{"id":24745,"date":"2016-07-04T08:02:52","date_gmt":"2016-07-04T06:02:52","guid":{"rendered":"http:\/\/www.ankegroener.de\/?p=24745"},"modified":"2016-07-04T08:02:52","modified_gmt":"2016-07-04T06:02:52","slug":"the-last-laugh-regie-ferne-pearlstein-usa-2016-89-min","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.ankegroener.de\/blog\/?p=24745","title":{"rendered":"<i>The Last Laugh<\/i> (Regie: Ferne Pearlstein, USA 2016, 89 min.)"},"content":{"rendered":"<p>Im Rahmen des diesj\u00e4hrigen Filmfests M\u00fcnchen sah ich gerade mal einen einzigen Film, aber der war daf\u00fcr sehr gut. <em><a href=\"http:\/\/www.imdb.com\/title\/tt2102508\/\">The Last Laugh<\/a><\/em>, ein Dokumentarfilm von Ferne Pearlstein, <a href=\"https:\/\/www.filmfest-muenchen.de\/de\/programm\/filme\/film\/?id=4900\">fragt<\/a>, ob man \u00fcber Nazis und den Holocaust lachen darf \u2013 und hat keine eindeutige Antwort darauf.<\/p>\n<p>Im Film kommen diverse, ich glaube ausschlie\u00dflich j\u00fcdische, Komiker*innen zu Wort, die sich mit dem Thema Judenverfolgung, Nationalsozialismus, der Figur Hitler und dem Holocaust auseinandersetzen. Er f\u00e4ngt schon damit an, dass einige von ihnen Witze zu diesem Thema erz\u00e4hlen, und ich habe lange mit mir gerungen, ob ich sie aufschreiben sollte, denn sie waren so gut wie alle sch\u00f6ne Schenkelklopfer. Ich ahne aber, dass sie geschrieben l\u00e4ngst nicht solche Kracher sind, daher fragt mich einfach beim n\u00e4chsten Twittertreffen danach, ich habe jetzt ein paar im Repertoire. Und ja, die darf ich auch als nichtj\u00fcdische Deutsche erz\u00e4hlen.<\/p>\n<p>Auch das war eine Frage: Wer darf Witze \u00fcber dieses Thema machen? Ich pers\u00f6nlich w\u00fcrde mich sehr schwer damit tun, Witze \u00fcber j\u00fcdische Menschen oder den Holocaust zu machen. Witze \u00fcber Nazis und Hitler dagegen \u2013\u00a0immer her damit. Aber selbst das mag eine Frage des Abstands sein. Der Film sagt klar, dass jedes Thema seine Zeit brauche. \u00dcber 9\/11 konnte man auch nicht schon direkt danach Scherze machen, wenn man mal von Rudy Giuliani und dem Emsemble von <em>Saturday Night Live<\/em> absieht, von dem Giuliani Ende September 2011 gefragt wurde, ob man so kurz nach den Attacken schon wieder lustig sein d\u00fcrfe, und er trocken meinte: \u201eWhy start now?\u201c Weitere Einspieler zeigten Chris Rock, der sich \u00fcber die neuen T\u00fcrme am Ground Zero aufregt und sie die Never-go-in-there-towers nennt, \u201ebecause I&#8217;m never going in there.\u201c Der Scherz funktioniert aber auch erst jetzt und w\u00e4re zwei, drei, vier Jahre nach 2001 vermutlich b\u00f6se versandet.<\/p>\n<p>Was ich bei mir festgestellt habe: Meine Sichtweise \u2013\u00a0oder Toleranz? \u2013 gegen\u00fcber Themen oder Menschen, die diese Themen auf ihre Art anfassen, hat sich anscheinend ge\u00e4ndert. Ich hatte immer Schwierigkeiten mit Sarah Silvermann; ich fand sie stets einen Fu\u00dfbreit zu sehr \u00fcber meiner pers\u00f6nlichen Schmerzgrenze, aber im Film fand ich sie gro\u00dfartig, reflektiert \u2013 und vor allem witzig. Eine \u00e4hnliche Frage kam beim Q&#038;A nach dem Film mit der Regisseurin, die \u00fcber 20 Jahre an diesem Thema rumgeknetet hat, bis dann in den letzten Jahren <em>The Last Laugh<\/em> daraus wurde. Sie wurde gefragt, ob sie im Laufe der Dreharbeiten Witze geh\u00f6rt habe, die \u00fcber ihre Schmerzgrenze hinausgingen, und sie meinte, ja, da w\u00e4re einer dabei gewesen, den h\u00e4tte sie geschnitten. Netterweise erz\u00e4hlte sie uns den Scherz im Kino und auch im Saal hielten sich, glaube ich, die Reaktionen \u201elautes Lachen\u201c und \u201escharf die Luft einziehen\u201c die Waage. (Bei mir war&#8217;s beides auf einmal.)