{"id":32935,"date":"2019-09-27T07:56:30","date_gmt":"2019-09-27T06:56:30","guid":{"rendered":"http:\/\/ankegroener.de\/blog\/?p=32935"},"modified":"2019-09-27T08:18:39","modified_gmt":"2019-09-27T07:18:39","slug":"tagebuch-donnerstag-26-september-2019-schlechte-laune","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.ankegroener.de\/blog\/?p=32935","title":{"rendered":"Tagebuch Donnerstag, 26. September 2019 \u2013 Schlechte Laune"},"content":{"rendered":"<p>Gemeinsam aufgewacht, das war noch sch\u00f6n. Danach wurde ich langsam zu Grumpy Gr\u00f6ner. Okay, erst gab&#8217;s noch guten Kaffee und die kurze Radfahrt in die Stabi, das war auch noch sch\u00f6n. Aber dann!<\/p>\n<p>Ich hatte mir mal wieder ein bisschen NS-Lekt\u00fcre in einen der kleinen Leses\u00e4le zur\u00fccklegen lassen. Das Buch <em>Deutschlands Autobahnen, Adolf Hitlers Stra\u00dfen<\/em> von Otto Reismann kannte ich schon, das hatte ich vor ungef\u00e4hr zwei Jahren schon einmal in der Hand, die beiden B\u00e4nde vom <em>Bauen im Neuen Reich<\/em> von <a href=\"http:\/\/rheinische-geschichte.lvr.de\/Persoenlichkeiten\/gerdy-troost\/DE-2086\/lido\/5b3b3f2b0772c5.88610785\">Gerdy Troost<\/a> (Erstauflage 1938, Neuauflage bzw. 2. Band 1942 und 1943) kannte ich noch nicht. Auch die Bedeutung von Troost war mir noch nicht so klar, ich kannte bisher nur ihren <a href=\"http:\/\/rheinische-geschichte.lvr.de\/Persoenlichkeiten\/paul-ludwig-troost\/DE-2086\/lido\/5cadd98c776354.76471252\">Ehemann<\/a>, weil ich sehr oft in einem seiner <a href=\"https:\/\/www.zikg.eu\/institut\/geschichte\/gebaeude-1\">Geb\u00e4ude<\/a> sitze.<\/p>\n<p>F\u00fcr das Reismann-Buch musste ich wieder den \u00fcblichen Zettel ausf\u00fcllen, auf dem mein Name steht, meine Bibliotheksnummer und der Grund f\u00fcr die Verwendung dieses Buches sowie meine brave Versicherung, den Kram nicht abzufotografieren und auf Insta zu stellen und generell nichts B\u00f6ses mit ihm zu machen. Die beiden Troost-B\u00e4nde konnte ich einfach so aus meinem Abholfach nehmen. Mir ist immer noch nicht klar, welche Quellentexte anscheinend aus dem Giftschrank kommen und welche nicht, aber ich vergesse auch immer, einfach mal danach zu fragen.<\/p>\n<p>Ich bl\u00e4tterte zun\u00e4chst bei Frau Troost rum und fand sehr viele gute Abbildungen von diversen Bauwerken im ganzen Reich, darunter nat\u00fcrlich auch ein paar Autobahnen bzw. Br\u00fccken, Rasth\u00e4user, Stra\u00dfenmeistereien, Tankstellen oder Entw\u00fcrfe zu diesen. Die verglich ich mit den Werken von Protzen, weil mich interessiert, welche seiner Motive vielleicht auch in offiziellen Ver\u00f6ffentlichungen zu sehen waren \u2013 also: Hat er einfach irgendwelche Baustellen gemalt oder die, von denen er wusste, dass die von den Machthabern als beispielhaft angesehen wurden? Au\u00dferdem interessierte mich einfach, wie dokumentarisch sein Blick gewesen ist bzw. wie sehr er Motive verk\u00fcnstelt hatte.<\/p>\n<p>Und dann liest man solche S\u00e4tze: \u201e\u00dcber Weichsel, Warthe und Rhein greifen die Reichsautobahnen hin\u00fcber in alte deutsche Kulturlandschaften, die von den Kriegsentscheidungen ins Reich zur\u00fcckgef\u00fchrt wurden. Der Gedanke, Tore nach Osten und Westen, Tore in die gro\u00dfe deutsche Heimat \u00f6ffnen, hat in den Entw\u00fcrfen f\u00fcr die gro\u00dfen Strombr\u00fccken sinnvoll Gestalt gewonnen. Mit symbolischer Macht sprechen diese Br\u00fccken von der gl\u00fcckhaften Vollendung Deutschlands, dessen Lebensadern sie hin\u00fcberleiten in das heimgekehrte Land.