#12von12 im April

Alle anderen Mitspieler*innen gibt’s bei Caro.

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Mein Wecker sollte um 8 klingeln, ich war aber lange vorher wach. Bis kurz nach halb 7 las ich Twitter leer, dann döste ich anscheinend doch noch mal weg. Um halb 8 war ich wach.

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Auf meinem Frühstückstablett gibt es eine bahnbrechende Neuerung: Grapefruitsaft statt Multivitamin!

Als ich in Wien war, griff ich morgens im Hotel spontan nach der Karaffe mit dem Grapefruitsaft und ließ den O-Saft stehen, der sonst in Hotels mein Kaffeebegleiter ist. Überhaupt: Hotel-Angewohnheiten. Bei mir kriegt jedes Hotel Abzüge in der Sympathienote, wenn es kein geschnittenes Obst auf dem Frühstücksbuffet gibt. Ich esse in Hotels grundsätzlich Müsli zum Frühstück, und ich habe nie Lust, mit den stumpfen Buttermesserchen einen Apfel oder eine Banane zu zerteilen. Fruchtcocktail aus der Dose lasse ich knurrend geltend. Das Hotel in Wien hatte nicht nur geschnittenes Obst, sondern neben den Fruchtsaftkaraffen charmanterweise auch noch einen kleinen Sektkühler stehen, zu dem ich am letzten Tag gut gelaunt griff. Seit Wien gibt es bei mir zuhause auch Grapefruitsaft, weil ich den bitteren Kick als einen sehr angenehmen Reinkommer in den Tag empfunden habe. (Keinen Sekt allerdings.)

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Um 10 stand meine erste Übung in der Uni an: „Europäische Esskulturen nach dem Zweiten Weltkrieg.“ Weil ich um 14 Uhr die nächste Vorlesung hatte und damit zwei Stunden Zeit zwischen den Veranstaltungen, griff ich zum Radl, um zur Uni zu kommen, weil ich damit am schnellsten wieder zuhause bin.

Ich habe drei Jahre gequengelt, weil links neben meinem schönen Rad immer ein total verstaubtes Rad stand, das offensichtlich nie benutzt wurde, an dem ich gerne meine Klamotten eingesaut habe. Neuerdings steht das Rad mit dem Kindersitz neben mir, und jetzt quengele ich, weil ich über das Rad rübergreifen muss, um an meins zu kommen, um es dann mit der rechten Hand in den Gang zu ziehen, während ich mit der linken Hand versuche, den Lenker zwischen den beiden Rädern durchzubalancieren. Der Fahrradkeller ist meiner Meinung nach viel zu eng, aber ich bin froh, dass wir ihn überhaupt haben. Die Abstellmöglichkeiten sind blöderweise nach Wohnungseinheit vorgegeben, das heißt, ich kann mein Rad nicht irgendwo hinstellen, wo Platz ist, sondern habe einen festen Stellplatz. Was auch heißt, dass anscheinend jemand mit Kind dort eingezogen ist, wo bisher der Besitzer des Staubrades wohnte.

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Im Historicum mit Blick auf die Schellingstraße. Hinter meinem Rücken verläuft die Amalienstraße. Der Kurs ist leider etwas voll, wir sind fast 20, weswegen die Referatsthemen natürlich mal wieder nicht ausgereicht haben. Generell bin ich noch etwas skeptisch, weil mir die Themen sehr zusammengewürfelt aussehen, aber ich lasse mich mal überraschen. Worüber ich grinsen musste: Sieben Semester lang ist mir nirgends Bourdieu begegnet, jetzt in zwei Tagen gleich zweimal, vorgestern bei den Biografien (Habituskonzept), gestern beim Essen (Distinktionsbedürfnis). Wie zu erwarten war, wollte keiner den Bourdieu als Referatsthema haben, obwohl der gestrige Dozent zum Originaltext noch eine zweiten im Seminarplan verzeichnet hatte, der den Franzosen quasi in Simpeldeutsch übersetzt.

Ich hätte gerne zum Text „Der dicke Körper und sein Konsum im Visier von Wissenschaft und Politik in der DDR und der BRD“ von Ulrike Thoms (Comparativ 21 (2011), Heft 3, S. 97–113) referiert, aber das schnappte mir jemand weg. Überhaupt war die Referatvergabe gestern eher doof, da der Dozent einfach der Reihe herum fragte, was gewünscht war, weswegen wir armen Hascherls, die am weitesten von ihm wegsaßen, keine Chance mehr auf ein gutes Thema hatten. Normalerweise stellen Dozierende die Themenliste einmal vor, gehen dann vom ersten Referatstermin nach hinten durch und fragen bei jedem Termin, wer das Thema gerne hätte. Wenn sich dann mehrere melden, wird kurz ausdiskutiert, was meistens immer klappt; eine KuGi-Dozentin, deren Kurse immer voll sind, ist inzwischen zum Auslosen übergangen: „Sie denken sich jeder eine Zahl zwischen 1 und 10, ich denke mir eine, wer am nächsten an meiner ist, kriegt das Thema.“

Gestern war das, wie gesagt, leider nicht so, weswegen ich mich erstmal an das Thema ranhängen durfte, weil der Dozent meinte, das könnten wir splitten. Im Laufe der Übung meinte er, zur Architektur von Küchen könnte man auch mal was machen, woraufhin ich mich sofort meldete und, in höflicher Form, „HABEN!“ signalisierte. Der dicke Körper und die Küchenarchitektur sind jetzt in einer Sitzung, und wir sollen versuchen, das Thema Norm, Normsetzung und das Abweichen davon als Überthema zu nehmen. Zwei Buchtipps hatte der Dozent auch schon für mich: Cold War Kitchen und Versuch über den Normalismus: wie Normalität produziert wird, die ich gestern sofort bei der Stabi bestellte.

Die anderen Referatsthemen drehen sich um die Soziologie des Essens, Ernährungsgeschichte als psychosoziales Problem, ausländische Gastronomie in der Bundesrepublik, Fleisch- bzw. Gemüsekonsum, die Technik hinter der Essensherstellung, Kultivierung des Appetits (durch Frauen- oder Gourmetzeitschriften) und Essen im Film. Klingt für mich erstmal nach einer sehr bunten Mischung, ich bin gespannt, ob da ein roter Faden bleibt oder wir einfach lustige Referate zum Essen kriegen. Auch wegen dieser bunten Mischung fand ich es schön, das Thema Dicksein auf der Liste zu finden, weil es für mich bedeutet, dass wir über die schon angesprochene Norm nachdenken und, Achtung, doofes Wort, andere Körper betrachten, also die, die nicht einer Norm entsprechen. Gerade deshalb hätte ich gerne das Thema „Dicker Körper“ gehabt, um aus simplem Eigeninteresse dafür zu werben, dass alle Körper okay sind und die politische Idee, gewisse Körper ausradieren zu wollen, eine ganz widerliche ist. Aber dann wappne ich mich im Vorfeld für die Diskussion und gucke mal, wie tolerant mein Seminar so ist.

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Nach dem ganzen Reden übers Essen wollte ich Essen kaufen. Vor einigen Tagen wurde in meiner Instagram-Timeline schon angespargelt, und seitdem will ich das auch. Ich radelte zum Wochenmarkt in der Zieblandstraße und kaufte Spargel, Kräuter und Kartoffeln.

