{"id":3492,"date":"2009-01-10T15:20:27","date_gmt":"2009-01-10T13:20:27","guid":{"rendered":"http:\/\/www.ankegroener.de\/?p=3492"},"modified":"2009-01-10T15:20:27","modified_gmt":"2009-01-10T13:20:27","slug":"3492","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.ankegroener.de\/blog\/?p=3492","title":{"rendered":""},"content":{"rendered":"<p>Berlin ist ein ganzganzganz winziges bisschen, kaum sp\u00fcrbar, ich will&#8217;s auch gar nicht laut sagen, meine zweite Heimat geworden. Das kommt wahrscheinlich automatisch, wenn man hier monatelang ruml\u00e4uft und arbeitet und einen normalen Tagesablauf hat und sich in Hamburg am Wochenende eher wie auf der Durchreise f\u00fchlt. Ich hatte trotzdem \u00fcberhaupt nicht damit gerechnet, weil Berlin seit knapp zehn Jahren eine Stadt ist, mit der ich erstmal Schmerz verbinde. Denn in Berlin habe ich <a href=\"http:\/\/www.ankegroener.de\/anke1\/pasdeblog\/to_karl_with_love.html\">Karl<\/a> kennengelernt, wir haben eine sehr intensive Woche zusammen verbracht, w\u00e4hrend ich (leider vergeblich) versucht habe, die Pr\u00fcfung an der <a href=\"http:\/\/www.dffb.de\/\">dffb<\/a> zu bestehen, um Drehbuch studieren zu k\u00f6nnen. <\/p>\n<p>Ein Teil der Pr\u00fcfung war es, einen dreimin\u00fctigen Super-8-Film zu drehen. Aus, soweit ich mich erinnere, f\u00fcnfzehn Titelvorschl\u00e4gen habe ich mich f\u00fcr \u201eRund um die Ged\u00e4chtniskirche\u201c entschieden. Denn als es darum ging, sich f\u00fcr ein Thema zu entscheiden, kannte ich noch niemanden in der Stadt und hatte daher weder Schauspieler noch Kulissen, mit denen ich etwas h\u00e4tte machen k\u00f6nnen, was zum Titel \u201eVorfreude\u201c (wei\u00df ich nicht mehr, ob es wirklich so einen Titel gab, aber die Richtung stimmt) gepasst h\u00e4tte. Also hatte ich nur die Wahl zwischen \u201eAm Alexanderplatz\u201c und eben der Ged\u00e4chtniskirche. Ich kannte beide Orte von der obligatorischen Berlin-Klassenfahrt und verband mit der Kirche \u201eeindrucksvoll\u201c\u00a0und mit dem Alexanderplatz \u201eh\u00e4sslich, leer, Zwangsumtausch\u201c. Daher war die Wahl einfach.<\/p>\n<p>Ich trieb mich einen Tag lang an der Kirche herum, guckte mir Perspektiven an, die ganzen L\u00e4den, die vielen Touristen, die Ruine, den Neubau. Eigentlich wollte ich nur ein Stimmungsbild aufnehmen, aber dann traf ich Karl. Und hatte damit immerhin eine Person, die ich vor der Kamera rumlaufen lassen konnte. Also hat Karl f\u00fcr mich einen Touristen gemimt, der in verschiedene L\u00e4den geht und sich fiese Souvenirs kauft, zu McDonald&#8217;s, mit den Stra\u00dfenmusikanten tanzt &#8230; die kleine Idee am Film: die Kamera war ebenfalls ein Akteur, und ich reichte Karl mit deutlich sichtbarer Hand Geld oder bewegte die Kamera wie beim Kopfsch\u00fctteln, wenn das Berlin-Souvenir besonders h\u00e4sslich war. Klingt heute total banal, schien damals aber ne gute Idee zu sein, wenn ich mich an die Reaktionen meiner Mitbewerber erinnere, als wir alle zusammen alle Filme geguckt haben. (Und ich \u00e4rgere mich immer noch, dass ich nicht mal fr\u00fcher als Anfang diesen Monats bei der dffb angerufen habe, um mal nachzufragen, ob es diesen Film noch gibt. Es gibt ihn nicht mehr.)