{"id":31386,"date":"2019-03-11T11:03:04","date_gmt":"2019-03-11T10:03:04","guid":{"rendered":"http:\/\/ankegroener.de\/blog\/?p=31386"},"modified":"2019-03-11T11:03:04","modified_gmt":"2019-03-11T10:03:04","slug":"tagebuch-sonntag-10-marz-2019-viel-gelernt-und-aua","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.ankegroener.de\/blog\/?p=31386","title":{"rendered":"Tagebuch Sonntag, 10. M\u00e4rz 2019 \u2013 Viel gelernt und Aua"},"content":{"rendered":"<p>Den Vormittag habe ich dazu genutzt, mal die lange Einkaufsliste f\u00fcr meine demn\u00e4chst stattfindenden Partay (wie von Ross aus <em>Friends<\/em> ausgesprochen, aber das wusstet ihr nat\u00fcrlich) aufzuschreiben. Sie ist zweieinhalb Seiten lang und beinhaltet 30 Knoblauchzehen. Das wird gut, glaube ich.<\/p>\n<p>Beim Aufstehen vom Schreibtisch zerrte ich mir irgendwas im R\u00fccken und ahnte wieder einmal, dass ich Idiot vermutlich nicht alt werden werde. Dass ich es \u00fcberhaupt bis hierhin geschafft habe!<\/p>\n<p>Deswegen war ich auch nicht so lange wie geplant auf einer kleinen sp\u00e4tnachmittaglichen Verabredung in etwas gr\u00f6\u00dferer Gesellschaft. Ich lernte aber immerhin, dass Musiker von professionellen Orchestern meine und F.s Vermutung best\u00e4tigen k\u00f6nnen: Die Menschen husten mehr als fr\u00fcher. Wir erkl\u00e4rten das alle damit, dass das Publikum halt immer \u00e4lter wird. Au\u00dferdem lernte ich, dass Bl\u00e4ser eine h\u00f6here Arbeitsdisziplin als Streicher h\u00e4tten (und das kam von einem Streicher!), weil von denen meist nicht so viele im Orchester sind. Wenn eine von 20 Geigen ausf\u00e4llt, kann man das verschmerzen, wenn eine von zwei Klarinetten krank ist, ist das komplizierter, gerade wenn Soli anstehen. Die m\u00f6chte man vielleicht nicht der Kollegin aufdr\u00fccken und schleppt sich dann halt zum Dienst. Mein Respekt f\u00fcr diesen Berufsstand wuchs mal wieder.<\/p>\n<p>Nach zwei St\u00fcndchen merkte ich aber, wie ich v\u00f6llig verspannte, humpelte zu Bus und U-Bahn und legte mich zuhause flach mit meiner W\u00e4rmflasche aufs Sofa. Dooferweise konnte ich so mein Buch nicht halten, weil es ein bl\u00f6des Format hat und recht dick ist, weswegen ich schon um halb 10 im Bettchen lag, wo ich mir aus F.s Bettdecke eine Halterung basteln konnte. P\u00e4rchenkram. So praktisch!<\/p>\n<p>&#8212;<\/p>\n<p>Nachmittags warf ich launig eine <a href=\"https:\/\/twitter.com\/ankegroener\/status\/1104718647258476545\">Bemerkung \u00fcber Obstd\u00fcfte von weiblich konnotierten Duschgels<\/a> in die Runde, auf die ich gar keine Erwiderung erwartete, aber ich habe jetzt einen fast ebenso langen Einkaufszettel wie f\u00fcr das Partay-Futter.<\/p>\n<p>&#8212;<\/p>\n<p><strong><a href=\"https:\/\/sz-magazin.sueddeutsche.de\/abschiedskolumne\/abgeschminkt-86960\">Abgeschminkt<\/a><\/strong><\/p>\n<p>Bei den Virgin Atlantic Airways m\u00fcssen Flugbegleiterinnen sich nicht mehr schminken.<\/p>\n<blockquote><p>\u201eF\u00fcr den Flugverkehr ist sie eine kleine Revolution. Make-up und Absatzschuhe sind in vielen Fluggesellschaften noch immer vorgeschrieben. Bei der Lufthansa etwa, wo um dezentes Make-up und gepflegte H\u00e4nde gebeten wird. British Airways verlangt zus\u00e4tzlich, dass Unreinheiten abgedeckt werden. Bei manchen Airlines sind Schmink- und Hairstyling-Trainings sogar teil der Ausbildung f\u00fcr Frauen. M\u00e4nnliche Flugbegleiter dagegen warten bis heute auf einen Bartschneide- und Nasenhaar-Trimm-Kurs, der sie dazu qualifizieren soll, ihren Beruf besser auszu\u00fcben. Warum h\u00e4lt sich die Idee so hartn\u00e4ckig, die berufliche Eignung von Frauen lie\u00dfe sich auch an ihrem Erscheinungsbild ablesen? <\/p>\n<p>Schon im alten \u00c4gypten wurden Haare mit Zuckerpaste entfernt, und K\u00e4fer f\u00fcr die Lippent\u00f6nung zerquetscht. Sch\u00f6nheit gilt als eine Tugend, die beim weiblichen Geschlecht seit jeher mit etwas mehr Aufwand verkn\u00fcpft ist. Diese Logik steckt auch hinter Airline-Bestimmungen. Eine Frau hat ihr Gesicht, wie die Lufthansa es ausdr\u00fcckt, f\u00fcr ihren Arbeitgeber \u00bbvorteilhaft\u00ab zu betonen. Denn Sch\u00f6nsein gilt als Teil ihres Jobs. Das ist falsch. Noch falscher ist, dass ein Arbeitgeber definiert und dar\u00fcber entscheidet, was Sch\u00f6nheit ist.