{"id":35532,"date":"2020-12-03T09:10:36","date_gmt":"2020-12-03T08:10:36","guid":{"rendered":"http:\/\/ankegroener.de\/blog\/?p=35532"},"modified":"2020-12-03T09:10:36","modified_gmt":"2020-12-03T08:10:36","slug":"tagebuch-mittwoch-2-dezember-2020-die-ebook-falle","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.ankegroener.de\/blog\/?p=35532","title":{"rendered":"Tagebuch Mittwoch, 2. Dezember 2020 \u2013 Die eBook-Falle"},"content":{"rendered":"<p>Gestern hatte mich der Schreibtisch wieder: Ich las die beiden Gutachten zur Dissertation erneut aufmerksam durch und bastelte zun\u00e4chst einen Hauch an einer ge\u00e4nderten inhaltlichen Aufteilung; die lasse ich vermutlich, so wie sie ist, aber ich wollte das mal durchspielen und bin von der Alternative noch nicht \u00fcberzeugt. Dann orderte ich einen Schwung B\u00fccher f\u00fcr das traute Heim; die Bibliotheken in M\u00fcnchen\/Bayern sind derzeit geschlossen, die wissenschaftlichen netterweise nicht, daher k\u00f6nnte ich sogar ins <a href=\"https:\/\/www.zikg.eu\/\">ZI<\/a>, aber momentan bin ich lieber zuhause. Einen <a href=\"https:\/\/www.deutschlandfunkkultur.de\/klaus-theweleit-ueber-maennerphantasien-die-angst-vor-der.1008.de.html?dram:article_id=462394\">Klassiker der M\u00e4nnerforschung<\/a> konnte ich nicht leihen, der war sowohl in UB als auch in der Stabi in allen Exemplaren ausgeliehen, aber ich bin eh nicht sicher, ob ich das Thema wirklich noch in die Arbeit einflie\u00dfen lassen m\u00f6chte (steht ansonsten nat\u00fcrlich im ZI).<\/p>\n<p>&#8212;<\/p>\n<p>Zum Mittag gab es <a href=\"https:\/\/www.instagram.com\/p\/CIQTeDenvCY\/\">dasselbe wie schon am Vortag<\/a>: einen Cr\u00eape aus Kichererbsenmehl, mit Gem\u00fcse gef\u00fcllt und einem z\u00e4hen S\u00f6\u00dfchen dr\u00fcber, denn die vorgestern angebrochene Kokosmilch musste weg und irgendwie hatte ich doch keine Lust auf Reis oder Curry. Das Grundrezept stand in meinem neuen philippinischen Kochbuch, schmeckte sehr gut.<\/p>\n<p>&#8212;<\/p>\n<p>Abends verfolgte ich eine <a href=\"https:\/\/badw.de\/veranstaltungen.html?tx_badwdb_events%5Bevent_id%5D=756&#038;tx_badwdb_events%5Baction%5D=show&#038;tx_badwdb_events%5Bcontroller%5D=Events\">Diskussion<\/a> der Bayerischen Akademie der Wissenschaften per Livestream: \u201eIn Stein gemei\u00dfelt? Erinnerungskultur im \u00f6ffentlichen Raum\u201c (nicht online). Moderatorin <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Kia_Vahland\">Kia Vahland<\/a> schrieb zum Thema vor einiger Zeit <a href=\"https:\/\/www.sueddeutsche.de\/kultur\/denkmaeler-statuen-bilder-gesellschaft-oeffentlicher-raum-kommentar-1.4959543\">in der SZ<\/a>:<\/p>\n<blockquote><p>\u201eVielmehr gilt es, en d\u00e9tail zu diskutieren, welche Gedenkst\u00fccke &#8211; etwa Kriegerehrungen &#8211; Tafeln und Gegenbilder ben\u00f6tigen, die sie historisieren und so die Gegenwart doch noch auf Distanz zur Geschichte bringen. Diese Debatte ist in Deutschland nun bei den Stra\u00dfennamen angekommen, \u00fcber die in etlichen St\u00e4dten eigene Kommissionen beraten. Auch hier stellt sich bei jedem Verd\u00e4chtigen die Frage: W\u00fcrdigt eine Ehrung der Person auf Briefk\u00f6pfen und Schildern einen T\u00e4ter, der nationalsozialistisches, koloniales, anderes Unrecht verantwortet? Oder handelt es sich um historisch gewachsenes Kulturgut, das man nicht ohne Not eigenen Ma\u00dfst\u00e4ben unterwerfen sollte?