{"id":30284,"date":"2018-11-09T08:31:22","date_gmt":"2018-11-09T07:31:22","guid":{"rendered":"http:\/\/ankegroener.de\/blog\/?p=30284"},"modified":"2018-11-09T08:31:22","modified_gmt":"2018-11-09T07:31:22","slug":"was-schon-war-donnerstag-8-november-2018-konstantin-filippou","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.ankegroener.de\/blog\/?p=30284","title":{"rendered":"Was sch\u00f6n war, Donnerstag, 8. November 2018 \u2013 Konstantin Filippou"},"content":{"rendered":"<p>Wir sind gerade in Wien und ich bin schreibfaul, wie schon seit ein paar Tagen. Aber ich kann euch nat\u00fcrlich nicht verschweigen, wie herrlich man bei <a href=\"http:\/\/www.konstantinfilippou.com\/de\/filippou\/startseite.html\">Konstantin Filippou<\/a> essen kann.<\/p>\n<p>Das Lokal ist recht klein, nur um die 20 Pl\u00e4tze, und wir waren gestern um 19.30 Uhr auch schon fast die letzten; ein Vierertisch kam noch nach uns, und zwei Pl\u00e4tze an einer Art Theke, die einigen K\u00f6ch*innen direkt bei der Arbeit zuschauen konnten, wurden auch noch besetzt. Wir waren dann allerdings die letzten, und w\u00e4hrend ich alte Kellnerin irgendwann dr\u00e4ngelte, schien das Personal deutlich entspannter zu sein. Allerdings wurde neben uns schon abger\u00e4umt und man konnte auch sehen, dass die K\u00fcche ihre Arbeit eingestellt hatte, was das einzige war, was mich ein winziges bisschen gest\u00f6rt hat gestern. Ich will nicht <em>sehen<\/em>, dass alle Feierabend machen wollen. Wobei wir schon kurz nach 22 Uhr gingen und damit noch locker in den \u00d6ffnungszeiten waren. Trotzdem.<\/p>\n<p>Beim Men\u00fc war ich vorher zugegebenerma\u00dfen etwas misstraurisch: Es war alles, bis aufs Dessert, mit Fisch, kein klassischer Aufbau mit Fisch- und Fleischg\u00e4ngen und der Schokobombe zum Schluss, aber um die Pointe schon mal vorwegzunehmen: Ich habe mich selten so gut unterhalten gef\u00fchlt in einem Sterne-Restaurant. Damit meine ich nicht, dass die Kellner*innen Konfetti geschmissen haben, sondern: Das Essen war fein, aber trotzdem spannend, die Weine dazu eigenwillig, aber hervorragend abgestimmt, und alles zusammen ergab ganz schlicht einen wirklich sch\u00f6nen Abend. Dass es in Sternerestaurants l\u00e4ngst nicht mehr so f\u00f6rmlich zugeht wie fr\u00fcher, d\u00fcrfte sich allm\u00e4hlich rumgesprochen haben, aber ich hatte das Gef\u00fchl, dass es eben immer noch gewisse Standards gibt, an denen man sich langhangelt (wie den klassischen Men\u00fcaufbau). Das kann man anscheinend heute auch knicken und ich pers\u00f6nlich fand das sehr gut. Aber das wusste ich eben erst, nachdem ich dort essen war.<\/p>\n<p>Was gleichzeitig fies und gut war: Das Lokal ist recht dunkel. Schwarze M\u00f6bel, schwarzer Teppich (schwarze Klos, wie ich irgendwann grinsend feststellte), graue W\u00e4nde und nur punktuelle Beleuchtung. Gut, weil: sch\u00f6ne Atmo, fies, weil: keine vern\u00fcnftigen Fressfotos m\u00f6glich. Das ist jetzt doof f\u00fcr euch, weil ihr mir einfach glauben m\u00fcsste, dass alles, wirklich alles toll aussah und (bis auf einen Gang) noch toller schmeckte, aber nach einem Foto habe ich es sofort gelassen, noch ein weiteres zu machen, das war alles eher mies ausgeleuchtete, kontrastarme Gr\u00fctze.<\/p>\n<p>Die Gr\u00fc\u00dfe aus der K\u00fcche waren zun\u00e4chst Bonito mit kleinen Kohlrabik\u00fcgelchen und knackigen R\u00f6stbr\u00f6seln drauf, danach kam ein winziger Pie (ungef\u00e4hr so gro\u00df wie ein Reese&#8217;s Peanut Butter Cup), der mit einem Schaum bedeckt war. Wir wurden angewiesen, alles auf einmal zu essen, weil der Inhalt fl\u00fcssig war: hei\u00dfer Dotter, frisch und w\u00fcrzig, nicht ganz so w\u00fcrzig wie der Bonito, herrlich. Danach gab&#8217;s noch ein St\u00fcckchen Sardine unter kalter, fermentierter gelber R\u00fcbe, die so wundersch\u00f6n schuppenf\u00f6rmig aufgeschichtet war, dass ich sie kaum essen wollte. Also f\u00fcr f\u00fcnf Sekunden.<\/p>\n<p>Erster Gang: Artischockenbl\u00e4ttchen, die eingerollt den Rand einer runden Form bildeten, darin weiche Miesmuschel, knuspriger Roggen und deftiges Txogitxu. Ich bewunderte wie immer die viele Filigranarbeit, die in der Sternek\u00fcche zum Einsatz kommt. (Die Artischockenbl\u00e4ttchen!)