{"id":30601,"date":"2018-12-20T10:06:05","date_gmt":"2018-12-20T09:06:05","guid":{"rendered":"http:\/\/ankegroener.de\/blog\/?p=30601"},"modified":"2018-12-20T10:17:23","modified_gmt":"2018-12-20T09:17:23","slug":"tagebuch-mittwoch-19-dezember-2018-sinnieren-uber-den-spiegel","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.ankegroener.de\/blog\/?p=30601","title":{"rendered":"Tagebuch Mittwoch, 19. Dezember 2018 \u2013 Sinnieren \u00fcber den \u201eSpiegel\u201c"},"content":{"rendered":"<p>Die T\u00fccken des t\u00e4glichen Bloggens, bei dem man immer das Datum vom gestrigen Tag angibt und das mich in den vergangenen Jahren gef\u00fchlt \u00fcber tausendmal aus dem getippten \u201egestern\u201c \u2013 wenn ich einen Eintrag am Abend des betreffenden Tags vorschreibe \u2013 ein \u201evorgestern\u201c hat machen lassen, haben auch Vorteile: Ich habe erst gestern (gestern!) gemerkt, dass ich irgendwann im Dezember angefangen habe, das Datum des Blogeintrags, aber nicht das tagesaktuelle an meinem Adventskalender zu \u00f6ffnen. Weswegen ich gestern (gestern!) zwei T\u00fcren leerfuttern konnte.<\/p>\n<p>&#8212;<\/p>\n<p>Den ganzen Tag vor B\u00fcchern oder Amazon Primes Videothek rumgehangen; ich bin im <em><a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Dr._House\">House<\/a><\/em>-Rewatch in der sechsten Staffel angekommen. Hat sich gut gehalten, die Serie, ich stolpere aber, wie schon zur Erstausstrahlung, sehr \u00fcber die vielen, h\u00f6flich ausgedr\u00fcckt, politisch unkorrekten \u00c4u\u00dferungen der Hauptfigur, die mir damals schon als unangenehm aufstie\u00dfen und die ich heute als schlicht arschig und betriebsblind empfinde.<\/p>\n<p>&#8212;<\/p>\n<p>Nach 100 Keksdekoriervideos in meiner Facebook-Timeline habe auch ich endlich das Rezept f\u00fcr Royal Icing ergoogelt (ein Eiwei\u00df auf 250 Gramm Puderzucker), anstatt wie sonst \u00fcblich einfach aus Zitronensaft und Puderzucker nach Augenma\u00df Zuckerguss anzur\u00fchren. In den Videos kam es mir so vor, als ob die feine Umrisslinie arg schwierig werden w\u00fcrde, das Ausf\u00fcllen (\u201eflooding\u201c) mit fl\u00fcssigerem Guss aber babyeinfach.<\/p>\n<p>Nun ja.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/ankegroener.de\/blog\/..\/Bilder\/IMG_4052.jpg\" alt=\"\" width=\"500\" height=\"376\" class=\"alignnone size-full wp-image-30604\" \/><\/p>\n<p>Weihnachten, die Freddy-Kr\u00fcger-Edition.<\/p>\n<p>&#8212;<\/p>\n<p>Was mich den ganzen Tag im Hinterkopf besch\u00e4ftigte, war die Story im <em>Spiegel<\/em>, der einen Journalisten entlassen musste, nachdem ein Kollege den Rest der Redaktion darauf aufmerksam gemacht hatte, dass viele Details an dessen Reportagen nicht stimmen bzw. einige vielleicht sogar komplett erfunden worden waren. <\/p>\n<p>Der Redakteur Ullrich Fichtner <a href=\"http:\/\/www.spiegel.de\/kultur\/gesellschaft\/fall-claas-relotius-spiegel-legt-betrug-im-eigenen-haus-offen-a-1244579.html\">berichtet<\/a> in einer langen Reportage \u2013 \u00e4h, was? \u2013 \u00fcber den Fall:<\/p>\n<blockquote><p>\u201eAn &#8220;Jaegers Grenze&#8221; wird [der sp\u00e4ter entlassene Claas] Relotius scheitern. Es ist der eine gef\u00e4lschte Text zu viel, weil er diesmal einen