{"id":28820,"date":"2018-03-31T10:16:15","date_gmt":"2018-03-31T09:16:15","guid":{"rendered":"http:\/\/ankegroener.de\/blog\/?p=28820"},"modified":"2018-03-31T10:26:49","modified_gmt":"2018-03-31T09:26:49","slug":"was-schon-war-freitag-30-marz-2018-ach-was","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.ankegroener.de\/blog\/?p=28820","title":{"rendered":"Was sch\u00f6n war, Freitag, 30. M\u00e4rz 2018 \u2013 Ach was?!?"},"content":{"rendered":"<p>Morgens bei F. aufgewacht. Den rituellen Gang an sein riesiges Dachfenster gemacht und rausgeguckt, was der Tag so will. Ich erblickte das \u00fcbliche Gewusel an Kircht\u00fcrmen, aber gestern war die Sicht besonders klar, weswegen ich gef\u00fchlt direkt hinter den ganzen Geb\u00e4uden die Alpen sah. Dutzende von schroffen, wei\u00dfgrauen Bergspitzen mit kuscheligen Wattew\u00f6lkchen dr\u00fcber. Nat\u00fcrlich kann kein Berg jemals gegen das Meer anstinken, wimmerte meine Restnordishness, aber mei, das war schon sch\u00f6n.<\/p>\n<p>&#8212;<\/p>\n<p>Vormittags gnadenlos Urlaub gemacht. Gelesen aka das Buch in die Hand genommen, weggelegt, die Zeitung in die Hand genommen, weggelegt, drei Serienfolgen geguckt und dabei eingeschlafen. Auf meinem Sterbebett wird mir niemand nachsagen k\u00f6nnen, ich h\u00e4tte mich zu wenig entspannt.<\/p>\n<p>&#8212;<\/p>\n<p>Nachmittags lockte dann aber wieder der <em>Ulysses<\/em>. Im <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Ulysses#11._Kapitel_%E2%80%93_Sirenen\">Sirenen-Kapitel<\/a> sa\u00df ich sehr lange fest, weil ich immer nur zwei Seiten geschafft hatte, bevor mir abends die Augen zufielen. Au\u00dferdem liege ich in den letzten Z\u00fcgen von <em><a target=\"_blank\" href=\"https:\/\/www.amazon.de\/gp\/product\/1785038672\/ref=as_li_tl?ie=UTF8&#038;camp=1638&#038;creative=6742&#038;creativeASIN=1785038672&#038;linkCode=as2&#038;tag=httpwwwankegr-21&#038;linkId=ccd14f0392a753a4f654451592ff5d46\">Fantasyland<\/a><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"\/\/ir-de.amazon-adsystem.com\/e\/ir?t=httpwwwankegr-21&#038;l=am2&#038;o=3&#038;a=1785038672\" width=\"1\" height=\"1\" border=\"0\" alt=\"\" style=\"border:none !important; margin:0px !important;\" \/><\/em> und habe in Hamburg <em><a target=\"_blank\" href=\"https:\/\/www.amazon.de\/gp\/product\/342334878X\/ref=as_li_tl?ie=UTF8&#038;camp=1638&#038;creative=6742&#038;creativeASIN=342334878X&#038;linkCode=as2&#038;tag=httpwwwankegr-21&#038;linkId=a6a53e3e45c731096c8c3a6c4989c714\">Die zerrissenen Jahre: 1918 -1938<\/a><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"\/\/ir-de.amazon-adsystem.com\/e\/ir?t=httpwwwankegr-21&#038;l=am2&#038;o=3&#038;a=342334878X\" width=\"1\" height=\"1\" border=\"0\" alt=\"\" style=\"border:none !important; margin:0px !important;\" \/><\/em> begonnen (wiegt nicht so viel wie das Hardcover von <em>Fantasyland<\/em>, kann ich besser rumschleppen), die beide sehr viel Spa\u00df machen. Also Spa\u00df im Sinne von \u201eAch was?!?\u201c und \u201eviel gelernt, gerne wieder\u201c.