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Nach einer kurzen Pause zuhause fuhr ich wieder in die Uni, genauer gesagt, ins Hauptgebäude. Dort fand meine erste Vorlesung in Kunstgeschichte statt: „Skulptur im Land der Maler? Niederländische Bildhauerkunst im 15. bis 17. Jahrhundert.“ Die war leider sehr schwach besucht, und es gingen während des Vortrags noch einige Studierende. Ich muss zugeben, ich fand es auch recht anstrengend, der polnischstämmigen Dozentin mit ihrem deutlichen Akzent zuzuhören, aber was sie sagte, reichte dann locker, um mich bei der Stange zu halten. Ihr Vortrag ging von Willem van Haechts Die Kunstkammer des Cornelis van der Geest (1628) aus, in dem wir die gleichwertige Präsentation von Gemälden und Skulpturen sehen. Der Hauptteil des Raumen wird zwar von Bildwerken bestimmt, aber auf der linken Seite sehen wir zwei Männer, die eine kleine Skulptur genauer betrachten; an der rechten Wand stehen Nachbildungen der antiken Meisterwerke (unter anderem meinen Liebling aus den Vatikanischen Museen), auf dem Tisch im Vordergrund stehen und liegen mehrere Kleinplastiken sowie Reliefs, die gerne aus Alabaster oder Elfenbein gefertigt wurden – die Dozentin meinte, gerade Materialgeschichte wäre ihr Steckenpferd, darauf kämen wir noch zurück –, in der Zimmermitte hängt ein Kronleuchter (Kunsthandwerk) und im Hof ist ein Brunnen zu sehen (Bauskulptur). Anhand dieses Bildes und einer kleinen historischen Einführung in die Geschichte der Niederlande entwarf die Dozentin ihren Seminarplan, und das klang alles sehr spannend. Unter anderem wies sie auf ein stilgeschichtliches Klischee hin, von dem ich noch nie gehört hatte: Nach der Reformation trennte sich das Gebiet aus den heutigen Niederlanden, Flamen und dem heutigen Belgien in die nördlichen und die südlichen Niederlande; der Norden galt nun als das Land Rembrandts: calvinistisch und intellektuell, während der Süden das Land Rubens’ war: katholisch und emotional. Ist nachweislich Quatsch, habe ich mir jetzt aber natürlich gemerkt.

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Nach der Uni ging ich zu Fuß nach Hause. Neuerdings nervt mein linkes Knie ein wenig und ich weiß, ebenfalls seit Wien, dass ihm Bewegung gut tut. Radfahren leider nicht so sehr, weil es genau das Beugen ist, dass ihm weh tut. Rumlaufen ist hingegen super, ich bin völlig schmerzfrei und bleibe es danach auch. Bis ich eben wieder zwei Stunden in einem Hörsaal hocke und das Bein nicht ausstrecken kann. Dieses Phänomen hatte ich vor einigen Jahren schon mal im rechten Knie, das ging irgendwann wieder weg, weswegen ich das dieses Mal auch wieder aussitzen bzw. rauslaufen kann. Hoffe ich jedenfalls.

Auf dem Nachhauseweg ging ich zunächst die Schellingstraße entlang, wo zwischen Ludwig- und Türkenstraße diese kleine Tafel, neben einigen Bildtafeln, auf den Türkengraben hinweist. Den kannte ich auch schon aus einem kunsthistorischen Seminar, wo uns der Dozent erzählte, das Kanalsystem von Nymphenburg wäre auch eine schöne Masterarbeit. Habe ich im Hinterkopf.

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Eingekauft, unter anderem den Schinken für den geplanten Spargel. (Nein, nicht die Chips.)

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Die neue Folge Better Call Saul geguckt und entsetzt festgestellt, dass das schon die vorletzte dieser Staffel ist.

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Die ersten Texte fürs Biografie-Seminar gelesen. Die Zeit der Textmarker hat wieder begonnen, wo-hoo!

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There is no happiness like Spargel happiness.

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Real-Wolfsburg nebenbei laufen gelassen, während ich Hay Day und Candy Crush spielte. Danach mit Buch ins Bett. Guter Tag.

Was schön war, Samstag bis Montag, 9. bis 11. April 2016

Kochen.

Das fast letzte Eckchen Platz in meiner Küche wird seit Samstag von einem Waffeleisen in Beschlag genommen. So ein Ding wollte ich schon länger haben, aber nach der kräftezehrenden Umzugswoche fand ich, jetzt wäre genau der richtige Zeitpunkt, um es zu kaufen. Samstag testete ich dieses Rezept an und buk damit ganz hervorragende, grundsolide, außen knusprige und innen saftige Waffeln – wobei ich die Flüssigkeitsmenge verdoppelte, um einen fließenden Teig zu bekommen; vorher klebte da ein dicker Batzen an meinem Teigschaber, ich wollte aber eine Kelle Teig einfüllen und keinen Brocken. Das war eine sehr gute Idee.

Am Sonntag durfte F. dann mitfrühstücken bzw. mitmittagessen, als ich Schokowaffeln mit Himbeersahne buk, auch hier wieder mit mehr Flüssigkeit.

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Lesen, Serien gucken, in Ruhe auf dem Sofa sitzen.

Keiner wollte was von mir, ich musste keine Kiste packen, ich konnte einfach so rumsitzen und es mir gut gehen lassen. Das hat größtenteils geklappt, aber Abschiedstränen kamen immer wieder; als ich die Pastateller benutzte, als ich die zwei kleinen Schälchen abwusch, die ich auch in den Koffer quetschen konnte (dieses türkise hatte ich sehr vermisst), als ich endlich mein geliebtes Nudelholz in die Kiste im Regal packte und es passte, im Gegensatz zu dem blöden Nudelholz, das ich hier vor dreieinhalb Jahren gekauft hatte und das nicht passte, weswegen ich es unten im Erdgeschoss in unsere Hausflohmarktecke legte, wo alle Bewohner*innen Zeug ablegen, das sie nicht mehr brauchen, das aber zu gut zum Wegschmeißen ist. War auch kurze Zeit später weg.

Zuneigung gezeigt bekommen.

Als ich meinen Koffer am späten Freitagnachmittag in die Wohnung rollte, warteten auf meinem Küchentisch ein paar Kleinigkeiten von F. auf mich: eine Flasche Wein von meinem liebsten Neuseeländer Weingut, eine Packung Nougatpralinen (TEAM NOUGAT!), ein kleines Stofftier und eine Postkarte mit Münchner Motiven, auf der nur „Welcome home“ stand. Darüber musste ich zwar schon wieder heulen, aber ich habe mich gleichzeitig sehr gefreut. Sonntag abend brachte mir der Mann dann fast 400 Gramm Bärlauch aus dem Garten seiner Eltern mit, womit Montag die Pasten-, Pesto- und Butterproduktion anlaufen konnte, und zusätzlich noch ein paar Zweige Kirschblüten, die jetzt auf meinem Küchentisch stehen. (Und vor sich hinrieseln, aber das ist ausnahmsweise egal.)

Semesterbeginn.

Ich freute mich seit Wochen auf diesen Montag, weil dann endlich wieder Uni ist und ich keine Zeit mehr zum Rumheulen habe. Als der Tag dann endlich da war, war ich aber ziemlich matschig vom Wochenende, wo ich krampfhaft versucht hatte, gute Laune zu haben. Wenn ich nicht hätte aufstehen müssen, wäre ich den ganzen Tag unter der Bettdecke geblieben. So twitterte ich hilflos vor mich hin …

… und raffte mich ins Historicum auf, was sich – natürlich – lohnte.

Mein erster Kurs in diesem Semester ist in meinem Nebenfach, das ich ein Jahr lang des Öfteren vermisst habe: Geschichte. Wir erinnern uns: Im sechsten Semester schrieb ich meine Bachelorarbeit und machte sonst quasi nix, und im ersten MA-Semester, meinem siebten Semester insgesamt, war laut Prüfungsordnung noch kein Nebenfach vorgesehen. Die ist in diesem Fall nicht bindend, wann wir was innerhalb der vier Semester belegen, ist eigentlich egal, aber ich habe mich im BA immer brav an die Vorschläge gehalten und fand den Aufbau sehr sinnvoll, also mache ich einfach so weiter.

In München muss man zu den 90 Hauptfach-ECTS-Punkten noch 30 im Nebenfach erwerben, das aus dem gemeinsamen geistes- und sozialwissenschaftlichen Profilbereich gewählt werden kann. Thereotisch wild durcheinander, praktisch nicht so ganz: Ich kann jetzt nicht einfach 30 KuGi-Punkte im Nebenfach sammeln, sondern nur … weiß ich nicht, weniger halt, ich könnte beispielsweise Kurse aus drei Fächern belegen, hier einen in Philosophie, da einen in den Gender Studies und dazu einen Hauch Kunstgeschichte. Darüber hatte ich kurz nachgedacht, denn künstlerischen Werken kann man sich auf verschiedene Art nähern, also ist es eigentlich ganz nett von der Uni, dass sie mir die Möglichkeit dazu gibt.

