{"id":5342,"date":"2009-10-31T09:48:54","date_gmt":"2009-10-31T07:48:54","guid":{"rendered":"http:\/\/www.ankegroener.de\/?p=5342"},"modified":"2009-10-31T09:48:54","modified_gmt":"2009-10-31T07:48:54","slug":"bucher-2009-oktober","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.ankegroener.de\/blog\/?p=5342","title":{"rendered":"B\u00fccher 2009, Oktober"},"content":{"rendered":"<p><strong>Marcel Proust\/Eva Rechel-Mertens (\u00dcbers.) \u2013 <em>Auf der Suche nach der verlorenen Zeit 6: Die Fl\u00fcchtige<\/em><\/strong><\/p>\n<p>Wenn der Erz\u00e4hler in den ersten f\u00fcnf B\u00e4nden schon eine Menge Zeit mit Introspektive verbracht hat, dann macht er im sechsten fast nichts anderes. Seine Geliebte hat ihn verlassen, und er sinniert nun, wie er die Gute wieder zur\u00fcckkriegt. Sie schreiben sich Briefe, f\u00fcr die man beide mal wieder geh\u00f6rig durchsch\u00fctteln m\u00f6chte (\u201eIch schreibe ihr, dass sie wegbleiben soll, denn dann wei\u00df sie, dass sie zur\u00fcckkommen soll\u201c \u2013 WAAAAH!), lernt aber gleichzeitig noch mehr \u00fcber den anstrengenden Charakter der Hauptperson. Ich fand es wie immer sehr spannend, ihm bei seinen Gedankeng\u00e4ngen zuzugucken, auch wenn sie mich wahnsinnig gemacht haben. Schlie\u00dflich erh\u00e4lt Marcel eine Todesnachricht, und damit besch\u00e4ftigt sich so gut wie der komplette Rest des B\u00e4ndchens (420 Seiten ist f\u00fcr die <em>Recherche<\/em> ja l\u00e4cherlich): Wie geht es Marcel beim ersten Lesen, wie beim zweiten, wie beim ersten Schock, wie beim allm\u00e4hlichen Vergessens der betreffenden Person. H\u00f6rt sich wie immer spinnert an, liest sich aber unwiderstehlich.<\/p>\n<p><strong>Charles Burns \u2013 <em><a href=\"http:\/\/en.wikipedia.org\/wiki\/Black_Hole_(comics)\">Black Hole<\/a><\/em><\/strong><\/p>\n<p>Spooky stuff. Diesen Comic habe ich abends nur gelesen, wenn ich wusste, dass der Kerl noch wach war, damit er mir notfalls eine pl\u00fcschige Geschichte von regenbogenfarbenen Einh\u00f6rnern und langhaarigen Prinzessinnen in ihren Unterwasserschl\u00f6ssern aus Gold erz\u00e4hlen k\u00f6nnte. Tags\u00fcber war die bizarre Geschichte etwas leichter zu verdauen. Es geht um High-School-Sch\u00fcler und -Sch\u00fclerinnen, der Mode nach zu urteilen, in den 70er Jahren. Einige von ihnen sind von einer sexuell \u00fcbertragbaren Krankheit befallen, was einigen von ihnen Schw\u00e4nze wachsen l\u00e4sst oder einem anderen einen zweiten Mund am Hals, der sogar sprechen kann. Das Buch dreht sich um vier Charaktere, erz\u00e4hlt die Geschichte von einem von ihnen, springt wieder zu den anderen, setzt alle vier in Verbindung und konzentriert sich wieder auf eine Figur. <\/p>\n<p>Was das Buch so verst\u00f6rend macht, ist nicht nur der Inhalt, den ich mal als Metapher auf der Erwachsenwerden und den schwierigen Umgang mit Sexualit\u00e4t deute, sondern die Zeichnungen. Das Buch ist gef\u00fchlt zu 80 Prozent schwarz, die wei\u00dfen Fl\u00e4chen sehen aus wie mit dem Holzschnittmesser aus dem Papier gefr\u00e4st. Die Bilder sind sehr pr\u00e4zise und gleichzeitig sehr reduziert, was die grotesken Krankheitsmuster noch unheimlicher erscheinen l\u00e4sst. Und hinter allem scheint eine gro\u00dfe, schwere Schw\u00e4rze nur darauf zu warten, alles zu \u00fcberfluten. Nicht unbedingt ein Gute-Laune-Buch, aber definitiv eins, das mich sehr beeindruckt hat.