{"id":41412,"date":"2024-06-25T08:20:39","date_gmt":"2024-06-25T07:20:39","guid":{"rendered":"https:\/\/ankegroener.de\/blog\/?p=41412"},"modified":"2024-06-25T10:10:09","modified_gmt":"2024-06-25T09:10:09","slug":"samstag-22-juni-2024-besuch-im-ostpreusischen-landesmuseum","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.ankegroener.de\/blog\/?p=41412","title":{"rendered":"Samstag, 22. Juni 2024 \u2013 Besuch im Ostpreu\u00dfischen Landesmuseum"},"content":{"rendered":"<p>Das M\u00fctterchen stammt aus Ostpreu\u00dfen, verlie\u00df 1947 mit ihrer Mutter, ihrer Tante und deren zwei kleinen Kindern das nun polnische Gebiet und kam in die SBZ. 1951 siedelten sie alle nach Westdeutschland \u00fcber. 1981 besuchte sie mit ihrer Tante erneut das ehemalige Heimatd\u00f6rfchen in der N\u00e4he von <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Bartoszyce\">Bartenstein (Bartoszyce)<\/a>, legte Fotos von der Reise in einem dicken Ordner ab und schrieb ihre Gedanken dazu auf.<\/p>\n<p>&#8212;<\/p>\n<p>Das <a href=\"https:\/\/www.ostpreussisches-landesmuseum.de\/\">Ostpreu\u00dfische Landesmuseum<\/a> wurde 1958 als Jagdmuseum gegr\u00fcndet. Auf seiner Website steht mehr zur <a href=\"https:\/\/www.ostpreussisches-landesmuseum.de\/museum\/geschichte-des-museums\/\">Geschichte<\/a> und auch, warum es ausgerechnet in L\u00fcneburg ist: <\/p>\n<blockquote><p>\u201eNiedersachsen wird nach dem Zweiten Weltkrieg Hauptansiedlungsgebiet von Millionen Fl\u00fcchtlingen und Vertriebenen aus den damals deutschen Ostgebieten jenseits von Oder und Nei\u00dfe. In der L\u00fcneburger Region sind Anfang der 1950er Jahre so viele Ostpreu\u00dfen ans\u00e4ssig, dass man hier zeitweilig vom \u201aKlein-Ostpreu\u00dfen in der L\u00fcneburger Heide\u2018 spricht.\u201c<\/p><\/blockquote>\n<p>Die derzeitige Dauerausstellung wurde erst 2018 er\u00f6ffnet, was man merkt: Sie ist didaktisch ziemlich weit vorn. Ich zitiere erneut die Website:<\/p>\n<blockquote><p>\u201eAuf 2.000 qm ist, \u00fcber drei Etagen verteilt, eine abwechslungsreiche, vielfach zum Ausprobieren und Mitmachen einladende Ausstellung entstanden, die sich an Familien und Touristen richtet. Neben einer m\u00f6glichst vollst\u00e4ndigen Darstellung der faszinierenden Kulturgeschichte und einzigartigen Landschaft Ostpreu\u00dfens sind eine eigenst\u00e4ndige Deutschbaltische Abteilung sowie ein gro\u00dfes Modul \u00fcber das Schicksal der Fl\u00fcchtlinge und Vertriebenen nach 1945 hinzugekommen.\u201c <\/p><\/blockquote>\n<p>Schwester, Schwager, das M\u00fctterchen, F. und ich besuchten das Museum am vergangenen Wochenende und schw\u00e4rmten auf der R\u00fcckfahrt recht ausf\u00fchrlich davon, wie gut alles aufbereitet und betextet war. Ich nehme die Pointe der folgenden vielen Zeilen schon mal vorweg, wir haben ja alle keine Zeit: Fahrt da mal vorbei, das lohnt sich. Nicht von der etwas trutschigen Website abschrecken lassen.<\/p>\n<p>&#8212;<\/p>\n<p>Nachdem wir unsere Eintrittskarten hatten und vor dem ersten Raum standen, fragte uns eine freundliche Dame, die uns Flyer mit Stockwerk\u00fcbersichten und Sonderausstellungen in die Hand dr\u00fcckte, warum wir denn hier seien. Schwager meinte, dass das M\u00fctterchen aus Ostpreu\u00dfen stamme, woraufhin der Satz kam: \u201eDas ist hier aber kein Heimatmuseum.\u201c Wir wussten also schon von Anfang an, dass es hier nicht darum ginge, die gute, alte Zeit, die eh keine gute war, wieder aufleben zu lassen, wom\u00f6glich noch revisionistisch gesch\u00f6nt. Das gefiel.