{"id":24297,"date":"2016-04-28T09:35:13","date_gmt":"2016-04-28T07:35:13","guid":{"rendered":"http:\/\/www.ankegroener.de\/?p=24297"},"modified":"2016-04-28T09:50:28","modified_gmt":"2016-04-28T07:50:28","slug":"tagebuch-mittwoch-27-april-2016-leo-von-welden-erster-eindruck","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.ankegroener.de\/blog\/?p=24297","title":{"rendered":"Tagebuch, Mittwoch, 27. April 2016 \u2013 Leo von Welden (erster Eindruck)"},"content":{"rendered":"<p>Gestern begann ich mit dem zweiten gro\u00dfen Referat, das nach dem zu Festen im 19. Jahrhundert ansteht: das \u00fcber Leo von Welden. Ich muss gestehen, ich hatte noch nie von dem Mann geh\u00f6rt, als sein Name in der Referatsthemenliste auftauchte, aber da ich mit Alexander Archipenko ganz gut gefahren bin, den ich auch unbekannterweise bearbeitete, meldete ich mich zu dem Thema und bekam es.<\/p>\n<p>Zuhause nach der Sitzung googelte ich nach dem Mann \u2013 was ich halt so mache, um einen ersten Eindruck zu erhalten, bevor ich mich in die Bibliothekskataloge st\u00fcrze \u2013 und bekam <a href=\"http:\/\/artroots.com\/art5\/leovonwelden1899bio.htm\">vermittelt<\/a>, dass er zu den sogenannten \u201eentarteten\u201c K\u00fcnstlern geh\u00f6rt hatte. Dar\u00fcber wollte ich aber gar nicht referieren; ich wollte mich bewusst einem NS-K\u00fcnstler n\u00e4hern und mailte daher blau\u00e4ugig dem Dozenten meinen Irrtum. Seine Antwort, die ich peinlich ber\u00fchrt las, begann so: \u201eLiebe Frau Gr\u00f6ner, hier irren Sie: Leo von Welden war kein Entarteter K\u00fcnstler, auch wenn das im Netz so stehen mag.\u201c \u00c4hem. Dann folgten noch ein Aufsatz und ein paar Literaturhinweise und die Bitte, mich doch um den Mann zu k\u00fcmmern. Okay then. (Meine Antwortmail begann mit \u201eLieber Herr X, erwischt, mehr als gegoogelt hatte ich nat\u00fcrlich noch nicht.\u201c Rettet mich nat\u00fcrlich auch nicht mehr. Ganz hervorragender erster Eindruck. Meh.)<\/p>\n<p>Gestern trug ich dann die wenigen (vier sehr schmale) Kataloge aus den Kellern der Bibliothek des Zentralinstituts f\u00fcr Kunstgeschichte in den Lesesaal und bl\u00e4tterte und las \u2013 und war am Ende der dreist\u00fcndigen Sitzung sehr zwiegespalten. So richtig kann ich nichts mit den <a href=\"http:\/\/www.expressiverrealismus.de\/index.php?page=789\">Werken<\/a> des Mannes anfangen. Sie scheinen v\u00f6llig aus der Zeit gefallen zu sein (ich spreche jetzt von vor 1933 und nach 1945), konzentrieren sich stark auf christliche Motive und da gerne immer auf die gleichen, oder auf Motive, die nach l\u00e4ngst vergangenen Zeiten klingen (Infanten, Kokotten, Rokoko-Paar, Hoffr\u00e4ulein). Auch stilistisch ist der Mann nicht so ganz meiner; das sieht alles technisch ordentlich aus, nat\u00fcrlich konnte von Welden was, aber ich hatte die ganze Zeit das Gef\u00fchl, dass er seine F\u00e4higkeiten an Motive verschwendet, die niemand braucht. Ich sah in den Bildern keine Auseinandersetzung mit der Weimarer Republik oder der jungen Bundesrepublik und ich sah keinen der Stile, die in dieser Zeit vorherrschten. Die Bilder kommen mir alle wie eine kleine Flucht aus der Realit\u00e4t vor \u2013 wogegen ja nichts einzuwenden ist, aber das erkl\u00e4rt vielleicht, wieso von Welden nie so eine riesige Nummer war; er scheint mir schlicht nicht relevant gewesen zu sein. Das ist alles h\u00fcbsch und nett, was er machte, aber das war&#8217;s dann auch.