{"id":31232,"date":"2019-02-22T08:50:25","date_gmt":"2019-02-22T07:50:25","guid":{"rendered":"http:\/\/ankegroener.de\/blog\/?p=31232"},"modified":"2019-02-22T08:52:22","modified_gmt":"2019-02-22T07:52:22","slug":"tagebuch-donnerstag-21-februar-2019-alltag","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.ankegroener.de\/blog\/?p=31232","title":{"rendered":"Tagebuch Donnerstag, 21. Februar 2019 \u2013\u00a0Alltag"},"content":{"rendered":"<p>Gearbeitet, \u00fcber die <em>FAZ<\/em> <a href=\"https:\/\/twitter.com\/ankegroener\/status\/1098607272769568773\">gemeckert<\/a>, die <em>FAZ<\/em> <a href=\"https:\/\/twitter.com\/ankegroener\/status\/1098620076645851137\">gemocht<\/a>, gelesen, Reste der vorgestern zubereiteten Lasagne zu zweit verspeist, ein Sp\u00e4tburgunder zum Abendessen, gemeinsam eingeschlafen.<\/p>\n<p>&#8212;<\/p>\n<p>Ich lese gerade <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Wolfgang_Koeppen\">Wolfgang Koeppens<\/a> <em><a target=\"_blank\" href=\"https:\/\/www.amazon.de\/gp\/product\/3937793259\/ref=as_li_tl?ie=UTF8&#038;camp=1638&#038;creative=6742&#038;creativeASIN=3937793259&#038;linkCode=as2&#038;tag=httpwwwankegr-21&#038;linkId=f50ca424468032fc8250b41aaa497ff8\">Das Treibhaus<\/a><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"\/\/ir-de.amazon-adsystem.com\/e\/ir?t=httpwwwankegr-21&#038;l=am2&#038;o=3&#038;a=3937793259\" width=\"1\" height=\"1\" border=\"0\" alt=\"\" style=\"border:none !important; margin:0px !important;\" \/><\/em>, von dem ich vorher nur eine vage Vorstellung hatte. Ich wusste, dass der <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Das_Treibhaus\">Roman<\/a> 1953 erschienen war und hatte mich auf irgendwas in Richtung <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Heinrich_B%C3%B6ll\">B\u00f6ll<\/a> eingestellt. Das ist es nicht ganz, die Sprache ist recht oft eher assoziativ als beschreibend, aber bis jetzt mag ich es sehr gerne. \u00dcber ein paar Altherrenformulierungen, obwohl der Verfasser damals noch nicht wirklich alt war, sehe ich mal gn\u00e4dig hinweg.<\/p>\n<p>Wir befinden uns im Schlafwagen auf dem Weg nach Bonn, zusammen mit der Hauptfigur des Abgeordneten Keetenheuve und einem Haufen Lobbyisten.<\/p>\n<blockquote><p>\u201eNicht alle Abgeordneten reisten im Bundesbahnbett. Andere kamen im Auto zur Hauptstadt gefahren, quittierten das Kilometergeld und standen sich gut dabei; sie waren die sch\u00e4rferen Hechte. Auf der Rheinstra\u00dfe brausten die schwarzen Mercedeswagen neben dem Wasser stromabw\u00e4rts. Stromabw\u00e4rts der Schlick, stromabw\u00e4rts das Treibholz, stromabw\u00e4rts Bakterien und Kot und die Laugen der Industrie. Die Herren hockten neben ihrem Fahrer, sie hockten hinter ihrem Fahrer, sie waren eingenickt. Die Familie hatte einen strapaziert. K\u00f6rperabw\u00e4rts, unter dem Mantel, der Jacke, dem Hemd, lief der Schwei\u00df. Schwei\u00df der Ersch\u00f6pfung, Schwei\u00df der Erinnerung, Schwei\u00df des Schlummers, Schwei\u00df des Sterbens, Schwei\u00df der Neugeburt, Schwei\u00df des Wohingefahrenwerdens und wer wei\u00df wohin, Schwei\u00df der nackten, der blo\u00dfen Angst. Der Fahrer kannte die Strecke und ha\u00dfte die Gegend. Der Fahrer konnte Lorkowski hei\u00dfen und aus Masuren sein. Er kam aus den Tannenw\u00e4ldern; da lagen Tote. Er gedachte der Seen in den W\u00e4ldern; da lagen Tote. Der Abgeordnete hatte ein Herz f\u00fcr die Vertriebenen. Das soll hier nun sch\u00f6n sein, dachte Lorkowski, ich schei\u00df\u2019 doch auf den Rhein. <em>Er schi\u00df auf den Rhein, Lorkowski, Abgeordnetenfahrer aus Masuren, Lorkowski, Leichenfahrer aus dem Gefangenenlager, Lorkowski, Sanit\u00e4tsfahrer von Stalingrad, Lorkowski, NSKKfahrer aus Kraftdurchfreudetagen, alles Schei\u00dfe, Leichen Abgeordnete und Verst\u00fcmmelte dieselbe Ladung, alles Schei\u00dfe, er schi\u00df nicht nur auf den Rhein.