{"id":31504,"date":"2019-03-29T10:35:12","date_gmt":"2019-03-29T09:35:12","guid":{"rendered":"http:\/\/ankegroener.de\/blog\/?p=31504"},"modified":"2019-03-29T16:44:02","modified_gmt":"2019-03-29T15:44:02","slug":"tagebuch-donnerstag-28-marz-2019-archivarbeit-und-parsifal","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.ankegroener.de\/blog\/?p=31504","title":{"rendered":"Tagebuch Donnerstag, 28. M\u00e4rz 2019 \u2013 Archivarbeit und Parsifal"},"content":{"rendered":"<p>Bis zum fr\u00fchen Nachmittag arbeitete ich die Akten auf, die ich Mittwoch nicht mehr geschafft hatte. Ich wunderte mich bei den Zeitungsausschnitten zur M\u00fcnchner K\u00fcnstlergenossenschaft, dass sie 1938 sp\u00e4rlicher wurden, 1939 kaum noch vorhanden waren und dann erst 1947 der n\u00e4chste Artikel zu finden war, bis mir der erzwungene Zusammenschluss der vielen M\u00fcnchner K\u00fcnstlergr\u00fcppchen einfiel. Das wusste ich eigentlich, dass die alle ab 1939 zur Kameradschaft der K\u00fcnstler geh\u00f6rten, aber deren Artikel hatte ich mir nicht ausheben lassen. Damit steht die Aufgabe f\u00fcr die n\u00e4chste Woche, denn das dauerte doch l\u00e4nger als erwartet, die ganzen Artikel zu lesen.<\/p>\n<p>F\u00fcr mich neu: Nach 1945 etablierten sich in der Stadt zwei M\u00fcnchner K\u00fcnstlergenossenschaften, die eine unter der F\u00fchrung von Protzen und <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Eduard_Aigner\">Eduard Aigner<\/a>, die andere, und dar\u00fcber musste ich sehr grinsen, unter <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Constantin_Gerhardinger\">Constantin Gerhardinger<\/a>, den ich im Rahmen unserer <a href=\"https:\/\/galerie.rosenheim.de\/ansicht\/news\/vermacht-verfallen-verdraengt-kunst-und-nationalsozialismus\/\">Rosenheim-Ausstellung<\/a> kennengelernt hatte. Studium! Es bringt was und man merkt sich Zeug!<\/p>\n<p>Jedenfalls: Im Nachlass hatte ich zu dieser Neugr\u00fcndung noch nichts gefunden, aber jetzt las ich sehr interessiert dar\u00fcber, wie die beiden Gruppen um Ausstellungsplatz im Haus der Kunst rangelten. Die <em>Abendzeitung<\/em> schrieb am 13. September 1951: <\/p>\n<blockquote><p>\u201eDas Bayerische Kultusministerium hat nunmehr \u00fcber die Antr\u00e4ge der Gruppen Gerhardinger und Aigner-Protzen der ehemaligen M\u00fcnchner K\u00fcnstlergenossenschaft entschieden. Darnach soll es der Gruppe Gerhardinger unbenommen bleiben, in den R\u00e4umen des Hauses der Kunst auszustellen. Der sich hiergegen wendende Antrag der Gruppe Aigner-Protzen wurde zur\u00fcckgewiesen. <\/p>\n<p>Die Ausstellungsleitung des Hauses der Kunst, welche sich aus den drei K\u00fcnstlervereinigungen Neue Gruppe, M\u00fcnchner Sezession und M\u00fcnchner K\u00fcnstlergenossenschaft zusammensetzt, hatte im Juli dieses Jahres in einer Resolution an das Bayerische Kultusministerium gefordert, der Gruppe Gerhardinger jegliche Teilnahme an den Ausstellungen im Haus der Kunst w\u00e4hrend der \u201aGro\u00dfen Deutschen Kunstausstellung\u2018 oder zu einer anderen Zeit zu versagen. Die Ausstellungsleitung ist der Ansicht, dass die Leistungen der Gruppe Gerhardinger den Anforderungen, die im Haus der Kunst gestellt werden m\u00fcssen, nicht entsprechen.\u201c<\/p><\/blockquote>\n<p>\u00dcber den letzten Satz musste ich dann doch sehr augenrollen. Diese Hybris von Leuten, die eh alle das gleiche im gleichen Stil malen, ist schon faszinierend.