<\/p>\n<p>Pearlstein hatte \u00fcberlegt, den Witz trotzdem drinzulassen, denn ihre Referenzh\u00f6rerin f\u00fcr Scherze war die Auschwitz-\u00dcberlebende <a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=E2X7-NYbZE8\">Renee Firestone<\/a>, die mit ihrer Tochter Klara den zweiten roten Faden im Film bildet; der erste sind die Komiker*innen. Erst kurz vor Schluss fasst sie zusammen, was wir 90 Minuten lang sehen durften: gut zu leben, gl\u00fccklich zu leben, fr\u00f6hlich zu sein \u2013 das ist ihre beste Rache f\u00fcr das, was ihr angetan wurde. Und selbst wenn sie \u00fcber ihre KZ-Zeit spricht, macht sie Witze und erz\u00e4hlt die Geschichte, dass Josef Mengele sie und ihre Schwester untersucht habe, ob sie f\u00fcr Experimente in Frage k\u00e4men, und w\u00e4hrend er an ihr rumdr\u00fcckte, meinte er, falls sie den Krieg \u00fcberleben sollte, sollte sie sich bitte die Mandeln rausnehmen lassen, sie h\u00e4tte wirklich gro\u00dfe Mandeln. Da steht diese kleine Dame in ihrer K\u00fcche in den USA und findet es lustig, was Mengele zu ihr im KZ gesagt hat, und man sitzt im Publikum und kann sich, gerade wenn man in Deutschland ist, nicht so richtig mit ihr dar\u00fcber freuen, dass sie gerade eine so gute Punchline hatte.<\/p>\n<p>\u00dcberhaupt ist der Film ein st\u00e4ndiges Hin und Her zwischen sehr guter Komik und Szenen, in denen man als Deutsche*r einfach nur seinen Hut nehmen n\u00f6chte. Wenn einem alle 20 Sekunden lang das Wort Holocaust unterkommt, kann man nicht so recht entspannt mitlachen. Irgendwann macht man es nat\u00fcrlich doch, denn wer k\u00f6nnte schon Mel Brooks widerstehen oder eben Frau Silverman, Larry David oder Harry Shearer. Und dann erz\u00e4hlt Renee, dass sie in Auschwitz ihre Schwester Klara verlor und davon, dass sie erst vor wenigen Jahren herausgefunden hatte, dass sie nicht bei Experimenten gestorben sei, sie den Mann ausfindig machen konnte, der an ihrer Ermordung beteiligt war und der gemeint hatte, man h\u00e4tte Klara ja nicht \u00fcberleben lassen k\u00f6nnen, nach dem, was sie mitgemacht habe, und der Mann h\u00e4tte in M\u00fcnchen gelebt. Und man sitzt platt im Publikum und bem\u00fcht sich, m\u00f6glichst leise in sein Taschentuch zu weinen.<\/p>\n<p>Renee fand den Witz, den Pearlstein schlussendlich schnitt, \u201ehilarious\u201c, aber auch das machte Pearlstein klar: Es hat jede*r seine eigene Schmerzgrenze, und dieser Witz war ihre. Auch Mel Brooks meint, dass er nie Witze \u00fcber den Holocaust machen w\u00fcrde, und mir ist erst in diesem Film aufgefallen, dass der Mann Witze \u00fcber so ziemlich alles macht, auch \u00fcber seine eigene Religion und Nazis sowieso, aber stimmt, den Holocaust fasst er nicht an. Er findet auch Filme wie <em><a href=\"http:\/\/www.imdb.com\/title\/tt0118799\/?ref_=nv_sr_1\">Das Leben ist sch\u00f6n<\/a><\/em> furchtbar, andere Komiker*innen im Film \u00e4u\u00dfern sich \u00e4hnlich, Schnitt, ein Herr der <a href=\"http:\/\/www.adl.org\/\">Anti-Defamation League<\/a> tritt auf und sagt, <em>Das Leben ist sch\u00f6n<\/em> sei einer der besten Filme, die je gedreht wurden. Er bezog sich auf das generelle Thema, dass Eltern alles f\u00fcr ihre Kinder tun und deswegen sei der Film gro\u00dfartig, w\u00e4hrend die anderen Stimmen meinten, der Film verharmlose den Holocaust. Eigene Schmerzgrenze, eigene Definitionen. <\/p>\n<p>Renee und Klara nehmen an einer Convention in Las Vegas teil, in der sich Holocaust-\u00dcberlebende treffen. Eine der skurrilsten Szenen im Film ist eine Gondelfahrt von Renee und einer weiteren \u00dcberlebenden, die im nachgebauten Venedig stattfindet; die beiden sprechen \u00fcber die Ermordung von sechs Millionen Juden, und hinter den beiden alten Damen schmettert ein amerikanischer Gondoliere <em>O sole mio<\/em>. Man denkt 30 Minuten lang, das ist jetzt echt ein albernes Setting, aber kurz vor Schluss des Films erz\u00e4hlt Renee, dass sie kurz vor ihrer Verhaftung im Strandbad war, einen neuen Badeanzug trug und die ganze Zeit dieses Lied \u00fcber Lautsprecher schallte. Sie stieg mit dem Badeanzug unter ihrer Kleidung in den Viehwagen, der sie nach Auschwitz brachte, und hatte <em>O sole mio<\/em> im Ohr.<\/p>\n<p>&#8230;<\/p>\n<p>Ja, genau. Taschentuch.<\/p>\n<p>Ich mochte es sehr, dass <em>The Last Laugh<\/em> viele Menschen zu Wort kommen lie\u00df und selbst keine eigene Meinung zu haben scheint. Was man mitnimmt, sind viele pers\u00f6nliche Auseinandersetzungen mit diesem Thema, nicht nur die der Komiker*innen, sondern zum Beispiel eben auch die der Dame in der Gondel, die Witze \u00fcber ihr Schicksal niemals lustig findet, weil es einfach nicht lustig war, was ihr passiert ist. Dar\u00fcber sind sich auch alle Komiker*innen einig: Wenn du schon einen Witz \u00fcber ein solches Thema machst, dann muss er wirklich verdammt gut sein. Der Film bietet einige an, hat aber auch durchaus welche im Angebot, bei denen ich mir gerne die Ohren mit Seife ausgewaschen h\u00e4tte. Aber auch hier wieder: eigene Schmerzgrenze.<\/p>\n<p>Mich pers\u00f6nlich hat der Film noch etwas l\u00e4nger besch\u00e4ftigt, weil ich mich, total neu f\u00fcr euch, ich wei\u00df, gerade intensiv mit der Kunst der NS-Zeit auseinandersetze. Ich ahne, dass da ein Promotionsthema drin sein k\u00f6nnte und ich finde alles, was ich dar\u00fcber lese, spannend und lehrreich. Ich wei\u00df auch, dass gerade die deutsche Kunstgeschichte sich nicht unbedingt mit Ruhm bekleckert hat, wenn es um die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit diesem Thema geht; das passiert quasi erst seit gut 20 Jahren, davor galt die bequeme Position, das ist alles keine Kunst, das geht uns nichts an. Dass es aber nat\u00fcrlich Kontinuit\u00e4ten gab, die vor 1933 begannen und sich nach 1945 fortsetzten, hei\u00dft, dass es uns eben doch etwas angeht. Wir buddeln gerade nach Spuren, die vor 70 Jahren noch dagewesen w\u00e4ren, aber damals wollte ja niemand was mit diesem Thema zu tun haben.