<\/p>\n<p>Was allerdings spannend ist: Der <a href=\"https:\/\/ubmtp2.bib-bvb.de\/TouchPoint\/perma.do?q=+0%3D%224351033%22+IN+%5B2%5D&#038;v=sunrise&#038;l=de\">neueste Katalog<\/a> ist von 2008, also in einer Zeit entstanden, der man nicht mehr vorwerfen kann, in der Mentalit\u00e4t der 1960er Jahre (\u201ewir wussten von nix zwischen 33 und 45, und wir waren alle im Widerstand\u201c) geschrieben worden zu sein \u2013 und selbst in ihm wird von Weldens Mitwirken in der <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Gro%C3%9Fe_Deutsche_Kunstausstellung\">Gro\u00dfen Deutschen Kunstausstellung<\/a> nicht erw\u00e4hnt. Zwischen 1938 und 1943 hingen f\u00fcnf Bilder von ihm im Haus der (Deutschen) Kunst, und sie fallen stilistisch etwas aus dem Rahmen. Soweit ich das beurteilen kann, ich habe noch keine weiteren Abbildungen gefunden au\u00dfer den <a href=\"http:\/\/www.gdk-research.de\/db\/apsisa.dll\/ete?action=query&#038;sstate=eJyNlNtP2zAUh5uC1JKWFQ6gdWhsUycxHkaVpAVa9jA0QBPbxK3jrVLkJm7rNYkz26Gwv352Ll2jUW1vPr_znavjlDVo64DdsPkzwuyxyQUKXMTcNa1eaOicMmEjbxD5e4WOdqJ9KWf-7R19Q0V5lE6icBYGhe3CntbZbOj60rlpgGbWtcaqOpuwPKY-luaaMi0oCeo0H3xPKu-U0oJXI3diGaa5HzLqRo4gNGgyzh-5wH7TVaFx1naStaLOB1AMaOY4BM3I8h9B6ZLeqJEytANFS7nXldGFskudyMeBkNKKXjy3kqwb0msZMDe5FKtKNGEJcSelW0mpmjy2oTSkbCqHj_sonh-khV7IcxfWB8iZHJvvzQ8kQHKmezXHy9i1yXGIGBKUxf7_9O7E3q205vG-lU-9qRd7JlQ5CUYevsU88kSyk57a-T3hZOApDpRyACsk-KNVlXYIS47PM-LoCaKTEbHVzSw5e8-CopvecU-uca7ellL-bmxVyRYse4TPzBYs_6JULb6uzDbUfAmTMAvLmrNk-_EV2cnFVJR2mG5f9WbNOo0TdZ9K9Fx23YIaiwJ3hILRGRaIeDxtpWXMOlMTtUwouTNgTUa2oTxkmAj8IOIGir2jrKT8Nnqd-a_wjV5xh7YzRqHAjENtSDx5sCdRwIWHmSRe54lnGYFwNIyBt3kAUkC-vBHmdig1CTXy0HoeGmH6z0QDFE0XJxLYGQdkYuNgccsps7jSBEXDUG6OM38xJMZYvlDDTEot2F8GxU8jR1RT4gcaM_UJ7ubdW6l7SsQ4JI6IGE4KLehmjovf2aqEfPSQeDloXane6BUSECnJtyvGcNLvf-yfHvdRyPvuoP_57Kt9fffp28WpfX17dXZ3-v3i6tK2jLYEJJH-_vpTPGCUChVR134DsZWDYQ**&#038;desc=leo+von+welden&#038;refine=Suchen\">hier<\/a> verlinkten. Immerhin wird im Katalog erw\u00e4hnt, dass er zweimal seine grafischen Arbeiten w\u00e4hrend der NS-Zeit ausstellte, 1943 in Berlin und 1944 in Stuttgart. Davon wei\u00df ich auch noch nicht mehr \u2013 was genau hing da, wie sah es aus? Eine Zeitungskritik vom Oktober 1944 (eventuell aus <em>Stuttgarter Neues Tagblatt<\/em>, <a href=\"https:\/\/twitter.com\/ankegroener\/status\/725280178818158592\">1<\/a>, <a href=\"https:\/\/twitter.com\/AndreasP_RV\/status\/725302117469175812\">2<\/a>, Fehler im Tweet: Es geht um 1944, nicht 43), die ich auch noch nicht im Original lesen konnte, lautete: \u201eDer M\u00fcnchner Graphiker Leo von Welden [&#8230;] ist eine jener urspr\u00fcnglichen Kraftnaturen [&#8230;] Aus jeder Gestalt spricht eine gedankliche, mehr noch eine philosophische Hintersinnigkeit, an der wir den unverf\u00e4lschten deutschen Kern erkennen.\u201c<\/p>\n<p>Der einzige Hinweis, das von Welden angeblich \u201eentartet\u201c war, kommt von einer Aussage eines Freundes, der erz\u00e4hlte, dass man von Welden die Aufnahme in die <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Reichskulturkammer\">Reichskulturkammer<\/a> verwehrt habe, was einem Berufsverbot gleichkam. (Ich nehme an, es ist die <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Reichskammer_der_bildenden_K%C3%BCnste\">Reichskammer der bildenden K\u00fcnste<\/a> gemeint.) Das ist mir ein bisschen zu wenig, wenn ich ehrlich sein darf. Ich frage mich gerade, ob es ein Archiv gibt, in dem ich nachschauen k\u00f6nnte, ob der Mann wirklich einen Antrag gestellt hat oder ob die Ablehnung irgendwo verschriftlicht vorliegt. Weitersuchen.