<\/p>\n<p>&#8212;<\/p>\n<p>Um halb zwei zwang ich mich dann, nach Hause zu fahren, denn ich musste dringend noch ein bisschen was essen, um f\u00fcr den langen Nachmittag gewappnet zu sein. F. hatte mir zum Geburtstag eine Karte f\u00fcr den <em><a href=\"https:\/\/www.staatsoper.de\/stueckinfo\/parsifal\/2019-03-28-16-00.html\">Parsifal<\/a><\/em> geschenkt, der um 16 Uhr begann, und nat\u00fcrlich will man nicht erst f\u00fcnf Minuten vor Beginn da sein. Ich musste auch noch mein Outfit aufb\u00fcgeln und Zeug aus dem Rucksack ins Handt\u00e4schchen umsiedeln, das gestern mein Stadiont\u00e4schchen war (schlichte schwarze Ledertasche). Zun\u00e4chst fand ich es komisch, mit dem Stadiont\u00e4schchen in die Oper zu gehen, aber beim n\u00e4chsten Mal in Augsburg werde ich ganz posh mit meinem Opernt\u00e4schchen zum Fuppes gehen.<\/p>\n<p>Wir sa\u00dfen in der dritten Reihe im Parkett \u2013 so weit vorne hatte ich bisher nur in Bayreuth gesessen, und ich hatte ein bisschen Angst davor, dass wir nur die H\u00f6rner h\u00f6rten, die \u00fcber den Orchestergraben hinausragten und ich die ganzen Zeit den S\u00e4nger*innen beim Spucken zusehen m\u00fcsste. Dem war aber nicht so, keine Spucke, alle Geigen vernommen. Gerne wieder! (Wenn&#8217;s nicht so ARSCHTEUER W\u00c4RE!)<\/p>\n<p>Im Vorfeld war ich mir nicht sicher, ob ich den <em><a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Parsifal\">Parsifal<\/a><\/em> \u00fcberhaupt sehen wollte; die Story ist nicht ganz mein Liebling, und ich vergesse sie auch immer wieder. Und ich wusste, dass <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Georg_Baselitz\">Georg Baselitz<\/a> f\u00fcr das B\u00fchnenbild zust\u00e4ndig gewesen ist, und mit dem stehe ich auch etwas auf Kriegsfu\u00df. In den 60ern und 70ern hatte er meiner halbwegs informierten Meinung nach eine wichtige Rolle, dann habe ich mich nicht weiter mit ihm besch\u00e4ftigt, und vor einigen Jahren hat er sich zum Deppensatz hinrei\u00dfen lassen, dass Frauen halt nicht so gut malen k\u00f6nnten, weswegen ich ihn seitdem weitr\u00e4umig ignoriere und seinen Raum in der Pinakothek der Moderne auch immer schnellen Schrittes durchschreite, um zum Protzen zu kommen.<\/p>\n<p>Aber wenn ich schon eingeladen werde, sage ich nat\u00fcrlich nicht Nein. Im Kopf war ich noch ganz woanders, der Bus hatte Versp\u00e4tung, ich war hektischer als ich sein wollte, als ich endlich ankam und musste erstmal bewusst tief ein- und ausatmen, weil ich halt nicht hektisch in ein Wagner-Vorspiel gehen will. Das klappt ganz gut, die Pl\u00e4tze waren fantastisch \u2013 und pl\u00f6tzlich wurde es dunkel und die Musik begann. Den doofen Auftritt des Dirigenten, den man beklatscht, lie\u00df die Inszenierung einfach ausfallen. Schon mal ein guter Anfang! Zum Vorspiel sah man bereits einen gestalteten Vorhang, auf dem vier Figuren lagen \u2013 und auch da hatte der olle Baselitz bei mir gewonnen. Die Vorh\u00e4nge \u00e4nderten sich vor jedem Akt, aber sie zeigten immer zerbrochene, zerschlagene Figuren, in schmerzhaften Verrenkungen oder schon vernichtet vom simplen Dasein. <a href=\"https:\/\/mediathek.staatsoper.de\/detail\/channel\/oper\/playlist\/parsifal-playlist\/mediathek\/parsifal-vorspiel.html\">Nach 60 Sekunden<\/a> hatte mich Herr Petrenko am Pult dann auch, aber das hat er ja immer, ich vergoss ein paar Tr\u00e4nen, wie auch eigentlich fast immer in der Oper.