{"id":242,"date":"2004-08-30T16:17:47","date_gmt":"2004-08-30T15:17:47","guid":{"rendered":"http:\/\/www.ankegroener.de\/?p=242"},"modified":"2004-11-08T17:49:57","modified_gmt":"2004-11-08T16:49:57","slug":"fahrenheit-911","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.ankegroener.de\/blog\/?p=242","title":{"rendered":"Fahrenheit 9\/11"},"content":{"rendered":"<p><em><a href=\"http:\/\/imdb.com\/title\/tt0361596\/\">Fahrenheit 9\/11<\/a> (USA, 2004)<\/p>\n<p>Buch &#038; Regie: Michael Moore<\/em><\/p>\n<p>Ich mag Michael Moore nicht. Ich mag seine \u201eIch bin auf der Seite des kleinen Mannes\u201c-Attitt\u00fcde nicht, die er gerne benutzt, um mit Halbwahrheiten und Stammtischspr\u00fcchen durchzukommen. Ich halte <em>Bowling for Columbine<\/em> f\u00fcr eine billige Schmierenkom\u00f6die. Und so bin ich in <em>Fahrenheit 9\/11<\/em> reingegangen und habe die \u00fcbliche Gr\u00fctze aus Selbstinszenierung und Jahrmarktsunterhaltung erwartet.<\/p>\n<p>Sch\u00f6n, dass ich ziemlich daneben lag.<\/p>\n<p><em>Fahrenheit 9\/11<\/em> ist eine Dokumentation (auch wenn ich das Wort im Zusammenhang mit Herrn Moore vorsichtig verwenden m\u00f6chte) \u00fcber die Wahl von George W. Bush zum Pr\u00e4sidenten, \u00fcber seine Ineffizienz im Amt, \u00fcber die Geschehnisse am 11. September und \u00fcber den Weg in den Irak-Krieg. <\/p>\n<p>Der Film schw\u00f6rt uns auf die richtige Linie ein, noch bevor die Flugzeuge in die Twin Towers krachen: Er stellt zun\u00e4chst in Frage, ob George Bush \u00fcberhaupt rechtm\u00e4\u00dfiger Pr\u00e4sident der Vereinigten Staaten ist. Er erinnert an die seltsamen Unregelm\u00e4\u00dfigkeiten bei der Stimmausz\u00e4hlung in Florida, wo zun\u00e4chst Al Gore als Sieger und damit als neuer Pr\u00e4sident ausgerufen wurde, bis es pl\u00f6tzlich hie\u00df, George Bush habe die Wahl gewonnen. Und schon kommt der \u00fcbliche Michael Moore-Unterton aus dem Off: Ob es nicht praktisch sei, dass Bushs Bruder in Florida Gouverneur war? Moore kann nicht beweisen, dass Bush die Wahl wirklich gef\u00e4lscht hat, aber er kann es fragend in den Raum werfen \u2013 und wir haben es im Hinterkopf.<\/p>\n<p>Diese Art der \u201eInformationsvermittlung\u201c ist das, was ich Michael Moore ankreide. Entweder er hat Beweise f\u00fcr seine Behauptungen \u2013 dann her damit. Oder er hat sie nicht \u2013 dann halt die Klappe. Aber solange er nicht mit absoluter Sicherheit sagen kann, ja, George Bush hat die Wahl gef\u00e4lscht, ist es eine miese Unterstellung. Wobei ich die erste w\u00e4re, die sich \u00fcber derartige Beweise freuen w\u00fcrde, denn \u2013 und da bin ich ganz Moores Meinung \u2013 dieser Pr\u00e4sident ist gef\u00e4hrlich und sollte auf keinen Fall wiedergew\u00e4hlt werden. Aber gerade weil ich Moores Meinung bin, kann ich es nicht leiden, wenn er eine Sache, mit der er absolut Recht hat, journalistisch nicht ganz sauber pr\u00e4sentiert und sie damit angreifbar macht.