<\/p>\n<p>Beim zweiten Gang musste ich etwas k\u00e4mpfen: Die Website sagt \u201eEnten Royale, Rote Garnele, Backerbsen\u201c, ich dachte an Muschelschleim, der mir die feste Garnele etwas ruinierte. So ganz der Fischesser bin ich immer noch nicht, weswegen ich halt etwas misstrauisch war, wie ich schon sagte.<\/p>\n<p>Aber egal, denn dann kam der Gang des Abends und von mir aus h\u00e4tten wir hier Schluss machen k\u00f6nnen (dann h\u00e4tte ich aber noch viel vers\u00e4umt): Brandade aus Amurkarpfen und Kaviar vom Saibling. Anders ausgedr\u00fcckt: ein hohes Sch\u00e4lchen, auf dessen Boden sich die wei\u00dfgelbliche, cremig-feste Brandade befand, darauf eine Nocke aus Kaviar. Mehr nicht. Reichte aber. Der Gang wurde uns serviert mit der Anmerkung, dass er der Signature Dish des Hauses war, und nach einem Bissen wusste ich auch, warum. Es h\u00f6rt sich total bescheuert an, aber dieser Gang hat nicht nur hervorragend geschmeckt (ach was), sondern irre gute Laune gemacht. Der Kaviar platzte im Mund nicht nur einfach auf, wie er das halt macht, sondern er kitzelte im wahrsten Sinne des Wortes den Gaumen \u2013 ich musste dauernd grinsen, als ob mich wirklich jemand kitzelt! Es schmeckte so unglaublich ausbalanciert, fein, stimmig, herzhaft, nicht deftig, gleichzeitig frisch und modern und total traditionell \u2013 ein kleines Wunderwerk. Ich war kurz davor, mit dem Finger das Sch\u00e4lchen auszukratzen, so ungern wollte ich es wieder hergeben. Und dazu gab es den Wein des Abends, obwohl es kaum m\u00f6glich ist, hier einen besonders hervorzuheben, denn jeder einzelne konnte \u00fcberraschen. Aber der Sol von <a href=\"http:\/\/www.mgsol.at\/\">Michael Gindl<\/a>, ein <em>natural wine<\/em>, war der Kracher. \u00dcberhaupt hatten wir derartig viele nicht-klassische Weine \u2013 ich glaube, wir hatten nur Bio-Weine, aber das muss ich nochmal nachgoogeln. Ich bin gerade zu satt und m\u00fcde daf\u00fcr. Wir konnten uns \u00fcbrigens zwischen einer Weinbegleitung nur aus \u00d6sterreich oder aus ganz Europa entschieden, und wir nahmen die aus \u00d6sterreich.<\/p>\n<p>Wir sprachen danach noch lange \u00fcber diesen Signature Dish, denn er verk\u00f6rperte f\u00fcr uns die Faszination von hoher K\u00fcche: Es braucht keine 50 Zutaten, um einen Gang zu produzieren, der einen umhaut bzw. einen starken und langanhaltenden Eindruck hinterl\u00e4sst. Man muss es sich nur g\u00f6nnen k\u00f6nnen, eben nicht zum Schnitzelmann um die Ecke zu gehen. Mir ist klar \u2013 das schreibe ich quasi dauernd bei den Sterneberichten \u2013, dass diese Art K\u00fcche nicht f\u00fcr alle erschwinglich ist, was verdammt schade ist. Denn ich glaube, es w\u00fcrde weniger Vorurteile \u00fcber sie geben, wenn man auch ein Einsteigermen\u00fc pr\u00e4sentieren w\u00fcrde. Und ich glaube, es w\u00fcrden mehr Menschen feststellen k\u00f6nnen, wie toll Essen sein kann. Das musste ich ja auch erst lernen, und es gibt wirklich nichts, was mein Leben mehr verbessert hat als zu wissen, wie gl\u00fccklich Essen machen kann. Denn das war genau das Gef\u00fchl, mit dem wir irgendwann den Laden verlie\u00dfen: Wir waren gl\u00fccklich.<\/p>\n<p>Aber noch waren wir hungrig. Beim vierten Gang \u2013 Lachsforelle mit Senfg\u00fcrkchen und Dillsauce \u2013 war letztere begeisternd mit ihrer vollmundigen Frische. Und ich fand den Teller toll: eine runde Holzscheibe, aus der ein Rechteck ges\u00e4gt war, in dem sich die Speisen befanden.<\/p>\n<p>Der f\u00fcnfte Gang war der einzige, von dem ich etwas entt\u00e4uscht war: irre viele Zutaten, der Kellner brauchte gef\u00fchlt zwei Minuten, bis er alle aufgez\u00e4hlt bzw. uns gesagt hatte, wo sich jetzt was in welcher Konsistenz auf dem Teller befand (Neusiedlersee Zander, Haselnuss, Pilz, Tr\u00fcffel, Mark), aber geschmeckt hat&#8217;s nur nach Pilz. Daf\u00fcr war der sechste Gang (Unagi, Ib\u00e9ricoschweinsauce, Senf, Fenchel) wieder herrlich w\u00fcrzig, ohne sich in den Vordergrund zu dr\u00e4ngeln. Auch dar\u00fcber waren wir uns einig: Es stimmte einfach alles am Men\u00fc, es war ein guter Flow, zwischendurch ein etwas h\u00f6heres Hoch als sonst, aber man hatte nie das Gef\u00fchl, irgendwie aus einer roten Linie rausgeworfen zu werden. Mein zweitliebster Gang kam zum Schluss: Kroatischer Langostino, Kalbszunge, Cochayuyo-Seetang, Zitrus. Oder anders: ein Langostino, der im Mund dahinschmolz, mit einer Kalbszungenw\u00fcrze, die st\u00fctzte, aber nicht \u00fcberhand nahm. Und die kleinen Zitrusspitzen, die den Mund aufweckten, lie\u00dfen mich wieder d\u00fcmmlich-gl\u00fccklich vor mich hingrinsen, weil sie gute Laune machten, wo ich sie gar nicht erwartet hatte.