{"id":40477,"date":"2024-01-22T11:23:43","date_gmt":"2024-01-22T10:23:43","guid":{"rendered":"https:\/\/ankegroener.de\/blog\/?p=40477"},"modified":"2024-01-22T11:45:28","modified_gmt":"2024-01-22T10:45:28","slug":"sonntag-21-januar-2024-levit-teil-2-und-demo","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.ankegroener.de\/blog\/?p=40477","title":{"rendered":"Sonntag, 21. Januar 2024 \u2013\u00a0Levit, Teil 2 und Demo"},"content":{"rendered":"<p>F. und ich sa\u00dfen am Sonntag morgen um 11 schon wieder im Prinzregententheater, das wir doch erst vor guten zw\u00f6lf Stunden nach einem Abend mit Igor Levit verlassen hatten. Und auch der K\u00fcnstler auf der B\u00fchne war derselbe, aber dieses Mal hatte er <a href=\"https:\/\/www.bellarte-muenchen.de\/Konzerte\/i\/Igor-Levit\/1042\">Verst\u00e4rkung in Form von Markus Becker<\/a> mitgebracht. Die beiden Herren nahmen an den zwei Fl\u00fcgeln Platz und erfreuten mich mit den <a href=\"https:\/\/youtu.be\/Qk1YeAO0Ybc?si=98XZDr-iouwtwCAK\">Haydn-Variationen B-Dur op. 56b f\u00fcr zwei Klaviere<\/a> von Brahms, der <a href=\"https:\/\/youtu.be\/9iePyP2HOr8?si=IvUzMVjTIQ7AgOwR\">Sonate D-Dur KV 448 f\u00fcr zwei Klaviere<\/a> von Mozart und der <a href=\"https:\/\/youtu.be\/pAG41lYPeIc?si=XIR5U2gtpI-JWitM\">Variationen und Fuge \u00fcber ein Thema von Mozart f\u00fcr zwei Klaviere op. 132<\/a> von Max Reger. Im Programm stand noch ein Beethoven, aber der fiel aus, was mir gar nicht unrecht war. Denn gestern wollte ich nicht nur zu Igor, sondern direkt danach um 14 Uhr zur Demo f\u00fcr Demokratie am Siegestor. (Mir f\u00e4llt ernsthaft erst jetzt beim Tippen der gleiche Wortanfang auf.)<\/p>\n<p>Ich hatte die halbe Nacht mit Nachdenken \u00fcber die richtige Kleiderwahl zugebracht, denn ich ging davon aus, dass die Zeit nicht reichen w\u00fcrde, nach dem Konzert nochmal nach Hause zu fahren, um mich demogerecht umzuziehen. Daher stand ich schon in dunklen Jeans, den gef\u00fctterten Stadionschuhen und einem Longsleeve unter immerhin einem halbwegs konzertfeinen Bl\u00fcschen rum, als ich merkte, dass mir das total gegen den Strich ging, so aufzulaufen. Ich hatte vor zwei Jahren begonnen, meine Garderobe etwas aufzuh\u00fcbschen mit Dingen, in denen ich mich bei eleganteren Anl\u00e4ssen nicht mehr underdressed f\u00fchlte, und genau so wollte ich auch aus dem Haus und in einen Konzertsaal gehen. In dem ich vermutlich eh irre geschwitzt h\u00e4tte mit den Thermotights unter der Jeans.<\/p>\n<p>Also zog ich mich wieder um und verlie\u00df das Haus in schwarzem, langen Oberteil (immerhin ein dickeres Top darunter), den nicht allzu dicken Konzerthosen, festen, aber ungef\u00fctterten Schuhen und dem schicken Mantel in Teal, dazu auch gnadenlos das kleine Handt\u00e4schchen und nicht die praktische Schultertasche, fest entschlossen, dann eben so f\u00fcr Demokratie, Menschenrechte und ein freundliches Miteinander zu demonstrieren. Dann bleibe ich halt nur so lange, bis ich friere, dachte ich.<\/p>\n<p>Im Konzert konnte ich mich dann entspannen und verwundert \u00fcber den Mozart freuen. Dort schlich sich die Demo n\u00e4mlich wieder in meinen Kopf. Ich bin bekannterweise nicht die gr\u00f6\u00dfte Mozart-Freundin, aber <a href=\"https:\/\/youtu.be\/9iePyP2HOr8?si=BT7Wwmt39eZuvzSX&#038;t=506\">der zweite Satz<\/a> erwischte mich total und ich dachte, wie kann eine Spezies, die so etwas Wundervolles hervorbringt, auch viel zu viele Idioten und Spinnerinnen in ihrer Mitte haben. Hmpf. Das war aber nur ein kurzer Gedanke, dann konnte ich mich wieder auf die Musik konzentrieren und das auch viel besser als am Samstagabend. Wenn ich Ihnen noch den <a href=\"https:\/\/youtu.be\/pAG41lYPeIc?si=B0ArrsieXRXK4lhy&#038;t=941\">letzten Teil von Reger<\/a> ans Ohr legen d\u00fcrfte?