Co-Autor hat, der seinen &#8220;Quatsch&#8221; nicht mitmacht, der Alarm schl\u00e4gt und bald Fakten gegen die Fiktionen sammelt. Juan Moreno ist dieser Co-Autor, seit 2007 als Reporter f\u00fcr den SPIEGEL in aller Welt unterwegs. Im Streit mit und \u00fcber Relotius riskiert Moreno seinen eigenen Job, zwischenzeitlich recherchiert er dem Kollegen, verzweifelt, auf eigene Kosten hinterher. Drei, vier Wochen lang geht Moreno durch die H\u00f6lle, weil Kolleginnen und Vorgesetzte in Hamburg seine Vorw\u00fcrfe anfangs gar nicht glauben k\u00f6nnen. Relotius? Ein F\u00e4lscher? Der bescheidene Claas? Ausgerechnet?<\/p>\n<p>Es wird im SPIEGEL noch Ende November, Anfang Dezember f\u00fcr m\u00f6glich gehalten, dass Moreno in diesem Spiel der eigentliche Halunke ist und Relotius das Opfer einer \u00fcblen Verleumdung. Geschickt pariert Relotius alle Angriffe, alle gut recherchierten Beweise Morenos. Immer wieder findet er Mittel, Zweifel zu s\u00e4en, Vorw\u00fcrfe plausibel zu entkr\u00e4ften, die Wahrheit mit allen Mitteln zu seinen Gunsten zu verdrehen. Bis es irgendwann doch nicht mehr geht. Bis er endg\u00fcltig nicht mehr schlafen kann, gejagt von der Angst vor Entdeckung. Relotius bricht ein, vergangene Woche, als ihn seine Vorgesetzte \u00d6zlem Gezer, Vizechefin des SPIEGEL-Gesellschaftsressorts, zur Rede stellt und ihm auf den Kopf zusagt, dass sie ihm nicht mehr glaubt. Am Donnerstag dann setzt er sich hin mit seinen Ressortleitern, mit einem Chefredakteur, und macht reinen Tisch, oder jedenfalls das, was er daf\u00fcr h\u00e4lt.\u201c<\/p><\/blockquote>\n<p>Das St\u00fcck ist sehr lesenswert, weil es recht genau berichtet, was passiert ist. Es macht mich aber trotzdem fassungslos, dass der <em>Spiegel<\/em> in genau dem gleichen Stil mit Relotius abrechnet, anders kann man das nicht nennen, der dazu gef\u00fchrt hat, dass letzterer munter fabulieren konnte. Das sah meine Timeline gestern \u00e4hnlich; die Kulturwissenschaftlerin Hanna Engelmeier <a href=\"https:\/\/twitter.com\/HannaEngelmeier\/status\/1075366695441702912\">schrieb<\/a>:<\/p>\n<blockquote><p>\u201eEin wenig eigent\u00fcmlich kommt mir vor, da\u00df Fichtner hier diesen Fall als Anla\u00df nimmt, selbst eine &#8220;verdammt gute Geschichte&#8221; zu schreiben. Vielleicht h\u00e4tte eine n\u00fcchterne Mitteilung mit den wichtigsten Details auch gereicht. Diese Dauerverwertung ist doch Kern des Problems.\u201c<\/p><\/blockquote>\n<p>Der <em>Spiegel<\/em> hat, ganz internetkompatibel, auch noch <a href=\"http:\/\/www.spiegel.de\/kultur\/gesellschaft\/fall-claas-relotius-antworten-auf-die-wichtigsten-fragen-a-1244568.html\">eine kurze FAQ<\/a> online gestellt, falls man sich die Reportage eben nicht durchlesen m\u00f6chte.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Stefan_Niggemeier\">Stefan Niggemeier<\/a>, der selbst kurz beim <em>Spiegel<\/em> gearbeitet hat, nahm Fichtners Reportage auseinander. Leider nur hinter einer Paywall, aber schon die Einleitung ist <a href=\"https:\/\/uebermedien.de\/33962\/der-spiegel-und-die-gefaehrliche-kultur-des-geschichten-erzaehlens\/\">lesenswert<\/a>, weil sie verdeutlich, dass das Problem hausgemacht ist:<\/p>\n<blockquote><p>\u201eAls ich f\u00fcr den \u201eSpiegel\u201c gearbeitet habe, vor sechs, sieben Jahren, hatte das Gesellschaftsressort den Ruf, es im Zweifel nicht zu \u00fcbertreiben mit der Wahrheitsliebe. Gemeint waren damit sicher keine F\u00e4lschungen und Erfindungen, aber Verdichtungen, Zuspitzungen, kreative Freiheiten. Die Unterstellung lautete: Das wichtigste Ziel sei es, die bestm\u00f6gliche, dichteste, begeisterndste Geschichte zu erz\u00e4hlen, nicht unbedingt die genaueste.