Die letzten Wochen auf Instagram oder: Mein Geburtstagsgeschenk auf dem Weg von Hamburg nach München

Holzarbeit

Charlotte bewarf mich und ich fange so was sehr gerne. Wobei mich diese Fragen etwas überfordern, denn ich sehe mich noch deutlich mehr als Texterin und nur zu einem winzigen Prozentsätzchen als Wissenschaftlerin.

1. Welche wissenschaftliche Erkenntnis, über die du in den letzten zehn Jahren gestolpert bist, hat dich staunen lassen?

Ich mache diesen Wissenschaftskram erst seit vier Semestern, daher lässt mich momentan noch alles staunen. Meine innere Ulknudel möchte „dass Schokolade Schnaps enthält“ sagen.

2. Sind soziale Medien wichtig für Wissenschaftler?

Ich glaube, sie sind für WissenschaftlerInnen genauso wichtig oder unwichtig wie für alle anderen, die ihre Arbeit in die Öffentlichkeit tragen wollen. Die Vernetzung geht deutlich schneller und man bekommt sehr viele Impulse – nur durch einen Tweet oder einen Link.

3. Und wie archiviert man jetzt Bundeskanzler-SMS?

Meinten Sie: Bundeskanzlerinnen-SMS?

4. Ich blogge, also …

… blogge ich. Und lerne dadurch Menschen kennen, gucke über Tellerränder, weil andere auch bloggen, und lese über Dinge, von denen ich nie gedacht hätte, dass sie mich interessieren. Ich blogge, also ist mein Leben spannender.

5. Was hättest du gemacht, wenn du dein Fach nicht studiert hättest?

Weiterhin arme Kontakterinnen angefaucht, die es wagen, in mein Büro zu kommen. Keine gute Sache.

6. Wozu braucht man einen Doktortitel?

Ich brauche erst mal einen Bachelortitel, der aber wahrscheinlich zu uncool für eine überarbeitete Visitenkarte ist. Deswegen brauche ich einen Doktortitel.

7. Wenn ich mich gerade nicht wissenschaftlich betätige, mache ich …

… Essen.

8. Was ist die absurdeste Arbeit, die du jemals gelesen hast? (Nein, die wissenschaftliche Untersuchung zu Koboldstaubsaugern wird als Antwort ausgeschlossen.)

Je länger ich auf meine eigenen Arbeiten gucke, desto absurder kommen sie mir vor. (Meinen Dozierenden netterweise nicht.) Arbeiten von anderen sind natürlich alle großartig. Gib mir noch ein paar Semester, dann fange ich an, die Nase zu rümpfen.

9. Mit 4 Millionen Euro würde ich …

… einen Doktortitel machen und Visitenkarten drucken lassen.

10. Stelle dir selber eine Frage.

Dein liebstes Instagrambild der letzten Wochen?

11. Beantworte Frage 10.

(Deswegen betätige ich mich nicht nur wissenschaftlich.)

Arnold Esch, „Überlieferungs-Chance und Überlieferungs-Zufall als methodisches Problem des Historikers“ (1985)

In meinem Basiskurs Mittelalter haben wir als erste Hausaufgabe einen Text bekommen, den ich so spannend fand, das ich ihn euch hiermit aufdrängen möchte. Jede/r HistorikerIn winkt bestimmt mild lächelnd ab, ja klar, den kennen wir und ja klar, wir kennen auch das beschriebene Problem, aber für mich waren das mal wieder ein paar schlaue Gedanken, die ich mir noch nicht gemacht hatte.

Worum es geht: dass Geschichte, gerade alte, selektiv ist. Totale Überraschung, ich weiß, aber der Text fasst das alles sehr hübsch zusammen und liest sich charmant-unwissenschaftlich. Ihr findet ihn vollständig in der Bibliothek der Monumenta Germaniae Historica als Scan oder bei jstor als pdf, falls ihr da Zugriffsrechte habt.

Der Text beginnt mit der Überlegung, was eigentlich alles überliefert ist – und vor allem: was nicht? Esch beschreibt die Einzigartigkeit von Pompeji, erwähnt den Urkundenbestand der toskanischen Stadt Lucca, aus der tausende von Besitzurkunden von Grundstücken aus dem 12. Jahrhundert überliefert sind, aber kaum weitere Zeugnisse über anderen Handel und was uns das für ein Bild zeichnet. Er erwähnt auch, dass viele Urkunden nur temporären Charakter hatten, dass sie weggeworfen wurden oder das Pergament neu verwendet wurde und dass uns vor allem offizielle Schriftstücke vorliegen, meist aus Klöstern, Kirchen und Behörden.

„Die Chancen-Ungleicheit der Überlieferung prämiert also, sagen wir, den Grundbesitz und diskriminiert Handel und Gewerbe; sie begünstigt die Kirche und benachteiligt die Laien. Und sie tut noch etwas anderes: sie begünstigt das Unerhörte, das Ungewöhnliche, das Fatale, und benachteiligt den Alltag, das Übliche, das Normale. Das Schiff, das heil nach Hause zurückkommt, werden wir möglicherweise gar nicht wahrnehmen, es segelt unterhalb unserer Wahrnehmungsschwelle: es würde allenfalls in einem Zollregister vermerkt werden, soweit solche überhaupt geführt wurden – und was ist uns davon schon erhalten. Geht das Schiff aber unter, dann findet es vielleicht Eingang in eine Chronik, in einen Brief, wird womöglich zum Versicherungsfall, zum Fall vor Gericht mit all den Akten, die dazugehören, kurz: das untergehende Schiff erzeugt viele Quellen und erhöht damit die Chance, daß wir 500 Jahre später von diesem (und vielleicht nur von diesem) Schiff noch hören. Nicht zufällig trägt eine von den Übersee-Historikern vielbenutzte portugiesische Sammlung den sprechenden Titel História trágico marítima: tragische Seegeschichte, maritime Geschichte als Geschichte untergehender Schiffe.

Doch ist es zu Lande nicht anders: Der gute Wechselbrief hat eine viel geringere Chance, auf uns zu kommen, als der schlechte, der sich vor Gericht und damit doppelt und dreifach in Erinnerung bringt. Alles ging schief, sagen wir uns erschrocken – und wissen davon vielleicht überhaupt nur, weil es schief ging. Denn die größere Überlieferungs-Chance hat alles, was zusätzlich Quellen erzeugt: der Streit vor Gericht (…); die Mehrausgabe (die bewilligt und gerechtfertigt sein will und darum vielleicht zusätzlich Eingang in weitere Registerserien findet – überhaupt hat eine Chance alles, was etwas kostet und abgerechnet werden muß); die Repression (…) – so ist eine wachsende Zahl von Bauernunruhen nicht notwendig Indiz für zunehmende Aufsässigkeit, sondern vielleicht nur für den zunehmenden Ausbau wachsamer Behörden.“

Esch spricht dann von dem Überlieferungs-Zufall – dass also vieles, was uns überliefert wurde, gar nicht dazu gedacht war. Er erwähnt altägyptische Papyri, die nur durch das Wüstenklima überdauert habe und nicht, weil der Inhalt vieler Briefe und Notizen von der damaligen Gesellschaft als überlieferungswürdig eingestuft wurde. Und dann kommt er auf einen Sonderfall, der mich sehr fasziniert hat:

„Die Scheu, Schriftstücke zu vernichten, die beiläufig den Namen Gottes enthielten oder auch nur durch die hebräische Schrift geheiligt waren, ließ strenggläubige Juden ihre Briefe und Verträge zu ritueller Bestattung in einem eigenen Depotraum (Geniza) der Synagoge niederlegen. Glückliche Umstände, darunter wiederum das dortige Klima, haben den Inhalt einer solchen Geniza erhalten. Das sind die berühmten Bestände der Geniza von Alt-Kairo, seit 1890 in zahllose Sammlungen zerstreut und doch aus demselben, in tausend Jahren nie geleerten Raum stammend: Geschäftsbriefe von Marokko bis Indien, Privatbriefe, Zahlungsanweisungen, Frachtlisten, die Autobiographie eines normannischen Proselyten und ein mittelhochdeutsches Epos in hebräischer Schrift, Verträge jeder Art, vom Heiratsvertrag aus dem Jahre 871 bis zum Scheidungsakt von 1879 aus Bombay, und vorzugsweise Stücke aus dem 11. und 12. Jahrhundert in totalem, immer wieder durchwühlten Durcheinander. Ein weiterer Fall außerordentlicher Überlieferung also, der nicht auf die Nachwelt zielt (und insofern dem konservierenden Wüstensand näher ist als dem bewahrenden Archiv); ein Bestand, der nicht von der Geschichte ausgelesen wurde und nun – wie die Papyri auf den Alltag des antiken Ägypten – einen scharfgebündelten Lichtstrahl auf den Alltag einer Gruppe auch des mittelalterlichen Ägypten wirft – und ringsum jene Dunkelheit, an die das Auge des Mediävisten gewöhnt ist.“

Der „scharf gebündelte Lichtstrahl“ ist wichtig, denn als HistorikerIn darf man nie vergessen, dass diese Quellen nur eine Auswahl sind; sie zeigen nie das ganze Bild der Zeit. Und: Sie unterliegen sozialen Auswahlprozessen:

„Selbstzeugnisse aus dem sogenannten „niederen Volk“ gibt es fast nicht, sie fallen in die Kategorie der nie geschriebenen Quellen. (…) Wenn Bertolt Brechts Lesender Arbeiter fragt: „Der junge Alexander eroberte Indien. Er allein? Caesar schlug die Gallier. Hatte er nicht wenigstens einen Koch bei sich? Philipp von Spanien weinte, als seine Flotte untergegangen war. Weinte sonst niemand?“ – wenn er so fragt, dann meint er, daß nach Caesars Koch oder nach Philipps Soldaten nicht gefragt werde (und damit hat er, oder hatte er, sicherlich auch recht). Aber daß Brechts lesender Arbeiter auf seine treffenden Fragen nicht so leicht eine Antwort findet, liegt nicht allein an der Bosheit der herrschenden Klasse, die diese Fragen nicht stelle, die diese historische Fragestellung nicht zulasse, sondern ist wiederum zugleich ein Problem der Überlieferung (und das heißt allerdings wieder: daß nie einer da nach gefragt hat). Caesars Koch hat keine sehr große Chance, in eine historische Quelle zu kommen – es sei denn, er täte das Unerhörte und vergifte Caesar.“

Etwas weiter oben sprach ich es schon an: Die Lebenden treffen bereits eine Auswahl darüber, was überlieferungswürdig ist. Das machen wir heute genauso, nämlich bei Tageszeitungen (ich erinnere daran, dass der Text von 1985 stammt). Esch schreibt, dass von den 500.000 Wörtern, die täglich bei einer Presseagentur eingehen, nur zehn Prozent an die Tageszeitungen weitergegeben werden, und die wiederum nur das abdrucken, was passt oder gefällt: Sie schneidern uns eine „Wahrheit nach Maß“. Und: Sie berichten, genau wie die alten Quellen, eher das Ungewöhnliche als den Alltag.

