{"id":25257,"date":"2016-09-16T09:46:13","date_gmt":"2016-09-16T07:46:13","guid":{"rendered":"http:\/\/www.ankegroener.de\/?p=25257"},"modified":"2016-09-16T09:46:39","modified_gmt":"2016-09-16T07:46:39","slug":"was-schon-war-donnerstag-15-september-2016-dinge-verorten","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.ankegroener.de\/blog\/?p=25257","title":{"rendered":"Was sch\u00f6n war, Donnerstag,<br> 15. September 2016 \u2013 Dinge verorten"},"content":{"rendered":"<p>Ich habe ein Buch gelesen.<\/p>\n<p>Ja, das ist seit Beginn des Studiums einen Blogeintrag wert, weil ich l\u00e4ngst nicht mehr so viele Romane lese wie fr\u00fcher. Meine Nase steckt neuerdings dauernd in Sachb\u00fcchern f\u00fcr die Uni und ich genie\u00dfe das sehr, aber ich erwischte mich schon vor l\u00e4ngerer Zeit dabei, kaum noch in der Sofaecke zu hocken und stundenlang eine Geschichte zu lesen. Vor Kurzem hatte ich bei <em>Harry Potter<\/em> wieder dieses Gef\u00fchl, und gestern las ich in einem Rutsch <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Gertrud_Fussenegger\">Gertrud Fussenegger<\/a>s autobiografische Erinnerungen <em>Ein Spiegelbild mit Feuers\u00e4ule<\/em> durch (Stuttgart 1979). Okay, die Dame war mit Leo von Welden befreundet, okay, OKAY!<\/p>\n<p>Die Erkenntnis meiner Hausarbeit zu von Welden lautet, dass er seine wenigen ideologisch gepr\u00e4gten Werke (die wir kennen) eher aus \u00f6konomischen denn aus politischen Gr\u00fcnden angefertigt hatte. Ich hatte bei meinen Recherchen zu von Welden ein Foto vom Anfang der 1930er Jahre gefunden, das ihn zusammen mit <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Oskar_Maria_Graf\">Oskar Maria Graf<\/a> und Fritz Kahn, einem Anwalt der Roten Hilfe M\u00fcnchen, zeigt und mich dar\u00fcber gefreut, dass der Herr anscheinend auch Umgang mit politisch eher linksstehenden Menschen pflegte. Ich wusste aber auch, dass er gut mit Frau Fussenegger befreundet war \u2013 er illustrierte eins ihrer B\u00fccher \u2013, die zur NS-Zeit, soweit ich das \u00fcberblicken kann, sch\u00f6n auf Parteilinie war. In ihrer Autobiografie klingt das nat\u00fcrlich alles etwas anders, man habe ja nichts gewusst und nichts gesehen blablabla. Leo wird dreimal erw\u00e4hnt, einmal im Zuge vieler Eheschlie\u00dfungen in Fusseneggers Umkreis Mitte der 30er Jahre:<\/p>\n<blockquote><p>\u201eAuch andere Freunde und Bekannte r\u00fcckten in den Stand der Ehe ein, nicht immer mit reiner Freude. Der Spa\u00dfmacher Leo von Welden, ein begabter Maler, wollte sich aussch\u00fctten vor Gel\u00e4chter, \u2013 <em>da\u00df es ihn jetzt erwischt habe<\/em> \u2013 und dabei schaute ihm die nackte Verzweiflung aus den Augen.\u201c (S. 280)<\/p><\/blockquote>\n<p>Eine weitere Erw\u00e4hnung findet sich auf S. 303, wo Fussenegger die Spitznamen ihrer Freunde und ihres Ehemannes <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Elmar_Dietz\">Elmar Dietz<\/a> beschreibt (der im Buch immer nur E.D. hei\u00dft):<\/p>\n<blockquote><p>\u201e<em>\u00c4btissin<\/em>. Das war mein Spitzname in jenen Jahren. Auch <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Alois_Dorn\">Alois Dorn<\/a> hatte einen Spitznamen: der <em>Pr\u00e4lat<\/em>. E.D. hie\u00df der <em>Kaplan<\/em> und der Maler Leo von Welden <em>Bruder Vigilius<\/em>.\u201c<\/p><\/blockquote>\n<p>Ich ahne, dass eine Clique, die Spitznamen f\u00fcreinander hat, eine andere Art von Umgang belegt als ein einziges Foto, deswegen bin ich froh, die Graf-Sache doch aus der Arbeit gekippt zu haben. Ich mag dieses Ranpuzzeln an jemanden aber sehr gern.