<\/p>\n<p>Gestern wollte ich dieses Kapitel aber endlich abschlie\u00dfen. Nicht weil es so langweilig ist (haha, langweilig. Der <em>Ulysses<\/em> und langweilig. Ihr seid ja niedlich), sondern &#8230; \u00e4hm &#8230; ich wei\u00df gar nicht, warum ich es so dringend abschlie\u00dfen wollte. Vielleicht einfach nur, um mich ins n\u00e4chste Kapitel st\u00fcrzen zu k\u00f6nnen, das wieder ganz anders klingt. Wobei mir bisher <em>Sirens<\/em> am besten gefallen hat, denn es liest sich irre musikalisch. Die nachtr\u00e4glich aufgeschlagene Sekund\u00e4rliteratur verriet mir, dass Joyce 150 St\u00fccke oder Lieder irgendwie anrei\u00dft, aber das war mir alles wurst. Dieses Kapitel klingt durch seine vielen Alliterationen, abgek\u00fcrzte W\u00f6rter, S\u00e4tze ohne Kommata, wildes Wortgewusel teilweise so, als ob man es singen k\u00f6nnte, was total toll zu den Sirenen passt. (Ach was?!?) <\/p>\n<p>Nebenbei lernte ich neulich auf Twitter, dass Sirenen <a href=\"https:\/\/twitter.com\/EmilyRCWilson\/status\/970406691375378432\">nicht sexy sind<\/a>. Das wusste Joyce mit seiner englischen \u00dcbersetzung vermutlich nicht; auch darauf weist jemand im Thread hin. Denn das Kapitel kam mir neben seiner Musikalit\u00e4t sehr sinnlich vor, teilweise schon fast niedlich-platt auf die Zw\u00f6lf, teilweise verf\u00fchrerisch, tastend, langsam, mal sehen, was geht. Und au\u00dferdem fand ich in diesem Kapitel meinen K\u00fcnstlernamen, falls ich jemals einen brauche.<\/p>\n<p>(Hier h\u00e4tte ich jetzt gerne einen l\u00e4ngeren Abschnitt eingef\u00fcgt, aber ich bin zu faul zum Tippen und das Projekt Gutenberg ist neuerdings in Deutschland <a href=\"https:\/\/block.pglaf.org\/germany.shtml\">geblockt<\/a>, danke, Urheberrechtsdeppen.)<\/p>\n<p>Jedenfalls geht es in diesem Kapitel um zwei Bardamen, Lydia und Mina. Den beiden werden Bronze und Gold zugeordnet, warum, <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Ulysses#11._Kapitel_%E2%80%93_Sirenen\">steht<\/a> bei der Wikipedia, und zum Schluss verk\u00fcrzt Joyce mal wieder wild, weil er&#8217;s halt kann, auch Namen, und dann kommen S\u00e4tze dabei heraus wie: \u201eBlind he was she told George Lidwell second I saw. And played so exquisitely, treat to hear. Exquisite contrast, bronzelid, minagold.\u201c <\/p>\n<p>Mina Gold. Super Name. Die Idee hatte allerdings schon <a href=\"http:\/\/forever.ullstein.de\/autor\/mina-gold\/\">jemand<\/a>. Und eine <a href=\"https:\/\/www.goldresourcecorp.com\/NV-exploration.php\">Mine<\/a> ist es auch. Aber bis zum Googeln war ich der Meinung, ich h\u00e4tte einen sch\u00f6nen K\u00fcnstlernamen gefunden.<\/p>\n<p>&#8212;<\/p>\n<p>Den Abend verbrachte ich bei F. und wir \u00f6ffneten einen sch\u00f6nen <a href=\"https:\/\/www.zeni.it\/de\/lugana-marogne\/\">italienischen Wei\u00dfwein<\/a> zum Fisch und danach noch einen <a href=\"https:\/\/www.samovino.de\/rose-ergo-blush-2015\">serbischen Ros\u00e9<\/a>, weil der Abend wirklich nett war und alles so gut schmeckte. Der Ros\u00e9 war der Kracher; h\u00e4tte ich nicht gewusst, was im Glas war, h\u00e4tte ich auf einen Rotwein getippt. Ros\u00e9 ist ja gerne fies s\u00fc\u00df oder fies sauer, aber der hier war perfekt. Gro\u00dfer Mund, erst Himbeere, dann eine kleine schraddelige Vanilleschote, irgendwo am Gaumen hat sich eine Kirsche festgesetzt und alles hat K\u00f6rper und Kraft.