„Solange es die von Christian Morgenstern erdachten Zeitungen nicht gibt, „die immer gerade das mitteilen und betonen, was augenblicklich nicht ist; zum Beispiel: keine Cholera! Kein Krieg! Keine Revolution! Keine schlechte Ernte! Keine neue Steuer!“ – solange wird uns die Zeitung grundsätzlich mehr das Ungewöhnliche, das Berichtenswerte mitteilen so wie jede bewußte Überlieferung und Mitteilung mehr dem Außergewöhnlichen als dem Alltäglichen gilt, auch im privaten Bereich: „wie viele Fotos gibt es von Sonntagen, und wie viele von … Montagen?“ Eine Sonntag/Montag-Grenze eigener Art, die wir für unsere eigene Gegenwart leicht, für frühere Zeiten schwer ziehen können. Und so, wie die Nachrichten dann auf die Seiten der Zeitung sortiert sind, würde es für das Bild, das sich eine spätere Zeit von der unsrigen machen wird, einen großen Unterschied bedeuten, ob ihr von einer Tageszeitung zufällig die Weihnachts-Beilage oder aber die 14. Seite eines Dienstags im Februar überliefert wäre. Für die Überlieferung und ihre Bewertung hat der Informations-Verbund, den die Presse unter der Menschheit herstellt, im übrigen noch tiefgreifende Folgen: Eines der aufregendsten Erlebnisse der jüngeren Menschheitsgeschichte, die erste Mondlandung, wird in den Abertausenden von Postkarten, die an jenem Juli-Sonntag geschrieben worden sind, vermutlich gar nicht erwähnt worden sein, einfach weil jedermann diese Information bei jedermann voraussetzen durfte.“

Und genau deswegen bin ich so froh darüber, dass es Blogs und Instagram gibt. Der blöde Satz „Nobody cares what you had for lunch“ regt mich jedesmal auf, wenn ich ihn in seiner Überheblichkeit irgendwo stehen sehe. Denn: I care. Ich lese lieber persönliche Blogs als irgendwelche Newsfeeds, mich interessieren Menschen und ihr Alltag mehr als Neuigkeiten. Klar sind die spannend, aber in meinem kleinen Umfeld sind sie deutlich unwichtiger als die Frage, wie es meinen Bloglieblingen geht, was sie so machen, was sie erleben. Ich mag Futterfotos auf Instagram gerne, und die ganzen Baudenkmäler, die ihr ablichtet, gucke ich mir auch sehr gern an.

Nicht nur ich: Wir produzieren wie die Irren. Heute ist eher die Menge der Datensätze als ihr Fehlen ein Problem:

„Rühmt der wohlwollende Rezensent beim Mediävisten vorzugsweise den „kombinatorischen Scharfsinn“, so beim Zeithistoriker eher den „sicheren Zugriff“ – und wahrhaftig, den braucht es angesichts der Materialfülle. Man denke nur an die Aktenproduktion der modernen Verwaltung auf allen ihren Ebenen: Nach fünfeinhalb Jahren Regierungszeit hat die Nixon-Administration 42 Millionen Seiten Dokumente hinterlassen – wobei noch sehr die Frage ist, ob wichtige Entscheidungen nicht per Telephon gefallen sind und in dieser Papiermasse vielleicht gar nicht mehr überliefert werden: In immer mehr Akten steht immer weniger drin. (…)

Wir begannen mit der Frage, was wir denn gern überliefert bekämen, und sehen uns nun zum Schluß der Frage gegenüber, was wir denn unsererseits überliefern wollen. Denn mit dem (unter Archivaren so genannten) „Aussonderungs- und Wertungsverfahren“ bestimmen wir, bestimmt der Archivar, was endlich der Überlieferung für wert zu halten sei – er vereinigt gewissermaßen Chance und Zufall in seiner Person: Wahrhaftig eine fast göttliche Macht, freilich mit durchaus menschlichen Zügen, mit (manchmal sehr persönlichen) Auswahlkriterien, die dann noch von Generation zu Generation wechseln. Einer der nützlichsten Fonds des Berner Staatsarchivs trägt die bemerkenswerte Signatur „Unnütze Papiere“ – eben darum, weil diese Papiere im 18. Jahrhundert der Überlieferung nicht für wert befunden wurden, während sie heute sehr willkommen sind.“

Und so freuen sich vielleicht die HistorikerInnen der Zukunft über eure – und meine – Fischstäbchenbilder.

Ein nicht alltägliches Dankeschön …

… an Britta, die mich mit Terézia Moras Alle Tage* überraschte. Das Paket freut mich besonders, denn es hat eine Woche in einer kalten, einsamen Packstation gelegen, ohne eine Chance, zu entkommen, aber nicht vergessen von der Außenwelt, nein, ganz im Gegenteil, ich habe aus München warme Gedanken geschickt und an die DHL eine Mail mit der Frage, ob man die Lagerzeit verlängern könnte. Die wurde natürlich nicht beantwortet, und so sendete ich weiter geistige Grüße und die Bitte, noch ein bisschen durchzuhalten, mein Flieger landet am Donnerstag abend und dann komme ich sofort zu dir, kleines Buch, und rette dich, und so war es dann auch: Der Taxifahrer guckte zwar etwas sparsam, als ich ihn kurz halten ließ, aber dann hatte ich das arme, kleine, duldsame Päckchen in den Händen. Vielen Dank für das Geschenk, ich habe mich sehr gefreut.

mora

PS: Seit wann verpackt Amazon die Bücher nicht mehr nur in Geschenkpapier, sondern schlägt sie in Papier, steckt sie in schicke Schachteln und nutzt sogar Geschenkband, das farblich zum Buchumschlag passt? I like!

(Ja, ich weiß, das mit dem Band ist Zufall, aber das sah wirklich sehr hübsch aus.)

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Links vom 17. April 2014

Heute mal wieder ein bisschen kunsthistorischer. Zunächst was zum Spielen:

Bestimmungsübung

Die Bestimmungsübung von artefakt versammelt 2.400 Kunstwerke, darunter auch Architektur, und man darf ganz simpel raten, was es ist, von wem es ist und von wann es ist. Oder man studiert Kunstgeschichte und rät dann nicht, sondern denkt kurz nach. Oder lang. Ich muss gestehen, dass ich viele der Werke nicht kenne, aber ich habe überrascht festgestellt, dass ich ziemlich gut darin bin, das Herkunftsland zu erkennen und so ungefähr die Zeit – meist liege ich nur 20 bis 30 Jahre daneben (einer meiner Professoren würde mir jetzt für das „nur“ gleich eine ganze Note abziehen). Okay, einmal lag ich auch satte 200 Jahre daneben, aber dafür kann ich ja nichts, dass der olle Velázquez manchmal sehr fortschrittlich gemalt hat.

The Female Body and Horizontal Images

Eines meiner liebsten Kunsthistorikerinnenblogs, Alberti’s Window, über Abbildungen von Frauen und warum sie gerne horizontal angelegt sind.

„So, why would a horizontal format be preferred by some artists of the female form? I approached this topic through the lens of feminist analysis (in relation to female objectification and the “male gaze”), and here are some ideas which I came up with:

– The horizontal orientation the medium implies rest and repose. The image is “at rest” – as emphasized by the horizontal lines on the top and bottom of the canvas or medium itself. This suggestion of repose can perhaps suggest a contrast between the active viewer and the image itself.

– Repose and rest is emphasized in the horizontal orientation of the subject matter. In this way, the object can be interpreted as passive as well, which draws a contrast with the active viewer. (…)

– A thought: Could it be that the female form is more predisposed to horizontal orientations because females are traditionally associated with the land and earth? I’m reminded of the horizon lines of landscapes and wonder if there might be some parallel. In contrast, I often think vertical lines often are associated more with masculinity (e.g. phallic imagery, skyscrapers, etc.).“

Die Venus von Ann Arbor

Ich zitiere das NZZ Folio: „Früher benutzte die amerikanische Künstlerin Brenda Oelbaum Diätbücher, um abzunehmen. Heute macht sie Kunst daraus.“ Es geht in dem Artikel hauptsächlich um die Biografie Oelbaums, die leider der von vielen Frauen ähnelt, die irgendwann mal mit dem Diäten angefangen haben und erst nach Jahrzehnten merken, wieviel Energie und Lebenszeit man damit verschwenden kann.

„Ich habe in der Kunst meine Stimme gefunden – mit diesen humorvollen, konzeptionellen Arbeiten. Naomi Wolf hat vollkommen recht. In ihrem Buch Der Mythos Schönheit schreibt sie: «Eine Kultur, die einem weiblichen Schlankheitswahn huldigt, ist nicht besessen von weiblicher Schönheit, sondern von weiblichem Gehorsam. Diäten sind das machtvollste politische Sedativum in der Geschichte der Frauen.» Genauso ist es.

