{"id":22755,"date":"2015-10-12T09:58:07","date_gmt":"2015-10-12T07:58:07","guid":{"rendered":"http:\/\/www.ankegroener.de\/?p=22755"},"modified":"2015-10-12T22:39:14","modified_gmt":"2015-10-12T20:39:14","slug":"tagebuch-11-oktober-2015-mk","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.ankegroener.de\/blog\/?p=22755","title":{"rendered":"Tagebuch 11. Oktober 2015 \u2013 MK"},"content":{"rendered":"<p>Morgens entspannt neben F. aufgewacht und mich mal wieder dar\u00fcber gefreut. Der Herr brach allerdings recht zeitig auf, weil er mir einen gro\u00dfen Gefallen tun wollte. <\/p>\n<p>Ich hatte eine Kiste Cr\u00e9mant in meine Packstation um die Ecke bestellt. Selbst wenn die Kiste nicht ordentlich in meinen Gep\u00e4cktr\u00e4ger passen sollte, ist die Packstation so nahe zu meiner Haust\u00fcr, dass ich die Kiste unordentlich, also schr\u00e4g, in den Gep\u00e4cktr\u00e4ger packen und mein Fahrrad nach Hause schieben k\u00f6nnte, damit das herrliche Gut nicht runterf\u00e4llt und kaputtgeht. Aber: Die Kiste landete nicht in dieser, sondern in einer weiter entfernten Packstation, und weil F. mich und meine Pudding\u00e4rmchen plus memmigen R\u00fccken kennt (der tut seit Jahren nicht mehr weh, aber ich tue auch alles daf\u00fcr, dass er das eben nicht mehr macht und dazu geh\u00f6rt auch, keine verdammten Sektkisten zu schleppen), wollte er sich mal eben flugs in Bus und Tram setzen und die Kiste holen.<\/p>\n<p>Wer in M\u00fcnchen wohnt, wei\u00df, was gestern war: Marathon. Und nat\u00fcrlich f\u00fchrte die Strecke quasi genau an der Packstation vorbei. Das merkte F. allerdings erst, als er in der Tram sa\u00df, die warten musste. Der gute Mann war \u00fcber eine Stunde unterwegs, bis er wieder bei mir war (h\u00f6chst genervt). Und das Sahneh\u00e4ubchen: In der Packstation war keine schwere Kiste Alkohol, sondern eine luftig-leichte Kiste Tee, von der die Versandbest\u00e4tigung drei Tage nach der des Cr\u00e9mant kam und mit der ich deswegen noch gar nicht gerechnet hatte.<\/p>\n<p>Als Entsch\u00e4digung kochte ich mal eben drei G\u00e4nge zum Mittag, entkorkte einen anst\u00e4ndigen Roten und schmiss ne Runde Espresso.<\/p>\n<p>&#8212;<\/p>\n<p>Abends gingen wir in die Kammerspiele und sahen <em><a href=\"http:\/\/www.muenchner-kammerspiele.de\/inszenierung\/adolf-hitler-mein-kampf-band-1-2\">Adolf Hitler: Mein Kampf, Band 1 &#038; 2<\/a><\/em>. Das St\u00fcck ist eine Art dokumentarische Performance, die nicht von Schauspieler_innen, sondern von Laien ausgef\u00fchrt wird. Auf der B\u00fchne versammelten sich mehrere Anw\u00e4lt_innen, darunter ein j\u00fcdischer, in Tel Aviv geboren, in den USA aufgewachsen, ein Buchrestaurator aus Weimar, ein Musiker mit t\u00fcrkischen Vorfahren und ein blinder Redakteur. Sie alle erz\u00e4hlen von ihren Erfahrungen mit dem Buch.<\/p>\n<p>Die Anw\u00e4ltin Sibylla Fl\u00fcgge las das Buch erstmals 1965 als Jugendliche. Und weil sie noch ein Weihnachtsgeschenk f\u00fcr ihre Eltern suchte, fasste sie das Buch zusammen, tippte es ab, band es h\u00fcbsch ein und verschenkte es: \u201e<em>Mein Kampf<\/em> von Adolf Hitler. Gek\u00fcrzt von Sibylla Fl\u00fcgge.\u201c Die junge Anw\u00e4ltin Anna Gilsbach fragte per Brief bei der deutschen Antarktisstation nach, ob das Buch dort in der Bibliothek zu lesen sei. Der blinde Redakteur konnte mit dem Symbol auf der Braille-Ausgabe zun\u00e4chst nichts anfangen, er wusste schlicht nicht, wie ein Hakenkreuz aussieht. F\u00fcr ihn hat das Buch hingegen einen Klang, den die Akteur_innen im Laufe des St\u00fccks nachzubilden versuchten.