{"id":18014,"date":"2012-12-19T10:06:31","date_gmt":"2012-12-19T08:06:31","guid":{"rendered":"http:\/\/www.ankegroener.de\/?p=18014"},"modified":"2012-12-19T10:06:31","modified_gmt":"2012-12-19T08:06:31","slug":"ehrenrunde","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.ankegroener.de\/blog\/?p=18014","title":{"rendered":"Ehrenrunde"},"content":{"rendered":"<p>Vor kurzem bekam ich interessante Leserpost:<\/p>\n<blockquote><p>\u201eIch lese ja gern Ihr Uni-Journal mit. So viel Begeisterung, das freut mich. <\/p>\n<p>Was mich wundert: Es f\u00e4llt kein Wort zum Erststudium. Dabei w\u00fcrden mich ein paar Vergleiche dazu interessieren. Gibt es noch Mikrofiche? Was war fr\u00fcher Ihre Motivation im Unterschied (?) zu heute? Ich wei\u00df, Ihr Blog ist kein Wunschkonzert, aber falls Sie ein paar Gedanken dazu einstreuen w\u00fcrden, freue ich mich.\u201c<\/p><\/blockquote>\n<p>Ich <a href=\"http:\/\/www.ankegroener.de\/?p=17626\">erw\u00e4hnte bereits<\/a>, dass ich mein Federm\u00e4ppchen wieder rausgekramt habe, aber in dem Eintrag verglich ich eher das bequeme Agenturleben mit dem Nomadendasein des Studierenden. Innerlich vergleiche ich allerdings ungef\u00e4hr alle f\u00fcnf Minuten, wie sich das, was ich gerade tue, im Erststudium anders angef\u00fchlt hat als jetzt.<\/p>\n<p><strong>Mikrofiche<\/strong><\/p>\n<p>Fr\u00fcher waren Bibliotheken eher nervige Aufenthaltsorte f\u00fcr mich, weil man sich durch meterweise Karteik\u00e4sten w\u00fchlen musste, an deren Systematik ich mich allerdings nicht erinnere. So oft war ich auch nicht in der Landesbibliothek in Hannover, wo ich mich theoretisch um Historisches h\u00e4tte k\u00fcmmern m\u00fcssen. In der Bibliothek des englischen Seminars war ich \u00f6fter, aber auch dort habe ich eher selten etwas gesucht und noch weniger etwas gefunden. Mit Mikrofiche kam ich nur einmal in Ber\u00fchrung und konnte kaum glauben, was f\u00fcr ein alberner Quatsch das war. Aber damals war ich 22, fand alles albern und Quatsch und habe deswegen nicht w\u00fcrdigen k\u00f6nnen, dass das Zeug ganz praktisch war. Ich wei\u00df noch, dass kurz bevor ich das letzte Mal an der Uni gesehen wurde, die Buchsuche per Internet m\u00f6glich wurde; das muss so um 1996 rum gewesen sein.<\/p>\n<p>Heute sitze ich mit Begeisterung in der Bibliothek der Kunstgeschichte, nachdem ich schon von zuhause geguckt habe, wo die B\u00fccher stehen, die ich brauche. Sobald ich da bin, streife ich noch ein bisschen durch die Regale, denn irgendwas steht ja immer in der N\u00e4he, in das man auch mal reingucken kann. Ich genie\u00dfe die Ruhe, die vorhandenen Steckdosen, die ausreichenden Arbeitspl\u00e4tze und sogar die halbwegs bequemen St\u00fchle. Online kann ich nicht nur den Bestand der diversen M\u00fcnchener Bibliotheken durchsuchen, sondern viele weitere kunsthistorische Best\u00e4nde, die uns im Technikkurs beigebracht wurden. \u00dcberhaupt habe ich das Gef\u00fchl, dass es irgendwie alles gibt, auch wenn ich noch nicht alles gefunden habe. Mit Zeitschriftenartikeln stehe ich noch etwas auf Kriegsfu\u00df (bzw. die Onlinesuche mit mir), aber auch da komme ich noch hin. Und wenn alles nichts hilft, mache ich etwas, was ich fr\u00fcher nie gemacht habe: Ich frage. Fragen mag uncool sein, aber hey, es bringt dich lustigerweise weiter. Bis jetzt war noch niemand pampig, und manchmal fragen dich auch Leute, wenn sie dich suchend vor den Regalen stehen sehen, ob sie dir helfen k\u00f6nnen. \u00dcberhaupt finde ich die gesamte Atmosph\u00e4re an der LMU (zumindest in meinen F\u00e4chern) sehr schnuffig. Das h\u00e4tte ich vor 20 Jahren ja auch nie zugegeben.