{"id":4859,"date":"2009-08-01T08:34:27","date_gmt":"2009-08-01T06:34:27","guid":{"rendered":"http:\/\/www.ankegroener.de\/?p=4859"},"modified":"2009-08-01T08:34:27","modified_gmt":"2009-08-01T06:34:27","slug":"bucher-2009-juli","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.ankegroener.de\/blog\/?p=4859","title":{"rendered":"B\u00fccher 2009, Juli"},"content":{"rendered":"<p>Eine kurze Erkl\u00e4rung, wie meine derzeit monatlichen B\u00fccherlisten entstehen: Wann immer ich ein Buch durchgelesen habe, \u00f6ffne ich den Blogeintrag, der ziemlich zu Anfang eines Monats entsteht und dann \u00fcber vier Wochen fortgef\u00fchrt wird, und erg\u00e4nze ihn um mein neuestes Leseerlebnis. Daher klingen diese Eintr\u00e4ge manchmal stilistisch etwas durcheinander, weil ich nicht alles in der gleichen Stimmung aufschreibe. Oder sie widersprechen sich selber \u2013 wie hier beim ersten und vorletzten Buch. <\/p>\n<p><strong>Marcel Proust \u2013 <em>Auf der Suche nach der verlorenen Zeit 3: Guermantes<\/em><\/strong><\/p>\n<p>Von den drei ersten B\u00e4nden der <em>Recherche<\/em> der herausfordernste. Gef\u00fchlt die H\u00e4lfte der gut 800 Seiten spielt in zwei Pariser Salons, auf denen jede Person ausf\u00fchrlich vorgestellt wird \u2013 was mit all dem Innenleben, das Proust beschreibt, gro\u00dfartig ist. Aber: Dann geht es in die Gespr\u00e4che, und diese drehen sich unter anderem um Maler, die ich nicht kenne, die Bilder gemalt haben, die ich nicht kenne, die in Schl\u00f6ssern h\u00e4ngen, die ich nicht kenne, in denen Hoheiten wohnen, die ich nicht kenne. Bei den ersten beiden B\u00e4nden habe ich recht wenig Zeit im Anhang verbracht, beim dritten Band habe ich gleich mein Lesezeichen im hinteren Teil des Buchs gelassen, weil ich alle drei Minuten was nachgucken musste. (In diesem Zusammenhang: whatever happened to the good old Fu\u00dfnote?) Ob es nun politische Anspielungen aus der Zeit um die Jahrhundertwende sind, Metaphern, die ich alleine nicht deuten konnte, Stra\u00dfennamen in Paris, Hutmacher, Operns\u00e4ngerinnen oder M\u00f6beltischler \u2013 alles, was Proust erw\u00e4hnt, hat irgendeine Bedeutung, und die w\u00e4re ohne den Anhang v\u00f6llig an mir vorbeigegangen*. Aber im Zusammenspiel mit den ausgezeichneten Randbemerkungen war es nicht nur der herausforderndste, sondern auch der bisher lohnendste Band. Es f\u00fchlt sich an, als ob man auf einem alten Speicher rumklettert und immer mehr verstaubtes Zeug findet, und je l\u00e4nger man darin herumw\u00fchlt, desto besser passt alles zusammen. Ich bin mir sicher, dass ich damit Proust aber sowas von gar nicht gerecht werde, aber ich mag diesen alten Speicher von Seite zu Seite mehr. Hab ja auch nur noch 2.723 vor mir.<\/p>\n<p>* (See? FUSSNOTE!) Ich bin inzwischen im vierten Band <em>Sodom und Gomorrha<\/em> (Suhrkamp Taschenbuch 3644, 1999), und dort schreibt der Kommentator \u00fcber diesen Satz \u201eIch glaube, ich t\u00e4usche mich nicht, Sie sind doch auch aus Z\u00fcrich, ich meine, ich bin Ihnen dort beim Antiquit\u00e4tenh\u00e4ndler begegnet\u201c (Seite 13): \u201eDer Umgang mit Proust lehrt, da\u00df kaum etwas in seinem Roman zuf\u00e4llig ist. Um so \u00e4rgerlicher ist es f\u00fcr einen Proust-Kommentator aus Z\u00fcrich, eingestehen zu m\u00fcssen, da\u00df er an dieser Stelle vor einem R\u00e4tsel steht.