Ich habe aber im BA gemerkt, wie sehr ich in Geschichte von Kunstgeschichte und umgekehrt profitiert habe. Bei meiner kunsthistorischen Arbeit über Frauenchiemsee war es praktisch, ein Semester vorher in Geschichte einen Kurs belegt zu haben, in dem ich über die Funktionsweise von Klöstern im Mittelalter viel erfahren habe, unter anderem, aus welchen Gebäuden eine derartige Anlage überhaupt bestehen kann (Stichwort St. Galler Klosterplan). Deswegen wusste ich, wie besonders die Torhalle auf Frauenchiemsee ist, sowohl von ihrer Lage als auch ihrer Funktion, die wir bis heute nicht genau benennen können. Beim Geschichtskurs über die Stadt im Mittelalter erinnerte ich mich an eine Vorlesung über bürgerliche Bauten in mittelalterlichen Städten und wusste so, dass es damals bereits Kaufhäuser gab, nach denen der Dozent fragte. Und generell ist es nie verkehrt, halbwegs zu wissen, in welchen politischen und kulturellen Umständen Kunstwerke entstanden sind, um sie einzuordnen.

Zurück zum Wildwählen: Falls ich ein Seminar in Amerikanistik, eins in Kulturgeschichte, eins in Archäologie und eins in Vergleichender Literaturwissenschaft belegen würde, wäre das zwar bestimmt spannend, ich wäre aber viermal ein blödes Erstsemester. Ich habe von diesen Fächern überhaupt keine Ahnung, kenne die einschlägigen Bibliothekskataloge nicht, die Größen des Fachs, die Standardwerke, die Basics, die man so drauf haben sollte, um eine halbwegs anständige Hausarbeit abzugeben. Ich bin nicht mehr im BA, wo ich mir lustig Grundlagen schuf, sondern ich bin im MA und will dazu auch noch eine sehr gute Abschlussnote. Die hilft mir zwar, wie ich allmählich weiß, einen Dreck bei der Jobsuche, aber mein ganz persönlicher Ehrgeiz ist es, wieder zu den besten zehn Prozent zu gehören wie im BA.

Aus diesen beiden Gründen fiel die Wahl auf das Nebenfach Geschichte sehr leicht. Die Historiker*innen sind dazu auch noch etwas speziell: Wenn man ein Seminar bei ihnen belegt, muss man alle bei ihnen machen, da geht also nix mit wild Rumwählen. Ist mir recht.

Gestern saß ich in einer der zwei Übungen, die in diesem Semester anstehen plus ein Hauptseminar: Biografieforschung. Da ich erstens gerne Biografien lese und zweitens immer noch die Biografie eines NS-Künstlers (die Damen sind schon ganz gut von der Genderforschung abgegrast worden) im Hinterkopf habe für eine eventuelle Masterarbeit, fiel die Wahl nicht schwer. Scheint eine gute Wahl gewesen zu sein: Die Dozentin hat mir gefallen, der Kurs besteht aus entspannten zwölf Menschlein, und mein Referat wird sich mit Rebekka HabermasFrauen und Männer des Bürgertums. Eine Familiengeschichte (1750–1850) befassen.

Wir referieren alle über eine Biografie, die ein bestimmtes methodisches Vorgehen oder eine thematische Einordnung beim Biografieschreiben verdeutlicht; mein Referat gehört zum Themenkomplex „Mentalität und Erfahrung“. Ich kann mir unter den vielen Methoden und Ansätzen auf dem Seminarplan noch nicht viel vorstellen und bin daher entsprechend gespannt. Das Thema gefiel mir auch deshalb, weil mein Hauptseminar in Geschichte sich mit Kindheit und Jugend im 19. Jahrhundert befasst, wo sicher auch das Bürgertum eine Rolle spielen wird. Und schließlich muss ich zugeben, dass ich die bürgerliche Kunst des 19. Jahrhunderts mag – ja, auch das Biedermeier; hier eins meiner liebsten Porträts, es hat schon seinen Grund, warum ausgerechnet ein Bild wie Luise an meiner Wand hängt und mein Lieblingsbild in der Hamburger Kunsthalle von 1881 ist, von dem ich mich leider nicht verabschieden konnte, weil die Kunsthalle so gerade noch geschlossen ist. Und nicht zuletzt bediente sich die Kunst der NS-Zeit stilistisch unter anderem gerne in dieser Epoche.

Nach dem Kurs ging ich zu Fuß nach Hause, genoss die Sonne und freute mich, dass das Semester wieder losgegangen war. Trotzdem liegt über allem derzeit eine gewisse Grundtraurigkeit, aber ich weiß ja, warum sie da ist und sie darf auch da sein. Wenn sie vorbeischaut, achte ich auf sie, gebe ihr wahlweise Schokolade, Schnaps, Bibliotheksaufenthalte oder Bärlauchbutter und versuche, sie und mich ernstzunehmen.

Tagebuch, Donnerstag/Freitag, 7./8. April 2016

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März 2015, wenige Tage vor unserer Trennung. Ich habe das Bild auf Instagram mit der Unterschrift „Home“ veröffentlicht, vielleicht um mir selbst zu suggerieren, dass wir das noch hinkriegen.

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Haben wir nicht.

Seit September 2015 steht München als Wohnort in meinem Personalausweis, aber ich hatte immer noch die Schlüssel zur Hamburger Wohnung, denn beim Umzug ist nicht all mein Zeug mitgekommen; sich von 120 auf 44 Quadratmeter zu verkleinern, bedeutet auch, Dinge zurückzulassen.

Am Mittwoch packte ich die letzten 20 Kisten und stellte mein Akkordeon, mein Golfbag, die Boxen meiner Stereoanlage, die ich zur Konfirmation bekommen hatte, und eine Stehlampe daneben. Freitag morgen holten die Umzugsjungs alles ab, bauten den Schrank auseinander und trugen seine Einzelteile, genau wie Tisch und Stühle, in den LKW. Das steht jetzt schon alles bei meinen Eltern in der Nähe von Hannover, und ich bin auch schon wieder in München.

Donnerstag habe ich mich tränenreich und offiziell vom Kerl verabschiedet, mich abends heulend mit den besten Freundinnen in der Lieblingsweinbar betrunken und Freitag morgen, nachdem die Jungs da waren, weinend die Schlüssel in die Briefkasten geworfen. Die letzten Tränen kamen im Flugzeug nach dem Start, als das blöde Hamburger Wetter mir einen letzten Blick auf den Hafen verwehrte.

Der lange Abschied ist durch.

Mach’s gut, Hamburg. Mach’s gut, Kai. Ich habe euch im Herzen.

Tagebuch, Mittwoch, 6. April 2016

Die letzte Kiste, die ich in Hamburg eingepackt habe. Ich bin traurig.

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Tagebuch, Montag/Dienstag 4./5. April

Montag war Warteschleife. Die ganze Wohnung geputzt, um mich noch mehr auf sie zu freuen, wenn ich Freitag wiederkomme und dann endgültig nur noch in München wohne. Umsatzsteuervoranmeldung gemacht, was okay war, weil ich so schöne Belege hatte. Abends großartigen geräucherten Lachs in Senfkruste genossen, den F. mitbrachte und zu dem ich nur noch einen Salat machen musste, schon war das Abendessen perfekt. Dazu einen Rosé, ich bin gerade auf dem Rosé-Trip.

Dienstag um kurz vor sechs wach geworden, einen Alptraum abschüttelnd, der mit dem Kerl zu tun hatte. Manchmal ist mein Unterbewusstsein erschreckend einfallslos.

Ereignisloser Flug bis auf das kotzende Kind vor mir (armes Hascherl), im Flugzeug schon das ÖPNV-Ticket gebucht (hat sich doch gelohnt, die HVV-App noch nicht gelöscht zu haben), den Koffer in die S- und U-Bahn gewuchtet und die ganze Zeit gedacht, anywhere but here. Das ist nicht mehr Zuhause, was eigentlich okay ist, weil ich mich dann nicht noch mal trennen muss, aber es hat mich doch sehr traurig gemacht.

Eine letzte Wohnungsbegehung mit dem Kerl, ein betrübtes Gespräch von beiden Seiten. Abends charmante Hilfe beim Lampenabschrauben gehabt.

Heute packe ich 20 Kisten und dann müsste ich durch sein.

Hurra.

