{"id":39885,"date":"2023-08-02T08:53:22","date_gmt":"2023-08-02T07:53:22","guid":{"rendered":"https:\/\/ankegroener.de\/blog\/?p=39885"},"modified":"2023-08-02T17:13:43","modified_gmt":"2023-08-02T16:13:43","slug":"tagebuch-dienstag-1-august-2023-kurt-katch","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.ankegroener.de\/blog\/?p=39885","title":{"rendered":"Tagebuch Dienstag, 1. August 2023 \u2013\u00a0Kurt Katch"},"content":{"rendered":"<p>Schreibtischtag.<\/p>\n<p>&#8212;<\/p>\n<p>Wenn ihr einen Stadtbibliotheksausweis habt, k\u00f6nnte ihr bei <a href=\"https:\/\/www.filmfriend.de\/de\/movies\/e3de01cd-4c0c-428b-8de7-0da8c8c2cac0\">Filmfriend<\/a> umsonst gucken. Zum Beispiel \u201eEx Libris\u201c, einen Film \u00fcber die NY Public Library, <a href=\"https:\/\/ankegroener.de\/blog\/?p=30217\">den ich sehr mochte<\/a>.<\/p>\n<p>Via <a href=\"https:\/\/fnordon.de\/@wortfeld@social.tchncs.de\/110809935096582056\">@wortfeld<\/a>. Ich wollte sofort mitschauen, als mir auffiel, dass ich erstmal <a href=\"https:\/\/www.muenchner-stadtbibliothek.de\/\">meinen Ausweis<\/a> verl\u00e4ngern muss. \u00c4hem.<\/p>\n<p>&#8212;<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/slow-media-institut.net\/narzissmus-und-selbstzerstorung\">Narzissmus und Selbstzerst\u00f6rung \u2013 die zwei Seiten von Populismus, Radikalisierung, Trumpismus und Fakenews<\/a><\/p>\n<p>Dieser Satz aus dem leider noch aktuellen Artikel von 2017 macht mir erneut Angst: \u201eWir haben als Demokratie keine Antwort auf W\u00e4hler, denen die Fakten egal sind.\u201c<\/p>\n<p>Via die Autorin <a href=\"https:\/\/fnordon.de\/@meta_blum@mastodon.social\/110802821027685825\">@meta_blum<\/a>.<\/p>\n<p>&#8212;<\/p>\n<p>Durch das sehr empfehlenswerte Buch \u201eMitspieler der \u201aVolksgemeinschaft.\u2018 Der FC Bayern und der Nationalsozialismus\u201c habe ich den Schauspieler <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Kurt_Katch\">Kurt Katch<\/a> kennengelernt. Er war Mitte der 1920er Jahre in M\u00fcnchen und berichtete in seinen Memoiren \u00fcber die Betriebsmannschaft der M\u00fcnchner Kammerspiele, von der ich noch nie geh\u00f6rt hatte. Wie von so vielen Details der Stadtgeschichte in diesem Buch. <\/p>\n<p>Ich zitiere:<\/p>\n<p>\u201eEtliche j\u00fcdische Sportbegeisterte trieben Breitensport beim FC Bayern, etwa in einer Betriebsmannschaft. Eine solche unterhielten auch Unternehmen, die sp\u00e4ter von den Nationalsozialisten als j\u00fcdische Gesch\u00e4fte bedr\u00e4ngt und beraubt wurden, so die Kaufh\u00e4user <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Kaufhaus_Uhlfelder\">Uhlfelder<\/a> oder <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Hertie_Waren-_und_Kaufhaus#Familienunternehmen_Tietz\">Hermann Tietz<\/a>, dessen Mannschaft dem Verein auch \u00fcber die ersten Schritte der \u201e<a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Arisierung\">Arisierung<\/a>\u201c hinaus angeh\u00f6rte. Die schillerndste dieser Betriebsmannschaften war die der <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/M%C3%BCnchner_Kammerspiele\">Kammerspiele<\/a> \u2013 auch wenn sich \u00e4hnliche Teams bei anderen Vereinen fanden, etwas die Staatstheater-Elf des TSV 1860 oder die Mannschaft des W\u00fcrttembergischen Landestheaters beim VfB Stuttgart. Die Kammerspiele, die in dieser Form seit 1912 in Schwabing bestanden und 1926 in die Maximilianstra\u00dfe umzogen, genossen einen \u201ebeinahe legend\u00e4ren Ruf, der weit \u00fcber die Grenzen M\u00fcnchens hinausreichte\u201c und bewahrten trotz Konzessionen an den Publikumsgeschmack ihre \u201eliterarisch und schauspielerisch progressive Linie\u201c. Sie gerieten daher schon w\u00e4hrend der Republik ins Visier rechter Agitation und mussten Auff\u00fchrungsverbote hinnehmen. An den Kammerspielen wirkten unter anderem die Juden <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Julius_Gellner\">Julius Gellner<\/a>, <a href=\"https:\/\/www.geschichtewiki.wien.gv.at\/Josef_Gl%C3%BCcksmann\">Josef Gl\u00fccksmann<\/a> und <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Kurt_Horwitz\">Kurt Horwitz<\/a> \u2013 alles auch Mitglieder der Betriebsmannschaft. Am 8. M\u00e4rz 1933 griff der \u201eV\u00f6lkische Beobachter\u201c Regisseur Gellner wegen seines \u201eprogramm\u00e4\u00dfig betriebenen Kulturbolschewismus\u201c an. Gellner floh noch im selben Monat \u2013 nachdem man ihn w\u00e4hrend eines Fu\u00dfballspiels vor der drohenden Verhaftung gewarnt hatte.