<\/p>\n<p>Wir begannen im Erdgeschoss, wo es historisch losging: Wer waren diese <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Pru%C3%9Fen\">Pru\u00dfen<\/a> denn \u00fcberhaupt, was war der <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Deutschordensstaat\">Deutsche Orden bzw. dessen Staat<\/a> und was gab&#8217;s noch so in der langen Geschichte des Landstrichs. Dem Deutschen Orden war ich schon in der Diss begegnet, weil die <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Marienburg_(Ordensburg)\">Marienburg<\/a> ein Motiv war, das Protzen in seiner unr\u00fchmlichen Serie \u201eDeutscher Osten\u201c mehrfach gemalt hatte. Ich zitiere die eben verlinkte Wikipedia: \u201eAb 1933 ideologisierte der Nationalsozialismus den Deutschen Orden und damit auch die Marienburg, \u00e4hnlich wie das <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Tannenberg-Denkmal\">Tannenberg-Denkmal<\/a>.\u201c Ostpreu\u00dfen war auf einmal schon immer deutsch, obwohl es, soweit ich es bisher \u00fcberblicken kann, eher ein wildes Gemisch an Kultur, Sprache und Menschen war.<\/p>\n<p>Gleich im zweiten Raum sah ich zum ersten Mal eine sogenannte Schrein-Madonna (1400\/1401) und ab da hatte der Laden gewonnen. Die Madonna kann man auch im ersten der <a href=\"https:\/\/www.ostpreussisches-landesmuseum.de\/ausstellungen\/virtueller-rundgang\/\">virtuellen Rundg\u00e4nge<\/a> gleich zu Beginn gut sehen.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/ankegroener.de\/blog\/..\/Bilder\/IMG_5430.jpg\" alt=\"\" width=\"500\" height=\"696\" class=\"alignnone size-full wp-image-41418\" \/><\/p>\n<p>Im geschlossenen Zustand sieht man eine Madonna, die ein Jesuskind im Arm h\u00e4lt. Im ge\u00f6ffneten Zustand \u201edr\u00e4ngen sich Frauen und M\u00e4nner verschiedener gesellschaftlicher St\u00e4nde, K\u00f6nig, Papst, Bischof, Adelige, B\u00fcrger, Geistige\u201c unter den \u201egoldenen Mantel, den Maria mit ihren Armen aufzuhalten scheint. [&#8230;] Alle knien anbetend vor dem Bild des thronenden Gottvaters, der den gekreuzigten Christus pr\u00e4sentiert.\u201c Schon hier sp\u00fcrbar: gute Texte, kein Geschwafel, nicht zu lang, auf den Punkt und informativ.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/ankegroener.de\/blog\/..\/Bilder\/IMG_5432.jpg\" alt=\"\" width=\"500\" height=\"778\" class=\"alignnone size-full wp-image-41419\" \/><\/p>\n<p>Im n\u00e4chsten Raum wartete das Gold der Ostsee auf uns: der <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Bernstein\">Bernstein<\/a>. Ich hatte erwartet, dass man ein bisschen Schmuck rumliegen l\u00e4sst, aber stattdessen gab es sch\u00f6nstes Kunsthandwerk, unglaublich toll ausgearbeitet, dazu die Story vom <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Bernsteinzimmer\">Bernsteinzimmer<\/a> per Foto und eine riesige Wand mit lauter einzelnen Steinen, die man per Lupe genauer betrachten konnte. Au\u00dferdem hing dort ein Gem\u00e4lde, das einen Bernsteinfischer zeigte. Generell gab es nicht nur Vitrine, Text, Vitrine, Text, schnarch, sondern alles wurde immer durch besondere Exponate um etwas Fassbares, Nahbares erweitert.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/ankegroener.de\/blog\/..\/Bilder\/IMG_5438.jpg\" alt=\"\" width=\"500\" height=\"466\" class=\"alignnone size-full wp-image-41420\" \/><br \/>\nHeinrich Rudolf Krauskopf: \u201eBernsteinfischer\u201c (1920er Jahre).