{"id":40522,"date":"2024-01-27T13:58:27","date_gmt":"2024-01-27T12:58:27","guid":{"rendered":"https:\/\/ankegroener.de\/blog\/?p=40522"},"modified":"2024-02-03T20:32:30","modified_gmt":"2024-02-03T19:32:30","slug":"freitag-26-januar-2024-lotto-und-orwell","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.ankegroener.de\/blog\/?p=40522","title":{"rendered":"Freitag, 26. Januar 2024 \u2013\u00a0Lotto und Orwell"},"content":{"rendered":"<p>F. und ich schafften es endlich in die <a href=\"https:\/\/www.pinakothek.de\/de\/venezia500\">Ausstellung zur venezianischen Malerei<\/a>, die noch eine Woche in der Alten Pinakothek zu bewundern ist. Ich freute mich vor allem \u00fcber ein Wiedersehen mit meinem Lieblings-Lotto, der seit einiger Zeit nicht mehr in der st\u00e4ndigen Sammlung zu sehen ist (WIESO NICHT?). Und sobald ich vor dem Werk stand, fiel ich wieder in den gr\u00fcnen Samtvorhang, der die Szene umschirmt und war mit der Welt vers\u00f6hnt.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/ankegroener.de\/blog\/..\/Bilder\/IMG_4414.jpg\" alt=\"\" width=\"500\" height=\"402\" class=\"alignnone size-full wp-image-40530\" \/><\/p>\n<p>Lorenzo Lotto: \u201e<a href=\"https:\/\/www.sammlung.pinakothek.de\/de\/artwork\/PdxzE3V4w5\/lorenzo-lotto\/die-mystische-vermaehlung-der-hl-katharina\">Die mystische Verm\u00e4hlung der hl. Katharina<\/a>\u201c, um 1506, Holz, 71.3 x 91,2, Bayerische Staatsgem\u00e4ldesammlungen.<\/p>\n<p>Unter den Links verbergen sich deutlich bessere Abbildungen als meine schnellen Handyfotos, die ich nur gemacht habe, damit ich mir merken konnte, zu welchen Werken ich etwas erz\u00e4hlen m\u00f6chte.<\/p>\n<p>Von Lotto hingen mehrere Werke in der Ausstellung, was mich sehr gefreut hat. Diese Dame hatte es mir angetan:<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/ankegroener.de\/blog\/..\/Bilder\/IMG_4410.jpg\" alt=\"\" width=\"500\" height=\"601\" class=\"alignnone size-full wp-image-40529\" \/><\/p>\n<p>Lorenzo Lotto: \u201e<a href=\"http:\/\/mba-collections.dijon.fr\/ow4\/mba\/voir.xsp?id=00101-14090&#038;qid=sdx_q0&#038;n=1&#038;e=\">Bildnis einer Frau<\/a>\u201c, um 1505, Holz, 36 x 28 cm, Mus\u00e9e des Beaux-Arts, Dijon. (Ich muss nach Dijon.)<\/p>\n<p>Erstens: Auch hier ein gr\u00fcner Vorhang. Zweitens: Ich f\u00fchlte mich gesehen. Die Frau ist nicht besonders h\u00fcbsch oder besonders schlank, aber hey, sie wurde f\u00fcr w\u00fcrdig gehalten, gemalt zu werden. Eat this, \u00fcberirdisch sch\u00f6ne Allegorien und griechische G\u00f6ttinnen, die \u00fcberall rumh\u00e4ngen und -stehen. Ich mochte das Bild einfach, es war so, Vorsicht, doofes Wort, normal. <\/p>\n<p>Noch etwas normales. Der normalste Jesus, den ich je gesehen habe.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/ankegroener.de\/blog\/..\/Bilder\/IMG_4416.jpg\" alt=\"\" width=\"500\" height=\"630\" class=\"alignnone size-full wp-image-40531\" \/><\/p>\n<p>Venezianisch: \u201eKreuztragender Christus\u201c, um 1515, Holz, 63 x 46,3 cm, Kunsthistorisches Museum Wien.