<\/p>\n<p>Einige weitere Momente im Film kriegen ebenfalls Minuspunkte von mir. Als Moore \u00fcber die Coalition of the Willing berichtet, die an der Seite der USA in den Krieg ziehen, nennt er seiner Meinung nach ziemliche Idiotenl\u00e4nder und bebildert sie dementsprechend. Er stellt in Frage, ob L\u00e4nder wie Rum\u00e4nien (wo wir Bela Lugosi als Dracula sehen) oder die Niederlande (Kiffer mit Riesen-Bong) eine Hilfe waren. Der Punkt, den er damit machen wollte, ist mir nicht klar. Ich h\u00e4tte gerne geh\u00f6rt, dass Bush und seine Administration nicht nur die USA, sondern auch den Rest der Welt get\u00e4uscht haben, um Verb\u00fcndete zu finden. Stattdessen soll ich dar\u00fcber lachen, wie komisch fremde V\u00f6lker drauf sind?<\/p>\n<p>Und wenn er Bush, Rumsfeld, Cheney und Blair als die Jungs von der Bonanza-Ranch zeigt, geht das wieder in die Ecke der Dummen im Publikum: \u201eHey, falls ihr es noch nicht wusstet \u2013 Bush ist aus Texas und damit doof.\u201c Nur nebenbei: Bush ist ein waschechter Ostk\u00fcstler, und auch der Cowboyhut macht ihn noch nicht per se zum Idioten. Das, was ihn zum Idioten macht, sind Momente, die mir schon im Trailer den Atem haben stocken lassen: Wenn Mr. President markig in die Kamera t\u00f6nt, wie sehr wir uns dem Terrorismus entgegenstellen sollen \u2013 nur um sich dann wieder seinem Golfschl\u00e4ger zuzuwenden und keck zu sagen: &#8220;Now watch this drive.&#8221; Derartige Bilder zeigen die v\u00f6llige Naivit\u00e4t (oder die grenzenlose Arroganz) des Staatsoberhaupts viel besser als alberne Montagen.<\/p>\n<p>Andere Bilder wiederum haben mich davon \u00fcberzeugt, dass ich Moore diesmal seine kleinen Ausrutscher durchgehen lassen m\u00f6chte. Denn was er sonst noch zu sagen und zu zeigen hat, hat mich entweder tief ber\u00fchrt oder einfach fassungslos zur\u00fcckgelassen. Er erspart uns zum Beispiel die Bilder vom World Trade Center. Nach dem Vorspann bleibt die Leinwand schwarz, aber wir h\u00f6ren den anfliegenden Jumbo und den Einschlag. Wir h\u00f6ren Weinen, Schreie, Feuerwehrsirenen, dann wird das Bild hell, und wir sehen Tausende von Papierseiten durch die Stra\u00dfen von Manhattan fliegen. Ich war selbst davon \u00fcberrascht, wie sehr ich die Bilder vom Feuerball und den st\u00fcrzenden Menschen schon im Kopf hatte. Der Ton hat gereicht, um mich zum Weinen zu bringen.<\/p>\n<p>Welche Bilder Moore uns allerdings nicht erspart, sind die, die die amerikanische Regierung gerne nie gesehen h\u00e4tte: die Bilder der S\u00e4rge mit amerikanischen Flaggen, die Bilder von verwundeten oder get\u00f6teten Irakis, die Bilder von schreienden, sterbenden GIs. Und dieser Bildermacht stellt er eine selbstgef\u00e4llige F\u00fchrungsriege gegen\u00fcber, die, laut Moore, wusste, dass der Irak nichts mit dem 11. September zu tun gehabt hat und die trotzdem einen Krieg wollte; die vor den Anschl\u00e4gen verk\u00fcndet hat, der Irak sei keine Gefahr; die Terrorwarnungen einfach igorierte, ja, sie nicht h\u00f6ren wollte; die gezielt eine Atmosph\u00e4re von Angst und Panik gesch\u00fcrt hat, um die Bev\u00f6lkerung dazu zu bringen, einem Krieg zuzustimmen; die an Firmen beteiligt ist, die horrende Gewinne durch den Krieg einfahren \u2013 und einen Pr\u00e4sidenten, dem nichts Besseres einf\u00e4llt, als dass Saddam Hussein seinen Daddy habe t\u00f6ten wollen.