{"id":32855,"date":"2019-09-19T08:45:34","date_gmt":"2019-09-19T07:45:34","guid":{"rendered":"http:\/\/ankegroener.de\/blog\/?p=32855"},"modified":"2019-09-19T09:50:37","modified_gmt":"2019-09-19T08:50:37","slug":"tagebuch-mittwoch-18-september-2019-dachau","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.ankegroener.de\/blog\/?p=32855","title":{"rendered":"Tagebuch Mittwoch, 18. September 2019 \u2013 Dachau"},"content":{"rendered":"<p>Nach dem Schreiben des <a href=\"https:\/\/ankegroener.de\/blog\/?p=32845\">gestrigen Blogeintrags<\/a> hatte ich schlechte Laune. Dieser ganze verdammte Nazidreck frisst mich an manchen Tagen mehr an als an anderen; mir ist schon klar, dass ich das Thema meiner Dissertation selbst gew\u00e4hlt habe und damit auch in der Konsequenz eine Besch\u00e4ftigung mit dem \u201eDritten Reich\u201c, die weitaus intensiver ist als im bisherigen Studium. Ich kann heute nicht mehr nachvollziehen, wie ich auf die nun folgende Tagesgestaltung gekommen bin, um meine schlechte Laune loszuwerden, aber immerhin habe ich damit einen Punkt abhaken k\u00f6nnen, den ich seit sieben Jahren, seitdem ich in M\u00fcnchen wohne, vor mir herschiebe: einen Besuch in der <a href=\"http:\/\/www.kz-gedenkstaette-dachau.de\/\">KZ-Gedenkst\u00e4tte Dachau<\/a>.<\/p>\n<p>Dabei fiel mir nat\u00fcrlich auch wieder ein, dass ich f\u00fcnfzehn Jahre lang in Hamburg gewohnt habe und niemals in <a href=\"https:\/\/www.kz-gedenkstaette-neuengamme.de\/\">Neuengamme<\/a> war. \u00dcberhaupt ist es, wer h\u00e4tte es gedacht, f\u00fcr so ziemlich jede*n Deutsche*n recht einfach, zu NS-Gedenkst\u00e4tten zu kommen \u2013 es gibt, aus Gr\u00fcnden, <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Liste_der_Gedenkst%C3%A4tten_f%C3%BCr_die_Opfer_des_Nationalsozialismus\">recht viele davon<\/a>.<\/p>\n<p>Als Sch\u00fclerin aus der N\u00e4he von Hannover besuchte ich mit unserer Klasse <a href=\"https:\/\/bergen-belsen.stiftung-ng.de\/de\/\">Bergen-Belsen<\/a>, und im Rahmen einer Klassenfahrt nach Prag waren wir in <a href=\"https:\/\/www.gedenkstaetten-uebersicht.de\/europa\/cl\/tschechische-republik\/inst\/gedenkstaette-theresienstadt\/\">Theresienstadt<\/a>. Im Zuge dreier Fahrten in den S\u00fcden der damaligen DDR habe ich dreimal <a href=\"https:\/\/www.buchenwald.de\/69\/\">Buchenwald<\/a> gesehen. Die Ausstellung im Museum h\u00f6rte damals mit roten Fahnen, einem Honecker-Bild und einer Nachbildung des antifaschistischen Schutzwalls auf, mit dem ja bekanntlich alles gut geworden ist. Das scheint sich gl\u00fccklicherweise <a href=\"https:\/\/www.buchenwald.de\/612\/\">inzwischen ge\u00e4ndert zu haben<\/a>. Um Auschwitz habe ich mich bisher gedr\u00fcckt bzw. aus diesem Grund vor einer Reise nach Polen, wo ich eigentlich gerne mal hinm\u00f6chte (Danzig! Krakau! Breslau! Und nebenan Kaliningrad (K\u00f6nigsberg)! Und das Geburts\u00f6rtchen meiner Mutter), aber dann doch nicht hinfahre, denn wenn ich da bin, m\u00fcsste ich nach Auschwitz. Das sagt mir mein Kopf jedenfalls, mein Bauch will davon nichts h\u00f6ren. Wir diskutieren noch.<\/p>\n<p>Weil ich mich den ganzen Tag mit dem Nazischei\u00df besch\u00e4ftige, versuche ich ihn ab und zu von mir wegzuschieben \u2013 indem ich zum Beispiel \u00fcber die Blumenstillleben im Haus der Deutschen Kunst rede und den harmlosen Landschaften wie gestern im Blogeintrag. Indem ich die Harmlosigkeit der Bilder hervorhebe, von denen keine propagandistische Gefahr ausgeht, wenn man sie betrachtet, weswegen man sie meiner Meinung nach ruhig an Museumsw\u00e4nde h\u00e4ngen d\u00fcrfte, wenn auch als schlechtes Beispiel, mache ich sie aber gleichzeitig kleiner als sie sind. Sie sind immer noch Bausteine eines unmenschlichen Systems, und