{"id":29744,"date":"2018-08-09T08:20:43","date_gmt":"2018-08-09T07:20:43","guid":{"rendered":"http:\/\/ankegroener.de\/blog\/?p=29744"},"modified":"2018-08-09T08:31:59","modified_gmt":"2018-08-09T07:31:59","slug":"was-schon-war-mittwoch-8-august-2018-erinnerungen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.ankegroener.de\/blog\/?p=29744","title":{"rendered":"Was sch\u00f6n war, Mittwoch, 8. August 2018 \u2013 Erinnerungen"},"content":{"rendered":"<p>Tags\u00fcber in Wolkenschl\u00f6ssern rumgehangen. Sollte ich nicht, wei\u00df ich auch, konnte ich meinem Kopf aber nicht klarmachen. Also habe ich ihm nachgegeben und viel Spa\u00df gehabt. Mal sehen, ob der bleibt.<\/p>\n<p>Viel gelesen, allerdings nichts f\u00fcr die Diss. Ein bisschen pflichtschuldig rumbibliografiert, aber eigentlich habe ich mir innerlich immer noch Urlaub gegeben, bis diese verdammte Hitze endlich aufh\u00f6rt. Also bis morgen.<\/p>\n<p>Abends ein Buch in die Unibibliothek gebracht und zwar mit dem Fahrrad. Eigentlich mag ich die klimatisierten Busse ja sehr, aber ich dachte, Fahrtwind w\u00e4re vermutlich noch besser. War er auch. Und wenn ich eh schon auf dem Rad war, konnte ich beim liebsten <a href=\"http:\/\/www.ruffsburger.de\/de\/\">Burgerladen<\/a> vorbeifahren und mir was Nettes zum Abendessen mitnehmen (kalt wird das Zeug derzeit ja nicht, selbst mit Fahrtwind). Ich genoss zuhause vor dem Ventilator einen Giggly Burger mit leckeren Balsamicozwiebeln sowie Pommes mit Limettenmajo. Dabei sah ich eine Folge von <em><a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Chef%E2%80%99s_Table_(Fernsehserie)\">Chef&#8217;s Table<\/a><\/em> \u00fcber <a href=\"https:\/\/en.wikipedia.org\/wiki\/Nancy_Silverton\">Nancy Silverton<\/a>, die sich an ihren Auftritt bei <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Julia_Child\">Julia Child<\/a> erinnerte. Sie servierte ihr ein hei\u00dfes Dessert, bei dem Child zu weinen begann \u2013\u00a0und Silverton dachte: \u201eI burned Julia Child!\u201c Die Szene finde ich nicht online, aber immerhin den <a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=KiNrv00Xla8&#038;feature=youtu.be&#038;t=9m\">Clip<\/a> zur Child-Sendung. Hashtag Futtergl\u00fcck.<\/p>\n<p>&#8212;<\/p>\n<p>Und zu sp\u00e4ter Stunde sa\u00df ich dann quasi mal wieder vor dem Fernseher, den ich ja nicht habe, weil ich kaum noch deutsches Fernsehen schaue; ich sa\u00df also vor dem Laptop und genoss den Dokumentarfilm <em>Kulenkampffs Schuhe<\/em>, der auch <a href=\"http:\/\/mediathek.daserste.de\/Reportage-Dokumentation\/Kulenkampffs-Schuhe\/Video?bcastId=799280&#038;documentId=54926512\">in der Mediathek zu finden<\/a> ist. Im <em>Tagesspiegel<\/em> steht eine sehr gute <a href=\"https:\/\/www.tagesspiegel.de\/medien\/tv-doku-kulenkampffs-schuhe-im-wirtschaftswundenland\/22888394.html\">Besprechung<\/a>.<\/p>\n<p>Es geht in der Dokumentation um die Zeit der 50er bis 70er Jahre, in denen sich das deutsche Publikum unter anderem von den Herren <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Hans-Joachim_Kulenkampff\">Kulenkampff<\/a>, <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Hans_Rosenthal\">Rosenthal<\/a> und <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Peter_Alexander\">Alexander<\/a> unterhalten l\u00e4sst und erstmal das Wirtschaftswunder genie\u00dft, anstatt sich mit der eigenen Vergangenheit auseinanderzusetzen. Eine Szene, die so nebenbei abgehandelt wird, f\u00fchrt diese Verdr\u00e4ngung recht deutlich vor Augen: Hans Rosenthal sitzt bei <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Joachim_Fuchsberger\">Joachim Fuchsberger<\/a> in dessen Talkshow und erz\u00e4hlt, wie er sich zur NS-Zeit in einer Berliner Laube versteckt hatte. Er bechreibt, wie er unter einem Sofa lag, w\u00e4hrend darauf Menschen sa\u00dfen, die ihn das Leben h\u00e4tten kosten k\u00f6nnen, und wie er einen Hustenreiz zu unterdr\u00fccken versucht. Die Kamera schwenkt ins Publikum, wo Menschen \u00fcber diesen Satz lachen. Ich bin mir sicher, dass viele das aus Verlegenheit taten oder weil man eine derartige Szene aus komischen Filmen kennt, die immer gut ausgehen, aber trotzdem schaute ich recht fassungslos zum Laptop und fragte mich, ob einer dieser Menschen im Publikum einer der Sofasitzer h\u00e4tte sein k\u00f6nnen. Da wird eine lebensbedrohliche Situation zur Unterhaltung; Rosenthal erz\u00e4hlt es auch ernst, nicht auf eine erleichternde Pointe aus, aber die Menschen lachen trotzdem.