{"id":17740,"date":"2012-11-16T10:21:07","date_gmt":"2012-11-16T08:21:07","guid":{"rendered":"http:\/\/www.ankegroener.de\/?p=17740"},"modified":"2012-11-16T10:22:17","modified_gmt":"2012-11-16T08:22:17","slug":"november-journal-15-und-16-11-2012","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.ankegroener.de\/blog\/?p=17740","title":{"rendered":"November-Journal, 15. und 16.11.2012"},"content":{"rendered":"<p><strong>Mittwoch<\/strong><\/p>\n<p>Der lange Uni-Tag. Erster Kurs immer noch der, auf den ich mich am meisten freue: die Musikgeschichte 1700\u20131830. Die letzten beiden Male hatten wir die Frage \u201eWas ist Musik?\u201c auf zwei Arten beantwortet: einmal ist sie die Nachahmung der Natur (wir erinnern uns: das Zeitalter des Rationalismus, Musik bildet die Natur bzw. menschliche Regungen nach und folgt dabei strengen Regeln); dann hatten wir das Zeitalter der Empfindsamkeit, wo Fantasie und Improvisation h\u00f6her gesch\u00e4tzt wurden als die bis eben g\u00fcltigen Regeln. Musik sollte bewegen und die Gef\u00fchle des Komponisten h\u00f6rbar machen. Das 18. Jahrhundert, das kleine Cham\u00e4leon, hat aber noch eine weitere Richtung zu bieten: die romantische Musik\u00e4sthetik. Musik ist nach ihr \u201eeine abgesonderte Welt f\u00fcr sich\u201c (<a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Ludwig_Tieck\">Ludwig Tieck<\/a>, ja, der mit der Shakespeare-\u00dcbersetzung).<\/p>\n<p>Wo vorher die Vokalmusik wegen ihrer leichteren Verst\u00e4ndlichkeit gesch\u00e4tzt wurde, gilt nun die Instrumentalmusik als h\u00f6herwertig. Dabei ist die romantische \u00c4sthetik ein rein deutsches Ph\u00e4nomen; viele deutsche Dichter befassten sich mit Musiktheorie, der schon genannte Tieck zum Beispiel oder E.T.A. Hoffmann (der auch komponierte), Friedrich Schlegel (der andere mit der Shakespeare-\u00dcbersetzung) oder Jean Paul. Ganz vorneweg war <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Wilhelm_Heinrich_Wackenroder\">Wilhelm Heinrich Wackenroder<\/a>, dessen \u201eHerzensergie\u00dfungen eines kunstliebenden Klosterbruders\u201c schon im Titel eine gewisse Schw\u00e4rmerei erkennen lassen. F\u00fcr ihn war Instrumentalmusik \u201edie wunderbarste aller K\u00fcnste\u201c und er schrieb ihr eine \u201eg\u00f6ttliche Qualit\u00e4t\u201c zu. Was eben noch bem\u00e4ngelt wurde \u2013 die Unverst\u00e4ndlichkeit der Instrumentalmusik \u2013 war auf einmal ihre St\u00e4rke; sie galt als Indiz f\u00fcr die metaphysische Qualit\u00e4t der T\u00f6ne, sie war ein \u201eMedium g\u00f6ttlicher Offenbarung\u201c, die \u201eh\u00f6chste Stufe der Erhabenheit\u201c. Musik erm\u00f6glicht den Kontakt mit der Irrealit\u00e4t und den eigenen Tr\u00e4umen \u2013 da st\u00f6ren Worte nur. Selbst die Fl\u00fcchtigkeit eines musikalischen Erlebnisses wurde auf einmal gesch\u00e4tzt: Genau wie Wolken und Wind war es himmlischen Ursprungs. <\/p>\n<p>E.T.A Hoffmann regte an, die ollen Opern doch mit einer herrlichen Symphonie zu beenden; dieser Vorschlag wurde allerdings nicht umgesetzt. Aber: Es gab in den Jahrzehnten danach durchaus Komponisten, die die Oper nicht mehr mit Worten enden lie\u00dfen, sondern nach den letzten S\u00e4tzen ein bisschen Instrumentalmusik anboten. Der Dozent meinte: \u201eIch spiele Ihnen mal ein Beispiel eines solchen Schlusses vor\u201c, legte eine CD ein, dr\u00fcckte auf Play \u2013 und ich k\u00e4mpfte mit den Tr\u00e4nen. Es war <a href=\"http:\/\/www.youtube.com\/watch?v=U7BqVavXID0&#038;feature=youtu.be&#038;t=4m30s\">der Schluss der \u201eG\u00f6tterd\u00e4mmerung\u201c<\/a>, der mich auch im Opernhaus jedesmal fertig macht, aber da habe ich vier Stunden Zeit, mich darauf vorzubereiten. Hier wurde ich in meine Lieblingsmusik geschmissen und war so ergriffen wie selten. Als die drei Minuten verklungen waren, fragte der Dozent: \u201eDas kennen Sie, oder?