\u201c<\/p><\/blockquote>\n<p>&#8212;<\/p>\n<p>Als Rausschmei\u00dfer f\u00fcr den Tag, der so richtig schlechte Laune macht, ein Ausschnitt aus meiner derzeitigen Lekt\u00fcre, das Kendi-Buch \u00fcber die Geschichte des Rassismus, vor allem in den Amerikas, wo er mit den europ\u00e4ischen Eroberern hinkam. Ich bin erst auf S. 67, aber schon sehr beeindruckt von den vielen Quellen, die Kendi pr\u00e4sentiert, um die Geschichte der bescheuerten Idee, Menschen h\u00e4tten erstens Rassen und die w\u00fcrden zweitens eine Hierarchie bilden, aufzuarbeiten.<\/p>\n<p>Was mich gestern in der U-Bahn wirklich schwer ausatmen lie\u00df, war die Geschichte von <a href=\"https:\/\/en.wikipedia.org\/wiki\/Elizabeth_Key_Grinstead\">Elizabeth Key<\/a>. Der Wikipedia-Artikel erkl\u00e4rt es sehr gut: Key war die Tochter einer schwarzen Sklavin und ihres wei\u00dfen englischen Besitzers. Dieser erkannte das Kind zun\u00e4chst nicht an, verf\u00fcgte dann aber, dass sie frei sein solle, sobald sie 15 Jahre alt geworden war. Stattdessen wurde sie verkauft, lernte ihren sp\u00e4teren (wei\u00dfen, englischen) Ehemann William Grinstead kennen. Gemeinsam klagten sie daf\u00fcr, Keys den Status einer freien Frau zukommen zu lassen, denn ihr Vater sei ein Engl\u00e4nder gewesen. 1665 wurde ihr dieses Recht zugesprochen, woraufhin Virginia, der Ort der Klage, seine Gesetze \u00e4nderte: Danach waren Kinder, die von Sklavinnen geboren wurden, automatisch auch Sklaven. Statt des englischen Rechts, nach dem die Nachkommen dem Status des Vaters folgen, berief man sich nun auf antikes r\u00f6misches Recht, nach dem die Nachkommen der Mutter folgen. Oder anders ausgedr\u00fcckt: Wenn Sklavenhalter ihre Slavinnen vergewaltigen und schw\u00e4ngerten, produzierten sie neue Sklaven, die ihnen geh\u00f6rten.<\/p>\n<blockquote><p>\u201eWith this law in place, White enslavers could now reap financial reward from relations &#8220;upon a negro woman.&#8221; But they wanted to prevent the limited number of White women from engaging in similar interracial relations (as their biracial babies would become free). In 1664, Maryland legislators declared it a &#8220;disgrace to our Nation&#8221; when &#8220;English women &#8230; intermarry with Negro slaves.&#8221; By the end of the century, Maryland and Virginia legislators had enacted severe penalties for White women in relationships with non-White man. In this way, heterosexual White men freed themselves, through racist laws, to engage in sexual relations with all women.&#8221; (S. 41)<\/p><\/blockquote>\n<p>Kendi skizziert danach eine fr\u00fche Kurzgeschichte, die den angeblich uners\u00e4ttlichen sexuellen Appetit von schwarzen Frauen beschreibt. (Interessant, dass sowohl der <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Die_Insel_der_Fruchtbarkeit\">deutschsprachige<\/a> als auch der <a href=\"https:\/\/en.wikipedia.org\/wiki\/The_Isle_of_Pines\">englische<\/a> Wikepedia-Eintrag die rassistischen Untert\u00f6ne nicht erw\u00e4hnen.) Er zitiert die <em>South-Carolina Gazette<\/em>, die 1763 \u00fcber neu ankommende Sklavenschiffe schrieb: &#8220;Those African Ladies are of a strong, robust Constitution: not easily jaded out, able to serve them by Night als well as Day.&#8221; (S. 42)<\/p>\n<blockquote><p>&#8220;Of the nearly one hundred reports of rape or attempted rape in twenty-one newspapers in nine American colonies between 1728 and 1776, none reported the rape of a Black woman. Rapes of Black women, by men of all races, were not considered newsworthy. Like raped prostitutes, Black women&#8217;s credibility had been stolen by racist beliefs in their hypersexuality. For Black men, the story was similar. There was not a single article in the colonial era announcing the acquittal of a suspected Black male rapist. One-third of White men mentioned in rape articles were acknowledged as being acquitted of at least one charge. Moreover, &#8220;newspaper reports of rape constructed white defendants as individual offenders and black defendants as representative of their racial group,&#8221; according to journalism historian Sharon Block.<\/p>\n<p>Already, the American mind was accomplishing that indispensable intellectual activity of someone consumed with racist ideas: <em>individualizing<\/em> White negativity and <em>generalizing<\/em> Black negativity. [&#8230;] Black women were thought to aggressively pursue White men sexually, and Black men were thought to aggressively pursue White women sexually. Neither could help it, the racist myth posited. They naturally craved superior Whiteness.