{"id":294,"date":"2004-07-30T11:52:47","date_gmt":"2004-07-30T10:52:47","guid":{"rendered":"http:\/\/www.ankegroener.de\/?p=294"},"modified":"2004-11-08T17:53:20","modified_gmt":"2004-11-08T16:53:20","slug":"super-size-me","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.ankegroener.de\/blog\/?p=294","title":{"rendered":"Super Size Me"},"content":{"rendered":"<p><em><a href=\"http:\/\/imdb.com\/title\/tt0390521\/\">Super Size Me<\/a><br \/>\n(USA, 2004)<\/p>\n<p>Drehbuch &#038; Regie: Morgan Spurlock<\/em><\/p>\n<p>Vorneweg: Ich kann den Film nicht objektiv beurteilen \u2013 falls ich jemals einen Film objektiv beurteilt habe. Ich kann es nicht, weil ich einer der fetten Menschen bin, \u00fcber die das ganze Kino wohlig-schaudernd gelacht hat, als man sie \u00fcber die Leinwand watscheln sah in ihren viel zu engen Hosen und T-Shirts, durch die man die Speckrollen z\u00e4hlen konnte. Ich habe mich selten so unwohl in einem Kino gef\u00fchlt, denn <em>Super Size Me<\/em> mag ein halbwegs gelungener Blick auf das amerikanische Essverhalten sein \u2013 ein toleranter Blick ist es nicht.<\/p>\n<p><em>Super Size Me<\/em> ist erst einmal eine Dokumentation eines ziemlich bescheuerten Experiments. Regisseur Morgan Spurlock, ein gesunder Mann in den 30ern, beschlie\u00dft, sich 30 Tage lang nur von McDonald&#8217;s-Essen zu ern\u00e4hren. Er muss jedes Gericht mindestens einmal bestellen, muss alles aufessen, und wenn er an der Kasse gefragt wird: &#8220;Do you want to super size your order?&#8221; muss er Ja sagen und die Riesenportion essen. Im Klartext: zus\u00e4tzlich zum Burger \u00fcber ein Pfund Pommes und ein Zwei-Liter-Getr\u00e4nk.<\/p>\n<p>Der Film zeigt, wie sehr Spurlocks Gesundheit in den 30 Tagen leidet, wie seine Cholesterinwerte immer h\u00f6her und seine sexuelles Verlangen immer weniger wird, wie seine Stimmung leidet, wie er kotzt und wie er in vier Wochen zw\u00f6lf Kilo zunimmt. Der Film beleuchtet au\u00dferdem einige Facetten des amerikanischen Gesundheitssystems, Hintergr\u00fcnde der Lebensmittelindustrie und dass durch ungesunde Schulspeisungen und ein riesiges Werbebudget der gro\u00dfen Konzerne schon Kinder ein falsches Essverhalten lernen. Nach Spurlocks Rechnung sind 37 Prozent aller Amerikaner \u00fcbergewichtig. Womit das Problem anf\u00e4ngt, das mir Super Size Me etwas verleidet hat: Wo beginnt \u00dcbergewicht?<\/p>\n<p>Seit Jahren streiten Experten dar\u00fcber, was zu fett ist und was nicht. Fr\u00fcher galt die Faustregel: K\u00f6rpergr\u00f6\u00dfe minus 100 minus 15 Prozent bei Frauen, minus 10 Prozent bei M\u00e4nnern. Heute ist man davon wieder ein bisschen abger\u00fcckt; 15 Prozent m\u00fcssen es nicht mehr sein. Vielen Dank auch. Daf\u00fcr gibt es seit einiger Zeit den BMI, den Body Mass Index, der nun dar\u00fcber befindet, ob wir schlank und damit attraktiv und begehrenswert sind oder mollig, dick, \u00fcbergewichtig, fett und eklig und damit von vornherein ungesund und dem fr\u00fchen Herztod geweiht. Und auch wenn es gen\u00fcgend Gegenbeispiele gibt von dicken Menschen, die 90 geworden sind und durchtrainierten Modellathleten, die mit 30 gestorben sind: Die Botschaft, die der Film vermittelt, ist: Fett ist h\u00e4sslich, Fett ist ungesund, Fettleibigkeit ist eine Epidemie, die uns heimsucht, und wir m\u00fcssen alles tun, damit das aufh\u00f6rt.