{"id":34782,"date":"2020-07-15T09:13:07","date_gmt":"2020-07-15T08:13:07","guid":{"rendered":"http:\/\/ankegroener.de\/blog\/?p=34782"},"modified":"2020-07-15T09:26:17","modified_gmt":"2020-07-15T08:26:17","slug":"tagebuch-dienstag-14-juli-2020-dinge-die-ich-gestern-gelernt-habe-als-das-mutterchen-und-ich-uns-nach-feierabend-ab-21-uhr-einen-kleinen-rosesekt-gonnten-oder-zwei","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.ankegroener.de\/blog\/?p=34782","title":{"rendered":"Tagebuch Dienstag, 14. Juli 2020 \u2013\u00a0Dinge, die ich gestern gelernt habe, als das M\u00fctterchen und ich uns nach Feierabend ab 21 Uhr einen kleinen Ros\u00e9sekt g\u00f6nnten (oder zwei)"},"content":{"rendered":"<p>Auf dem Grundst\u00fcck meiner Eltern bl\u00fcht eine Rose, die ein Ableger einer der ersten Blumenstr\u00e4u\u00dfe war, die mir mein erster Freund so circa 1987 geschenkt hat. Muss ich dem Herrn noch pers\u00f6nlich erz\u00e4hlen, er liest mein Blog nur sporadisch, unglaublich.<\/p>\n<p>&#8212;<\/p>\n<p>Dann sprachen wir lange \u00fcber die Kriegs- und Nachkriegszeit.<\/p>\n<p>Ein gro\u00dfer Teil eines Fl\u00fcchtlingstrecks aus den ehemaligen deutschen Ostgebieten (oder wie es die <a href=\"https:\/\/www.buchfreund.de\/de\/d\/p\/76805452\/bildchronik-bissendorf-2-baende-chronik-wedemark\">Dorfchronik von 2001<\/a> nennt: \u201eDeutsche Ostgebiete\u201c, \u00e4hem) kam Ende M\u00e4rz 1945 in Bissendorf an, meinem Heimatd\u00f6rfchen. Damals hatte Bissendorf, soweit ich die wenigen mir hier zur Verf\u00fcgung stehenden Quellen interpretiere, gut 1000 Einwohner. Der Treck stammte aus der Gemeinde Gro\u00df Rohdau (<a href=\"https:\/\/allenstein.vffow.de\/karte.php?oid=71\">Rodowo<\/a>), die 1944 ebenfalls um die 1000 Einwohner hatte. Das gesamte Dorf machte sich im Januar 1945 mit einem Treck aus 60 Pferdewagen auf den Weg in den Westen. In Mecklenburg trennte sich der Treck; einige fuhren nach Bremen oder Schleswig-Holstein, andere zogen weiter in Richtung Niedersachsen. In der Chronik ist nicht verzeichnet, wieviele Menschen genau nach Bissendorf kamen, es werden 14 Familien namentlich erw\u00e4hnt. <\/p>\n<p>Die Chronik listet au\u00dferdem 133 Familien auf, die angeblich bis 1948 aus den ehemaligen deutschen Ostgebieten nach Bissendorf kamen, darunter auch die meiner Mutter, die mit ihrer Mutter, deren Schwester und deren zwei Kindern aus Ostpreu\u00dfen kamen, beide Ehem\u00e4nner waren gefallen. (Die Familien meiner Mutter kamen erst Anfang der 1950er-Jahre.) Ich war erstaunt dar\u00fcber, wieviele der Namen ich aus meiner Kindheit kannte. Die Vorfahren unserer Nachbarn stammen aus Litauen, die unseres Dorfschusters, von dem ich jedes Paar Schuhe bekam, bis ich ungef\u00e4hr 15 war, aus dem eben erw\u00e4hnten Rohdau in Westpreu\u00dfen. Die Eltern einer langj\u00e4hrigen Freundin meiner Mutter waren ebenfalls auf diesem Treck. Weitere Namen, die ich kannte, hatten Vorfahren in Ostpreu\u00dfen, Westpreu\u00dfen, Pommern und Schlesien.<\/p>\n<p>Meine Mutter erz\u00e4hlte, dass sie bis 1947 in der N\u00e4he von Lapkeim (<a href=\"https:\/\/en.wikipedia.org\/wiki\/%C5%81apkiejmy\">\u0141apkiejmy<\/a>) lebten, nachdem sie aus Bartenstein (<a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Bartoszyce\">Bartoszyce<\/a>) gefl\u00fcchtet waren. Danach kamen sie zun\u00e4chst in ein Fl\u00fcchtlingslager in Brandenburg, in dem sie aber nur wenige Wochen blieben. \u201eAm 4.11.1945 legte die Zentralverwaltung fu\u0308r deutsche Umsiedler einen ersten Arbeitsbericht vor. Demnach waren in der Sowjetischen Besatzungszone 568 Lager fu\u0308r die Aufnahme und Verteilung der Vertriebenen und Heimkehrer eingerichtet worden, davon in der Provinz Mark Brandenburg allein 63 Lager. Das Gesamtfassungsvermo\u0308gen aller Lager betrug ca. 484.000 Personen.\u201c (S. 20) \u201eHeimkehrer\u201c ist hier ein euphemistischer Begriff, der laut Verordnung der sowjetischen Milit\u00e4radministration in der SBZ verwendet werden sollte und ehemalige Kriegsgefangene meinte. (S. 4) Meine Mutter erinnert sich an kaum noch an das Lager, nur daran, dass sie \u201ewei\u00dfen Puder\u201c in die Haare bekamen, vermutlich ein Entlausungsmittel. (Zitate aus Sven Olaf Oehlsen: <em>Vertriebenenlager in Brandenburg 1945\u20131953<\/em>, Potsdam 2006, <a href=\"https:\/\/opus4.kobv.de\/opus4-slbp\/files\/455\/Vertriebenenlager_in_Brandenburg.pdf\">hier<\/a> als PDF.)