um nicht jeden Tag schlechte Laune zu haben, denke ich bei Autobahnbildern eben an Landschaften mit Stra\u00dfen drin und nicht an Zwangsarbeiter, die daf\u00fcr Steine klopfen mussten. Dieses schizophrene Arbeiten vereint \u00fcbrigens die meisten Doktorand*innen, mit denen ich im Kolloquium gesprochen habe. Einer meinte ganz ehrlich, er w\u00fcsste nicht, wie man Holocaustforschung betreiben k\u00f6nnte, ohne wahnsinnig zu werden, denn den kann man nicht so sch\u00f6n von sich wegschieben wie wir unsere Bl\u00fcmchenbilder. Oder ich in meinem Fall Bilder von allen bayerischen Seen und Bergen, die es gibt. Gef\u00fchlt hat Protzen das ganze Land einmal abgemalt.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/ankegroener.de\/blog\/..\/Bilder\/IMG_5623.jpg\" alt=\"\" width=\"500\" height=\"667\" class=\"alignnone size-full wp-image-32860\" \/><\/p>\n<p>Und so holte ich mich selber wieder aus der Dr\u00fcckebergerecke heraus und setzte mich in einen Regionalzug nach Dachau, der l\u00e4cherliche elf Minuten brauchte. Mir war wirklich nicht klar, wie nah das D\u00f6rfchen an M\u00fcnchen dran ist. Nebenbei: Ich stolpere immer noch \u00fcber die Dachauer Stra\u00dfe in meiner Nachbarschaft, weil Dachau f\u00fcr mich eben nicht das D\u00f6rfchen ist, sondern das KZ. F. erz\u00e4hlte mir die Story eines FC-Bayern-Fanclubs aus Dachau, die ihr Banner, auf dem der Ortsname stand, nicht bei einem internationalen Spiel \u00fcber die Br\u00fcstung des Sitzranges h\u00e4ngen durften \u2013 f\u00fcr andere ist dieser Name n\u00e4mlich auch eher Synonym f\u00fcr Naziterror anstatt nur eine Ortsbezeichnung.<\/p>\n<p>Vom Bahnhof f\u00e4hrt ein Bus direkt zur Gedenkst\u00e4tte, der sehr voll war. Um mich herum fast nur englischsprachige Menschen. Im Besucherzentrum holte ich mir einen Lageplan, denn ich wollte vor allem ein Kunstwerk sehen: die Skulptur von <a href=\"https:\/\/en.wikipedia.org\/wiki\/Nandor_Glid\">Nandor Glid<\/a>, die 1968 enth\u00fcllt wurde und vorne auf dem Flyer abgebildet ist. Leider ist sie gerade zur Sanierung <a href=\"https:\/\/www.sueddeutsche.de\/muenchen\/dachau\/fachliche-expertise-hoechste-zeit-1.3951794\">einger\u00fcstet<\/a>, was ich nicht mitbekommen hatte.<\/p>\n<p>Man betritt das Lager durch das sogenannte Jourhaus, im Lagertor steht \u201eArbeit macht frei\u201c. Es ist eine Nachbildung, <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/KZ-Gedenkst%C3%A4tte_Dachau\">das Original wurde 2014 gestohlen<\/a>, ist inzwischen aber im Museum zu besichtigen. (Alle irre.) Das Museum befindet sich im ehemaligen Wirtschaftsgeb\u00e4ude am Kopfende des langgestreckten Areals, dahinter ist noch das Lagergef\u00e4ngnis zu besichtigen. Ich ging erstmal auf den Platz vor dem Wirtschaftsgeb\u00e4ude, wo die einger\u00fcstete Skulptur steht. Man geht in eine Art Senke und schaut dann nach oben, was ich in dieser Einfachheit sehr bewegend fand. Selbst wenn man auf eine Bauplane guckt, auf der das Werk abgebildet ist. Man kann es dahinter aber noch erkennen, und ich wusste nicht, wie gro\u00df es ist.<\/p>\n<p>Ich schaute mir die Sicherungsanlage mit Wachturm und Au\u00dfenmauern an, mit den Lampen und dem Stacheldraht, ich ging in eine rekonstruierte Baracke, wo gerade mehrere Schulklassen ihren F\u00fchrungen lauschten, und dann ging ich das ganze Gel\u00e4nde ab, das nur noch aus Betoneinfassungen besteht, wo fr\u00fcher einmal die anderen 32 Baracken gestanden hatten. Am Fu\u00dfende des Gel\u00e4ndes liegen mehrere Gedenkst\u00e4tten verschiedener Konfessionen; ich ging nur in die j\u00fcdische und die katholische. Am dortigen Ende liegt auch der ehemalige Krematoriumsbereich, den ich auslie\u00df. Nach den \u00d6fen und den Seziertischen in Buchenwald m\u00f6chte ich derartiges nicht mehr sehen.