{"id":2520,"date":"2008-06-08T12:08:19","date_gmt":"2008-06-08T10:08:19","guid":{"rendered":"http:\/\/www.ankegroener.de\/?p=2520"},"modified":"2008-06-08T12:13:13","modified_gmt":"2008-06-08T10:13:13","slug":"2520","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.ankegroener.de\/blog\/?p=2520","title":{"rendered":""},"content":{"rendered":"<p>\u201eMeine Tante bewohnte strenggenommen nur noch zwei zusammenh\u00e4ngende Zimmer: am Nachmittag ruhte sie in dem einen aus, w\u00e4hrend das andere gel\u00fcftet wurde. Es waren typische Provinzzimmer, die \u2013 so wie in manchen L\u00e4ndern ganze Teile der Luft oder des Meeres von Tausenden von Urtierchen flimmern oder duften, die wir mit dem Auge nicht warhnehmen k\u00f6nnen \u2013 uns durch die Vielheit der D\u00fcfte entz\u00fccken, die von den Tugenden, der Weisheit, den Gewohnheiten, einem unsichtbar \u00fcberquellenden Geistes- und Gef\u00fchlsleben herr\u00fchren und die die Luft dort in sich aufbewahrt; gewi\u00df waren auch nat\u00fcrliche Ger\u00fcche dabei, solche, die, von Zeit und Wetter gef\u00e4rbt, die gleichen sind wie die auf dem freien Land, aber doch schon verwandelt, vermenschlicht und zahm geworden durch ihr Verweilen im Hause, ein erlesenes, emsig hergestelltes, durchscheinendes Destillat aus allen Fr\u00fcchten des Jahres, die den Garten verlassen haben, um im Schrank zu enden. Jahreszeitlich gebunden, den Ger\u00e4ten und Wesen des Hauses zugeordnet, den w\u00fcrzigen Duft des Fruchtgelees durch den sanften Ruch des warmen Brotes mildernd, schl\u00e4frig und wachsam zugleich wie ein l\u00e4ndliche Kirchturmuhr, wandernd und se\u00dfhaft, gleichm\u00fctig und vorbedacht, von frischer W\u00e4sche, vom Morgen, von Fr\u00f6mmigkeit durchhaucht oder ruhend in einem Frieden, der nur um so zaghafter macht und eine Prosa bedingt, die f\u00fcr den, der in sie hineinger\u00e4t, ohne darin leben zu m\u00fcssen, einen unersch\u00f6pflichen Vorrat am Poesie darstellt. Die Luft ist dort ges\u00e4ttigt vom zarten Hauch einer Stille, die so bek\u00f6mmlich ist, so lockend, da\u00df ich mich mit einer Art von Gier in sie hineinbegab, besonders in den noch k\u00fchlen Morgenstunden der Osterwoche, wo ich am meisten Sinn daf\u00fcr hatte, da wir ja eben erst in Combray angekommen waren: bevor ich zu meiner Tante durfte, um ihr guten Morgen zu sagen, mu\u00dfte ich einen Augenblick im ersten Zimmer warten, in dem die noch winterliche Sonne sich an dem bereits zwischen den beiden Ziegelsteinen angez\u00fcndeten Feuer zu w\u00e4rmen versuchte, das dem ganzen Raum einen leichten R\u00e4ucherduft mitteilte und eine jener gro\u00dfen Backofenstuben daraus machte, wie man sie auf dem Lande hat, oder auch etwas wie die in Schl\u00f6ssern anzutreffenden m\u00e4chtigen Kaminvorbauten, unter deren Schutz man sich w\u00fcnscht, es m\u00f6chte drau\u00dfen regnen und schneien ode sogar eine sintflutartige Katastrophe eintreten, damit man um so mehr die Behaglichkeit des Geborgenseins gemischt mit der Poesie des Winterschlafes genie\u00dfen k\u00f6nne; ich ging hin und her zwischen dem Betschemel und den Sesseln mit den Bez\u00fcgen aus gepre\u00dftem Velours, auf deren Kopfteil stets ein geh\u00e4keltes Deckchen lag; das knisternde Feuer machte inzwischen aus den appetitlichen Ger\u00fcchen, von denen die Luft im Zimmer ges\u00e4ttigt war, eine Art von festem Teig, der in der feuchten, durchgesonnten Morgenluft schon \u201eaufgegangen\u201c war, es walkte ihn aus, lie\u00df ihn goldgelb werden, faltete ihn zusammen und trieb ihn locker auf, so da\u00df schlie\u00dflich unsichtbar und doch greifbar ein ganz bestimmtes provinz\u00fcbliches Backwerk daraus wurde, ein riesiger sogenannter \u201eChausson\u201c, in dem ich mit uneingestandener Begehrlichkeit, sobald ich auch noch die trockneren, feineren, edleren, aber auch abgelagerteren Ger\u00fcche des Wandschrankes, der Kommode, der mit Laubornamenten geschm\u00fcckten Tapete in mich aufgenommen hatte, nach dem vermittelnden weichen, faden, unassimilierbaren und fruchtigen der gebl\u00fcmten Bettdecke suchte.