<\/p>\n<p>Ab Anfang der 1950er-Jahre lebten meine Mutter, ihre Mutter mit Schwester und Kindern gemeinsam in einem einzigen Zimmer einer Familie hier in Bissendorf, bis 1966 mit Plumpsklo auf dem Hof. Als ich bei der Erz\u00e4hlung meinen Mund (hinter der Maske) verzog, meinte meine Mutter nur sinngem\u00e4\u00df: \u201eOmi und Tante Erna meinten immer nur: \u201aEs ist Frieden und wir haben ein Dach \u00fcber dem Kopf.\u2018 Daher empfand auch ich die Situation nicht als so belastend, wie sie jetzt vielleicht klingt.\u201c<\/p>\n<p>Das r\u00fcckte dann ein paar FirstWorldProblems bei mir im Kopf wieder gerade.<\/p>\n<p>&#8212;<\/p>\n<p>Meine Mutter ging keine sieben Jahre zur Schule. Als sie 6 war, lebte sie noch in Polen und wurde nicht eingeschult, sie kam erst mit 7 in Brandenburg in die Schule und erinnert sich noch an eine russische Wendung, von der sie aber nicht mehr wei\u00df, was sie bedeutet, aber sie mochte die Schrift so gerne. In Niedersachsen beendete sie die Volksschule, aber f\u00fcr eine weiterf\u00fchrende Schule hatte die Familie kein Geld. Sie begann mit 14 eine Lehre, um \u201eins B\u00fcro zu gehen\u201c, und lernte schlie\u00dflich noch Fremdsprachenkorrespondentin. Als sie meinen Vater Anfang der 1960er-Jahre kennenlernte, sagte sie, ihr gestriges Zitat w\u00f6rtlich: \u201eIch kann mir keinen festen Freund leisten, ich m\u00f6chte beruflich vorankommen.\u201c Ich guckte verst\u00e4ndnislos, woraufhin sie meinte: \u201eDas war vor der Pille.\u201c Ach ja. Also suchte sich V\u00e4terchen einen Job im Schwarzwald, damit die beiden Frischverliebten sich nicht so oft sehen konnten. (Ich grinse gerade beim Tippen und finde meine Mutter toll.) Zwischen 1962 (?) und Anfang 1967 arbeitete Papa dann in Hamburg, im Juli 1966 haben beide geheiratet.<\/p>\n<p>&#8212;<\/p>\n<p>1967 zogen beide zusammen \u2013 in ein Zimmer im Haus der Eltern von Papa. Mama wollte danach f\u00fcr ihre Mutter ein Foto als Abschiedsgeschenk machen lassen. Daf\u00fcr schritt sie, ihrer Erz\u00e4hlung nach, diverse Schaufenster von Fotografen in Hannover ab und entschied sich f\u00fcr einen Herrn Julius, der damals, Mamas Worte, \u201edie Operndiven\u201c fotografierte und deren Bilder ausstellte. Sie \u00fcbte tagelang eindrucksvolle Posen vor dem Spiegel und war ziemlich \u00fcberrascht, dass das beim Fotografen nicht so gut ankam. Der meinte aber: \u201eSie sind eine optimistische Pers\u00f6nlichkeit, und solchen Menschen wollen wir in die Augen schauen. Gucken Sie mich mal an!\u201c<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/ankegroener.de\/blog\/..\/Bilder\/img79041.jpg\" alt=\"\" width=\"500\" height=\"693\" class=\"alignnone size-full wp-image-34784\" \/><\/p>\n<p>Etwas sp\u00e4ter wurde auch mein Vater vom selben Fotograf abgelichtet, beide Bilder sind aus dem November 1968.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/ankegroener.de\/blog\/..\/Bilder\/IMG_7041.jpg\" alt=\"\" width=\"500\" height=\"710\" class=\"alignnone size-full wp-image-34785\" \/><\/p>\n<p>Der Fotograf k\u00f6nnte <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Kurt_Julius\">Kurt Julius<\/a> gewesen sein, wor\u00fcber ich seit gestern abend auch sehr breit grinse. Ich muss mal ins <a href=\"https:\/\/staatstheater-hannover.de\/de_DE\/theatermuseum-archiv\">Archiv des Theatermuseums Hannover<\/a>, glaube ich.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Auf dem Grundst\u00fcck meiner Eltern bl\u00fcht eine Rose, die ein Ableger einer der ersten Blumenstr\u00e4u\u00dfe war, die mir mein erster Freund so circa 1987 geschenkt hat. Muss ich dem Herrn noch pers\u00f6nlich erz\u00e4hlen, er liest mein Blog nur sporadisch, unglaublich. &#8212; Dann sprachen wir lange \u00fcber die Kriegs- und Nachkriegszeit. 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