*wimmer*

Was schön war, Samstag/Sonntag, 2./3. April 2016

Samstag traf ich mich morgens mit der charmanten Frau Nessy im Café Puck. Wir sprachen über Body Acceptance, Bücherschreiben und Blogzeug, und ich ging mit drei geschenkten Büchern nach Hause. Habe immer noch ein schlechtes Gewissen, weil ich bräsigerweise nicht die ganze Frühstücksrechnung bezahlt habe, was irgendwie ein netter Gegenzug gewesen wäre, ich Soziodeppin. Hiermit spreche ich eine Einladung fürs nächste Treffen aus.

Ansonsten: Fußball geguckt, weiter Franzen gelesen, ein bisschen rumgekocht. Neues Dressing für den Karottensalat ausprobiert, den ich sonst immer mit Zitrone und Zucker anmache; dieses Mal mit Honig, Essig und Öl. Sehr gut.

Am Sonntag war das Wetter so schön, dass ich mich aufs Rad setzte und in den Englischen Garten fuhr. Das hatte ich das letzte Mal mit dem alten, schweren Fahrrad gemacht, weswegen ich an der Nordecke beim Aumeister schon ein wenig aus der Puste war. Dieses Mal radelte ich vergnügt vor mich hin und dachte irgendwann, huch, hier ist schon der Aumeister? Ich schwitze ja noch nicht mal richtig. Gutes Fahrrad. (Schaltung zickt immer noch. Keine Ahnung.)

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Auf dem Rückweg setzte ich mich ein bisschen auf eine Bank am Kleinhesseloher See und zog mein Buch aus dem Rucksack, aber es war zu voll und damit zu unruhig, um zu lesen. Also radelte ich nach einer kleinen Pause gut gelaunt nach Hause.

Tagebuch, Freitag, 1. April 2016 – Die Böhmermann-Edition

Ich habe gestern sehr lange über Böhmermanns Be Deutsch nachgedacht.

Der Clip landete vorgestern in meiner Twitter-Timeline, ich fand ihn spontan gut und verlinkte ihn. Im Laufe des Tages hatte ich ihn noch dutzende Male in meiner Timeline, aber auch die ersten kritischen Stimmen (beides Twitter*innen, auf die ich sehr gerne höre, weil sie noch Metaebenen aufbohren, wenn ich es mir schon längst auf der obersten Ebene bequem gemacht habe). Gestern las ich dann, was zum Beispiel die Vice (ja, schon gut) oder Sascha Lobo zu sagen hatten. Ich versuche mal zusammenzufassen:

– Das Video ist scheiße, weil es den Nazi-Nationalstolz durch einen „Wir sind jetzt nicht mehr stolz und darauf stolz“-Nationalstolz ersetzt.
– Das Video ist scheiße, weil es den Holocaust als Sprungbrett für den guten Deutschen (TM) nutzt à la „Wir haben gelernt“ – und damit nicht genug: Weil wir gelernt haben, können wir dem Rest der Welt jetzt helfen, genauso zu lernen bzw. die Fehler der Deutschen gar nicht erst zu machen.
– Das Video ist scheiße, weil es gar keine Satire ist, sondern Böhmermann das ernst meint mit dem „Wir sind jetzt gute Deutsche, habt uns lieb“.
– Das Video ist scheiße, weil wir Deutschen nach Auschwitz überhaupt kein Recht mehr haben, in irgendeiner Weise auf dieses Land stolz zu sein.

Was das Video bei mir ausgelöst hat, war zunächst Belustigung, weil ich beim ersten Sehen hauptsächlich auf die ganzen Witze geachtet habe: dass wir komische Hütchen oder Fahrradhelme tragen und die Liegestühle mit Handtüchern sichern, dass wir Jack Wolfskin, Birkenstocks, Fanta und Scooter mögen und selbst als Veganer*in noch Wurst essen. Alles verpackt in den Sound der deutschesten aller Bands, Rammstein. Das Englisch fand ich albern, tat mir aber nicht weh. Was mir weh tat, war der blöde Kant/Cunt-Witz, den ich nicht witzig fand, weil ich cunt als Schimpfwort scheiße finde. Meine cunt ist großartig, sie ist alles andere als eine Beleidigung. (TMI.)

Beim zweiten Sehen fand ich es immer noch unterhaltsam, aber es mischte sich ein leichtes Unbehagen in den Sehgenuss, weil die erste Metaebene – wir sind jetzt darauf stolz, auf nichts mehr stolz zu sein – zwar klar intendiert war, aber nicht so recht funktionierte. Alleine die Nennung „Weltmeister“ ließ mich an die schwarzrotgoldene Fanmeile am Brandenburger Tor denken, wo der ach so lustige „So geh’n die Gauchos“-Song vor zwei Jahren ein Aufreger war. Gerade beim Fußball, bei Olympischen Spielen oder anderen Wettbewerben, bei denen eine Gruppe als Vertreterin ihrer Nation auftritt, kippt der launige Party-Patriotismus (was auch immer das sein mag) in echten Patriotismus um. Dann ist Twitter wieder voll von Klischeeschimpfwörtern über andere Nationen, wenn Italien, Spanien oder die Niederlande es wagen, der Mannschaft ein Tor einzuschenken oder gar zu gewinnen.

Beim weiteren Sehen kam noch ein anderes unbehagliches Gefühl dazu: das Gefühl, dem Video gnadenlos auf den Leim gegangen zu sein. Be Deutsch bejubelt die guten Deutschen (TM), die verständnisvoll, tolerant und aufgeschlossen sind und sich dem blöden Faschomob entgegenstellen. Das fühlt sich natürlich toll an, wenn man sich selbst als gute Deutsche sieht und jetzt mal auf die Schulter geklopft bekommt. Ich musste mir eingestehen, dass das genau meine Sichtweise auf mich und auch auf große Teile unseres Landes ist: Wir haben gelernt, wir sind jetzt okay, wir machen sogar Witze über uns. Und ich frage mich, ob das nicht eine genauso gefährliche Ecke ist wie die derjenigen, die sagen, wir sind auf Deutschland stolz, weil wir alles Nicht-Deutsche draußen halten wollen (auch hier: was auch immer das ist).

Im Video wird textlich der 9. November erwähnt, unter anderem der Tag des Hitlerputsches 1923 und der Reichspogromnacht 1938 (deren Datum bewusst gewählt wurde). Es ist aber auch der Tag des Mauerfalls 1989, und wenn man fies ist, kann man Böhmermann vorwerfen, nicht ganz eindeutig zu argumentieren. „Broken glass, fire, and plot“ sowie „our own treason“ weisen intuitiv auf die Pogrome hin, könnten aber auch auf 1989 bezogen werden; auch dort gingen Scheiben zu Bruch, und die ostdeutsche Bevölkerung beging durch ihren Aufstand im großen Stil Landesverrat. Das mag spitzfindig sein, aber wenn man sich den restlichen Kontext des Videos anschaut, der auf Clausnitz und die AfD-Wahlergebnisse in Ostdeutschland anspielt, könnte man Böhmermann unterstellen, dass er genau diesen Bevölkerungsteilen sagen möchte: Wir haben nicht vergessen, warum ihr zum jetzigen bundesdeutschen Gebiet gehört („Remember, remember“), reißt euch mal zusammen, um auch so gute Deutsche (TM) wie wir zu werden. Was sehr ironisch ist, denn die Bundesrepublik hat sich in ihrer Gründungszeit durch eine sehr lässige Auseinandersetzung mit der Vergangenheit hervorgetan, während in der DDR weitaus radikaler entnazifiziert wurde. Ich zitiere als Beispiel die FAZ vom November 2015:

„Nach den Untersuchungen des Instituts für Zeitgeschichte [...] waren 54 Prozent aller Mitarbeiter ab Referatsleiterebene [im bundesdeutschen Innenministerium] zwischen 1949 und 1970 früher Mitglieder der NSDAP gewesen; im Juli 1961 waren es sogar 66 Prozent. Im Innenministerium der DDR waren es 14 Prozent, ein vergleichsweise geringer Wert, der aber höher als bislang vermutet ist.“

In diesem Zusammenhang finde ich es sehr gewagt, ausgerechnet „Wake up, Deutschland“ – also „Deutschland, erwache“ – als Textzeile zu nutzen und davon zu sprechen, aus Pflichtgefühl wiederzukommen; im Bild erheben sich dazu Menschen aus der Erde. Nazi-Zombies, diesmal in Gut? Auch weitere Textstücke wie „maniacs with wicked hair“ oder „assholery“, die beide auf Hitler anspielen, werden mir zu lässig genutzt. Hitler als ein Arschloch mit komischer Frisur zu beschreiben und ihn bildlich fragmentiert und mit Neonblitzern versetzt zu zeigen, verharmlost ihn zu sehr.

