{"id":233,"date":"2003-02-28T15:10:18","date_gmt":"2003-02-28T14:10:18","guid":{"rendered":"http:\/\/www.ankegroener.de\/?p=233"},"modified":"2004-11-08T20:15:51","modified_gmt":"2004-11-08T19:15:51","slug":"catch-me-if-you-can","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.ankegroener.de\/blog\/?p=233","title":{"rendered":"Catch Me If You Can"},"content":{"rendered":"<p><em><a href=\"http:\/\/imdb.com\/title\/tt0264464\/\">Catch Me If You Can<\/a> (2002)<\/p>\n<p>Darsteller: Leonardo DiCaprio, Tom Hanks, Christopher Walken, Martin Sheen, Nathalie Baye, Amy Adams<br \/>\nDrehbuch: Jeff Nathanson nach einem Buch von Frank Abagnale<br \/>\nKamera: Janusz Kaminski<br \/>\nMusik: John Williams<br \/>\nRegie: Steven Spielberg<\/em><\/p>\n<p><em>Catch Me If You Can<\/em> beginnt mit einer Fernseh-Quizshow, in der das Rateteam aus drei jungen M\u00e4nnern einen verurteilten Verbrecher erkennen soll. Seine Taten werden vom Moderator vorgelesen: Der Mann hat sich als Pilot, Arzt und Anwalt ausgegeben, er hat Schecks in Millionenh\u00f6he gef\u00e4lscht, und er hat es geschafft, die Polizei jahrelang an der Nase herumzuf\u00fchren, bis er schlie\u00dflich gefasst wurde \u2013 und das alles, bevor er 19 Jahre alt war.<\/p>\n<p>Ich finde es immer wieder spannend zu sehen, wie Regisseure und Drehbuchautoren es schaffen, mich f\u00fcr Filme zu interessieren, deren Ende ich bereits kenne. Denn das, was der Moderator dem Fernsehpublikum (und damit auch uns, dem Kinopublikum) vortr\u00e4gt, ist der gesamte Inhalt der nun folgenden zwei Stunden.<\/p>\n<p>Bei <em>Apollo 13<\/em> zum Beispiel wusste ich auch vorher, dass die drei Astronauten heile zur Erde zur\u00fcckkommen. Bei <em>Bram Stoker&#8217;s Dracula<\/em> wusste ich, dass der Graf zum Schluss das Zeitliche segnen wird. Bei <em>Titanic <\/em>wusste ich, dass das Schiff untergeht. Und bei <em>Catch Me If You Can<\/em> wird mir die ganze Handlung sogar auf dem Silbertablett serviert. Wieso bin ich trotzdem bei all den Filmen sitzengeblieben und war bis zum Ende gefesselt?<\/p>\n<p>Weil bei all diesen Filmen ein Element zur reinen Geschichte hinzukam: die Charaktere. Sie waren nicht nur Akteure in einer Story, deren Verlauf wir kennen \u2013 sondern sie waren das, was der Story Herz verlieh, was sie menschlich und damit bewegend gemacht hat. Bei <em>Apollo 13<\/em> war es der verschm\u00e4hte Astronaut, der wegen Masern zu Hause bleiben musste, der schlie\u00dflich das Leben der drei im All retten konnte. Bei <em>Dracula<\/em> haben wir uns mehr f\u00fcr das Leben der armen Mina Murrey interessiert als f\u00fcr den Vampir, einfach, weil wir wussten, was mit ihm passiert. Und bei <em>Titanic<\/em> haben wir mit den jungen Liebenden mitgelitten und mitgehofft \u2013 schei\u00df auf das Schiff: Kriegen sie sich oder kriegen sie sich nicht?<\/p>\n<p>Genauso funktioniert auch <em>Catch Me If You Can<\/em>. Die Story selber ist gar nicht so wichtig, sie ist nur ein Vehikel, um die Akteure zum Zug kommen zu lassen. Leonardo DiCaprio als Frank Abagnale ist nicht einfach nur ein gerissener Krimineller, der sich einen Spa\u00df daraus macht, Tom Hanks (als sein Verfolger Carl Hanratty) abzusch\u00fctteln, und Tom Hanks ist nicht nur der kaltherzige Polizist, der einen Halbw\u00fcchsigen zur Strecke bringen will.<\/p>\n<p>Abagnale begeht seine Straftaten aus dem irrigen Wunsch, seine Eltern wieder zusammenzubringen. Er ergaunert das ganze Geld nicht einmal f\u00fcr sich selbst \u2013 ja, er scheint damit nie richtig gl\u00fccklich zu sein, es dient ihm immer nur als Mittel zum Zweck, noch mehr Geld zu machen, um es dann schlie\u00dflich seinem Vater zu geben, der damit doch bitte seine Mutter wieder becircen m\u00f6ge. Dass all das von vornherein nicht klappen kann, sieht Abagnale nat\u00fcrlich nicht so \u2013 wo soll er mit 17 Jahren auch diese Lebenserfahrung her haben? Vielleicht ist er alt genug, um sich das Handwerk der Scheckbetr\u00fcgerei beizubringen, aber was das Zwischenmenschliche angeht, muss er noch viel lernen.<\/p>\n<p>Und sein Verfolger, sein Schatten, den Abagnale wiederholt bittet, ihn doch einfach laufen zu lassen, damit er nicht mehr fliehen muss, damit er endlich sagen kann, dass er einfach nur ein kleiner Junge ist, der sich in eine viel zu gro\u00dfe Uniform geworfen hat und dem das in einigen guten Momenten auch absolut klar ist? Sein Verfolger gibt nicht auf, bringt ihn schlie\u00dflich zur Strecke, bleibt dabei aber immer wie eine Vaterfigur. Das wird gleich zu Anfang deutlich, als Hanratty fast bewundernd den Kopf sch\u00fcttelt, als Frank ihm wieder einmal direkt vor der Nase entwischt ist. Man hat immer das Gef\u00fchl, dass er ihn nicht wirklich verknacken will \u2013 er will ihm nur seine Grenzen aufzeigen, so wie man einem Kind immer wieder beibringen muss, was richtig und was falsch ist.