<\/p>\n<p><strong>Marcel Proust\/Eva Rechel-Mertens (\u00dcbers.) \u2013 <em>Auf der Suche nach der verlorenen Zeit 7: Die wiedergefundene Zeit<\/em><\/strong><\/p>\n<p>Das gro\u00dfe Finale \u2013\u00a0das sich gar nicht wie eins anf\u00fchlt, sondern eher wie ein langer Abschied von den vielen Figuren, die einen \u00fcber 3.500 Seiten begleitet haben. Die Realit\u00e4t h\u00e4lt kurz Einzug in die <em>Recherche<\/em>: Der Erste Weltkrieg rei\u00dft einige der Charaktere mit sich, die Witwen gehen neue Verbindungen ein, und daraus entstehen neue Verwandschaftsverh\u00e4ltnisse, die beim letzten Salon des Buchs wie immer f\u00fcr Gespr\u00e4chsstoff sorgen. <\/p>\n<p>Das Hauptmotiv des siebten Bandes ist aber die Zeit. Endlich wird dem Erz\u00e4hler klar, wie viel er schon davon verschwendet hat und wie wenig ihm noch bleibt. Er findet seine Berufung \u2013 Schriftsteller \u2013, aber in dem Moment, in dem er wei\u00df, was er mit seinem Leben anfangen soll, naht sich ihm der Tod. Ganz bl\u00f6d k\u00f6nnte man die vielen, vielen Buchseiten also mit \u201eNutze den Tag\u201c zusammenfassen, aber ich ahne, dass man damit Proust nicht ganz gerecht wird.<\/p>\n<p>Wie es mir damit geht, eines der ganz gro\u00dfen Werke der Weltliteratur durchgelesen zu haben, habe ich <a href=\"http:\/\/www.ankegroener.de\/?p=5452\">hier<\/a> aufgeschrieben.<\/p>\n<p><strong>Gerbrand Bakker\/Andreas Ecke (\u00dcbers.) \u2013 <em><a href=\"http:\/\/www.amazon.de\/Oben-ist-still-Gerbrand-Bakker\/dp\/3518420135\/\">Oben ist es still<\/a><\/em><\/strong><\/p>\n<p>Ganz andere Schiene als der Herr Proust. Wenige Worte, wenig, was passiert, karge Landschaft, viel Regen \u2013 und doch brodelt im ganzen Buch so viel Last, die Hauptfigur Helmer mit sich herumschleppt. Er ist 55, die eine H\u00e4lfte eines Zwillingspaares, und das Buch beginnt damit, dass Helmer seinen alten Vater vom Erdgeschoss in den ersten Stock des elterlichen Hauses tr\u00e4gt, damit dieser sterben kann. Im Laufe des Buchs erfahren wir, wie es der anderen Zwillingsh\u00e4lfte geht, dessen Freundin, deren Sohn und eben Helmer und seinem Vater, die viel Zeit aufarbeiten. Mit wenigen Worten und noch weniger Taten. Ich mochte die klare, einfache Sprache sehr gerne, die viel Raum f\u00fcr eigene Gedanken l\u00e4sst und einen doch zielgerichtet an die Hand nimmt. Danke an Isa f\u00fcr den <a href=\"http:\/\/xrays.antville.org\/stories\/1919605\/\">Hinweis<\/a>.<\/p>\n<p><strong>Warren Ellis\/Darick Robertson \u2013 <em><a href=\"http:\/\/www.amazon.de\/Transmetropolitan-VOL-02-Lust-Life\/dp\/1563894815\/\">Transmetropolitan 2 \u2013 Lust for Life<\/a><\/em><\/strong><\/p>\n<p>Der zweite Sammelband der Storys um Spider Jerusalem, dem Comicreporter, der Hunter S. Thompson nachempfunden wurde. Genauso gut wie der <a href=\"http:\/\/www.ankegroener.de\/?p=4559\">erste<\/a>, wenn auch die \u00dcberraschung \u00fcber die futuristische (und sehr anstrengende) Welt