{"id":17910,"date":"2012-12-02T11:01:52","date_gmt":"2012-12-02T09:01:52","guid":{"rendered":"http:\/\/www.ankegroener.de\/?p=17910"},"modified":"2012-12-02T11:01:52","modified_gmt":"2012-12-02T09:01:52","slug":"dezemberjournal-lesestunde","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.ankegroener.de\/blog\/?p=17910","title":{"rendered":"Dezemberjournal: Lesestunde"},"content":{"rendered":"<blockquote><p>\u201eKeines der Wagnerschen Musikdramen endet, wie gesagt, in Moll, alle, von <em>Rienzi<\/em> bis zum <em>Parsifal<\/em>, schlie\u00dfen in Dur. Das darf man aber nicht zu eindeutig verstehen. Dur ist nicht einfach mit fr\u00f6hlich gleichzusetzen und Moll nicht mit traurig. Eine Dur-Tonart (von lateinisch \u201edurus\u201c = hart) hat im Gegensatz zu einer Moll-Tonart (von lateinisch \u201emollus\u201c = weich) sch\u00e4rfere Kanten und Konturen. Sie ist unmissverst\u00e4ndlicher. Wenn Wagner seine Welten allesamt in Dur untergehen l\u00e4sst, dann spricht das auch f\u00fcr die Klarheit seines Blicks. Mit dieser oder jener finalen Situation haben wir uns auseinanderzusetzen, da gibt es nichts zu deuteln und nichts zu bem\u00e4nteln. Auch im <em><a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Tristan_und_Isolde_(Oper)\">Tristan<\/a><\/em> nicht, der mit einem H-Dur-Akkord endet: f\u00fcnf Kreuze (fis, cis, gis, dis, ais), eine Tonart, die von Hector Berlioz als \u201eerhaben, sonor, strahlend\u201c charakterisiert wird. Ein helles, fast glei\u00dfendes Licht ergie\u00dft sich \u00fcber die Szenerie, \u201eR\u00fchrung und Entz\u00fcckung unter den Umstehenden\u201c vermerkt das Libretto, und nach all den harmonischen Ambulanzen und konvulsivischen Taktwechseln des <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Liebestod\">Liebestods<\/a> kommt auch die Partitur zur Ruhe, \u201emorendo\u201c, \u201erallentando\u201c, ersterbend, langsamer werdend. Drei Tote liegen auf der B\u00fchne. Und Isolde? \u201eWie verkl\u00e4rt sinkt sie sanft in Brang\u00e4nes Armen auf Tristans Leiche.\u201c Stirbt sie auch? Ist das die schiere Katastrophe oder glimmt am Ende nicht doch ein kleines Licht? (&#8230;)<\/p>\n<p>f \u2013 h \u2013 dis \u2013 gis: ein unscheinbarer Vierklang, auf den ersten Blick. Und doch \u00f6ffnen sich mit ihm im zweiten Takt H\u00f6llentor und Himmelspforte zugleich. Dieser Akkord, der sogenannte <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Tristan-Akkord\">Tristan-Akkord<\/a>, ist das Losungswort, der Code f\u00fcr die gesamte musikalische Moderne. Ein Akkord, der sich keiner Tonart zugeh\u00f6rig wei\u00df. Ein Akkord an der Grenze zur Dissonanz. Ein Akkord, der f\u00fcr sich steht und schwebt und nirgendwohin strebt. Der Tristan-Akkord sucht sein Heil nicht in der n\u00e4chstm\u00f6glichen Konsonanz, wie es die klassische Harmonielehre verlangt; der Tristan-Akkord ist sich selbst genug. Ganz wie Tristan und Isolde sich gen\u00fcgen und nichts kennen als ihre Liebe. Kein Eheversprechen, keine Treue, keine Vergangenheit, keine Angst, nicht einmal die vor dem Tod. (&#8230;) <\/p>\n<p>Die Musikwissenschaftler sind in der Analyse und Exegese dieses Akkords bis heute zu keinem eindeutigen Ergebnis gelangt. Was soll er sein: ein alterierter Terzquartakkord, die Umkehrform eines Doppeldominantseptakkords mit tiefalterierter Quinte, ein Subdominantdreiklang mit <em>sixte ajout\u00e9e<\/em> oder gar ein verk\u00fcrzter Dominantnonenakkord? Ich denke, dieses Stochern und W\u00fchlen im theoretischen Werkzeugkasten zeigt vor allem eins: unsere Unzul\u00e4nglichkeit. Und das gilt f\u00fcr die gesamte <em>Tristan<\/em>-Musik, die sich mit herk\u00f6mmlichen Parametern kaum fassen l\u00e4sst. Da existiert harmonisch keine Dur-Moll-Tonalit\u00e4t mehr und formal nicht der kleinste Rest der alten Nummernoper. (&#8230;) Stattdessen herrschen Chromatik und freier <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Kontrapunkt\">Kontrapunkt<\/a>, und die Gesangsstimmen f\u00fcgen sich fast instrumental ins symphonisch-opiatische Gewebe des Ganzen ein. Mit dem <em>Tristan<\/em> \u00fcberschreitet Wagner eine Grenze, die erst ein halbes Jahrhundert sp\u00e4ter sichtbar wird. Der <em>Tristan<\/em> ist die Musik zu Freuds Psychoanalyse, zur Literatur Thomas Manns und die Initialz\u00fcndung f\u00fcr das kompositorische Weiterdenken eines Gustav Mahler, Arnold Sch\u00f6nberg, Alban Berg oder Claude Debussy.\u201c<\/p><\/blockquote>\n<p>Ich mag Christian Thielemanns <em><a href=\"http:\/\/www.amazon.de\/gp\/product\/340663446X\/ref=as_li_qf_sp_asin_tl?ie=UTF8&#038;camp=1638&#038;creative=6742&#038;creativeASIN=340663446X&#038;linkCode=as2&#038;tag=httpwwwankegr-21\">Mein Leben mit Wagner<\/a><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.assoc-amazon.de\/e\/ir?t=httpwwwankegr-21&#038;l=as2&#038;o=3&#038;a=340663446X\" width=\"1\" height=\"1\" border=\"0\" alt=\"\" style=\"border:none !important; margin:0px !important;\" \/><\/em> sehr. Es klingt \u00fcbrigens nicht immer so wie aus einem Musikwissenschaftskurs an der LMU; Thielemann erz\u00e4hlt kurz seinen Werdegang und erkl\u00e4rt dann sehr anschaulich, wie er als Dirigent in verschiedenen Orchestergr\u00e4ben klarkommt, wie er es schaffen muss, S\u00e4nger, S\u00e4ngerinnen und das Orchester unter einen Hut zu bekommen und wo welche Wagner-Oper am besten klingt. Und nat\u00fcrlich plaudert er \u00fcber Bayreuth, was ich besonders gern gelesen habe. Buchempfehlung f\u00fcr den Gabentisch.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u201eKeines der Wagnerschen Musikdramen endet, wie gesagt, in Moll, alle, von Rienzi bis zum Parsifal, schlie\u00dfen in Dur. Das darf man aber nicht zu eindeutig verstehen. Dur ist nicht einfach mit fr\u00f6hlich gleichzusetzen und Moll nicht mit traurig. 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