\u201c Reismann zieht den Weg auf \u201euralten Verkehrsadern\u201c noch weiter: \u201e&#8230; bis Indien und in den fernen Osten. Immer hat ja der nordische Mensch in der Geschichte den Weg nach Indien beschritten. Alexander der Gro\u00dfe hat ihn begangen, zahlreiche Kulturdenkm\u00e4ler der nordischen Rasse finden wir auf diesem Wege.\u201c Sp\u00e4testens dann m\u00f6chte man alles anz\u00fcnden.<\/p>\n<p>(Erstes Zitat: Gerdy Troost (Hrsg.): <em>Das Bauen im Neuen Reich, Bd. 2<\/em>, Bayreuth 1943, S. 6; zweites Zitat: Otto Reismann: <em>Deutschlands Autobahnen, Adolf Hitlers Stra\u00dfen<\/em>, Bayreuth 1937, S. 12.)<\/p>\n<p>Bei Troost finden sich gleich in der <a href=\"https:\/\/archive.org\/stream\/Troost-Gerdy-Das-Bauen-im-neuen-Reich\/TroostGerdy-DasBauenImNeuenReich1938167S.Text_djvu.txt\">Einleitung<\/a> Gedanken zum nationalsozialistischen Bauen. Die kenne ich nat\u00fcrlich, genau wie ich schon oft genug in anderen Quellen \u00dcberlegungen zur angeblich neuen deutschen Kunst gelesen habe, aber gestern erwischte mich mal wieder alles auf dem falschen Fu\u00df. Ich muss dauernd an Bemerkungen aus der AfD-Ecke denken, Begriffe wie \u201ev\u00f6lkisch\u201c wieder salonf\u00e4hig zu machen, und an normalen Tagen rolle ich knurrend mit den Augen und denke, Fresse, Penner, aber gestern wollte ich einfach nur schreien und mit Dingen werfen. Es ist mir ein R\u00e4tsel, wie man derartige Texte irgendwie okay finden kann bzw. warum einige Arschl\u00f6cher mit dem Wissen der Funktionsweise des \u201eDritten Reichs\u201c noch irgendwas aus dieser Richtung wieder salonf\u00e4hig machen m\u00f6chten. Ja, mir ist schon klar, dass derartige Texte bei diesen Pissern (und Pisserinnen) ganz anders ankommen als bei mir, aber HERRGOTTFUCKINGDRECKNOCHMAL. <\/p>\n<p>Ich m\u00f6chte anscheinend immer noch rumschreien, weil mir keine Argumente gegen diese Idiotie mehr einfallen au\u00dfer WAS IST BEI EUCH SCHIEFGELAUFEN? Nee, ist auch kein Argument.<\/p>\n<p>Heute morgen im Radio einen <a href=\"https:\/\/www.tagesspiegel.de\/politik\/braune-staatsdiener-rechtsradikale-in-sicherheitsbehoerden-bedrohen-die-demokratie\/25010400.html\">Buchtipp<\/a> mitbekommen, macht auch nichts besser.<\/p>\n<p>Sehr unkonzentriert am Schreibtisch gesessen, eigentlich nur schlechte Laune gehabt. Die n\u00e4chste Diss mach ich \u00fcber van Gogh.<\/p>\n<p>&#8212;<\/p>\n<p><strong><a href=\"https:\/\/www.theparisreview.org\/blog\/2019\/09\/23\/whats-the-point\/\">What\u2019s the Point?<\/a><\/strong><\/p>\n<p>Damit ihr nicht auch schlechte Laune kriegt. Vielleicht kann uns Kunst retten? Vermutlich nicht, aber: Sie macht alles ertr\u00e4glicher. <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Michael_Chabon\">Michael Chabon<\/a> tritt von einem Posten der <a href=\"https:\/\/en.wikipedia.org\/wiki\/MacDowell_Colony\">MacDowell Colony<\/a> zur\u00fcck und gibt uns zum Abschied etwas mit auf den Weg. Fettungen von mir.