<\/p>\n<p>Jede Kommune muss selbst um diese Fragen ringen. Das ist auch deshalb schwierig, weil sich in der \u00f6ffentlichen Diskussion Verteidiger des Althergebrachten und Reformer in viel zu harten Fronten gegen\u00fcberstehen. Die einen wollen eine &#8220;Mohrenstra\u00dfe&#8221; noch retten, obwohl ein solch kolonial anmutender Sprachgebrauch schwarzen Passanten wehtun muss. Die anderen stellen auch eine &#8220;Erich-K\u00e4stner-Stra\u00dfe&#8221; infrage, weil der Schriftsteller w\u00e4hrend der NS-Zeit nicht emigriert ist. Es ist jedoch illusorisch, von Toten zu verlangen, alle jetzigen Anspr\u00fcche zu erf\u00fcllen. Genauso naiv w\u00e4re es aber, Stra\u00dfennamen wie Museumsst\u00fccke zu behandeln, die lediglich eine andere Zeit bezeugen &#8211; schlie\u00dflich wirken sie im \u00f6ffentlichen Raum, ganz gegenw\u00e4rtig.\u201c<\/p><\/blockquote>\n<p>Die Erich-K\u00e4stner-Stra\u00dfe in M\u00fcnchen wurde gestern auch erw\u00e4hnt, <a href=\"https:\/\/www.faz.net\/aktuell\/feuilleton\/muenchen-streitet-um-die-benennung-von-strassen-16583093.html\">hier<\/a> ein eher fassungsloser Kommentar der FAZ vom Januar. <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Mirjam_Zadoff\">Mirjam Zadoff<\/a> berichtete von der Kommission, die sich mit der Kontextualisierung oder der Umbenennung von Stra\u00dfen befasste. Sie erw\u00e4hnte auch die NS-Bauten am K\u00f6nigsplatz, die nach 1945 bewusst mit den Institutionen besetzt wurden, die noch heute in ihnen residieren: die Musikhochschule sitzt im ehemaligen \u201e<a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/F%C3%BChrerbau\">F\u00fchrerbau<\/a>\u201c, unter anderem das ZI im <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/M%C3%BCnchner_Haus_der_Kulturinstitute\">NS-Verwaltungsgeb\u00e4ude<\/a>. Ich erw\u00e4hnte hier schon \u00f6fter, dass mir der Ort durchaus bewusst ist, in dem ich so gerne durch B\u00fccherregale streife; das kann einem auch kaum entgehen, dass die T\u00fcrst\u00fcrze gef\u00fchlt drei Meter hoch sind, die Treppenh\u00e4user zu breit und der Blutwurstmarmor des Fu\u00dfbodens dem im <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Haus_der_Kunst\">Haus der Kunst<\/a> bewusst \u00e4hnelt (gleicher Architekt). Zadoff zitierte, wenn ich mich richtig erinnere, <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Ruth_Kl%C3%BCger\">Ruth Kl\u00fcger<\/a>, die meinte, Geb\u00e4ude an sich seien nie b\u00f6se, es k\u00e4me auf die Menschen an, die sie bewohnen, was ich f\u00fcr eine sehr richtige Sichtweise halte. <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Teresa_Koloma_Beck\">Teresa Koloma Beck<\/a> erw\u00e4hnte aber ebenso richtig, dass Geb\u00e4ude, Stra\u00dfennamen, Denkm\u00e4ler ins Heute abstrahlten, dass sie also trotz allem gut gemeinten Kontext immer noch heute nicht mehr akzeptiertes Gedankengut in sich h\u00e4tten und das in die Gesellschaft tr\u00fcgen. Spannende Diskussion.<\/p>\n<p>Zadoff, deren NS-Dokuzentrum direkt neben dem ehemaligen F\u00fchrerbau steht, erw\u00e4hnte auch die Dreharbeiten, die dort vor Kurzem stattgefunden haben, Max Westphal <a href=\"https:\/\/twitter.com\/_omwo\/status\/1329140754413969409\">fotografierte<\/a> eine Szene an der Feldherrnhalle. Im Geb\u00e4ude wurde das <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/M%C3%BCnchner_Abkommen\">M\u00fcnchner Abkommen<\/a> unterzeichnet; das wurde nachgestellt, und sie meinte, trotz allem Wissen dar\u00fcber, dass es ein Film war, das Geb\u00e4ude nur noch (?) eine Kulisse, w\u00e4re das doch arg seltsam gewesen, wieder Hakenkreuzflaggen daran zu sehen. Ich musste an die Skurrilit\u00e4t denken, dass f\u00fcr die Dreharbeiten die Erinnerungstafel an eben dieses Abkommen, die sich am Geb\u00e4ude befindet, genau daf\u00fcr abgenommen werden musste.