer documenta schlüssig und bündig auf die Fragen zu antworten, welche die Ausstellung ‚Entartete Kunst‘ aufgeworfen hatte. [...] Mit der Ausstellung ‚Entartete Kunst‘ ist ja nicht irgendein blödsinniger, vernagelter oder barbarischer Angriff auf die moderne Kunst inszeniert worden. Vielmehr war sie ein suggestiver und raffinierter Versuch, die moderne Kunst auf der Höhe ihrer Mittel und Probleme zu diskreditieren: eine für viele Besucher sicherlich schlüssige Attacke, die auch nach der Befreiung vom Nationalsozialismus ihre Wirkung nicht völlig einbüßte. Mit einem nur oberflächlichen Verständnis der Probleme, Debatten und Tendenzen der Moderne hätte sie nicht inszeniert werden können. Wer sich gegen sie und die von ihr propagierte Ideologie wenden will, hat daher seine Arbeit nicht schon dadurch erledigt, daß er sich vorbehaltlos zu jener Moderne bekennt, die dort am Pranger stand. Vielmehr gilt es, mit der Moderne gleichzeitig auch ihre Fragwürdigkeit, Dissonanz und offensive Arroganz zu begründen, welche die Nationalsozialisten so geschickt gegen sie ins Feld zu führen wußten. Diese historische Aufgabe haben die ersten documentas nicht erfüllt, und so bleiben sie im langen Schatten jener Hetzausstellung auch dort, wo sie sich ins rechte Licht zu rücken suchten.“ (S. 76/77)

Grasskamp weist darauf hin, dass die Deutschen genau durch diese Hetzausstellung gut über die moderne und avantgardistische Kunst informiert waren – die Ausstellung soll über zwei Millionen Besucher gehabt haben, mehr als die ersten sieben documentas zusammen. (S. 120/121) Nachholbedarf bestand also keiner, aber wie im obigen Zitat angesprochen: Die Moderne musste eingeordnet werden. Dass moderne Künstler*innen auf Werke von geistig Behinderten und Kunst der als primitiv geächteten Völker als Inspiration zurückgriffen, hatten nicht nur die Nationalsozialisten zur Diffamierung ausgenutzt. Bereits 1928 hatte Paul Schultze-Naumburg sein Werk Kunst und Rasse veröffentlicht, in dem er Werke der modernen Kunst suggestiv Fotografien von Menschen mit „körperlichen und geistigen Gebrechen“ gegenüberstellte und sie damit diskreditieren wollte (S. 112–119). Die documenta begang, laut Grasskamp, einen schweren Fehler, indem sie ebenfalls mit der Gleichmacherei durch Bilder arbeitete: Im Eingangsbereich der documenta I hingen Bilder von afrikanischer Stammeskunst, die zwar genau das Gegenteil belegen sollten, was Schultze-Naumburg versucht hatte, aber in der gleichen unglücklichen Tradition standen. Auch sie sagten: Die Moderne mit ihrer Formensprache ist nicht neu, sondern uralt und damit nichts, vor dem man sich füchten oder was man verdammen muss. Grasskamp weist auch auf eine Fotostrecke im Magazin der Fotoagentur Magnum hin, die 1959 abstrakte Bilder der Moderne Fotografien von realen Gegenständen gegenüberstellte, die ihnen visuell ähnelten – z. B. Kandinskys Hinauf von 1925 mit einem Raketenstart. Hier lautete der Schluss, dass die Abstraktion vielleicht gar nicht so abstrakt sei, sondern in unserer dinglichen Welt verortet. Beide Aktionen waren nichts Geringeres als die „vollständige Negierung all dessen, was abstrakte Kunst je gewesen war: Nämlich alles andere als realistisch und das erklärtermaßen, weil solche Bilder nicht nur gemalt, sondern von ihren Autoren zum Teil auch begründet worden waren, nicht zuletzt von Kandinsky. Auch in diesem Rückruf der Abstraktion, die in die visuellen Gewohnheiten des Alltags hineingeholt wird, schlägt das Prinzip der documenta durch, die Moderne im deutschen Feindesland um den Preis zu propagieren, ihre zentralen Motive und Leistungen zu verharmlosen: Bewahren durch Preisgeben.“ (S. 101)