Eines Tages sah ich im Fernsehen eine Werbung für ein Diätpräparat, das die Venus von Willendorf zeigt, dazu die Worte: «So willst du ja wohl nicht aussehen!» Die wagten es, dieses Symbol weiblicher Fruchtbarkeit, diese Ikone des Feminismus, zu missbrauchen! Da wurde ich wütend. Es war die Geburtsstunde des Venus-von-Willendorf-Projekts. Seitdem sammle ich alle Diätbücher, deren ich habhaft werden kann, und mache daraus eine Venus um die andere. Bitte spendet mir eure alten Diätbücher! Die Adresse findet ihr auf www.brendaoelbaum.me. Seite für Seite mache ich aus den Taschenbüchern mit Wasser und Zucker Papiermaché und forme üppige Frauenleiber. Genau wie ich damals wird eine Venus mit jeder Diät dicker. Von manchen Büchern, wie zum Beispiel der Atkins-Diät, habe ich so viele, dass ich mehrere Skulpturen daraus machen könnte. Eine andere Venus trägt Stulpen – die Leute erkennen sie sofort: Jane Fonda, die essgestörte Fitnesskönigin der 1980er Jahre, der wir so lange nachgehüpft sind.“

Lorenzo Lotto: Die mystische Vermählung der hl. Katharina

Wir hatten gestern unseren ersten Seminartermin vor Ort im Kurs „Spaces of Experience“, in dem wir uns verschiedene Arten der Kunstpräsentation anschauen, dieses Mal in der Alten Pinakothek. Ich fand so viele Aspekte spannend, dass ich mich im Nachhinein ärgere, mir nicht wenigstens Stichworte aufgeschrieben zu haben. Einige meiner KommilitonInnen protokollierten mit, aber das bringt mir für meinen heutigen Blogeintrag natürlich gar nichts.

Wir sprachen unter anderem über die verschiedenfarbig bespannten Wände in den vier Hauptsälen, in denen wir waren – sie waren entweder kirschrot oder blässlichgrün, was klassische Farben für Alte Meister sind; im Louvre oder im Kunsthistorischen Museum in Wien sieht es ähnlich aus. Wir beschäftigten uns ausnahmsweise also nicht mit den Bildern und ihren Inhalten, sondern: Wie wirken sie auf unterschiedlichem Grund. In den Kabinetten findet sich noch eine silbrige Wandbespannung, auf der zum Beispiel die Goldgrundbilder aus dem Mittelalter unglaublich strahlen. Auf Rot sieht Gold sehr edel aus, was zur langen Historie und den meist biblischen oder anderweitig beeindruckenden Inhalten der Alten Meister passt. Das Grün lässt die Bilder allerdings manchmal ein wenig verblassen, die dunklen Bilder wirken noch dunkler, die Brauntöne kippen ins Gräuliche. Das hat uns schon gewundert, warum man sich trotzdem für diese Art der Präsentation entscheidet. Was mir auch noch nie aufgefallen ist: Selbst die Stahlseile, an denen die Bilder hängen, sind grün oder rot gestrichen worden.

Wir sprachen über die Lichtwirkung von Kunst- oder Tageslicht (die Kabinette haben ganz wunderbares Nordlicht – viele Ateliers in Schwabing sind auch bewusst nach Norden ausgerichtet), wir achteten auf knarzendes Parkett, entdeckten peinlicherweise ein Spinnweben an einem Veronese, sprachen über die Hängung von Stillleben oben in der zweiten Reihe unter der Decke im Gegensatz zu den als wichtiger erachteten Porträts auf Augenhöhe, bemerkten, wie sehr sich das Wachpersonal im Hintergrund hielt und hatten sogar das Glück, einen Gemäldefahrstuhl zu bestaunen, der zufällig gerade geöffnet war. Das habe ich mich ja auch schon öfter gefragt, wie man die zum Teil sehr großformatigen Werke in den ersten Stock der Pinakothek kriegt. Apropos erster Stock: das Treppenhaus (runterscrollen), von dem so ziemlich jeder Besucher (m/w) beeindruckt ist, stammt nicht aus der Originalbauzeit von Leo von Klenze, sondern von Hans Döllgast und ist ein Kind des Wiederaufbaus in den 1950er Jahren. Wer hätte gedacht, dass die piefigen Fünfziger so majestätisch sein können.

Mein Lieblingsbild in der Pinakothek ist das im Titel dieses Absatzes erwähnte: Die mystische Vermählung der heiligen Katharina von Lorenzo Lotto (1505–08). Bei meinem ersten Besuch in der Alten Pinakothek wollte ich nur zu den Raffaels und hatte keine Ahnung, was hier noch alles hing. Und dann kam der Lotto. Ich verweise auf meinen alten Blogeintrag vom Juni 2011, der schon ahnen lässt, warum ich heute Kunstgeschichte studiere.

Und der Lotto hängt inzwischen als Kunstdruck über meinem Münchner Küchentisch.

lotto

Ein schwarzweißes Dankeschön …

… an Steffi, die mich mit Noah Sows Deutschland Schwarz Weiß: Der alltägliche Rassismus* überraschte. Das Buch ist nicht mehr ganz neu (2008), aber das Thema Rassismus geht ja anscheinend nicht weg, genau wie Sexismus, Lookismus und die ganzen anderen doofen -ismen. Daher wollte ich mich endlich mal geballt informieren, also etwas lesen, was über Tweets hinausgeht, die mich auf rassistische Dinge hinweisen, über die ich meist vorher noch nicht nachgedacht habe – Blackfacing, total gut gemeinte Jim-Knopf-Saalwetten (nicht), das N-Wort in Kinderbüchern, alles Dinge, bei denen ich sicher auch mal gesagt habe, was soll die Aufregung, bis mir klar wurde: Sobald mir ein Betroffener oder eine Betroffene sagt: „Ich reg’ mich auf, weil …“, sollte meine Reaktion nicht sein, mir egal, sondern: Vielleicht sollte ich da mal zuhören. Genauso wie schlanke Menschen beim Thema Lookismus zuhören sollten, Jungs bei Sexismus und so weiter. Also mach’ ich das jetzt. Beziehungsweise lese ein Buch. Vielen Dank für das Geschenk, ich habe mich sehr gefreut.

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Sommersemester 14, die erste Woche: Donnerstag

Nach zwei Tagen, auf die sich jeweils zwei Kurse verteilen, kommt am Donnerstag der dicke Brocken mit vier Kursen ohne Pause hintereinander. Los geht’s mal wieder um 8. Was bedeutet: Ich habe ab 16 Uhr Feierabend und kann in den Biergarten gehen, mir die vollgeballerten Gehirnzellen wieder wegtrinken. Ein perfekter Plan.

Mediengeschichte des 19. Jahrhunderts

Im letzten Semester hatte ich bekanntlich eine Übung zum Thema Journale und Zeitschriften der Aufklärungszeit, daher bot sich als inhaltliche Fortsetzung diese Übung an. In der ersten Sitzung sammelten wir wild Stichworte und Themen und ich hätte über so ziemlich alle ein Referat halten wollen. Wir sprachen zum Beispiel über den Beruf des Journalisten, der sich in dieser Zeit überhaupt erst etablierte, was mich an einen Herrn erinnerte, der im letzten Semester erwähnt wurde und dessen Namen ich mir leider nicht gemerkt habe. Der war nämlich eigentlich Gelehrter, merkte aber, dass er als Textlieferant für Zeitschriften deutlich mehr Geld verdienen konnte. Und mit „deutlich mehr“ war wirklich „reicht zum Gutshauskauf mit üppigen Stallungen und noch eine kleine Stadtwohnung dazu“ gemeint.

Wir sprachen außerdem über technische Neuerungen wie die Setzmaschine oder die Rotationspresse, die eine massenhafte Auflage ermöglichte, den Telegrafen, der die Nachrichtenübermittlung beschleunigte, und die Eisenbahn, die Zeitungen nun in größerer Geschwindigkeit durchs ganze Land bringen konnten. Wir erwähnten die annehmbaren Alphabetisierungsraten und die Lesezirkel, in denen Zeitungen gemeinsam gelesen oder vorgelesen wurden. Wir sprachen über die Entstehung von Nachrichtenagenturen wie Reuters oder Wolffs Telegraphisches Bureau, über Auslandskorrespondenten wie Theodor Fontane oder Karl Marx, koloniale Presse in Indien, die Entstehung der Kriegsberichterstattung als journalistisches Genre im Krimkrieg und den Sensationsjournalismus, der vielleicht auch deshalb entstand, weil die Zeitungsjungen was Knackiges brauchten, das sie ausrufen konnten.

Die Referatsthemen waren noch weiter gefächert. Eins davon war die Berichterstattung über die Suffragetten und im Gegenzug deren Nutzung der Medien, um der Öffentlichkeit ihre Ziele zu präsentieren. Mit dem Thema wollte ich mich aber nicht mehr beschäftigen, mich hat das im letzten Semester irgendwann sehr genervt, dauernd über sexistische Karikaturen und Schlagzeilen zu stolpern. Stattdessen werde ich über die illustrierten Presse referieren, genauer gesagt, über Die Gartenlaube und Kladderadatsch. Ich hatte mal ein Kinderbuch aus der DDR, an dessen Titel ich mich partout nicht erinnern kann, in dem der Lausbub, um den es ging, sich gerne auf einen Speicher flüchtet, wenn er wieder was ausgefressen hat und dort Die Gartenlaube liest. Ich weiß noch, dass ich als Kind den Titel sehr putzig fand, und irgendwie ist er seitdem im Hinterkopf, ohne dass ich wirklich weiß, worum es in diesen Blättern geht. Eine perfekte Gelegenheit, sich damit zu befassen und dafür auch noch ECTS-Punkte zu kriegen.

See me. Das fotografische Porträt

Auch hier ein Rückgriff aufs letzte Semester, das bisher mein liebstes war – da hatte ich nämlich eine großartige Vorlesung (vorletzter Absatz), die immer noch in mir nachhallt und meine Augen und meinen Kopf sehr weit aufgemacht hat. Als die Vorlesung durch war, habe ich mir gesagt, bei der Frau belegst du nächstes Semester wieder was, ganz egal, worum es geht. Tollerweise ist es ein Thema, das mich sehr interessiert und das hoffentlich einen Kurs aus dem ersten Semester ergänzt, der sich mit den Anfängen der Porträtmalerei befasste. Und gleich in der ersten Sitzung saß ich nach fünf Minuten wieder strahlend da und schrieb mit wie eine Irre, weil die Dozentin, genau wie beim letzten Mal, lauter Aspekte an einer Tätigkeit, einem Werk, einem Bild aufdeckte, über die ich noch nie nachgedacht hatte, bei denen ich mich jetzt aber frage, wieso zum Teufel nicht?

