{"id":24707,"date":"2016-06-29T09:41:54","date_gmt":"2016-06-29T07:41:54","guid":{"rendered":"http:\/\/www.ankegroener.de\/?p=24707"},"modified":"2016-06-29T12:03:06","modified_gmt":"2016-06-29T10:03:06","slug":"referatsnotizen-zur-frankfurter-kuche-1926","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.ankegroener.de\/blog\/?p=24707","title":{"rendered":"Referatsnotizen zur Frankfurter K\u00fcche (1926)"},"content":{"rendered":"<p>Letzte Woche hielt ich im Esskulturenseminar mein Referat zur <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Frankfurter_K%C3%BCche\">Frankfurter K\u00fcche<\/a>. Ich schreibe hier mal die Dinge runter, die ich spannend fand bzw. die mir bei der Recherche aufgefallen sind; alles weitere steht ja in der Wikipedia.<\/p>\n<p>Als Einleitung zum Referat stellte ich die Diskussion um Arbeits- oder Wohnk\u00fcchen vor. Daf\u00fcr recherchierte ich erstmal, wie K\u00fcchen \u00fcberhaupt so aussahen. Bis ins 16. Jahrhundert spielte sich, vor allem im b\u00e4uerlichen Bereich, fast das ganze Leben in einem Raum statt: Um die Feuerstelle herum, wenn&#8217;s einem richtig gut ging, war sie ummauert, wurde geschlafen und gearbeitet, auf ihr wurde gekocht. Sie war W\u00e4rme- und Licht-, allerdings auch Ru\u00dfquelle. Oft lebte in diesem Raum auch noch Kleinvieh, wurde aufgezogen, geschlachtet und weiterverarbeitet. Erst im 19. Jahrhundert und mit dem Aufkommen des B\u00fcrgertums \u00e4nderte sich am Raum K\u00fcche wirklich etwas, was auch den kleineren Familien, den neuen industriellen Errungenschaften und dem neuen Wissen \u00fcber Hygiene zu verdanken war.<\/p>\n<p>Es entwickelten sich die schon angesprochenen Wohn- und Arbeitsk\u00fcchen. In der Arbeiterklasse herrschte die Wohnk\u00fcche vor; wieder wurde in diesem warmen Raum nicht nur gekocht, sondern auch gearbeitet; der Hausherr nutzte die oft vorhandene K\u00fcchenbank f\u00fcr ein kleines Schl\u00e4fchen, generell herrschten Holzm\u00f6bel vor, die die K\u00fcche klar als Wohnraum auswiesen. Bestickte Handt\u00fccher schm\u00fcckten nicht nur, sondern sch\u00fctzten die noch ungekachelten W\u00e4nde vor Fettspritzern. Ein Badezimmer gab es nicht; in der K\u00fcche stand meist eine Blechsitzwanne. Beim Herd lief Altes neben Neuem: Es gab weiterhin die gemauerten Feuerstellen, weiterhin gab es gekachelte \u00d6fen mit einer Eisenplatte, auf der gekocht wurde, und im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts kam ein tragbarer Eisenherd, die sogenannte Kochmaschine, in Mode. Seit 1807 war Gas in St\u00e4dten zur Beleuchtung verwendet worden, zum Kochen wurde es ab den 1880er Jahren verwendet. F\u00fcr den elektrischen Strom wurde ab den 1890er Jahren geworben, er blieb aber lange Zeit teurer als andere Heiz- und Kochmittel, was auch die Akzeptanz der Frankfurter K\u00fcche beeinflussen sollte.<\/p>\n<p>Flie\u00dfendes Wasser gab es eher in den st\u00e4dtischen B\u00fcrgerh\u00e4usern; dort war neben der K\u00fcche gerne noch eine Sp\u00fclk\u00fcche, in der das Geschirr gewaschen wurde, weiterhin befand sich in der Wohnung eine Waschk\u00fcche. Diese B\u00fcrgerh\u00e4user besa\u00dfen meist auch schon ein Badezimmer. In anderen H\u00e4usern gab es stattdessen eine Wasserzapfstelle im Treppenhaus f\u00fcr mehrere Parteien.