\u201c (Seite 798)<\/p>\n<p><strong>Jeph Loeb\/Tim Sale \u2013 <em>Wolverine\/Gambit: Victims<\/em><\/strong><\/p>\n<p>Mein erster Comic aus der X-Men-Reihe. War nett. Und damit ist nicht die kleine Schwester von Schei\u00dfe gemeint, sondern: war nett. Die Zeichnungen fand ich nicht herausragend, aber nett, die Story nicht umwerfend, aber nett, und diese Kritik ist nicht umfassend, aber nett.<\/p>\n<p><strong>Paul Dini\/Bruce Timm \u2013 <em>The Batman Adventures: Mad Love<\/em><\/strong><\/p>\n<p>Kaspertheater auf Papier. Der Joker kriegt einen liebestollen Sidekick namens Harley Quinn (Harlekin), die f\u00fcr ihn Batman erledigen will, was der alte Macho nat\u00fcrlich nicht gelten lassen kann. Das ganze ist quietschigbunt gezeichnet und f\u00fchlt sich wie die 50er Jahre an, hat aber trotzdem Spa\u00df gemacht.<\/p>\n<p><strong>flix \u2013 <em>Sag was<\/em><\/strong><\/p>\n<p>Ach, wie oft soll ich&#8217;s denn noch sagen. Flix ist toll, seine B\u00fccher sind toll, seine Geschichten sind toll, seine S\u00e4tze sind toll, seine <a href=\"http:\/\/www.der-flix.de\/\">Webcomics<\/a> sind toll, und ich ziehe jetzt nach Berlin, kette mich an seiner Haust\u00fcr fest und hoffe, dass er mir alle B\u00fccher signiert, die ich von ihm habe. Sind erst drei, aber alle anderen kaufe ich genau: jetzt. Und ihr bitte auch. Vor allem das hier, das sich vordergr\u00fcndig um eine Beziehung dreht und hintergr\u00fcndig um viel mehr, und weil es so gekonnt die Balance h\u00e4lt zwischen Drama und Kom\u00f6die und ganz schrecklichen Momenten und ganz wunderbaren Gesten. (Ein Buch gelesen. Geweint.)<\/p>\n<p><strong>David Mack \u2013 <em><a href=\"http:\/\/en.wikipedia.org\/wiki\/Kabuki_(comics)\">Kabuki<\/a>: The Alchemy<\/em><\/strong><\/p>\n<p>Ein Tipp vom <a href=\"http:\/\/teilzeitgigant.de\/\">Teilzeitgiganten<\/a>, der mich au\u00dferdem auf <a href=\"http:\/\/www.hdschellnack.de\/?p=2467\">diesen Artikel<\/a> von HD Schellnack hingewiesen hat, in dem es um Mainstreamcomics (= Superheldenzeug) geht, die ich bis jetzt haupts\u00e4chlich gelesen habe. <em>Kabuki: The Alchemy<\/em> ist demnach so gar kein Mainstream \u2013 und f\u00fcr mich eine Offenbarung gewesen. Ich kann mich immer nur wiederholen: Die Welt der Comics ist f\u00fcr mich noch so un\u00fcbersichtlich, dass ich mich momentan auf Empfehlungen verlasse oder eben das Kerl&#8217;sche Comicregal. Ich suche in der Gegend rum und gucke, kaufe, wenn mir der Zeichenstil gef\u00e4llt oder die Story spannend klingt. Eigentlich nicht viel anders als wenn ich DVDs aussuche oder B\u00fccher, aber da habe ich wenigstens Ansatzpunkte, die ich kenne: Schauspieler, die ich mag, oder Schriftsteller, deren Stil mir zusagt. Bei Comics fehlt mir das alles noch, und deswegen freue ich mich \u00fcber jeden Hinweis auf Perlen, die mir sonst entgehen *hint* und lese alles, was <a href=\"http:\/\/www.comicgate.de\/\">Comicgate<\/a> schreibt.<\/p>\n<p><em>Kabuki<\/em> ist eine mehrteilige Serie \u2013\u00a0und warum mir ausgerechnet der letzte Teil empfohlen wurde, wei\u00df ich nicht. Allerdings ahne ich, dass ich die anderen Teile jetzt nicht mehr lesen m\u00fcsste, wenn&#8217;s mir nur um die Story ginge, denn die schwingt immer mit. Dass ich sie trotzdem lesen m\u00f6chte, liegt an den Bildern. Zum ersten Mal hatte ich das Gef\u00fchl, wirklich eine<em> graphic novel<\/em> im Wortsinne zu lesen. Also eine Geschichte, die sich grafisch entfaltet und zusammen mit dem Text einen sehr dichten Eindruck hinterlassen hat. <em>The Alchemy<\/em> arbeitet eher mit Collagen als mit klassischen Zeichnungen, obwohl die auch vorkommen. Meist sieht eine Seite aber aus wie eine