<\/p>\n<p>Im Nebenraum konnte man sich \u00fcber Flora und Fauna des Ostseeraums informieren, da schlenderte ich nur durch, nutzte aber die Gelegenheit, Felle von Elchen, Schafen und noch mehr Tieren anzufassen, die dort f\u00fcr Kinder bereit lagen (und f\u00fcr neugierige Ankes). \u00dcberhaupt war, soweit ich mich erinnere, in so gut wie jedem Raum irgendwas f\u00fcr Kinder. F. meinte im Nachhinein, dass er sich gerade zu den Themen NS und Flucht immer die Kindertexte durchgelesen habe. Das h\u00e4tte ich auch machen sollen, er fand sie alle sehr gut. Das glaube ich ihm mal.<\/p>\n<p>In einem abgetrennten Raum konnte man sich selbst an einem Glockenspiel versuchen \u2013 mit \u201eNoten\u201c anbei, also 1, 3, 5 oder so f\u00fcr die Tonfolge der f\u00fcnf kleinen Glocken. Mit einem Gummikl\u00f6ppel durfte man auch auf etwas gr\u00f6\u00dferen Glocken rumdengeln. Erneut: schon gewonnen. \u00dcber all dem Spa\u00df habe ich nat\u00fcrlich vergessen nachzulesen, auf was ich gerade rumdengele.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/ankegroener.de\/blog\/..\/Bilder\/IMG_5440.jpg\" alt=\"\" width=\"500\" height=\"667\" class=\"alignnone size-full wp-image-41421\" \/><\/p>\n<p>Im Erdgeschoss gab es au\u00dferdem noch eine kleine Ecke zu Literaten (wei\u00df gerade nicht, ob auch Frauen dabei waren) aus Ostpreu\u00dfen; nat\u00fcrlich war auch <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Ernst_Wiechert\">Ernst Wiechert<\/a> vertreten, von dem ich im letzten Jahr mehrere B\u00fccher <a href=\"https:\/\/ankegroener.de\/blog\/?p=40089\">gelesen hatte<\/a>. Ihn kannte ich aus dem m\u00fctterlichen B\u00fccherregal, sie hat einige Werke von ihm.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/ankegroener.de\/blog\/..\/Bilder\/IMG_5435.jpg\" alt=\"\" width=\"500\" height=\"602\" class=\"alignnone size-full wp-image-41422\" \/><br \/>\n<a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Leo_von_K%C3%B6nig\">Leo von K\u00f6nig<\/a>: \u201eDer Schriftsteller Ernst Wiechert\u201c (1939).<\/p>\n<p>Im ersten Stock ging es f\u00fcr mich gleich mit Kunst weiter. Ein Wandtext wies darauf hin, dass es nicht viele bekannte ostpreu\u00dfische K\u00fcnstler*innen g\u00e4be, was auch damit zusammenhinge, dass viele durch Krieg und Flucht ihre Werke verloren h\u00e4tten. Das lasse ich mal so stehen, auch wenn ich behaupte: Wenn es welche gegeben h\u00e4tte, h\u00e4tten wir heute ein paar Ausstellungskataloge, Auktionsergebnisse oder simple Presseberichte. Die bekanntesten K\u00fcnstler*innen aus dieser Ecke sind vermutlich <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Lovis_Corinth\">Lovis Corinth<\/a> und <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/K%C3%A4the_Kollwitz\">K\u00e4the Kollwitz<\/a>, von der auch eine tolle Pieta zu sehen ist: Sie stammt aus dem Nachlass von Wiechert.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/ankegroener.de\/blog\/..\/Bilder\/IMG_5452.jpg\" alt=\"\" width=\"500\" height=\"590\" class=\"alignnone size-full wp-image-41423\" \/><br \/>\nK\u00e4the Kollwitz: \u201ePieta\u201c, Zinngu\u00df von 1942.