{"id":252,"date":"2003-04-30T17:12:48","date_gmt":"2003-04-30T16:12:48","guid":{"rendered":"http:\/\/www.ankegroener.de\/?p=252"},"modified":"2004-11-08T20:08:58","modified_gmt":"2004-11-08T19:08:58","slug":"herr-wichmann-von-der-cdu","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.ankegroener.de\/blog\/?p=252","title":{"rendered":"Herr Wichmann von der CDU"},"content":{"rendered":"<p><em><a href=\"http:\/\/imdb.com\/title\/tt0362719\/\">Herr Wichmann von der CDU<\/a><br \/>\n(D, 2003)<\/p>\n<p>Drehbuch und Regie: Andreas Dresen<br \/>\nKamera: Andreas H\u00f6fer<\/em><\/p>\n<p>Henryk Wichmann ist 25, Jurastudent und CDU-Kandidat f\u00fcr die Bundestagswahl 2002. Er tritt in der Uckermark an, ein von Gott und der Wirtschaft verlassenes Fleckchen in der N\u00e4he von Berlin. Sein Gegenkandidat ist Markus Meckel, SPD, und sicherer Sieger in diesem Wahlkreis. Der Regisseur Andreas Dresen (<em>Halbe Treppe<\/em>) hat ihn im Monat vor der Bundestagswahl auf seinem Wahlkampf mit der Kamera begleitet.<\/p>\n<p>Ich erinnere mich an den letzten Dokumentarfilm, den ich gesehen habe. Das war <em>Bowling for Columbine<\/em>, und ich habe ihn damals zerrissen: weil ich ihn falsch fand, zeigefingerig, laut, manipulativ. Ich finde es sehr sch\u00f6n zu sehen, dass es anscheinend auch noch andere Dokumentarfilme gibt, die genau diese Adjektive nicht verdient haben.<\/p>\n<p><em>Herr Wichmann von der CDU<\/em> kommt ohne Musik aus, ohne Interviews mit den Mitwirkenden, ohne hektische Schnitte, ohne Off-Kommentar. Wir erleben einfach einen jungen Politiker, der sich bem\u00fcht, seinem Wahlvolk seine Ideen zu erl\u00e4utern. Wir begleiten ihn in Fu\u00dfg\u00e4ngerzonen, auf Stadtfeste, auf Kundgebungen mit der Bundesparteiprominenz und erleben zum Schluss seine von vornherein sichere Niederlage gegen den \u00fcberm\u00e4chtigen Kandidaten. Und das sch\u00f6ne dabei: Selbst wenn wir keine Freunde der politischen Ausrichtung von Herrn Wichmann sind, selbst wenn wir uns einen Dreck f\u00fcr Politik interessieren, selbst wenn uns Henryk Wichmann vielleicht unsympathisch ist \u2013 wir finden ihn nie albern. Und das ist meiner Meinung nach ein gro\u00dfer Verdienst von Andreas Dresen, der sein Sujet nie der L\u00e4cherlichkeit preisgibt, was einfach, sehr einfach gewesen w\u00e4re.<\/p>\n<p>Wichmann ist kein aalglatter Politprofi. Nat\u00fcrlich beherrscht auch er nach Jahren im Kreistag die Kunst, aus jedem Satz, den ein Passant ihm entgegenwirft, ein St\u00fcck seines Parteiprogramms zu drechseln. Nat\u00fcrlich wei\u00df er, wem er wie nach dem Mund reden muss, um denjenigen wenigstens f\u00fcr einen Augenblick auf seine Seite zu bekommen. Aber er wirkt dabei nie abgebr\u00fcht, nie haben wir das Gef\u00fchl, da ist jemand, der blo\u00df \u00fcppige Di\u00e4ten im Bundestag abgreifen will. Auch wenn sein Slogan \u201eFrischer Wind f\u00fcr die Politik\u201c noch so ausgelutscht ist \u2013 er scheint hinter ihm zu stehen. Er will anscheinend wirklich etwas ver\u00e4ndern, und er glaubt daran, es schaffen zu k\u00f6nnen. Deswegen steht er sich die F\u00fc\u00dfe unter seinem CDU-Sonnenschirm platt und redet mit jedem, der sich eigentlich nur f\u00fcr seine Kugelschreiber interessiert. Und deswegen wirkt er auch nie l\u00e4cherlich oder k\u00fcnstlich; er ist ernsthaft bestrebt, eine Botschaft an seine W\u00e4hler zu bringen.