{"id":31272,"date":"2019-02-26T07:59:40","date_gmt":"2019-02-26T06:59:40","guid":{"rendered":"http:\/\/ankegroener.de\/blog\/?p=31272"},"modified":"2019-02-26T08:07:14","modified_gmt":"2019-02-26T07:07:14","slug":"tagebuch-montag-25-februar-2019-eine-ausstellung-zweihundert-meinungen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.ankegroener.de\/blog\/?p=31272","title":{"rendered":"Tagebuch Montag, 25. Februar 2019 \u2013 Eine Ausstellung, zwei(hundert) Meinungen"},"content":{"rendered":"<p>Einem Kunden einen Job um kurz nach 9 in die Mailbox geschoben und mich dann in die Bibliothek abgemeldet. Bis nachmittags sa\u00df ich gl\u00fccklich im ZI. Also gl\u00fccklich, weil ZI, aber gleichzeitig stirnrunzelnd, weil herausfordernde Literatur.<\/p>\n<p>Abends noch gearbeitet, die sonnt\u00e4gliche Folge <em>Kitchen Impossible<\/em> im Schnelldurchlauf geguckt und dementsprechend sofort Kartoffelp\u00fcree zubereitet. Allerdings nur einmal durchs Sieb gestrichen und mit weitaus weniger Butter. Aber die Ma\u00dfeinheit \u201eanderthalb Kilo Butter auf zwei Kilo Kartoffeln\u201c werde ich irgendwann mal nachbasteln. Das muss so gro\u00dfartig sein.<\/p>\n<p>&#8212;<\/p>\n<p>Aber zur\u00fcck ins ZI, wo ich erstmal total mitleidig war, wie immer, wenn ich an diesem Schild vorbeigehe, das unten im Keller des ehemaligen NS-Baus h\u00e4ngt, wo jetzt alle Kunstzeitschriften dieser Welt stehen:<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/ankegroener.de\/blog\/..\/Bilder\/IMG_4475.jpg\" alt=\"\" width=\"500\" height=\"500\" class=\"alignnone size-full wp-image-31276\" srcset=\"https:\/\/www.ankegroener.de\/blog\/..\/Bilder\/IMG_4475.jpg 500w, https:\/\/www.ankegroener.de\/blog\/..\/Bilder\/IMG_4475-150x150.jpg 150w\" sizes=\"auto, (max-width: 500px) 100vw, 500px\" \/><\/p>\n<p>Dieses Schild sagt mir, dass B\u00fccher ganz schlimm leiden, sie sind so belastet, dass ihnen sogar die Regale etwas abnehmen m\u00fcssen. Noch ein Grund mehr, sie immer zu umarmen, wenn man sie durch die Gegend schleppt.<\/p>\n<p>Ich besch\u00e4ftige mich gerade mit der <a href=\"https:\/\/opacplus.bsb-muenchen.de\/search?oclcno=180466372&#038;db=100&#038;View=default\">ersten bundesweiten Ausstellung von systemkonformer NS-Kunst<\/a> in der Bundesrepublik, die 1974 im Kunstverein Frankfurt stattfand (und die keinen Wikipedia-Eintrag hat!). Den Katalog kann ich quasi auswendig, aber jetzt wollte ich mich ein bisschen mit der Rezeption der Schau befassen. Ich fand erstmal zwei Rezensionen in Kunstfachzeitschriften (nicht Tageszeitungen oder Magazinen), die unterschiedlicher nicht sein konnten und st\u00f6berte dann in einem Band, der von den Ausstellungsmachern selbst herausgegeben wurde: <em><a href=\"https:\/\/opac.ub.uni-muenchen.de\/TouchPoint\/perma.do?q=+0%3D%221834588%22+IN+%5B2%5D&#038;v=sunrise&#038;l=de\">Reaktionen<\/a><\/em>. Darin ein irrwitzig dicker Pressespiegel aus eben Tageszeitungen und Magazinen sowie die Auswertung von Frageb\u00f6gen, die die Besucher*innen ausf\u00fcllen konnten, mit Fragen wie \u201eWas soll diese Austellung? Wie fanden Sie das alles? M\u00f6chten Sie uns noch was sagen?\u201c Auch einige Seiten der Wandzeitung (aka des G\u00e4stebuchs) waren abgedruckt, und die waren wie alle Seiten von allen G\u00e4steb\u00fcchern: wie Internetkommentare, nur noch schlechter lesbar, weil handschriftlich.<\/p>\n<p>Ich fand es spannend, wie oft auf dem Thema \u201eABER WAS IST MIT DER GANZEN LINKEN KUNST?\u201c rumgeritten wurde. Ich bin mir nicht sicher, wie gro\u00df das Wissen des durchschnittlichen Bundesdeutschen 1974 in Bezug auf DDR-Kunst war, aber anscheinend waren sehr viele Menschen der Meinung, der sozialistische Realismus w\u00e4re genauso schlimm wie der Nazikram, wenn nicht noch schlimmer. Sinngem\u00e4\u00dfes Zitat: \u201eRechts- und Linksfaschismus unterscheiden sich nicht.