fehlte. Daf\u00fcr versteckt sich in diesem Band zwischen den ganzen Schimpfworten,  Obsz\u00f6nit\u00e4ten, Folterfernsehen und sprechenden Polizeihunden eine Geschichte \u00fcber eine Frau, die sich in unserer Zeit per Kryonik hat einfrieren lassen. Sie wird brutal in der Zukunft geweckt, auf die sie nat\u00fcrlich \u00fcberhaupt nicht vorbereitet ist \u2013 und die sie sich garantiert etwas puscheliger vorgestellt hat. Ich fand das Gedankenspiel sehr interessant: Was <em>ist<\/em> mit den ganzen Nasen, die sich heute auf Eis legen lassen? Mal abgesehen davon, dass ich nicht glaube, dass man sie wiederbeleben kann, aber wenn doch: Wird es ihnen so gehen wie der Frau in der Geschichte, die vor allem feststellen muss, dass die Gegenwart den Besuch aus der Vergangenheit so gar nicht zu w\u00fcrdigen wei\u00df? Ein fast poetischer Einschub im lauten <em>Transmetropolitan<\/em>. <\/p>\n<p><strong><a href=\"http:\/\/www.galeriefriedmann-hahn.com\/kuenstler.htmls\/g.sieber.html\">Guido Sieber<\/a> \u2013 <em>Des Engels letzter Fall<\/em><\/strong><\/p>\n<p>Ein Relikt von 1992 aus dem Kerl&#8217;schen Regal. Optik: als ob ein schlechtgelaunter Max Beckmann Comics zeichnet. Sehr expressiv, vulg\u00e4r \u2013 und damit sehr faszinierend. Sprache: selten so gelacht und politisch mehr als unkorrekt. In <em>Engel<\/em> geht es um einen, ja genau, Engel, der vom Teufel verf\u00fchrt wird, sich die H\u00f6lle mal anzugucken, weil in ihr deutlich mehr los ist als im Himmel, in den ja keiner mehr kommt, denn wer ist heute schon ohne S\u00fcnde. Oder wie der Engel es ausdr\u00fcckt: \u201eWir kriegen nur noch Totgeborene, ewig Kranke, Verhungerte, na dritte Welt und so! Kein sch\u00f6ner Anblick! Das kann ich dir sagen! Kannst dir ja vorstellen, dass da nicht allzuviel zu tun ist. Die meisten von uns sind erstmal auf unbefristete Zeit zwangsbeurlaubt.\u201c &#8212; Teufel: \u201eJunge, Junge.\u201c Ein zweiter Handlungsstrang besch\u00e4ftigt sich mit Herrn el Lobo, einem Privatdetektiv, der eher damit besch\u00e4ftigt ist, peinliche Anmachspr\u00fcche loszulassen als seinen Job zu machen, weswegen er \u00fcber kurz oder lang den Engel trifft, der sich gerade auf verbotenem Terrain bewegt. <em>Engel<\/em> hat ein paar philosophische Einsch\u00fcbe, die aber netterweise fast untergehen im krachledernen Get\u00fcmmel. Sch\u00f6nes Ding.<\/p>\n<p><strong><a href=\"http:\/\/en.wikipedia.org\/wiki\/Kyle_baker\">Kyle Baker<\/a> \u2013 <em><a href=\"http:\/\/www.amazon.de\/Why-Hate-Saturn-Kyle-Baker\/dp\/0930289722\/\">Why I hate Saturn<\/a><\/em><\/strong><\/p>\n<p>Auch schon etwas \u00e4lter (1990) und daher teilweise leicht angestaubter Humor. <em>Saturn<\/em> erz\u00e4hlt von Anne, einer bewusst dauerbetrunkenen Schriftstellerin, die sich mit einer Kolumne \u00fcber Wasser h\u00e4lt, keinen F\u00fchrerschein oder ID hat und sich mit ihrem Kumpel Ricky total tiefsinnige Diskussionen dar\u00fcber liefert, was M\u00e4nner an Frauen tollfinden (hint: tits and ass). Der Comic liest sich wie eine gezeichnete Sitcom und hat teilweise sehr h\u00fcbsche Captions, nervt aber nach einer kurzen Zeit ziemlich. Auch wegen der angesprochenen