{"id":32982,"date":"2019-10-17T12:47:16","date_gmt":"2019-10-17T11:47:16","guid":{"rendered":"http:\/\/ankegroener.de\/blog\/?p=32982"},"modified":"2019-10-17T12:47:16","modified_gmt":"2019-10-17T11:47:16","slug":"nachtrag-was-schon-war-8-9-oktober-2019-franzbrotchen-und-staatsarchiv","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.ankegroener.de\/blog\/?p=32982","title":{"rendered":"Nachtrag: Was sch\u00f6n war, 8.\/9. Oktober 2019 \u2013 Franzbr\u00f6tchen und Staatsarchiv"},"content":{"rendered":"<p>Im Nachlass von Herrn Protzen befindet sich ein Brief, der mich darauf hinwies, dass zwei seiner Bilder 1935 an Bord der <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Grille_(Schiff,_1934)\">Aviso \u201eGrille\u201c<\/a> gelandet waren. Das Schiff wurde in Hamburg bei Blohm + Voss gebaut, deren alte Unterlagen inzwischen im <a href=\"https:\/\/www.hamburg.de\/staatsarchiv\/\">Hamburger Staatsarchiv<\/a> liegen. Ich besorgte mir eine Erlaubnis der Firma, ein bisschen in den 113 Regalmetern w\u00fchlen zu d\u00fcrfen, suchte drei St\u00fccke aus und bat das Staatsarchiv um Aushebung zum 8. Oktober.<\/p>\n<p>Sorry, Greta, aber ich bin geflogen, die Zeit in Hamburg w\u00e4re sonst zu knapp geworden. (Aka ich wollte nicht um 4 Uhr morgens im Zug sitzen.) Ich landete p\u00fcnktlich, stieg ausnahmsweise nicht aus der Flughafen-S-Bahn schon in Ohlsdorf um, sondern erst an der Wandsbeker Chaussee, um von dort ins Hotel zu kommen, und rollkofferte an die Rezeption. Mein Zimmer war nat\u00fcrlich noch nicht fertig, ich stellte das K\u00f6fferchen ab und nahm die U-Bahn wieder zur\u00fcck in Richtung Staatsarchiv. Schon am U-Bahn-Bahnhof musste dringend das erste Franzbr\u00f6tchen erworben werden, das ich im Rucksack, wo schon Rechner und Notizbuch lagen, zum Archiv transportierte. Nat\u00fcrlich hatte ich Profi einen Euro in der Hosentasche f\u00fcr zu erwartende Schlie\u00dff\u00e4cher, genau den brauchte ich auch, schloss alles ein, nahm ein paar Bissen Franzbr\u00f6tchen OMG so gut und ging in den brav ausgeschilderten Lesesaal. <\/p>\n<p>Am 7. Oktober hatte ich noch \u00fcberlegt, rufste beim Archiv an und erinnerst nochmal an die Aushebung, dann dachte ich aber, nee, Quatsch, bis jetzt hatten alle Archive immer alles f\u00fcr dich da, wenn du vorher danach gefragt hast, lass es. Ich dann so am 8. Oktober im Lesesaal mein Spr\u00fcchlein aufgesagt, wer ich bin und dass hier was f\u00fcr mich liegt.<\/p>\n<p>Archivmitarbeiter so: \u201e\u00d6hm.\u201c<br \/>\nIch so: *\u00fcberschl\u00e4gt im Geist Flug- und Hotelkosten, die eigentlich so gar nicht drin w\u00e4ren im Finanzplan* \u201eUnd nu?\u201c<br \/>\nArchivmitarbeiter: \u201eIch hol mal ne Kollegin.\u201c<br \/>\nIch so: *klappt Rechner auf, sucht Best\u00e4tigungsmail vom Archiv, holt ausgedruckte, ich bin ja nicht doof, Erlaubnis von Blohm + Voss f\u00fcr die Akteneinsicht aus der Sichth\u00fclle, TEAM SICHTH\u00dcLLE*<br \/>\nArchivmitarbeiterin: \u201eIch hab hier nichts im System &#8230; aber okay, Sie haben ja unsere Mail &#8230; hm &#8230; dann m\u00fcssen die das halt jetzt ausheben.\u201c <\/p>\n<p>Ich sah mich schon eine l\u00e4ngere Mittagspause mit Franzbr\u00f6tchen und Frust in der Archivgarderobe zubringen, aber sie meinte, ich solle mir schon mal einen Platz suchen, sie w\u00fcrde mir die Akten dann bringen. Ich fand eine Steckdose, setzte mich an den ansprechend gro\u00dfen Tisch mit der <a href=\"https:\/\/artemide.de\/tolomeo\/\">Artemide Tolomeo<\/a> drauf (Hamburg hat\u2019s anscheinend), klappte den Rechner auf &#8230; und da war der Mitarbeiter mit den Akten. Yeah! So kann ich arbeiten. Die \u00fcbliche Erkl\u00e4rung ausgef\u00fcllt und dann die Akten