<\/p>\n<p>Ende 1999 ist Karl bei einem Autounfall ums Leben gekommen. Ich war seitdem nur dreimal in Berlin, was gr\u00f6\u00dftenteils nicht wirklich Spa\u00df gemacht hat. Ich verbinde mit der Stadt einfach einen mir sehr wichtigen Menschen, und immer, wenn ich in Berlin bin, merke ich doppelt so stark, dass er nicht mehr da ist. Es ist jetzt \u00fcber zehn Jahre her, dass ich Karl das letzte Mal gesehen habe, und es tut nicht mehr ganz so weh. Der Schmerz ist einem tiefen Bedauern gewichen, dass er nicht mehr mitgekriegt hat, wie sehr ich mich ver\u00e4ndert habe, meiner Meinung nach zum Guten. Ich h\u00e4tte ihm gerne gezeigt, dass ich stark sein kann und nicht immer so f\u00fcrchterlich nah am Wasser, so entscheidungsunfreudig, so traurig, so einsam. Ich h\u00e4tte ihm gerne erz\u00e4hlt, dass ich einen Beruf gefunden habe, der mich ausf\u00fcllt und mir Selbstvertrauen gibt. Ich h\u00e4tte ihm gerne eine aufger\u00e4umte Wohnung pr\u00e4sentiert, mein Patenkind und die vielen St\u00e4dte in Deutschland, die er nicht mehr besuchen konnte. Und ich w\u00e4re gerne mit ihm zur Ged\u00e4chtniskirche gegangen, das gute alte \u201eWei\u00dft du noch\u201c-Spiel spielen. <\/p>\n<p>Ich war vor einigen Wochen da. Ich bin nicht nur daran <a href=\"http:\/\/www.ankegroener.de\/?p=2542\">vorbeigefahren<\/a>, sondern bin hingegangen, habe mir Zeit genommen, um mehrere Male um das Geb\u00e4ude rumzulaufen. Habe die L\u00e4den gesucht, die wir damals gefilmt haben. Und habe erschreckt festgestellt, dass der Klo\u00df im Hals anscheinend immer da ist, wenn ich diese Kirche sehe oder sogar vor ihr stehe. <\/p>\n<p>Die Kirche war ge\u00f6ffnet, und ich bin kurz in den Andachtsraum gegangen, um ein Gebet f\u00fcr Karl zu sprechen und ein bisschen Kraft f\u00fcr den R\u00fcckweg zu sch\u00f6pfen. Hat nicht ganz geklappt. Ich habe es gerade noch geschafft, meine M\u00fctze vom Kopf zu nehmen und mich zu setzen, bevor ich angefangen habe zu weinen. Anscheinend ist an bestimmten Orten das Bedauern nicht genug. Hier ist es wieder Schmerz, der v\u00f6llig vergessen hat, dass er schon zehn Jahre alt ist.<\/p>\n<p>Berlin ist meine zweite Heimat. Und ich z\u00e4hle die Stunden, bis ich von hier weg kann.<\/p>\n<p>Karl Dewaine Glass, 10.01.1962 \u2013 02.12.1999<\/p>\n<p>Happy birthday, love. Wish you were here.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Berlin ist ein ganzganzganz winziges bisschen, kaum sp\u00fcrbar, ich will&#8217;s auch gar nicht laut sagen, meine zweite Heimat geworden. Das kommt wahrscheinlich automatisch, wenn man hier monatelang ruml\u00e4uft und arbeitet und einen normalen Tagesablauf hat und sich in Hamburg am Wochenende eher wie auf der Durchreise f\u00fchlt. 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