<\/p>\n<p>Der Film spielt Mitte bis Ende der 60er Jahre, eine Zeit, die der echte Frank Abagnale als \u201eunschuldig\u201c beschreibt, als eine Zeit, in der die Menschen anderen Menschen eher vertraut haben. Es mutet f\u00fcr unsere heutigen Augen fast irreal an, wenn man sieht, wie leicht Abagnale einen Job als Arzt bekommen hat, nur weil er eine Urkunde aus Harvard vorlegt. Man schaut sich das ganze kopfsch\u00fcttelnd an \u2013 und w\u00fcnscht sich doch gleichzeitig ein wenig von diesem Vertrauen zur\u00fcck, von diesem Gef\u00fchl der Sicherheit: Wenn ein Mensch eine Pilotenuniform tr\u00e4gt, ist er ein Pilot. Ganz einfach. Wieso sollte er sonst eine Uniform tragen? Und die Frage, die ich mir die ganze Zeit im Kino gestellt habe, ist: Warum kann die Welt nicht mehr so einfach sein? So \u00fcberschaubar? So geordnet?<\/p>\n<p>Vielleicht hat sich das auch Frank Abagnale gefragt, als die Scheidung seiner Eltern ihn aus der Bahn geworfen hat und er sich den kindlich-einfachen Plan zurechtgelegt hat, sie wieder zusammenzubringen. Vielleicht hat auch Carl Hanratty sich \u00fcberlegt: Wenn ich einen Kriminellen wieder zu einem \u201ebraven B\u00fcrger\u201c mache, ist die Welt wieder ein bisschen geradeger\u00fcckt. Vielleicht haben die beiden deshalb dieses seltsame Verh\u00e4ltnis zueinander, dieses Den-anderen-Verstehen-wollen. Vielleicht, weil beide noch an das Gute, das Unschuldige im Menschen glauben.<\/p>\n<p>Der Film nimmt sich die n\u00f6tige Zeit, uns die Charaktere nahezubringen; er gleitet nie in ein simples Katz-und-Maus-Spiel ab. Selbst die Szenen, in denen es darum geht, Frank zur Strecke zu bringen, drehen sich eigentlich um etwas anderes: um Vertrauen. Das Vertrauen, was Frank von Brenda, seiner Verlobten, fordert, das sie allerdings bricht. Das Vertrauen, das er von Carl einfordert, bevor er sich Handschellen anlegt, und das nicht entt\u00e4uscht wird. Und es geht um Schutz, um ein Zuhause, um Familie, um irgendjemand, der f\u00fcr uns da ist. F\u00fcr Frank waren es leider nicht seine Eltern, sondern Carl, der ihn auf den \u201erichtigen\u201c Weg gebracht hat. Darum geht es in <em>Catch Me If You Can<\/em>: jemanden zu finden, auf den man sich verlassen kann.<\/p>\n<p>Ich pers\u00f6nlich habe nichts gegen Filme, deren Ende ich kenne, wenn der Weg zu diesem Ende so einfach, ber\u00fchrend und dabei immer unterhaltsam erz\u00e4hlt wird wie in <em>Catch Me If You Can<\/em>. Der Film ist keine Wundert\u00fcte an Innovationen, er hat keinen einzigen Special Effect, aber er erz\u00e4hlt eine Geschichte, die heute schon wie ein M\u00e4rchen klingt. Es hat mich ein bisschen erschreckt, dass die Geschehnisse gerade mal 30 Jahre her sind. Haben wir uns so schnell so sehr ver\u00e4ndert?<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Catch Me If You Can (2002) Darsteller: Leonardo DiCaprio, Tom Hanks, Christopher Walken, Martin Sheen, Nathalie Baye, Amy Adams Drehbuch: Jeff Nathanson nach einem Buch von Frank Abagnale Kamera: Janusz Kaminski Musik: John Williams Regie: Steven Spielberg Catch Me If You Can beginnt mit einer Fernseh-Quizshow, in der das Rateteam aus drei jungen M\u00e4nnern einen [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":10,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[],"class_list":["post-233","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-weblog"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.ankegroener.de\/blog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/233","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.ankegroener.de\/blog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.ankegroener.de\/blog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.ankegroener.de\/blog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/10"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.ankegroener.de\/blog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=233"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.ankegroener.de\/blog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/233\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.ankegroener.de\/blog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=233"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.ankegroener.de\/blog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=233"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.ankegroener.de\/blog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=233"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}