{"id":29206,"date":"2018-05-18T07:42:31","date_gmt":"2018-05-18T06:42:31","guid":{"rendered":"http:\/\/ankegroener.de\/blog\/?p=29206"},"modified":"2018-05-18T07:55:50","modified_gmt":"2018-05-18T06:55:50","slug":"was-schon-war-mittwoch-donnerstag-16-17-mai-2018-eichhornchenvorlesung-und-kunstarchiv","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.ankegroener.de\/blog\/?p=29206","title":{"rendered":"Was sch\u00f6n war, Mittwoch\/Donnerstag, 16.\/17. Mai 2018 \u2013\u00a0Eichh\u00f6rnchenvorlesung und Kunstarchiv"},"content":{"rendered":"<p>Mittwoch ist Eichh\u00f6rnchenvorlesungstag! So nenne ich bekanntlich die Vorlesung, die sich mit den Werkzeugen der modernen Malerei befasst. In der diesw\u00f6chigen Sitzung ging es um Farben, also nicht um ein Werkzeug, sondern um ein Material, aber auch hier lernte ich wieder tausend Kleinigkeiten, die mein Bild der Malerei um wichtige Bruchst\u00fccke erg\u00e4nzten.<\/p>\n<p>Wir begannen mit einer kleinen Einf\u00fchrung in die Geschichte der Farbherstellung, also wie aus Pigmenten und Bindemitteln die Farbe wird, die auf der Holztafel oder der Leinwand landet. Schon die Namen der alten Farben lassen erkennen, wie weit der Weg der Pigmente war, bis sie im zentralen Europa benutzt wurden. Das ist leider auch wieder so ein westlich-europ\u00e4isches Denken \u2013 die Farben wurden nat\u00fcrlich auch in Asien und Afrika benutzt, wo diese Namen weitaus weniger Sinn ergaben. In Indigo steckt Indien (Bengalen) drin, und ich lernte die <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Indigo-Unruhen\">Indigo-Unruhen<\/a> kennen, der mir bis dahin unbekannt war. <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Ultramarin\">Ultramarin<\/a> (\u201e\u00fcber das Meer\u201c) wurde aus Lapizlazuli gewonnen, das haupts\u00e4chlich in Afghanistan abgebaut wurde (seitdem denke ich \u00fcber die Farbe der afghanischen Burkas nach, bei denen ich mich schon l\u00e4nger gefragt habe: wieso sind die blau und nicht schwarz wie in arabischen L\u00e4ndern die Frauengew\u00e4nder?). Ich lernte, dass in der Renaissance die beauftragten Maler ihre Materialien genauso wie ihre Arbeitszeit abrechneten und dass Gold und Ultramarin extrem teuer waren, weswegen mit diesen Farbt\u00f6nen nur die wichtigsten Bilddetails gemalt wurden (der Himmel als Goldgrund, das dunkelblaue Gewand der Maria). In T\u00fcrkis steckt die T\u00fcrkei, in Orange die exotische Frucht, in <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Euxanthins%C3%A4ure\">Indisch-Gelb<\/a> &#8230; okay, das ist selbsterkl\u00e4rend. Was ich aber noch nicht wusste: Diese Farbe entstand aus dem Urin von K\u00fchen, die mit Mangos gef\u00fcttert worden waren.<\/p>\n<p>In diesem Zusammenhang lernte ich auch, dass Pigmente mit zu den ersten Dingen geh\u00f6rten, die global gehandelt wurden. Einen wirtschaftlichen <a href=\"https:\/\/opacplus.bsb-muenchen.de\/search?isbn=9783593388694&#038;db=100\">Buchtipp<\/a> des Dozenten dazu lieh ich mir gleich aus. Und dazu noch ein <a href=\"https:\/\/opacplus.bsb-muenchen.de\/search?isbn=9783803126931&#038;db=100\">Buch<\/a>, das er empfahl, in dem es unter anderem um die schon angesprochenen K\u00fcnstlerrechnungen geht und was sie uns \u00fcber die Malerei der Renaissance verraten.