Im letzten Teil des Buchs beschreibt Grasskamp die weitere Entwicklung der Ausstellungs- und Kunstpolitik in der Bundesrepublik, wobei er auch noch einmal auf die anfangs erwähnten Kunstvereine zurückkommt und auch einen kurzen Blick auf die DDR wirft. Für mich sehr spannend war die Auseinandersetzung mit der modernen Kunst als „ästhetische Stellvertretung demokratischer Werte“ (S. 135), gerade direkt nach dem Zweiten Weltkrieg und als Kontrast zu dem, was eben noch als Kunst galt.

„Das Demokratische in der modernen Kunst wurde essentiell darin gesehen, daß sie Individualismus, subjektive Freiheit, souveränen Handlungsspielraum und unzensierte Deutungsvielfalt verkörperte. Es sind Eigenschaften, die sie zweifellos auch kultiviert hatte, deren Herkunft jedoch in Sozialmilieus ihrer Entstehungszeit zu suchen ist, deren teilweise undemokratische, auch antidemokratische, durchweg elitäre Haltungen im Zuge einer Neuinterpretation der Moderne in der Nachkriegszeit vernachlässigt und verdrängt wurden. So konnte in den Diskussionen der Nachkriegszeit ein Gegner der modernen Kunst leicht zum Gegner der Demokratie gestempelt werden, weil in Vergessenheit geraten war, wie selten in der Gründungsgeneration der modernen Kunst die Befürworter der Moderne auch Befürworter bürgerlichen Demokratie gewesen waren.“ (S. 135)

Grasskamp erwähnt die Förderer des Blauen Reiter, die sich durch eben diese Förderung gegen ihre eigene, bürgerliche Klasse wehrten. Mir fielen in diesem Zusammenhang noch die Futuristen ein, von denen besonders Marinetti sich den Krieg wünschte: „Dichter, Propagandist des Futurismus, Filippo Marinetti, forderte 1909 die Zerstörung aller Museen. [...] Lauthals pries man auch den Krieg als Reinigung, vor allem aber Geschwindigkeit und Dynamik durch den Fortschritt der Technik. Die ästhetische Schlussfolgerung Marinettis lautete: ‚Ein Rennauto ist schöner als die Nike von Samothrake.‘“ (Peter H. Feist: Figur und Objekt – Plastik im 20. Jahrhundert, Leipzig 1996, S. 41/42. Immer gut, wenn man seine Stoffsammlungen zu alten Hausarbeiten im Kopf hat.)

Ich fand es sehr spannend, viele Facetten zu einem Thema in einem Buch versammelt zu haben, die sich ergänzten, aber in ganz unterschiedliche Richtungen gingen. Daher lege ich euch das schmale Bändchen dringend ans Herz. Lässt sich gut weglesen und macht den Kopf schön auf. (Und ignoriert die lächerliche 1-Stern-Wertung auf Amazon.)

