{"id":39875,"date":"2023-07-31T08:42:27","date_gmt":"2023-07-31T07:42:27","guid":{"rendered":"https:\/\/ankegroener.de\/blog\/?p=39875"},"modified":"2023-07-31T08:42:27","modified_gmt":"2023-07-31T07:42:27","slug":"sie-waren-in-rom","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.ankegroener.de\/blog\/?p=39875","title":{"rendered":"\u201eSie waren in Rom, &#8230;"},"content":{"rendered":"<p>&#8230; und Ania lebte, wie sie rauchte, mit Hast und Gier, und sie nahm jede Stunde als die letzte [das Kind des F\u00fcrsten, das Moskau hatte brennen sehen oder eine andere Stadt an der Wolga] und suchte ihren Gehalt an Lust bis zur Neige zu ersch\u00f6pfen. Friedrich war erstaunt und belustigt. Es war nett, es war einfach, es war ein Spa\u00df, M\u00e4dchensachen, die bei ihm rumlagen, und jemand, der \u201eschlaf auch gut\u201c sagte, wenn die Nacht kam, und \u201elos, die Sonne scheint\u201c am Morgen, w\u00e4hrend zwei Beine mit kleinen, blanken Zehen die Decke schon zur Seite strampelten. Aber: \u201eBin dieser Mensch ich?\u201c fragte er sich, w\u00e4hrend sie in einer Droschke mit einem Pferdchen im kleinen Trab aus dem Verkehrsstrom des Corso \u00fcber die Piazza Venezia in die Via del\u2019Impero einbogen. \u201eBin dieser Mensch ich, der mit einem M\u00e4dchen im Wagen vorbeif\u00e4hrt an der Kulisse der historischen Jahrhunderte dem Colosseum zu, um hinter dem Palatinischen H\u00fcgel die Thermen des Antonius zu sehen?\u201c Stieg das Unglaubhafte, das er deutlich sp\u00fcrte, aus der Schau des Horizonts wie eine Flut um ihn hoch, oder fiel es mit den Strahlen der Sonne, die warm im Winter schien, auf ihn herab, oder war es nicht dies, da\u00df ihm etwas widerfuhr, sondern das andere, da\u00df er handelte, da\u00df aus ihm ein Gehen kam, ein Vorw\u00e4rts oder ein Seitw\u00e4rts, ein Sichbewegen in Richtungen, wie Irren im Dickicht eines Waldes, wenn man f\u00fchlt, ich gehe einen falschen Weg, aber den richtigen Pfad dennoch und jedem Gef\u00fchl zum Trotz nicht einzuschlagen wei\u00df? Er tr\u00e4umte, aber er wurde der Traumhandlung nicht froh. Es war auch kein Alpdruck, der ihm die Luft klemmte. Es war der Traum einer Ohnmacht. Die verschwimmenden Bilder am Rande der Wirklichkeit. Liebte er Ania? Es war woll\u00fcstig, nicht allein zu sein, aber war es nicht feige und mindernd? Es kam vor, da\u00df er Ania Geld f\u00fcr den Kutscher gab und aus dem Wagen sprang und in einem Gewirr kleiner Gassen sich verlor. Er besuchte die Viertel der Armen, die grauen H\u00fctten am Ufer des Tiber. Er wollte gut sein, weil er sich ungut f\u00fchlte. Er kaufte Fr\u00fcchte und verteilte sie an schmutzige, halbnackte Kinder. \u201eSie sind sch\u00f6n\u201c, dachte er, \u201eunter der Kruste von Staub sind sie sch\u00f6n.\u201c Er beugte sich zu einem Knaben herab und k\u00fc\u00dfte die Wangen, die das Blut straffte, das in den Legionen die Macht der C\u00e4saren getragen hatte. Er wurde beschimpft, und er verstand die Worte nicht. Er sah ein B\u00fcro der Telegraphenregie und schrieb einen Text: \u201eIch liebe dich, nur dich, dennoch, immer\u201c und begriff es erst als Tatsache, da\u00df er eine Depesche an Sibylle aufgegeben hatte, als sie schon im Drahtnetz der Verwaltung Sibylle zueilte. Er folgte Matrosen und Soldaten nach in das Abenddunkel eng gebauter Stra\u00dfen und glaubte, sie gingen zu den M\u00e4dchen in die Bordelle. Er dachte: \u201eW\u00e4re ich wie sie, auf einem Schiff in die Arbeit, und im Hafen voll Vertrauen zu den Vergn\u00fcgungen der Stunde.\u201c Er ha\u00dfte das Denken. Er mi\u00dftraute ihm. Er dachte an Sibylle, an Ania, an Fedor, an Magnus, und er sagte sich: \u201eIch denke nichts anderes als meine W\u00fcnsche. Es ist keine Wahrheit dadrin.\u201c In der Gr\u00f6\u00dfe der Ewigen Stadt war er ein Punkt. \u201eSelbst dies ist Hochmut\u201c, dachte er.\u201c<\/p>\n<p>&#8212;<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Wolfgang_Koeppen\">Wolfgang Koeppen<\/a>: \u201eEine ungl\u00fcckliche Liebe\u201c, Frankfurt am Main 1978 (Erstausgabe 1934), S. 145\/146.<\/p>\n<p>Die \u201e<a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Trilogie_des_Scheiterns\">Trilogie des Scheiterns<\/a>\u201c von Koeppen fand ich gro\u00dfartig, auch wenn ich mit der Zeichnung seiner Frauenfiguren hadere. Hier hadere ich mit fast allem, aber die beiden Seiten mochte ich sehr.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&#8230; und Ania lebte, wie sie rauchte, mit Hast und Gier, und sie nahm jede Stunde als die letzte [das Kind des F\u00fcrsten, das Moskau hatte brennen sehen oder eine andere Stadt an der Wolga] und suchte ihren Gehalt an Lust bis zur Neige zu ersch\u00f6pfen. 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