<\/p>\n<p>Aber Moore w\u00e4re nicht Moore, wenn er auch in <em>Fahrenheit 9\/11<\/em> nicht wieder seine Kleiner Mann-Tour fahren w\u00fcrde. Er saust in einem Eiscreme-Wagen ums Kapitol und verliest \u00fcber Lautsprecher den Patriot Act, der Zivilrechte gravierend beschneidet und den anscheinend keiner der Abgeordneten gelesen hat, und er versucht mit Handzetteln, Mitglieder des Kongresses dazu zu bewegen, ihre Kinder in die Army und damit an die Front zu schicken.<\/p>\n<p>Aber auch dar\u00fcber wollte ich hinwegsehen, denn Moore holt Lila Lipscomb vor die Kamera, eine Frau, die ihren Kindern den Milit\u00e4rdienst empfiehlt, weil diese dadurch ihre Ausbildung finanzieren k\u00f6nnen, was sie selbst nicht kann. Das Unfassbare: Lila hat einen Sohn an der Front verloren. Und trotzdem glaubt sie an ihr Land, an das, wof\u00fcr es steht und daran, dass es \u201egute\u201c Kriege gibt. Die Bilder von Lila, wie sie versteht, dass ihr Sohn umsonst gestorben ist und wie sie vor dem Wei\u00dfen Haus vor Schmerz fast zusammenbricht, weil sie so f\u00fcrchterlich w\u00fctend \u00fcber ihre Regierung ist und weil sie so f\u00fcrchterlich viel verloren hat, sind fast genauso schwer zu ertragen wie die Bilder aus Bagdad.<\/p>\n<p><em>Fahrenheit 9\/11<\/em> tr\u00e4gt auf jeden Fall die Handschrift von Michael Moore. Er ist mit dem fact checking diesmal etwas gr\u00fcndlicher gewesen als bei <em>Bowling for Columbine<\/em> \u2013 zum Gl\u00fcck, denn dieses Thema ist eine Ecke wichtiger als die Waffengesetze in den Staaten. Trotzdem konnte ich das ungute Gef\u00fchl nicht ganz absch\u00fctteln, in einem fiesen Propagandafilm gesessen zu haben. Dass auch die Demokraten dem Irak-Krieg zugestimmt haben, wird mal kurz erw\u00e4hnt, aber ansonsten ist das Feindbild klar. Ich h\u00e4tte mir ein bisschen weniger REM und Neil Young im Hintergrund gew\u00fcnscht und mehr sauber aufbereitete Fakten anstatt ironisch angehauchte Fragestellungen, die Wahrheit nur suggerieren.<\/p>\n<p>Trotzdem bleibt als \u00fcbergreifender Eindruck: Diese Regierung hat das amerikanische Volk (und wahrscheinlich auch den Rest der Welt) wissentlich get\u00e4uscht und in einen Krieg geschickt, der ideologisch und finanziell motiviert war, aber auf keinen Fall der Pr\u00e4ventivschlag war, als der er verkauft wurde. Es bleibt die Fassungslosigkeit \u00fcber diese Kaltschn\u00e4uzigkeit und B\u00f6sartigkeit \u2013 und die Trauer \u00fcber die vielen unschuldigen Opfer. <em>Fahrenheit 9\/11<\/em> mag seine Macken haben, aber ich bin froh, dass es diesen Film gibt.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Fahrenheit 9\/11 (USA, 2004) Buch &#038; Regie: Michael Moore Ich mag Michael Moore nicht. 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