<\/em><br \/>\n\u201ePuppe.\u201c<br \/>\nDer Interessenvertreter verlie\u00df den Abort, schlenkerte das Hosenbein, nichts Menschliches war ihm fremd. Er trat zu den anderen Interessenvertretern in den Vorraum des Wagens, ein Mann unter M\u00e4nnern.<br \/>\n\u201eBi\u00dfchen bla\u00df ist sie.\u201c<br \/>\n\u201eMacht nichts.\u201c<br \/>\n\u201eDurchgesch\u00fcttelt, durchger\u00fcttelt, durchgerollt.\u201c<br \/>\n\u201eZu lange unten gelegen.\u201c<br \/>\nWagalaweia.<br \/>\nDas M\u00e4dchen kam wehenden Gewandes, Engel des Schienenstranges, ein Nachtengel, wehenden Nachtgewandes, Spitzen streiften den Staub Rotz und Dreck des gefirni\u00dften Ganges, Brustspitzen, pralle Knospen rieben die Gewandspitzen, die F\u00fc\u00dfe trippelten in zierlichen Pant\u00f6ffelchen, B\u00e4ndergeschn\u00fcr, <em>die F\u00fc\u00dfe der Salome die wie kleine wei\u00dfe Tauben sind<\/em>, die Zehenn\u00e4gel leuchteten rot, verschlafen war das Kind, launisch, m\u00fcrrisch, viele M\u00e4dchen trugen den Ausdruck des M\u00fcrrischen im h\u00fcbschen Puppengesicht, es war eine M\u00e4dchenmode, m\u00fcrrisch zu sein, im Hals kratzte der Raucherhusten, die M\u00e4nner sahen zu, wie das M\u00e4dchen trippelnd, lackiert, hochbeinig, h\u00fcbsch und m\u00fcrrisch auf den Lokus ging. Parfum kitzelte die die Nasen und mischte sich hinter der T\u00fcr mit des Interessensvertreters strengem Ablauf am Abend genossener Bockbiere \u2013 an ihm war Hopfen und Malz nicht verloren.<br \/>\n\u201eFeinen Koffer haben Sie da. Richtige Diplomatenkiste. Wie neu aus dem AA. Schwarzrotgoldene Streifen.\u201c<br \/>\n\u201eSchwarzrotmostrich, wie wir fr\u00fcher sagten.\u201c<br \/>\nWagalaweia.<br \/>\nDer Rhein schl\u00e4ngelte sich nun, ein gewundenes, silbernes Band, durch flache Ufer. Fern aus dem Fr\u00fchdunst w\u00f6lbten sich Berge. Keetenheuve atmete die milde Luft, und schon sp\u00fcrte er, wie sehr sie ihn traurig stimmte. Verkehrsvereine, Fremdenlockbetriebe nannten das Land die rheinische Riviera. Ein Treibhausklima gedieh im Kessel zwischen den Bergen; die Luft staute sich \u00fcber dem Strom und seinen Ufern. Villen standen am Wasser, Rosen wurden gez\u00fcchtet, die Wohlhabenheit schritt mit der Heckenschere durch den Park, knirschenden Kies unter dem leichten Altersschuh, Keetenheuve w\u00fcrde nie dazu geh\u00f6ren, nie hier ein Haus haben, nie Rosen schneiden, nie die Edelrosen, die Nobiles, die Rosa indica, er dachte an die Wundrose, Erysipelas traumaticum, Gesundbeter waren am Werk, Deutschland war ein gro\u00dfes \u00f6ffentliches Treibhaus, Keetenheuve sah seltsame Floren, gierige, fleischfressende Pflanzen, Riesenphallen, Schornsteinen gleich voll schwelenden Rauches, blaugr\u00fcn, rotgelb, giftig, aber es war eine \u00dcppigkeit ohne Mark und Jugend, es war alles morsch, es war alles alt, die Glieder strotzten, aber es war eine Elephantiasis arabum. Besetzt, stand auf der Klinke, und hinter der T\u00fcr pinkelte das M\u00e4dchen, h\u00fcbsch und m\u00fcrrisch, die Schwellen an.\u201c<\/p><\/blockquote>\n<p>(Wolfgang Koeppen: <em>Das Treibhaus<\/em>, Frankfurt am Main 1980, erste Auflage Stuttgart 1953, S. 36\u201338.)<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Gearbeitet, \u00fcber die FAZ gemeckert, die FAZ gemocht, gelesen, Reste der vorgestern zubereiteten Lasagne zu zweit verspeist, ein Sp\u00e4tburgunder zum Abendessen, gemeinsam eingeschlafen. &#8212; Ich lese gerade Wolfgang Koeppens Das Treibhaus, von dem ich vorher nur eine vage Vorstellung hatte. 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