<\/p>\n<p>Beim St\u00f6bern in diversen B\u00fcchern zur K\u00fcchengeschichte fielen mir Gegenst\u00e4nde auf, die ich von meiner Omi kannte. Das war ein sehr seltsames Gef\u00fchl, in der Bibliothek zu sitzen und mit einem Wort wieder in der K\u00fcche in der N\u00e4he von Hannover zu sein, in der ich als Kind immer gern gespielt hatte. Omi hatte einen Tisch mit einem ausziehbaren Holzeinsatz, weswegen der Tisch sechs statt vier Beine hatte, was mich immer irritierte. In diesen Einsatz konnte man zwei gro\u00dfe Emaillesch\u00fcsseln setzen, die ich als Kind schlicht deswegen toll fand, weil sie so gro\u00df waren und so sch\u00f6n in den Tisch passten. Erst durch die Lekt\u00fcre zu diesem Referat ist mir klargeworden, dass in diesen Sch\u00fcsseln das Geschirr oder auch kleine W\u00e4schest\u00fccke ges\u00e4ubert wurden; das Wasser daf\u00fcr kam eben aus dem Treppenhaus. Ich meine mich daran zu erinnern, dass Omi diesen Ausziehtisch und die Sch\u00fcssel sogar noch verwendet hat, aber ich glaube, eher f\u00fcr riesige Familienfeiern, wo man halt gro\u00dfe Sch\u00fcsseln brauchte, um f\u00fcr 40 Leute Schokoladenpudding anzur\u00fchren.<\/p>\n<p>Zur\u00fcck in die b\u00fcrgerliche K\u00fcche vor dem 1. Weltkrieg. Sie war eine reine Arbeitsk\u00fcche. Das B\u00fcrgertum hatte repr\u00e4sentative R\u00e4ume, in denen auch gespeist wurde; in die K\u00fcche verirrte sich die Hausfrau h\u00f6chstens mal, um der K\u00f6chin oder dem Dienstm\u00e4dchen zu sagen, was sie gerne h\u00e4tte. (Einschub aus dem Rebekka-Habermas-Referat, in dem ich \u00fcber zwei Generationen des Besitz- und Bildungsb\u00fcrgertums sprach: Anfang des 19. Jahrhunderts war f\u00fcr die Hausfrau die Nahrungszubereitung genau das: Nahrung, die zubereitet wurde und die wurde dann gegessen, fertig. Eine Generation sp\u00e4ter legte die Tochter gro\u00dfen Wert darauf, ihrem Gatten mal sein Leibgericht zu servieren und sich daran zu erfreuen, dass er sich freute. Die Rolle der Hausfrau war nun mehr als \u201enur\u201c die Verwaltung von Haus und Hof (Stichwort <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Schl%C3%BCsselgewalt\">Sch\u00fcsselgewalt<\/a>), sondern die <em>liebevolle<\/em> Verwaltung. Die Frau sollte nun bittesch\u00f6n darauf achten, dass nicht nur alles lief, sondern dass es auch noch h\u00fcbsch war und alle gl\u00fccklich l\u00e4chelten. Ich \u00fcbertreibe, aber das hat mich schon wieder wahnsinnig gemacht. Die Mutter im Buch schreibt ihrer Tochter auch w\u00fctende Briefe, warum sie jetzt selbst stricke und h\u00e4kele und n\u00e4he, anstatt das gef\u00e4lligst Leute machen zu lassen, die daf\u00fcr Geld kriegen, aber das T\u00f6chterlein fand das halt so nett, mit ihren T\u00f6chtern beisammenzusitzen und etwas Sch\u00f6nes zu produzieren, das keinerlei \u00f6konomischen Wert hatte.