{"id":37657,"date":"2021-12-10T10:09:09","date_gmt":"2021-12-10T09:09:09","guid":{"rendered":"https:\/\/ankegroener.de\/blog\/?p=37657"},"modified":"2021-12-10T10:09:09","modified_gmt":"2021-12-10T09:09:09","slug":"was-schon-war-donnerstag-9-dezember-2021-vorlesung-und-walnussschaum","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.ankegroener.de\/blog\/?p=37657","title":{"rendered":"Was sch\u00f6n war, Donnerstag, 9. Dezember 2021 \u2013 Vorlesung und Walnussschaum"},"content":{"rendered":"<p>Im letzten Semester folgte ich per Zoom <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Michael_Wildt\">Michael Wildts<\/a> Vorlesung an der Humbold-Universit\u00e4t \u00fcber den Holocaust. Danke, du Schei\u00dfvirus, denn auch in diesem Semester findet die Vorlesung online statt: \u201e<a href=\"https:\/\/www.geschichte.hu-berlin.de\/de\/bereiche-und-lehrstuehle\/dtge-20jhd\/lehre\/lehrveranstaltungen-wintersemester-2020-21\">13 B\u00fccher, die das Bild von Nationalsozialismus und Holocaust gepr\u00e4gt haben<\/a>.\u201c Die erste Sitzung hatte ich verpasst, in der von letzter Woche ging es um die <em><a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Erinnerungen_(Albert_Speer)\">Erinnerungen<\/a><\/em> von Albert Speer, die keine waren, sondern hervorragend fabrizierte Fiktion. Was ich unter anderem mitnahm: Das Buch erschien 1969, und es f\u00fchrte in diesem Jahr und 1970 die <em>Spiegel<\/em>-Bestseller-Liste an. Wildt: \u201eWenn Sie mal im B\u00fccherschrank Ihrer Gro\u00dfeltern schauen, gerade wenn diese eher b\u00fcrgerlich sind, werden Sie es vermutlich finden.\u201c Ich erinnerte mich daran, wie uralt ich bin, denn ich musste nur im Schrank meiner Eltern schauen bzw. ich wusste, dass es dort war, denn von dort habe ich es schon vor Monaten mitgenommen (2. Auflage, 1969). Jetzt wohnt es neben der <a href=\"https:\/\/www.penguinrandomhouse.de\/Buch\/Albert-Speer\/Magnus-Brechtken\/Siedler\/e441687.rhd\">Biografie<\/a> von Magnus Brechtken, die Wildt sehr empfahl \u2013 sinngem\u00e4\u00df: \u201eDamit sollte sich das falsche Bild Speers endg\u00fcltig erledigt haben.\u201c Zweiter Buchtipp von ihm: <em><a href=\"https:\/\/www.campus.de\/buecher-campus-verlag\/wissenschaft\/geschichte\/rechtfertigung_und_entlastung-10252.html\">Rechtfertigung und Entlastung. Albert Speer in der Bundesrepublik<\/a><\/em> von Isabell Trommer, das ich schon in der Hand hatte; ich zitierte es in der Masterarbeit, in der es auch um die Nichtaufarbeitung der NS-Zeit in der jungen Bundesrepublik ging.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/ankegroener.de\/blog\/..\/Bilder\/FFl6Xv9WUAY7w0w.jpeg\" alt=\"\" width=\"500\" height=\"667\" class=\"alignnone size-full wp-image-37659\" \/><\/p>\n<p>Gestern ging es um drei weitere B\u00fccher, von denen mir wenigstens zwei bekannt waren. Zun\u00e4chst besprach Wildt <em><a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Christopher_Browning#Werke_(Auswahl)\">Ordinary Men. Reserve Police Battalion 101 and the Final Solution in Poland<\/a><\/em> (1993) von Christopher Browning, der die massenhafte Beteiligung der Deutschen am Holocaust mit Gruppenzwang erkl\u00e4rte (sehr verk\u00fcrzt formuliert). <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Daniel_Goldhagen\">Daniel Goldhagen<\/a> nutzte dasselbe Quellenmaterial, allerdings eher auszugsweise, und nannte den historisch gewachsenen Antisemitismus im Deutschen Reich als Grund. Sein Buch <em><a href=\"https:\/\/en.wikipedia.org\/wiki\/Hitler%27s_Willing_Executioners\">Hitler&#8217;s