Schreibtischoberfl\u00e4che oder ein Skizzenblock: 3D-Elemente in Fotoform oder ausgeschnitten treffen auf Kritzeleien, ein zerbrochener F\u00e4cher begrenzt die Panels, Post-its kleben auf Aquarellbildern &#8230; und so kreativ und, ich m\u00f6chte sagen: flie\u00dfend die visuellen Eindr\u00fccke sind, so ist auch die Geschichte. Kabuki f\u00e4ngt ein neues Leben an, sucht nach einem neuen Namen und einer neuen Berufung. Die findet sie im Schreiben, und das ist dann auch im Prinzip die gesamte Geschichte. Die Story entfaltet sich eher in \u00dcberlegungen, Gedanken, Tr\u00e4umen, den Seiten eines Kinderbuchs und Briefen, die Kabuki an eine gewisse Akemi schreibt, deren Name ein Anagramm f\u00fcr <em>I Make<\/em> ist. Manche S\u00e4tze sind fiese Gl\u00fcckskeksweisheiten (dieser Kritik kommt Autor <a href=\"http:\/\/davidmack.com\/\">David Mack<\/a> aber gleich am Anfang des Buches entgegen, wo er eine Seite fast ausschlie\u00dflich mit Gl\u00fcckskekszetteln gestaltet), manche sind Zitate, wie sie auf jeder Aphorismenseite im Internet vorkommen, aber <a href=\"http:\/\/www.ankegroener.de\/?p=4935\">manche<\/a> geben dem Kopf diesen gewissen Kick, der einen dann nicht schlafen l\u00e4sst oder einen dazu bringt, das eigene Schaffen zu \u00fcberdenken \u2013\u00a0und sich zu fragen: Was geht denn noch? Was kann ich noch machen? Und wieso warte ich darauf, bis mir jemand eine Erlaubnis dazu gibt anstatt einfach *jetzt* mit irgendwas anzufangen?<\/p>\n<p><strong><a href=\"http:\/\/www.oesterle-illustration.com\/\">Uli Oesterle<\/a> \u2013 <em><a href=\"http:\/\/www.carlsen.de\/web\/comic\/hector_umbra\/hector_umbra_special_index\">Hector Umbra<\/a><\/em><\/strong><\/p>\n<p>Noch eine gro\u00dfe Empfehlung. DJ Osaka, ein Freund vom kettenrauchenden, j\u00e4germeisterschluckenden Hector, verschwindet eines Abends w\u00e4hrend eines Gigs. Hector macht sich auf die Suche und trifft dabei nicht nur eine scheinbar Geistesgest\u00f6rte, die mit schwarzer Farbe \u201ePortale\u201c verschlie\u00dfen will, sondern auch einen gerade verstorbenen Kumpel, einen kleinen Jungen, dessen Vater von Parasiten befallen ist, die nur er sehen kann, und viele weitere Menschen und &#8230; \u00e4h &#8230; Wesen, die alle eine Mission haben, zu der Osaka der Schl\u00fcssel ist. <em>Hector Umbra<\/em> vermischt sehr gekonnt das reale M\u00fcnchen (ich sage nur: Hubbsi) mit einer v\u00f6llig irrwitzigen Geschichte von Wahnvorstellungen. Man kann sich nie sicher sein, was auf der n\u00e4chsten Seite passiert, und das Ende setzt allem nochmal eine Krone auf. Ich fand die Zeichnungen und die Kolorierung sehr gelungen, die Dialoge noch viel mehr, und w\u00fcrde Herrn Umbra gerne durch weitere B\u00e4nde begleiten.<\/p>\n<p><strong>Marcel Proust \u2013 <em>Auf der Suche nach der verlorenen Zeit 4: Sodom und Gomorrha<\/em><\/strong><\/p>\n<p>Habe ich oben den Anhang gelobt? Ziehe ich hiermit zur\u00fcck. Relativ zu Beginn des vierten Bandes so: \u201eVorahnung auf den Tod von xy.\u201c Ich so: \u201eWaaah! Hey, Anhang, es gibt noch Leute, die wirklich nicht wissen, was in der <em>Recherche<\/em> passiert! Lass das Spoilern!\u201c Anhang so: \u201eWarte, ich hab noch mehr Plotpoints zum Verraten. Also:\u201c Ich so: \u201eWaaah!\u201c Hmpf. Das Tolle ist: Noch ist xy am Leben, das hei\u00dft, ich habe noch drei B\u00e4nde mit Todesvorahnungen vor mir. Oder auch nicht. Vielleicht haucht er\/sie ja schon im f\u00fcnften Band sein\/ihr Leben aus. Notfalls guck ich halt IM ANHANG nach.