<\/p>\n<p>Das wohl eindr\u00fccklichste Zeugnis der Kammerspiele-Kicker verdanken wird den Memoiren des Schauspielers Kurt Katch, der Mitte der 1920er Jahre in M\u00fcnchen t\u00e4tig war. Er wuchs in \u00e4rmlichen Verh\u00e4ltnissen im russischen Grodno auf. Zwar war seine Mutter eine fromme Frau, doch waren es Pogrome, die ihn lehrten, \u201ewas es heisst, ein Jude zu sein\u201c. Noch als Kind zog er mit der Familie ins habsburgische Lemberg. Dort fand Katch als Gymnasiast zum Fu\u00dfball und war an der Gr\u00fcndung eines dezidiert j\u00fcdischen Klubs namens Hasmon\u00e4a beteiligt. Er war ein begabter Sch\u00fcler, dessen Interesse sich aber vor allem auf den Fu\u00dfball richtete. Zun\u00e4chst verdingte er sich als Profispieler in Czernowitz und Budapest, dann als Weinh\u00e4ndler. Sein abenteuerlicher Weg f\u00fchrte ihn nach dem Ersten Weltkrieg zu <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Max_Reinhardt\">Max Reinhardt<\/a> nach Berlin, wo er seine Schauspielausbildung genoss. Katch wurde ein geachteter Schauspieler und blieb ein leidenschaftlicher Fu\u00dfballer. <\/p>\n<p>Gerade deshalb begeisterten ihn die Kammerspiele: \u201eEine Brutanstalt f\u00fcr originelle Begabungen, mochten es Schauspieler oder Dichter sein. Zudem ein \u00e4sthetischer Debattier- und Fu\u00dfballklub. Eine phantastische Angelegenheit.\u201c Den FC Bayern als Tr\u00e4ger der Betriebsmannschaft erw\u00e4hnte Katch nicht, wohl aber schilderte er deren Fu\u00dfballbegeisterung:<\/p>\n<blockquote><p>\u201eNach den Proben zogen die m\u00e4nnlichen Mitglieder des Ensembles zusammen mit Mitgliedern des technischen Personals [&#8230;] auf den Fu\u00dfballplatz. [&#8230;] Kurz vor der Premi\u00e8re von \u201aTroilus und Cressida\u2018 kam es zu einem besonders heftigen Fu\u00dfball-Turnier. [&#8230;] Zur Pr\u00e8miere erschienen die trojanischen Helden, als k\u00e4men sie in der Tat gerade aus dem m\u00e4nnermordenden Kampfe um Ilion. Troilus-Donath hatte eine Verletzung am rechten Schienbein. [&#8230;] Ich hatte mir bei der Torwacht den kleinen Finger gebrochen und trug den Arm in der Binde.\u201c<\/p><\/blockquote>\n<p>Einer ungl\u00fccklichen Liebesbeziehung wegen verlie\u00df Katch die Kammerspiele und nahm ein Engagement in Z\u00fcrich an; 1926 verzeichnete ihn der FC Bayern als \u201eins Ausland abgemeldet\u201c. Die Macht\u00fcbernahme erlebte der mittlerweile popul\u00e4re Schauspieler in Frankfurt, wo er gerne das Stadion besuchte. Katch war ein s\u00e4kul\u00e4rer Jude, \u201eich liebte Deutschland [&#8230;], in dem ich den Schmutz und das Elend meiner Kindertage von mir abgewaschen habe\u201c. Umso einschneidender empfand er den Moment, in dem er im Rundfunk vom <a href=\"https:\/\/www.dhm.de\/lemo\/kapitel\/ns-regime\/ausgrenzung-und-verfolgung\/geschaeftsboykott-1933.html\">Aprilboykott<\/a> erfuhr:<\/p>\n<blockquote><p>\u201eIn diesem Augenblick kam mein Judentum, das mir schon fast in Vergessenheit geraten war, mit tausendf\u00e4ltiger Kraft erneut zum Durchbruch. [&#8230;] Vor meinen Augen tauchte es wieder auf, das Haus in Grodno, mit den Juden in Kaftan und Peies. [&#8230;] Ich sah die geschlagenen Juden nach den Tagen der russischen Revolution.\u201c<\/p><\/blockquote>\n<p>Gregor Hofmann: \u201e<a href=\"https:\/\/www.wallstein-verlag.de\/9783835352612-mitspieler-der-volksgemeinschaft.html\">Mitspieler der \u201aVolksgemeinschaft.\u2018 Der FC Bayern und der Nationalsozialismus<\/a>\u201c, G\u00f6ttingen 2022, S. 191\/192.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Schreibtischtag. &#8212; Wenn ihr einen Stadtbibliotheksausweis habt, k\u00f6nnte ihr bei Filmfriend umsonst gucken. Zum Beispiel \u201eEx Libris\u201c, einen Film \u00fcber die NY Public Library, den ich sehr mochte. Via @wortfeld. 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