strategisch auf dem Tisch verteilt. <\/p>\n<p>Das Goodie \u201eFrauen im Flugzeugbau 1944\u201c legte ich nach ganz unten, das hatte ich mir aus purem Interesse ausheben lassen und nicht, weil ich es f\u00fcr die Diss brauche \u2013 es war halt da und klang spannend. Wozu sind Archive sonst da? Die \u201eRegelung von Einzelfragen bei Marineauftr\u00e4gen\u201c legte ich darauf, da wusste ich nicht, ob was f\u00fcr mich dabei war, das war ein Versuchsballon. Und direkt vor mir lagen nun zwei Stapel mit jeweils mindestens 500 Seiten Papier und Durchschlagpapier: \u201eBau der Aviso \u201aGrille\u2018, 1934\u20131938, 2 B\u00e4nde\u201c.<\/p>\n<p>Ich begann zu bl\u00e4ttern und notierte quasi von Anfang an Zeug: Wie waren die Vertragsbestimmungen, wie gro\u00df war das Schiff \u00fcberhaupt, wie ausgestattet, bis wann sollte was fertig werden und so weiter. Fand ich alles spannend, weil ich noch nie dar\u00fcber nachgedacht hatte, wie man wohl ein Schiff baut. Ich merkte allerdings recht schnell, dass die vielen, vielen Seiten nicht chronologisch geordnet waren, weswegen ich aufh\u00f6rte, Dinge zu notieren, weil die manchmal drei Seiten sp\u00e4ter wieder hinf\u00e4llig waren \u2013\u00a0obwohl es schon lustig war zu lesen, wie die Marineleitung den Preis dr\u00fccken konnte: \u201eNaja, Sie haben ja auch schon angefangen, bauen Sie doch einfach zu diesem neuen Preis zuende, Bussi!\u201c So bl\u00e4tterte ich einfach. Und bl\u00e4tterte. Und bl\u00e4tterte some more. Und nach 400 Seiten stie\u00df ich auf eine dreiseitige Verf\u00fcgung, die mit \u201eAusstattung mit Bildern\u201c \u00fcberschrieben war, grinste von einem Ohr zum anderen und machte die Beckerfaust. Wirklich. Ich ahne, dass Archivmitarbeiter*innen mich ziemlich seltsam finden, weil ich die quasi in jedem Archiv mache.<\/p>\n<p>Ich erspare euch die f\u00fcr mich sehr aufschlussreichen Dinge, die ich in den drei Seiten fand und auch die, die ich im Schreiben zur Verf\u00fcgung las und auch die, die ich noch einem weiteren Schreiben fand, das ernsthaft die allerletzten beiden Seiten des ersten Papierstapels waren. Die k\u00f6nnt ihr aber in aller Ausf\u00fchrlichkeit in der Diss lesen. Zwischen den ganzen Beckerf\u00e4usten tippte ich n\u00e4mlich noch und machte um halb sechs Feierabend; den zweiten Stapel und den Rest wollte ich am n\u00e4chsten Tag durchsehen.<\/p>\n<p>Ab ins Hotel, Zimmer war fertig, kurz frischgemacht, sehr hirntot mit dem M\u00fctterchen telefoniert, dann abgew\u00fcrgt, weil ich los musste, die beiden Hamburger Lieblingsdamen treffen. Ich \u00fcberlegte mir mit meinen 15 Jahren Hamburgleben eine Fahrtstrecke mit den \u00d6ffis zum Lokal, wo wir eine kleine Apfelschorle einnehmen wollten, dachte mir dann aber, ach guckste doch mal, ob die <a href=\"https:\/\/www.hvv.de\/de\">HVV<\/a>-App eine andere Strecke vorschl\u00e4gt. Schlug sie, und auch hier erspare ich euch Einzelheiten, aber ich habe mich ernsthaft in einer Stadt verlaufen, in der ich doch einige Zeit zugebracht habe und ich m\u00f6chte nicht mehr dar\u00fcber reden. (Weinende Lachsmileys in der WhatsApp-Gruppe der Damen, denen ich meine Versp\u00e4tung ank\u00fcndigte.)<\/p>\n<p>Dann sa\u00dfen wir zu dritt in einem <a href=\"http:\/\/restaurant-wohlers.de\/\">sehr netten Laden<\/a>, hatten gutes Essen, die Damen bestellten unter meinen Blicken voller Verachtung, und ich meine VOLLER VERACHTUNG, zwei KLEINE Helle, ich ein gro\u00dfes, sp\u00e4ter gab&#8217;s noch Cocktails, dann landeten wir auf der Couch einer der Damen und es gab Whisky, zwei von uns mussten am n\u00e4chsten Morgen arbeiten, aber egal, so jung kommen wir nie wieder zusammen, schenk nochmal nach, b\u00fcdde.