Außer dem aufblitzenden Hitler sehen wir kein einziges Bild, das genau sagt, dass Böhmermann sich hier auf die NS-Zeit bezieht. Und das ist meiner Meinung nach (die volle zwei Tage für ihre Bildung gebraucht hat) das größte Versäumnis des Videos, aber auch der einzige Grund, warum es funktioniert und ich es beim ersten Ansehen als lustig empfunden habe. Jede Erinnerung an die NS-Verbrechen wie den Holocaust hätten das Video zu sehr geerdet und seine bräsige Geschmacklosigkeit sehr deutlich werden lassen. Das Bild Hitlers haben wir zu oft parodiert, als dass man es alleinstehend noch als bedrohlich oder als Mahnung wahrnehmen kann. Trotzdem ist es interessant, dass die Macher*innen Hitler nicht einfach so zeigen, sondern verfremden und zerschnipseln, so als ob sie wüssten, dass es eben dem ganzen lustigen Treiben einen argen Dämpfer verpassen würde, wenn man ihn, wenn auch nur für wenige Sekunden, ohne bildliche Verfremdung sehen könnte.

Stellt man sich nun vor, im Video wären Bilder von zum Beispiel Anne Frank oder dem Jungen aus dem Warschauer Ghetto mit den erhobenen Händen zu sehen gewesen, wäre genau das passiert, was ich eben andeutete: Die ganzen Witze mit Scooter und den Fahrradhelmen ziehen nicht mehr. Kein Bild dieser Welt kann die erstgenannten weniger schmerzhaft machen. Und kein gutes Deutschsein (TM) kann dieses Land von seiner Vergangenheit befreien oder sie gar entschuldigen.

Im Prinzip macht Böhmermann mit diesem Video genau das, was auch die AfD mit ihrem Parteiprogramm will: Wir sollten aufhören, die deutsche Geschichte auf die Zeit zwischen 1933 und 1945 zu beschränken und auch mal wieder das Gute sehen, was wir so geschafft haben. Die AfD meint damit die sprichwörtlichen Dichter und Denker, die sie gerne wieder mehr auf deutschen Bühnen sehen möchte; Böhmermann meint damit uns (ja, mich) aufgeklärte Deutsche, die aus der Geschichte gelernt haben und nun wieder selbstbewusst (aber bloß nicht stolz) deutsch sein können.

Ich muss gestehen, dass ich immer noch nicht weiß, was genau Böhmermann mit dem Video wollte – für wen soll es sein und was will es mir sagen? Vielleicht wollte es nur genau diese Unbehaglichkeit rauskitzeln, die ich eben lange beschrieb; dann hätte es wunderbar funktioniert und mir als nach Selbsteinschätzung guter Staatsbürgerin und Verfassungspatriotin einen schönen Spiegel vorgehalten.

Blöderweise glaube ich nicht, dass das die Intention war. Durch den englischen Text und dem Rumreiten auf typisch teutonischen Klischees ist dieses Video auch außerhalb des deutschen Sprachraums verständlich, und deshalb kommt es mir inzwischen wie eine Werbung fürs gute Deutschland (TM) vor und keine ironische Brechnung eben dessen. Und dann frage ich mich wieder: Warum das ganze? Für wen? Vielleicht doch genau für die Menschen, die AfD gewählt haben, um ihnen zu sagen, hey, du kannst ruhig auf Deutschland stolz sein, aber dann doch bitte auf andere Dinge. Dann kannst du dich entspannt als gute*n Deutsche*n (TM) sehen und wir müssen keine Videos mehr machen.

Tagebuch, Donnerstag, 31. März

Morgens gedankenverloren das Radio angemacht, als ich meine Schlafklamotten auszog, um zu duschen. Zwei Arschlochmoderator*innen nutzten das gestrige warme Wetter, um sich über angeblich unattraktive Frauen in Leggings und Ballerinas aufzuregen, um dann hinterherzuschieben, dass man’s aber trotzdem ruhig anziehen soll, man sehe sich ja selber nicht – „nur der Rest der Welt muss das ertragen.“ Extremst angepisst den Sender gewechselt und wütend geduscht.

Den Vormittag verbrachte ich mit Zeug: Zunächst Bücher in der Unibibliothek abgegeben und zwei neue mitgenommen, ein Buch in der Stabi abgegeben und leider kein neues mitgenommen, auch wenn es online schon als „abholbar“ vermerkt war.

Danach zum Suckfüll geradelt, bei dem ich noch nie eingekauft habe, weil ich immer so über den Namen lachen muss. Der hat aber so ziemlich alles, was ein Baumarkt auch hat, nur um die Ecke und nicht am Ende der Welt.

Ich brauchte vier neue Rollen für meinen Ikea-Couchtisch. Der steht seit 20 Jahren bei mir rum, zunächst in Hannover, dann in drei Wohnungen in Hamburg, aber der Umzug nach Bayern war anscheinend zu viel für ihn. Das Plastik an den Rollen zerbröselte, sobald er hier stand, man konnte ihn kaum bis gar nicht mehr bewegen (was leider nötig ist, wenn man das Schlafsofa ausklappen will), und so musste ich neue Rädchen für ihn kaufen. Der Weg bis zu Ikea ist ohne Auto recht lang, und deswegen radelte ich zum Laden mit dem irrwitzigen Namen, wo ich natürlich genau die richtigen Rollen fand plus Kabelbinder, um meinen wackeligen Fahrradkorb zu fixieren.

Apropos Fahrrad: Die Schaltung ist immer noch doof zu mir, aber nicht mehr ganz so doof. Vielleicht bin ich wirklich zu grobmotorisch, um dieses nervöse Fahrrad zu bedienen, während das gutmütige Aldi-Rad alles verziehen hat.

Beim urlaubenden F. den Briefkasten geleert, nebenan im Drogeriemarkt Sonnenmilch gekauft und abschließend in der U-Bahn-Stadion Josephsplatz das neue Semesterticket. Ich hatte überlegt, ob ich das wirklich noch brauche, schließlich fallen die regelmäßigen Fahrten zum Flughafen, für die alleine es sich lohnte, ja jetzt weg, aber mir wurde von mehreren Menschen, die die teuren ÖPNV-Tickets löhnen müssen, dringend nahegelegt, das Ding trotzdem zu kaufen, wenn ich schon darf. Mir wurden Streckenpreise vorgerechnet, man lockte mich mit der quasi kostenlosen S-Bahn-Fahrt bis an bayerische Seen, erinnerte mich an meine bisher ergebnislosen Versuche, das Münchner Öffisystem mit seinen Ringen, Zonen und Streifenkarten zu verstehen uswusf. Schon gut. Gekauft.

Nachmittags trauerte ich um einen Menschen, den ich gar nicht kannte, was für mich selbst etwas überraschend kam. Zaha Hadid verstarb gestern, und aus der Fülle der Nachrufe verlinke ich mal die NZZ und die NY Times:

„She was not just a rock star and a designer of spectacles. She also liberated architectural geometry, giving it a whole new expressive identity. Geometry became, in her hands, a vehicle for unprecedented and eye-popping new spaces but also for emotional ambiguity. Her buildings elevated uncertainty to an art, conveyed in the odd ways one entered and moved through those buildings and in the questions her structures raised about how they were supported.“

Das MoMA instagrammte einen meiner liebsten Entwürfe aus dieser Ausstellung:

We remember architect #ZahaHadid with her visionary design for The Peak Project from our collection. Hadid proposed a transformation of the site itself by excavating the hills of Kowloon and using the rock to build artificial cliffs. Into this new topography, she interjected cantilevered beams, shardlike fragments, and other elements that seemed to splinter the structure into its myriad constituent parts, as if it had been subjected to some powerful de–stabilizing force. Hadid's work was exhibited in MoMA's 1988 show “Deconstructivist Architecture.” [Zaha Hadid. The Peak Project, Kowloon, Hong Kong, China (Exterior perspective). 1991. The Museum of Modern Art, New York. © 2016 Zaha Hadid]

Ein von MoMA The Museum of Modern Art (@themuseumofmodernart) gepostetes Foto am

In diesem Zusammenhang: der Wikipedia-Artikel über Women in Architecture (den es nicht in der deutschen Wikipedia gibt). Und die Anfänge der Nachrufe in der Berliner Zeitung sowie in der Zeit, die mit Hadids Kleidungsstil und ihrer Schuhsammlung beginnen. (Lasst die Scheiße endlich.)