<\/p>\n<p>In der ersten Pause war ich noch etwas von der Inszenierung verwirrt, die f\u00fcr mich eher eine Bebilderung war als wirklich eine szenische Wiedergabe von Libretto und Musik: ein einziges B\u00fchnenbild, das aus St\u00e4mmen bestand, die aneinander lehnten, sowie kahle B\u00e4ume, die zum Schluss des Akts langsam in sich zusammensackten. Die gro\u00dfe Gralsszene zum Aktende war so undramatisch wie ich sie noch nie gesehen hatte, \u00fcberhaupt agierten alle Darsteller*innen sehr zur\u00fcckhaltend und sparten sich jede \u00fcberfl\u00fcssige Geste. Die aktionsreichen Szenen im Trailer (siehe oben verlinkte Website) waren so ziemlich die einzigen in den gut vier Stunden, ansonsten sahen wir eine fast konzertante Auff\u00fchrung (b\u00f6se ausgedr\u00fcckt: Rumstehtheater). Wie gesagt, nach dem ersten Akt haderte ich noch etwas, aber ab dem zweiten fand ich es gro\u00dfartig, eben weil es so undramatisch war. Gerade mit dem pomp\u00f6sen Gral kann man alles abfackeln, was die B\u00fchnentechnik hergibt und das macht die Regie auch sehr gerne, weswegen ich den <em>Parsifal<\/em> gerne mal peinlich finde. Oder man legt \u00fcber alles eine Metaebene, was bei Wagner ja immer geht. Das kann so grandios werden wie bei <a href=\"http:\/\/ankegroener.de\/blog\/?p=13764\">Herheim<\/a>, bis heute meine Blaupause f\u00fcr <em>Parsifal<\/em>-Inszenierungen, oder aber total albern. Hier gab es gar keine Gelegenheit, albern zu werden, so sparsam waren Kost\u00fcme, Gesten und B\u00fchnenbild. Die Kritiken waren nicht so begeistert, ich daf\u00fcr umso mehr. Wenn auch Burkhard Fitz der blasseste Parsifal-Darsteller war, den ich je gesehen habe. Daf\u00fcr sang Ren\u00e9 Pape als Gurnemanz alles an die Wand, was mich sehr vers\u00f6hnte. Und auch Wagner-Newbie F., der bisher nur, nur, haha, den <em><a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Der_Ring_des_Nibelungen\">Ring<\/a><\/em> gesehen hatte, fand es ausgezeichnet.<\/p>\n<p>&#8212;<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/ankegroener.de\/blog\/..\/Bilder\/IMG_4587.jpg\" alt=\"\" width=\"500\" height=\"500\" class=\"alignnone size-full wp-image-31510\" srcset=\"https:\/\/www.ankegroener.de\/blog\/..\/Bilder\/IMG_4587.jpg 500w, https:\/\/www.ankegroener.de\/blog\/..\/Bilder\/IMG_4587-150x150.jpg 150w\" sizes=\"auto, (max-width: 500px) 100vw, 500px\" \/><\/p>\n<p>Zuhause wartete dann der zweite Teil des Geburtstagsgeschenks, ein Fl\u00e4schchen Ros\u00e9-Champagner, mit dem man mich immer gl\u00fccklich macht. Wir hatten viel zu besprechen, machten nach der teuren Flasche gnadenlos noch einen Aldi-Cr\u00e9mant auf, weil&#8217;s grad so nett war und waren viel zu sp\u00e4t im Bett. Hervorragender Tag.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Bis zum fr\u00fchen Nachmittag arbeitete ich die Akten auf, die ich Mittwoch nicht mehr geschafft hatte. Ich wunderte mich bei den Zeitungsausschnitten zur M\u00fcnchner K\u00fcnstlergenossenschaft, dass sie 1938 sp\u00e4rlicher wurden, 1939 kaum noch vorhanden waren und dann erst 1947 der n\u00e4chste Artikel zu finden war, bis mir der erzwungene Zusammenschluss der vielen M\u00fcnchner K\u00fcnstlergr\u00fcppchen einfiel. 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