{"id":17926,"date":"2012-12-07T10:23:53","date_gmt":"2012-12-07T08:23:53","guid":{"rendered":"http:\/\/www.ankegroener.de\/?p=17926"},"modified":"2012-12-07T10:23:53","modified_gmt":"2012-12-07T08:23:53","slug":"dezemberjournal-alles-anders-alles-toll","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.ankegroener.de\/blog\/?p=17926","title":{"rendered":"Dezemberjournal: Alles anders, alles toll"},"content":{"rendered":"<p>Das Bett ist schmaler, die Stockwerkzahl h\u00f6her. Meine Postleitzahl f\u00e4ngt mit 80 an. Das Bad ist gr\u00f6\u00dfer, aber es hat kein getrenntes Klo. Die Dusche hat mehr Druck, kann aber nur knapp zu hei\u00df und arschkalt. Daf\u00fcr ist der Wasserdruck in der K\u00fcche gleich null, und wenn ich abwaschen will, brauche ich nur noch ein Tr\u00f6pfchen Sp\u00fclmittel, weil das Wasser eh nix aufsch\u00e4umt. Ich habe von allem im Geschirrschrank nur vier Teile: Teller, Sch\u00e4lchen, Wassergl\u00e4ser, Besteck. Au\u00dfer Weingl\u00e4ser, davon habe ich sechs. (Davon habe ich in Hamburg allerdings auch zw\u00f6lf.) Der Supermarkt hei\u00dft Tengelmann statt Edeka, die Bushaltestelle Josephsplatz statt Kottwitzstra\u00dfe. Daf\u00fcr steige ich nicht irgendwo in Ottensen aus und denke \u00fcber Autos nach, sondern an der Universit\u00e4t und denke \u00fcber Bilder und Musik nach. <\/p>\n<p>Und jedesmal, wenn mich irgendwas nervt (und im Moment nervt noch viel, weil ich v\u00f6llig untersch\u00e4tzt habe, wie viel Kleinschei\u00df ich f\u00fcr ein \u201eJetzt isses Zuhause\u201c-Gef\u00fchl brauche), denke ich daran: Ich besch\u00e4ftige mich mit Bildern und Musik. Es sind gerade acht Wochen, aber es kommt mir viel l\u00e4nger vor. Weil ich mich intensiver mit dem Thema auseinandersetze, weil alles neu ist, weil ich mich in alles reink\u00e4mpfen muss. Es f\u00fchlt sich allerdings \u00fcberhaupt nicht nach reink\u00e4mpfen an; ich muss zwar dauernd nachschlagen, was jetzt noch mal der olle Sonatensatz* ist, den ich gerade in den ersten S\u00e4tzen der Beethoven-Klaviertrios suche, aber es f\u00fchlt sich wie Ostereiersuchen mit Weihnachtsgeschenkeauspacken an, wenn ich alles gefunden habe, was ich suche. Oder eben nicht, und dann f\u00fchlt es sich an wie \u201eWow, der olle Beethoven. Schon schlau.\u201c<\/p>\n<p>Ich sehe allm\u00e4hlich Dinge, die ich vorher nicht gesehen habe. Notenverl\u00e4ufe, die Dialoge zwischen Instrumenten darstellen. Fermaten, die keine schn\u00f6de Pause sind, sondern den S\u00e4nger oder die S\u00e4ngerin flehend zur\u00fccklassen. Akkorde sind mehr als ein paar gemeinsame Noten, sie sind der Weg zur Aufl\u00f6sung oder zur v\u00f6lligen Verzweiflung, sie klingen nicht, sie leiten mich. Und bei Bildern ist es genauso: Die Romanik ist nicht mehr oll und platt, sondern eine faszinierende Vorstufe zur geliebten Gotik. Ich sehe ganz langsam die Kunstfertigkeit an den Reliefs, Kapitellen und Tympana, die ich vor gerade acht Wochen noch als naiv und unfertig empfunden habe. Inzwischen benutzte ich hemmungslos das schw\u00e4rmerische Vokabular des Professors, dessen Vortragsstil ich immer noch anstrengend finde, aber ich sp\u00fcre inzwischen, warum er so begeistert ist und uns ebenso begeistern will. <\/p>\n<p>So wie bei der Eva, die sich urspr\u00fcnglich im T\u00fcrsturz des Nordportals von <a href=\"http:\/\/fr.wikipedia.org\/wiki\/Cath%C3%A9drale_Saint-Lazare_d'Autun\">Saint-Lazare<\/a> in Autun befand und heute im <a href=\"http:\/\/www.musees-bourgogne.org\/les_musees\/musee_bourgogne_resultat.php?id=69&#038;theme=archeologie\">Mus\u00e9e Rolin<\/a> zu bewundern ist. <\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.ankegroener.de\/razza\/..