<\/p>\n<p>Das war sch\u00f6n. Das war richtig sch\u00f6n, schei\u00df auf Flug- und Hotelkosten. (In diesem Satz versteckt sich eine Moral f\u00fcrs ganze Leben.)<\/p>\n<p>Den Wecker am n\u00e4chsten Morgen konnte ich gar nicht richtig hassen, weil ich mich so aufs Archiv freute. K\u00f6fferchen gepackt und im Hotel gelassen, gegen\u00fcber vom Hotel kurz die Apotheke f\u00fcr Kopfschmerztabletten aufgesucht (hier w\u00e4re noch eine Moral f\u00fcrs Leben), an einer anderen U-Bahn-Station Franzbr\u00f6tchen gekauft WEIL SIE HALT DA SIND, HIER SIND \u00dcBERALL FRANZBR\u00d6TCHEN, DIE SCHMECKEN NIRGENDS SO GUT WIE HIER DON&#8217;T @ ME, Rucksack ins Schlie\u00dffach, ab in den Lesesaal.<\/p>\n<p>Ich bl\u00e4tterte den ganzen ersten Stapel nochmal durch und korrigierte ein paar fl\u00fcchtige Formulierungen vom Vortag, dann bl\u00e4tterte ich den zweiten Stapel durch, aber in dem fand ich zu meinem Maler nichts mehr und auch nicht zu anderen. Daf\u00fcr aber irre viele Rechnungen, die anscheinend noch auf den nicht eben g\u00fcnstigen Grundpreis des Schiffchens draufkamen. Der Grundpreis waren ungef\u00e4hr sechs Autobahnkilometer, wie ich inzwischen durch ein anderes Kapitel in der Diss wei\u00df. Die Rechnungen gingen um Spinde, K\u00fcchenausstattungen, Hoheitszeichen, die angebracht werden mussten, Hoheitszeichen, die noch vergoldet werden mussten, Abortpapier (500 Rollen zu 44 RM, Juli 1936) oder auch: \u201e10 St\u00fcck F\u00fchrerbilder in den Decks nach Angabe des Kommandos\u201c, deren Anbringung mit 95,26 RM berechnet wurde. (Quelle: Staatsarchiv Hamburg, 621-1\/72_884, Bau der Aviso Grille 1934\u20131938, 2 B\u00e4nde, hier Bd. 2, Rechnung von Blohm &#038; Voss an das Oberkommando der Kriegsmarine, 37 Seiten, hier S. 29, 31.5.1937. Auf meine Frage an den Lesesaaldienst, wie man das Staatsarchiv Hamburg denn abk\u00fcrzen d\u00fcrfe f\u00fcr die Quellenangaben, kam die sehr hanseatische Antwort: \u201eWir m\u00f6chten eigentlich nicht, dass das Archiv abgek\u00fcrzt wird.\u201c)<\/p>\n<p>Die anderen beiden Archivalien brachten mir nichts, auch nicht wirklich Unterhaltung, denn irgendwie machte es so gar keinen Spa\u00df, \u00fcber Frauenarbeit im November 1944 im ausgebombten Hamburg zu lesen. Um 16 Uhr war ich mit allem durch und vor allem sehr zufrieden \u00fcber meine Ausbeute, klappte den Rechner zu und schaffte sogar noch ein Treffen mit Kai, dem Ex-Kerl, in <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Friedhof_Ohlsdorf\">Ohlsdorf<\/a>. \u201eWir h\u00e4tten auch das Caf\u00e9 direkt \u00fcber dem Krematorium nehmen k\u00f6nnen!\u201c (Nein, das ist nicht der Grund, warum er der Ex-Kerl ist. Eher der, warum er \u00fcberhaupt der Kerl wurde.)<\/p>\n<p>Ereignisloser, sehr leerer Flug zur\u00fcck nach M\u00fcnchen \u2013 \u201eWir haben heute nur 50 G\u00e4ste an Bord, wir m\u00fcssen Sie etwas umverteilen\u201c \u2013, wie immer die nervige S-Bahn-Fahrt zur\u00fcck, die fast genauso lang dauert wie der Flug von Hamburg aus, aber beides ist inzwischen dank der Noise-Cancelling-Kopfh\u00f6rer deutlich besser ertr\u00e4glich. <\/p>\n<p>Erst am Flughafen in Hamburg bekam ich den Terroranschlag in Halle mit und mir fiel nichts Sinnvolleres ein, als <a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=oaysNHGqllk\">tr\u00f6stende Musik<\/a> zu twittern.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Im Nachlass von Herrn Protzen befindet sich ein Brief, der mich darauf hinwies, dass zwei seiner Bilder 1935 an Bord der Aviso \u201eGrille\u201c gelandet waren. Das Schiff wurde in Hamburg bei Blohm + Voss gebaut, deren alte Unterlagen inzwischen im Hamburger Staatsarchiv liegen. 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