Willing Executioners<\/a><\/em> (1996) war in Deutschland ein Beststeller, wurde aber von der Wissenschaft einhellig abgelehnt; die Diskussion ist im Wikipedia-Link zu Goldhagen gut nachvollzogen. Das dritte Buch war mir neu: Stefan K\u00fchls <em><a href=\"https:\/\/www.suhrkamp.de\/buch\/stefan-kuehl-ganz-normale-organisationen-t-9783518297308\">Ganz normale Organisationen<\/a><\/em> (2014) nutzt erneut dieselben Quellen, verfolgt nun aber einen soziologischen und keinen historischen Ansatz. Hier ein Ausschnitt aus der <a href=\"https:\/\/www.hsozkult.de\/review\/id\/reb-22444?title=s-kuehl-ganz-normale-organisationen\">Rezension<\/a> (2016) von hsozkult:<\/p>\n<blockquote><p>\u201eK\u00fchls neuerliche Besch\u00e4ftigung mit dem Reserve-Polizeibataillon 101 schlie\u00dft eine L\u00fccke, die fr\u00fchere Interpreten aufgrund ihrer prim\u00e4r an der Pers\u00f6nlichkeit der T\u00e4ter interessierten Herangehensweise gelassen haben. Ausgehend von der Einsicht, \u201edass mehr als 99 Prozent aller T\u00f6tungen von Juden durch Mitglieder staatlicher Gewaltorganisationen durchgef\u00fchrt wurden\u201c (S. 22), nimmt K\u00fchl einen systematischen organisations-soziologischen Blickwinkel ein. Dabei st\u00fctzt er sich auf die Systemtheorie Niklas Luhmanns, und zwar jenen Theoriebaustein, der sich mit sozialen Systemen vom Typ \u201eOrganisation\u201c befasst. [&#8230;] \u201eDie ganz normalen deutschen M\u00e4nner haben [\u2026] erst im Rahmen von Organisationsmitgliedschaften die Bereitschaft entwickelt, einem in vielen F\u00e4llen vorhandenen latenten Antisemitismus auch eine konkrete Beteiligung an Deportationen, Ghettor\u00e4umungen und Massenerschie\u00dfungen folgen zu lassen.\u201c (S. 33f.) Demnach war die Zugeh\u00f6rigkeit zu einer spezifischen Organisation, hier zum Hamburger Reserve-Polizeibataillon 101, eine notwendige Bedingung, damit \u201eganz normale M\u00e4nner\u201c am NS-Massenmord mitwirkten; sie mussten nur die entsprechenden Befehle akzeptieren. K\u00fchls soziologischer Ansatz besteht darin, diesen Sachverhalt mittels eines Parameters zu analysieren, den er an anderer Stelle \u201eFolgebereitschaft in Organisationen\u201c nennt.\u201c<\/p><\/blockquote>\n<p>Das Buch wartet schon in der Stabi auf mich. Falls Sie Donnerstags zwischen 10.15 und 11.45 Uhr Zeit haben, schauen Sie doch mal per Zoom in der Vorlesung vorbei, lohnt sich.<\/p>\n<p>&#8212;<\/p>\n<p><strong><a href=\"https:\/\/literaryreview.co.uk\/have-you-considered-accountancy\">Have You Considered Accountancy?<\/a><\/strong><\/p>\n<p>Gerne gelesen: die Rezension zu <em>How to Start Writing (and When to Stop): Advice for Writers<\/em> von <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Wis%C5%82awa_Szymborska\">Wis\u0142awa Szymborska<\/a>, herausgegeben und aus dem Polnischen ins Englische \u00fcbersetzt von Clare Cavanagh, in der <em>Literary Review<\/em>. Die polnische Autorin Szymborska erhielt 1996 den Nobelpreis f\u00fcr Literatur, aber, viel spannender: Sie f\u00fchrte von den 1960er bis in die 1980er Jahre eine Kolumne, in der sich Autoren und Schriftstellerinnen ratsuchend an sie wandten. Zum allergr\u00f6\u00dften Teil riet sie den Fragenden, ihre Arbeit zu vernichten und lieber etwas anderes zu machen. Diese Kolumnen sind nun im Buch versammelt.<\/p>\n<blockquote><p>\u201eInverting the old clich\u00e9, Christopher Hitchens said, \u2018Everyone has a book in them and that, in most cases, is where it should stay.