{"id":31416,"date":"2019-03-14T09:27:01","date_gmt":"2019-03-14T08:27:01","guid":{"rendered":"http:\/\/ankegroener.de\/blog\/?p=31416"},"modified":"2019-03-14T09:41:09","modified_gmt":"2019-03-14T08:41:09","slug":"tagebuch-mittwoch-13-marz-2019-shopping-is-not-yet-creating","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.ankegroener.de\/blog\/?p=31416","title":{"rendered":"Tagebuch Mittwoch 13. M\u00e4rz 2019 \u2013 Shopping is not (yet) creating"},"content":{"rendered":"<p>Am Dienstag den ersten Teil des langen, laaangen Einkaufszettels abgearbeitet. Mein K\u00fchlschrank war danach haupts\u00e4chlich voll mit Milchprodukten. Einkaufszettel am Rechner revidiert und neu ausgedruckt.<\/p>\n<p>&#8212;<\/p>\n<p>Gestern den zweiten Teil abgearbeitet. Ein Monatsgehalt f\u00fcr Vanilleschoten ausgegeben. Einen U-Bahn-Wagen mit Knoblauch im Rucksack beduftet, den ich zuhause in der K\u00fcche ablegte. Habe heute morgen bemerkt, dass der Duft sich inzwischen bis ins Arbeitszimmer ausgedehnt hat. Werde den Flur jetzt mit Zitronen auslegen, dann passt das wieder.<\/p>\n<p>&#8212;<\/p>\n<p>Festgestellt, dass meine neue Brille gef\u00fchlt schlechter wird als besser. Der zun\u00e4chst gr\u00f6\u00dfte Unterschied zur alten Brille war eine st\u00e4rker korrigierte Hornhautkr\u00fcmmung. Die ersten Tage sah mein iPhone nicht mehr wie ein rechtwinkliges Rechteck, sondern wie ein schiefes Parallelogramm aus. Das hat sich inzwischen gegeben, aber daf\u00fcr kann ich jetzt mit meiner alten Brille nicht mehr sehen, da ist jetzt alles schief, Zauberei, verdammte. Die ersten Tage war ich begl\u00fcckt \u00fcber die neu gewonnene Fernsicht. Gleich am ersten Tag war ich abends in Augsburg im Stadion, wo wir auf der Haupttrib\u00fcne sitzen. Uns gegen\u00fcber ist die VIP-Trib\u00fcne mit den glasverkleideten Boxen, zwischen denen sich ein St\u00fcck wei\u00dfe Wand befindet. Jedenfalls dachte ich bisher immer, die Wand sei wei\u00df. Mit der neuen Brille konnte ich Sponsorennamen in heller Schrift entdecken und die meisten sogar lesen. Toll. Auch der Nahbereich ist irrsinnig scharf, am Anfang war mir der sogar zu scharf. Die Optikerin hatte mich vorgewarnt, ich m\u00fcsse iPhone und B\u00fccher jetzt vermutlich etwas weiter von mir weghalten, darauf hatte ich mich eingestellt, das ist auch so passiert. Ist aber alles noch im ertr\u00e4glichen Rahmen.<\/p>\n<p>Was allerdings nervt, und ich behaupte, es wird immer schlechter, ist der mittlere Bereich, also genau der, f\u00fcr den ich eine Brille trage. Lesen kann ich auch ohne Brille, und eine wirkliche Fernsicht habe ich quasi seit 40 Jahren nicht mehr. Ich erkenne Autos, die 100 Meter von mir weg sind, aber ich kann nicht sagen, welches Modell es ist geschweige denn das Kennzeichen lesen. Ist aber egal, Hauptsache, ich sehe, dass ein Auto kommt, wenn ich \u00fcber die Stra\u00dfe will.<\/p>\n<p>Was f\u00fcr mich aber elementarer ist, sind Schilder in meiner N\u00e4he. Dummerweise merkt man sich ja nie, was man vor einem Brillenwechsel gut sehen konnte und was schon nicht mehr. Gestern hatte ich endlich einen Beleg daf\u00fcr, dass sich meine Augen noch weiter gew\u00f6hnen m\u00fcssen oder wir nochmal an die Gl\u00e4ser ranm\u00fcssen. Ich habe von Anfang an gemerkt, dass ich die leuchtenden U-Bahn-Schilder, die mir sagen, welche U-Bahn in wieviel Minuten nach wohin ankommt, nur noch sehr unscharf lesen kann, wusste aber nicht mehr, ab wann ich sie scharf sah. Im Moment kann ich direkt davor stehen und sehe sie nicht scharf, was mir nicht optimal erscheint. Gestern konnte ich aber auf ein altes Wissen zur\u00fcckgreifen: Am Sendlinger Tor komme ich aus dem unteren Geschoss ins mittlere, von wo man in die U3 (orangenes Quadrat auf der Anzeigentafel) oder die U6 (blaues Quadrat) umsteigen kann. Als ich noch in die Allianz-Arena gegangen bin, war das mein Weg: die Treppe von der U2 rauf, die mich genau in der Mitte des Bahnsteigs f\u00fcr U3 und U6 ausspuckt. Von dort reichte ein Blick nach links und rechts, wo am Bahnsteigende die Tafeln h\u00e4ngen, um mir zu zeigen, wann die n\u00e4chste U6 nach Fr\u00f6ttmaning raus einf\u00e4hrt. Gestern merkte ich, dass ich nicht mal mehr erkennen kann, ob auf den Tafeln ein orangefarbenes oder ein blaues Quadrat vor dem wei\u00dfen Streifen kommt, der eigentlich die Schrift ist. Fuck.