<\/p>\n<p>Ich frage mich, ob wir an dem Jesus in Wien immer vorbeigelaufen sind, weil dort sehr, sehr, sehr viele Jesusse h\u00e4ngen oder ob der im Depot war; <strike>in der <a href=\"https:\/\/www.khm.at\/objektdb\/\">Online-Sammlung<\/a> scheint er nicht zu sein<\/strike> Edit: danke f\u00fcr den Hinweis, er ist doch <a href=\"https:\/\/www.khm.at\/objektdb\/detail\/2041\/\">online<\/a>). Hier, in einer deutlich kleineren Ansammlung, fiel er total auf und hat es auch aufs Ausstellungsplakat geschafft. <\/p>\n<p>Mich faszinierte der Blick \u00fcber die Schulter, auf der gerade nicht das schwere Kreuz liegt, das der Mann zu seiner eigenen Hinrichtung schleift. Und dieser Blick passt so gar nicht zu der abgebildeten T\u00e4tigkeit. Ich fand ihn, wie eben erw\u00e4hnt, so normal, was f\u00fcr mich zun\u00e4chst nicht stimmig war, aber dann genau doch. <\/p>\n<p>Ich musste an die Kurzgeschichte \u201e<a href=\"https:\/\/www.orwellfoundation.com\/the-orwell-foundation\/orwell\/essays-and-other-works\/a-hanging\/\">A Hanging<\/a>\u201c von George Orwell denken, die ich seit \u00fcber 20 Jahren im Hinterkopf habe. Hier der entscheidende Ausschnitt, in dem Orwell einen Gefangenen beschreibt, der auf dem Weg zum Galgen ist:<\/p>\n<blockquote><p>\u201eIt was about forty yards to the gallows. I watched the bare brown back of the prisoner marching in front of me. He walked clumsily with his bound arms, but quite steadily, with that bobbing gait of the Indian who never straightens his knees. At each step his muscles slid neatly into place, the lock of hair on his scalp danced up and down, his feet printed themselves on the wet gravel. And once, in spite of the men who gripped him by each shoulder, he stepped slightly aside to avoid a puddle on the path.<\/p>\n<p>It is curious, but till that moment I had never realized what it means to destroy a healthy, conscious man. When I saw the prisoner step aside to avoid the puddle, I saw the mystery, the unspeakable wrongness, of cutting a life short when it is in full tide. This man was not dying, he was alive just as we were alive. All the organs of his body were working \u2013bowels digesting food, skin renewing itself, nails growing, tissues forming\u2013all toiling away in solemn foolery. His nails would still be growing when he stood on the drop, when he was falling through the air with a tenth of a second to live. His eyes saw the yellow gravel and the grey walls, and his brain still remembered, foresaw, reasoned \u2013 reasoned even about puddles. He and we were a party of men walking together, seeing, hearing, feeling, understanding the same world; and in two minutes, with a sudden snap, one of us would be gone \u2013 one mind less, one world less.\u201c<\/p><\/blockquote>\n<p>So schaut f\u00fcr mich Jesus. Er weicht hier keiner Pf\u00fctze aus, aber vielleicht hat jemand in der Menge nach ihm gerufen und er dreht sich nach dorthin um, wie man sich eben sein ganzes Leben lang jemandem zuwendet, der den eigenen Namen ruft. Er sieht f\u00fcr mich nicht so aus, als w\u00fcrde er in diesem Moment an seine Aufgabe denken, die vor ihm liegt, der f\u00fcrchterliche Tod, das lange Leiden. Er lebt, er ist mitten im Leben und er hat kurz vergessen, dass dieses in nicht allzulanger Zeit vorbei ist.