\u2019 The journalist and satirist Karl Kraus agreed: journalists, especially, should never write novels. This was self-satire, partly. Yet there are writers who can barely go to the shops without publishing a voluminous account immediately afterwards. At the other end of this unscientific spectrum are writers who destroy their work, either because they think it\u2019s rubbish (Joyce, Stevenson, etc) or because they\u2019ve become recently convinced it was written by the Devil (Gogol). Some people doubt themselves far too much, others not remotely enough. [&#8230;]<\/p>\n<p>Szymborska is such an ironic writer that I began to wonder if there ever were any actual submissions, if the columns were an extended literary joke. Perhaps I have been living in postmodernism for too long. Perhaps it doesn\u2019t matter so much. The real interest lies in Szymborska\u2019s writing on writing. Each column is a concise treatise. In one, she argues that language is ossified poetry and everything is metaphorical. In another, she proposes that literary realism as a set of conventions has nothing to do with reality at all. Society is in chaos, she adds:<\/p>\n<p>\u201eGenerations no longer talk to each other. It\u2019s a misfortune of our times \u2026 We can\u2019t explain the causes or predict the results. One thing is certain: literature will be the poorer. Curiosity is the key to its existence \u2026 Your stories are cramped, stuffy, and simplistic. There is no window on the world, hence no chance it might be opened. This is bad. A snappy style won\u2019t save you.\u201c [&#8230;]<\/p>\n<p>Most of Szymborska\u2019s advice is like this: parodic and serious at the same time. The situation is tragicomic. Life is unfathomable, writing is a part of life, so how can we judge anything at all? Yet it\u2019s hard to write a novel without some sort of basic belief in the novel. It\u2019s like trying to make an omelette while disbelieving in the reality of eggs. In the end, Szymborska is so tough on her aspiring authors not because they care too much about writing but because she thinks they care too little. Her advice is monumentally sensible. Don\u2019t be a narcissist. Work (much) harder. The best \u2018writing utensil\u2019 is a wastepaper basket. Life is short, yet \u2018each detail takes time\u2019. Don\u2019t be a utopian. Keep away from the void for as long as you can. Who can argue with that?\u201c<\/p><\/blockquote>\n<p>&#8212;<\/p>\n<p>Der \u00fcbliche Abendessenbericht: Es gab meine geliebten Ofenm\u00f6hren mit Walnussschaum. <a href=\"https:\/\/ankegroener.de\/blog\/?p=30854\">Hier<\/a> das Rezept, <a href=\"https:\/\/www.instagram.com\/p\/CXRZlqsMHb6\/?utm_source=ig_web_copy_link\">hier<\/a> die Instafotos von gestern. Es waren gerade zwei dicke M\u00f6hren, die ich in Backpapier mit Butter und Zitrone und Thymian verpackte, aber durch den Schaum, der bei mir eher wie eine Sauce Hollandaise wird, ist das ganze eine \u00e4u\u00dferst nahrhafte Mahlzeit. \u00dcbriggebliebene Sauce kann man auch prima als Dip nutzen (erledigt und pappsatt).<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/ankegroener.de\/blog\/..\/Bilder\/Bildschirmfoto-2021-12-10-um-09.57.50.png\" alt=\"\" width=\"500\" height=\"518\" class=\"alignnone size-full wp-image-37660\" \/><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Im letzten Semester folgte ich per Zoom Michael Wildts Vorlesung an der Humbold-Universit\u00e4t \u00fcber den Holocaust. 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