{"id":17596,"date":"2012-11-01T10:21:17","date_gmt":"2012-11-01T08:21:17","guid":{"rendered":"http:\/\/www.ankegroener.de\/?p=17596"},"modified":"2012-11-02T10:02:30","modified_gmt":"2012-11-02T08:02:30","slug":"november-journal-1-11-2012","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.ankegroener.de\/blog\/?p=17596","title":{"rendered":"November-Journal, 1.11.2012"},"content":{"rendered":"<p>Mittwochs ist mein langer Uni-Tag mit vier Veranstaltungen \u2013 und aus der ersten musste ich auch noch fr\u00fcher raus, um einer Einladung einer Hausverwaltung zu folgen. Ich hatte mir vor einigen Tagen eine Wohnung in Schwabing angeschaut, die eine von diesen klassischen Reinkommen-und-einziehen-wollen-Wohnungen war. Genau in diese bin ich bis jetzt immer eingezogen (einmal Bremen, einmal Hannover und dreimal Hamburg), und deswegen flehte ich die Immog\u00f6tter an, mir auch diesmal gn\u00e4dig zu sein.<\/p>\n<p>Aber erstmal lauschte ich wie immer mit seligem L\u00e4cheln meinem Professor in Musikwissenschaft, der mir die Musikgeschichte von 1700 bis 1830 n\u00e4herbringen will. Gestern ging es um die Nachahmungs\u00e4sthetik, die man circa 1700 bis 1815 einordnet. Die Vokalmusik stand deutlich \u00fcber der Instrumentalmusik, und die Aufgabe beider war es, die Natur nachzuahmen. Entweder a) die menschlichen Affekte (Liebe, Hass, Rache &#8230;) oder b) die Laute der beseelten und unbeseelten Natur (Tonmalerei) oder c) die Sprachmelodie oder den Sprachgestus. <\/p>\n<p>Vokalmusik stand dabei weit \u00fcber der Instrumentalmusik, die als schwerer verst\u00e4ndlich galt. Rousseau verstieg sich zur Aussage, jegliche Instrumentalmusik solle doch bittesch\u00f6n eine \u00dcberschrift haben \u201ewie undeutliche Gem\u00e4lde\u201c, damit man wisse, was sie einem sagen wolle. Ein Satz von <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Bernard_le_Bovier_de_Fontenelle\">Fontenelle<\/a>: \u201eSonate, que me veux-tu? \u2013 Sonate, was soll ich mit dir?\u201c Die Vokalmusik wurde auch deshalb gesch\u00e4tzt, weil sie auch Unsichtbares darstellen kann \u2013 im Gegensatz zu Bildern, die genau das nicht hinkriegen. Und so ein sch\u00f6nes Singspiel sagt einem ja netterweise per Text, worum es geht. Das war dann auch die Funktion: Der Text vermittelt den Inhalt, die Musik sorgt f\u00fcr die passende Regung im Zuh\u00f6rer. <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Johann_Adam_Hiller\">Johann Adam Hiller<\/a> formulierte es so: Worte liefern die Zeichnung, Musik die Farbe.<\/p>\n<p>F\u00fcr den franz\u00f6sischen Rationalismus in Form des Autors <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Charles_Batteux\">Charles Batteux<\/a> war Musik eine \u201eSpiegelung der Realit\u00e4t\u201c. Er unterteilte die K\u00fcnste in \u201emechanische K\u00fcnste\u201c (damit kann man seinen Lebensunterhalt verdienen), \u201esch\u00f6ne K\u00fcnste\u201c (zweckfrei, setzen Mu\u00dfe und \u00dcberfluss voraus \u2013 vulgo: Malerei, Musik, Poesie) und \u201egemischte K\u00fcnste\u201c (wie der Name schon sagt). Das Wichtigste an der rationalen Herangehensweise an Musik: Der K\u00fcnstler soll nicht seine eigenen Gef\u00fchle vermitteln, sondern den Anschein dieser Gef\u00fchle erwecken. Dozent: \u201eViele denken, der Mozart w\u00e4r so traurig gewesen, als er seine Moll-Sonaten schrieb, dabei hat er blo\u00df verdammt gute Moll-Sonaten geschrieben. Und f\u00fcnf Minuten sp\u00e4ter die Jupiter-Sinfonie. Der war nicht traurig, der war ein guter Komponist.