<\/p>\n<p>Sto\u00dfrichtung des Habermas&#8217;schen Buch ist es, die angeblich tradierten Geschlechterrollen neu zu betrachten: Viele Entscheidungen seien den Frauen nicht von den M\u00e4nnern aufgedr\u00fcckt worden, sondern sie h\u00e4tten sie selbst gef\u00e4llt. Das kann sie auch sehr gut begr\u00fcnden, wobei ich ihr, genau wie jede*r andere*n Biograf*in unterstelle, die Quellen so zu interpretieren, wie es passt. Da ich f\u00fcr mein Kindheitsseminar viele andere Texte \u00fcber das gleiche Thema gelesen habe, ist mir aufgefallen, dass ihr <a href=\"https:\/\/opac.ub.uni-muenchen.de\/TouchPoint\/perma.do?q=+0%3D%222207787%22+IN+%5B2%5D&#038;v=sunrise&#038;l=de\">Buch<\/a> \u2013 zusammen mit Trepps <em><a href=\"https:\/\/opac.ub.uni-muenchen.de\/TouchPoint\/perma.do?q=+0%3D%221472026%22+IN+%5B2%5D&#038;v=sunrise&#038;l=de\">Sanfte M\u00e4nnlichkeit und selbstbewusste Weiblichkeit<\/a><\/em> \u2013 irgendwie immer die Exotinnenfu\u00dfnote bildet. Die Forschung scheint anzuerkennen, dass es Gegenstimmen zum gelernten \u201eMann geht raus und arbeitet f\u00fcr Geld, Frau bleibt im Heim und macht nix\u201c gibt, aber so richtig niedergeschlagen hat sich das in der weiteren Literatur noch nicht. Einschub Ende.)<\/p>\n<p>Die b\u00fcrgerliche K\u00fcche war ihrer Aufgabe entsprechend eher kleiner als die Arbeiterk\u00fcche, eher wei\u00df eingerichtet (das kam Anfang des 20. Jahrhunderts in Mode), eher schlicht als wohnlich. Es gab kurz nach dem 1. Weltkrieg Bestrebungen, Familien ganz von der Last des Kochens zu befreien. In Berlin entstanden einige sogenannte Eink\u00fcchenh\u00e4user; dort war im Erdgeschoss oder Souterrain eine gro\u00dfe K\u00fcche, in der Bedienstete f\u00fcr das ganze Haus kochten und die Nahrung per Speiseaufzug in die einzelnen Wohnungen schickten. Die Wohnungen selbst hatten h\u00f6chstens einen kleinen mobilen Gaskocher, falls doch mal etwas erhitzt werden musste. In der jungen Sowjetunion gab es die gleichen Bestrebungen, allerdings eine Nummer gr\u00f6\u00dfer: Hier wurden Kommunalgeb\u00e4ude geplant, in denen hunderte von Familien von einer Gro\u00dfk\u00fcche verpflegt wurden. Sie a\u00dfen allerdings alle gemeinsam in einem gro\u00dfen Speisesaal. Ich habe das betreffende Buch leider schon zur\u00fcckgegeben, daher wei\u00df ich nicht mehr genau, ob diese Kommune \u00fcber das Planungsstadium hinauskam (ich glaube ja). Die H\u00e4user in Berlin (hier wei\u00df ich nicht mehr genau, wo sie waren) besa\u00dfen nur wenige Jahre eine Gemeinschaftsk\u00fcche \u2013 schon um 1920 herum wurden die einzelnen Wohnungen mit K\u00fcchen nachger\u00fcstet.<\/p>\n<p>In den USA entwickelte sich in den 1880er Jahren das Home Economics Movement, das darauf hinwies, dass gerade in der K\u00fcche und ihren Arbeitsabl\u00e4ufen nicht mehr alles zeitgem\u00e4\u00df und viel zu umst\u00e4ndlich war. Nach 1910 wurden sowohl in den USA als auch in Deutschland die Handgriffe der Hausfrauen vermessen, um festzustellen, wo Arbeit einzusparen war. Das Movement und auch Teile der Frauenbewegung wollten die Frau nicht aus der K\u00fcche herausholen, ihr aber einen effizienten und ergonomischen Arbeitsplatz zur Verf\u00fcgung stellen. K\u00fcchenarbeit sollte als eben das anerkannt werden: Arbeit.