<\/p>\n<p>Als ich gestern aus dem Theater kam, wusste ich noch nicht so recht, was ich davon halten sollte. Mittendrin kam mir der Vergleich \u201eDas ist ein bisschen so, als ob man zuh\u00f6rt, wie jemand einen Wikipedia-Artikel vorliest\u201c, weil im St\u00fcck viele Fakten und Daten zum Werk pr\u00e4sentiert werden, es wurden Ausschnitte vorgelesen und aufs B\u00fchnenbild projiziert, wir bekamen diverse Ausgaben aus der ganzen Welt gezeigt, und wir lernten, dass das Buch als antiquarische Ausgabe nicht verfassungswidrig ist, denn die Verfassung der Bundesrepublik existierte ja noch gar, als das Buch gedruckt wurde. <\/p>\n<p>Die ganzen Fakten wurden aber von den pers\u00f6nlichen Geschichten zusammengehalten, wie eben die skurrile von Fl\u00fcgge oder auch die fast schon obsessive von Alon Kraus, dem j\u00fcdischen Anwalt. Er las das Buch zun\u00e4chst auf Englisch, dann auf Hebr\u00e4isch, schlie\u00dflich auf Deutsch, und er meint, es geh\u00f6rt zu den wichtigsten B\u00fcchern \u00fcberhaupt, es m\u00fcsse gelesen werden. Dem gegen\u00fcber steht die deutlich weiter verbreitete Meinung, dass das Buch Schrott sei und ignoriert werden darf. Grund f\u00fcr die theatralische Auseinandersetzung mit dem Werk ist das am 1. Januar 2016 auslaufende Urheberrecht. Seit Jahren arbeiten Historiker_innen an einer <a href=\"http:\/\/www.ifz-muenchen.de\/aktuelles\/themen\/edition-mein-kampf\/\">kommentierten Fassung<\/a>, auf die ich pers\u00f6nlich sehr gespannt bin.<\/p>\n<p>Ich habe das Buch vor sehr langer Zeit mal angefangen, bin aber nicht \u00fcber ungef\u00e4hr 80 Seiten hinweggekommen. Ich glaube auch nicht, dass das Buch ignoriert werden sollte, denn es ist ein wichtiger Quellentext. Im St\u00fcck bekamen wir auch Ausschnitte aus einer Knesset-Debatte pr\u00e4sentiert, als es um die hebr\u00e4ische Ausgabe ging. Auch dort reichte das Meinungsspektrum von \u201eVerbieten\u201c \u00fcber \u201eIgnorieren\u201c bis zu \u201eWissenschaftlich aufarbeiten und zug\u00e4ngig machen\u201c. Ein Geschichtsprofessor aus Tel Aviv (?, wei\u00df ich nicht mehr genau) erz\u00e4hlte, wie schwierig es anfangs in Israel war, an diesen Text zu kommen, so dass schlie\u00dflich Teile selbst \u00fcbersetzt und weitergereicht wurden, weil es keine offizielle Ausgabe gab.<\/p>\n<p>Das ganze St\u00fcck rannte in f\u00fcr mich derzeit weit offene T\u00fcren. Mein Interesse an der Kunst des Nationalsozialismus ist gerade sehr gro\u00df, und ich wei\u00df, dass noch lange nicht alles kunsthistorisch aufgearbeitet ist, was zwischen 1933 und 1945 produziert wurde. Die Argumente sind \u00e4hnlich wie die im Umgang mit Hitlers Buch: \u201eDas ist Schmuddelkram, das braucht keiner mehr, das ignorieren wir einfach weg.\u201c Was ich f\u00fcr einen Fehler halte. Ich w\u00fcrde gerne mal NS-Kunst auf Bez\u00fcge zu <em>Mein Kampf<\/em> untersuchen; das m\u00fcsste ja, bei einer Verbreitung von 12 Millionen Exemplaren, wie ich gestern gelernt habe, doch ein halbwegs bekannter Text gewesen sein, der sich vermutlich auch in der Ikonografie niedergeschlagen hat. Man k\u00f6nnte die NS-Kunst genauso brav auf schriftliche Quellen abklopfen, wie die Kunstgeschichte das seit 200 Jahren mit Bibelstellen in christlicher Kunst gemacht hat. (Wobei es sicher noch schlauere Rangehensweisen gibt, aber das w\u00e4re halt eine.)<\/p>\n<p>Ich fand das St\u00fcck sehr interessant, auch wenn es ein bisschen M\u00fche kostet, sich in das, vorsichtig ausgedr\u00fcckt, Laienschauspiel einzuh\u00f6ren. Was mir \u00fcberhaupt nicht gefallen hat, waren die kurzen Schlenker zum Linksterrorismus sowie zu Hitlers Geburtshaus in Braunau. Das war f\u00fcr mich Zeitschinden und ging mir zu weit vom Buch weg. Denn der Rest des Abends besch\u00e4ftigte sich wirklich nur mit dem Inhalt und den Auswirkungen dieses Werks. Eine h\u00fcbsche Idee war, das Buch mal eben aus dem Internet zu laden und auszudrucken, wobei Gilsbach nicht m\u00fcde wurde zu betonen, dass das gerade Urheberrechtsverletzung sei. Aber mit dem Ausdruck war es nicht getan: Buchrestaurator Hageb\u00f6ck fertigte aus dem Ausdruck flugs ein gebundenes Buch \u2013 das er dann an einen Gast im Publikum reichte, gleich mit Leselicht. Auch das ist laut Strafgesetzbuch schon grenzwertig, denn wer wei\u00df, wer der Gast in Reihe 3, Platz 4 war und wie er auf diese Schrift reagierte. Die Verteilung zum Zweck der Volksverhetzung ist strafbar, die zu historischen Studien nicht. <\/p>\n<p>Die Truppe f\u00fchrte vor der gestrigen Premiere ein kleines Experiment durch: Sie gaben sich selbst zwei Stunden Zeit und 120 Euro Budget, um ein <em>Mein Kampf<\/em> in M\u00fcnchen aufzutreiben. Ich verrate nicht, ob sie Erfolg hatten, daf\u00fcr m\u00fcsst ihr schon selbst in die Kammerspiele gehen, was ich euch sehr ans Herz legen m\u00f6chte.