Wo wir gerade bei Nachrufen sind: Der Economist as only the Economist can über Johan Cruyff.

„The true beauty of the world’s most beautiful game, according to Johan Cruyff, who knew, didn’t lie in tricksy technique. If a man could juggle a ball a thousand times, it proved only that he ought to join the circus. Of course, it was great when Rudolf Nureyev said he should have been a dancer. But he was not just using his long, lean body when he played football. He was mostly using his brain. That brain, as well as his famously agile feet, made him a local hero in Holland and Spain and, by extension, all over football-mad Europe.

His rules of the game were simple. (Geometrical, some said, even mystical.) If he had the ball, the space on the pitch had to be made as large as possible. If he didn’t have it, the space had to become threatening and small. He adjusted his perspective continually with the movement of the ball. At one given moment—neither too early nor too late, en un momento dado, his catchphrase when he shaped Barcelona into the world’s top team—the ball and he would meet. And from this, as often as not, came glory. [...]

His most lasting triumph, though, was the coaching of Barcelona. El Flaco, as they called him, “Skinny”, took the team to the top of La Liga and then, in 1992, to victory in the European Cup. Even more than at Ajax, Barça absorbed his edicts, setting up at his instigation a junior academy, La Masia, like the one he had gone to at Ajax. There a new generation of players—Messi, Iniesta, Xavi and the rest—learned to play in the swift, precise and total Cruyff style. Though he was no more gregarious, and as anti-majoritarian as ever, his separatist head warmed to the Catalans, and they to him. With him they felt they couldn’t lose, and in his eight years at the Camp Nou they rarely did.

His most acclaimed successor as coach, Pep Guardiola, talked of him as the architect of a cathedral he could only reverently restore. Others compared his strategic nous to the paintings of Vermeer. It was all a bit highfalutin. But when he was on the ball, in that sweet moment when he was not too early and not too late, when opponents tumbled in astonishment and space sprang open where none had been before, then, yes, he was quite a lot like God.“

Tagebuch, Mittwoch, 30. März

Wenn alle Hausarbeiten abgegeben sind und ich in keine Bibliothek mehr muss, schalte ich den iPhone-Wecker aus und schlafe aus. Ich wache zwar trotzdem immer zwischen 7 und 8 Uhr auf, aber es ist schön, abends mit dem Gefühl ins Bett zu gehen, dass mich morgens niemand elektronisch aufweckt.

In anderthalb Wochen geht das neue Semester los, und deswegen groove ich mich langsam wieder ans Weckerklingeln ran. Gestern stellte ich ihn auf 8 und war natürlich vorher wach.

Morgens mein Hamburgfahrrad in meine Leib- und Magenwerkstatt gebracht: Bitte einmal durchchecken, nachdem ich im Winter nicht so oft gefahren bin und zusätzlich die Gangschaltung einstellen. Von Anfang an hatte die ein bisschen vor sich hingeknarzt und ich hatte sehr oft das Gefühl, dass die Gänge nicht sofort anliegen, wenn ich sie schalte. Manchmal trat ich in ein Luftloch, die Schaltung machte ein fieses Geräusch und ich gab einen Schreckenslaut von mir, was für Nebenherradelnde vermutlich sehr unterhaltsam ist, wenn da neben ihnen jemand alle fünf Minuten „Ups!“, „Huch!“ oder „Woah!“ piepst, für mich aber eher nervig.

Abends holte ich das Rad wieder ab und ließ mir sagen, dass die Schaltung völlig in Ordnung wäre, super eingestellt und alles. Vielleicht schalte ich falsch? Ich fragte lieber noch mal nach: Man schaltet im Leerlauf und nicht beim Treten, oder? Ja, genau. Hatte ich von Anfang an so gemacht, hatte es irgendwann probehalber geändert, um die Luftlöcher zu vermeiden, allerdings (logischerweise) keinen Unterschied gemerkt. Ein Schrauber meinte, er wäre ne große Runde gefahren und es sei alles in Ordnung, ich fuhr selber auch nochmal ne Runde und hatte einmal den beschriebenen Effekt, kam wieder, ein weiterer Schrauber fuhr und meinte auch, das wäre alles top. Ich solle mal versuchen, wirlich jede Last rauszunehmen, bevor ich schalte, die Schaltung wäre in Ordnung und ein neues Getriebe koste um die 200, das sei echt nicht nötig.

Ich war nicht ganz überzeugt, zahlte aber meine entspannten 18 Euro fürs Durchgucken und Kette spannen (plus 2 Euro Trinkgeld) und radelte nach Hause – wie auf rohen Eiern. Und wie vorausgesagt: Alles lief perfekt. Bis auf die Tatsache, dass ich eben nicht mehr geistig abwesend vor mich hinkurbelte, sondern bei jedem Schaltvorgang den Atem anhielt. Ist für mich noch nicht die optimale Vorgehensweise, aber ich gucke mal, wie’s weitergeht.

Eine neue Folge Better Call Saul geguckt. Ich mag die Serie lieber als Breaking Bad, vermutlich weil sie nicht ganz so abgründig ist, das vertrage ich gerade etwas besser. Außerdem hatten in dieser Folge erstmals die quietschbunten Anzüge von Jimmy/Saul ihren großen Auftritt, was mich gerührt hat lächeln lassen. So als ob man einen alten Freund wiedersieht.

Die Serie spielt nicht heute, sondern ein paar Jahre vor Breaking Bad, also Anfang der 2000er (stimmt das?). Das fällt vor allem an Auto- und Handymodellen auf, die mir alle stimmig erscheinen, aber gestern stolperte ich über ein Detail: den Schrifttyp des Textverarbeitungsprogramms, mit dem Kim ihre Kündigung schreibt. Ich meinte die Cambria erkannt zu haben, die voreingestellte Schrift in Word (jedenfalls auf dem Mac), die erst seit 2007 erhältlich ist.

Abends erstmals ein Buzzfeedrezept nachgekocht, was okay war, aber nicht umwerfend. Ich muss allerdings zugeben, dass ich die kurzen Kochfilmchen über alles liebe und eigentlich nur wegen ihnen bei Facebook reingucke, wo sie in meinem Stream auftauchen.

Die Vogelnest-Hausarbeit hat laut meinem Online-Tool für die Uni eine 1,3 bekommen und ich bin ernsthaft enttäuscht. Mpf.

Ich hatte noch keine Einsicht, daher steht die Arbeit hier noch nicht, aber die kriegt ihr auf jeden Fall zu lesen. Bis dahin habe ich vielleicht wieder bessere Laune.

Links vom Mittwoch, 30. März 2016

Inside the specimen collections of the Smithsonian’s Museum of Natural History

This is an Ex-Parrot! (Mehr Bilder unter dem Link.)

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(keine Bildquelle gefunden, Originalpost auf Reddit)

(via @MaxCRoser)

Kaiser Franz Joseph I. – „Die kalte Sonne“

Spannender Artikel im Standard, in dem eine Biografie des Kaisers erwähnt wird, die ich mir gleich mal aus der UB geliehen habe. Die Ausstellung habe ich in Wien leider nicht geschafft, aber es juckt mir schon sehr in den Fingern, gleich nochmal nach Österreich zu fahren.

„Immerhin, so Schwarzenberg: “Für einen Neoabsolutisten war er sehr verfassungstreu.” Er wandelte sich vom absoluten zum konstitutionellen Monarchen. Die Folklore hat aus ihm den “gütigen Monarchen” gemacht, den weißbärtigen Opa, der freundlich winkte und die immergleichen Worte huldvoll und leutselig an die Untertanen richtete. Das ist nicht ganz falsch. Aber zum Volk hatte er im Grunde keine echte Beziehung. Nicht weil er es verachtete oder ihm die Leute zu gewöhnlich waren, sondern weil für das Volk in seinem Prinzip des Gottesgnadentums nur eine Rolle als schemenhafter Loyalitätskörper vorgesehen war. Die Pflicht des Volkes war, treu zu sein. Die Pflicht des Herrschers war es, zu herrschen.