<\/p>\n<p>Wir sprachen \u00fcber Kunst und die Welt, regten uns mal nicht \u00fcber Politik oder Twitter auf, sondern hatten wirklich angenehme Gespr\u00e4chsthemen, unter anderem <em>Ulysses<\/em>. Mir fiel gestern erstmals auf, warum dieses Buch so ist wie kein anderes, das ich bisher gelesen habe. Ich war noch nie so nah an irgendwelchen Figuren dran, und durch ihren st\u00e4ndigen Stream of Consciousness kann man ihnen auch nicht entkommen. Man kann <em>Ulysses<\/em>, jedenfalls beim ersten Mal, meiner Meinung nach nicht distanziert lesen oder pflichtschuldig. Man kann sich nur besinnungslos hineinfallen und mitnehmen lassen. Oder eben auch nicht. Proust, den Joyce bewunderte, hat die T\u00fcr weit aufgesto\u00dfen f\u00fcr irrwitzig subjektive Literatur, und Joyce dreht die Schraube gef\u00fchlt noch eine Ecke weiter: \u201e3500 Seiten Monolog von Swann, ja gut, aber wie w\u00e4r&#8217;s mit diversen Figuren, die alle gleichzeitig monologisieren, und zwischendurch werfe ich ein paar lautmalerische Beschreibungen von \u00d6rtlichkeiten, Dingen und Gef\u00fchlen rein? Challenge accepted!\u201c Wir sprachen dar\u00fcber, ob man eine gewisse Lese-Reife haben m\u00fcsse, um sich an <em>Ulysses<\/em> ranzuwagen, also ob man vorher hundert, tausend, waswei\u00dfichwieviele andere B\u00fccher gelesen haben muss, um die Andersartigkeit, nein, die Einzigartigkeit von <em>Ulysses<\/em> w\u00fcrdigen zu k\u00f6nnen? Gestern waren wir der Meinung ja, aber heute denke ich: Vielleicht ist <em>Ulysses<\/em> auch ein grandioses Einsteigerbuch f\u00fcr ein Lekt\u00fcreleben. Danach kann man, glaube ich, jedes weitere Buch \u00e4u\u00dferst entspannt runterlesen, nachdem man sich hier so ausliefern musste.<\/p>\n<p>&#8212;<\/p>\n<p>Wir sprachen auch \u00fcber meine Diss. Das Doktorandenkolloquium und mein Archivtag haben mich nicht nur motiviert, sondern mich auch davon \u00fcberzeugt, dass meine Grundidee eine gute ist, an der ich weiter forschen sollte. Seit ich wieder werbe, merke ich aber, dass es \u2013 nat\u00fcrlich \u2013 viel langsamer vor sich geht als fr\u00fcher die Hausarbeiten und Referate. Ich muss mir Zeit freischaufeln f\u00fcr die Wissenschaft und ich habe ein bisschen Angst davor, dass der Lockruf des Geldes oder aber schlicht die lange Strecke, die vor mir liegt, mich vielleicht doch \u00fcberw\u00e4ltigen. Ich wei\u00df manchmal selbst nicht, ob mein Atem lang genug ist. Wir sprachen \u00fcber die Motivation f\u00fcr wissenschaftliche Arbeit und dass ich die Angst vor der Langstrecke jetzt erst recht habe, weil ich inzwischen wei\u00df, dass aus der Diss keine Karriere mehr wird, sondern sie nur ein exzentrisches Hobby ist. Vielleicht lasse ich das auch irgendwann einfach sein wie Golf oder Singen, wenn was Spannenderes um die Ecke kommt? Woraufhin F. meinte: \u201eWenn du kein Geld verdienen m\u00fcsstest, was w\u00fcrdest du ab morgen machen? Urlaub, Verreisen, Golf, Singen?\u201c Ich: \u201eAcht Stunden am Tag an der Diss sitzen.\u201c F.: \u201eAnd there you go.\u201c<\/p>\n<p>War mir auch noch nie so aufgefallen, dass meine Motivation schlicht die ist: weil ich Lust darauf habe. Und nicht: weil mir ein Doktorhut gut steht und meine Vistenkarte cooler wird. (Ach was?!?)<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Morgens bei F. aufgewacht. Den rituellen Gang an sein riesiges Dachfenster gemacht und rausgeguckt, was der Tag so will. 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