<\/p>\n<p>Im Museum stand ich sehr lange vor den Stationen mit der Berichterstattung \u00fcber das Lager. Dass sich diese wilde Ausrede \u2013 \u201ewir haben ja nichts gewusst\u201c \u2013 \u00fcberhaupt so lange halten konnte, macht mich immer fassungsloser, je l\u00e4nger ich mich mit dem Thema besch\u00e4ftige. An den ausgestellten Zeitungsartikeln war netterweise die Quelle angegeben, und jetzt wei\u00df ich, dass ich mir im Stadtarchiv M\u00fcnchen eine vermutlich recht umfangreiche Sammlung an Zeitungsausschnitten \u00fcber das Lager ausheben lassen kann. Auf das KZ bin ich n\u00e4mlich auch bei Recherchen zu Protzen gesto\u00dfen, der angeblich \u201emit Dachau bedroht\u201c wurde. Hier der bisherige Ausschnitt aus meiner Diss dazu, von dem ich noch nicht wei\u00df, ob er drin bleibt:<\/p>\n<blockquote><p>\u201eDas Wissen \u00fcber Konzentrationslager war, entgegen der Aussagen vieler Deutscher nach 1945, durchaus vorhanden, auch schon 1933. Janosch Steuwer erw\u00e4hnt in <em>\u201eEin Drittes Reich, wie ich es auffasse.\u201c Politik, Gesellschaft und privates Leben in Tageb\u00fcchern 1933\u20131939<\/em> diverse Tagebucheintr\u00e4ge von Personen unterschiedlicher sozialer und politischer Hintergr\u00fcnde, die zeigen, dass von Beginn der NS-Herrschaft an Konzentrationslager und mindestens ihre Funktion als Arbeitslager bekannt waren. Ein Gelegenheitsarbeiter besichtigte laut seiner Tagebuchaufzeichnung das Konzentrationslager Dachau \u201eim Rahmen einer Radtour am Ostersonntag [1933]\u201c. [1] Im Jahresbericht 1933 eines Landwirts erw\u00e4hnt dieser: \u201eIm benachbarten Sachsenburg ist ein derartiges Lager\u201c, wo die Insassen \u201eallerhand Arbeiten unter polizeilicher Bewachung\u201c erledigen m\u00fcssten. [2] Am 15. Oktober 1933 notierte ein Schuldirektor in Bezug auf die bevorstehende Reichstagswahl im November: \u201eDie Zeit des Parlamentarismus soll doch endg\u00fcltig vorbei sein. [&#8230;] die F\u00fchrer [der Parteien], soweit sie nicht in Gef\u00e4ngnissen oder Konzentrationslagern sitzen, haben sich zur\u00fcckgezogen.\u201c [3]<\/p>\n<p>[1] Steuwer 2017,  S. 64.<br \/>\n[2] Ebd., S. 93.<br \/>\n[3] Ebd., S. 356.<\/p><\/blockquote>\n<p>Es gibt noch einen Fu\u00dfweg zum Bahnhof, den sogenannten Weg des Erinnerns, den ich vielleicht beim n\u00e4chsten Mal abgehen werde. Gestern war ich nach dem Besuch, wer h\u00e4tte es gedacht, noch schlechter gelaunt als vorher. K\u00f6nnte auch an den \u00fcblichen Schulklassen gelegen haben, die gerade auf der R\u00fcckfahrt im Bus lautstark m\u00f6glichst cool und unbeteiligt wirken wollten. Pubert\u00e4t ist so eine anstrengende Zeit, und allm\u00e4hlich glaube ich, f\u00fcr die Umstehenden eher als f\u00fcr die hormongeplagten Teenager. Generell fand ich es aber schon interessant zu sehen, dass die Gedenkst\u00e4tte recht gut besucht war und eben nicht nur von Schulklassen, sondern auch von Einzelpersonen wie mir oder kleineren Gruppen und Paaren. Einige schienen individuelle F\u00fchrungen gebucht zu haben, ich h\u00f6rte mehrere Fremdsprachen, aber vor allem Deutsch.<\/p>\n<p>Ich fuhr erneut elf Minuten nach M\u00fcnchen zur\u00fcck und g\u00f6nnte mir vom Lieblingsmetzger eine Leberk\u00e4ssemmel, das Heilmittel f\u00fcr alles, auch f\u00fcr anstrengende Tage. Das ahnt man als Norddeutsche ja gar nicht, wie gut dieses Zeug tut. Den Rest des Tages war ich eher stumm und las dringend Kram, der nichts mit der Diss zu tun hat. Ich brauche mal eine Pause von dem ganzen Rotz, glaube ich.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Nach dem Schreiben des gestrigen Blogeintrags hatte ich schlechte Laune. 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