&#8221; (S. 42\/43.)<\/p><\/blockquote>\n<p>(Alle Zitate aus: Kendi, Ibram X.: <em><a target=\"_blank\" href=\"https:\/\/www.amazon.de\/gp\/product\/1847924956\/ref=as_li_tl?ie=UTF8&#038;camp=1638&#038;creative=6742&#038;creativeASIN=1847924956&#038;linkCode=as2&#038;tag=httpwwwankegr-21&#038;linkId=fcf431182eb7585fd2a384f0d0da0a24\">Stamped from the Beginning: The Definitive History of Racist Ideas in America<\/a><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"\/\/ir-de.amazon-adsystem.com\/e\/ir?t=httpwwwankegr-21&#038;l=am2&#038;o=3&#038;a=1847924956\" width=\"1\" height=\"1\" border=\"0\" alt=\"\" style=\"border:none !important; margin:0px !important;\" \/><\/em>, London 2017.)<\/p>\n<p>Vielleicht ist euch im vorletzten Absatz aufgefallen, dass im Zitat von Block &#8220;black&#8221; und &#8220;white&#8221; steht, w\u00e4hrend Kendi immer &#8220;Black&#8221; und &#8220;White&#8221; schreibt. Ich hatte in Noah Sows <em><a href=\"https:\/\/www.noahsow.de\/blog\/deutschland-schwarz-weiss-2018\/\">Deutschland Schwarz Wei\u00df \u2013 Der allt\u00e4gliche Rassimus<\/a><\/em> gelesen, dass sie Schwarz immer mit gro\u00dfem S schreibt, um deutlich zu machen, dass es \u201ekein wirkliches Attribut ist, also nichts \u201aBiologisches\u2018, sondern dass es eine politische Realit\u00e4t und Identit\u00e4t bedeutet.\u201c (S. 19, Ausgabe von 2009.) Kendi schreibt beide Begriffe gro\u00df, weil sie sich beide in einem politischen Spektrum befinden. <\/p>\n<p>Die Autorin <a href=\"https:\/\/myamericanmeltingpot.com\/\">Lori L. Tharps<\/a> erkl\u00e4rte es 2014 in einem <a href=\"https:\/\/www.nytimes.com\/2014\/11\/19\/opinion\/the-case-for-black-with-a-capital-b.html\">Opinion Piece f\u00fcr die NYT<\/a> so: \u201eWhen speaking of a culture, ethnicity or group of people, the name should be capitalized. Black with a capital B refers to people of the African diaspora. Lowercase black is simply a color.\u201c Das gro\u00dfe B ist auch deshalb wichtig, weil rassistische Publikationen oder Websites <a href=\"https:\/\/www.cjr.org\/analysis\/language_corner_1.php\">\u201eblack\u201c kleinschreiben und \u201eWhite\u201c gro\u00df<\/a>. Es liegt im Englischen nahe, auch \u201eWhite\u201c und \u201eBlack\u201c gro\u00dfzuschreiben, weil man auch \u201eAsian\u201c oder \u201eEnglish\u201c gro\u00dfschreibt. Im Deutschen f\u00e4llt mir das etwas schwerer, daher bin ich bei den gewohnten Formulierungen geblieben.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Den Vormittag habe ich dazu genutzt, mal die lange Einkaufsliste f\u00fcr meine demn\u00e4chst stattfindenden Partay (wie von Ross aus Friends ausgesprochen, aber das wusstet ihr nat\u00fcrlich) aufzuschreiben. Sie ist zweieinhalb Seiten lang und beinhaltet 30 Knoblauchzehen. Das wird gut, glaube ich. Beim Aufstehen vom Schreibtisch zerrte ich mir irgendwas im R\u00fccken und ahnte wieder einmal, [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":10,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[],"class_list":["post-31386","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-weblog"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.ankegroener.de\/blog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/31386","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.ankegroener.de\/blog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.ankegroener.de\/blog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.ankegroener.de\/blog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/10"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.ankegroener.de\/blog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=31386"}],"version-history":[{"count":3,"href":"https:\/\/www.ankegroener.de\/blog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/31386\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":31389,"href":"https:\/\/www.ankegroener.de\/blog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/31386\/revisions\/31389"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.ankegroener.de\/blog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=31386"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.ankegroener.de\/blog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=31386"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.ankegroener.de\/blog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=31386"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}