tits-and-ass-Problematik. Und der jammerigen Heldin. <\/p>\n<p><strong>Muriel Barbery\/Gabriela Zehnder (\u00dcbers.) \u2013 <em><a href=\"http:\/\/www.amazon.de\/Die-letzte-Delikatesse-Muriel-Barbery\/dp\/3423137592\/\">Die letzte Delikatesse<\/a><\/em><\/strong><\/p>\n<p>Barberys erster Roman und gleichzeitig der vor dem Welterfolg <em>Die Eleganz des Igels<\/em>. Beim <em>Igel<\/em> mochte ich den versponnenen und teilweise arg \u00fcberkandidelten Sprachstil ja ganz gerne, aber <em>Delikatesse<\/em> hat fast konstant genervt. Die Struktur ist allerdings spannend: Ein im Sterben liegender Restaurantkritiker erz\u00e4hlt davon, wie er ein letztes Mal ein bestimmtes Gericht essen will, wenn er nur w\u00fcsste welches, weshalb er sich in einer R\u00fcckschau an vieles erinnert, was er schon gegessen hat. Um seine Kapitel herum erz\u00e4hlen andere, wie sie diesen Kritiker zu Lebzeiten wahrgenommen haben: kurz gesagt, als Mistkerl. Das Dumme ist, dass Barbery zu wenig aus dieser Idee macht; die einzelnen Kapitel sind viel zu kurz, um Tiefe entwickeln zu k\u00f6nnen, weswegen die Hauptfigur ein bl\u00f6des Klischee bleibt. <\/p>\n<p>Das dazu auch noch einen ganz schlimmen Tonfall drauf hat, voller Worte, die schmeckig klingen sollen und doch nur schiefe Bez\u00fcge sind. Wie zum Beispiel \u201eDie Fleischkl\u00f6\u00dfchen, mit dem geb\u00fchrenden Respekt f\u00fcr ihre Festigkeit gebraten und trotz der Feuertaufe kein bi\u00dfchen trocken, erf\u00fcllten meinen Mund des professionellen Fleischfressers mit einer warmen, w\u00fcrzigen, saftigen und kompakten Welle des Kauvergn\u00fcgens. Die s\u00fc\u00dfen Paprikaschoten, \u00f6lig und frisch, bes\u00e4nftigten meine von der m\u00e4nnlichen Strenge des Fleisches beherrschten Geschmacksknospen und bereiten sie erneut auf diesen m\u00e4chtigen Angriff vor.\u201c<\/p>\n<p>\u201eMeinen\u201c Mund des Fleischfressers? \u201eWelle des Kauvergn\u00fcgens\u201c? Und dann sind da noch etliche seltsame \u00dcbersetzungsschnitzer drin, wie zum Beispiel \u201eIch machte einen langen Spaziergang auf der Omaha Beach\u201c &#8211; im Franz\u00f6sischen ist \u201eStrand\u201c weiblich, bei uns aber nicht. Ich wei\u00df nicht, ob der Verlag <em>Delikatesse<\/em> innerhalb von f\u00fcnf Minuten auf den Markt geworfen hat, als sich abzeichnete, dass <em>Igel<\/em> so toll laufen w\u00fcrde \u2013 wenn ja: dumme Idee.<\/p>\n<p>(F\u00fcr gute Fressbeschreibungen empfehle ich ja immer Herrn <a href=\"http:\/\/nutriculinary.com\/\">Paul<\/a>. Bei dem klingt das n\u00e4mlich so, als ob er alles wirklich gegessen hat anstatt sich in einem kleinen Schreibst\u00fcbchen nur vorzustellen, wie wohl Frikadellen mit Gem\u00fcse munden.)<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Marcel Proust\/Eva Rechel-Mertens (\u00dcbers.) \u2013 Auf der Suche nach der verlorenen Zeit 6: Die Fl\u00fcchtige Wenn der Erz\u00e4hler in den ersten f\u00fcnf B\u00e4nden schon eine Menge Zeit mit Introspektive verbracht hat, dann macht er im sechsten fast nichts anderes. Seine Geliebte hat ihn verlassen, und er sinniert nun, wie er die Gute wieder zur\u00fcckkriegt. 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