<\/p>\n<p><strong>Miteinander<\/strong><\/p>\n<p>Ich alter Soziopath fand Studieren damals f\u00fcrchterlich, weil man mit Menschen zusammenarbeiten musste. Wahrscheinlich bin ich deswegen Texterin geworden, weil man da einsam in der Ecke sitzen und vor sich hinschreiben kann. Gut, ab und zu muss man in Meetings was sagen, aber eigentlich komme ich morgens in die Agentur, tippe vor mich hin und gehe nach neun Stunden wieder nach Hause. In einer Agentur hatte ich mal ein Zweierb\u00fcro mit jemandem, der genauso drauf war wie ich. Wir haben Tage nebeneinander verbracht, ohne mehr als \u201eMoin\u201c und \u201eTsch\u00fcss\u201c zu sagen. Herrlich.<\/p>\n<p>F\u00fcr mich war es immer eine Strafe, mit jemandem zusammen ein Referat zu erarbeiten. Das habe ich schon beim allerersten gemerkt \u2013\u00a0ich wei\u00df sogar noch das Thema, es ging um <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Anne_Bradstreet\">Anne Bradstreet<\/a>, eine der ersten Schriftstellerinnen in den englischen Kolonien in Amerika. Wir waren zu viert, und nat\u00fcrlich hatte jeder eine andere Meinung, die eine hat weitaus mehr vorbereitet als die andere, und zum Schluss passte nichts zusammen. Einen Schein gab&#8217;s trotzdem, aber seitdem habe ich mich um Gruppenarbeit immer gedr\u00fcckt, so weit es ging.<\/p>\n<p>Ich wei\u00df noch nicht, ob es \u00fcberhaupt noch Gruppenarbeit gibt; in diesem Semester wurschtelt jeder vor sich hin. So schreiben wir Klausuren, halten Einzelreferate, schreiben Hausarbeiten und\/oder wissenschaftliche Protokolle. Ich pers\u00f6nlich mag das sehr, weil ich schlicht besser alleine arbeite. Aber selbst wenn eine Gemeinschaftsaufgabe auf mich zuk\u00e4me, w\u00fcrde ich mit ihr wahrscheinlich besser klarkommen als damals: weil es f\u00fcr mich um viel weniger geht. Oder um andere Dinge. Ich komme beim Punkt \u201eMotivation\u201c noch mal darauf zur\u00fcck.<\/p>\n<p>Als ich vor wenigen Wochen anfing zu studieren, wollte ich eigentlich als einsame W\u00f6lfin durch die drei Jahre schwimmen. Ich merke allerdings jetzt schon, dass mir Menschen fehlen, die sich f\u00fcr das Gleiche begeistern wie ich. Meine Freund_innen halten meine Schw\u00e4rmerei \u00fcber gotische Kathedralen oder Beethovens Klaviertrios mehr oder weniger taktvoll durch, aber ich ahne, dass sie geistig manchmal schlicht abschalten, wenn ich anfange zu monologisieren. (Daher landet das meiste auch im Blog. Irgendwem muss ich das ja alles an den Kopf werfen.) Und so gucke ich jetzt aktiv rum, mit wem ich denn vielleicht mal einen Kaffee trinken gehen wollen w\u00fcrde. Einige meiner Kommiliton_innen haben mich schon angesprochen, zum Beispiel nach meinem Memling-Referat, was wohl ganz gut angekommen ist. Oder sie setzen sich aktiv neben mich und quatschen mich zu. Und anstatt wie sonst m\u00f6glichst schnell mein Taschenbuch aus dem Rucksack zu ziehen, um meine Nase darin zu versenken, mache ich Smalltalk \u2013 und genie\u00dfe es sogar. Weil es eben Menschen sind, die sich f\u00fcr das Gleiche interessieren wie ich. <\/p>\n<p>Das war mir damals ziemlich egal, aber damals wusste ich ja nicht mal selbst, was mich interessiert. Ich wusste auch nicht, warum ich Anglistik und Geschichte studiere.