<\/p>\n<p>Es ist unbestritten, dass Schlanksein generell ges\u00fcnder ist als Dicksein, keine Frage. Aber das Bild, das <em>Super Size Me<\/em> zeichnet, dient nicht gerade dazu, die Toleranz f\u00fcr die Menschen, die eben nun mal nicht gertenschlank sind, aus welchen Gr\u00fcnden auch immer, zu erh\u00f6hen. Die vielen Krankheiten und Todesursachen, die er als unausweichliche Folge von Fettleibigkeit anf\u00fchrt, k\u00f6nnen schlanke Menschen genauso ereilen. Oder ist der Herztod jetzt nur noch Menschen \u00fcber 100 Kilo vorbehalten? Unbestritten ist \u00fcbrigens auch, dass 10 Kilo zuviel auf den Rippen immer noch ges\u00fcnder sind als jahrelange und meist vergebliche Versuche, sich dieses \u201e\u00dcbergewicht\u201c durch bescheuerte Di\u00e4ten abzuhungern.<\/p>\n<p>Spurlock hat genau zwei kleine Vignetten im Film, die ein bisschen die Situation von \u00dcbergewichtigen in Amerika anklingen lassen, und sie zeigen, was er selbst von solchen Menschen h\u00e4lt. Einmal berichtet ein weiblicher, etwas rundlicher Teenager davon, wie gro\u00df der Druck ist, so auszusehen wie die ganzen unterern\u00e4hrten Models, was unkommentiert bleibt. Ein anderes Mal spricht eine deutlich dickere junge Frau davon, dass es schwierig ist, so zu bleiben wie man ist, wenn einem andere Leute erz\u00e4hlen: Hey, ich hab&#8217;s geschafft abzunehmen \u2013 das kannst du auch. Und das Publikum schnauft ver\u00e4chtlich, wie man das aus trashigen Talkshows gewohnt ist: Die will doch blo\u00df nicht.<\/p>\n<p>Nein, vielleicht kann sie einfach nicht. Fettleibigkeit ist nicht nur angefressen, sie ist zu einem gro\u00dfen Teil erblich bzw. genetisch bedingt. Und selbst, wenn der Wille und die F\u00e4higkeit da sind: Eine gro\u00dfe Menge an Gewicht zu verlieren, ist nicht mal eben so geschafft. Es hei\u00dft auch nicht, mal ein, zwei Jahre Di\u00e4t zu halten und dann da weitermachen zu k\u00f6nnen, wo man aufgeh\u00f6rt hat. Abnehmen bedeutet, seine gesamten Essgewohnheiten aufzugeben f\u00fcr den Rest des Lebens. Und dass das schwierig ist, l\u00e4sst der Film nicht gelten. Er preist sogar die chirurgische Magenverkleinerung als Ma\u00dfnahme an; eine Operation, die erst seit ein paar Jahren bei extrem Fettleibigen durchgef\u00fchrt wird und von der noch nicht bekannt ist, wie die Sp\u00e4tfolgen aussehen. Nicht nur der Magen wird verkleinert, der gesamte Organismus ist betroffen. Der K\u00f6rper kann nur noch eine gewisse Menge an Fett, aber auch an N\u00e4hrstoffen aufnehmen, wodurch man den Teufel mit dem Beelzebub ausgetrieben hat: Was der K\u00f6rper vorher zuviel bekam, bekommt er nun eventuell zuwenig.<\/p>\n<p>Ich pers\u00f6nlich hatte einen Moment im Film, wo ich gerne etwas in Richtung Leinwand geschmissen h\u00e4tte. Ein Sozialwissenschaftler erz\u00e4hlte die Geschichte, dass ein Raucher in einer Gesellschaft sofort darauf angesprochen w\u00fcrde, ob er nicht wisse, wie ungesund das sei, warum er das seinem K\u00f6rper antue usw. Er w\u00fcnschte sich, dass die Zeit k\u00e4me, in der man dicken Menschen das gleiche sagen d\u00fcrfe: &#8220;Why are you doing this to yourself, you fat pig?