<\/p>\n<p>Wie erw\u00e4hnt, der Beethoven fehlte, das Konzert war schon um 13 Uhr vorbei, woraufhin ich umplante und doch noch nach Hause fuhr bzw. mich fahren lie\u00df, die U4 vom Prinzregentenplatz \u00fcber Odeonsplatz bis zum Hauptbahnhof, dann in die U2. In der Station Odeonsplatz, wo ich auf dem R\u00fcckweg aussteigen wollte, war um kurz nach eins noch nicht viel Demopublikum unterwegs, und ich hatte schon Angst, dass doch lieber alle beim Schweinebraten sitzen anstatt auf die Stra\u00dfe zu gehen.<\/p>\n<p>Zuhause entledigte ich mich des feinen Zwirns und zog Jeans, Longsleeve, Shirt, die gef\u00fctterten Schuhe und den Alltagsmantel an, keine Thermotights, es war prima Demowetter, knapp \u00fcber Null, Sonne, das ging schon. Wieder zur\u00fcck in die U2, die deutlich voller war als noch vor 15 Minuten, als ich ihr entstiegen war, und sp\u00e4testens beim Umstieg am Hauptbahnhof war mir klar, dass sich doch ein paar mehr Menschen auf den Weg gemacht hatten. In die U4 kam ich nur mit Schieben und Quetschen rein, das kenne ich von den Bahnfahrten nach Fu\u00dfballspielen, da steht man dann auch sehr, sehr, sehr eng, aber das muss anscheinend so. Apropos Fu\u00dfballspiel: Gestern fand auch noch ein Heimspiel des FC Bayern statt, dessen Arena man genau mit der U-Bahn erreicht, die auch \u00fcber Odeonsplatz, Universit\u00e4t (die Station, die am n\u00e4chsten zum Siegestor liegt) und M\u00fcnchner Freiheit f\u00e4hrt. Daher mischten sich auf dem Bahnsteig und in der Bahn Demoplakate mit roten Schals, aber alle waren freundlich und gut gelaunt.<\/p>\n<p>Die Rolltreppen am Odeonsplatz nach oben waren dann eine einzige Menschenmasse, kein Vergleich zum Anblick vor einer knappen Stunde. Man spazierte auch, an der Oberfl\u00e4che angekommen, direkt in die Menschentrauben rein, die sich vom einen Ende der Ludwigstra\u00dfe zu ihrem anderen aufmachen wollten, n\u00e4mlich dem Siegestor. Die Lautsprecher standen bis zum Odeonsplatz, so bekam ich alle Reden in guter Tonqualit\u00e4t mit, jedenfalls meistens, denn irgendwann hatte ich beim Gehen eine Gruppe j\u00fcngerer Menschen neben mir, die ein bisschen Stromgitarrenmusike aus dem mitgebrachten Bluetooth-Dingsi liefen lie\u00dfen. Aber noch war die Masse luftig genug, um von dieser Gruppe wegzugehen.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/ankegroener.de\/blog\/..\/Bilder\/IMG_4387.jpg\" alt=\"\" width=\"500\" height=\"667\" class=\"alignnone size-full wp-image-40481\" \/><\/p>\n<p>Unterwegs sah ich aber nicht nur junge Menschen, sondern, was mich sehr freute und mich alte Pesssimistin auch etwas \u00fcberraschte, viele Menschen, die auch neben uns bei Levit h\u00e4tten sitzen k\u00f6nnen, das klassische Bildungsb\u00fcrgertum, jetzt statt im Anzug mit der Allwetterjacke.<\/p>\n<p>Eine Rede erwischte mich dann sehr auf dem richtigen Fu\u00df und sorgte daf\u00fcr, dass ich danach in keine Sprechch\u00f6re einstimmen wollte, auch nicht die, in denen wir alle die AfD hassen. Was ich tue, ich verachte den Haufen so sehr, aber ich wollte nicht br\u00fcllen. Auf der B\u00fchne am Siegestor, in deren N\u00e4he ich nicht mal ansatzweise kam, waren Verwandte der Jugendlichen, die <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Anschlag_in_M%C3%BCnchen_2016\">2016 im Olympia-Einkaufszentrum erschossen<\/a> wurden. Ich zitiere die SZ, die die Rednerinnen <a href=\"https:\/\/www.sueddeutsche.de\/muenchen\/muenchen-demo-gegen-rechts-heute-abbruch-siegestor-afd-1.6336446\">zitiert<\/a>:<\/p>\n<blockquote><p>\u201eWozu rechtsextreme Gesinnung f\u00fchren kann, zeigt der Anschlag am Olympia-Einkaufszentrum im Juli 2016. Angeh\u00f6rige der neun Ermordeten kommen auf die B\u00fchne. &#8220;Der Anschlag am OEZ war kein Amoklauf&#8221;, sagt Sibel Leyla, Mutter von Can. Er war &#8220;rechter Terror. Ich werde das so lange wiederholen, bis es in das kollektive Ged\u00e4chtnis dieser Stadt \u00fcbergegangen ist.