{"id":42202,"date":"2026-02-19T07:01:50","date_gmt":"2026-02-19T06:01:50","guid":{"rendered":"https:\/\/ankegroener.de\/blog\/?p=42202"},"modified":"2026-02-20T06:41:50","modified_gmt":"2026-02-20T05:41:50","slug":"mittwoch-18-februar-2026-studis-nicht-mehr-abholen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.ankegroener.de\/blog\/?p=42202","title":{"rendered":"Mittwoch, 18. Februar 2026 \u2013 Studis nicht mehr abholen"},"content":{"rendered":"\n<p>Englisch-Professor Walt Hunter schreibt im <em>Atlantic<\/em> dar\u00fcber, dass es Unsinn ist, auf herausfordernde Lekt\u00fcre (oder \u00fcberhaupt Lekt\u00fcre) im Studienalltag zu verzichten, weil angeblich niemand mehr lesen kann oder will: <a href=\"https:\/\/www.theatlantic.com\/ideas\/2026\/02\/youth-reading-books-professors\/685825\/?gift=YztIKBTmvQmJwBZcixGwMnGgmPzmopHG1d0P2z2m58M&amp;utm_source=copy-link&amp;utm_medium=social&amp;utm_campaign=share\">Stop Meeting Students Where They Are<\/a> (Geschenk-Link).<\/p>\n\n\n\n<p><blockquote>\u201eThe image of a college literature class\u00a0hasn\u2019t changed much in the past 50 years. A group of students are sitting around a table, or maybe they\u2019re perched in a lecture hall, looking down at a passage by Melville, reading a sentence out loud, puzzling over a metaphor, feeling the jolt of possibility that comes when their world is reimagined in startling language.\u201c<\/blockquote><\/p>\n\n\n\n<p>Ich mochte Hunters Beschreibung, wie Lesen die Lesende ver\u00e4ndert: \u201efeeling the jolt of possibility that comes when their world is reimagined in startling language.\u201c Diese M\u00f6glichkeit, einen Satz, einen Absatz zu lesen, der pl\u00f6tzlich eine neue Welt \u00f6ffnet oder die vorhandene signifikant ver\u00e4ndert, ist weiterhin gegeben. Ganz egal, wie sehr Studierende sich inzwischen an Smartphones und ChatGPT gew\u00f6hnt haben.<\/p>\n\n\n\n<p>Hunter war besorgt um die Konzentrationsf\u00e4higkeit seiner Studierenden; schlie\u00dflich sagen diverse Studien, die er am Beginn des Artikels zitiert, dass 2024 ein Drittel aller High-School-<em>Seniors<\/em> \u201eno basic reading skills\u201c gehabt h\u00e4tte. Er musste sich auch selbst eingestehen, einen \u201erattled attention span\u201c zu haben; auch f\u00fcr ihn bedeutet es in der Zeit des Internets mehr M\u00fche, sich auf lange und ganz lange Texte zu konzentrieren. Er stellte aber nach der Vergabe seiner durchaus fordernden Lehrpl\u00e4ne fest: Die Studierenden lesen. Und auch hier mochte ich wieder eine Beschreibung, warum Lesen so sch\u00f6n sein kann:<\/p>\n\n\n\n<p><blockquote>\u201eTwo things became clear in the early weeks of class. First, the students were reading. They were reading everything, or most of it. I know this because I had them identify obscure passages, without notes, devices, or books at hand. Second, they were experiencing life in a way that was not easy outside the class and its assignments. They were expected\u2014required\u2014to give huge chunks of time to an activity, reading, that was not monetizing their attention in real time. They had, in effect, taken back their lives, for an hour or two each day. It turned out that American literature, which so often flirts with utopian fantasies of regaining control\u2014hello,\u00a0<em>Walden<\/em>!\u2014could do precisely that.\u201c<\/blockquote><\/p>\n\n\n\n<p>Warum es auf einmal funktioniert hat, dass Studis lesen k\u00f6nnen: weil der Autor auf die zweite Besch\u00e4ftigung des universit\u00e4ren Studiums verzichtete: die ewigen Essays und Hausarbeiten, f\u00fcr die man noch zehn weitere B\u00fccher lesen muss, um das erste wissenschaftlich w\u00fcrdigen zu k\u00f6nnen. Beim folgenden Zitat habe ich mich sehr an die eigene Nase fassen m\u00fcssen: \u201eLong, research-based essay assigments had always worked well for the top students in the class, the ones who were already trained to write.