<\/p>\n<p>Schon bei der Ergonomie haperte es: Es gab noch keine einheitlichen Standards f\u00fcr M\u00f6bel oder technische Ger\u00e4te. Meist sahen gerade Arbeiterk\u00fcchen aus so wie heutige WG-K\u00fcchen: Jeder bringt was mit und irgendwie passt das dann halt. Nur in Hotelk\u00fcchen hatten sich Standards bereits durchgesetzt, denn dort wurde professionell und in gr\u00f6\u00dferem Ausma\u00df gekocht, \u00e4hnlich wie sich Effizenzbestrebungen und ergonomische Arbeitsabl\u00e4ufe langsam in der Industrie durchsetzten, um die Produktion zu erh\u00f6hen. (Dar\u00fcber kann man nat\u00fcrlich auch diskutieren, wie toll das f\u00fcr die Arbeiter*innen war, dass sie mehr produzieren konnten.)<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Margarete_Sch%C3%BCtte-Lihotzky\">Margarete Sch\u00fctte-Lihotzky<\/a>, die Architektin der Frankfurter K\u00fcche, lie\u00df sich vom Mitropa-Speisewagen inspirieren. Sie stellte fest, dass dort auf 8 qm (eine K\u00fcche und ein Raum zum Anrichten der Speisen) in 15 Stunden \u00fcber 400 G\u00e4ste verk\u00f6stigt werden konnten und fragte sich, wieso eine Familie von f\u00fcnf Personen, die dreimal am Tag isst, doppelt oder dreifach so viel Platz brauchte.<\/p>\n<p>Kurz zur Wohnungsbausituation. Nach dem 1. Weltkrieg zogen immer mehr Menschen in die St\u00e4dte. Der Anteil der Stadtbewohner*innen stieg von 1910 bis 1930 von 21 auf 37% der Bev\u00f6lkerung. 1930 lebte ein Siebtel aller Deutschen im Gro\u00dfraum Berlin. Dort und in Frankfurt (unter der Leitung von <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Ernst_May\">Ernst May<\/a>) wurden als Pilotprojekte gro\u00dfe Wohnanlagen in Vorst\u00e4dten geplant, die die \u00fcberf\u00fcllten Innenst\u00e4dte entlasten sollten. Aus Kostengr\u00fcnden entschied man sich f\u00fcr die Plattenbauweise und relativ kleine Wohnungen. Zwischen 1920 und 1932 wurden im Deutschen Reich 2,6 Millionen Wohnungen mit flie\u00dfendem Wasser, Gas und Elektrizit\u00e4t gebaut. In 10.000 dieser Wohnungen in Frankfurt wurde die Frankfurter K\u00fcche eingebaut. Einige wenige sind meines Wissens nach noch erhalten, aber auch sie befinden sich nicht mehr komplett im Originalzustand.<\/p>\n<p>(Wenn Sie sich bitte mal das <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Frankfurter_K%C3%BCche#\/media\/File:Frankfurter-kueche-vienna.JPG\">Bild<\/a> in der Wikipedia angucken? Sie k\u00f6nnen meine folgenden Ausf\u00fchrungen dann besser nachvollziehen.)<\/p>\n<p>Die K\u00fcche war eine reine Arbeitsk\u00fcche und folgte damit auch der Maxime von <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Bruno_Taut\">Bruno Taut<\/a>, der 1924 gefordert hatte, nur noch Arbeitsk\u00fcchen in neue Wohnungen einzubauen. Die Sozialwissenschaftlerin Erna Meyer (die sp\u00e4ter die <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/M%C3%BCnchner_K%C3%BCche\">M\u00fcnchner K\u00fcche<\/a> entwarf) vertrat 1926 eher die Wohnk\u00fcche; sie propagierte eine Kochzeile im Wohnraum, damit die Hausfrau nicht so von ihrer Familie abgeschnitten war. Sch\u00fctte-Lihotzky entschied sich f\u00fcr eine Arbeitsk\u00fcche, in der auf 6,5 qm Kochen, Abwaschen und B\u00fcgeln m\u00f6glich war.