{"id":24532,"date":"2016-06-07T13:09:49","date_gmt":"2016-06-07T11:09:49","guid":{"rendered":"http:\/\/www.ankegroener.de\/?p=24532"},"modified":"2016-06-07T13:09:49","modified_gmt":"2016-06-07T11:09:49","slug":"tagebuch-montag-6-juni-2016-rumdenken","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.ankegroener.de\/blog\/?p=24532","title":{"rendered":"Tagebuch, Montag, 6. Juni 2016 \u2013 Rumdenken"},"content":{"rendered":"<p>Wieder eine sch\u00f6ne Sitzung im Biografieforschungsseminar gehabt. Wir sprachen zun\u00e4chst \u00fcber das <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Habitus_(Soziologie)\">Habitus-Konzept Bourdieus<\/a>, das ich allm\u00e4hlich verinnerlicht habe, weil wir auch im Esskulturenseminar dar\u00fcber diskutierten. Gestern setzten wir es in einen Bezug zu einem <a href=\"http:\/\/digi20.digitale-sammlungen.de\/de\/fs1\/object\/display\/bsb00040358_00001.html\">Buch<\/a> von <a href=\"https:\/\/docupedia.de\/zg\/Docupedia:Morten_Reitmayer\">Morten Reitmayer<\/a> \u00fcber <a href=\"http:\/\/www.hsozkult.de\/publicationreview\/id\/rezbuecher-1316\">Bankiers im Kaiserreich<\/a>. Das Referat zum Thema wurde von einem nicht-deutschen Studenten gehalten \u2013 anhand seines Namens tippe ich auf irgendwas in Osteuropa \u2013, der damit begann, dass er selbst versuche, seinen Habitus an den seiner deutschen Umgebung anzupassen: \u201eIch bin immer p\u00fcnktlich und arbeite gewissenhaft.\u201c Das war einerseits niedlich, sowas gesagt zu bekommen, auf der anderen Seite aber auch irgendwie seltsam. Allm\u00e4hlich glaube ich, P\u00fcnktlichkeit und Pflichtbewusstsein sind keine Klischees \u2013 wir sind anscheinend wirklich so.<\/p>\n<p>&#8212;<\/p>\n<p>Nach dem Seminar brachte ich einen Schwung B\u00fccher in die Bibliothek und lieh mir zwei neue (kein Gang mit leeren H\u00e4nden, alte Kellnerinnenregel). In <a href=\"https:\/\/opacplus.bsb-muenchen.de\/search?isbn=3534186168&#038;db=100\">einem<\/a> davon las ich einen Aufsatz von Detlev Mares und Ute Schneider \u00fcber ein interessantes Projekt der TU Darmstadt: \u201e\u201aSo habe ich das nicht in Erinnerung &#8230;\u2018 Seniorenstudierende als Zeitzeugen der Geschichte. Ein Projektbericht.\u201c Darin wird erz\u00e4hlt, dass gerade Geschichte ein beliebtes Fach f\u00fcr Senior*innen an der Uni ist (ich w\u00fcrde Kunstgeschichte auch ganz oben in die Liste packen), aber eher \u00e4ltere und antike, weniger neue und neueste Geschichte. In diesen Seminaren und Vorlesungen finden sich allerdings auch \u00e4ltere Menschen, und die TU nutzte diese Gelegenheit, um daraus ein Seminar um Zeitzeugenschaft zu basteln. Einige Senior*innen lie\u00dfen sich \u00fcber die Zeit direkt nach dem Zweiten Weltkrieg ausfragen, und die Studis f\u00fchrten Interviews und werteten sie aus.<\/p>\n<p>Was mich dabei faszinierte, war die Art des Erz\u00e4hlens und des Nachfragens. Einige Senior*innen hatten sich eine Biografie gebastelt (machen wir ja alle \u2013 this is my truth, tell me yours), die mit gelernten Geschichtsbildern \u00fcbereinstimmte, andere wichen davon ab und berichteten zum Beispiel von unangenehmen Begegnungen mit amerikanischen Soldaten, die in der allgemeinen Erinnerung als \u201edie Guten\u201c abgespeichert sind. Auch wichtig: die pers\u00f6nliche Sympathie der Fragenden, die sie teilweise davon abhielt, nachzuhaken oder unangenehme Fragen zu stellen.