Wir sprachen zum Beispiel darüber, dass in der Fotografie das Werkzeug, eine Maschine, einen grundlegenden Einfluss auf das Werk hat. Anders als mit einem Pinsel oder einem Meißel, der aktiv bewegt werden muss, kann der Künstler oder die Künstlerin hier nur noch auf einen Auslöser drücken – den Rest erledigt die Technik. Natürlich bleibt der künstlerische Impuls das Wichtigste, aber eben diese Tatsache, dass die Technik einen großen Anteil am Werk hat, entfachte die Diskussion, ob Fotografie überhaupt Kunst sei. Oder wie Lucia Moholy es ausdrückt:

„Every art has its technique. So has photography. But the relation between photography and its technique is a peculiar one; there is more equality of rights between the two than there is between the other arts and their techniques. Hence the widespread conclusion that photography is not an art at all. The same argument is put forward by those who cannot reconcile their conception of art with what they call mechanical means, that is mechanical tools. The tools generally used in the arts since centuries, such as pencils, chalk, brush, chisel, etc., carry out what the hand wants them to do. The hand again carries out the will of the mind. Whether – or not – the result will be a work of art, depends mainly on the mind, partly on the hand, and to a negligible degree only on the tool. If mechanical tool, such as a camera, is used, the tool’s share grows more important, while the hand’s share is reduced to a minimum. The mind’s share, on which the result mainly depends, upholds its position as the primum mobile. The result may be a work of art – or may not.”

(Moholy, Lucia: A Hundred Years of Photography, London 1939, S. 15.)

In diesem Zusammenhang: Die Fotografie und damit die Werke, die sie produziert, ändert sich mit ihren technischen Gegebenheiten. Wo man bei der Daguerrotypie noch minutenlang für ein Bild stillsitzen musste, veränderten Filmrollen mit 36 Bildern alles, genau wie die Polaroid- oder die heutige Digitalfotografie. Früher waren Entwicklungszeiten nötig, heute fotografieren wir, betrachten ein Bild, löschen es vielleicht sofort wieder – und damit auch die Erinnerung an einen einzigartigen Moment. Anders als in der Malerei liegt diese kurzfristige Erinnerungsfunktion der Fotografie inne – und die korrekte Wiedergabe des Objekts (wenn man mal Photoshop ignoriert).

„… haben Sie schon von jener wundervollen Erfindung unserer Zeit, der sogenannten Daguerreotypie, gehört? – ich meine, haben Sie schon jemals ein Porträt gesehen, das auf diese Weise verfertigt wurde? Stellen Sie sich vor, ein Mann setzt sich ins Sonnenlicht und hinterläßt, kaum daß anderthalb Minuten vergangen sind und ohne daß vom Umriß oder Ton etwas fehlt, sein vollständiges Faksimile unverrückbar auf einer Platte! Damit verglichen wirkt die mesmeristische Trennung der Seele vom Leib weit weniger wunderbar. Und unlängst habe ich mehrere dieser wundervollen Porträts gesehen … sie sind wie Stiche – nur derart zart und durchgeführt, wie kein Stecher es könnte –, und nun sehne ich mich danach, von jedem Wesen dieser Welt, das mir lieb ist, ein solches Andenken zu besitzen. Es ist nicht die Ähnlichkeit allein, die derlei so kostbar macht, sondern die Vorstellung und das Gefühl der Nähe, das einem solchen Objekt innewohnt … es ist die Tatsache, daß dort der echte Schatten eines Menschen für alle Zeiten festgehalten ist!“

(Barrett, Elizabeth: „Brief über Porträtphotographie (1843)“, in: Wiegand, Wilfried (Hrsg.): Die Wahrheit der Photographie. Klassische Bekenntnisse zu einer neuen Kunst, Frankfurt am Main 1981, S. 41–43, hier S. 42.)

Wir sprachen über Blicke (die des Modells, die des Fotografen oder der Fotografin und die des Betrachtenden) und über den Kontrast zwischen Eigen- und Fremdwahrnehmung, die beim Porträt aufeinanderprallen. Die Dozentin fragte uns: „Wenn Sie ein Foto von sich sehen und sagen, das bin ich nicht – meinen Sie dann, dass es Ihnen nicht ähnlich sieht oder dass es sie in Ihrem Selbst, in Ihrer Wesensart nicht richtig getroffen hat?“

Ich bin verliebt.

Karolingische Kunst

Und ich bin müde. Ich habe etwas länger mit mir gerungen, ob ich diese Vorlesung belegen sollte. Das Thema interessiert mich sehr, mehr als alle anderen Vorlesungen, die in meinem Vertiefungsmodul Mittelalter angeboten wurden. Das Dumme: Der Dozent ist fürchterlich anstrengend. Ich hatte ihn bereits im ersten Semester zum Thema Romanik, wo er mich einmal zum Einschlafen gebracht hat (jetzt isses raus). Außerdem sitzen in seinen Vorlesungen zu 90 Prozent SeniorInnen – im ersten Semester saßen wir in einem Hörsaal, der für mindestens 120 Leute ausgelegt ist und der stets sehr gut gefüllt war. Zur Klausur angetretene Studis: 14. Auch in der karolingischen Kunst ist das Verhältnis so, und was ich richtig hasse, ist das Selbstverständnis diese GasthörerInnen, die irgendwie glauben, der Mann predige nur für sie. Sie begrüßen ihn schon freundschaftlich, scharen sich nach der Veranstaltung um ihn, so dass man eher selten noch was fragen kann, und beklatschen ernsthaft in jeder ersten Sitzung seine Ankündigung, dass in dieser Vorlesung bitte nicht gegessen und getrunken werden solle. Ich habe mich nach dem ersten Semester noch zwei weitere Male ab und zu in seine Vorlesungen gesetzt, weil er blöderweise immer interessante Themen hat, habe mich aber nie wieder angemeldet, weil ich ahnte, dass ich wieder einschlafen würde.

Warum ich das dieses Mal doch getan habe? Weil ich, obwohl ich jede Stunde anstrengend fand sowie seine Folien unübersichtlich und lernunfreundlich (160 MB unbeschriftete Bilder), trotzdem aus dem Semester rausgegangen bin mit der Einstellung: Romanik – echt heißer Scheiß. Und obwohl seine rhetorischen Fähigkeiten meiner Meinung nach sehr zu wünschen übrig lassen – seine kunstgeschichtlichen sind beeindruckend. Man merkt ihm bei jeder Beschreibung seiner unübersichtlichen und lernunfreundlichen Folien an, wie gerne er das Objekt sieht, das er uns gerade zeigt. Seine Sprache ist manchmal fast zärtlich, und er schafft es wirklich, mir Dinge aufzuzeigen, die ich vorher übersehen hätte bzw. mich für Dinge zu begeistern, denen ich vorher eher indifferent gegenüberstand. Siehe Romanik.

Also sitze ich jetzt wieder bei ihm und versuche, nicht allzu oft auf die Uhr zu gucken. Am Donnerstag war es nach 15 Minuten das erste Mal so weit. Die Stunden von 12 bis 14 Uhr werden … sehr … lang … werden. Aber ich ahne, dass sie auch sehr toll werden.

Klöster in Bayern von der Karolingerzeit bis heute

Mit diesem Kurs schließt sich der Kreis. Mit den Klöstern beschäftige ich mich auch in Geschichte, wo es eher darum gehen wird, Klöster als Kulturzentren des Mittelalters zu beleuchten. In der Kunstgeschichte kümmern wir uns wahrscheinlich eher um die Architektur. Oder auch nicht – der Dozent fragte uns erstmal, was wir so erwarten würden. Dann fragte er, welche bayerischen Klöster wir denn kennen. Und ich saß da mit dem leersten Gesicht ever und musste mir eingestehen: kein einziges. Es fielen ein paar Namen wie Andechs oder Ettal, aber mein Gesicht blieb leer. Das könnte an den sechs vorhergegangen Stunden liegen, aber ich habe mich selten so unvorbereitet gefühlt. Und das konnte ich leider auch nicht verbergen, denn wir sind ein winziger Kurs. Wo sich sonst 25 bis 30 Menschen (okay, 28 Frauen und eventuell zwei Männer) in den Seminaren platttreten, sind wie hier gerade mal zehn. Das war dann auch die erste Bemerkung des Dozenten: „Ich dachte, für das Thema würden sich mehr Leute interessieren.“ Mir lag auf der Zunge, hey, aber WIR sind hier und total interessiert (… und mies vorbereitet). Ich hab’s mir aber verkniffen und stattdessen dem Dozenten zugeguckt, wie er uns mit einem Word-Dok in seiner Dropbox den Seminarplan vorstellte und ständig rumscrollte (LASS DAS!) oder irgendwas googelte, wobei ich hoffte, dass das nicht sein Privatrechner war. Ich warte ja immer auf peinliche Autocomplete-Google-Ergebnisse, wenn irgendjemand seinen Rechner am Beamer hat, aber bis jetzt konnte ich stets aufatmen. Man merkt diesem Absatz vielleicht an, dass ich nicht wirklich was zum Kurs sage, aber das liegt daran, dass es noch nicht wirklich was zu sagen gibt. Ich weiß noch nicht mal, welches Referatsthema ich bearbeite – die Auswahl steht im schon angesprochenen Word-Dok. Für meine Semesterplanung ist dieses Aufschieben etwas doof, denn nach den Referatsterminen richtet sich meine Flugbuchung: Wann mache ich einen Bibliotheksmarathon und wann kann ich faul auf dem Hamburger Sofa rumkuscheln? Spontan neige ich zu den Frauenklöstern wie dem Katharinenkloster oder St. Klara in Nürnberg, aber ich ahne, dass ich damit nicht alleine bin. Was ja eigentlich toll ist.

Ein doppeltes Dankeschön …

… an Stefanie, die mich gleich mit zwei Büchern überrascht hat: mit Nicole Stichs Geschenkideen aus der Küche und mit Saša Stanišićs Vor dem Fest. Das freut mich beides sehr, denn erstens habe ich mit diesem Werk bald die Kochbuchsammlung von Delicous Days komplett und fast schon so viele Kochbücher in München wie in Hamburg – sehr praktisch. Zweitens lag Vor dem Fest geistig ganz oben auf dem Stapel von „Lese ich, wenn ich The Goldfinch durch habe“, denn Stanišićs Erstling, Wie der Soldat das Grammofon repariert, habe ich noch in sehr guter Erinnerung und war deswegen ewig ungeduldig, wann denn endlich sein nächster Roman erscheint. Vielen Dank für die Geschenke, ich habe mich sehr gefreut.

(Und es ist alles brav in München angekommen!)

Die Links zu Amazon sind Affiliate Links.