<\/p>\n<p>Da war etwa ein Artikel \u00fcber ein Stadion in Kabul, in dem Ende der neunziger Jahre die Taliban Menschen hinrichteten, und 2012 wieder Fu\u00dfballspiele stattfanden. Ein Artikel, der den ganzen Wandel des Landes in einen einzigen Ort zu konzentrieren schien.<\/p>\n<p>Die Geschichte hatte den kleinen Haken, dass es sich nicht um dasselbe Feld handelt. Der Ort der Hinrichtungen und der Ort des Fu\u00dfballspiels sind nicht weit voneinander entfernt und geh\u00f6ren zum selben Komplex. Aber es ist nicht derselbe Platz.<\/p>\n<p>Das w\u00e4re ein unwichtiges Detail, wenn der Text nicht genau dieses unwichtige Detail explizit zum zentralen Punkt der Geschichte gemacht h\u00e4tte, der sie ganz besonders aufregend macht:<\/p>\n<blockquote><p> \u201eDasselbe Stadion, dasselbe Feld, gedacht f\u00fcr dasselbe Spiel. Damals Tod, heute unb\u00e4ndiges Leben.\u201c<\/p><\/blockquote>\n<p>Bl\u00f6d, <a href=\"http:\/\/www.spiegel.de\/spiegel\/spiegelblog\/korrektur-zur-reportage-asadullahs-spiel-a-867022.html\">wenn eine Leserin merkt, dass das nicht stimmt<\/a>. Aber auch dank solcher Verdichtungen werden aus Reportagen im besten Fall Preisreportagen.\u201c<\/p><\/blockquote>\n<p>Dazu passend der Tweet der Journalistin <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Andrea_Diener\">Andrea Diener<\/a> (von ihrem anonymen Account (?), daher kein Link), die gestern auf das alte Zitat von Hans Magnus Enzensberger verwies, nach dem der <em>Spiegel<\/em> kein Nachrichtenmagazin sei, wie es im hauseigenen Untertitel hei\u00dft, <a href=\"https:\/\/meedia.de\/2011\/05\/25\/der-spiegel-ist-kein-nachrichtenmagazin\/\">sondern ein Story-Magazin<\/a>:<\/p>\n<blockquote><p>\u201eW\u00e4hrend die Nachricht im allgemeinen f\u00fcr Unterhaltungszwecke ungeeignet und kein Genu\u00df-, sondern ein Orientierungsmittel ist, stellt die Story ganz andere Bedingungen: Sie mu\u00df Anfang und Ende haben, sie bedarf einer Handlung und vor allem eines Helden.\u201d Und: \u201cDie Story ist eine degenerierte epische Form; sie fingiert Handlung, Zusammenhang \u00e4sthetische Kontinuit\u00e4t. Dementsprechend muss sich ihr Verfasser als Erz\u00e4hler auff\u00fchren, als allgegenw\u00e4rtiger D\u00e4mon, dem nichts verborgen bleibt und der jederzeit, wie nur ein Cervantes ins Herz des Don Quijote, ins Herz seiner Helden blicken kann.