<\/p>\n<p>Ich gucke bei Kunst ab 1933 ja generell kritisch auf alle Schildchen an den Werken; bei einem weiblichen Akt am malerischen Ostseestrand von 1939 wurde immerhin der von der \u201enationalsozialistischen Kunstpropaganda bevorzugte Stil\u201c sowie der \u201eim \u201aDritten Reich\u2018 propagierte Typ des \u201aarischen\u2018 Menschen\u201c erw\u00e4hnt. Bei den meisten anderen Landschaften oder Geb\u00e4udeansichten wurde mir etwas zu oft der neusachliche Malstil erw\u00e4hnt, der diese Werke elegant verbal von der offiziellen Kunst abgrenzt, ohne dass sie es wirklich waren. Aber wir sind hier ja nicht in einem Kunstmuseum, und daf\u00fcr fand ich den Bereich sehr ordentlich und ausf\u00fchrlich. <\/p>\n<p>Der erste Stock besch\u00e4ftigt sich n\u00e4mlich vor allem mit der Zeit des ausgehenden 19. Jahrhunderts, dem Ersten Weltkrieg, Weimar und der Zeit des Nationalsozialismus. Was ich nicht wusste: dass Menschen bereits im Ersten Weltkrieg schon einmal aus Ostpreu\u00dfen fliehen mussten. Wie ein Wandtext richtig sagte: Bei WWI denke ich eher an die Westfront und Verdun, aber nicht an die Angriffe der russischen Armee im Osten des Deutschen Reichs. Die Geflohenen konnten bereits nach relativ kurzer Zeit wieder in ihre Heimat zur\u00fcckkehren, was nach 1945 die Hoffnung aufrecht erhielt, erneut wiederkehren zu k\u00f6nnen. Das war mir nicht klar, dass diese Hoffnung durch etwas bereits Erlebtes verst\u00e4rkt wurde und nicht nur irrationale Sehnsucht war.<\/p>\n<p>F\u00fcr mich ebenfalls faszinierend: ein Exemplar des <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Friedensvertrag_von_Versailles\">Versailler Vertrag<\/a>s. Ich hatte noch nie dar\u00fcber nachgedacht, dass dieses Dokument nat\u00fcrlich erst einmal etwas ist, was auf Papier vor mir liegt. F\u00fcr mich ist \u201eVersailles\u201c durch die ganze Besch\u00e4ftigung mit dem NS ein bl\u00f6des Schlagwort geworden. Und so stand ich etwas l\u00e4nger vor der Vitrine, wo genau dieser Vertrag lag, in englischer und franz\u00f6sischer <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Antiqua\">Antiqua<\/a> sowie in deutscher <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Fraktur_(Schrift)\">Fraktur<\/a>.<\/p>\n<p>Das Thema NS begann mit einer riesigen Karte, die die Verluste der Zivilbev\u00f6lkerung sowie der Armeen der jeweiligen L\u00e4nder visualisierte. Das fand ich sehr clever, gleich von Anfang an klarzumachen, welches Unheil von Deutschland und den Achsenm\u00e4chten \u00fcber die Welt gebracht wurde. Keine Ausrede f\u00fcr das zweite Stockwerk m\u00f6glich, in dem es dann um die Flucht und Vertreibung der deutschen Bev\u00f6lkerung aus den Ostgebieten ging. F. merkte allerdings kritisch an, dass zum Beispiel einige Opfer Japans nicht aufgef\u00fchrt waren <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/R%C3%BCckeroberung_der_Philippinen\">wie die Philippinen<\/a>. Ich meine, auch <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Korea_unter_japanischer_Herrschaft\">Korea<\/a> war nicht erw\u00e4hnt, das von Japan (bereits vor 1933) besetzt war; das erfuhr ich \u00fcbrigens erst durch den Roman \u201e<a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Lee_Min_Jin\">Pachinko<\/a>\u201c, das wusste ich vorher nicht, ich hatte immer nur China als besetztes Land wahrgenommen. Ja, man kann nicht alles wissen, aber mir wurde wieder einmal klar, wie eurozentriert meine Bildung war und vermutlich immer noch ist.