{"id":33148,"date":"2019-11-11T08:16:03","date_gmt":"2019-11-11T07:16:03","guid":{"rendered":"http:\/\/ankegroener.de\/blog\/?p=33148"},"modified":"2019-11-11T08:16:27","modified_gmt":"2019-11-11T07:16:27","slug":"was-schon-war-samstag-sonntag-9-10-november-2019","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.ankegroener.de\/blog\/?p=33148","title":{"rendered":"Was sch\u00f6n war, Samstag\/Sonntag, 9.\/10. November 2019 \u2013 Diss und das (sorry. Es ist Montag)"},"content":{"rendered":"<p>Samstag versucht, sowohl die Tweets zur Pogromnacht als auch zur Mauer\u00f6ffnung zu ignorieren, weil mich beides gerade auf unterschiedliche Weise anfasst. Abends dann doch schwach geworden und YouTube-Clips von der Bornholmer Stra\u00dfe geschaut. Doch wieder geheult, weil ich mich noch an meine damalige v\u00f6llige Fassungslosigkeit erinnere, mit der ich, zwanzigj\u00e4hrig, alles mitbekam und trotzdem nicht glauben konnte, was sich da entwickelte. Dass aus zwei deutschen Staaten wieder einer werden w\u00fcrde, h\u00e4tte ich nie geglaubt. Aber dar\u00fcber, wie sich dieses Land entwickelte, k\u00f6nnte man mal wieder nachdenken.<\/p>\n<p>Dazu las ich dann Sonntag dieses gute Essay: <a href=\"https:\/\/www.t-online.de\/nachrichten\/deutschland\/gesellschaft\/id_86773444\/erzaehlen-von-1989-revolution-ohne-helden.html\">Revolution ohne Helden<\/a>.<\/p>\n<blockquote><p>\u201eDie offizielle Gedenkwoche der Bundesregierung in diesem Jahr tr\u00e4gt den Titel &#8220;30 Jahre friedliche Revolution \u2013 Mauerfall&#8221;. Die offizielle Website dieser Gedenkwoche aber hei\u00dft nur noch: &#8220;mauerfall30.berlin&#8221;. So ist es oft: Der Mauerfall r\u00fcckt ins Zentrum und alles wird seltsam k\u00f6rperlos. Am 9. November 1989 fiel die Mauer. Mit der Wende kam die Einheit. Als w\u00e4re der Weltgeist in dieses Land gefahren. Als h\u00e4tten nicht Menschen gehandelt. Als lasse sich eine Revolution ohne Revolution\u00e4re auch nur denken.  [&#8230;]<\/p>\n<p>Manche Revolutionen, wie die in Frankreich und den USA, haben das westliche Verst\u00e4ndnis von Geschichte und Politik grundlegend ver\u00e4ndert. In vielen L\u00e4ndern sind Revolutionen selbstverst\u00e4ndlich Teil des kollektiven Selbstverst\u00e4ndnisses. Revolutionsgeschichten, die sich herausgebildet haben, kreisen um handelnde Personen, um Helden, um Revolution\u00e4re. [&#8230;]<\/p>\n<p>Selbst die Novemberrevolution 1918, diese merkw\u00fcrdig vergessene deutsche Revolution, hat ihre ikonischen Momente, hat Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht, hat Philipp Scheidemann, der vom Balkon des Reichstags die Republik ausruft. Heute kann man hinter diesem Balkon als Abgeordneter im Restaurant sitzen. [&#8230;]<\/p>\n<p>In der Schl\u00fcsselszene der Revolutionsgeschichte von 1989 verk\u00fcndet Politb\u00fcromitglied G\u00fcnter Schabowski im grauen, etwas zu gro\u00dfen Anzug die \u00d6ffnung der Grenz\u00fcberg\u00e4nge, kratzt sich auf Nachfrage am Kopf, und sagt dann: &#8220;Das tritt, nach meiner Kenntnis ist das sofort, unverz\u00fcglich.&#8221; Man kann nicht einmal sagen, dass dieser Satz von der Revolution geblieben ist, weil ihn kein Revolution\u00e4r gesprochen hat und weil es nicht einmal ein Satz war. [&#8230;]<\/p>\n<p>Dass es im kollektiven Ged\u00e4chtnis keine eindeutigen F\u00fchrungsfiguren gibt, mag auch an denen liegen, die dazu h\u00e4tten werden k\u00f6nnen \u2013 Menschen, die heute &#8220;B\u00fcrgerrechtler&#8221; hei\u00dfen, nie &#8220;Revolution\u00e4re&#8221;. &#8220;Die haben allesamt darauf verzichtet, sich vorzudr\u00e4ngen&#8221;, sagt Schulz. Aram Radomski, der die Leipziger Montagsdemo vom 9. Oktober filmte und damit in die Welt trug, sagte einmal: &#8220;Manchmal st\u00f6rt es mich, wenn ich deswegen zu einem Symbol gemacht werde. Das bin ich nicht.