<\/p>\n<blockquote><p>\u201eDabei war ich von guten Freunden umgeben. Ich merkte es nur nicht. [&#8230;] Und dann waren E&#8217;s Freunde da. Ich nannte sie schon. Maler Welden (Leo Vigilius) und Alois Dorn (der Herr Pr\u00e4lat). Sie waren in jenen Monaten oft bei uns zu Gast, Alois Dorn beinahe t\u00e4glich. Er brachte sein Abendessen mit, ein Viertel Leberk\u00e4se, eine Flasche Bier, manchmal auch eine Flasche Wein. Er kam mit E. und ging um zehn oder elf, manchmal noch sp\u00e4ter. Wenn er da war, war ich guter Laune. Auch E. war guter Laune. Wir waren ein munteres lachlustiges Trio, nie um ein Gespr\u00e4chsthema verlegen, immer eines Sinnes, fast immer.\u201c (S. 306\/307)<\/p><\/blockquote>\n<p>Von Dietz trennte sich Fussenegger schlie\u00dflich und heiratete 1950 Alois Dorn. Das ist \u00fcbrigens jener Herr, der in einem Katalogtext zu einer Ausstellung von Weldens 1979 in M\u00fcnchen das fatale W\u00f6rtchen \u201eentartet\u201c in die Forschungsliteratur einbrachte: <\/p>\n<blockquote><p>\u201eDie Zeit spielte von Welden \u00fcbel mit. In den Jahren \u00f6der Gleichschaltung wurde er als \u201eEntarteter\u201c empfunden. Man verweigerte ihm sogar die Mitgliedschaft der Kulturkammer, die doch f\u00fcr jeden, der k\u00fcnstlerisch t\u00e4tig sein wollte, obligatorisch war.\u201c<\/p><\/blockquote>\n<p>(Kat. Ausst. <em>Leo von Welden 1899\u20131967, Pavillon Alter Botanischer Garten, M\u00fcnchen, 3.\u201326. Oktober 1979<\/em>, Rosenheim 1979, o. S.)<\/p>\n<p>Genau an diesem Zitat \u2013 entartet, RKK-Mitgliedschaft \u2013 arbeitete ich mich an der Hausarbeit 20 Seiten lang ab und widerlegte es gnadenlos. Hulk Smash!<\/p>\n<p>Was f\u00fcr mich auch spannend war: die autobiografische Erz\u00e4hlung mit den Briefen zu vergleichen, die ich von der Tochter von Weldens zur Einsicht bekommen hatte. Die stammten alle aus diesem Jahrtausend und waren an die Tochter gerichtet, und ich stolperte beim Lesen \u00fcber eine eher unwirsche Beurteilung von zeitgen\u00f6ssischer Kunst und Ausstellungspolitik. Das deckte sich mit dem, was die Dame auch schon in den 1930ern empfunden hatte, als sie Kunstgeschichte in M\u00fcnchen studierte und Dietz sie ansprach, um sie zu portr\u00e4tieren:<\/p>\n<blockquote><p>\u201eVon der modernen Kunst hatte ich \u2013 trotz <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Wilhelm_Pinder\">Pinders<\/a> Vorlesungen \u2013 einen nur sehr nebul\u00f6sen Begriff. Da waren doch in letzter Zeit l\u00e4cherliche Gebilde aufgetaucht, die sich f\u00fcr Kunst ausgaben, Drahtgestr\u00fcppe etwa oder zusammengeklitterte Monstren aus W\u00fcrfeln und Kugeln. Man nannte das dann abstrakt, und wenn nun solch ein junger K\u00fcnstler behauptete, ein Portrait von mir herstellen zu wollen, so w\u00fcrde es wom\u00f6glich ein solches abstraktes Ungeheuer &#8230;? Aber der junge Mann wehrte meine Unterstellung ab und versicherte mir \u2013\u00a0mit weiterhin lebhaft gl\u00e4nzenden Blicken \u2013, keineswegs sei er ein Abstrakter, sondern konkret, ganz konkret, wenn auch wieder kein Naturalist.\u201c (S. 226)<\/p><\/blockquote>\n<p>Was ich erst durch die Wikipedia gelernt habe: dass Fusseneggers erste Tochter <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Ricarda_Dietz\">Ricarda<\/a> (im Buch Richarda) K\u00fcnstlerin wurde und einige U-Bahnh\u00f6fe in M\u00fcnchen gestaltete. Die gucke ich mir jetzt an.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ich habe ein Buch gelesen. Ja, das ist seit Beginn des Studiums einen Blogeintrag wert, weil ich l\u00e4ngst nicht mehr so viele Romane lese wie fr\u00fcher. 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