<\/p>\n<p>Der vierte Band hat den Themenschwerpunkt Homosexualit\u00e4t. Der Titel ist dazu der Schl\u00fcssel: m\u00e4nnliche Homosexuelle werden als Bewohner Sodoms bezeichnet, weibliche als Bewohnerinnen Gomorrhas. Proust skizziert die damals g\u00e4ngige \u201ewissenschaftliche\u201c Erkenntnis, dass Schwule Zwitterwesen seien, die eigentlich lieber eine Frau geworden w\u00e4ren. Deswegen darf eine Hauptfigur auch auf einmal leicht weibliche Wesensz\u00fcge haben, w\u00e4hrend eine andere Figur \u2013 n\u00e4mlich die Geliebte des namenlosen Erz\u00e4hlers \u2013 pl\u00f6tzlich st\u00e4ndig in Gefahr schwebt, von ihren Freundinnen verf\u00fchrt zu werden. Literarische <em>locker room fantasies<\/em> am Strand von Balbec. Ich gebe zu, dass ich bei diesem Band des \u00d6fteren ungl\u00e4ubig geschnauft habe, so seltsam ist auf einmal der Umgangston Prousts mit seinen Figuren und so nervig die Verhaltensweise des Erz\u00e4hlers (\u201eMorgen halte ich um ihre Hand an. Oder ich mach mit ihr Schluss\u201c). Nat\u00fcrlich klopfe ich mir daf\u00fcr immer sofort auf die Finger und murmele, Weltliteratur, Weltliteratur!, aber ich gebe zu, dass ich mich durch diesen Band eher gequ\u00e4lt anstatt lustvoll fortbewegt habe. Trotz der vielen angedeuteten Kussszenen. Hui.<\/p>\n<p><strong>Mary Ann Shaffer &#038; Annie Barrows, <em>The Guernsey Literary and Potato Peel Pie Society<\/em><\/strong><\/p>\n<p>Eine freundliche Zuwendung der <a href=\"http:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/\">Kaltmamsell<\/a>, \u00fcber die ich mich sehr gefreut habe. <em>Guernsey<\/em> ist ein Briefroman \u2013 oder eher: ein Roman, der in Briefen, Telegrammen und Notizen erz\u00e4hlt wird. Was eigentlich egal ist, denn die Form verschwindet sehr schnell hinter ihrem Inhalt. Die Journalistin und Autorin Juliet Ashton hat w\u00e4hrend des 2. Weltkriegs eine Kolumne und ein Buch geschrieben und ist nun, kurz nach Kriegsende, auf der Suche nach einem neuen Stoff. Eines Tages erh\u00e4lt sie einen Brief von der Insel Guernsey: Ein Mann schreibt ihr, er bes\u00e4\u00dfe ein Buch, das einmal ihr geh\u00f6rt habe. Sie fangen an zu korrespondieren, gleichzeitig erh\u00e4lt Juliet den Auftrag, eine Kolumne \u00fcber die Liebe zum Lesen und zu B\u00fcchern zu schreiben, und so entspannt sich ganz unaufgeregt eine sehr vielschichtige Story. Es geht nicht nur um B\u00fccher und wie sie uns retten, sondern auch um die Besetzung Guernseys durch die Deutschen, die Folgen f\u00fcr die Insel bzw. deren Bewohner, gute und schlechte Taten und ihre Folgen und wie scheinbare Kleinigkeiten gro\u00dfe Auswirkungen haben. <em>Guernsey<\/em> ist eines von diesen charmanten B\u00fcchern, die einen warm umfangen und nicht mehr loslassen, bis man sie durchgelesen hat \u2013 und dann gleich nochmal von vorne anfangen m\u00f6chte, weil einem die cleveren, liebevollen, unterhaltsamen Charaktere so ans Herz gewachsen sind. Ganz gro\u00dfe Empfehlung f\u00fcr ein paar entspannte Stunden am Lieblingsleseplatz. Und nochmal ein dickes Danke f\u00fcr das sch\u00f6ne Geschenk.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Eine kurze Erkl\u00e4rung, wie meine derzeit monatlichen B\u00fccherlisten entstehen: Wann immer ich ein Buch durchgelesen habe, \u00f6ffne ich den Blogeintrag, der ziemlich zu Anfang eines Monats entsteht und dann \u00fcber vier Wochen fortgef\u00fchrt wird, und erg\u00e4nze ihn um mein neuestes Leseerlebnis. 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