\u201d<\/p><\/blockquote>\n<p>Genau dieses Storytelling hat mich jahrelang fasziniert. Ich habe den <em>Spiegel<\/em> in den 80ern und Anfang der 90er Jahre regelm\u00e4\u00dfig, so ziemlich w\u00f6chentlich gelesen. Die Jahrg\u00e4nge 1989\/90 standen ewig in Pappschubern auf dem Dachboden meiner Eltern und durften nicht weggeschmissen werden wegen des historischen Inhalts. Inzwischen wei\u00df ich erstens, dass ich das alles auch in einer Bibliothek nachlesen kann und zweitens, dass auch der <em>Spiegel<\/em> nur mit Wasser kocht. Als ich Anfang der 2000er Jahre f\u00fcr eine Story \u00fcber die damals noch neuen Weblogs angefragt wurde, lehnte ich ab, weil ich keine Lust hatte, in genau dieser Erz\u00e4hlweise verwurstet zu werden. Ich unterstellte auch gleich eine gewisse Agenda (\u201ediese seltsamen Exhibitionisten im Interweb\u201c) und lehnte mit dieser Unterstellung meine Teilnahme ab. Die damalige Autorin meinte zwar, das seien Vorurteile, aber die erschienene Geschichte hat mich sehr best\u00e4tigt. Wir sind hier alle irre und breiten das auch noch gro\u00df aus, alles ganz schlimm.<\/p>\n<p>Es war f\u00fcr mich ein einschneidendes Erlebnis zu merken, dass auch der heilige <em>Spiegel<\/em> von Menschen geschrieben wird, die von ihren Themen manchmal keine Ahnung haben, aber immer eine Agenda. Wenn&#8217;s normal l\u00e4uft, kommen dann Artikel dabei heraus, die sich auch so lesen, wenn&#8217;s schlecht l\u00e4uft, sowas wie die Reportagen von Relotius \u2013 dessen Name mir bis gestern \u00fcbrigens kein Begriff war, weil ich den <em>Spiegel<\/em> eben nicht mehr lese au\u00dfer wenn mich Geschichten anspringen wie das <a href=\"http:\/\/ankegroener.de\/blog\/?p=29788\">Interview mit Okwui Enwezor<\/a>. Seit einer unglaublich miesen, vorurteilsbelastenen Story \u00fcber das Dicksein fasse ich auch die <em>Zeit<\/em> nicht mehr an, well done, d\u00fcnne Menschen, die Dicke doof finden.<\/p>\n<p>Generell hadere ich seit Jahren mit w\u00f6chentlichen Magazinen, die ich ebenso jahrelang genau deswegen gelesen habe: weil sie w\u00f6chentlich und damit mit etwas Abstand zum Geschehen erschienen und mir so die M\u00f6glichkeit einer Einordnung bieten konnten. Inzwischen bin ich mit einer aktuelleren Tageszeitung besser bedient, auch wenn die nat\u00fcrlich genauso eine Agenda hat; nicht umsonst lesen sich die <em>FAZ<\/em> und die <em>taz<\/em> zum gleichen Sachverhalt sehr unterschiedlich. Genau deswegen musste jetzt auch mein <em>FAZ<\/em>-Abo dran glauben \u2013 nach \u00fcber einem Jahr konservativem Politikteil muss ich mein Hirn mal wieder mit Seife auswaschen und werde auf die <em>S\u00fcddeutsche<\/em> umschwenken, die ich nie durchlesen werde, weil sie viel zu dick ist. <\/p>\n<p>Auf die Beschleunigung im Nachrichtenwesen wies vor Kurzem die sehr gute <a href=\"https:\/\/www.sueddeutsche.de\/medien\/new-york-times-donald-trump-journalismus-1.4197889\">Doku zur <em>New York Times<\/em><\/a> hin, wo der Chefredakteur sinngem\u00e4\u00df meinte: Wenn fr\u00fcher am Vormittag etwas passiert sei, wussten alle, dass man dar\u00fcber morgen etwas in der Zeitung lesen wird. Heute klickt man sofort ins Internet und erwartet alle 20 Minuten ein Update.