<\/p>\n<p>In einigen Momenten ist er aber eben doch noch unerfahren oder einfach zu jung. Wenn zum Beispiel die Bewohner eines Altenheimes ihm zwar brav zuh\u00f6ren, wenn er \u00fcber die gro\u00dfe Politik redet, aber aus ihren Antworten klar wird, dass sie eigentlich ganz andere Dinge besch\u00e4ftigen. In diesen Momenten ist Wichmann kein Politiker mehr, sondern nur ein sehr junger Mann, der vor der absoluten Hoffnungslosigkeit des Alters kapituliert. Da wirken seine Spr\u00fcche von Aufschwung und dem viel beschworenen frischen Wind sehr, sehr einsam. Und der Film kommentiert auch hier nicht, gibt weder die Alten noch den Jungen preis, sondern l\u00e4sst sie beide in ihrer Einzigartigkeit wirken.<\/p>\n<p><em>Herr Wichmann von der CDU<\/em> ist unterhaltsam, wenn man Anh\u00e4nger einer anderen Partei ist, weil man sich dann gen\u00fcsslich zur\u00fccklehnen und dem Jungspund beim Scheitern zusehen kann. Aber selbst dann bleibt ein Gef\u00fchl der Achtung vor Wichmann zur\u00fcck. Eine Achtung vor der Aufgabe, der er sich stellt, von der Ehrlichkeit, die er noch besitzt, und gleichzeitig vor seiner Kraft, einen von vornherein aussichtslosen Kampf zu f\u00fchren. Diese Achtung transportiert der Film, ohne uns in diese Richtung zu schubsen. Auch das ein angenehmer Kontrast zu gewissen anderen Dokumentationen.<\/p>\n<p>Was bleibt, ist eigentlich nur die Frage: Wieso l\u00e4sst sich ein Politiker beim Wahlkampf filmen? Es war klar, dass der Film ihm vor der Bundestagswahl keine entscheidenden Stimmen bringen w\u00fcrde, keine zus\u00e4tzliche Medienpr\u00e4senz. Vielleicht wollte Wichmann einfach seine ganz pers\u00f6nliche Stellungnahme gegen die Politikverdrossenheit aufzeichnen. Ein Dokument, um sich selber davon zu \u00fcberzeugen, dass es richtig ist, was er tut. Denn auch ihm muss klar gewesen sein, dass er gegen Meckel nicht den Hauch einer Chance gehabt hat.<\/p>\n<p>Bei mir hat das funktioniert. Ich werde auch beim n\u00e4chsten Mal nicht die CDU w\u00e4hlen. Ich habe auch nicht mehr Verst\u00e4ndnis f\u00fcr einige der Programmpunkte bekommen, die Wichmann so eloquent aufz\u00e4hlt. Aber ich habe wieder ein bisschen mehr Respekt vor dem Beruf des Politikers, ganz gleich, welcher Ausrichtung. Denn wir begegnen im Film auch Vertretern des weiteren politischen Spektrums \u2013 und die sehen in ihrem Bem\u00fchen um W\u00e4hlerstimmen ganz genauso aus wie Herr Wichmann von der CDU.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Herr Wichmann von der CDU (D, 2003) Drehbuch und Regie: Andreas Dresen Kamera: Andreas H\u00f6fer Henryk Wichmann ist 25, Jurastudent und CDU-Kandidat f\u00fcr die Bundestagswahl 2002. Er tritt in der Uckermark an, ein von Gott und der Wirtschaft verlassenes Fleckchen in der N\u00e4he von Berlin. 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