<\/p>\n<p>Im Katalog wird auch erw\u00e4hnt, dass sich in von Weldens ungeordnetem Nachlass (meine Finger jucken!) ein gro\u00dfer Stapel ungegenst\u00e4ndlicher Experimente befindet. Warum sind die nicht abgebildet? Wieso setzen wirklich alle Kataloge auf das naturalistische Werk von Weldens, wenn doch gerade die Experimente die Breite seiner Schaffenskraft zeigen k\u00f6nnten?<\/p>\n<p>Ich ahne, dass dieser Blogeintrag total quengelig klingt und so, als ob ich von Welden nachweisen wollen w\u00fcrde, dass er insgeheim ein gl\u00fchender Parteigenosse gewesen war. So ist es nicht. Ganz im Gegenteil: So zwiesp\u00e4ltig ich den Werken \u2013 also denen, die ich kenne \u2013\u00a0gegen\u00fcberstehe, desto spannender finde ich es, in den Dingen rumzuw\u00fchlen, die da noch rumliegen bzw. mehr \u00fcber den K\u00fcnstler zu lernen, was vielleicht meinen ersten Eindruck v\u00f6llig revidieren wird. Ich wei\u00df, dass in der Galerie Rosenheim, zu der wir in zwei Wochen fahren, Bilder von ihm vorr\u00e4tig sind, und ich freue mich sehr darauf, sie im Original sehen zu k\u00f6nnen. Vielleicht erschlie\u00dft sich mir sein Werk dann etwas besser. <\/p>\n<p>(wird fortgesetzt)<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Gestern begann ich mit dem zweiten gro\u00dfen Referat, das nach dem zu Festen im 19. Jahrhundert ansteht: das \u00fcber Leo von Welden. Ich muss gestehen, ich hatte noch nie von dem Mann geh\u00f6rt, als sein Name in der Referatsthemenliste auftauchte, aber da ich mit Alexander Archipenko ganz gut gefahren bin, den ich auch unbekannterweise bearbeitete, [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":10,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[],"class_list":["post-24297","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-weblog"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.ankegroener.de\/blog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/24297","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.ankegroener.de\/blog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.ankegroener.de\/blog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.ankegroener.de\/blog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/10"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.ankegroener.de\/blog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=24297"}],"version-history":[{"count":9,"href":"https:\/\/www.ankegroener.de\/blog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/24297\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":24306,"href":"https:\/\/www.ankegroener.de\/blog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/24297\/revisions\/24306"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.ankegroener.de\/blog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=24297"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.ankegroener.de\/blog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=24297"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.ankegroener.de\/blog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=24297"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}