{"id":247,"date":"2003-02-28T16:53:16","date_gmt":"2003-02-28T15:53:16","guid":{"rendered":"http:\/\/www.ankegroener.de\/?p=247"},"modified":"2004-11-08T20:15:08","modified_gmt":"2004-11-08T19:15:08","slug":"good-bye-lenin","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.ankegroener.de\/blog\/?p=247","title":{"rendered":"Good Bye, Lenin!"},"content":{"rendered":"<p><em><a href=\"http:\/\/imdb.com\/title\/tt0301357\/\">Good bye, Lenin!<\/a> (D, 2003)<\/p>\n<p>Darsteller: Daniel Br\u00fchl, Katrin Sa\u00df, Chulpan Khamatowa, Maria Simon, Florian Lukas<br \/>\nDrehbuch: Bernd Lichtenberg<br \/>\nKamera: Martin Kukula<br \/>\nMusik: Yann Tiersen<br \/>\nRegie: Wolfgang Becker<\/em><\/p>\n<p>Die DDR war f\u00fcr mich immer ein Land, in dem die Menschen komische Schuhe trugen und schlechte Z\u00e4hne hatten. Die Schokolade schmeckte seltsam, die B\u00fccher waren wahnsinnig billig, und im Restaurant durfte man nie die Tische zusammenschieben, wenn man sich nicht die gesamte Verachtung des sozialistischen Thekenpersonals zuziehen wollte, bei dem man entweder Club Cola oder Karotten-Orangen-Juice bestellen konnte. In der Disco musste 50 Prozent Ost-Musik gespielt werden, das Plattenlabel hie\u00df Amiga, und bei der Grenzkontrolle habe ich immer nur an den <em>Spiegel<\/em> in meinem Rucksack gedacht und dass sie mich daf\u00fcr wahrscheinlich zehn Jahre nach Bautzen schicken werden, wenn sie&#8217;s rauskriegen. Au\u00dferdem fand ich das Ost-Sandm\u00e4nnchen immer besser als unseres, muss heute noch bei der Melodie heulen und habe wahrscheinlich genauso verkl\u00e4rte Erinnerungen an diesen Staat wie die ganzen Ossis. Nur, dass ich nie in der DDR leben musste, sondern nach ein paar Wochen Urlaub oder Jugendfreizeit wieder nach Hause in den Westen durfte \u2013 und dar\u00fcber auch, ehrlich gesagt, ziemlich froh war. Mir war bis heute schleierhaft, wie man sich einen Staat zur\u00fcckw\u00fcnschen kann, der seine Bewohner bespitzelt hat, aus dem man nicht rauskonnte, wenn man wollte und der einem vorschreiben konnte, welchen Beruf man erlernen sollte.<\/p>\n<p>Bis heute, wie gesagt.<\/p>\n<p>Ich habe gerade <em>Good bye, Lenin!<\/em> gesehen. Und allm\u00e4hlich komme ich dahinter. Ich behaupte mal, dass sich niemand aus Ostdeutschland nach der Mauer sehnt, nach der Stasi, nach den fiesen Klamotten und dem Schlangestehen. Aber ich ahne, dass sich viele einfach nach zuhause sehnen. Nach diesem Gef\u00fchl zu wissen, wo man herkommt und wo es langgeht. Genau wie \u201ewir Wessis\u201c ein Gemeinschaftsgef\u00fchl beschw\u00f6ren, wenn wir \u00fcber <em>Die Biene Maja<\/em> oder <em>Die drei ???<\/em> reden, so wird es wohl auch \u201eden Ossis\u201c gehen, wenn sie \u00fcber Schnatterinchen und Pittiplatsch lachen. Alleine die Tatsache, dass ich nicht wei\u00df, \u00fcber welche Kindheitserinnerungen \u201edie Ossis\u201c eigentlich lachen, zeigt mir gerade, wie wenig wir immer noch voneinander wissen.<\/p>\n<p>Vielleicht hat mir deshalb <em>Good bye, Lenin!