<\/p>\n<p>Besonders an der K\u00fcche war, neben ihrer geringen Gr\u00f6\u00dfe, zum Beispiel das Abtropfgestell \u00fcber der Sp\u00fcle. Effizienzuntersuchungen hatten festgestellt, dass Frauen die schmutzigen Teller meist links von sich liegen hatten; sie mussten aufgenommen und gewaschen werden, wurden dann rechts abgelegt und sp\u00e4ter verr\u00e4umt. Mit dem Abtropfgestell erspart man sich einge Handgriffe: Das Geschirr wird aufgenommen, abgewaschen und im links h\u00e4ngenden Gestell deponiert, wo es trocknet und auch seinen endg\u00fcltigen Aufbewahrungsplatz hat.<\/p>\n<p>Der Drehstuhl vor der Tischplatte ist h\u00f6henverstellbar, das Fenster extra etwas h\u00f6her angebracht, damit man es entspannt \u00f6ffnen kann, selbst wenn der Tisch mit Nahrung oder Ger\u00e4tschaften zugestellt ist. In der Tischplatte befindet sich ein Loch, durch das Gem\u00fcsereste wie Kartoffelschalen etc. direkt in eine kleine Schublade geschoben werden konnten. Die Schublade wurde sp\u00e4ter entleert. (Sowas h\u00e4tte ich gerne! Au\u00dfer wenn ich Tomatensauce koche, saue ich meine K\u00fcche dann am gro\u00dffl\u00e4chigsten ein, wenn ich M\u00fcll von der Arbeitsplatte in den M\u00fclleimer transportiere.)<\/p>\n<p>Neben dem elektischen Herd befindet sich eine Kochkiste, die, wenn ich den Foodblogs glauben darf, gerade eine kleine Renaissance feiert. In ihr garen angekochte Speisen stundenlang einfach weiter, bis sie fertig sind \u2013 ganz ohne Strom oder andere Energie. An der linken Wand der K\u00fcche befindet sich ein herunterklappbares B\u00fcgelbrett, und der Weg ins Esszimmer nebenan soll nicht mehr als drei Meter betragen. Rechts in der Schrankwand, die, auch neu, bewegliche Einlegeb\u00f6den hatte, befinden sich die <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Frankfurter_K%C3%BCche#\/media\/File:Sch%C3%BCtten-frankfurter-k%C3%BCche.jpg\">Haarer Sch\u00fctten<\/a>, die ich auch gerne h\u00e4tte. Sie ersparen der Hausfrau das ewige Packungsaufrei\u00dfen und -wiederverschlie\u00dfen; Mehl, Zucker, H\u00fclsenfr\u00fcchte etc. werden einfach in die Sch\u00fctte getan und k\u00f6nnen von dort aus auch verwendet werden \u2013 daher der Name Sch\u00fctte. Man konnte den Zucker einfach raussch\u00fctten und musste nicht noch l\u00f6ffeln oder \u00e4hnliches. Und schick sehen sie aus! Mein Lieblingsfeature in der K\u00fcche ist allerdings die Deckenlampe, die man genau dahinschieben oder -ziehen konnte, wo man sie gerade brauchte. Okay, heute haben wir drehbare Halogenspots, aber wie clever!<\/p>\n<p>F\u00fcr die Frankfurter K\u00fcche wurde erstmals mit der Industrie zusammengearbeitet, die einheitliche Ma\u00dfe fertigte und das durch die geforderte hohe St\u00fcckzahl auch noch halbwegs erschwinglich. Trotzdem wurden die Wohnungen f\u00fcr Arbeiter meist zu teuer, die meisten Bewohner*innen waren kleinb\u00fcrgerlich\u00a0\u2013 und teilweise nicht ganz gl\u00fccklich mit der neuen K\u00fcche, obwohl sie in Radiospots und Veranstaltungen erkl\u00e4rt wurde und es Informationsmaterial zu ihrer Benutzung gab. Hauptkritikpunkt war, und das freute vermutlich Frau Meyer, dass die Hausfrau sich von ihrer Familie zu sehr abgeschnitten f\u00fchlte in ihrem kleinen Arbeitskabinett. Es wurde au\u00dferdem bem\u00e4ngelt, dass eigene M\u00f6bel keinen Platz mehr hatten, das Loch im Tisch sorgte f\u00fcr Erstaunen, und mit der Elektrizit\u00e4t konnten sich auch viele nicht anfreunden. Teilweise war es eine Preisfrage, teilweise wollten sie schlicht nicht damit kochen. Einige nutzten kleine Gaskocher f\u00fcr ihre Mahlzeiten, andere gaben zu, gar nicht mehr warm zu essen.