<\/p>\n<blockquote><p>\u201eThese feel like such dire times, times of violence and dislocation, schism, paranoia, and the earth-scorching politics of fear. Babies have iPads, the ice caps are melting, and your smart refrigerator is eavesdropping on your lovemaking (and, frankly, it\u2019s not impressed).<\/p>\n<p>Fascists, bigots, and guys who plan to name their sons Adolf wake up every day with a hateful leer on their faces and the Horst Wessel Song in their hearts\u2014if you\u2019re an ignorant, misogynist, xenophobic, racist against science, I guess times have never felt better. But for the vast rest of us\u2014and please know, please believe, you and I greatly outnumber them\u2014for the rest of us, things can seem so much worse than they did back in 2010, when a decent, thoughtful, level-headed, rational, and humane black man was living in the White House.<\/p>\n<p>It has all seemed to fall apart so quickly. Looking around, it\u2019s hard not to wonder who or what is to blame. I think it might be me. No, hear me out. [&#8230;]<\/p>\n<p>I stepped into this position nine years ago so full of fire and fervor and belief in the power of art, and hence the MacDowell Colony, to change the world. I meant for the better. I even came up with a catchy slogan for us that reflected this belief. It went like this: MacDowell makes a place in the world for artists, because art makes the world a better place. It turned out to be one of those catchy slogans that\u2019s so catchy no one can actually remember it, and it never really caught on, but I meant every strangely forgettable word of it. [&#8230;]<\/p>\n<p>And yet here we are, nine years into my tenure, and not only is the world not a better place\u2014it has, in so many ways, gotten so much worse. I mean, really, what other conclusion is there? I\u2019m sorry. Don\u2019t hate me. I tried.<\/p>\n<p>Or, I wonder if it\u2019s possible that I was wrong, that I\u2019ve always been wrong, that art has no power at all over the world and its brutalities, over the minds that conceive them and the systems that institutionalize them. Those folks I cited earlier, the ones who offer their grim reassurances that the world has always sucked as much as it does now, in particular for women, the poor, the disenfranchised, the enslaved, the downtrodden, and the exploited, these folks might point out that art and misery have coexisted for the whole span of human existence on earth, and suggest that perhaps the time to abandon hope for the redemptive power of art is long overdue.<\/p>\n<p>Maybe the world in its violent turning is too strong for art. [&#8230;]<\/p>\n<p><strong>Or maybe the purpose of art, the blessing of art, has nothing to do with improvement, with amelioration, with making this heartbreaking world, this savage and dopey nation, a better place.<\/p>\n<p>Maybe art just makes the whole depressing thing more bearable.\u201c<\/strong><\/p><\/blockquote>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Gemeinsam aufgewacht, das war noch sch\u00f6n. Danach wurde ich langsam zu Grumpy Gr\u00f6ner. Okay, erst gab&#8217;s noch guten Kaffee und die kurze Radfahrt in die Stabi, das war auch noch sch\u00f6n. Aber dann! Ich hatte mir mal wieder ein bisschen NS-Lekt\u00fcre in einen der kleinen Leses\u00e4le zur\u00fccklegen lassen. 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