<\/p>\n<p>Bisher waren wir alle in unserem eigenen Tempo gegangen, ich hatte auch schon den zweiten Stock halb durch, als das M\u00fctterchen und meine Schwester die Treppe hochkamen. Ab da an blieben wir zusammen, weil ich Mama mit dem Thema Flucht und Vertreibung nicht alleine lassen wollte. Es gab einige H\u00f6rstationen, teilweise mit einer Art Hologramm der Erz\u00e4hlenden, die von ihrer Flucht aus Ostpreu\u00dfen berichten. An einer H\u00f6rstation war auch eine heutige Perspektive zu h\u00f6ren, weil Fluchterfahrungen ja anscheinend nie aufh\u00f6ren. Das fand ich sehr gut, das so simpel klarzumachen. Es gab Schauk\u00e4sten mit Daten und Zahlen, zum Beispiel die oben angesprochenenen Fl\u00fcchtlingszahlen, die unterbrochen wurden mit Objekten aus der Zeit, Dinge, die mitgenommen wurden, Dinge, die nun neu hinzukamen und jahrzehntelang aufbewahrt wurden. Mit hat besonders eine weitere H\u00f6rstation gefallen, an der man ostpreu\u00dfische Dialekte h\u00f6ren konnte, die inzwischen vermutlich so gut wie ausgestorben sind. Meine Omi hat so eine Art Plattdeutsch gesprochen, aber ich habe das immer irgendwie an die westdeutsche Nordseek\u00fcste verortet, nie in den Osten, wie mir ernsthaft erst im Museum auffiel. Wenn sie ihren Dialekt sprach, konnte ich sie nicht mehr verstehen. An der Station war auch die inoffizielle Hymne zu h\u00f6ren, \u201e<a href=\"https:\/\/youtu.be\/CXPbMPwerHM?si=PIiSZVBy8CclXqFQ\">Land der dunklen W\u00e4lder<\/a>\u201c. Das erwischt mich leider immer, nicht weil ich mich auch nur im Ansatz irgendwie ostpreu\u00dfisch f\u00fchle, sondern weil es ein fieser Tr\u00e4nendr\u00fccker ist.<\/p>\n<p>Ich verlinke mal nicht die unvermeidliche Heino-Version. Die YouTube-Kommentare sind da besonders aufschlussreich: von \u201eWir sollten es wieder heimholen\u201c bis \u201eDas ganze Deutschland soll es sein.\u201c Herrgottnochmal.<\/p>\n<p>Die Ausstellung endet mit dem Ankommen in Niedersachsen, der Vertriebenenpolitik in Bundesrepublik und DDR sowie der heutigen Erinnerungskultur. Eine Tafel wies darauf hin, dass die \u00fcbern\u00e4chste Generation sich der Heimat der Vorfahren unbefangener n\u00e4hern kann und schlichtes Interesse am heutigen Polen bzw. an Litauen zeigt. H\u00e4tte ich bis zum Lesen der Heino-Kommentare auch abgenickt. Eines meiner liebsten Exponate war ein Kochbuch, das ewig beim M\u00fctterchen im Schrank stand und heute bei mir wohnt sowie ein paar Rezeptkarten zum Mitnehmen, nach denen ich jetzt ostpreu\u00dfisch kochen kann. Das Rezept mit Pansen lasse ich einfach mal weg.<\/p>\n<p>&#8212;<\/p>\n<p>Abends beim gemeinsamen Grillen sprachen wir weiter \u00fcber das Gesehene, das M\u00fctterchen hatte in der Ausstellung nat\u00fcrlich auch schon erz\u00e4hlt, aber so konnten wir nochmal \u00fcber alles in Ruhe reden. Sie bedankte sich quasi alle f\u00fcnf Minuten f\u00fcr den sch\u00f6nen Tag. Sie meinte auch, nat\u00fcrlich wusste man im Erdgeschoss schon, was oben f\u00fcr ein Thema kommt, aber sie konnte vorher beide Stockwerke interessiert mit uns begehen und hat sich gefreut, dass wir oben bei ihr waren und Fragen gestellt haben.<\/p>\n<p>Ich bl\u00e4tterte danach noch einmal den Ordner durch, in dem sie ihre Reise von 1981 nicht nur in Fotos, sondern auch in kurzen Texten festgehalten hatte. Auf der ersten Seite schrieb sie vom Beginn der Reise, auf der fast alles Menschen im Alter meiner Tante waren, also die Jahrg\u00e4nge um 1920, meine Mutter geh\u00f6rte zu den J\u00fcngsten, und fast alle hatten Flucht oder Vertreibung hinter sich. Daher waren die ersten Gespr\u00e4che auch alle eher traurig, man berichtete von schlimmen Ereignissen. Im Laufe der Tage in Polen wich das aber anscheinend einfach