<\/p>\n<p>Die Frankfurter K\u00fcche war auch deshalb so neu, weil sie erstmals im privaten Bereich einen kompletten Raum durchgestaltete. Heute gaukeln uns Einbauk\u00fcchen und Ikea wenigstens vor, dass wir noch eine Wahl h\u00e4tten, aber im Prinzip machen wir heute das gleiche: Wir gestalten einen Raum anstatt dass wir wild M\u00f6bel in ihm platzieren. Die blauen Oberfl\u00e4chen waren \u00fcbrigens nicht nur Deko; angeblich hatten Wissenschaftler*innen herausgefunden, dass Fliegen sich nicht auf blaue Fl\u00e4chen setzten.<\/p>\n<p>Die Nationalsozialisten propagierten wieder die gem\u00fctliche Wohnk\u00fcche. Nach 1945, als wie schon in den 1920er Jahren gro\u00dfe Wohnungsnot herrschte, entschied man sich wieder f\u00fcr eher kleine K\u00fcchen, die inzwischen unter dem Namen <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Schwedenk%C3%BCche\">Schwedenk\u00fcche<\/a> aus den USA in die Bundesrepublik kamen. 1956 hatte eine Sozialwohnung durchschnittlich 57,6 qm (zwei Zimmer, K\u00fcche, Bad). Die K\u00fcche war meist zwischen 4 und 7 qm gro\u00df und mit Herd, Sp\u00fcle, Speisekammer oder entfl\u00fcftbarem Speiseschrank ausger\u00fcstet. Ich meine mich zu erinnern, dass K\u00fchlschr\u00e4nke erst in den 1960er Jahren in der Bundesrepublik Standard wurden, aber das wei\u00df ich nicht mehr genau.<\/p>\n<p>In den 1950er Jahren wurden in Westdeutschland erstmals glatte, durchgehende Arbeitsfl\u00e4chen und industriell genormte Ger\u00e4te, die fugenlos verbunden waren, verbaut. Die Ausstattung und Einrichtung der K\u00fcche wurde allerdings nicht mehr vorgegeben, sondern konnte bereits individuell zusammengestellt werden. Seit 1957 gab es DIN-Normen f\u00fcr Elektroger\u00e4te und Schrankteile, in dieser Zeit kamen auch Kunststoffoberfl\u00e4chen in Mode. K\u00fcchen wurden cleaner und aseptischer, was in den 1970ern zum Umschwung in Richtung gem\u00fctliche Landhausk\u00fcche f\u00fchrte. 1970 war die durchschnittliche K\u00fcche 11 qm gro\u00df, nicht nur in Mietwohnungen, auch in Eigenheimen. 1993 hatten dreiviertel aller K\u00fcchen eine Gr\u00f6\u00dfe zwischen 5 bis 15 qm. Meiner Meinung nach hat sich weder die reine Arbeits- noch die reine Wohnk\u00fcche durchgesetzt.<\/p>\n<p>In der DDR machte man sich nach 1949 Gedanken zum sozialistischen Design, das \u00e4hnlich schwer zu definieren war wie die sozialistische Kunst (<a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Formalismusstreit\">Formalismusstreit<\/a>). Man endete ungef\u00e4hr da, wo auch Westdeutschland war: bei kleinen K\u00fcchen mit skandinavisch anmutendem Design. Der Grundgedanke war auch hier: g\u00fcnstige, funktionale M\u00f6bel in erschwinglichen und schnell zu bauenden Wohnungen.