\/Bilder\/eva_autun.jpg\" alt=\"\" title=\"eva_autun\" width=\"500\" height=\"327\" class=\"alignnone size-full wp-image-17929\" \/><\/p>\n<p>(<a href=\"http:\/\/api.ning.com\/files\/tpchxZ*RBXLw5sFYtL9mK99L8LE2owVXIIgsM91ZJ42yE5NBNvZY52DIhIOFqmTWrkJq**Sgep9Pedcf9Yi1esA1fuxlzLyW\/LastentacionesdeEvaMuseoRolinAutun.JPG\">Klick!<\/a>) <\/p>\n<p>Die Skulptur wurde ungef\u00e4hr um 1130 gefertigt, und wir wissen sogar, von wem, denn der Herr mei\u00dfelte seinen Namen mal eben ins Portal. Es ist <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Gislebertus\">Gislebertus<\/a>, einer der ersten Meister, die wir namentlich kennen. Was an an der Eva so faszinierend ist: Sie ist einer der wenigen Akte im Mittelalter, wo die Damenwelt sich eher bekleidet zeigte. Au\u00dferdem liegt sie, was einerseits ihrer Position zu verdanken ist \u2013 ein T\u00fcrsturz ist nun mal eher breit als hoch \u2013, aber was Gislebertus daraus gemacht hat, ist spannend. Erz\u00e4hlt wird, wie man leicht erkennen kann, der S\u00fcndenfall: Eva greift nach dem Apfel. Aber: Wo ist die Schlange, die sonst gerne abgebildet wurde? Ganz einfach: Eva verk\u00f6rpert auch sie. Ihre liegende Haltung k\u00f6nnte n\u00e4mlich auch so gedeutet werden, dass sie sich schlangengleich fortbewegt. Ihre Beine sind versetzt anstatt unbewegt hintereinander; sie scheint die Pflanzen vor sich wegzuschieben, die Halme werden von ihrem Oberk\u00f6rper und Kopf gebogen. Dann: ihre Hand, mit der sie nach dem Apfel greift \u2013 sie sieht ein wenig wie das ge\u00f6ffnete Maul einer Schlange aus. Und schlie\u00dflich ihre Haare, die sich feingliedrig an ihrer Schulter und ihrem Oberarm entlangz\u00fcngeln: Auch sie erinnern an der verf\u00fchrerische Kriechtier.<\/p>\n<p>Auch der Rest des T\u00fcrsturzes ist durchgestaltet: Pflanzen in verschiedenen Ausf\u00fchrungen umranken die Figur, durch die sie sich hindurchschl\u00e4ngelt. Ihre rechte Hand liegt sanft an ihrer Wange: Zweifelt sie? Z\u00f6gert sie? Fast sieht es so aus, als w\u00fcrde ihre linke Hand gar nicht zu ihr geh\u00f6ren. Aber: Sie greift trotz allem nach dem unheilbringenden Apfel. Die Verf\u00fchrung der Schlange ist perfekt.<\/p>\n<p>Und so sehe ich inzwischen fast alle Skulpturen. Ich sehe anders. Ich sehe genauer. Ich denke l\u00e4nger \u00fcber Gesten nach, Motive, Gewandfalten, Hintergr\u00fcnde, Perspektiven. Und ich lasse mich gnadenlos und Hals \u00fcber Kopf fallen in diese Sch\u00f6nheit, vergesse meine Coolness, meine Abgebr\u00fchtheit, meine Distanz, ich schw\u00e4rme in meinen Protokollen genau wie im Blog und anscheinend klinge ich auch beim Referat so. (Jede\/r sollte so klingen!)<\/p>\n<p>Gestern fielen \u00fcberraschenderweise die Kurse zur Messe in der Renaissance und zu den Beethoven-Trios aus, und anstatt zu denken, yay, nach Hause fahren und Serien gucken, dachte ich: Ach Mist. Ich hatte mich doch so auf euch gefreut.<\/p>\n<p>&#8212;<\/p>\n<p>* Exposition (Hauptthema, \u00dcberleitung, Nebenthema), Durchf\u00fchrung, Reprise, Coda.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das Bett ist schmaler, die Stockwerkzahl h\u00f6her. Meine Postleitzahl f\u00e4ngt mit 80 an. Das Bad ist gr\u00f6\u00dfer, aber es hat kein getrenntes Klo. Die Dusche hat mehr Druck, kann aber nur knapp zu hei\u00df und arschkalt. 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