\u201c<\/p>\n<p>&#8212;<\/p>\n<p>Ich h\u00e4tte noch stundenlang zuh\u00f6ren k\u00f6nnen, aber ich musste ja einen guten Eindruck auf Hausverwaltungen machen, weswegen ich in die U-Bahn vor der Uni stieg, am Sendlinger Tor in die Tram kletterte, die Reichenbachbr\u00fccke \u00fcberquerte und drei Stationen weiter einen guten Eindruck auf eine Hausverwaltung machte. Glaube ich jedenfalls, denn nach nicht einmal zehn Minuten entspannter Konversation frug man mich, ob ich den Mietvertrag unterschreiben wolle, was ich quietschend bejahte. Den Immog\u00f6ttern sei gedankt, und wenn ich w\u00fcsste, wo ihr Tempel steht, w\u00fcrde ich ihnen ein Schwein opfern. <\/p>\n<p>Ab heute residiere ich in Schwabing \u2013 das behauptete jedenfalls die Anzeige, aber laut M\u00fcnchener Timeline ist es eher Maxvorstadt. Mir egal, es sind zu Fu\u00df f\u00fcnf Minuten zum Kunsthistorischen Seminar, und das ist alles, was z\u00e4hlt.<\/p>\n<p>&#8212;<\/p>\n<p>Zur\u00fcck an der Uni ging es in die Kunstgeschichte von 500 bis 1500. Die letzten Mal besch\u00e4ftigten wir uns mit karolingischer und ottonischer Architektur, jetzt kam die Romanik dran und damit der Dom von Speyer. Den teilt man in Speyer I und Speyer II ein; Speyer II wurde von 1082 bis 1108 erbaut, und man geht davon aus, dass <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Heinrich_IV._(HRR)\">Heinrich IV<\/a> mit diesem Protzbau dem Papst einen reinw\u00fcrgen wollte, der ihn gerade in Canossa empfangen hatte. Danach widmeten wir uns der Hirsauer Bauschule, die Anleihen an der Antike nahm, zum Beispiel bei den S\u00e4ulenkapitellen, denen sie lustigerweise kleine Ecknasen gaben, die \u201e<a href=\"http:\/\/www.myheimat.de\/soemmerda\/kultur\/romanische-klosterkirche-thalbuergel-hirsauer-nase-m2088229,2406424.html\">Hirsauer Nasen<\/a>\u201c hei\u00dfen. Oder wie der Dozent meinte: \u201eWenn Sie eine von diesen Nasen sehen, riecht das sehr nach Hirsau.\u201c Gnihihi. (Auf dem Bild da, die kleine Einkerbung \u00fcber dem Doppelschild, das ist die Nase.)<\/p>\n<p>&#8212;<\/p>\n<p>Die letzten drei Stunden mittwochs geh\u00f6ren der \u00dcbung zur Vorlesung, wo wir noch mal S\u00e4ulenordungen auswendig lernen und Kirchen an ihren Grundrissen erkennen und nebenbei erfahren, wie man zu sch\u00f6ner Literatur kommt, um am Semesterende eine Hausarbeit schreiben zu k\u00f6nnen. Ich sitze die ganze Zeit da und denke, wir hatten damals ja nix, wenn ich mir anschaue, auf wievielen Seiten man inzwischen vom Sofa aus B\u00fccher suchen kann. Good times.<\/p>\n<p>\u00dcberhaupt sitze ich die ganze Zeit da und vergleiche. Der Hauptunterschied haut mich jedesmal um: Ich MUSS nicht hier sein. Ich muss hier keinen Grundstein f\u00fcr eine Karriere legen, ich muss nicht in allen Klausuren Einsen schreiben (auch wenn das nat\u00fcrlich der Plan ist), ich muss hier auch nicht den Mann f\u00fcrs Leben kennenlernen oder Freundschaften kn\u00fcpfen oder Netzwerke gr\u00fcnden. Ich sitze hier, weil ich es kann und weil ich es will. Und deswegen grinse ich die ganze Zeit so debil-gl\u00fccklich vor mich hin, weil ich wei\u00df, <em>weil ich in jeder Sekunde wei\u00df<\/em>, was f\u00fcr ein Luxus das da gerade ist. Die Chance, sich mit etwas so Wundersch\u00f6nem wie Kunst oder Musik zu besch\u00e4ftigen, ohne dass ein Zweck dahintersteckt au\u00dfer: Es macht mich gl\u00fccklich.<\/p>\n<p>&#8212;<\/p>\n<p>Und abends hat dann auch noch Bayern gewonnen, und ich h\u00e4tte sogar eine Karte f\u00fcrs Stadion gehabt, aber ich wollte nicht alleine unter 70.000 Leuten sitzen, sondern ich wollte mit einem Freund die Wohnung feiern und weiterhin debil-gl\u00fccklich grinsen. Hab ich dann auch gemacht.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Mittwochs ist mein langer Uni-Tag mit vier Veranstaltungen \u2013 und aus der ersten musste ich auch noch fr\u00fcher raus, um einer Einladung einer Hausverwaltung zu folgen. Ich hatte mir vor einigen Tagen eine Wohnung in Schwabing angeschaut, die eine von diesen klassischen Reinkommen-und-einziehen-wollen-Wohnungen war. 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