{"id":273,"date":"2002-11-30T21:50:01","date_gmt":"2002-11-30T20:50:01","guid":{"rendered":"http:\/\/www.ankegroener.de\/?p=273"},"modified":"2004-11-08T20:35:28","modified_gmt":"2004-11-08T19:35:28","slug":"minority-report","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.ankegroener.de\/blog\/?p=273","title":{"rendered":"Minority Report"},"content":{"rendered":"<p><em><a href=\"http:\/\/www.imdb.com\/title\/tt0181689\/\">Minority Repo<a href=\"http:\/\/www.imdb.com\/title\/tt0181689\/\">rt<\/a><br \/>\n(USA, 2002)<\/p>\n<p>Darsteller: Tom Cruise, Samantha Morton, Max von Sydow, Colin Farrell, Peter Stormare<br \/>\nDrehbuch: Scott Frank &#038; John Cohen (nach einer Kurzgeschichte von Philip K. Dick)<br \/>\nKamera: Janusz Kaminski<br \/>\nMusik: John Williams<br \/>\nRegie: Steven Spielberg<\/a><\/em><\/p>\n<p>Die Vision ist zu sch\u00f6n: Die polizeiliche Organisation PreCrime kann Verbrechen vorhersagen und sie damit verhindern. Ihr Mittel: drei geistig \u00fcberm\u00e4\u00dfig begabte, menschliche Wesen, die Precogs, die in einer Art Think Tank gehalten werden und die Zukunft voraussehen. Nach ihren Visionen wird eine Task Force zum Ort des Verbrechens, das noch gar nicht stattgefunden hat, geschickt, um eben dieses zu verhindern. Der zuk\u00fcnftige Attent\u00e4ter wird eines noch nicht ver\u00fcbten Verbrechens schuldig gesprochen und verurteilt.<\/p>\n<p>In Washington im Jahre 2054 ist PreCrime seit sechs Jahren eine eingespielte Organisation. Seit sechs Jahren ist kein Mord mehr ver\u00fcbt worden. Und seit sechs Jahren ist John Anderton (Tom Cruise) der Chef der Beh\u00f6rde und vom System \u00fcberzeugt. Bis eben dieses System ihn als den n\u00e4chsten Verbrecher anprangert: Er soll in wenigen Stunden einen Mann umbringen, den er noch nicht einmal kennt.<\/p>\n<p>Das ist die Ausgangslage in Steven Spielbergs neuem Film <em>Report<\/em>. Die Story beruht auf einer Kurzgeschichte von Philip K. Dick, der posthum zum besten Ideenlieferant Hollywoods geworden ist: Auch <em>Blade Runner<\/em> und <em>Total Recall<\/em> stammen in Kurzgeschichtenform aus seiner Feder. Und genau wie in den beiden Klassikern des Genres entwirft Dick auch in <em>Minority Report<\/em> eine eher d\u00fcstere Zukunft: voller technischer Spielereien, die uns das Leben nicht leichter machen, sondern bedrohlich und befremdlich wirken, voller enger, dunkler R\u00e4ume und Locations, die an eine industrielle Vorzeit erinnern \u2013 aber er entwirft auch Charaktere, die sich zu heute nicht besonders ver\u00e4ndert haben, die, genau wie wir heute, menschliche Schw\u00e4chen mit sich herumtragen, Eitelkeiten, Verletztlichkeiten, aber auch St\u00e4rke, einen eigenen Willen und der Glaube, dass das Gute siegen m\u00f6ge.<\/p>\n<p>Steven Spielberg hat es geschafft, die Charaktere \u00fcberzeugend auf die Leinwand zu bringen. Wir sehen atemlos zu, wie John Anderton dem System zu entfliehen versucht, wir sehen seine innere Zerrissenheit: Wird er jemanden umbringen, weil das System sich nie irrt oder wird er seine eigene Zukunft \u00e4ndern k\u00f6nnen und damit das System ad absurdum f\u00fchren?<\/p>\n<p>Auch Andertons Mitspieler \u2013 sein v\u00e4terlicher Freund und Vorgesetzter, der PreCrime landesweit einf\u00fchren m\u00f6chte, und sein innerbetrieblicher Konkurrent, der ihm auf die Finger schaut und seinen Job will \u2013 haben starke Geschichten, und wir verfolgen gespannt, wie sich ihre Storylines entwickeln, schlie\u00dflich mit der von John verwoben werden und schlussendlich einen Sinn ergeben.