<\/p>\n<p>&#8212;<\/p>\n<p>F\u00fcr die inneren Notizen f\u00fcr n\u00e4chstes Jahr, wenn ich hoffentlich wieder dar\u00fcber nachdenke, welchen Adventskalender von <a href=\"https:\/\/xocolat.at\/\">Xocolat<\/a> ich m\u00f6chte: Vorgestern Cassis, gestern Nougat, nat\u00fcrlich beides hervorragend. Ich habe derzeit den ohne Alkohol.<\/p>\n<p>&#8212;<\/p>\n<p>Und dann fiel ich abends auf ein eBook f\u00fcr 99 Cent herein. Auf Netflix l\u00e4uft gerade die, soweit ich das \u00fcberflogen habe, hochgelobte Serie <em>The Queen&#8217;s Gambit<\/em>. Sie beruht auf einem Buch von <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Walter_Tevis\">Walter Tevis<\/a>, und ich las einen Artikel im <em>New Yorker<\/em> dar\u00fcber: <a href=\"https:\/\/www.newyorker.com\/culture\/culture-desk\/the-fatal-flaw-of-the-queens-gambit\">The Fatal Flaw of \u201cThe Queen\u2019s Gambit\u201d<\/a>, der meint, die Serie h\u00e4tte die Hauptfigur mit einer zu attraktiven Darstellerin besetzt.<\/p>\n<blockquote><p>\u201eActors Are Too Hot Hill is a silly place to die, yet the acclaim for \u201cThe Queen\u2019s Gambit\u201d series, which stars an actual former model, has stranded me there, unable to descend until I have said my piece. Allow me to shout from my lone perch at its summit that Beth Harmon is not pretty, and there is no story about her that can be told if she is. [&#8230;]<\/p>\n<p>Tevis mentions Beth\u2019s ugliness too often for readers to imagine that it is just some routine, awkward part of childhood that slips away with puberty, like a boy\u2019s squeaky tones settling gradually into a mannish timbre, or because some nice girlfriend\u2014she has none, after Jolene\u2014takes her to Sephora. Instead, Beth becomes reasonably attractive by learning to play chess and then excelling at it. The first moment that Beth is able to regard her reflection without disgust comes right after she wins her third tournament game. Some forty pages later, a chess player turned journalist named Townes tells Beth, \u201cYou\u2019ve even gotten good-looking.\u201d Toward the end of the book, Jolene herself, seeing Beth in magazines, declares, \u201cYou\u2019ve lost your ugly.\u201d [&#8230;]<\/p>\n<p>Here is the book\u2019s most explicit mention of Beth\u2019s physical confidence as an adult: \u201cBeth was wearing a dark-green dress with white piping at the throat and sleeves. She had slept soundly the night before. She was ready for him.\u201d Chess helps her to inhabit her body comfortably, and this allows her to play better chess. It\u2019s the playing-better-chess part of the deal that really matters to her.\u201c<\/p><\/blockquote>\n<p>Das interessierte mich dann doch, ich las die ersten S\u00e4tze in diesem kleinen Buch, fand sie gut, kaufte das eBook und wollte im Bett vor dem Schlafengehen nur noch ein paar Seiten lesen. Dann war es pl\u00f6tzlich 2 Uhr morgens, ich auf Seite 90 und ihr entschuldigt mich, ich muss wieder an &#8230; \u00e4h &#8230; die Diss. Nat\u00fcrlich. Die Diss.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Gestern hatte mich der Schreibtisch wieder: Ich las die beiden Gutachten zur Dissertation erneut aufmerksam durch und bastelte zun\u00e4chst einen Hauch an einer ge\u00e4nderten inhaltlichen Aufteilung; die lasse ich vermutlich, so wie sie ist, aber ich wollte das mal durchspielen und bin von der Alternative noch nicht \u00fcberzeugt. 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