<\/p>\n<p>(Ich muss immer eine kurze Pause machen, wenn ich an diese Short Story denke. Deswegen hier ein sch\u00f6nes Frauenportr\u00e4t, zu dem ich nichts zu sagen habe, aber ich mochte es sehr gern.)<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/ankegroener.de\/blog\/..\/Bilder\/IMG_4405.jpg\" alt=\"\" width=\"500\" height=\"545\" class=\"alignnone size-full wp-image-40525\" \/><\/p>\n<p>Sebastian del Piombo: \u201eBildnis einer jungen Frau\u201c, um 1506\/07, Holz, 33,6 x 28,6 cm, The Faringdon Collection, Buscot Park. Die <a href=\"https:\/\/buscot-park.com\/faringdon-collection\/paintings-at-buscot\">Website<\/a> ist f\u00fcrchterlich, bitte selbst nach der Dame suchen (Katalognummer 48). Wobei hier mein Handyfoto echt besser ist als das auf der Website. Seufz.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/ankegroener.de\/blog\/..\/Bilder\/IMG_4408-1.jpg\" alt=\"\" width=\"500\" height=\"567\" class=\"alignnone size-full wp-image-40527\" \/><\/p>\n<p>Lorenzo Lotto: \u201e<a href=\"https:\/\/www.collezionegalleriaborghese.it\/opere\/ritratto-di-uomo-mercurio-bua\">Bildnis eines Mannes (Mercurio Bua?)<\/a>\u201c, um 1535, Leinwand, 118 x 105 cm, Galleria Borghese, Rom.<\/p>\n<p>Diesen Lotto mochte ich auch sehr gern, auch wenn das Licht etwas genervt hat. Die dunkle Kleidung vor dunklem Hintergrund ist auch \u00e4u\u00dferst foto-unfreundlich, als ob Herr Lotto das vor 500 Jahren geahnt hat und er uns sagen m\u00f6chte, da m\u00fcsst ihr schon selbst vorbeikommen und gucken, das bringt online nix, stellt euch selbst vors Bild, ihr Nasen. Hab ich gemacht, recht lange sogar. Ich konnte mich vom Detail der rechten Hand nicht losrei\u00dfen, die nicht nur Bl\u00fctenbl\u00e4tter zerquetscht, sondern unter der sich auch ein winziger Totensch\u00e4del verbirgt.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/ankegroener.de\/blog\/..\/Bilder\/IMG_4408-2.jpg\" alt=\"\" width=\"500\" height=\"493\" class=\"alignnone size-full wp-image-40528\" \/><\/p>\n<p>Die italienische Malerei ist so gar nicht mein Fachgebiet, ich versuche in solchen Ausstellungen zwar immer das wenige zusammenzukratzen, was ich im Bachelor dazu mitbekommen habe, aber meist bin ich hier totale Laiin und denk mir nur, ach sch\u00f6n, ach spannend, ach, hier bleib ich einfach l\u00e4nger stehen und gucke. Dass der Totenkopf ein Hinweis auf unsere Sterblichkeit ist, habe ich mir immerhin gemerkt, und ich ahne, dass auch die Bl\u00fctenbl\u00e4tter in diese Richtung gehen, aber eigentlich war es mir egal &#8211; ich fand das Detail einfach spannend. Hatte ich in dieser Kombi noch nie gesehen.<\/p>\n<p>Woran ich mich aber gut erinnere, ist Hans Memling, den ich im allerersten Semester kennengelernt habe, aww, ich war so klein.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/ankegroener.de\/blog\/..\/Bilder\/IMG_4421-1.jpg\" alt=\"\" width=\"500\" height=\"593\" class=\"alignnone size-full wp-image-40533\" \/><\/p>\n<p>Hans Memling: \u201e<a href=\"https:\/\/kmska.be\/nl\/meesterwerk\/bernardo-bembo-staatsman-en-ambassadeur-van-venetie\">Bildnis des Bernado Bembo<\/a>\u201c, um 1480\/1510, Holz, 35,7 x 22 cm, Koninklijk Museum voor Schone Kunsten, Antwerpen. (Ich muss nach Antwerpen.)