Am deutlichsten und am verhängnisvollsten tritt das bei der wichtigsten Entscheidung seines Lebens zutage. Franz Joseph hat letztendlich den Ersten Weltkrieg allein beschlossen. Keine Volksvertretung debattierte einen so folgenschweren Schritt. Der Kaiser sah auch die Möglichkeit einer Katastrophe, aber wichtiger war die Ehre: “Wenn die Monarchie schon zugrunde gehen soll, so soll sie wenigstens anständig zugrunde gehen”, sagte er.“

(via @Planet_History)

Are you a grammar pedant? This might be why

Wie ich mal Liebesbriefe nicht ernstnehmen konnte, weil sie voller Rechtschreibfehler waren.

„When you picture a “grammar nazi”, what does that person look like? Are they old or young? Male or female? Professorial or blue-collar? A new study suggests they could be any of those things. In an experiment involving 80 Americans from a range of backgrounds, linguists Julie Boland and Robin Queen found no significant links between a judgmental attitude towards “typos” and “grammos” and gender, age or level of education. [...]

So you can’t tell if someone hunts down misprints and writes letters to editors just by looking at them. If you know something about the way they experience the world, though, you might be able to take an educated guess.

Introverts, it turns out, are more likely to get annoyed at both typos and grammos. Not only that; they’ll probably not want to share their lives with you if you’re particularly error-prone.“

(via @LukasHeinser)

Dieser Tweet macht mich seit Tagen glücklich.

Tagebuch, vorletzte Märzwoche 2016

Zur Ruhe kommen. Kochen. Alleine sein, zu zweit sein, zu fünft sein. Aber hauptsächlich: zur Ruhe kommen.

Wien war großartig, aber auf eine schöne Art anstrengend. Inzwischen ist Dinge anzuschauen mehr als nur Dinge anzuschauen, es ist Arbeit. Es ist Teil meiner eigenen Fortbildung, mir eine visuelle Bibliothek im Kopf aufzubauen, auf die ich zurückgreifen kann, wenn ich andere visuelle Eindrücke einordnen will. Daher gehe ich nicht mehr durch Museen oder Straßen und denke „Ach, hübsch“, sondern ich denke „In welches Regal passt das jetzt?“

Daher war ich am Tag meiner Rückkehr, am letzten Samstag, ein bisschen erledigt, hatte aber abends ein sehr schönes Programm vor mir: Ich wurde nachträglich zum Geburtstag in mein Lieblingsrestaurant in München ausgeführt, ins Broeding.

Der Gruß aus der Küche war Lamm (? Ich habe mir keine Notizen gemacht, ich hatte mir in Wien genug Notizen für die nächsten drei Wochen gemacht) mit Wirsinggemüse und Chips. (Topinambur?) Auf jeden Fall gut: zartes Fleisch, mildwürziges, noch knackiges Gemüse. Wir gönnten uns einen Rieslingsekt als Aperitif.

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Erster Gang: Zweierlei vom Kaninchen, Couscous und Salzzitronenjogurt. Faszinierend, wie wenig Salzzitronenjogurt nach Salz oder Zitrone schmeckt, eher rauchig. Der erste Wein des Abends war ein Kikelet Furmint 2012, frisch und kühl, passte gut zum knusprigmilden Couscous und dem warmweichen Fleisch.

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Zweiter Gang: Selleriesuppe mit gebackenem Kräutersaitling. Ich bin kein Riesenselleriefan, aber ich esse mich langsam an dieses Gemüse ran. Wenn es immer so schmecken würde wie diese Suppe, würde ich es noch öfter essen. Der Pilz war außen knuspig und innen bissfest, alles zusammen wunderbar, und der Wein dazu mein erster Liebling des Abends: K vom Weingut Kracher, 2013, ein Cuvée aus Chardonnay, Scheurebe und Welschriesling. Roch ernsthaft haargenau wie Cornetto Erdbeer, schmeckte aber netterweise nicht danach.

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Dritter Gang: Saibling mit Kohlrabi und Bärlauchsoße. Hier war ich zunächst damit beschäftigt, das Geschirr schön zu finden, bevor ich das Essen würdigen konnte. Knackiger Kohlrabi, mildscharfer Bärlauch, knuspriger Fisch – what’s not to love? Und als Wein dazu mein persönlicher Star des Abends, ein Riesling vom Weingut Hirsch (verlinkt ist der 2013, wir hatten den 2012er). Zuerst Mango, dann Rauch, der aber beim Essen verflog. Sehr vollmundig und einer von den Weinen, die solo schon toll sind und mit Essen nach toller. Eine Kiste für Frau Gröner, bitte.

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Vierter Gang: Kronfleisch, Aubergine und gefüllte Zucchiniblüte. Ich habe noch nie eine Aubergine hinbekommen, die nach irgendwas geschmeckt hat außer Fett, daher bin ich immer dankbar, wenn mich Restaurants daran erinnern, wie sie schmecken kann. Die Blüte war mit der schmelzigsten Polenta ever gefüllt, was mich – ein wahrhafter Taschentuchknotengang, dieser Gang – daran erinnerte, dringend mehr Polenta essen zu wollen. Der Wein dazu kam von meinem zweitliebsten Blaufränkisch-Lieferanten, dem Weingut Heinrich (mein liebster Lieferant für diese Traube sind die Damen und Herren von Kollwentz). Wir genossen einen Gabarinza (verlinkt ist 2012, wir hatten 2011), ein Cuvée aus Zweigelt, Blaufränkisch und Merlot. Ich fand ihn einen Hauch zu kalt und zu pferdig, und das blöde Ross wollte auch irgendwie nicht gehen. War nicht ganz so meiner.

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Erfrischung für den Magen: ein fruchtiges Sorbet. (Mango? Vergessen. Sehr gut, schön schmelzig; das habe ich nicht vergessen.)

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Käsegang: Affinierter Gorgonzola (wait, let me google this for you), Rosmaringelee und Rucola. Mochte ich sehr gerne, vor allem, weil der Gorgonzola nicht so bissig nach Gorgonzola schmeckte. Und vom Gewürzbrot im Salat hätte ich einen ganzen Laib essen können. Ein sehr kräftiger Gang, zu dem der weiße Burgunder von Ebner-Ebenauer hervorragend passte.

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Dessert: Topfentörtchen und Portweinbirne. Der einzige Gang, bei dem ich dachte, och jo. Filoteig finde ich eher seltsam in einem hochpreisigen Restaurant, aber egal, mit Milchprodukten und Zucker kriegt man mich immer. Und mit dem äußerst schmackhaften Süßwein dazu, einer Beerenauslese von Velich, 2010.

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Wir genossen über drei Stunden und verzichteten dann auf Espresso und Schnaps, weil alles so passte.

Die folgenden Tage fuhr ich den Kopf noch weiter runter, puschelte so vor mich hin, machte mir Sorgen um die Zukunft (wie immer), kochte ein bisschen, las ein bisschen, schlief viel. Und freute mich dann am Donnerstag abend über die Mail meiner Dozentin, die mich über meine erste 1,0 im Master informierte.

Es blutet mir das Herz, aber ich kann euch diese Arbeit nicht zeigen, denn vermutlich werde ich aus den unschuldigen 50.000 Zeichen in einem Jahr satte 100.000 machen und „Masterarbeit“ vorne drauf schreiben. Daher behalte ich meine tollen Forschungsergebnisse vorerst für mich, was eigentlich allem widerspricht, was ich in den letzten drei Jahren gelernt habe. Ich bin ein großer Fan von Open Access und Wissenschaftsblogs, aber momentan will ich meine Arbeit noch nicht öffentlich machen. Das mag albern sein, aber vielleicht schlummert darin auch irgendwo ein Aufsatz, den ich publizieren könnte. Falls irgendein Journal einen Aufsatz einer Studentin ernstnimmt; die Wissenschaft scheint da ja ein bisschen seltsam drauf zu sein. Jedenfalls: Sobald ich irgendwas habe, was ich für veröffentlichenswert halte, steht das hier. Auch aus dem Grund, weil ich noch auf keine Arbeit so stolz war wie auf diese. Hier ahnte ich zum ersten Mal, dass ich da was richtig Gutes fabriziert hatte, aber jetzt, wo die Note vorne drauf steht, habe ich es auch schwarz auf weiß.