<\/p>\n<p>Wir kamen noch einmal auf den intellektuellen Kampf zwischen Linie und Farbe, <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Disegno_(Kunsttheorie)\">disegno<\/a>\/colore, zu sprechen, der in der Renaissance begann, sich aber bis ins 19. Jahrhundert fortsetzte. Die beiden Spielarten der Malerei wurden gerne als m\u00e4nnlich\/weiblich positioniert, siehe das Bild von <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Giovanni_Francesco_Barbieri\">Il Guercino<\/a> im Wikipedia-Link zu disegno. Das ging so weit, dass <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Charles_Blanc\">Charles Blanc<\/a> in seinem Buch <em>Grammaire des arts du dessin<\/em> (1867) davon sprach, dass die Farbe nie die Macht \u00fcber die Linie gewinnen d\u00fcrfe, sonst w\u00fcrde sie die Malerei ruinieren so wie Eva die Welt ruiniert h\u00e4tte. (Hier bitte das \u00fcbliche Augenrollen meinerseits dazu denken.) Wir sahen auch wieder ein Bild von <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Jean-L%C3%A9on_G%C3%A9r%C3%B4me\">G\u00e9r\u00f4me<\/a>, <em><a href=\"http:\/\/www.the-athenaeum.org\/art\/detail.php?ID=48981\">Der Farbenh\u00e4ndler<\/a><\/em> (1890), in dem man, wenn man will, die Farbt\u00f6pfe mit den Pigmenten und den St\u00f6\u00dfel als weiblich\/m\u00e4nnlich interpretieren kann.<\/p>\n<p>Wir sprachen dann \u00fcber den \u00dcbergang von Tempera- zu \u00d6lfarben, mit denen sich die M\u00f6glichkeiten der Darstellung deutlich ver\u00e4nderten. Weil \u00d6lfarbe l\u00e4nger braucht, bis sie trocknet, kann man sie dementsprechend l\u00e4nger verarbeiten, ver\u00e4ndern, mischen, w\u00e4hrend Tempera kaum noch nachtr\u00e4gliche \u00c4nderungen m\u00f6glich macht. Vor allem f\u00fcr die Darstellung von menschlicher Haut und ihrer sinnlichen Qualit\u00e4ten wurde \u00d6lfarbe gesch\u00e4tzt, bis im 19. Jahrhundert der <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Historismus\">Historismus<\/a> eine Z\u00e4sur schuf. Die <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Pr%C3%A4raffaeliten\">Pr\u00e4raffaeliten<\/a> in England sowie die <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Nazarener_(Kunst)\">Nazarener<\/a> im deutschsprachigen Raum orientierten sich eher an alten Bildmotiven bzw. Malstil, w\u00e4hrend in Frankreich viele K\u00fcnstler bewusst wieder zur Temperafarbe griffen, um der akademischen \u00d6lmalerei etwas entgegenzusetzen.<\/p>\n<p>Im 20. Jahrhundert bewarb <a href=\"https:\/\/en.wikipedia.org\/wiki\/Magna_(paint)\">Magna Paint<\/a> ihre Acrylfarbe mit dem (sinngem\u00e4\u00dfgen) Slogan: \u201eDie erste neue Farbe seit 500 Jahren.\u201c Ob das v\u00f6llig stimmt, lie\u00df der Dozent mal dahingestellt, aber: Die Acrylfarbe ver\u00e4nderte die Malerei erneut, \u00e4hnlich wie die industrielle Herstellung von Farben Ende des 19. Jahrhunderts den Welthandel mit Pigmenten ver\u00e4nderte bzw. zum Erliegen brachte. Anfang des 20. Jahrhunderts war \u00fcbrigens das Deutsche Reich f\u00fchrend in der Herstellung; 90 Prozent aller Industriefarben stammten daher. Die zwei Weltkriege ver\u00e4nderten aber auch diese Industrie bzw. den Welthandel damit. (Ich wundere mich ja immer noch, was wir alles verkackt haben in unserer Geschichte. Es kommen immer wieder Details dazu, die ich noch nicht kannte.)