\u201c Ich wei\u00df nicht mal, wo ich anfangen soll, den Satz politisch und kunsthistorisch aufzudr\u00f6seln. <\/p>\n<p>Vieles las sich wie jede Twitterdiskussion, wenn irgendjemand etwas Sexistisches anprangerte: ABER WAS IST MIT FRAUEN, DIE M\u00c4NNER SCHLAGEN? V\u00c4TER HABEN KEINE RECHTE! K\u00dcMMERT EUCH LIEBER MAL UM WITWENVERBRENNUNG IN INDIEN! Ernsthaft. Ich dachte, Whataboutism w\u00e4re eine Erfindung von Social Media, aber nein, den gab es schon in Wandzeitungen der 1970er Jahre.<\/p>\n<p>Mich \u00fcberraschte auch die Vehemenz dieses Urteils. Wir hatten gerade eine sozialliberale Koalition, einen sozialdemokratischen Bundeskanzler, die <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Ostpolitik\">Ostvertr\u00e4ge<\/a>. Dass der Feind immer noch eher rot als braun war, verwunderte mich doch etwas. Ich ahne langsam, warum die zahlenm\u00e4\u00dfig recht kleine RAF gef\u00fchlt weitaus st\u00e4rker bek\u00e4mpft wurde als die ganzen rechten Netzwerke, die sich nach 1945 wieder oder neu etablierten \u2013 und deren Bodensatz wir bei diversen Landtagswahlen seit den 1950er Jahren und jetzt sogar bundesweit parlamentarisch sp\u00fcren.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/ankegroener.de\/blog\/..\/Bilder\/57278557693__478024F3-98F0-473B-95D5-AC6C1ED810B7.jpg\" alt=\"\" width=\"500\" height=\"577\" class=\"alignnone size-full wp-image-31277\" \/><br \/>\nFoto aus dem Handgelenk f\u00fcr F., um ihn zu informieren, was ich gerade mache.<br \/>\n<img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/ankegroener.de\/blog\/..\/Bilder\/Image-1-1.jpg\" alt=\"\" width=\"500\" height=\"595\" class=\"alignnone size-full wp-image-31278\" \/><br \/>\n(<a href=\"https:\/\/www.pinakothek.de\/kunst\/adolf-ziegler\/die-vier-elemente-erde-und-wasser-mitteltafel-des-triptychons\">Ziegler<\/a>, <a href=\"https:\/\/www.dhm.de\/lemo\/bestand\/objekt\/ivo-saliger-das-urteil-des-paris-1939.html\">Saliger<\/a>)<\/p>\n<p>Die beiden oben angesprochenen fachlichen Rezensionen lasen sich etwas gefasster, aber auch da knurrte ich ab und zu. Manfred Schl\u00f6sser fand in <em>das kunstwerk<\/em> 1 (1975) die Ausstellung problematisch und fragte sich: Wenn sie doch nicht begeistern, sondern informieren und aufkl\u00e4ren wollte, h\u00e4tten dann nicht auch Fotos der Werke gereicht? Mussten da echt die Originale h\u00e4ngen? Und ich so: Manfred, Hase: Reicht dir ein Foto der <em>Mona Lisa<\/em> nicht auch? Musst du daf\u00fcr extra nach Paris fahren? Ne Postkartenabbildung ist doch genauso informativ. Womit ich jetzt auf keinen Fall irgendwen in der Ausstellung mit Leonardo gleichsetzen will, aber bei dem Argument wollte ich den Mann gut 40 Jahre zu sp\u00e4t noch liebevoll sch\u00fctteln. <\/p>\n<p>Dann meinte er noch, der Katalog und die Wandtexte seien so gut, das k\u00f6nne man jetzt so lassen, es \u201ebesteht schon fast kein Anla\u00df mehr, nazistische Kunst\u00fcbungen eines Tages ernsthaft in kunsthistorischen Seminaren behandeln zu lassen.\u201c Klingt sinnvoll, wir \u00fcberspringen einfach zw\u00f6lf Jahre, da war ja nix. Machen wir in Geschichte ab sofort auch so.<\/p>\n<p>Der Abschluss war dann die oben schon angesprochene Gleichsetzung von systemkonformer NS-Kunst mit dem sozialistischen Realismus und ich regte mich wieder sinnlos auf: \u201eMit der Weihe der Wissenschaft einerseits und fanatischem Beifall der Vertreter einer andern [sic!] staatlich verordneten Kunst\u00fcbung lie\u00dfe sich im Zeichen eines erstarkenden Neorealismus durchaus auch eine Einkehr dieser wie sozialistischer Scheu\u00dflichkeiten in Museen denken, die ihre einzige Aufgabe in der Dokumentation verschiedener Zeitl\u00e4ufte sehen.