<\/p>\n<p>Das Dumme ist nur, dass wir \u00fcber zwei Stunden darauf warten m\u00fcssen, bis alles einen Sinn ergibt \u2013 und dass wir in dieser Zeit st\u00e4ndig hin- und hergeworfen werden zwischen einer sehr intensiven Diskussion \u00fcber \u201eIst alles vorherbestimmt oder sind wir immer Herr \u00fcber unser Leben und unsere Zukunft\u201c, einem ziemlich konventionellen Actionfilm-Plot und teilweise unglaublichen, teilweise abgekupferten Zukunftsvisionen. Wie auch bei seiner letzten Regiearbeit <em>A.I.<\/em> kann sich Spielberg nicht wirklich entscheiden. Sein Ziel und die Aussage des Film sind klar: We all have a choice, aber der Weg dahin h\u00e4tte konsequenter sein k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Es ist sicherlich zu einfach, nur die Szenerien aufzuz\u00e4hlen, in denen man das Gef\u00fchl hat: Hey, das hab ich schon mal gesehen (die heruntergekommenen Wohnblocks in <em>Blade Runner<\/em>; die Staatsmacht, die fast komisch und slapstickm\u00e4\u00dfig in die Privatsph\u00e4re ihrer B\u00fcrger dringt wie in <em>Brazil<\/em>; die Gedanken und Fantasien, die gespeichert und wie Drogen konsumiert werden wie in <em>Strange Days<\/em>). Das, was es so nervig macht, ist, dass Spielberg im gleichen Film auch sehr eigene, gro\u00dfartige Welten schafft, dass er es eben einfach nicht n\u00f6tig gehabt h\u00e4tte, sich von anderen, zugegebenerma\u00dfen sehr guten Filmen \u201einspirieren\u201c zu lassen. Die erste halbe Stunde des Films entwirft eine k\u00fchle, aber nicht distanzierte Zukunftsvision voller neuer technischer M\u00f6glichkeiten, die zusammen mit den menschlichen F\u00e4higkeiten der Precogs eine seltsam stimmige Mischung ergeben. Andertons Appartement, sein Auto, die Stra\u00dfen der Stadt \u2013 alles passt zusammen und wirkt neu, ungesehen, aber trotzdem realistisch. Dann gleitet der Film ab in eine schon hundertmal dagewesene Actionhandlung, die unn\u00f6tigerweise auch noch mit komischen Elementen unterf\u00fcttert wird. Spielberg ruiniert selber die dichte Atmosph\u00e4re, die er 30 Minuten lang aufgebaut hat. Und so geht der ganze Film weiter: Er kann sich nicht wirklich entscheiden, welchen Weg er zum Ziel nehmen soll und fasert die Handlung auch noch mit mehreren kleinen Unterhandlungen auf, die wohl atmosph\u00e4risch sein sollen, aber eher den Spannungsbogen ruinieren.<\/p>\n<p>Das Ende selber ist nat\u00fcrlich der klassische Spielberg: Die Guten gewinnen, das B\u00f6se verliert, wir alle sind unseres Gl\u00fcckes Schmied. Und wenn Tom Cruise zum Schluss nicht noch seiner schwangeren Ex- und Jetzt-wieder-Frau die Hand auf den Bauch gelegt und dabei in den Sonnenuntergang geguckt h\u00e4tte und John Williams die Streicher ein wenig heruntergefahren h\u00e4tte, w\u00fcrde ich ein bisschen weniger n\u00f6len. So reicht\u201d\u02dcs aber nicht zum neuen Meisterwerk. <em>Minority Report<\/em> bl\u00e4st die sehr straffe und sehr spannende Short Story von Dick unn\u00f6tig auf, und Spielberg sp\u00fclt sie unn\u00f6tig weich. Der Film ist sicher viel besser als <em>A.I.<\/em>, aber bis zu einem weiteren Meilenstein wie <em>Schindler\u2019s List<\/em> ist es noch ein weiter Weg.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Minority Report (USA, 2002) Darsteller: Tom Cruise, Samantha Morton, Max von Sydow, Colin Farrell, Peter Stormare Drehbuch: Scott Frank &#038; John Cohen (nach einer Kurzgeschichte von Philip K. Dick) Kamera: Janusz Kaminski Musik: John Williams Regie: Steven Spielberg Die Vision ist zu sch\u00f6n: Die polizeiliche Organisation PreCrime kann Verbrechen vorhersagen und sie damit verhindern. 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