\u201c Damit meine ich nicht den \u201etop student\u201c, sondern \u201etrained to write\u201c. <\/p>\n\n\n\n<p>Ja, f\u00fcr die Werbung zu schreiben, ist etwas anderes als f\u00fcr die Uni. Ja, f\u00fcr ein Blog oder einen launigen Social-Media-Account zu schreiben, ist etwas anderes als f\u00fcr die Uni. Aber jeder geschriebene Satz schult. Ich habe journalistisch gearbeitet, bevor ich Werbung gemacht habe, ich hatte schon zehn Jahre lang fast t\u00e4glich gebloggt, bevor ich mich immatrikulierte. Nat\u00fcrlich wusste ich, wie Schreiben geht, weil ich es <em>gelernt<\/em> hatte, und was fast noch wichtiger ist, ich wusste, wie ich das bisher Gelernte anpassen musste, um nun sinnvollen Text f\u00fcr die Uni zu produzieren. Ich war vermutlich eine der wenigen Studentinnen, die sich das ganze Semester auf die Hausarbeit gefreut hat, weil ich endlich schreiben und nicht nur olle Powerpoint-Folien basteln durfte. Und wie ich selbst \u00fcberrascht und fasziniert feststellen durfte, mochte ich das sehr, zehn B\u00fccher zu einem Kunstwerk zu lesen, um dar\u00fcber schreiben zu k\u00f6nnen. Aber mir ist auch klar geworden, dass anderen das nicht so geht. Vor allem, weil es irrsinnig viel Zeit kostet.<\/p>\n\n\n\n<p>Hunter \u00fcberdachte daher nicht seinen Kanon, jedenfalls nicht grunds\u00e4tzlich, oder zweifelte an, dass Menschen <em>Moby Dick<\/em> lesen k\u00f6nnten. Aber er ver\u00e4nderte die Art, \u00fcber diese Werke zu reflektieren, zum Beispiel durch \u201eflash essays\u201c: Fragen oder Prompts, die schnell bzw. in einem kurzen Zeitraum spontan beantwortet werden sollten. Ohne die \u00fcblichen universit\u00e4ren Hilfsmittel.<\/p>\n\n\n\n<p><blockquote>\u201eI wanted my students to have a taste of the adrenaline and, yes, stress that came from writing when faced with real time constraints. I wanted edge-of-the-seat writing that opened itself up to failure. They would confront their fear without guardrails, without bumpers, without AI-drafted support, without a plan or even a thesis. One student came up to me after the first flash essay, a little frustrated and worried that he wasn\u2019t meeting the mark. He felt like he was writing into the complete unknown, rather than with a plan in mind. I said that was exactly the point.\u201c<\/blockquote><\/p>\n\n\n\n<p>Ich kann den Studi verstehen, mich w\u00fcrde diese Art zu schreiben auch wahnsinnig machen. Jemand von der LMU-Schreibberatung verriet mir mal auf Twitter, dass mein Schreibstil \u201eArchitektin\u201c genannt wird: Ich wei\u00df genau, wo ich hin will, bevor ich den ersten Satz tippe. \u201eInto the complete unknown\u201c zu schreiben, ist f\u00fcr mich eine unangenehme Vorstellung, denn dann habe ich kein Ziel. Wozu soll ich dann Text produzieren?<\/p>\n\n\n\n<p>Diese Art zu schreiben, kommt nat\u00fcrlich aus der Werbung. Wenn du nur 30 Sekunden Zeit f\u00fcr eine Story in einem Fernsehspot hast oder, noch schwieriger, genau eine Headline, damit Leute die Anzeige lesen, solltest du sehr genau wissen, <em>was<\/em> du sagen willst, bevor du tippst. <em>Wie<\/em> du es dann im Endeffekt sagst, l\u00e4sst sich in 100 Korrekturschleifen verfeinern. Das habe ich zumindest meinen Studis in meinen Schreibseminaren vermittelt, aber das hinterfrage ich gerade. Denn: einfach loszuschreiben, kann befreiend sein, wie auch Hunter sagt:<\/p>\n\n\n\n<p><blockquote>\u201eSo I devised simple essay topics that asked students to write about their own difficulties as readers. One was: \u201cWrite about a moment in an Emily Dickinson poem that you don\u2019t understand.\u201d Another was: \u201cWrite about your morning routine, but in the style of Faulkner.\u201d I didn\u2019t want to create 32 new Faulkners. I wanted the students to experience the moment when their own style broke through the imitation, when the attempt to write like Faulkner failed and revealed, as a kind of photonegative, their own emergent voices.