<\/p>\n<p>Ich frage mich nach solchen Filmen aber: Will ich mit diesem Thema zu tun haben? Werte ich im Nachhinein eine Kunst auf, die es vielleicht nicht verdient hat? W\u00e4re es vielleicht wirklich besser, alles als Schrott zu deklarieren und gut ist? Ich wei\u00df nat\u00fcrlich, dass ich pers\u00f6nlich keinem Opfer schade, wenn ich mich mit den Bildern besch\u00e4ftige, die Hitler gefallen haben. Ich wei\u00df auch, dass es wichtig ist, Dinge festzuhalten, bevor sie in der Geschichte verschwinden oder zu D\u00e4monen werden, die sie nicht sind. Ich zitiere immer gerne <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Julia_Voss\">Julia Voss<\/a>, die \u00fcber die <a href=\"http:\/\/www.gdk-research.de\/db\/apsisa.dll\/ete\">Website<\/a> der Gro\u00dfen deutschen Kunstausstellung <a href=\"https:\/\/volltext.merkur-zeitschrift.de\/article\/mr_2012_12_1171-1178_1171_01.pdf\">schrieb<\/a>, die erstmals den Zugang zu den Werken erm\u00f6glichte: \u201eWer im Internet die Ausstellungsr\u00e4ume durchschreitet, f\u00fchlt sich wie jemand, der eine H\u00f6hle betritt, von der es hie\u00df, sie sei von Drachen bewohnt, und darin auf Eidechsen, Molche und Lurche trifft.\u201c (<a href=\"http:\/\/www.faz.net\/aktuell\/feuilleton\/kunst\/ns-kunst-ein-tabu-wird-gebrochen-11496576.html\">Hier<\/a> ein Artikel von ihr, der vollst\u00e4ndig online ist, in dem aber das sch\u00f6ne Zitat fehlt.)<\/p>\n<p>Ich bin mit meinem Denkprozess noch nicht am Ende \u2013 wann bin ich das schon \u2013, aber es f\u00e4llt schwerer, unbefangen an die ganzen bl\u00f6den Landschaften und Stillleben zu gehen, wenn man Holocaust-\u00dcberlebenden zuh\u00f6rt. Vermutlich soll das genau so sein.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Im Rahmen des diesj\u00e4hrigen Filmfests M\u00fcnchen sah ich gerade mal einen einzigen Film, aber der war daf\u00fcr sehr gut. The Last Laugh, ein Dokumentarfilm von Ferne Pearlstein, fragt, ob man \u00fcber Nazis und den Holocaust lachen darf \u2013 und hat keine eindeutige Antwort darauf. Im Film kommen diverse, ich glaube ausschlie\u00dflich j\u00fcdische, Komiker*innen zu Wort, [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":10,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[],"class_list":["post-24745","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-weblog"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.ankegroener.de\/blog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/24745","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.ankegroener.de\/blog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.ankegroener.de\/blog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.ankegroener.de\/blog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/10"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.ankegroener.de\/blog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=24745"}],"version-history":[{"count":9,"href":"https:\/\/www.ankegroener.de\/blog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/24745\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":24754,"href":"https:\/\/www.ankegroener.de\/blog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/24745\/revisions\/24754"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.ankegroener.de\/blog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=24745"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.ankegroener.de\/blog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=24745"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.ankegroener.de\/blog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=24745"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}