{"id":24756,"date":"2016-07-05T08:49:34","date_gmt":"2016-07-05T06:49:34","guid":{"rendered":"http:\/\/www.ankegroener.de\/?p=24756"},"modified":"2016-07-05T08:57:57","modified_gmt":"2016-07-05T06:57:57","slug":"was-schon-war-montag-4-juli-2016-lesen-schreiben-diskutieren","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.ankegroener.de\/blog\/?p=24756","title":{"rendered":"Was sch\u00f6n war, Montag, 4. Juli 2016 \u2013 Lesen, schreiben, diskutieren"},"content":{"rendered":"<p>Fr\u00fch in der Stabi gewesen, ein gutes Buch f\u00fcr mein Auftragstexten gefunden, begeistert mehrere Autobiografien von Frauen durchgebl\u00e4ttert, die im 19. Jahrhundert gelebt haben, damit ich vern\u00fcnftiges Quellenmaterial f\u00fcr die Kindheitshausarbeit habe. Habe ich jetzt.<\/p>\n<p>&#8212;<\/p>\n<p>Um 11 ins Historicum geradelt (die 300 Meter halt), dort die vorletzte Sitzung im Biografiekurs gehabt. Zur Vorbereitung mussten wir den Aufsatz <em>Die biographische Illusion<\/em> von Bourdieu lesen (in Frankreich erstmals 1986 erschienen, auf deutsch 1990), der sich an Biografien abarbeitet; ein Standardtext der Biografieforschung. Bourdieu meint, dass Biografien eigentlich Kappes sind, denn sie gehen von einem Leben aus, das in einer Bahn verl\u00e4uft, vielleicht mit Abweichungen und Kreuzungen, aber schon irgendwie so, dass sich am Ende eine Sinneinheit ergibt \u2013 oder zumindest sei das eine Herangehensweise von Biograf*innen an ihre Subjekte: eine retrospektive Sinnsuche. Kann ich nachvollziehen, mach ich quasi jede Woche, und ich ahne, dass viele von uns sich rote F\u00e4den basteln, um in unserem Leben eine Richtung zu finden, die sich erst in der R\u00fcckschau ergibt. Eine Biographie w\u00e4re laut Bourdieu auch noch Quatsch, weil man sich als Akteur in so vielen unterschiedlichen sozialen Feldern bewege, dass man gar keinen roten Faden mehr sehen k\u00f6nne bzw. man sei eben so viele Menschen mit so vielen Eigenschaften, dass man keinen einzelnen raussch\u00e4len kann.<\/p>\n<p>Wir wurden im Seminar in zwei Gruppen eingeteilt, und die eine musste f\u00fcr den Text argumentieren, die andere logischerweise gegen ihn. Ich landete bl\u00f6derweise in der Gegen-Gruppe, denn eigentlich fand ich den Text recht einleuchtend. Nicht alles, Bourdieu halt, aber im Gro\u00dfen und Ganzen konnte ich das abnicken, was ich gelesen hatte. Nun war ich aber in der f\u00fcr mich neuen Situation, Argumente gegen etwas zu finden, was ich eigentlich gut fand. Das war eine spannende \u00dcbung, und wir schlugen uns ganz wacker, denke ich.<\/p>\n<p>Nach der Diskussion durften wir wieder wir selbst sein, und ich merkte zu meiner eigenen \u00dcberraschung, dass ich noch minutenlang bei jedem Pro-Argument \u2013 das ja auch mein eigenes war \u2013 sofort ein \u201eJa, aber\u201c im Kopf hatte, weil ich mich eben 30 Minuten lang darauf gedrillt hatte, ein \u201eJa, aber\u201c zu finden.<\/p>\n<p>Ich \u00fcberlegte nach der Stunde, ob mir diese Technik irgendwie beim wissenschaftlichen Argumentieren helfen k\u00f6nnte. Ich hatte zwar bisher selten das Problem, f\u00fcr meine Hausarbeiten oder Referate Argumente zu finden, wenn ich erstmal den Punkt hatte, den ich machen wollte, aber vielleicht bringt mich das noch auf andere Gedanken, Quellen, Aussagen, wenn ich mich bockig vor meine eigene Arbeit stelle und sage, das ist doch Quatsch.<\/p>\n<p>Dann fiel mir allerdings ein, dass ich das in der Werbung ewig gemacht hatte. Wenn man lange genug auf einem Kunden arbeitet, wei\u00df man irgendwann, welche Worte der Kunde nicht gerne in einer Headline liest, welche Looks er doof findet, welche Art Humor gerade noch so geht und welche nicht. Irgendwann hat man beim Texten die Berater*innen- oder Kundenschere im Kopf, die einem selbst sch\u00f6ne Headlines versaut, weil man schon beim Schreiben denkt, nee, das mag der Kunde nicht und das mag er nicht und das auch nicht. Anstatt erstmal alles rauszuhauen, was dem Kopf einf\u00e4llt. Es ist sehr anstrengend, diese Schere wieder loszuwerden. Junior*innen der Welt \u2013 trainiert sie euch gar nicht erst an. Rotzt erstmal sch\u00f6n 200 Headlines raus, bevor ihr die Schere z\u00fcckt. Aber das wisst ihr ja eigentlich auch.<\/p>\n<p>&#8212;<\/p>\n<p>Nach der Uni ins Zentralinstitut f\u00fcr Kunstgeschichte gefahren und wieder am Auftragstext geschraubt. Das geht immer besser und ich bin sehr zufrieden. Au\u00dferdem merke ich bei jeder Objektbeschreibung, dass mein Hirn unwillk\u00fcrlich Dinge ausspuckt, die ich mir in den letzten vier Jahren angelesen habe. Das ist immer noch der Effekt, der mich am Studium am meisten begeistert \u2013 zu sehen, dass ich eben doch schon viel wei\u00df, auch wenn ich bei jedem neuen Thema erstmal denke, ich h\u00e4tte keine Ahnung.<\/p>\n<p>&#8212;<\/p>\n<p>Eben aus den Twitterlinks gefischt und f\u00fcr wichtig befunden: <a href=\"http:\/\/techniktagebuch.tumblr.com\/post\/146913150817\/1-juli-2016\">Quellenangaben im digitalen Zeitalter<\/a>.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Fr\u00fch in der Stabi gewesen, ein gutes Buch f\u00fcr mein Auftragstexten gefunden, begeistert mehrere Autobiografien von Frauen durchgebl\u00e4ttert, die im 19. Jahrhundert gelebt haben, damit ich vern\u00fcnftiges Quellenmaterial f\u00fcr die Kindheitshausarbeit habe. 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