<\/p>\n<p>Ich ahne, dass nicht nur die <em>Spiegel<\/em>-Kultur des Geschichtenerz\u00e4hlens, sondern auch unser Hunger nach immer neuen Geschichten dazu beigetragen hat, dass Dinge verk\u00fcrzt oder verf\u00e4lscht werden. Es \u00e4rgert mich, dass es Leser*innen sein m\u00fcssen, die das aufkl\u00e4ren, weil es ihnen halt auff\u00e4llt. Eine der Storys von Relotius \u00fcber eine Trump-w\u00e4hlende Kleinstadt in den USA <a href=\"https:\/\/medium.com\/@micheleanderson\/der-spiegel-journalist-messed-with-the-wrong-small-town-d92f3e0e01a7\">widerlegten zwei Bewohner dieser Stadt selbst<\/a>, angefangen beim Ortsschild am Eingang, das der Reporter schon falsch beschrieb, bis hin zu seltsamen Details, die niemand braucht:<\/p>\n<blockquote><p>\u201ePerhaps the oddest fiction in a list of many is Relotius\u2019 depiction of Bremseth as someone who \u201cwould like to marry soon\u2026but he has not yet been in a serious relationship with a woman. He has also never been to the ocean.\u201d<\/p>\n<p>We can attest that Bremseth has indeed been to the ocean, by his account, \u201cmany times\u201d and is currently happily involved in a multi-year, cohabitational relationship with a woman named Amber. In fact, here\u2019s a picture of the two of them in front of, all things, an ocean.\u201c<\/p><\/blockquote>\n<p>Stefan Niggemeier <a href=\"https:\/\/twitter.com\/niggi\/status\/1075661717571555328\">verlinkte<\/a> heute morgen auf den Text \u201eDie Verniedlichung der Welt\u201c von <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Claudius_Seidl\">Claudius Seidl<\/a> von 2010 \u00fcber die h\u00fcbschen Reportagen, die gerne Literatur w\u00e4ren, was auch ein Teil des Problems ist \u2013 Journalist*innen, die gerne etwas anderes w\u00e4ren. Auch in Werbeagenturen laufen viele Texter*innen rum, die glauben, dass in ihnen der gro\u00dfe Roman des 21. Jahrhunderts schlummert, und ebenso viele Grafiker*innen, die meinen, sie seien Picasso. Vielleicht sollte einfach jede*r wieder seinen Job machen.<\/p>\n<blockquote><p>\u201e&#8221;Eine sch\u00f6ne Geschichte&#8221;, so muss man sich das wohl vorstellen, sagt ein Juror zum anderen, wenn sie diese Reportage aus der &#8220;Zeit&#8221; preisen, \u00fcber den Serienkiller und den Kommissar, dem der Killer all seine Verbrechen gesteht, die Reportage also, welche im Winter den sogenannten Reporterpreis gewann &#8211; und offenbar mag sich keiner eingestehen, dass eine \u00c4sthetik, die alles erkl\u00e4ren, begr\u00fcnden, einsortieren kann, eine \u00c4sthetik, die also zugleich alles Unverstandene und Unvers\u00f6hnte, alles Unerkl\u00e4rliche und Unsagbare ausschlie\u00dft, eine \u00c4sthetik, in der wirklich jedes Ph\u00e4nomen den Begriff findet, der wie ein Deckel darauf passt, dass so etwas die \u00c4sthetik von bemalten Tellern und selbstget\u00f6pfertem Regalschmuck ist.<\/p>\n<p>So harmlos.<\/p>\n<p>Toll geschrieben, denkt man sich, wenn man das Kanzlerinnenportr\u00e4t aus dem &#8220;Spiegel&#8221; liest, das am Freitagabend f\u00fcr den Kisch-Preis nominiert war, und es liest sich ja sehr fl\u00fcssig bis zu dem Moment, in dem es dem Leser auff\u00e4llt, dass der Autor sich die Freiheit nimmt, in nahezu jeden Kopf, der im Weg herumsteht, hineinzukriechen und von dort drinnen zu berichten, wie es sich so denkt und f\u00fchlt in diesem Kopf. Das, ein \u00e4u\u00dferst popul\u00e4res Verfahren in der Preistr\u00e4ger- und Nominiertenprosa der vergangenen f\u00fcnf, sechs Jahre, sieht auf den ersten Blick so aus wie echte Literatur. Und ist noch nicht einmal seri\u00f6ser Journalismus. Wenn schon die Schlagzeile &#8220;Regierung will Steuern senken&#8221; ungenau ist, weil wir Journalisten nicht wissen k\u00f6nnen, was die Regierung wirklich will; wir wissen nur, was sie sagt, dass sie wolle &#8211; dann ist die Behauptung, einer wisse, was ein anderer denke, ein Bluff und eine Hochstapelei. Und wenn es Literatur w\u00e4re, dann w\u00e4re es trivial. Richtige Literatur versagt es sich, die Gedanken s\u00e4mtlicher Figuren zu lesen.