Auch das Bloggen habe ich letzte Woche etwas runtergefahren; einerseits, weil ich in Wien so viel produziert habe, andererseits, weil mir mein vorerst letzter Ausflug nach Hamburg übernächste Woche ein wenig in den Knochen liegt. Dann packe ich alles zusammen, was noch von mir in der ehemals gemeinsamen Wohnung steht und lasse es zu meinen Eltern karren. Ich will das nicht wirklich tun, ich will nicht in diese Stadt, ich will die Wohnung nicht endgültig leerräumen. Wien hat mich gut von diesen Gedanken ablenken können, aber zuhause haben sie mich natürlich wieder eingeholt. Ich wollte aber nicht fünf Tage hintereinander „Ich grübele viel und heule rum und esse zu viel Schokolade“ schreiben, daher war es hier etwas ruhiger. Vielleicht bleibt das auch noch ein paar Tage so, ich weiß es selbst nicht.

Blauschimmelblini mit Birne und Rucola

Das Rezept stammt aus Maria Elias Die neue vegetarische Küche, das, wenn ich mich richtig erinnere, mein erstes vegetarisches Kochbuch war. Ist immer noch gut, raffinierter als Nudeln und einfacher als Ottolenghi.

Wobei Blini nicht ganz korrekt ist – eigentlich sind es eher Oladji, also nicht die dünnen, crêpeartigen, sondern eher dickliche Pfannkuchen. Ich belasse es mal bei dem Namen, der auch im Buch verwendet wird.

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Im Originalrezept werden Topinambur verwendet, ich habe Petersilienwurzeln genommen; Pastinaken gehen auch oder man nimmt nur Kartoffeln. Aus der untenstehenden Menge sollen laut Buch acht Blinis rauskommen; ich habe sie halbiert und ebenfalls acht erhalten, die man mit etwas Mühe zu zweit (eher zu dritt) als Hauptspeise verzehren könnte.

350 g Kartoffeln und
400 g Topinambur würfeln und in Salzwasser weichkochen. (Das Buch sagt getrennt, ich habe alles in einem Topf gekocht.) Zerstampfen oder pürieren und abkühlen lassen.

100 Mehl, Type 405,
80 g Crème double (bei mir Crème fraîche),
2 TL Dijon-Senf,
2 Eigelb, verquirlt, und
2 TL frisch gehackten Rosmarin zur Kartoffel-Topinambur-Masse geben.
2 Eiweiß steif schlagen und unter die Masse heben. Mit
Salz und
Pfeffer abschmecken.

In einer Pfanne
Butter und
Olivenöl erhitzen und die Blinis bei mittlerer Hitze ausbacken. Danach auf ein Backblech umsiedeln, das mit Backpapier ausgelegt ist.
400 g Blauschimmelkäse in Scheiben schneiden und jeweils eine Scheibe auf ein Blini legen. (Ich habe die Blauschimmelkäsemenge ungefähr halbiert, weil mir der Geschmack sonst zu intensiv gewesen wäre.) Im Ofen überbacken, bis der Käse zerlaufen ist; das geht recht schnell.

Währenddessen in einer Pfanne
250 g Topinambur, in Scheiben oder schmale Streifen geschnitten, in
Olivenöl bei starker Hitze braten. (Bei mir war es auch hier weniger Topinambur bzw. Petersilienwurzel. Nach Augenmaß halt.)

100 g Salat der Saison (bei mir Rucola) und
1 Birne, in Spalten geschnitten, mit einem Dressing vermischen, das aus
2 EL Weißweinessig,
2 EL flüssigem Honig und
6 EL Olivenöl besteht.

Zum Servieren die überbackenen Blinis mit Salat, Birne und den Topinamburstreifen belegen.

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Die Blini lassen sich übrigens gut vorbereiten. Ich habe sie weit vor dem Essen ausgebacken, dann kurz vor dem Eintreffen des Gastes mit Käse überbacken und gleichzeitig die Petersilienwurzelstreifen gebraten. Dann hat man eine schöne Kombination aus lauwarmem Gebäck mit heißem und kaltem Gemüse bzw. Obst. Das Dressing sorgt für das nötige Gegengewicht zum mummeligen Schimmelkäse. Ich werde beim nächsten Mal allerdings für noch mehr Frische sorgen, vielleicht durch geriebene Zitronenschale oder Zitronensaft statt Essig im Dressing.

Was (verdammt) schön war, Donnerstag, 24. März 2016

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Pittole

Ein uraltes Rezept von Nicky aus ihrem ersten Kochbuch. Mache ich nicht allzu oft, aber immer, wenn ich die kleinen Teigpäckchen frittiert und genossen habe, frage ich mich: warum eigentlich? Sie passen hervorragend zu Käse, Antipasti, Oliven oder, so esse ich sie immer, gedippt in Olivenöl und grobes Salz.

pittole

Für ungefähr 50 Stück.

300 g Mehl, Type 405, mit
1 TL Salz in einer Schüssel vermischen. In der Mitte eine kleine Mulde formen.

20 g Frischhefe (also ein halber Würfel) und
1 Prise Zucker in
200 ml lauwarmem Wasser auflösen und in die Mehlschüsselmulde gießen. Noch
2 EL Olivenöl dazugeben und alles miteinander verkneten. Ich mache das per Hand, eine Küchenmaschine tut’s natürlich auch. Der Teil soll, wie es sich für einen anständigen Hefeteig gehört, glatt und geschmeidig sein und nicht mehr an den Händen kleben. Dazu eventuell ein bisschen Mehl zugeben.

Den Teig in einer abgedeckten Schüssel an einem warmen Ort für 30 bis 45 Minuten gehen lassen; er sollte sich dabei ungefähr verdoppeln.

Während der Teig ruht, in eine große Pfanne oder einen Topf, worin auch immer ihr frittierten wollt,
zwei Fingerbreit Olivenöl eingießen,
3 bis 5 Zweige Rosmarin dazu plus
5 Knoblauchzehen (oder so viel ihr wollt. Bei mir sind’s fünf). Das Öl erwärmen, damit es den wunderbaren Rosmarin- und Knoblauchgeschmack annehmen kann. Gewürze rausfischen und das Öl zum Frittieren erhitzen.

Den Teig nochmal kurz durchkneten, fingerdick ausrollen, in Streifen und dann in kleine Quadrate schneiden und diese dann frittieren. Die kleinen Päckchen verdoppeln sich im Öl ungefähr, also nicht zu viele davon auf einmal in die Pfanne geben.

Noch warm servieren. Oder mit der neuen Kamera fotografieren, an der man eventuell noch üben sollte, wie man auf das fokussiert, auf das man fokussieren möchte. Aber schöne graue Platte da im Vordergrund, oder?

Spaghetti Carbonara

Unglaublich, aber mein babyeinfaches Rezept für Carbonara habe ich noch nie aufgeschrieben. Vermutlich, weil ich es aus dem Handgelenk mache und nie irgendwas abwiege. Das könnt ihr auch!

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Für eine Person.

1 Ei in einer Schüssel aufschlagen und mit
Pfeffer verquirlen.

Eine Handvoll Parmesan fein in genau diese Schüssel reiben.

In einer Pfanne
eine Handvoll gewürfelten Bauchspeck, Pancetta oder ähnliches bei mittlerer Hitze anbraten. Eigentlich braucht man bei fettem Speck kein extra Fett mehr, aber ich habe trotzdem immer ein bisschen Olivenöl in der Pfanne.

Eine Portion Spaghetti oder Spaghettini (hier im Bild) in reichlich Salzwasser al dente kochen.

Sobald die Nudeln fertig sind, in die Speckpfanne umsiedeln. Dabei darf gerne noch ein wenig Kochwasser mitkommen. Ich gieße die Nudeln immer ab, indem ich den Deckel leicht versetzt auf dem Topf lasse, das Wasser auskippe und alles, was bei diesem Auskippen nicht mitkommt, in die Pfanne gleiten lasse. Das passt ziemlich perfekt.

Pfanneninhalt gut verrühren, alles in die Ei-Käse-Schüssel schütten, zügig umrühren und ebenso zügig servieren. Notfalls noch ein bisschen nachpfeffern, salzen sollte eigentlich mit dem Kochwasser und dem Parmesan nicht nötig sein. Fertig ist mein allerliebstes Nudelrezept.