&#8221;<\/p>\n<p>&#8220;F\u00fcr viele war auch das Parteiensystem nicht geeignet, ihre Vorstellung von Politik umzusetzen, wie f\u00fcr B\u00e4rbel Bohley&#8221;, sagt Roland Jahn. Bohley, Mitbegr\u00fcnderin des Neuen Forums, ging in den Neunzigern nach Bosnien. In der Bundesrepublik spielte sie keine herausgehobene Rolle mehr. [&#8230;]<\/p>\n<p>Die friedliche Revolution fra\u00df ihre Kinder nicht, sie l\u00f6ste nur alles auf, worin die Kinder waren. Wie oft gibt es das, dass ein Volk eine Revolution macht und dann wird es geschluckt? Dass Revolution nicht der Beginn von etwas ist, sondern vor allem das Ende? <\/p>\n<p>Westdeutschland nahm die DDR in sich auf und das Ergebnis war kein neues Land, sondern das alte, mit ein paar neuen Menschen.\u201c<\/p><\/blockquote>\n<p>&#8212;<\/p>\n<p>Den Rest des Tages verbrachte ich mit sch\u00f6nem Kleinkram: Ich machte den Balkon winterfertig, sagte traurig meinen einj\u00e4hrigen Blumen Auf Wiedersehen, topfte die Kr\u00e4uter um, die ich in die K\u00fcche retten wollte und putzte den Balkon, bevor es drau\u00dfen frostig wird.<\/p>\n<p>Dann buk ich Kekse, abends gab&#8217;s ein Grilled Cheese und dazwischen schaute ich die neuen Folgen <em>Masterchef \u2013 The Professionals<\/em>, was ich sehr gerne mag (totale \u00dcberraschung). Dort stellen sich K\u00f6che und K\u00f6chinnen den Juror*innen; ihre erste Runde ist immer, einen Klassiker zuzubereiten, ich bloggte bereits mal dar\u00fcber. Ich finde es immer spannend, wie Profis an eigentlich simple Dinge wie eine Hollandaise rangehen und freue mich grunds\u00e4tzlich \u00fcber die Erkl\u00e4rungen dazu, warum sie jetzt was machen und warum was eben nicht.<\/p>\n<p>Ansonsten gab es die ersten vier Folgen von <em>The Morning Show<\/em> mit Jennifer Aniston und Reese Witherspoon, der neuen Flagship Show von Apple TV. Ich kann mich noch nicht entscheiden, ob ich die Serie mag oder nicht; zwischendurch kommt was, das mir gef\u00e4llt, aber meistens frage ich mich, was ihr da gerade zu Problemen aufbauscht, die keine sein m\u00fcssten, wenn man kein Drehbuch f\u00fcr eine Stunde Folge vollkriegen m\u00fcsste.<\/p>\n<p>&#8212;<\/p>\n<p>Gestern sa\u00df ich den ganzen Tag an der Diss. Okay, erst schlief ich gnadenlos bis 9. Aber dann. Ich groovte mich langsam wieder in den riesigen Protzen-Teil rein, in dem mich mittendrin abgebrochen hatte, um mich an die Autobahnen zu setzen. Jetzt kommt also wieder das, was ich vorher schon monatelang gemacht hatte: Werkverzeichnis mit Fotos seiner Bilder zu vergleichen, um sein Werk vollst\u00e4ndig aufzubereiten, Archive durchw\u00fchlen, um Ausstellungen zu finden, Datenbanken durchw\u00fchlen, um Rezensionen dazu zu finden.<\/p>\n<p>Ich hatte 1937 abgebrochen, weil ich wusste, dass jetzt die Gro\u00dfen Deutschen Kunstausstellungen k\u00e4men, f\u00fcr die ich dringend ins Staatsarchiv muss. Um wieder in den Schreibfluss zu kommen, las ich meine bisherigen Kapitel dazu nochmal durch und redigierte nat\u00fcrlich erstmal ewig rum, kam aber immerhin bis 1934, und da mache ich dann heute weiter. <\/p>\n<p>Au\u00dferdem konnte ich mich in der Diss <a href=\"https:\/\/ankegroener.de\/_pdf\/171028_leovonwelden.pdf\">selbst zitieren<\/a>. Alles erreicht.<\/p>\n<p>&#8212;<\/p>\n<p><strong><a href=\"https:\/\/dhdhi.hypotheses.org\/6107\">Was sich Historiker*innen von Archiven w\u00fcnschen: eine Umfrage<\/a><\/strong><\/p>\n<p>Ich hatte mich an der Umfrage auf Twitter nicht beteiligt, weil ich dachte, ich h\u00e4tte alberne Sonderw\u00fcnsche, aber anscheinend geht es vielen so, dass sie gerne WLAN h\u00e4tten und fotografieren m\u00f6chten. Irre. Durch den Artikel wurde ich aber auch angeregt, \u00fcber Nachnutzung von einmal ausgehobenen Archivalien nachzudenken: Was w\u00e4re, wenn ich die Akten, durch die ich mich w\u00fchle und die ich fotografiere\/scanne\/transkribiere, auch einfach anderen zur Verf\u00fcgung stellen w\u00fcrde, damit die n\u00e4chste Nutzerin nicht die gleiche Arbeit nochmal machen muss? Ich w\u00e4re dabei!<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Samstag versucht, sowohl die Tweets zur Pogromnacht als auch zur Mauer\u00f6ffnung zu ignorieren, weil mich beides gerade auf unterschiedliche Weise anfasst. Abends dann doch schwach geworden und YouTube-Clips von der Bornholmer Stra\u00dfe geschaut. 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