\u201c<\/p>\n<p>Marcel Proust, <em>In Swanns Welt\/Auf der Suche nach der verlorenen Zeit<\/em>, Suhrkamp Taschenbuch 644, 1953, Seite 69, \u00dcbersetzung von Eva Rechel-Mertens<\/p>\n<p>&#8212;<\/p>\n<p>\u201eMa tante n\u2019habitait plus effectivement que deux chambres contigu\u00ebs, restant l\u2019apr\u00e8s-midi dans l\u2019une pendant qu\u2019on a\u00e9rait l\u2019autre. C\u2019\u00e9taient de ces chambres de province qui, \u2013 de m\u00eame qu\u2019en certains pays des parties enti\u00e8res de l\u2019air ou de la mer sont illumin\u00e9es ou parfum\u00e9es par des myriades de protozoaires que nous ne voyons pas, \u2013 nous enchantent des mille odeurs qu\u2019y d\u00e9gagent les vertus, la sagesse, les habitudes, toute une vie secr\u00e8te, invisible, surabondante et morale que l\u2019atmosph\u00e8re y tient en suspens; odeurs naturelles encore, certes, et couleur du temps comme celles de la campagne voisine, me d\u00e9j\u00e0 casani\u00e8res, humaines et renferm\u00e9es, gel\u00e9e exquise industrieuse et limpide de tous les fruits de l\u2019ann\u00e9e qui ont quitt\u00e9 le verger pour l\u2019armoire; saisonni\u00e8res, mais mobili\u00e8res et domestiques, corrigeant le piquant de la gel\u00e9e blanche par la douceur du pain chaud, oisives et ponctuelles comme une horloge de village, fl\u00e2neuses et rang\u00e9es, insoucieuses et pr\u00e9voyantes, ling\u00e8res, matinales, d\u00e9votes, heureuses d\u2019une paix qui n\u2019apporte qu\u2019un surcro\u00eet d\u2019anxi\u00e9t\u00e9 et d\u2019un prosa\u00efsme que set de grand r\u00e9servoir de po\u00e9sie \u00e0 celui qui la traverse sans y avoir v\u00e9cu. L\u2019air y \u00e9tait satur\u00e9 de la fine fleur d\u2019un silence si nourricier, si succulent que je ne m\u2019y avan\u00e7ais qu\u2019avec une sorte de gourmandise, surtout par ces premiers matins encore froids de la semaine de P\u00e2ques o\u00f9 je le go\u00fbtais mieux parce que je venais seulement d\u2019arriver \u00e0 Combray: avant que j\u2019entrasse souhaiter le bonjour \u00e0 ma tante on me faisait attendre un instant, dans la premi\u00e8re pi\u00e8ce o\u00f9 le soleil, d\u2019hiver encore, \u00e9tait venu se mettre au chaud devant le feu, d\u00e9j\u00e0 allum\u00e9 entre les deux briques et qui badigeonnait toute la chambre d\u2019une odeur de suie, en faisait comme un de ces grands \u201edevants de four\u201c de campagne, ou de ces manteaux de chemin\u00e9e de ch\u00e2teaux, sous lesquels on souhaite que se d\u00e9clarent dehors la pluie, la neige, m\u00eame quelque catastrophe diluvienne pour ajouter au confort de la r\u00e9clusion la po\u00e9sie de l\u2019hivernage; je faisais quelques pas de prie-Dieu aux fauteuils en velours frapp\u00e9, toujours rev\u00eatus d\u2019un appui-t\u00eate au crochet; et le feu cuisant comme une p\u00e2te les app\u00e9tissantes odeurs dont l\u2019air de la chambre \u00e9tait tout grumeleux et qu\u2019avait d\u00e9j\u00e0 fait travailler et \u201elever\u201c la fra\u00eecheur humide et ensoleill\u00e9e du matin, il les feuilletait, les dorait, les godait, les boursouflait, en faisant un invisible et palpable g\u00e2teau provincial, un immense \u201echausson\u201c o\u00f9, \u00e0 peine go\u00fbt\u00e9s les aromes plus croustillants, plus fins, plus r\u00e9put\u00e9s, mais plus secs aussi du placard, de la commode, du papier \u00e0 ramages, je revenais toujours avec une convoitise inavou\u00e9e m\u2019engluer dans l\u2019odeur m\u00e9diane, poisseuse, fade, indigeste et fruit\u00e9e de couvre-lit \u00e0 fleurs.\u201c<\/p>\n<p><em>Du c\u00f4t\u00e9 de chez Swann\/A la recherche du temps  perdu<\/em>, copypaste aus dem <a href=\"http:\/\/www.gutenberg.org\/dirs\/etext01\/8swan11.txt\">Gutenberg-Projekt<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u201eMeine Tante bewohnte strenggenommen nur noch zwei zusammenh\u00e4ngende Zimmer: am Nachmittag ruhte sie in dem einen aus, w\u00e4hrend das andere gel\u00fcftet wurde. Es waren typische Provinzzimmer, die \u2013 so wie in manchen L\u00e4ndern ganze Teile der Luft oder des Meeres von Tausenden von Urtierchen flimmern oder duften, die wir mit dem Auge nicht warhnehmen k\u00f6nnen [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":10,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[],"class_list":["post-2520","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-weblog"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.ankegroener.de\/blog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/2520","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.ankegroener.de\/blog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.ankegroener.de\/blog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.ankegroener.de\/blog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/10"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.ankegroener.de\/blog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=2520"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.ankegroener.de\/blog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/2520\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.ankegroener.de\/blog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=2520"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.ankegroener.de\/blog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=2520"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.ankegroener.de\/blog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=2520"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}