Learning by doing

Die letzten acht Wochen habe ich quasi am Schreibtisch gelebt. Neben mir meine Teekanne, anfangs mit Assam, dann mit Ostfriesentee, neuerdings mit Earl Grey darin, das Milchkännchen, meine japanische Teeschale. (Irgendwann werde ich grünen Tee mögen, aber jetzt gerade findet in der Schale halt ein kleiner culture clash statt. Sie scheint nichts dagegen zu haben.) Eine Vase mit Blumen links von mir. Direkt vor mir mein MacBook Air. Und auf dem kompletten Rest des Tisches: Bücher, Bücher, Bücher, Stifte, Textmarker und Post-its in verschiedenen Farben, mein Moleskine, in das ich während der Vorlesungen und Seminare schreibe, Karteikarten, auf die ich das Geschriebene verkürzt bzw. sortiert übertrage und mit denen ich lerne, noch mehr Bücher, noch mehr Karteikarten. Ende Januar habe ich sieben Klausuren geschrieben, im Januar selbst meine erste Hausarbeit, während ich noch Uni hatte, im Februar und bis gestern in der vorlesungsfreien Zeit zwei weitere Hausarbeiten. Der Abgabetermin ist der 5. bzw. für zwei Arbeiten der 15. März, aber ich bin jetzt mit allem durch und packe gerade den Koffer für Hamburg. Nach acht Wochen habe ich zum ersten Mal Zeit, richtig Luft zu holen und zu gucken, wie es mir geht.

Mir geht es hervorragend.

Die Wochen vor den Klausuren waren sehr anstrengend, aber gleichzeitig fand ich es großartig zu merken, wie ich inzwischen akademisch arbeite. Allmählich ist ein Rhythmus da, allmählich kommt eine gewisse Routine, was den Ablauf von Lernen und Hausarbeitenschreiben angeht. Und nach fünf Semestern kommen auch im Minutentakt die Querverbindungen, die mich von Anfang an so fasziniert haben, dieses „Hey, davon habe ich in Kunstgeschichte schon gehört“, wenn in Geschichte ein Thema aufpoppt und umgekehrt. Allmählich wird aus den vielen Einzelteilen, die ich hier vorgesetzt bekomme, ein Ganzes. Oder wenigstens ein Teil eines Ganzen, den ich überblicken und an den ich einen anderen Teil anlegen kann. Allmählich öffnet sich vor mir die, Achtung, jetzt wird’s pathetisch, aber ich habe sehr viel Tee intus, ganze klare Schönheit von Geschichte und Kunst, von den Verknüpfungen, die sie miteinander und durcheinander entwickeln und denen ich jetzt nachspüren darf. Bei jedem Buch, das ich jetzt lese oder überfliege, bleibt irgendwas hängen, weil inzwischen ein Raster da ist, in dem etwas hängenbleiben kann. Bei jedem neuen Thema ist ein winziger Referenzpunkt da, auf den ich zurückgreifen kann und der mich weiterträgt. In jeder Kirche habe ich andere Kirchen vor Augen, bei jedem Bild, das ich anschaue, tauchen andere auf. Ich sehe Mode anders an, Theaterkostüme, Werbeplakate. Ich schaue teilweise nicht mehr inhaltlich, sondern nach Struktur, Farbe, Aufbau, Bedeutungen, Referenzen, Möglichkeiten, das Gesehene einzuordnen, in mein Raster zu packen, es im Kopf zu behalten, weil ich weiß, dass ich es noch mal brauchen werde. Um mich herum ist auf einmal so viel Schönheit, die ich vorher nicht gesehen habe, weil ich anders auf meine Welt geschaut habe. Und auf meinem Nachtisch stapeln sich Bücher, die ich vor zwei Jahren nicht mal in die Hand genommen hätte.

Mich schrecken wissenschaftliche Texte nicht mehr, sie fordern mich heraus. Und wenn ich einem erliege, greife ich zu einem anderen, den ich erobern kann. Irgendeiner wird mir schon sagen, was ich wissen will, denn ich will so viel mehr wissen als noch vor zweieinhalb Jahren im ersten Semester. Mit jedem Einzelteil, das ich einordne, merke ich, wieviele noch fehlen, und wenn ich genug Tee trinke (und meine neu eingestellte Medikation so gut weiterfunktioniert wie jetzt gerade), werde ich sie alle aufsammeln.