<\/p>\n<p><strong>Musikwissenschaft<\/strong><\/p>\n<p>Als ich 1989 Abitur gemacht habe, wusste ich, dass ich danach studiere. Ich wusste nicht warum und was, aber ich wusste, dass. Ich kann heute \u00fcberhaupt nicht mehr nachvollziehen, warum ich eine Lehre nicht mal in Betracht gezogen habe, aber so war&#8217;s eben. Ich studierte \u2013 und hatte keine Ahnung warum. Weswegen die F\u00e4cher eigentlich egal waren und die Menschen um mich rum auch. Ich war hier, weil ich nicht wusste, wo ich sonst h\u00e4tte hingehen sollen.<\/p>\n<p>Das ist heute sehr anders. Ich wei\u00df inzwischen, was ich kann, ich habe lange genug damit mein Geld verdient, ich verdiene (in weitaus geringerem Ma\u00df) damit immer noch Geld, und ich bin auch nicht auf der Suche nach einer zweiten Karriere. Wobei: Sag niemals nie. Was ich au\u00dferdem wei\u00df: was mir Spa\u00df macht. Was mich erf\u00fcllt. Ich wei\u00df, wie sehr mich Bilder und Musik ber\u00fchren, und genau deswegen habe ich mich f\u00fcr diese F\u00e4cher und damit f\u00fcr die Uni M\u00fcnchen entschieden. Weil es mich erf\u00fcllt. Zumindest hatte ich das gehofft, und auch wenn zehn Wochen eine recht kurze Zeit sind, um schon ein Fazit zu ziehen, wage ich es trotzdem: Diese Hoffnung hat sich aber sowas von \u00fcbererf\u00fcllt. Ich sitze in pickepackevollen Seminaren und es ist mir total egal, weil ich trotz wenig Platz viel Neues erfahre. Ich quetsche mich in volle U-Bahnen und Busse, lerne (wahrscheinlich) viel zu viel Kram auswendig, den ich nie gefragt werde, ich lese B\u00fccher, die ich vermutlich nicht brauchen werde, aber sie sind halt da und ich hab halt Zeit. Kurz: Ich mache so viel, weil es mir <em>sinnvoll<\/em> vorkommt. <\/p>\n<p>Kaum eine Autoheadline hat mir in den letzten Jahren das Gef\u00fchl vermitteln k\u00f6nnen, das ich habe, wenn mir ein Akkord klar wird oder ich den Wandaufbau einer romanischen Basilika runterbeten kann. In finanzieller Hinsicht ist dieses Studium eine der d\u00e4mlichsten Entscheidungen, die ich je getroffen habe. Aus emotionaler Sicht eine der besten.<\/p>\n<p><strong>Motivation<\/strong><\/p>\n<p>Ich muss keine Karriere mehr machen. Ich muss an der Uni keine Netzwerke kn\u00fcpfen, keine Freundschaften schlie\u00dfen, und ich muss hier auch nicht den Mann f\u00fcrs Leben finden. Alles, was ich hier mache, mache ich nicht, weil ich glaube, das irgendwann wieder wissen zu m\u00fcssen. Oder weil es mich beruflich weiterbringt. Oder weil ich mit dieser Kurswahl die Weichen f\u00fcr mein restliches Leben stelle. Oder weil ich schlicht nicht wei\u00df, was ich sonst machen sollte, so wie ich das eben vor 20 Jahren nicht wusste. <\/p>\n<p>Ich mache das nicht, weil ich einen Plan habe. Ich mache das, weil ich keinen habe. Ich mache das nicht f\u00fcr den Rest meines Lebens. Ich mache das f\u00fcr mich.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Vor kurzem bekam ich interessante Leserpost: \u201eIch lese ja gern Ihr Uni-Journal mit. So viel Begeisterung, das freut mich. Was mich wundert: Es f\u00e4llt kein Wort zum Erststudium. Dabei w\u00fcrden mich ein paar Vergleiche dazu interessieren. 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