<\/p>\n<p>Danach g\u00f6nnten wir uns jeweils f\u00fcnf St\u00fcckchen K\u00e4se vom K\u00e4sewagen, der schon den ganzen Abend verf\u00fchrerisch an uns vorbeirollte, und dazu einen Pseudo-Sherry (war ein Wein). Das erste von drei Desserts kam ohne Weinbegleitung, aber knackte wieder sch\u00f6n vor sich hin, wie so viele der G\u00e4nge. Und: Mich konnte hier der Teller sehr gl\u00fccklich machen. Oberfl\u00e4chlich gesehen lag eine Schicht gepuffter Wildreis auf dem Teller, aber darunter verbargen sich im Teller drei Mulden, die mit Mascarponecreme und Johannisbeeren gef\u00fcllt waren. Dazu Salzmandeleis. Because they can.<\/p>\n<p>Zum vorletzten Dessert gab&#8217;s dann ein Getr\u00e4nk, von dem F. seitdem nicht mehr aufh\u00f6rt zu schw\u00e4rmen: <a href=\"https:\/\/www.preisleistungswein.com\/schaumwein\/1399-hopfel-georgium.html\">Apfelbier<\/a>. Ich war mehr vom Dessert verz\u00fcckt, denn Meerretticheis kannte ich noch nicht, und ich bewunderte die hauchd\u00fcnne Schokoscheibe, die alles abdeckte. Zum Schluss noch irgendwas Jogurtiges mit Estragongelee, was mir sehr gefiel, weil es eben nicht die Schokobombe war, die einen erledigte, sondern einen fast erfrischt vor die T\u00fcr kugelte. (Okay, ein paar Pralinen gab&#8217;s noch.) Espresso f\u00fcr mich, Schnaps f\u00fcr F., dann dr\u00fcckte uns der Sommelier (?) noch die von ihm schnell handgeschriebene Weinliste in die Hand, um die ich gebeten hatte, damit ich mir vom dem Orange Wine und vom <a href=\"https:\/\/www.behance.net\/gallery\/66041169\/Basis-by-Matthias-Warnung\">Wein<\/a>, der den ersten Gang begleitete, jeweils eine Kiste kaufen konnte. Und dann schlenderten F. und ich \u00e4u\u00dferst zufrieden wieder ins Hotel, weil wir einen sehr runden, sehr sch\u00f6nen, sehr unaufgeregten und gleichzeitig sehr spannenden Abend hatten. Und sehr satt geworden waren.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wir sind gerade in Wien und ich bin schreibfaul, wie schon seit ein paar Tagen. Aber ich kann euch nat\u00fcrlich nicht verschweigen, wie herrlich man bei Konstantin Filippou essen kann. Das Lokal ist recht klein, nur um die 20 Pl\u00e4tze, und wir waren gestern um 19.30 Uhr auch schon fast die letzten; ein Vierertisch kam [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":10,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[],"class_list":["post-30284","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-weblog"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.ankegroener.de\/blog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/30284","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.ankegroener.de\/blog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.ankegroener.de\/blog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.ankegroener.de\/blog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/10"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.ankegroener.de\/blog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=30284"}],"version-history":[{"count":4,"href":"https:\/\/www.ankegroener.de\/blog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/30284\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":30288,"href":"https:\/\/www.ankegroener.de\/blog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/30284\/revisions\/30288"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.ankegroener.de\/blog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=30284"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.ankegroener.de\/blog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=30284"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.ankegroener.de\/blog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=30284"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}