{"id":27986,"date":"2017-11-10T10:20:25","date_gmt":"2017-11-10T08:20:25","guid":{"rendered":"http:\/\/www.ankegroener.de\/?p=27986"},"modified":"2017-11-10T14:21:36","modified_gmt":"2017-11-10T12:21:36","slug":"was-schon-war-donnerstag-9-november-2017-manuskript-und-stolpersteine","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.ankegroener.de\/blog\/?p=27986","title":{"rendered":"Was sch\u00f6n war, Donnerstag, 9. November 2017 \u2013 Manuskript und Stolpersteine"},"content":{"rendered":"<p>Gestern sa\u00df ich den ganzen Tag am Schreibtisch, um meine F\u00fchrung durch die St\u00e4dtische Galerie Rosenheim zu finalisieren. Morgen, am 11. November, f\u00fchre ich eine kleine Gruppe durch unsere Ausstellung <a href=\"http:\/\/galerie.rosenheim.de\/news\/einzelansicht\/?tx_ttnews%5Byear%5D=2017&#038;tx_ttnews%5Bmonth%5D=05&#038;tx_ttnews%5Btt_news%5D=228&#038;cHash=3541853cb43a4e7bb752210711b19009\">Vermacht, verfallen, verdr\u00e4ngt. Kunst und Nationalsozialismus<\/a>, die nur noch bis zum 19. November l\u00e4uft, also schnell hin da!<\/p>\n<p>Da ich noch nie eine F\u00fchrung gemacht habe, musste ich erstmal \u00fcberlegen, was ich so alles erz\u00e4hlen will. Die Gruppe, die sich f\u00fchren l\u00e4sst, besteht ausschlie\u00dflich aus meinen Blogleser*innen, daher ahne ich, dass schon ein paar Grundkenntnisse da sind. Ich wei\u00df aber auch, dass sich niemand Blogeintr\u00e4ge merkt, vor allem, wenn man sich nicht dauernd mit NS-Kunst auseinandersetzt. Deswegen werde ich vermutlich ein bisschen von dem wiederholen, was ich hier im Blog schon mal angerissen oder ausgef\u00fchrt habe.<\/p>\n<p>Ich hangelte mich am Raumplan und unserem Katalog entlang, um mir zu \u00fcberlegen, zu welchen Werken ich explizit etwas sagen will und zu welchen nicht, an welchen Exponaten ich Dinge erkl\u00e4ren m\u00f6chte und welche ich der Gruppe \u00fcberlasse, damit sie sich selbst damit besch\u00e4ftigt. Heute werde ich das Dokument abschlie\u00dfen und dann morgen vermutlich mit einem dicken Spickzettel meine erste F\u00fchrung machen. Ich freue mich auf meine Versuchskaninchen und hoffe, es wird gut.<\/p>\n<p>Wer noch spontan Lust und Zeit hat, sich uns anzuschlie\u00dfen: Wir treffen uns um 13 Uhr vor der Galerie. Bitte meldet euch kurz bei mir per Mail oder Tweet, damit wir nicht 50 Leute werden.<\/p>\n<p>&#8212;<\/p>\n<p>Gestern war der Jahrestag der <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Novemberpogrome_1938\">Novemberpogrome<\/a> und einige Menschen in meiner Timeline posteten Bilder von <a href=\"http:\/\/www.stolpersteine.eu\/\">Stolpersteinen<\/a>, die sie geputzt hatten. Ein <a href=\"https:\/\/readonmydear.wordpress.com\/2017\/11\/09\/blanke-steine\/\">Blogeintrag<\/a> von Madame Read on my dear zum Thema hat dazu eine sehr pers\u00f6nliche Meinung:<\/p>\n<blockquote><p>\u201eIch w\u00fcnschte an jedem 9. November w\u00e4re es still, ich w\u00fcnschte einmal nur w\u00e4ren wir mit unseren Toten allein, ich w\u00fcnschte es g\u00e4be keine Stolpersteinputzkolonnen, keine Spruchb\u00e4nder, keine Aufrufe, keine Bilder der Namen mit den Namen der Toten, die sich nicht weigern k\u00f6nnen, die blank sein sollen, denn jetzt wird ihrer gedacht und das ist auch leichter, denn die Fragen nach dem Ring mit dem blauen Stein am Finger einer anderen Frau sind schwieriger.<\/p>\n<p>An keinem Tag wie am 9. November w\u00fcnschte ich mir, ich k\u00f6nnte die Steine mit Laub bedecken, sie davor bewahren wieder Ziel deutscher Sauberkeit und Gr\u00fcndlichkeit zu werden, aber ich habe schon vor vielen Jahren gelernt, dass die Enkel und Kinder der Toten nur st\u00f6ren im unbedingten Willen zu gedenken.