&#8221; Zehntausende danken mit lautem Applaus. Yasemin K\u0131l\u0131\u00e7, Mutter von Sel\u00e7uk, erinnert daran, dass der Rechtsterrorist AfD-Anh\u00e4nger gewesen sei. Gisela Kollmann, Oma von Guiliano, sagt, dass Angeh\u00f6rige im Konzentrationslager vergast, Nachbarskinder 1980 beim Oktoberfestanschlag get\u00f6tet wurden. &#8220;Ich werde so lange f\u00fcr Erinnerung, Gerechtigkeit und Aufkl\u00e4rung k\u00e4mpfen, wie es mir gesundheitlich m\u00f6glich ist.&#8221;\u201c<\/p><\/blockquote>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/ankegroener.de\/blog\/..\/Bilder\/IMG_4389.jpg\" alt=\"\" width=\"500\" height=\"667\" class=\"alignnone size-full wp-image-40482\" \/><\/p>\n<p>Je n\u00e4her ich dem Siegestor kam \u2013 ich war mindestens noch 500 Meter weg \u2013, desto enger wurde es. Und ich merkte, dass ich mich nicht mehr wohlf\u00fchlte, auch weil mir die Ausweichm\u00f6glichkeiten fehlten. Ich schaffte es, mich bis zur Kreuzung Theresienstra\u00dfe vorzuw\u00fchlen, alle machten brav Platz, als ich meinte, ich w\u00fcrde mich nicht wohlf\u00fchlen, danke! und konnte so irgendwann nach einer knappen Stunde vor Ort nach links abbiegen. Ich w\u00e4re auch in Konzertklamotten vermutlich nicht ins Frieren gekommen, so voll war es inzwischen. Auch aus der Seitenstra\u00dfe st\u00f6mten die Menschen noch auf die Ludwigstra\u00dfe, aber es lichtete sich dankenswerterweise schon bei der n\u00e4chsten Querstra\u00dfe, der Amalienstra\u00dfe, wo auch wenige Polizei stand und absperrte bzw. durchwinkte. Die Demo musste kurz danach wegen viel zu vieler Menschen abgebrochen worden, das bekam ich aber erst zuhause mit, als ich schon wieder auf dem Sofa sa\u00df und auf Masto las, wo noch \u00fcberall Leute in Deutschland unterwegs gewesen waren. Hier in M\u00fcnchen sollen es zwischen 100.000 (Polizeiangaben) und 250.000 (Veranstalter*innen) gewesen sein. Auf einem Video, das gestern durch mein Insta ging, sah man Menschen vom Odeonsplatz bis zur M\u00fcnchner Freiheit stehen. Laut Google Maps sind das gute zweieinhalb Kilometer.<\/p>\n<p>Mir hat es sehr gut getan zu sehen, dass es so viele, viele Menschen gibt, denen unsere Demokratie und die allgemeinen Menschenrechte anscheinend ebenfalls ein Anliegen sind. Dass es die Correctiv-Recherche gebraucht hat, um vielen klarzumachen, dass die AfD ein Fascholaden ist, verwundert mich etwas, aber besser sp\u00e4t als nie. Auch die vielen Demos im Osten machen mir Hoffnung, dass sich auch die Wahlergebnisse nicht ganz so brutal entwickeln wie es die Demoskopinnen dr\u00e4uend voraussagen. Wobei ich hiermit keinesfalls auf Ostdeutschland rumhacken will, gerade <a href=\"https:\/\/www.landtagswahl2023.bayern.de\/\">in Bayern w\u00e4hlen<\/a> die Leute in Massen ja auch gerne seltsame Leute und Parteien.<\/p>\n<p>Mir hat es auch gut getan, mich nicht mehr so alleine zu f\u00fchlen. Im Vorfeld hatte ich \u00fcberlegt, ob ich echt auf eine Demo muss, damit meine antifaschistische Haltung deutlich wird, ich meine, ich bl\u00f6ke das hier ja seit Jahren ins Netz. Aber das mache ich halt alleine vor dem Rechner. Daher wollte ich vor Ort sein, pr\u00e4sent sein, Gesicht zeigen, mitgez\u00e4hlt werden. Ich hoffe ernsthaft, dass diese Massen an Menschen vielleicht einigen Unentschlossenen doch noch den entscheidenden Ruck geben, nicht die Blauen zu w\u00e4hlen. Gerade die AfD behauptet ja gerne, f\u00fcr die schweigende Mehrheit zu sprechen. Das letzte Wochenende sollte diesem M\u00e4rchen ein Ende bereitet haben. Sie sprechen nicht f\u00fcr die Mehrheit. Und diese schweigt anscheinend nicht l\u00e4nger.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>F. und ich sa\u00dfen am Sonntag morgen um 11 schon wieder im Prinzregententheater, das wir doch erst vor guten zw\u00f6lf Stunden nach einem Abend mit Igor Levit verlassen hatten. 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