\u201c, worauf der halbe Kurs gelangweilt murmelte: \u201eG\u00f6tterd\u00e4mmerung.\u201c Die kennen das! Die sind 20 und kennen das! An mein Herz, Jugend von heute!<\/p>\n<p>&#8212;<\/p>\n<p>In der Kunstgeschichte 500 bis 1500 sind wir gerade in der Gotik. Der Dozent quengelte mal wieder, dass wir durch die neue Studienordnung f\u00fcr nix mehr Zeit h\u00e4tten, weswegen die Gotik nur lausige zwei Sitzungen bek\u00e4me. Jetzt, wo ich mit ihm virtuell durch die unfassbaren Kathedralen von <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Kathedrale_von_Laon\">Laon<\/a>, <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Kathedrale_von_Chartres\">Chartres<\/a>, <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Kathedrale_von_Reims\">Reims<\/a> und <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Kathedrale_von_Amiens\">Amiens<\/a> spaziert bin, quengele ich auch. <\/p>\n<p>Der Dozent erw\u00e4hnte das sch\u00f6ne Wort \u201eTurmwut\u201c, weil in der Gotik gerne mal auf alles T\u00fcrmchen gesetzt wurde, und ballerte uns, wie jede Woche, mit Fachausdr\u00fccken voll, die ich mir allm\u00e4hlich mal auf Karteikarten schreiben und auswendig lernen sollte. Das klingt dann ungef\u00e4hr so: \u201eEin dreischiffiges Lang- und Querhaus in Kreuzstruktur, f\u00fcnfschiffiger Chor mit doppeltem Umgang und Kapellenkranz, \u00fcber dem Arkadengeschoss das Triforium mit vier Fenstern \u2013 wir sagen trotzdem TRIforium dazu \u2013, Lanzettenfenster im Obergaden, polygone Dienste um die S\u00e4ulen, runde Dienste um die Pfeiler.\u201c Und ich nickte und guckte auf die Folien vorne und war verknallt in die franz\u00f6sischen Baumeister, die vor 800 Jahren so viel filigrane Sch\u00f6nheit in die Gegend gebaut haben.<\/p>\n<p>&#8212;<\/p>\n<p>Abends mit <a href=\"https:\/\/twitter.com\/fehlpass\">@fehlpass<\/a> und dem tempor\u00e4ren Mitbewohner das Hollandspiel geguckt und es in jeder Sekunde bereut. Immerhin gab&#8217;s Flips und Bier. F\u00fcr unsere Verh\u00e4ltnisse total fr\u00fch im Bett gewesen und erstaunlich wenig Alkohol getrunken. (Meine Leber freut sich sehr auf die eigene Wohnung. Der Rest ist hin- und hergerissen. Es ist halt doch ganz sch\u00f6n gem\u00fctlich hier, und es bringt einem dauernd jemand gek\u00fchlte Getr\u00e4nke. Womit wir wieder bei Punkt 1 w\u00e4ren: Meine Leber freut sich sehr auf die eigene Wohnung.)<\/p>\n<p><strong>Donnerstag<\/strong><\/p>\n<p>Vom <a href=\"http:\/\/www.sueddeutsche.de\/muenchen\/der-stromausfall-und-seine-folgen-als-in-muenchen-das-licht-ausging-1.1523784\">Stromausfall<\/a> nix gemerkt, vom iPhone geweckt worden, wir hatten Strom, das einzige, was ich noch mitbekommen habe, waren die brechend vollen U-Bahnen um 9.30 Uhr in Richtung Uni. Das war aber wider Erwarten sehr am\u00fcsant, weil wir einen klasse Fahrer hatten, der \u201emeine\u201c vier Stationen fast komplett durchgequatscht hat (bitte entschuldigen Sie die f\u00fcrchterliche bairische Transkription, f\u00fcr Verbesserungsvorschl\u00e4ge w\u00e4re ich sehr aufgeschlossen): \u201eJetzt r\u00fcckts amoi zusamm, dann kimma auch alle nei. &#8230; Erst aussteign lossn, dann nei mit eana &#8230; nah, jetzt fahrn ma los, wir nehmen auch keine blonden Frauen