<\/p>\n<p>Ich schrieb oben, dass ich nach St\u00fcckende noch nicht so recht wusste, was ich davon halten sollte. Aber: Direkt danach diskutierten F. und ich dar\u00fcber, und auch heute morgen war das unser erstes Gespr\u00e4chsthema. Es werden einem viele Brocken hingeworfen, die einen besch\u00e4ftigen, und wo ich gestern dachte, naja, das war halt ein buntes Potpourri und nu? denke ich heute: Da ist eine Menge Zeug, aus dem ich was machen kann. <\/p>\n<p>Die erste Reaktion heute morgen war, mal im OPAC zu gucken, ob wir das Buch eigentlich in der Uni-Bibliothek haben. Haben wir \u2013\u00a0in diversen Ausf\u00fchrungen, in verschiedenen Zweigstellen, gr\u00f6\u00dftenteils als Originalausgaben von vor 1945. Und die stehen offen rum, zum Beispiel im Historicum, und nicht im Giftschrank. Die Stabi hatte, laut Performance, mal 300 Exemplare, aber jetzt sind nur noch gut 70 vorhanden, die man auch nur im Lesesaal lesen und nicht ausleihen darf.<\/p>\n<p>Das K\u00fcrzel MK im Titel dieses Eintrags ist von Gilsbach entliehen, die ihre E-Book-Version nur unter diesen zwei Buchstaben auf ihrem Smartphone gespeichert hat. Im St\u00fcck kam auch die Frage auf: W\u00fcrdet ihr euch mit diesem Buch ins Caf\u00e9 setzen und es offen lesen, was Raunen im Publikum hervorrief. Dar\u00fcber denke ich auch seit gestern nach: Ich w\u00fcrde es runterladen oder kaufen. Ich w\u00fcrde es lesen. Aber ich h\u00e4tte ein komisches Gef\u00fchl dabei, es in der \u00d6ffentlichkeit zu tun.<\/p>\n<p>Auch deswegen noch mal der Schlenker zur Kunst bzw. zur <a href=\"http:\/\/www.pinakothek.de\/kalender\/2015-05-20\/54331\/gegen-kunst\">#GegenKunst<\/a>, die gerade in der Pinakothek der Moderne zu sehen ist. Nichts entmystifiziert diesen Kram mehr als eine direkte, pers\u00f6nliche Auseinandersetzung damit. Guckt euch diese Bilder an, lest das Buch. Und geht ins Theater.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Morgens entspannt neben F. aufgewacht und mich mal wieder dar\u00fcber gefreut. Der Herr brach allerdings recht zeitig auf, weil er mir einen gro\u00dfen Gefallen tun wollte. Ich hatte eine Kiste Cr\u00e9mant in meine Packstation um die Ecke bestellt. Selbst wenn die Kiste nicht ordentlich in meinen Gep\u00e4cktr\u00e4ger passen sollte, ist die Packstation so nahe zu [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":10,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[],"class_list":["post-22755","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-weblog"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.ankegroener.de\/blog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/22755","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.ankegroener.de\/blog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.ankegroener.de\/blog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.ankegroener.de\/blog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/10"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.ankegroener.de\/blog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=22755"}],"version-history":[{"count":9,"href":"https:\/\/www.ankegroener.de\/blog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/22755\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":22764,"href":"https:\/\/www.ankegroener.de\/blog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/22755\/revisions\/22764"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.ankegroener.de\/blog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=22755"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.ankegroener.de\/blog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=22755"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.ankegroener.de\/blog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=22755"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}