der Erinnerung an Orte und Personen. Hier ein paar S\u00e4tze von der letzten Seite im Ordner:<\/p>\n<blockquote><p>\u201eAbschlie\u00dfend kann man \u00fcber unsere Reise nach Ostpreu\u00dfen wohl sagen, dass wir manchmal die Tr\u00e4nen nicht zur\u00fcckhalten konnten, oft wehm\u00fctig gestimmt waren, dass wir aber selten entt\u00e4uscht und nie verbittert, dass wir vielmehr oft fr\u00f6hlich waren und viel gelacht haben, so dass es weniger \u201aeine Reise in die Vergangenheit\u2018 war als vielmehr eine Reise zu St\u00e4tten, die f\u00fcr uns Vergangenheit und Gegenwart sind, f\u00fcr die dort lebenden Menschen jedoch St\u00e4tten der Gegenwart und der Zukunft.\u201c<\/p><\/blockquote>\n<p>Da hat das M\u00fctterchen mal eben einen f\u00fcr mich sehr gro\u00dfen Satz runtergeschrieben.<\/p>\n<p>&#8212;<\/p>\n<p>Aus dem Museumsshop nahm ich mir von Andreas Kossert \u201e<a href=\"https:\/\/www.perlentaucher.de\/buch\/andreas-kossert\/ostpreussen.html\">Ostpreu\u00dfen. Geschichte und Mythos<\/a>\u201c mit. Vom Verfasser las ich vor zwei Jahren \u201e<a href=\"https:\/\/www.perlentaucher.de\/buch\/andreas-kossert\/kalte-heimat.html\">Kalte Heimat. Die Geschichte der deutschen Vertriebenen nach 1945<\/a>\u201c, das ich sehr empfehlen kann.<\/p>\n<p>&#8212;<\/p>\n<p>Ich sag das nochmal zur Sicherheit, die Erw\u00e4hnung ist ja schon ein paar Zeilen her: Besucht doch mal das <a href=\"https:\/\/www.ostpreussisches-landesmuseum.de\/\">Ostpreu\u00dfische Landesmuseum<\/a>.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das M\u00fctterchen stammt aus Ostpreu\u00dfen, verlie\u00df 1947 mit ihrer Mutter, ihrer Tante und deren zwei kleinen Kindern das nun polnische Gebiet und kam in die SBZ. 1951 siedelten sie alle nach Westdeutschland \u00fcber. 1981 besuchte sie mit ihrer Tante erneut das ehemalige Heimatd\u00f6rfchen in der N\u00e4he von Bartenstein (Bartoszyce), legte Fotos von der Reise in [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":10,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[],"class_list":["post-41412","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-weblog"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.ankegroener.de\/blog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/41412","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.ankegroener.de\/blog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.ankegroener.de\/blog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.ankegroener.de\/blog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/10"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.ankegroener.de\/blog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=41412"}],"version-history":[{"count":14,"href":"https:\/\/www.ankegroener.de\/blog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/41412\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":41435,"href":"https:\/\/www.ankegroener.de\/blog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/41412\/revisions\/41435"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.ankegroener.de\/blog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=41412"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.ankegroener.de\/blog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=41412"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.ankegroener.de\/blog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=41412"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}