<\/p>\n<p>Und genau das ist das Problem mit den Preistr\u00e4gerreportagen: Sie wollen Literatur sein, sie weigern sich aber, das Kleingedruckte zur Kenntnis zu nehmen. Keine Selbstreflexion, kein Bewusstsein davon, dass es jenseits der S\u00e4tze das Unsagbare geben k\u00f6nnte, jenseits der Psychologie das Unerkl\u00e4rte. Eine Geschichte hat einen Anfang, und am Schluss laufen alle Str\u00e4nge des Erz\u00e4hlens wieder zusammen. Ein Abgrund hei\u00dft Abgrund, und wer hineinschaut, sieht, wie das Schicksal mit Playmobilfiguren spielt. So ein Preistr\u00e4gertext geht mit dem Serienkiller zum Kaffeetrinken und mit der Kanzlerin zum Schwimmen im See, und Gedanken, die man lesen kann, tun keinem richtig weh.<\/p>\n<p>Aber weh tun soll es auch nicht. Hauptsache, die Leser gucken betroffen. Oder wenigstens die Juroren von Reportagepreisen.\u201c<\/p><\/blockquote>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die T\u00fccken des t\u00e4glichen Bloggens, bei dem man immer das Datum vom gestrigen Tag angibt und das mich in den vergangenen Jahren gef\u00fchlt \u00fcber tausendmal aus dem getippten \u201egestern\u201c \u2013 wenn ich einen Eintrag am Abend des betreffenden Tags vorschreibe \u2013 ein \u201evorgestern\u201c hat machen lassen, haben auch Vorteile: Ich habe erst gestern (gestern!) gemerkt, [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":10,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[],"class_list":["post-30601","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-weblog"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.ankegroener.de\/blog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/30601","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.ankegroener.de\/blog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.ankegroener.de\/blog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.ankegroener.de\/blog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/10"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.ankegroener.de\/blog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=30601"}],"version-history":[{"count":7,"href":"https:\/\/www.ankegroener.de\/blog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/30601\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":30609,"href":"https:\/\/www.ankegroener.de\/blog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/30601\/revisions\/30609"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.ankegroener.de\/blog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=30601"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.ankegroener.de\/blog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=30601"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.ankegroener.de\/blog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=30601"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}