\u201c<\/p><\/blockquote>\n<p>Hier in M\u00fcnchen liegen <a href=\"http:\/\/www.sueddeutsche.de\/muenchen\/debatte-um-stolpersteine-gedenken-das-entzweit-1.2170096\">keine Stolpersteine<\/a>, weil unter anderem Charlotte Knobloch das nicht m\u00f6chte; sie meint, durch die im Boden verlegten Namen werden die Opfer ein weiteres Mal mit F\u00fc\u00dfen getreten. Gunter Demnig, der K\u00fcnstler, der die Stolpersteine verlegt, <a href=\"https:\/\/www.berliner-zeitung.de\/-die-menschen-sollen-sich-verbeugen--15569426\">sagt<\/a> hingegen, die Menschen verbeugten sich vor den Opfern, indem sie sich b\u00fccken, um die Steine zu entziffern. Ich pers\u00f6nlich halte die Stolpersteine f\u00fcr ein sehr gelungenes Mahnmal in vielen tausend Teilen, weil es Menschen fassbar macht, die mit der irrwitzigen Zahl von \u201esechs Millionen\u201c schlicht nicht erfassbar sind, weil es eigentlich unvorstellbar ist (und dann eben leider doch nicht). Es macht aus namenlosen Opfern Nachbarn. Soweit ich wei\u00df, sind die Stolpersteine auch in der Bev\u00f6lkerung akzeptiert und erscheinen mir sinnvoller als das Mahnmal f\u00fcr die ermordeten Juden Europas in Berlin, in dem man prima schicke Selfies machen kann; Stolpersteine kann man nicht f\u00fcr Instagram verfremden oder damit posieren, man kann sie nur zeigen und damit genau das tun, was sie intendieren: sie zeigen, sie weisen auf etwas hin.<\/p>\n<p>Der Blogeintrag hat mir aber wieder einmal klar gemacht, dass hier die T\u00e4ter*innen(nachkommen) dar\u00fcber entscheiden, wie der Opfer gedacht wird. Das ist im Prinzip genauso eklig wie Menschen, die anderen Menschen vorschreiben m\u00f6chten, sich nicht so anzustellen, wenn ihnen Missbrauch widerf\u00e4hrt, ohne dass sie selbst wissen, wie sich ein solcher anf\u00fchlt. (Das Thema ist ja leider gerade wieder aktuell.) Bei den Stolpersteinen wei\u00df ich immerhin, dass es auch genug Juden und J\u00fcdinnen gibt, die diese Form des Gedenkens guthei\u00dfen, siehe den verlinken SZ-Artikel. Aber der Blogeintrag zeigt, dass es nat\u00fcrlich nicht alle sind, wie vermutlich nie irgendetwas von allen gleich beurteilt wird. Hey, wir diskutieren ernsthaft wieder dar\u00fcber, ob man Nazis auf die Nase hauen darf. Gerade gestern kam mir die Absurdit\u00e4t dieser Debatte wieder hoch.<\/p>\n<p>Ich habe keine sch\u00f6ne Abschlussbemerkung zu diesem Thema. Ich war nur wieder dankbar f\u00fcr einen Denkansto\u00df durch ein Blog. Wir, mich eingeschlossen, meckern ja gerne \u00fcber das Internet und was f\u00fcr Nervens\u00e4gen und Arschl\u00f6cher sich in ihm herumtreiben. An manchen Tagen ist es ganz nett zu merken, dass es eben auch andere Stimmen gibt. Auch wenn sie eine Meinung haben, an der ich mich seit gestern reibe.<\/p>\n<p>&#8212;<\/p>\n<p>Edit: In M\u00fcnchen gibt es doch Stolpersteine \u2013 <a href=\"http:\/\/www.sueddeutsche.de\/muenchen\/erinnerung-sechs-neue-stolpersteine-1.3703266\">auf Privatgrund<\/a>. Dort greift das \u00f6ffentliche Verbot nicht. Danke f\u00fcr den Hinweis!<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Gestern sa\u00df ich den ganzen Tag am Schreibtisch, um meine F\u00fchrung durch die St\u00e4dtische Galerie Rosenheim zu finalisieren. Morgen, am 11. November, f\u00fchre ich eine kleine Gruppe durch unsere Ausstellung Vermacht, verfallen, verdr\u00e4ngt. Kunst und Nationalsozialismus, die nur noch bis zum 19. November l\u00e4uft, also schnell hin da! 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