Ich werde weiter Bücher lesen, Texte schreiben, Karteikarten beschriften, Moleskines nachkaufen. Ich will noch nicht, dass das aufhört, was mir in den letzten acht Wochen so unglaublich viel Freude bereitet hat und mir eine ungeheure Befriedigung und einen tiefen Frieden verschafft hat. Zu wissen, ich stehe morgens auf, um nichts anderes zu tun als zu lesen, zu schreiben und zu lernen, davon zu profitieren, was andere vor mir gelesen, geschrieben und gelernt haben, hat mich so glücklich gemacht wie selten etwas anderes. Es ist ein anderes High als Fußballjubel oder Opernglück oder bei Sonnenuntergang auf die Elbe oder die Isar zu gucken oder im Arm des Lieblingsmenschen einzuschlafen. Es ist ein High, das ganz alleine aus mir kommt. Ich alleine sitze hier und lese und schreibe und lerne. Ich alleine gehe in die Bibliothek und fussele wahrscheinlich viel zu lange an Fußnoten rum oder an der richtigen Formulierung für die Kapitelüberschriften der Hausarbeit. Ich alleine mache das. Ich kann das. Und ich will das. Ich will das so sehr, dass ich darüber Treffen mit Freunden vergesse oder Wein nachzukaufen oder mal wieder in die Arena zu gehen. Ich will hier nur sitzen und lesen und schreiben und Tee trinken. Ich habe noch keine Noten für meine drei Arbeiten (ich habe auch erst zwei abgegeben), aber selbst wenn das keine Einsnullen werden, auf die ich natürlich hoffe, weiß ich, dass ich alles dafür getan habe, dass es Einsnullen werden könnten. Ich habe über Fußnoten und Kapitelüberschriften nachgedacht, weil ich das gerne tue und nicht, weil ich es muss. Und so richtig klar ist mir das erst in den letzten Wochen geworden, als ich merkte, wie wenig ich vermisse, wenn ich am Schreibtisch sitze, neben mir die Teekanne und die Blumen. Ja, es wäre perfekt, wenn der Lieblingsmensch und ich in einer Stadt wären, aber was ist schon perfekt. Und dieser Schreibtisch hier mit dem MacBook und den Büchern darauf – das ist schon verdammt nah dran.

Fehlfarben 4: Happiness is a Common Ground

Nach etwas längerer Pause melden wir uns zurück: Wir besuchten zwei Ausstellungen und testeten drei südamerikanische Rotweine.

Podcast herunterladen (MP3-Direktlink, 84 MB, 100 min), abonnieren (RSS-Feed für den Podcatcher eurer Wahl), via iTunes anhören.

00.00:00. Begrüßung und Vorstellungsrunde

00.02:20. Blindverkostung Wein 1.

00.03:45. Unsere erste Ausstellung: Stephan Huber – Weltatlas. Läuft noch bis zum 28. März in der Eres-Stiftung in München. Die Website des Künstlers mit hochauflösenden und scrollbaren Karten findet ihr hier. Wir sprechen unter anderem über Geografie der Liebe & Nervenbahnen der Abenteuer, La Ville Sentimentale vs. AIC (Ambient Informatic City) und Passage durch den Überbau. Die Ausstellung bekam von uns drei Daumen nach oben.

00.29:28. Zwischendurch mal Blindverkostung Wein 2. Dann geht’s weiter mit Herrn Huber, wo wir unter anderem die mappa mundi erwähnen.

00.50:00. Blindverkostung Wein 3.

00.52:20 Unsere zweite Ausstellung: Common Grounds in der Villa Stuck, läuft noch bis zum 17. Mai. Die Ausstellung bekam von uns ebenfalls drei Daumen nach oben.

01:32.00 Auflösung der Weine und Verabschiedung.

Bei den Weinen waren wir uns alle einig, welcher uns am besten geschmeckt hat (wie langweilig). Wir würden alle noch mal kaufen, aber das war unser Siegertreppchen:

Platz 1: Wein 2. Das war ein chilenischer Montes Alpha Carmenère vom Weingut Viña Montes, 2012, 14,5%, 14 Euro.