Sommersemester 14, die erste Woche: Dienstag und Mittwoch

Italienisch A1.1

Cum tempore ist eine Erfindung der GöttInnen, die aber anscheinend nicht für die Volkshochschule zuständig sind. Da findet nämlich um 8 Uhr morgens (pünktlich!) mein Sprachkurs statt, den ich im 4. und 5. Semester in Kunstgeschichte belegen muss. Den hätte ich mir ersparen können, wenn ich mir im 1. Semester meine 25 Jahre alten Lateinkenntnisse hätte anerkennen lassen, aber ich motiviertes Mäuschen dachte mir damals(TM), ach, wenn die Uni mir schon einen Sprachkurs bezahlt, wäre ich ja doof, wenn ich das Angebot nicht annehmen würde. Ich verfluche das motivierte Mäuschen, als mein Wecker um 6 klingelt.

Normalerweise ist 6 irgendwie okay, wenn ich erst um 8.15 Uhr in der Uni sein muss. Ich lungere bis 6.15 im Bett rum und erinnere meinen Körper daran, dass er jetzt allmählich mal unter der mummelwarmen Decke rauskommmmm… nein, nicht wieder einschlafen, RAUS JETZT! Dann dusche ich entspannt, während der Deutschlandfunk mir was Spannendes erzählt. Während die Milch für den Cappuccino schäumt und der Espresso durchläuft, räume ich das Geschirr weg, das ich gestern abend abgewaschen habe, dann mache ich das Bett, und damit sind beide Münchner Zimmer aufgeräumt und tagesfein. Ich klappe den Rechner auf, genieße Cappuccino und einen frischen Saft, lese entspannt eine gute halbe Stunde im Netz, blogge, falls ein Eintrag von gestern in der Pipeline liegt, bis ich mich schließlich für die Außenwelt aufhübsche und um 8 losradele, um Punkt 8.10 an der Uni zu sein, wo um 8.15 die Kurse losgehen.

Aber: Volkshochschule am Gasteig und sine tempore. Das heißt, ich muss früher da sein und mein Weg ist 25 Minuten lang statt zehn. Mein entspanntes Lesen und Frühstücken wird etwas zackiger, denn ich habe es nicht über mich gebracht, den Wecker auf 5.30 zu stellen. Ich stehe nicht um FUCKING FÜNF UHR IRGENDWAS AUF! (Jetzt kann ich den Satz endlich bringen:) DAFÜR HAB ICH NICHT STUDIERT!

Um 7.15 schwinge ich mich auf mein Rad, denn ich habe keine Ahnung, wo genau im Gasteig die Räume der VHS sind und ich hasse es, unpünktlich zu kommen. Lieber eine Viertelstunde zu früh da sein und noch ein bisschen lesen als abgehetzt in irgendeinen Seminarraum zu stolpern.

Um die Zeit ist die Ludwigstraße radlerleer. Das hatte ich mir anders vorgestellt, bin aber sehr erfreut darüber. Ab Odeonsplatz treffe ich nicht auf die üblichen FußgängerInnen und Touris, sondern auf dutzende von Lieferfahrzeugen. Das Nachtlicht der Oper ist noch an, es ist kaum jemand unterwegs, und es radelt sich sehr entspannt in der kühlen Morgenluft. Früh aufzustehen ist vielleicht doch nicht so doof.

An der VHS angekommen, finde ich den Raum sofort, und er füllt sich mit gut 20 Menschlein. Es ist Italienisch geworden statt Französisch, was ich schon in der Schule hatte und danach noch mehrmals an der VHS auffrischen wollte, was aber eher nervig als erfolgreich war. Der Kopf quengelt seit einem Jahr, dass Französisch total sinnvoll für Kunstgeschichte ist und ich schon Grundkenntnisse habe und der Einstufungstest mich ja auch nicht in die totale AnfängerInnengruppe gesetzt hat und blablabla. Mein Bauch sagt: Italienisch singt sich toll und ich will das jetzt lernen. Basta! (Hey, ich kann schon ein Wort!)

Der Kurs war so, wie man sich einen Italienischkurs vorstellt: lebhaft und lustig. Unsere Lehrerin ist eine winzige Frau, aus der eine tiefgerauchte Whiskystimme kommt, sie schnackt die ganze Zeit vor sich hin, ich hänge verliebt an ihren Lippen und will nach Rom fahren.

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Der Hof Kaiser Ludwig des Bayern (1314–1347)

Um 9.30 sind wir durch mit „Mi chiamo Anke, e tu? Come ti chiami?“ Das Internet sagte mir heute morgen was von 80-prozentiger Regenwahrscheinlichkeit, aber in meinem Kopf heißt das: mit 20-prozentiger Wahrscheinlichkeit regnet es nicht. Dieses Mal hat mein Kopf verloren, es regnet und ich radele deutlich weniger entspannt als vor anderthalb Stunden zur Uni. Mein geliebtes Hoodie, das eigentlich für den durchschnittlichen Münchner Regen reicht (wir HamburgerInnen sagen „feuchte Luft“ zu sowas) liegt in der anderen Stadt, ich habe keine Kapuze und keine Mütze, kann jetzt aber prima durch zusammengebissene Zähne fluchen.

Im Historicum frühstücke ich einen Jogurt, trockne mein Jäckchen und mein Halstuch, das als Kopftuch dienen musste, setze mich dann in die schöne ruhige Bibliothek und lese The Goldfinch von Donna Tartt weiter. Ich bin halb durch und finde es bis jetzt großartig. Um 11 schlendere ich in den Seminarraum, wo weitere geschätzt 15 Menschen auf mich warten. Die Dozentin kommt etwas früher als 11.15 und verteilt Papier und Stifte, damit wir uns Namensschilder basteln. Das ist mir seit drei Semestern ein Rätsel, wie sich Dozierende unsere Namen merken. Ich kriege nicht mal die Vornamen hin, geschweige denn die Nachnamen, mit denen wir hier angesprochen werden. Daher kann ich das Namensschild gut nachvollziehen und finde es nebenbei nett, auch selbst zu wissen, wie die Umsitzenden heißen.

Der Kurs ist eine Übung, von denen ich im Nebenfach Geschichte vier im Grundstudium belegen muss. Zwei hatte ich schon im letzten Semester (die „Journale der Aufklärungszeit“ und „Geschichte und Journalismus“), zwei habe ich in diesem: einmal den Ludwig und dann am Donnerstag „Mediengeschichte des 19. Jahrhunderts“. Da ich mein Grundstudium in zwei statt in drei Semestern und das Hauptstudium in einem statt in zwei Semestern runterrocke, habe ich im Nebenfach mehr zu tun als im Hauptfach. Passt schon.

Die Namensschilder haben noch einen Sinn: Die Dozentin ruft uns dauernd auf, anstatt darauf zu warten, bis sich eine oder einer von uns regt. Das mag ich persönlich sehr gerne, denn ich habe inzwischen dieses ewige Schweigen des Plenums zu hassen gelernt. Meistens weiß man dann doch irgendwas, und wenn nicht, ist man inzwischen erwachsen genug, um das zuzugeben. Wir haben im Vorfeld zum Kurs einen Lexikonartikel über Ludwig den Bayern zugemailt bekommen, den wir jetzt noch mal aufgrund der Fragen der Dozentin durchforsten. Dabei müssen wir das Wissen abrufen, das wir bis jetzt über das Mittelalter haben – und wo ich bis dahin dachte, pffft, ich hatte eine einzige Vorlesung und weiß nix, merke ich schnell, dass da doch eine Menge hängengeblieben ist. Ich weiß noch, wie die deutschen Könige gewählt werden, ich kann mit dem Begriff der Wittelsbacher und der Habsburger noch was anfangen, und ich kann halbwegs einordnen, wie erfolgreich Ludwig als Herrscher war, weil ich schon andere kennengelernt habe. Mein Kopf klickt lustig vor sich hin, und ich ahne, dass ich an der Uni meist debil vor mich hingrinse. Wir lesen eine mittelhochdeutsche Quelle, sprechen über Zeugnisse aus der Zeit, und dann werden die ersten Aufgaben verteilt. Überraschenderweise will die Dozentin keine Referate von uns haben, sondern gibt lieber wöchentlich kleine Aufgaben auf, die wir alle das ganze Semester lang, meist in Gruppen, bearbeiten müssen. Ich habe Hausaufgaben! Ich bin sehr gerührt und werde Freitag in der Bibliothek danach suchen, wie eine Urkunde aus dem Frühmittelalter aussieht im Vergleich zu einer aus dem Hoch- und Spätmittelalter, damit meine Kommilitonin und ich der Gruppe übernächste Woche ein Arbeitsblatt dazu präsentieren können.

Klöster als Kulturzentren des frühen Mittelalters

Das ist mein Mittelalter-Basiskurs; mein Schnuffi „Geschlecht im Zeitalter der Extreme“, in dem ich die Suffragetten-Hausarbeit schrieb (die schon zitiert wurde, wie schön!), war mein Basiskurs für die Neuzeit. Im Nebenfach müssen wir aus den drei großen Epochen Antike, Mittelalter und Neuzeit zwei belegen, die jeweils aus einer Vorlesung und einem Basiskurs bestehen. Die Vorlesungen hatte ich bereits beide im Wintersemester, das heißt, um meine ganzen Module fürs Grundstudium zu bestehen, fehlt mir nur noch der Basiskurs Mittelalter – aber der fängt erst nächste Woche an. Exzellenzuni, my love.

Spaces of Experience

Das ist jetzt ein bisschen albern, aber: Meine Dozentin in diesem Kurs liest mein Blog. Die Dame ist nämlich die schon mal erwähnte Kuratorin aus dem Lenbachhaus, die mich (und Herrn Probek) direkt nach der Neueröffnung dort rumgeführt hat, als kleines Dankeschön für eben dieses Blog. Daher bin ich jetzt total befangen, über diesen Kurs zu schreiben. Und noch ein Problem: Ich habe es während des Kurses vermieden, sie direkt anzusprechen, weil ich mich garantiert zwischen dem offiziellen Sie und dem durch Führung und Kaffeetrinken erworbenen Du verhaspelt hätte.