<\/em> so gut gefallen: weil auf einmal ein Gef\u00fchl da war, dass wir alle eigentlich das gleiche wollen \u2013 einen Platz, der uns geh\u00f6rt und zu dem wir immer zur\u00fcckgehen k\u00f6nnen. <\/p>\n<p>Die Story des Films: der 20j\u00e4hrige Alexander lebt mit Mutter und Schwester in Ost-Berlin im Jahre 1989. Die Mutter erleidet \u00fcberraschend einen Herzinfarkt und f\u00e4llt ins Koma. Nach acht langen Monaten erwacht sie und glaubt, alles sei wie fr\u00fcher. Was sie nicht wei\u00df: W\u00e4hrend sie schlief, ging die DDR unter, die Westmark zog ein, die Wiedervereinigung war bereits beschlossene Sache. Um jede Aufregung von ihr fernzuhalten, versucht Alexander, ihr ein kleines Reich zu schaffen, in dem die DDR fortbesteht. Die Wohnung bzw. das Schlafzimmer der Mutter ist das letzte St\u00fcck real existierender Sozialismus in Deutschland. Daf\u00fcr f\u00fcllt Alexander Jacobs Kaffee in DDR-Packungen, die er aus dem M\u00fcll fischt, besticht Kinder, das FDJ-Halstuch nochmal umzubinden und frohe Lieder am Krankenbett zu singen und nimmt mit seinem Westkollegen gef\u00e4lschte Sendungen der <em>Aktuellen Kamera<\/em> auf.<\/p>\n<p>Zu Alexanders Schwierigkeiten, einen untergegangenen Staat in einer Drei-Raum-Wohnung aufrecht zu erhalten, kommt noch die eigene Arbeitslosigkeit, die allerdings nicht von Dauer ist, die Beziehung zu einer russischen Krankenschwester und die nicht enden wollende Suche nach Spreewaldgurken.<\/p>\n<p>Was den Film f\u00fcr mich so r\u00fchrend gemacht hat, war, wie gesagt, die Tatsache, dass wir uns eben doch nicht mehr so fremd sind. Vielleicht suchen wir nicht nach Spreewaldgurken, aber jeder, ob Ost oder West, arbeitet an Beziehungen, versucht sich finanziell \u00fcber Wasser zu halten und sucht eigentlich nur eine kleine Ecke im Leben, in der man es sich gem\u00fctlich machen kann \u2013 wo man sich selbst \u00fcberlassen bleibt, wo es einem gut geht, wo eben zuhause ist. Manche bl\u00e4ttern in alten Fotoalben, um sich an Augenblicke zu erinnern, in denen alles so war, wie es sein sollte. Andere brauchen einen bestimmten Geruch oder das Lieblingsbuch aus der Kindheit. Und wieder andere bekommen vielleicht beim Namen Siegmund J\u00e4hn feuchte Augen, weil das eben zuhause war. Weil das Teil der Kindheit war, an die man sich gerne zur\u00fcckerinnert.<\/p>\n<p>Niemand kann in seine Kindheit zur\u00fcckkehren. Ich fahre auch manchmal an dem Haus vorbei, in dem ich als Kind gewohnt habe, und es f\u00fchlt sich komisch an zu wissen, dass ich nicht einfach in das Haus gehen kann und mein Kinderzimmer wiederfinde. Aber wenigstens ist alles um das Haus herum noch so, wie ich es in Erinnerung habe: Der Garten ist nicht pl\u00f6tzlich gelb statt gr\u00fcn, es h\u00e4ngen nicht pl\u00f6tzlich sozialistische Spruchb\u00e4nder da, wo sonst eine Coca Cola-Reklametafel war, ich kann immer noch mit der mir vertrauten W\u00e4hrung bezahlen, und es kommen die gleichen Sendungen im Fernsehen wie vorher.<\/p>\n<p>Wenn ich mir \u00fcberlege, dass ich nicht nur das Haus verloren h\u00e4tte, sondern eben auch die ganze Umgebung, w\u00fcrde ich mich wahrscheinlich auch danach zur\u00fccksehnen. Selbst wenn der Garten vielleicht voller Steine gewesen und mir die Reklametafel immer auf die Nerven gegangen w\u00e4re. Egal. Es w\u00e4re meine Heimat gewesen, ein Teil von mir, ein Teil, der jetzt nicht mehr da ist und den ich nie wiederbekommen werde. Und ich habe jedes Recht der Welt, diesen Teil zu vermissen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Good bye, Lenin! 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