<\/p>\n<p>Dar\u00fcber denke ich auch seit kurzem nach, denn ich hoffe, dass ich mit der Tochter von Leo von Welden (sie ist jetzt 80) sprechen kann, um \u00fcber die Werke ihres Vaters mehr zu erfahren. Mein anf\u00e4ngliches Bild von von Welden hat sich schon ge\u00e4ndert, was ich versucht habe im Blick zu behalten und es nicht einfach so hinzunehmen. Anfangs war ich dar\u00fcber ver\u00e4rgert, dass seine Mitwirkung in der GdK in der Literatur offensiv verschwiegen wurde und war bestrebt, diese Ausstellung als einen gro\u00dfen Teil seiner Biografie anzusehen; inzwischen stehe ich auf dem Standpunkt, dass es unfair ist, ihn anhand von f\u00fcnf Bildern, die stilistisch und motivisch nicht seinem Restwerk entsprechen, zu verurteilen. Ich frage mich allerdings, ob ich damit nicht genau das tue, was alle nach 1945 getan haben: Strich drunter, Stunde Null. Ich will objektiv an den K\u00fcnstler und sein Werk herangehen, aber ich ahne langsam, dass das schlicht nicht m\u00f6glich ist. Also versuche ich immerhin, mir \u00fcber meine Subjektivit\u00e4t klar zu sein, bevor ich das Gespr\u00e4ch mit Frau Schwaiger-Welden beginne. Ich wei\u00df aus meiner Erfahrung mit Interviews aber auch, dass ich gerne dem Faden folge, den mir die Interviewten hinlegen; ich bin immer dankbar f\u00fcr ein Narrativ, das ich unhinterfragt aufschreiben kann \u2013 und genau das darf mir in diesem Fall nat\u00fcrlich nicht passieren. Mein Dozent warnte mich auch schon vor dem Gef\u00fchl des Eingeweihtseins, der Freude \u00fcber diesen Zugang zu Werken, den nicht jeder bekommt \u2013 da sollte ich vorsichtig sein und kritisch bleiben. Auch aus diesem Grund habe ich den Aufsatz \u00fcber die Seniorstudis gerne gelesen. (Und mich von ein paar Vorurteilen verabschiedet.)<\/p>\n<p>&#8212;<\/p>\n<p>Wovon ich mich vermutlich auch verabschiede, sind die beiden Vorlesungen in diesem Semester. Mit den vier Seminaren bin ich absolut zufrieden, mit den Vorlesungen \u00fcberhaupt nicht. Beide Themen klangen vielversprechend, aber ich merke, dass ich in jeder Sitzung damit k\u00e4mpfe, nicht dauernd auf Twitter nachzugucken, was die Welt macht oder einzuschlafen. Die beiden Dozentinnen haben leider beide einen recht anstrengenden Vortragsstil, aus Zeitgr\u00fcnden habe ich bereits jeweils ein bis zwei Sitzungen ausfallen lassen, und so wirklich Lust habe ich auf beide nicht mehr.<\/p>\n<p>Andererseits will ich nicht zwei Vorlesungen ins dritte Semester mitschleppen; die eine h\u00e4tte ich bereits im ersten MA-Semester abhaken m\u00fcssen, was ich nicht geschafft habe (auch hier: Langeweile). Ganz eventuell kommt hier die Taktik zum Tragen, mit der ich eine Geschichtsklausur im f\u00fcnften BA-Semester bestanden habe: Nur drei von zw\u00f6lf Sitzungen besuchen, aber die Folien akribisch auswendig lernen. So will ich eigentlich nicht studieren, aber wenn&#8217;s nicht anders geht, dann eben so.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wieder eine sch\u00f6ne Sitzung im Biografieforschungsseminar gehabt. Wir sprachen zun\u00e4chst \u00fcber das Habitus-Konzept Bourdieus, das ich allm\u00e4hlich verinnerlicht habe, weil wir auch im Esskulturenseminar dar\u00fcber diskutierten. Gestern setzten wir es in einen Bezug zu einem Buch von Morten Reitmayer \u00fcber Bankiers im Kaiserreich. 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