Aber immerhin für euch die Kurzfassung: Es geht in diesem Seminar um unterschiedliche Präsentationen von Kunst. Wir rennen die nächsten Wochen durch verschiedene Münchner Museen, lassen uns von den dortigen KuratorInnen was erzählen – und müssen auch hier kein Referat halten, wo-hoo! Stattdessen protokollieren wir mit. Als es um die Verteilung der Protokolle ging, war mein erster Wunsch das Haus der Kunst, weil mich die Geschichte des Hauses sehr interessiert und natürlich auch, weil da gerade die Matthew-Barney-Ausstellung läuft, an der man derzeit überhaupt nicht vorbeikommt. Ich ahnte aber, dass ich mit diesem Wunsch nicht alleine war und da ich es vermeiden wollte, irgendeinen späten Zeitpunkt im Semester abzukriegen, an dem ich schon hysterisch für die Klausuren lerne, meldete ich mich gleich beim zweiten Museum, dem Bayerischen Nationalmuseum. Das wollte dann auch erwartungsgemäß niemand haben (sehr traditionelle Hängung), während sich beim Haus der Kunst mindestens fünf Leute meldeten. Alles richtig gemacht.

He, du, der/die mir was vom Wunschzettel geschickt hat …

… Entschuldigung, Entschuldigung, Entschuldigung! Ich Klops habe mal wieder vergessen, meine Wunschzettel-Lieferadresse von Hamburg auf München umzustellen. (Umgekehrt klappt das interessanterweise immer.) Das heißt, dein liebevolles Paket liegt jetzt einsam in einer Packstation in der Hansestadt und niemand kann es abholen. Deswegen wird es wahrscheinlich an dich zurückgehen und ich bin der Arsch. Wenn du mein Blog nie wieder lesen willst, ist das völlig in Ordnung. Trotzdem habe ich mich gefreut, dass du an mich gedacht hast. Und die Artikel, die vom Wunschzettel gekauft wurden, sind auch alle super! Tolle Auswahl! FALSCHE STADT, VERDAMMT!

Entschuldigung, Entschuldigung, Entschuldigung!

Radfahren in Hamburg vs. Radfahren in München

Ich nutze mein Rad nicht, um damit lauschige, stundenlange Radtouren zu veranstalten oder mal das Umland meiner derzeitigen zwei Wohnorte zu erkunden. Ich nutze mein Rad ganz simpel als Fortbewegungsmittel, um damit in die Uni zu kommen, in den Supermarkt, in die Bibliothek, zum Gesangsunterricht, zur Lieblingsweinbar oder ins Fußballstadion. Ich fahre selten Umwege (außer wenn ich dringend zum Münchner Königsplatz muss, weil mich der immer so schön runterkommen lässt), sondern meist nur da, wo ich eben lang muss. Daher ahne ich, dass man zu allen Punkten, die im Folgenden kommen, genau das Gegenteil sagen kann, sowohl für Hamburg als auch für München, weil die Städte eben nicht nur aus den Strecken von meiner Wohnung zum Supermarkt, zur Uni und zum Fußballstadion bestehen. Aber netterweise ist das hier mein supisubjektives Blog und daher wumpe.

Radwegsqualität

Hamburg hat Radwege, die ihren Namen sehr oft nicht verdienen. Damit meine ich nicht, dass die Bezeichnung „Radweg“ übertrieben ist – schon das Wort „Weg“ ist ein gewagter Euphemismus. Ich kenne Kreuzungen, an denen ein frisch gepflasterter, wunderschöner, breiter, nagelneuer roter Radweg übergeht in: nichts. Man radelt lustig vor sich hin, hält brav an der Ampel, fährt über die Straße – und darf sich dann blitzschnell entscheiden, ob man auf dem Fußweg weiterfährt oder sich spontan in die von hinten kommenden Autos einreiht. In 150 Metern fängt der Radweg überraschend wieder an. Dann allerdings gerne in der Variante „60 Zentimeter schmales Stückchen Buckelpiste, das seit 30 Jahren von Baumwurzeln untergraben wird“. Oder in der Variante „rotes Arschloch-Pflaster aus den 70ern, das einem die Kraft direkt aus den Unterschenkeln zieht“. Oder in der Variante „ausgeblichene Linie auf dem Fußweg, die jeder Fußgänger ignoriert, weswegen man besser auf der Straße fährt“.

Es ist nicht alles fürchterlich, Hamburg hat auch sehr schöne Radwege, aber bis jetzt bin ich auf nicht viele von ihnen gestoßen. Ich habe auf meinen Strecken noch keine einzige entdeckt, auf der der Radweg sich nicht spätestens alle 500 Meter verändert. Immerhin lerne ich so, sehr vorausschauend zu fahren: Ich muss nicht nur auf sich öffnende Beifahrertüren achten, Fußgänger und Radfahrer, die einem entgegenkommen (darauf komme ich gleich nochmal zurück), sondern auch darauf, wo zum Geier der Radweg jetzt vielleicht weitergehen könnte.

München scheint eher damit zu rechnen, dass Menschen auf Fahrrädern in der Stadt unterwegs sind. Dort lässt es sich weitaus besser fahren, vor allem im Univiertel, wo quasi per Naturgesetz viele RadlerInnen unterwegs sind (und wo ich wohne). Viele kleine Straßen in der Maxvorstadt haben keine Radwege, aber man kann entspannt auf der Straße fahren, weil die AutofahrerInnen wissen, dass viele von uns Studis unterwegs sind, und in die schmaleren Einbahnstraßen darf man als RadlerIn auch in die entgegengesetzte Richtung fahren. Was München allerdings hat, was Hamburg nicht hat: die Tram. Vor der und ihren Schienen habe ich einen gehörigen Respekt und daher vermeide ich es, wenn es geht, in Straßen zu fahren, in denen auch die Tram fährt.

Noch mal zum Univiertel: Das ist in Hamburg ein einziger Schmerz im Arsch, jedenfalls per Rad. Die AutofahrerInnen haben eine schöne zwei- bis vierspurige Straße von der Grindelallee bis zum Dammtor, die RadlerInnen hingegen teilweise ein 80-Zentimer-Streifchen, auf dem auch gerne Autos parken und wo gerade jetzt eine lustige Baustelle alles noch enger macht. Teilweise ist dort auch ein richtig toller Radweg, schön breit, direkt an der Straße, wo einen alle sehen – und dann kommt von der Staatsbibliothek bis zum Dammtor ein Radweg, der für beide Richtungen gilt. Darüber musste ich sehr lachen, denn:

Geisterfahrer

Ich habe es in München zweimal gewagt, auf dem Radweg auf der falschen Straßenseite zu fahren (also entgegen der vorgesehenen Fahrtrichtung), weil’s eben kürzer war als bis zur nächsten Ampel zu fahren und dort zu wenden. Beide Male bin ich richtig schön angekackt worden und seitdem fahre ich brav nach Verkehrsregeln, weil ich sehr ungern angekackt werde.

In Hamburg interessieren irgendwelche Regeln keine Sau. Jeder fährt, wo gerade Platz ist, egal, ob auf dem Fußweg oder in der falschen Richtung. So lange nichts passiert, ist alles super, jedenfalls scheint das das ungeschriebene Gesetz in Hamburg zu sein. Ich als in München gedrillte Fahrerin werde dabei irre. Wie ich oben schon schrieb: Man muss zu allen üblichen Dingen, auf die man auf dem Rad achtet, auch auf Gegenverkehr achten. Und das leider nicht auf den anständigen Münchner Radwegen, sondern auf den fürchterlich schmalen Buckelpisten. Ich konnte mich anfangs nicht so recht entscheiden, ob ich das Konzept „Jeder fährt, wie er will“ besser finde als „Jeder fährt, wie er soll“, aber inzwischen bin ich gnadenlos bei „Fahrt gefälligst, wie’s in der StVO steht, ihr Nervensägen!“ Denn das ist deutlich entspannter. Und ja, ich fahre auch in Hamburg bis zur nächsten Ampel, um zu wenden. Mein kleines Stück Bayern im Norden. Was mich zum nächsten Punkt bringt:

Hügeligkeit

Man glaubt ja immer, der Norden sei so schön flach. Denkste, Puppe. Was mir im Bus oder zu Fuß nie so extrem aufgefallen ist: Hamburg ist eine einzige Hügellandschaft. Es geht wirklich ständig auf und ab. Nie so richtig hoch und richtig runter, aber in meinem Kopf denke ich dauernd: „Gnarg, Steigung, wiiiiiiii, ABWÄRTS!“ Wohingegen in München, wo man bei Föhn quasi mit der Hand die Alpen anfassen kann: alles platt. Ich kenne nur zwei Steigungen in München: Eine geht zum Grünwalder Stadion hoch, wo die Bayern-Amateure spielen, und sie ist OBERFIES, und die zweite ist am Rosenheimer Platz am Gasteig. Da darf ich in diesem Semester jeden Dienstag Morgen um 7.45 Uhr hoch, weil mein Italienischkurs an der VHS im Gasteig stattfindet. Aber so richtig schreckt mich das nicht, denn:

Fahrgefühl

In München rase ich nicht mit dem Rad – ich radele stattdessen entspannt in der Gegend rum. Vielleicht liegt es auch hier wieder an den Strecken, die ich fahre. Die Ludwigstraße zwischen Siegestor und Feldherrnhalle fahre ich extra langsam, weil ich so gerne die Gebäude angucke. Über den Odeonsplatz, an der Residenz vorbei zum Marienplatz muss ich langsam fahren, weil da Fußgängerzone ist – in der ich laut Schild im Schritttempo fahren darf, sonst würde ich das NIE TUN. Ist mir sehr recht, denn auch hier gucke ich gerne rum (die Drückebergergasse! die Oper! das Residenztheater! die Maximilianstraße! der Dallmayr! der Dom!). Erst ab Marienplatz nehme ich ein bisschen Fahrt auf, wenn ich in Richtung Sendlinger Tor fahre, vor allem, weil es da ausnahmsweise mal bergab geht („wiiiiiiii“).

Meine andere Lieblingsstrecke ist, wie schon erwähnt, über den Königsplatz und da fahre ich quasi in Zeitlupe, damit es möglichst lange dauert, über ihn rüberzukommen. Eine andere Strecke, die ich öfter fahre, ist an der Nymphenburger Straße lang – hier gibt es zwar weniger historische Ensembles zu gucken, aber der Weg ist angenehm, er führt unter Bäumen entlang und komischerweise habe ich es in München eh nie eilig, daher fahre ich auch hier eher gemächlich.