<\/p>\n<p>Mit der Planung von mehrgeschossigen Wohnbauten wurde <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Gerhard_Kosel\">Gerhard Kosel<\/a> beauftragt, der 1954 aus der Sowjetunion in die DDR zur\u00fcckkehrte. Er war 1932 mit Bruno Taut (wir erinnern uns: Arbeitsk\u00fcche 1924) in die UdSSR \u00fcbergesiedelt und hatte unter Ernst May (wir erinnern uns: Frankfurt) am Aufbau eines Kombinats mitgewirkt. Ich gehe stark davon aus, dass seine Kollegen, Lehrmeister und Vorgesetzten seine architektonische Auffassung von K\u00fcchen- und Wohnraumgestaltung entscheidend mitgepr\u00e4gt haben. Au\u00dferdem quietsche ich immer gl\u00fccklich, wenn ich solche Querverbindungen finde, weil man dann einen sch\u00f6nen roten Faden f\u00fcrs Referat hat. \u201eAuf den Herren komme ich nochmal zur\u00fcck.\u201c Zack, Aufmerksamkeit.<\/p>\n<p>Kosel entwickelte zwischen 1960 und 1962 den <a href=\"http:\/\/www.jeder-qm-du.de\/ueber-die-platte\/detail\/p-2\/\">Plattenbau P2<\/a>, der bis 1989 verbaut wurde. Das Besondere an ihm war die innenliegende, fensterlose (und kleine) K\u00fcche, die nur durch einen Vitrinenschrank mit Durchreiche belichtet wurde, der die K\u00fcche vom Wohnraum abtrennte. Ab 1972 gab es zus\u00e4tzlich den <a href=\"http:\/\/www.jeder-qm-du.de\/ueber-die-platte\/detail\/wbs-70\/\">Bautyp WBS 70<\/a>, dessen K\u00fcchen gr\u00f6\u00dftenteils au\u00dfenliegend waren.<\/p>\n<p>Die Frage, die ich zum Beginn des Referats stellte, war: Hat die Frankfurter K\u00fcche die K\u00fcchenentwicklung in der Bundesrepublik und der DDR nach 1945 beeinflusst? Das w\u00fcrde ich mit einem dicken Ja beantworten. Die Frankfurter K\u00fcche hat kleine K\u00fcchen zu einem Normalzustand gemacht (das kann man positiv oder negativ sehen), wir setzen heute ergonomische, flexible M\u00f6bel in der richtigen H\u00f6he voraus und verlassen uns auf eine standardisierte Fertigung, damit der neue Herd auch ja in die L\u00fccke passt, die der alte hinterlassen hat.<\/p>\n<p>&#8212;<\/p>\n<p>Literatur (Auswahl):<\/p>\n<p>Andritzky, Michael (Hrsg.): <em>Oikos \u2013 von der Feuerstelle zur Mikrowelle. Haushalt und Wohnen im Wandel<\/em>, Gie\u00dfen 1992.<\/p>\n<p>D\u00e4uper, Anne: \u201eZwischen Kochtopf und Fassade\u201c, in: <em>ach. Ansichten zur Architektur<\/em> 23\/24 (2006), S. 7\/8.<\/p>\n<p>He\u00dfler, Martina: \u201eThe Frankfurt Kitchen: The Model of Modernity and the \u201aMadness\u2018 of Traditional Users, 1926 to 1933\u201c, in: Oldenziel, Ruth\/ Zachmann, Karin (Hrsg.): <em>Cold War Kitchen. Americanization, Technology, and European Users<\/em>, Cambridge, Mass. 2009, S. 163\u2013184.<\/p>\n<p>Mai, Gunther: <em>Europa 1918\u20131939. Mentalit\u00e4ten, Lebensweisen, Politik zwischen den Weltkriegen<\/em>, Stuttgart 2001.<\/p>\n<p>Miklautz, Elfie\/Lachmayer, Herbert\/Eisendle, Reinhard (Hrsg.): <em>Die K\u00fcche. Zur Geschichte eines architektonischen, sozialen und imaginativen Raums<\/em>, Wien\/K\u00f6ln\/Weimar 1999.<\/p>\n<p>Noever, Peter  (Hrsg.): <em>Margarete Sch\u00fctte-Lihotzky. Soziale Architektur. Zeitzeugin eines Jahrhunderts<\/em>, Wien 1996.