<\/p>\n<p>Zur\u00fcck zur Acrylfarbe. Wir sahen unter anderem ein Bild von <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Thomas_Hart_Benton_(Maler)\">Thomas Hart Benton<\/a>, dem Lehrer von <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Jackson_Pollock\">Jackson Pollock<\/a>, der mit der Moderne haderte. Sein Wandgem\u00e4lde <em><a href=\"https:\/\/www.metmuseum.org\/blogs\/now-at-the-met\/from-the-director\/2012\/benton\/slideshow\">Instruments of Power from America Today<\/a><\/em> (1930\/31) besteht zum Teil aus Tempera, ein bewusst gew\u00e4hltes Material. Pollock hingegen verwendete bewusst Acrylfarbe bzw. Autolack, der nicht nur andere Farbt\u00f6ne aufwies, sondern sich auch anders auf seinem Malgrund verteilen lie\u00df. Autolack kam im Eimer und musste nicht mehr auf Paletten angemischt werden; seine <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Drip_Painting\">Drip Paintings<\/a> w\u00e4ren mit althergebrachten Materialien gar nicht m\u00f6glich gewesen. Er sagte 1951 in einem Interview: \u201eEach age finds its own technique.\u201c Ich musste sofort an die Videokunst der 70er und 80er Jahre denken, die heute nicht mehr von anf\u00e4lligen B\u00e4ndern und Videorekordern abgespielt wird, sondern schon auf DVD existiert (noch). Oder die ersten Kunstwerke, die sich mit Computern und dem Internet auseinandersetzten und schon heute total veraltet aussehen, obwohl sie gerade mal 20 bis 30 Jahre alt sind. Gleichzeitig denke ich aber \u00fcber die Renaissance der Malerei nach wie sie zum Beispiel <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Neo_Rauch\">Neo Rauch<\/a> betreibt, der f\u00fcr meinen Geschmack immer barocker wird.<\/p>\n<p>&#8212;<\/p>\n<p>Gestern sa\u00df ich dann wieder im Kunstarchiv in N\u00fcrnberg und w\u00fchlte den Nachlass von Protzen ein zweites Mal durch. Seit dem ersten Durchgang hatte ich viel gelesen und mich weiter in dieser Zeit umgeschaut, aber vor allem hatte mein Kopf die Gelegenheit, alles sacken zu lassen. So sah ich gestern Dinge, die mir beim ersten Anschauen nicht aufgefallen waren. Zum Beispiel hatte ich seine vielen privaten Fotoalben nur fl\u00fcchtig durchgebl\u00e4ttert, sah nun aber, dass viele Motive aus Urlauben oder von Wochenendausfahren sich in seinen Gem\u00e4lden wiederfanden. Ich sah \u00d6lbilder, die eindeutig auf die Grafikmappe von 1920 rekurrierten, ich konnte Namen und Daten besser einordnen, die mir jetzt in der Korrespondenz unterkamen (die leider nicht sehr reichhaltig vorhanden ist), und ich konnte generell sein Werkverzeichnis etwas aufmerksamer anschauen als beim ersten Mal, weil ich inzwischen ein bisschen besser wei\u00df, wo ich hinm\u00f6chte.<\/p>\n<p>Au\u00dferdem durfte ich gestern die 15 Kisten des noch unverzeichneten Nachlasses nummerieren und habe mir brav notiert, was ich in welcher Kiste oder Mappe finde; das wird mir bei den n\u00e4chsten Durchg\u00e4ngen sehr helfen. Dass es noch weitere Durchg\u00e4nge geben wird, ist klar, aber jetzt warte ich erstmal auf ein paar Antworten per Mail bzw. schreibe noch an weitere Menschen, Firmen und Institutionen, von denen ich mir Ausk\u00fcnfte erhoffe. Das wird! (Hoffe ich.)<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Mittwoch ist Eichh\u00f6rnchenvorlesungstag! So nenne ich bekanntlich die Vorlesung, die sich mit den Werkzeugen der modernen Malerei befasst. In der diesw\u00f6chigen Sitzung ging es um Farben, also nicht um ein Werkzeug, sondern um ein Material, aber auch hier lernte ich wieder tausend Kleinigkeiten, die mein Bild der Malerei um wichtige Bruchst\u00fccke erg\u00e4nzten. 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