Platz 2: Wein 1. Das war ein chilenischer Casillero del Diablo Cabernet Sauvignon vom Weingut Concha y Toro, 2013, 13,5%, 8 Euro.

Platz 3: Wein 3. Das war ein argentinischer Passo Doble Malbec/Corvina vom Weingut Masi Tupungato, 2009, 13,5%, 10 Euro.

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„Die Münchner Universität, die einzige Großstadtuniversität, die bis zum Ersten Weltkrieg Frauen regulär immatrikulierte, hatte in den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts für Studierende geisteswissenschaftlicher Fächer eine hohe Anziehungskraft weit über Bayern hinaus: Heinrich Wölfflins Name leuchtete in der Kunstgeschichte, Karl Vossler galt als führender Romanist seiner Zeit, Geschichtswissenschaft und vor allem Philosophie genossen einen hohen Ruf, in der Deutschen Philologie wurde durch Carl von Kraus, den Lessingspezialisten Franz Muncker, durch Fritz Strich und den unkonventionellen und von den Kollegen mit einigem Argwohn beobachteten Artur Kutscher eine breite Methodenpalette angeboten. (Daß Kutscher sich allerdings so intensiv mit noch lebenden Autoren beschäftigte und über einen Bänkelsänger und Bürgerschreck vom Schlage eines Frank Wedekind eine Monographie vorlegte, ging den Universitätskollegen dann doch zu weit. [21])

Marieluise Fleißers Belegblatt für das erste Semester sieht man den Eifer der Anfängerin an, es dokumentiert einen übervollen, wohl kaum zu bewältigenden Stundenplan: 21 Wochenstunden (+ eine Übung ohne Stundenangabe). [22] Als erstes belegt sie eine fachfremde Veranstaltung eines Privatdozenten der Medizin (Dr. Georg Hohmann) „für Hörer aller Fakultäten“: „Die körperliche Erziehung des wachsenden Menschen (mit Lichtbildern)“, dann „Die Weltanschauung der Romantik“ des nichtplanmäßigen a.o. Professors Christian Janentzky, Franz Munckers Vorlesung „Geschichte der deutschen Literatur von der Blütezeit bis zum 15. Jahrhundert“. Das Studium bei Artur Kutscher beginnt sie mit einer Vorlesung zu den Grundsätzen und einer Übung zur praktischen Theaterkritik. „Dabei wählten wir meist Aufführungen“, erläutert Kutscher in seiner Autobiographie, „über die noch kein Urteil vorlag. Wir gingen oft gemeinsam ins Theater, und die Studenten hatten ihre Kritik entweder in Form eines Telegramms oder eines Zeitungsberichts von vorgeschriebener Länge gleich nach Schluß der Vorstellung zu schreiben und an mich adressiert vor Mitternacht in den Briefkasten zu werfen.“ [23] Ferner setzt Marieluise Fleißer die Beschäftigung mit der französischen Sprache aus ihrer Gymnasialzeit fort und schreibt sich bei Jules Simon, Lektor für Französisch, für Übersetzungs- und Interpretationsübungen ein. Und natürlich läßt sie sich den großen Heinrich Wölfflin nicht entgehen und hört seine Vorlesung „Über den Charakter der deutschen Kunst“.

[21] Artur Kutscher: Der Theaterprofessor. Ein Leben für die Wissenschaft vom Theater, München 1960, S. 144f.
[22] Archiv der Ludwig-Maximilians-Universität, Immatrikulationskarte Fleißer und Belegblätter für das Wintersemester 1920/21 und das Sommersemester 1921.
[23] Kutscher: Der Theaterprofessor, S. 150.

(Hiltrud Häntzschel: Marieluise Fleißer. Eine Biographie, Frankfurt am Main/Leipzig 2007, S. 32/33. Das erste Buch, das nichts mit der Uni zu tun hat, das ich seit Weihnachten in der Hand habe. Okay, neben der Geschichte der O. Bei dem ganzen Grey-Hype dachte ich, lieste doch mal das Original.)