<\/p>\n<p>Palutzki, Joachim: \u201eDer standardisierte Wohnungsbau. Zur Entwicklung der Wohnungsbauprogramme der 1960er und 1970er Jahre in der DDR\u201c, in: Lichtnau, Bernfried (Hrsg.): <em>Architektur und St\u00e4dtebau im s\u00fcdlichen Ostseeraum zwischen 1936 und 1980<\/em>, Berlin 2002, S. 409\u2013433.<\/p>\n<p>Pf\u00fctzner, Katharina: \u201e\u201aBut a home is not a laboratory\u2018. The Anxieties of Designing for the Socialist Home in the German Democratic Republic 1950\u20131965\u201c, in: Schuldenfrei, Robin (Hrsg.): <em>Atomic Dwelling. Anxiety, Domesticity, and Postwar Architecture<\/em>, London 2012, S. 149\u2013168.<\/p>\n<p>Silbermann, Alphons: <em>Die K\u00fcche im Wohnerlebnis der Deutschen. Eine soziologische Studie<\/em>, Opladen 1995.<\/p>\n<p>Surmann, Antonia: <em>Gute K\u00fcchen, wenig Arbeit. Deutsches K\u00fcchendesign im westeurop\u00e4ischen Kontext 1909\u20131989<\/em>, Berlin 2010.<\/p>\n<p>Das Surmann-Buch ist der Kracher! Das ist eine kunsthistorische Dissertation, laut Einleitung die erste, die sich mit K\u00fcchendesign in Westeuropa von 1909 bis 1989 besch\u00e4ftigt. Die Bilder sind eine einzige Schatztruhe. Alleine damit k\u00f6nnte man einen entspannten Diaabend mit Mettigel und Fr\u00fcchtebowle bestreiten.<\/p>\n<p>Eine Leserin wird sehr \u00fcber den Noever st\u00f6hnen, aber ich fand den recht informativ.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Letzte Woche hielt ich im Esskulturenseminar mein Referat zur Frankfurter K\u00fcche. Ich schreibe hier mal die Dinge runter, die ich spannend fand bzw. die mir bei der Recherche aufgefallen sind; alles weitere steht ja in der Wikipedia. Als Einleitung zum Referat stellte ich die Diskussion um Arbeits- oder Wohnk\u00fcchen vor. Daf\u00fcr recherchierte ich erstmal, wie [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":10,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[],"class_list":["post-24707","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-weblog"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.ankegroener.de\/blog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/24707","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.ankegroener.de\/blog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.ankegroener.de\/blog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.ankegroener.de\/blog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/10"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.ankegroener.de\/blog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=24707"}],"version-history":[{"count":19,"href":"https:\/\/www.ankegroener.de\/blog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/24707\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":24726,"href":"https:\/\/www.ankegroener.de\/blog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/24707\/revisions\/24726"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.ankegroener.de\/blog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=24707"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.ankegroener.de\/blog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=24707"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.ankegroener.de\/blog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=24707"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}