{"id":40181,"date":"2023-09-21T08:29:12","date_gmt":"2023-09-21T07:29:12","guid":{"rendered":"https:\/\/ankegroener.de\/blog\/?p=40181"},"modified":"2023-09-21T08:29:12","modified_gmt":"2023-09-21T07:29:12","slug":"tagebuch-mittwoch-20-september-2023-wildt-friedlander","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.ankegroener.de\/blog\/?p=40181","title":{"rendered":"Tagebuch Mittwoch, 20. September 2023 \u2013 Wildt, Friedl\u00e4nder"},"content":{"rendered":"<blockquote><p>\u201eAls [Saul Friedl\u00e4nder] 2007 den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels erhielt, erkl\u00e4rte [er] am Schluss seines Vortrags, in dem er vor allem auf pers\u00f6nliche Dokumente seiner eigenen Familie Bezug genommen hatte: \u201aSechzig Jahre sind vergangen, seit diese und zahllose \u00e4hnliche Stimmen zu vernehmen waren. Und doch ber\u00fchrten sie uns, mag auch lange Zeit verstrichen sein, mit einer ungew\u00f6hnlichen St\u00e4rke und Unmittelbarkeit, die weit \u00fcber die Grenzen der j\u00fcdischen Gemeinschaft hinaus fortwirkt und die gro\u00dfe Teile und mehrere Generationen der abendl\u00e4ndischen Gesellschaft bewegt hat. Wenn wir diesen Schreien lauschen, dann haben wir es nicht mit einem ritualisierten Gedenken zu tun, und wir werden auch nicht durch kommerzielle Darstellungen des Geschehens manipuliert. Vielmehr ersch\u00fcttern uns diese individiuellen Stimmen infolge der Arglosigkeit der Opfer, die nichts von ihrem Schicksal ahnten, w\u00e4hrend viele rings um sie das Ergebnis kannten und manchmal an seiner Herbeif\u00fchrung beteiligt waren. Vor allem jedoch bewegen uns die Stimmen der Menschen, denen die Vernichtung bevorstand, bis auf den heutigen Tag gerade wegen ihrer v\u00f6lligen Hilflosigkeit, ihrer Unschuld und der Einsamkeit ihrer Verzweiflung. Die Stimmen der Menschen bewegen uns unabh\u00e4ngig von aller rationaler Argumentation, da sie den Glauben an die Existenz einer menschlichen Solidarit\u00e4t stets von Neuem einer Zerrei\u00dfprobe aussetzen und in Frage stellen.\u2018<\/p>\n<p>Die Geschichte der Shoah ist auch eine Geschichte des Verlustes an Gewissheit. Mit Auschwitz zerstob die Verhei\u00dfung der Moderne auf historischen Fortschritt und Selbstvervollkommnung und wurde offenbar, wozu Menschen in der Lage waren und sind. All die zivilisatorischen Standards, auf die die b\u00fcrgerliche Gesellschaft zu Recht stolz war, wie Recht, Vernunft, Moral, Autonomie, Selbstbestimmtheit haben in dem Moment, in dem es im 20. Jahrhundert darauf angekommen w\u00e4re, versagt. Nicht eine einzige zivilisatorische Grenze hat dem Massenmord eine Schranke setzen k\u00f6nnen; allein die Schwierigkeiten, die die Nationalsozialisten selbst schufen, sorgten hier und da einmal f\u00fcr eine Verlangsamung der Radikalisierung. Nicht einmal mehr die Religion war imstande, in der Apotheose der Rasset\u00e4ter eine ungeheuerliche Gottesl\u00e4sterung zu erkennen, die entschlossenen Widerstand geradezu zur Christenpflicht gemacht h\u00e4tte.\u201c<\/p><\/blockquote>\n<p><a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Michael_Wildt\">Michael Wildt<\/a>: \u201e<a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Raul_Hilberg\">Raul Hilberg<\/a> und <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Saul_Friedl%C3%A4nder\">Saul Friedl\u00e4nder<\/a> \u2013 Zwei Perspektiven auf den Holocaust\u201c, in: Ders.: <em><a href=\"https:\/\/www.suhrkamp.de\/buch\/michael-wildt-die-ambivalenz-des-volkes-t-9783518298800\">Die Ambivalenz des Volkes. Der Nationalsozialismus als Gesellschaftsgeschichte<\/a><\/em>, Berlin 2019, S. 387\u2013404, hier S. 402\/403.<\/p>\n<p>Betroffenen von Gewalt, Ausgrenzung und ihrer Aufarbeitung wird gerne der Vorwurf gemacht, dass sie nicht objektiv \u00fcber die sie betreffenden Themen schreiben k\u00f6nnten. \u201eWarum, fragte [Friedl\u00e4nder], sollten Historiker, die zur Gruppe der Verfolger geh\u00f6ren, bef\u00e4higter sein, distanziert mit der Vergangenheit umzugehen als diejenigen, die zur Gruppe der Opfer geh\u00f6ren?\u201c (S. 395)<\/p>\n<p>Generelle Leseempfehlung f\u00fcr den Band.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u201eAls [Saul Friedl\u00e4nder] 2007 den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels erhielt, erkl\u00e4rte [er] am Schluss seines Vortrags, in dem er vor allem auf pers\u00f6nliche Dokumente seiner eigenen Familie Bezug genommen hatte: \u201aSechzig Jahre sind vergangen, seit diese und zahllose \u00e4hnliche Stimmen zu vernehmen waren. Und doch ber\u00fchrten sie uns, mag auch lange Zeit verstrichen sein, mit [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":10,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[],"class_list":["post-40181","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-weblog"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.ankegroener.de\/blog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/40181","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.ankegroener.de\/blog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.ankegroener.de\/blog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.ankegroener.de\/blog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/10"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.ankegroener.de\/blog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=40181"}],"version-history":[{"count":3,"href":"https:\/\/www.ankegroener.de\/blog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/40181\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":40184,"href":"https:\/\/www.ankegroener.de\/blog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/40181\/revisions\/40184"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.ankegroener.de\/blog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=40181"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.ankegroener.de\/blog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=40181"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.ankegroener.de\/blog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=40181"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}