In Hamburg erwische ich mich hingegen dauernd dabei, schnell zu fahren. Das könnte auch an meinem Rad hier liegen, es ist leichter als mein Münchner Rad und ich fahre deutlich weiter vornübergebeugt. Der letzte Link ist nur so halbrichtig: Meins ist ein Damenrad, aber sonst sieht’s ungefähr so aus. Ja, ich fahre ein Aldi-Rad. Als ich mir überlegte, mal wieder Rad zu fahren, wusste ich nicht, ob das so mein Ding sein würde (little did I know), also wollte ich nicht ganz so viel Geld ausgeben. Wie sinnvoll das ist, vielleicht doch etwas mehr Geld auszugeben, merke ich an meinem Stevens-Rad: Es ist nicht viel leichter als das Aldi-Ding, aber meine Güte, fühlt es sich leichter an! Es ist deutlich leichtgängiger und gefühlt viel wendiger. Trotzdem werde ich die Räder vermutlich nicht tauschen, auch wenn ich inzwischen mehr Zeit in München verbringe als in Hamburg: In Hamburg mit seinen fiesen Wegen und dauerndem Auf und Ab brauche ich den kleinen Flitzer viel mehr als in München, wo ich ein behäbiges Schlachtross bewege. Passt schon.

Ich habe letzte Woche endlich mein Auto verkauft und natürlich lautstark auf Twitter bzw. Facebook rumgejammert, aber dann auch festgestellt: Ich habe seit 27 Jahren das erste Mal kein Auto mehr. Aber dafür zwei Fahrräder.

Frau @hammwanich hatte dazu einen schönen Kommentar: Vier Räder sind vier Räder. Stimmt.

Links vom 2. April 2014

Was machen die da?

Isa und Merlix haben ein wie ich finde wunderschönes Projekt aus der Taufe gehoben: Was machen die da? Auf der Website stellen sie Menschen und ihre Berufe, Tätigkeiten, Engagements vor und lassen sie einfach erzählen. Noch ist die Seite ein bisschen leer, aber wenn alle Storys so toll werden wie die von Michael Merkel, Kurator des Archäologischen Museums in Hamburg, wird das mein neues Lieblingsblog.

„Das sind die ersten 500 Münzen von knapp 10.000, die wir aus Wilhelmsburg haben, die wurden 1993 ausgegraben. Der Wert des Schatzes waren 618 Taler, was damals ungefähr der Wert einer Bauernkate war. Heute ist das mit einem Eigenheim im Speckgürtel von Hamburg vergleichbar.
Insgesamt sind es etwa 8000 Kleinmünzen, und dann sind ein paar relativ große dabei. Das ist spannend, weil die Münzen sehr abgegriffen sind und die Stückelung heterogen ist. Da fragt man sich natürlich, was war der Besitzer eigentlich für einer? Er wird kein reicher Bauer gewesen sein, dieser Fund ist eher ein großer Sparstrumpf. Was wir aktuell vermuten, ist – das ist natürlich nur eine Hypothese – dass es der Mühlenbesitzer war. Der Mühlenbesitzer hatte zu der Zeit immer auch Schankrecht; wenn er Gerste vermahlen hat, oder Weizen, dann hat er Bier daraus gebraut, und wenn man Bier macht, muss man auch Schankrecht haben, und das Bier lässt man sich dann eben in Kleingeld bezahlen. Eine andere Vermutung ist, dass es ein Milchaufkäufer war. Wilhelmsburg war zu der Zeit die Milchkammer von Hamburg.“

Mythos und Wahrheit

Andreas Wolf erzählt von seinem Großonkel Bruno, der im Ersten Weltkrieg als sehr junger Mann fiel.

„Wenige Jahre später sollte er fallen, am 4. November 1914 in der Flandern-Schlacht.

Meine Mutter, wann immer die Rede darauf kam, bediente sich immer der exakt gleichen Worte, wenn sie über diesen ihren Onkel sprach: „Das Notabitur in der Tasche und mit dem Deutschlandlied auf den Lippen“ sei er bei der ersten Feindberührung bei Langemarck sofort getötet worden. Ich habe das nie hinterfragt, habe mir das immer bildlich genau so vorgestellt, wie er da singt und die Abitururkunde ihm aus der Jackentasche ragt, bis er getroffen wird und tot hinfällt.“

‘Enough is enough’: the fight against everyday sexism

Laura Bates, Betreiberin des Multiuserblogs Everyday Sexism, schreibt, warum wir noch längst nicht da sind, wo wir sein sollten:

„The obsessive focus on girls’ looks is particularly poisonous. One girl noted her bemusement at having her legs commented on, aged just 10: “I’d never thought much about my legs before, they were just something I walked on.” As girls hit the age of 10 or 11, this obsession with their appearance takes a distinctly sexualised turn. Suddenly they are defined not only by their looks, but also, more specifically, by what boys and men think of them.

This often translates into a single, all-encompassing quest for thinness. A 2012 report from the All-Party Parliamentary Group (APPG) on Body Image revealed that girls as young as five are worrying about their size and looks, and that one in four seven-year-old girls has tried to lose weight. The Representation Project, a US-based campaign working to reveal gender inequality and shift public perceptions, has revealed that the number one “magic wish” for young girls aged 11 to 17 is to be thinner. It takes a while for that last figure to sink in. Just think of all the other things in the world that teenage girls could wish for.“

In Our Time

Ich bin überhaupt keine Podcast-Hörerin. Zum ewigen Zuhören bin ich zu hibbelig, ich lese lieber, was ich wissen will, da kann ich in meinem eigenen Tempo Informationen aufnehmen. Am Wochenende hatte ich aber einen Job zu erledigen, für den man nicht viele Hirnzellen braucht, und nachdem ich diverse Musicals komplett auf Spotify durchgehört hatte, konnte ich keine Musik mehr ertragen. Der schlaue Kerl empfahl mir daraufhin einen seiner liebsten Podcasts: In Our Time von der BBC. Das Archiv strotzt vor tollen Geschichten! Ich habe drei Sendungen weggehört: eine über kulturellen Imperialismus, eine über Cervantes und seinen Don Quijote und einen über den godfather of art history, Giorgio Vasari. Aber im Archiv lungert noch so viel mehr rum – alleine beim Unterpunkt Kultur kann ich mich schon nicht entscheiden, was ich zuerst hören will.

Paul-Gerhardt-Kirche

Und dann bin ich vor ein paar Tagen zufällig an einer Kirche vorbeigeradelt, die mir so gut gefallen hat, dass ich mal reingegangen bin: die Paul-Gerhardt-Kirche in Bahrenfeld, 1955/56 erbaut, wenn ich mir das richtig gemerkt habe.

Die Perspektive ist ein bisschen blöd, aber für alle anderen Ansichten konnte ich nicht weit genug zurückgehen. Der Turm ist durch einen schmalen Gebäudeteil mit dem Hauptgebäude verbunden, das deutlich länger ist als es hier aussieht. Es ist nicht rund, sondern länglich und endet lediglich in einer Rundung. Ich mochte die schmalen Doppelsäulen, die der Kirche quasi eine zweite Außenmauer verleihen, die aber durch ihre Luftigkeit das massive Gebäude leichter und zugänglicher erscheinen lässt.


Das Innere ließ mich an die Romanik denken, wo auch nur durch einen durchfensterten Obergaden Licht ins Innere einer Kirche fiel. Die Decke bildet keine richtige Kuppel, wölbt sich aber leicht nach oben, was, genau wie die Außensäulen, das Gebäude nicht ganz so erdrückend wirken lässt. Die Kanzel ist mit Messing verkleidet …


… das sich an der Emporenbrüstung wiederfindet. Auch die Lampen haben mir gut gefallen – und natürlich die Orgel. Orgeln gehen ja immer.

(Auf Instagram sind die Bilder etwas größer und besser zu erkennen.)

German Sales 1930–1945. Art Works, Art Markets, and Cultural Policy

Meine letzte Hausarbeit im Wintersemester 2013/14 war die aus dem Provenienzkurs in Kunstgeschichte. Ich erwähnte es im Blog bereits mehrfach: In der ersten Semesterwoche lag ich krank im Bett, weswegen ich in der zweiten Woche nur noch die Referatsthemen übernehmen konnte, die von der ersten Sitzung übriggeblieben waren. Das hat sich manchmal als Glückstreffer herausgestellt – hier war es mehr so mittel. Mein Thema war nämlich eine Datenbank, in der sich digitale Auktionskataloge aus den Jahren 1930 bis 1945 befinden. Darüber konnte ich zwar hübsch was erzählen und vor allem am Rechner zeigen, wie man die Datenbank benutzt und wie toll das ist, wenn man die daraus gewonnenen Daten mit anderen Datenbanken verknüpft, aber für eine Hausarbeit mit 15.000 Zeichen fand ich das Thema doch recht undankbar und spröde. Wenn ich schon zehn Seiten schreibe, will ich dabei auch was lernen. (Und Spaß haben.)

Also habe ich mich an weitere Referatsthemen erinnert: zum einen die Gesetzgebung, die spezielle für die jüdische Bevölkerung ersonnen wurde und zum anderen der Kunstmarkt im „Dritten Reich“. Über beide Themen kann man ganze Dissertationen schreiben; ich habe sie auf wenige Seiten runtergebrochen, um die Datenbank und ihre Bedeutung historisch einordnen zu können. Das scheint das gut geklappt zu haben: Ich habe eben die Note für die Hausarbeit in unserem fancy System entdeckt, in dem alle Noten rumstehen, und es ist eine schöne 1,3 geworden. Enjoy.