\u201c<\/blockquote><\/p>\n\n\n\n<p>Wie gro\u00dfartig ist das denn. Keine pseudokluge, weil angelesene Wiedergabe von fremden Positionen, sondern das Abarbeiten am eigenen Unverst\u00e4ndnis. Die Konfrontation mit Fragen anstatt die Suche nach der einen Antwort, die es eh nicht gibt. Und: das Gequatsche, was ein gewisser Bundeskanzler sich mal wieder nicht verkneifen konnte von wegen Forschung, Wertsch\u00f6pfung: nat\u00fcrlich Unsinn. Die Geisteswissenschaften m\u00fcssen sich leider seit jeher daf\u00fcr verteidigen, dass sie Menschen grunds\u00e4tzlich erst einmal beibringen, Fragen zu stellen, was meiner Meinung nach der Sinn jeder Forschung sein sollte, aber das sieht Herr Merz anscheinend anders. Launig rausgerotzte Quatsch-Positionen sind auch einfacher.<\/p>\n\n\n\n<p>Abschlie\u00dfend erinnert Hunter daran, dass Lesen eben immer mehr ist als Lesen: Fragen stellen, nachdenken, Positionen \u00fcberdenken. Und noch mehr:<\/p>\n\n\n\n<p><blockquote>\u201eBut the whole notion of having to defend literature or the humanities in the first place may have us wrong-footed. It\u2019s not only what you learn from reading&nbsp;<em>Moby-Dick<\/em>\u2014notwithstanding Melville\u2019s extensive knowledge of 19th-century whaling\u2014but what you are doing when you are reading&nbsp;<em>Moby-Dick<\/em>. You are neither learning a transferable skill nor escaping from the world\u2019s demands that you do. You are not word-maxxing or optimizing information for efficiency. You are engaged in a singular practice, one with its own primary justification.<\/blockquote><\/p>\n\n\n\n<p><blockquote>The students I taught last semester turned enthusiastically to Faulkner and spent their time reading about the journey of the Bundren family to bury their mother\u2019s body. Why did they do this? Because I asked them to, and told them it was worth it. I said that time was precious, and that we needed to take some of it back for ourselves. So we did.\u201c<\/blockquote><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Englisch-Professor Walt Hunter schreibt im Atlantic dar\u00fcber, dass es Unsinn ist, auf herausfordernde Lekt\u00fcre (oder \u00fcberhaupt Lekt\u00fcre) im Studienalltag zu verzichten, weil angeblich niemand mehr lesen kann oder will: Stop Meeting Students Where They Are (Geschenk-Link). \u201eThe image of a college literature class\u00a0hasn\u2019t changed much in the past 50 years. A group of students are [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":10,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[],"class_list":["post-42202","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-weblog"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.ankegroener.de\/blog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/42202","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.ankegroener.de\/blog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.ankegroener.de\/blog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.ankegroener.de\/blog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/10"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.ankegroener.de\/blog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=42202"}],"version-history":[{"count":12,"href":"https:\/\/www.ankegroener.de\/blog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/42202\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":42218,"href":"https:\/\/www.ankegroener.de\/blog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/42202\/revisions\/42218"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.ankegroener.de\/blog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=42202"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.ankegroener.de\/blog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=42202"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.ankegroener.de\/blog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=42202"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}