mehr mit &#8230; jetzt lossts amma den Rollstuhlfahrer nei &#8230; kimmats hier nach vorn, do ist noch Platz, die l\u00e4cheln auch alle &#8230;\u201c Beim Aussteigen zeigten viele Mitfahrende dem Fahrer den Daumen nach oben oder bedankten sich f\u00fcr den Spa\u00df, den sie hatten. <\/p>\n<p>&#8212;<\/p>\n<p>In der ersten Vorlesung \u201eDie Messe in der Renaissance\u201c schaffte es der Dozent allen Ernstes, in 15 Minuten einen gedanklichen Bogen von der Messe zu Musik in Computerspielen zu schlagen, Stichwort Gebrauchsmusik. Ich kann das nicht wiedergeben, ich habe beim faszinierten Zuh\u00f6ren das Mitschreiben vergessen. Und ich kann endlich diesen seltsamen \u201eMittelalter-Klang\u201c (ja, ich wei\u00df, die Renaissance ist nicht das Mittelalter, aber fast) benennen, also den Tonabstand, den ich immer mit dieser Zeit da ganz fr\u00fcher verbinde: Es ist die olle Quarte, die langweilige Tante.<\/p>\n<p>Bei den \u201eSkulpturen der Romanik\u201c gab&#8217;s dieses Mal endlich was Nachvollziehbares, nicht wie sonst ein hysterisches Springen von Kirche zu Kirche, um ein Kapitell hier und ein Tympanon da anzugucken. Das hat mir diese Vorlesung bis jetzt jedenfalls eher madig gemacht; ich schreibe hektisch mit, weil der Dozent seine Folien nicht rausr\u00fcckt und habe einen Riesenbildband gekauft, um jetzt stumpf Bilder auswendig zu lernen, die eventuell in der Klausur drankommen k\u00f6nnten. (Mir f\u00e4llt keine andere Art ein, mich vorzubereiten.) Mir fehlt aber die Begeisterung, die bis jetzt alle anderen Dozierenden in mir wecken konnten \u2013 vielleicht weil sie besser einordnen, weil sie aufzeigen, was so toll an den Dingen ist, die sie uns nahebringen. Diese Vorlesung ist ein nicht enden wollender Diavortrag, und er ist nicht besonders gut.<\/p>\n<p>Dieses Mal hat&#8217;s aber funktioniert: Wir blieben in Cluny bzw. <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Ste-Marie-Madeleine_de_V%C3%A9zelay\">St-Madeleine<\/a> in V\u00e9zelay, wo wir wundersch\u00f6ne Kapitelle zu sehen bekamen, die eben keine Einzelmeister waren, sondern in sich einen geschlossenen Zyklus bildeten. Wenn Sie sich das bitte mal selbst in der Wikipedia <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Ste-Marie-Madeleine_de_V%C3%A9zelay#Die_Kapitelle\">durchlesen<\/a> m\u00f6chten? Vor allem die \u201emystische M\u00fchle\u201c fand ich gro\u00dfartig. Zum ersten Mal habe ich die Sch\u00f6nheit der romanischen Skulptur nachvollziehen k\u00f6nnen \u2013 aber vielleicht klappt das auch nur, weil ich in anderen Kursen inzwischen was \u00fcber die Ottonen und die Karolinger gelernt habe und nun wei\u00df, woher die Romanik ihre Formen bezieht.<\/p>\n<p>&#8212;<\/p>\n<p>Telekom-Mensch beim Anschlie\u00dfen des Routers zugeguckt. Konnte danach trotzdem kein W-LAN in meiner leeren Wohnung einrichten, weil ich den Adapter f\u00fcr das Netzkabel vergessen hatte. Das MacBook Air ist so wundersch\u00f6n und ich liebe es sehr, aber diese nicht vorhandenen Anschl\u00fcsse machen mich fertig.<\/p>\n<p>&#8212;<\/p>\n<p>Der tempor\u00e4re Mitbewohner guckte sich die Jahreshauptversammlung des FC Bayern vor Ort an; ich lie\u00df mich als Sch\u00f6nwetterfan beschimpfen, a\u00df Brezn, lungerte auf dem Sofa rum, guckte Serien und checkte bei der Lufthansa ein. Ab nach Hause.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Mittwoch Der lange Uni-Tag. Erster Kurs immer noch der, auf den ich mich am meisten freue: die Musikgeschichte 1700\u20131830. 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