<\/p>\n<p>In der Fu\u00dfg\u00e4ngerzone merkte ich dann, wie praktisch das ist, dass Firmen in ihre Logos investieren. Ich konnte kein einziges wirklich erkennen, wusste aber, nach welcher Form und Farbe ich suchen musste, um einen Laden zu finden, in dem ich noch nie war und von dem ich daher nicht genau wusste, auf welcher H\u00f6he der Fu\u00dfg\u00e4ngerzone er sich befand. Ein gr\u00fcnes Quadrat reichte mir dann als Anhaltspunkt, um den Body Shop zu finden, dessen wei\u00dfe Schrift auf dem Quadrat ich erst lesen konnte, als ich f\u00fcnf Meter davorstand. (Jetzt habe ich wieder sch\u00f6nes Duschgel zuhause, das nicht nach Bazooka Joe riecht, obwohl Granatapfel draufsteht.)<\/p>\n<p>Der Optiker meinte, die Augen br\u00e4uchten schon ein bisschen, bis sie mit den neuen Gl\u00e4sern klark\u00e4men, aber wenn nach zwei Wochen immer noch nicht alles gut ist, bitte vorbeikommen. Das w\u00e4re morgen, aber jetzt gerade brauche ich die Brille sehr, denn ich werde morgen und \u00fcbermorgen sehr viel mit sehr scharfen Messern arbeiten und wenigstens das kann ich momentan halbwegs okay erkennen. Meine G\u00e4ste am Samstag werde ich hoffentlich anhand ihrer Stimmen identifizieren k\u00f6nnen. Und Montag geht&#8217;s dann zum Optiker.<\/p>\n<p>Aber hey, das Gestell ist super! Ich w\u00fcrde nur gerne mal wieder Fahrradfahren. Und Luise scharf sehen.<\/p>\n<p>&#8212;<\/p>\n<p><strong><a href=\"https:\/\/www.goethe.de\/ins\/se\/de\/m\/kul\/sup\/ptr\/21504892.html\">Arab men&#8217;s lived experience in and outside of Europe<\/a><\/strong><\/p>\n<p>Die Kulturwissenschaftlerin Asal Dardan hat f\u00fcr das Goethe-Institut in Schweden ein Gespr\u00e4ch mit drei Gefl\u00fcchteten aus Syrien und \u00c4gypten, die jetzt in Schweden und Deutschland leben, <a href=\"https:\/\/twitter.com\/asallime\/status\/1105866975425806337\">gef\u00fchrt<\/a>. Leseempfehlung.<\/p>\n<blockquote><p>\u201eQ: Before you went on the boat, did you know about these trips? Did you know that people die?<\/p>\n<p>Nedal: I knew. I read up on everything and counted all the accidents, I made a mathematical calculation and came to the conclusion that 99 percent of these trips survived. I decided that I could take the risk. But after having done the trip, now I would never do it again. It was so, so, so bad.<\/p>\n<p>Q: Do you want to tell me what was so bad?<\/p>\n<p>Nedal: Everything. Every single thing. From the smell to the sleeping situation. The weather. Whenever something happened, like the wind blew harder, it\u2019s always the kids you hear first. There were babies. And you hear the mothers screaming. It starts raining. And you think, if something happens, who can help? You can\u2019t even help yourself, you know. And you have those thoughts every single moment. All you see is the sea, water and nothing but water. I keep thinking about it. I keep my old phone I had on that trip. I still have the safety vest. I bought it in Istanbul and after my trip I found out that it would not have saved me. I would have drowned instantly. I keep it to remind myself of the risk I took to come here. The situation during the war in Syria was very bad and Tunisia was also bad. I wanted something else. [&#8230;]<\/p>\n<p>Q: How did you deal with the lack of social contacts?