<\/p>\n<p>\u00dcber den Herrn und seine Diptychen habe ich <a href=\"https:\/\/ankegroener.de\/blog\/?p=17835\">eins meiner ersten Referate<\/a> gehalten. Die Portr\u00e4ts Memlings mag ich sehr gern; das hier kannte ich noch nicht im Original und habe mich sehr gefreut, dass die Ausstellung damit begann. Der Herr war Botschafter in Venedig, wie mir die Antwerpener Website verr\u00e4t. Das w\u00e4re vielleicht auch in interessantes Detail f\u00fcr den nicht vorhandenen Wandtext am Bild gewesen.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/ankegroener.de\/blog\/..\/Bilder\/IMG_4406.jpg\" alt=\"\" width=\"500\" height=\"350\" class=\"alignnone size-full wp-image-40526\" \/><\/p>\n<p>Bernadino Licinio: \u201eDas Konzert\u201c, 1518\/20, Leinwand, 114 x 172 cm, Privatsammlung. (Privatsammlung!)<\/p>\n<p>Als Rausschmei\u00dfer das Werk, vor dem ich am l\u00e4ngsten gestanden habe und \u00fcber das ich dringend Dinge im ZI nachlesen m\u00f6chte. Sind das vier St\u00e4nde oder Berufe, die dort abgebildet sind? Soldat, Student (?), Musikant(in?), Kaufmann? Warum h\u00e4ngen \u00fcber allen vier verschiedene Blumen und Fr\u00fcchte? Was bedeuten sie? F\u00fcr wen ist dieses Konzert? F\u00fcr wen wurde das Werk gemalt? Ich hatte viele Fragen. Auch die nach einem Wandtext, wie \u00fcberall. Es gab Einleitungstexte f\u00fcr Werkgruppen, die ich manchmal arg beliebig fand, aber an den einzelnen Werken stand bis auf K\u00fcnstler, Werktitel und Entstehungsdatum nichts. Nicht mal das Material, was ich bei den Arbeiten auf Papier doch gerne gewusst h\u00e4tte. Reines Interesse. Die Basics der Kunstgeschichte halt.<\/p>\n<p>Ich hadere ein bisschen mit der Ausstellung, weil sie ihr Versprechen im Titel \u201eDie sanfte Revolution\u201c nicht so recht einl\u00f6st \u2013 was genau war denn nun diese Revolution? Die Farbigkeit? Die lyrischen M\u00e4nnerportr\u00e4ts? Wobei mir das erst beim Rausgehen auffiel, das mir das nicht so recht klargeworden war. K\u00f6nnte auch daran liegen, dass ich den einleitenden Wandtext nicht gelesen habe, dort stand gerade eine F\u00fchrung, wie gestern fast durchg\u00e4ngig irgendwo. Freut mich, dass so viele Besucher*innen kommen, aber wenn man dann nicht mehr zu den anderen R\u00e4umen gelangt, weil alles vollsteht und die Aufseher einen nicht zu nahe an die Werke kommen lassen (v\u00f6llig zu Recht!), um an den Gruppen vorbeizukommen, dann hinterfrage ich doch etwas die Planung. <\/p>\n<p>Das habe ich der Ausstellung aber trotzdem verziehen, weil ich einige spannende Werke kennengelernt habe. Und halt meinen geliebten Lotto wieder anschauen konnte. Ich hoffe sehr, dass er bald wieder nach oben in die Dauerausstellung darf. Er h\u00e4ngt zwar als Druck in meiner K\u00fcche, aber es war so sch\u00f6n, wieder vor dem Original zu stehen und sich in den Vorhang fallenlassen zu k\u00f6nnen. Das Werk hat eine derart beruhigende Wirkung auf mich, die mich immer wieder erstaunt.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>F. und ich schafften es endlich in die Ausstellung zur venezianischen Malerei, die noch eine Woche in der Alten Pinakothek zu bewundern ist. 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