&#8221; Ich h\u00e4tte dem Bl\u00f6dmann gerne geantwortet: &#8220;It&#8217;s already happening, you stupid asshole.&#8221;<\/p>\n<p>Jeder, der auch nur ein Hauch zuviel (nach welchen Ma\u00dfst\u00e4ben auch immer) auf den Rippen hat, hat sicher schon mal im Schwimmbad einen Spruch abgekriegt. Kein Dicker wurde in der Schule nicht geh\u00e4nselt. Selbst in meinen Augen absolut perfekt aussehende Menschen wie z.B. Beyonc\u00e9 oder Jennifer Lopez m\u00fcssen sich in der Presse als \u201edick\u201c bezeichnen lassen. Und genau da ist f\u00fcr mich der Punkt erreicht, wo der Schlankheitswahn komplett \u00fcber die Str\u00e4nge schl\u00e4gt. <em>Super Size Me<\/em> hat nat\u00fcrlich Recht damit, dass wir unsere Essgewohnheiten \u00e4ndern sollten, dass Obst und Gem\u00fcse ges\u00fcnder sind als Fett und Zucker, aber wenn man schon anf\u00e4ngt, objektiv gesehen schlanke Menschen als eben nicht mehr schlank zu bezeichnen, dann wei\u00df ich auch nicht mehr.<\/p>\n<p>Mir ist schon klar, dass die obigen Zeilen nicht unbedingt eine Filmkritik darstellen. Ich muss einfach zugeben, dass ich vor diesem Film ein wenig die Waffen strecke. Ich fand ihn gut, ich fand ihn spannend, unterhaltsam, nachdenklich, interessant \u2013 aber ich habe fast jede Minute als Angriff gewertet. Ich habe zum ersten Mal im Kino nicht das Gef\u00fchl genie\u00dfen k\u00f6nnen, in der Dunkelheit zu verschwinden und damit mal Ruhe zu haben vor irgendwelchen bl\u00f6den pubert\u00e4ren Scherzen, die an schlechten Tagen verdammt weh tun und die mir in einer Sekunde mein eigentlich gutes K\u00f6rpergef\u00fchl nehmen. Stattdessen hatte ich jedesmal, wenn ich mich im Sitz bewegt habe, um das andere Bein \u00fcberzuschlagen, das Gef\u00fchl, dass mein schlanker Nachbar denkt, Kann die fette Kuh nicht mal stillsitzen?<\/p>\n<p><em>Super Size Me<\/em> zeigt sehr drastisch, wie ungesund 30 Tage Fat &#8230; Freud&#8217;scher Vertipper &#8230; Fast Food sind. Ich bin zwar der Meinung, dass 30 Tage Eierdi\u00e4t ein \u00e4hnliches Ergebnis gehabt h\u00e4tten, weil jede einseitige Ern\u00e4hrung ungesund ist, aber das w\u00e4re nicht so plakativ gewesen. Der Film hat es allerdings erreicht, dass McDonald&#8217;s die Super Size-Men\u00fcs von der Speisekarte gestrichen hat; wahrscheinlich auch, weil sie auf Spurlocks berechtigte Frage keine Antwort gefunden haben: Wer braucht ein Pfund Fritten und zwei Liter Cola?<\/p>\n<p>Ich hab auch keine Antwort. Ich kann nur sagen: Ab und zu sind ein Pfund Fritten ganz nett. Und ich hab auch keine Lust, das sein zu lassen. Und ich mag keine Filme, die einen kompletten Menschenschlag \u00fcber einen Kamm scheren und sie als unf\u00e4hige Trottel darstellen, die zu doof zum Essen sind. Aber das ist wahrscheinlich nur eine \u00dcberinterpretation. Guckt euch den Film selbst an; sagt ihr mir, wie er war. Nach ungef\u00e4hr 20 Ans\u00e4tzen, diese Kritik halbwegs w\u00fcrdig \u00fcber die B\u00fchne zu kriegen, gebe ich offiziell auf. Und geh was essen. Nen Salat. You win.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Super Size Me (USA, 2004) Drehbuch &#038; Regie: Morgan Spurlock Vorneweg: Ich kann den Film nicht objektiv beurteilen \u2013 falls ich jemals einen Film objektiv beurteilt habe. 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