<\/p>\n<p>Mahdi: Well, in Kalmar I started realising that we Arabs were hanging out together. We didn\u2019t have Swedish friends. One factor was that we didn\u2019t speak Swedish. The other one was that Swedes didn\u2019t really want to interact with us beyond the official level. So you have a reaction, you think they don\u2019t want to know you so you stick to your people. This is how it went. I thought, well, I\u2019m not really here to stay with my own people. I don\u2019t have this feeling of Arab or Syrian identity, I just feel like I am a human being. But at the time I felt Syrian because people saw me as Syrian. So what are you going to do? I started an internship at Kalmar library and started to hang out with my co-worker. I hate saying we and them but I realised that they aren\u2019t bad but that we are just different. It\u2019s like nobody really wants to compromise and change, a lot of people do but it\u2019s slow coming. I\u2019m thinking about this equation that every Arab is a Muslim and every Muslim is a terrorist. Swedes don\u2019t think like that but they are cautious and I guess some have made negative experiences with migrants. It takes a lot of time to build trust. For example, I live with twelve people in my corridor here in Lund and we have never hugged each other. I left for Berlin for six months and when I came back it was just like \u201chej\u201d and I said, \u201ccome on man, give me a hug\u201d and he was like, \u201cYeah, okay fine, I\u2019ll give you a hug.\u201d [laughs]<\/p><\/blockquote>\n<p>&#8212;<\/p>\n<p>PS: Das Headline-Zitat \u201eShopping is not creating\u201c ist von <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Douglas_Coupland\">Douglas Coupland<\/a>, vermutlich aus <em>Generation X<\/em>, wei\u00df ich aber nicht mehr. Schleppe ich schon zu lange mit mir herum.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Am Dienstag den ersten Teil des langen, laaangen Einkaufszettels abgearbeitet. Mein K\u00fchlschrank war danach haupts\u00e4chlich voll mit Milchprodukten. Einkaufszettel am Rechner revidiert und neu ausgedruckt. &#8212; Gestern den zweiten Teil abgearbeitet. Ein Monatsgehalt f\u00fcr Vanilleschoten ausgegeben. Einen U-Bahn-Wagen mit Knoblauch im Rucksack beduftet, den ich zuhause in der K\u00fcche ablegte. Habe heute morgen bemerkt, dass [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":10,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[],"class_list":["post-31416","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-weblog"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.ankegroener.de\/blog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/31416","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.ankegroener.de\/blog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.ankegroener.de\/blog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.ankegroener.de\/blog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/10"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.ankegroener.de\/blog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=31416"}],"version-history":[{"count":6,"href":"https:\/\/www.ankegroener.de\/blog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/31416\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":31422,"href":"https:\/\/www.ankegroener.de\/blog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/31416\/revisions\/31422"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.ankegroener.de\/blog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=31416"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.ankegroener.de\/blog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=31416"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.ankegroener.de\/blog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=31416"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}