Bücher Januar–März 2014

Meine Leseliste nimmt erschreckend kurze Formen an – das sah vor meinem Studium ganz anders aus. Aber seitdem steckt mein Hirn eben eher in Fachbüchern, Aufsätzen und Texten, die uns die Dozierenden als zentimeterdicken Reader vorlegen. Ich lese das alles sehr gerne, aber darüber kommt die Nebenbeilektüre anscheinend völlig unter die Räder. Aber hey: Für vier Bücher hat’s gereicht. Okay, eigentlich drei, das Geschichtsbuch habe ich an einem Tag als Klausurvorbereitung gelesen, aber sonst ist die Liste echt zu lächerlich für meine Verhältnisse.

keun

Irmgard Keun – Gilgi – eine von uns

Warum ich das Buch lesen wollte, habe ich schon mal beschrieben, und was ich mir erhofft hatte, ist eingetreten: Ich habe einen sehr persönlichen Einblick in eine zu dem Zeitpunkt neue weibliche Art der Lebensführung bekommen. Das Buch verwendet recht oft Zitate oder Liedtexte, so wie das heutige Popliteratur auch macht und bei der ich mich beim Lesen immer frage, ob man das in 20 Jahren per Fußnote erklären muss. Ähnlich ist es bei Gilgi: Ich konnte die wenigsten Schlager zuordnen, aber als atmosphärischer Hintergrund haben sie sehr gut funktioniert, vor allem als Kontrast zur sehr preußischen Arbeitsdisziplin, die Gilgi an den Tag legt, bevor ihr die Liebe und der Traum von einem anderen Leben, das vielleicht eine andere Gilgi erfordert, dazwischenfunken.

weinfurter

Stefan Weinfurter – Das Reich im Mittelalter. Kleine deutsche Geschichte von 500 bis 1500

Streng genommen keine Vergnügungslektüre, wie ich oben erwähnte, aber das Buch lege ich euch trotzdem mal ans Herz. Wenn ihr einen schnellen Überblick über das Mittelalter haben wollt, wäre das ein Tipp. Liest sich sehr entspannt und unwissenschaftlich weg, bietet aber natürlich genug Wissenschaft, um es schön in einer Hausarbeit zitieren zu können. (Ja, ich achte inzwischen auf sowas.)

keyserling

Eduard von Keyserling – Bunte Herzen. Dumala. Fürstinnen.

Auf den Herrn von Keyserling bin ich lustigerweise in Kunstgeschichte gestoßen, als ich auf der Suche nach Raubkunst in den Regalen der kunsthistorischen Bibliothek ein Buch fand, das ihm gehört hatte. Daraufhin wollte ich dringend was von ihm lesen. Im obigen Band stehen drei Novellen, von denen ich erst zwei durchgelesen habe, aber ich bin mir sicher, die dritte ist genauso unaufgeregt, geradeaus und stimmungsvoll. Ein wunderschöner Stil, der gefühlt dafür sorgt, dass mein Blutdruck beim Lesen runtergeht und meine Mundwinkel sich zu einem Lächeln verziehen. Die alte Welt mit ihren alten Werten. Gut, dass ich nicht in ihr lebe, aber schön, dass ich über sie lesen darf.

spass

David Foster Wallace (Ulrich Blumenbach, Übers.) – Unendlicher Spaß

Das Beste zum Schluss. Über Unendlicher Spaß wurde, glaube ich, schon alles geschrieben – und das Tolle ist, ich hatte nichts davon gelesen, bevor ich das eBook öffnete. Deswegen hatte ich wirklich keine Ahnung, worum es in dem Brocken von Buch ging, und ich musste auch erstmal 600 Seiten lesen, bevor ich es herausfand. (Mein eBook hatte 1899 Seiten, davon waren 500 Seiten Fußnoten.) Aber selbst, als ich ahnte, was der rote Faden im Buch sein sollte, war der nicht mehr als dünner Zwirn, während sich um ihn herum ein riesiges Wollknäuel aus Personen, Orten, Zeiten und Geschichten wickelte. Das kann man total langweilig und zugequatscht finden (völlig okay) – oder sich darauf einlassen.

Ich habe es beim Lesen mit einem dieser reizvollen Filme verglichen, die einen die ersten 20 Minuten im Unklaren lassen, aber nach und nach ordnen sich die Einzelteile und zum Schluss erkennen wir ein riesiges Panorama, gehen glücklich aus dem Kino und diskutieren mit der Begleitung noch mal die einzelnen Stufen der Story durch. Das Buch ist im Prinzip genauso – aber weil es eben so dick ist, kommt der Moment der Erkenntnis erst nach einer längeren Zeitspanne. Aber spätestens dann möchte man ganz dringend mit jemandem reden. Ich habe das zwischendrin des Öfteren auf Twitter erledigt.

Das mag jetzt doof klingen, aber ich glaube, es hat mir geholfen, dass ich einen ähnlichen Brocken, nämlich die Recherche, schon hinter mir hatte. Ich kenne also das Gefühl, sich gerade mitten in einer Handlung zu befinden, von der man überhaupt nicht weiß, was sie da soll, die man aber trotzdem bockig weiterliest, denn irgendeinen Sinn muss sie ja haben, sonst hätten Proust oder Wallace sie nicht aufgeschrieben, so, bäh. Und ähnlich wie die Recherche entwickelt Spaß irgendwann einen unwiderstehlichen Sog. Ja, es macht Mühe, das Buch zu lesen, ja, manchmal habe ich mich ein winziges bisschen gelangweilt, wenn es um eine Person ging, die ich nicht so spannend fand, aber dafür haben mich andere Textstrecken wieder entschädigt. Das Buch strotzt nur so vor Figuren und Storys, und alle bringen sie weitere Figuren und Storys mit, und je mehr man sich auf sie einlässt, desto weniger kommt man von ihnen weg. Irgendwann haben sie dich halt – jedenfalls hatten sie mich – und dann liest man eben 1399 Seiten und 500 Fußnoten, die teilweise nur aus einem Wort bestehen und teilweise aus seitenlangen Nebensträngen, ohne deren Lektüre man den Hauptstrang nicht mehr kapiert. Oder etwas weniger.

Darüber kann man sicher auch streiten, ob es an dem Werk überhaupt was zu kapieren gibt oder ob es nur das ist, was es sagt: Kanada und die USA sind in einer nicht näher definierten Zukunft nicht mehr das, was sie heute sind; zwischen ihnen befindet sich die Große Konkavität (was das ist, muss man erst herausfinden), es gibt eine Terroristengruppe in Rollstühlen (warum das nur Männer sind und warum sie im Rollstuhl sitzen, kommt ungefähr 200 Seiten vor Schluss), es gibt eine Tennis-Akademie, eine Radiostation, eine Einrichtung für Drogenabhängige, es geht um einen verstorbenen Regisseur (wie er starb, erzählt eine 50 Seiten lange Fußnote), dessen drei Söhne Hauptfiguren im Buch sind, es gibt die Mutter, eine Radiomoderatorin, die gleichzeitig eine Geliebte ist, einen ehemals Drogenabhängigen, der nun als cleaner Betreuer arbeitet, und das sind nur einige der Charaktere, um die sich viele, viele, viele Geschichten ranken. Ich mochte die erwähnte, nicht näher definierte Zukunft, in der die Jahre keine Jahreszahlen mehr tragen, sondern von Firmen gesponsert werden, weswegen sie so schöne Namen tragen wie „Jahr der Inkontinenz-Unterwäsche“ oder „Jahr der Milchprodukte aus dem Herzen Amerikas“. Ich mochte die vielen kleinen Sprachstückchen, die wie ein Wort klingen, das ich kenne, in Wirklichkeit aber knapp daneben liegen. (In diesem Zusammenhang: Hut ab vor dem Übersetzer.) Und ich mochte das Gefühl, dass man sich nie sicher sein konnte, irgendwas kapiert zu haben, denn die nächste Figur und die nächste Story könnten das alles wieder kippen.

Zurück zum Anfang des letzten Absatzes: Man kann das Ding sicherlich als überbordende Zukunftsmusik lesen. Man kann aber auch nach Motiven gucken, nach Themen, die mitschwingen, und dann wird aus dem Schmöker plötzlich das Suchtmittel, um das es geht: Es wird selbst zum unendlichen Spaß. Es ist selbst sein roter Faden und alles, worum es geht.

Spaß ist nicht ganz so plüschig wie die Recherche. Proust deckt einen gefühlt mit 3.500 Seiten zu und gibt einem einen Gute-Nacht-Kuss, während Wallace einem eher zwei Kilo Literatur auf den Hinterkopf haut und einen dann im Rinnstein liegenlässt. Ich habe das Buch nicht ganz so verliebt zugeklappt wie die Recherche, aber das Gefühl dabei war das gleiche wie bei Proust: das Wissen darum, etwas ganz Besonderes gelesen zu haben.


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Couscous-Kichererbsen-Salat mit Ofentomaten

Eigentlich steht schon alles in der Überschrift. Kthxbai.

couscouskichererbse

Für recht hungrige zwei bis drei Personen. Ich hatte gestern für den Kerl und mich die Hälfte gemacht und wir waren beide danach so „Ist noch was da?“ Aber vielleicht sind wir auch nur sehr verfressen.

12 kleine Tomaten halbieren, auf ein Backblech legen, mit
Olivenöl beträufeln und mit
Meersalz und
Pfeffer würzen. Für ungefähr 20 Minuten in den auf 180° vorgeheizten Backofen schieben, bis die Tomaten weich sind.

Währenddessen
125 g Couscous mit
500 ml kochender Gemüsebrühe übergießen und für circa zehn Minuten ziehen lassen. Oder wie auch immer ihr euren Couscous zubereitet – ich glaube, auf jeder Packung steht was anderes. Ich mache den so wie beschrieben: übergießen – durchrühren – rumstehen lassen.

In einer Pfanne
Olivenöl erhitzen und bei milder Hitze darin
1 Zwiebel (ich mag Ringe) glasig dünsten.
400 g Kichererbsen (vulgo: eine kleine Dose), abgegossen und abgespült, dazugeben plus
2 EL gemahlenen Kreuzkümmel,
2 EL gemahlenen Koriander und
1 TL gemahlenen Ingwer. Alles für ein paar Minuten mitbraten.

In einer Schüssel den Couscous mit dem Pfanneninhalt vermischen,
frische Petersilie dazu, wer mag, noch
frischen Koriander (habe ich weggelassen) und alles mit Salz, Pfeffer und
dem Saft von 1/2 Zitrone würzen. Zum Schluss die Ofentomaten vorsichtig unterheben. Ich habe die Flüssigkeit vom Backblech auch in den Salat gekippt.

Und dann habe ich gefühlt 20 Fotos mit dem iPhone gemacht in meinem Lieblingsschüsselchen und mit einer hindrapierten Kichererbse und alles, aber ehrlich gesagt mochte ich den Schnappschuss in der weißen Plastikschüssel am liebsten, den ich für Instagram gemacht habe, und deswegen steht der da oben.

couscouskicher2

Wie auch immer: blitzschnelles Glücklichmachfutter. Wir haben den Salat warm gegessen (heißt er dann überhaupt noch Salat? Ist ein Salat immer kalt?), aber ich bin mir sicher, dass der ausgekühlt auch ein Supermitbringsel für die bald anstehende Grillsaison ist.