<\/p>\n<p>Ich musste mich selbst daran erinnern, dass ich sehr lange nicht wusste, das Rosenthal j\u00fcdischen Glaubens war; das war einfach nie ein Thema. Ich erinnerte mich auch daran, dass die Kulenkampff-Sendung <em>Einer wird gewinnen<\/em> bei uns Familienprogramm war. Meine Eltern mochten \u201eKuli\u201c sehr gerne, ich fand ihn einerseits charmant und andererseits total \u00fcbergriffig und schleimig den weiblichen Kandidatinnen gegen\u00fcber. Beide Seiten kommen in den vielen Ausschnitten aus <em>EWG<\/em> im Film auch gut zur Geltung. Bis gestern hatte ich noch nie dar\u00fcber nachgedacht, was eigentlich Kulenkampff zur NS-Zeit so gemacht hatte, er war f\u00fcr mich, so gut wird es im Film ausgedr\u00fcckt, \u201eein Mann ohne Vergangenheit\u201c \u2013 wie es vermutlich die Mehrheit der Deutschen war, um irgendwie miteinander arbeiten zu k\u00f6nnen. Ich zitiere mal eine Fu\u00dfnote aus meiner Masterarbeit, an die ich sofort denken musste: \u201eHermann L\u00fcbbe nennt dieses bewusste Beschweigen eine \u201enicht-symmetrische Diskretion\u201c zwischen NS-T\u00e4tern und Mitl\u00e4ufern sowie NS-Opfern. F\u00fcr ihn war diese \u201eDiskretion\u201c die einzige M\u00f6glichkeit, einen neuen, funktionierenden Staat zu errichten, in dem auch T\u00e4tern die M\u00f6glichkeit gegeben wurde, ihn aktiv mitzugestalten, vgl. L\u00fcbbe, Hermann: <em>Vom Parteigenossen zum Bundesb\u00fcrger. \u00dcber beschwiegene und historisierte Vergangenheiten<\/em>, Paderborn 2007, S. 22. Diese Auslegung L\u00fcbbes ist bis heute umstritten, meint auch Norbert Frei, der in dieser Praxis eine \u201eaktive Beg\u00fcnstigung der T\u00e4ter\u201c sieht, vgl. Frei, Norbert: <em>1945 und wir. Das Dritte Reich im Bewusstsein der Deutschen<\/em>, M\u00fcnchen 2005, S. 33.\u201c<\/p>\n<p>Auch \u00fcber Peter Alexander hatte ich nie nachgedacht, der war f\u00fcr mich immer der Kellner aus dem <em><a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Im_wei%C3%9Fen_R%C3%B6%C3%9Fl_(1960)\">Wei\u00dfen R\u00f6\u00dfl<\/a><\/em>, einen Film, den ich noch heute gerne sehe (und bei dem ich mitsinge). In der Dokumentation kommt er ein wenig zu kurz und dient fast nur als musikalische Einlage, die belegt, dass man auch \u00fcber schreckliche Zeiten schwungvolle Lieder machen konnte. Ich frage mich seitdem, ob das Absicht oder Ignoranz war.<\/p>\n<p>Die Autorin des Films Regina Schilling verkn\u00fcpft diese Unterhaltungssendungen mit ihrer eigenen Familiengeschichte. Ihr Vater war in etwa der gleiche Jahrgang wie die drei Entertainer, die zu ihren Ersatzv\u00e4tern wurden, als ihr Vater fr\u00fch verstarb. Manchmal waren es mir zuviele alte Familienaufnahmen, wo ich lieber noch mehr \u00fcber die Gesamtgesellschaft erfahren h\u00e4tte, aber ich mochte diese pers\u00f6nliche Verkn\u00fcpfung gerne. Genau wie die Schilderung ihrer kindlichen Unschuld, mit der Schilling diese Sendungen sah, bis sie auf einmal Andeutungen verstand, die ihr vorher durchgerutscht waren, und auch ihr klar wurde, dass Unterhaltung keine Auseinandersetzung ist. Oder sogar ihr Gegner.<\/p>\n<p>Ich habe durch den Film wieder an meine eigene Kindheit denken m\u00fcssen, an meine Eltern, an gemeinsame Fernsehabende, an das allm\u00e4hliche Verstehen, dass meine Gro\u00dfeltern Teil der NS-Generation waren. Daran, dass ich trotz meiner Besch\u00e4ftigung mit dieser Zeit \u00fcber so viele Aspekte eben nicht nachdenke. Dass ich bis letzten Dezember nicht wusste, dass <a href=\"http:\/\/ankegroener.de\/blog\/?p=28281\">mein Opa bereits 1935 in der Wehrmacht war<\/a>. Dass die fehlende Auseinandersetzung noch bis in meine Generation weitergeht \u2013 und heute von bestimmten politischen Parteien bewusst zur\u00fcckgedr\u00e4ngt wird. Ich habe durch den Film auch Dinge \u00fcber <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Horst_Tappert\">Horst Tappert<\/a>, <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Robert_Lembke\">Robert Lembke<\/a> und Kulis \u201eButler\u201c <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Martin_Jente\">Martin Jente<\/a> gelernt, die f\u00fcr mich auch M\u00e4nner ohne Vergangenheit waren. Das h\u00f6rt anscheinend nicht auf.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Tags\u00fcber in Wolkenschl\u00f6ssern rumgehangen. Sollte ich nicht, wei\u00df ich auch, konnte ich meinem Kopf aber nicht klarmachen. Also habe ich ihm nachgegeben und viel Spa\u00df gehabt. 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