\u201c Dokumentation, genau. Weil die NS-K\u00fcnstler mit ihren Bauernbildern ja Berlin 1941 abgebildet haben. Und die DDR-Maler*innen die B\u00fcckwarenschlangen. Hast du dir die Bilder eigentlich angeguckt, die da hingen? Oder irgendeine Ausstellung in Leipzig oder Dresden? Und was ist \u00fcberhaupt gegen Neorealismus einzuwenden?<\/p>\n<p>*schnauf*<\/p>\n<p>Auf Kritik gegen\u00fcber realistischen Abbildungen war ich schon in Bezug auf Kiefer und L\u00fcpertz gesto\u00dfen \u2013 das war durchaus ein gro\u00dfes Thema in der Kunst, gerade weil die letzte realistische Darstellungsweise vor der Bundesrepublik eben der NS-Staat war. Danach wurde brav abstrakt gemalt, um blo\u00df keine \u00e4sthetische N\u00e4he aufkommen zu lassen. Die DDR-Kunstgeschichte hat sich das etwas einfacher gemacht und behauptet, der sozialistische Realismus mit seinen Arbeiterdarstellungen w\u00e4re was ganz anderes, wir sind ja die antifaschistischen Guten und deswegen kann das keine Propaganda sein. (Sehr \u00fcberspitzt formuliert.)<\/p>\n<p>Ich will jetzt weder das NS-Regime noch die DDR-Diktatur sch\u00f6nreden und auch nicht die Tatsache, dass Kunst in beiden Systemen eine politische Funktion hatte, aber k\u00f6nnen wir bitte mal auf dem Teppich bleiben? Das tat netterweise die andere Rezension von Werner Jehle in den schweizerischen <em>Kunstnachrichten<\/em> 3 (1975). Er erw\u00e4hnte dankenswerterweise die Filme, die zur Zeit des \u201eDritten Reichs\u201c gedreht wurden und mit denen man sich bereits in den 1960er Jahren wissenschaftlich auseinandergesetzt hatte \u2013 ohne gro\u00dfe Diskussion in den Medien. Aber Bilder und Plastiken waren anscheinend ein anderer Schnack. \u00dcber weitere Kunstgattungen neben meinen hatte ich noch gar nicht intensiv nachgedacht, aber seit gestern frage ich mich schon, wieso man den Bauern- und Blumenbildern aus dem Haus der Deutschen Kunst ein so gef\u00e4hrliches Potenzial nachsagte, den ganzen R\u00fchmannfilmen und Leanderschlagern aber nicht, obwohl die genau wie die idealisierten Abbildungen und Plastiken vom Weltkriegsgeschehen ablenken sollten.<\/p>\n<p>Jehle wies auch auf die untragbare Gleichsetzung von Systemkunst und sozialistischem Realismus hin, nutzte aber ein Argument, bei dem ich mir nicht so sicher bin: Er meinte, der Sozialismus h\u00e4tte schlie\u00dflich unter dem Faschismus am meisten zu leiden gehabt, und dazu w\u00fcrde ich jetzt gerne mal eine j\u00fcdische Stimme h\u00f6ren. Er wunderte sich dann \u00fcber die Demonstrationen und Proteste im Vorfeld der Ausstellung (dar\u00fcber ist auch in <em>Reaktionen<\/em> einiges zu lesen) und zitierte Mit-Kurator <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Berthold_Hinz\">Berthold Hinz<\/a>, den Autor eines <a href=\"https:\/\/opacplus.bsb-muenchen.de\/search?isbn=9029520256&#038;db=100&#038;View=default\">Standardwerks<\/a> \u00fcber das NS-Kunstsystem (mit dem ich manchmal hadere): \u201e[Hinz] wunderte sich, dass man [&#8230;] hingegen nichts unternommen h\u00e4tte gegen die pseudo-kritischen Produkte des Gruner-und-Jahr-Verlags, die das Dritte Reich auf Illustrierten-Niveau abhandelten, und die <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Joachim_Fest#Hitler-Biographie\">Hitlerbiographie von Fest<\/a>, die den Faschismus einem einzelnen \u00fcberantwortete.\u201c<\/p>\n<p>Und Jehle hat ein sch\u00f6nes Argument zu Ausstellung und wissenschaftlicher Besch\u00e4ftigung mit dieser Kunst: \u201eDie \u00e4sthetischen Produkte der NS-Zeit bewusst ausklammern aus der Historie kann einer nur, wenn er die Verbrechen der NS-Zeit als einmaligen Betriebsunfall der Geschichte betrachtet und nicht als Folge einer auf ganz spezifischen \u00f6konomischen und weltanschaulichen Voraussetzungen beruhenden Politik.\u201c<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Einem Kunden einen Job um kurz nach 9 in die Mailbox geschoben und mich dann in die Bibliothek abgemeldet. 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