{"id":17547,"date":"2012-10-19T13:02:57","date_gmt":"2012-10-19T11:02:57","guid":{"rendered":"http:\/\/www.ankegroener.de\/?p=17547"},"modified":"2012-11-02T10:02:53","modified_gmt":"2012-11-02T08:02:53","slug":"alles-auf-anfang","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.ankegroener.de\/blog\/?p=17547","title":{"rendered":"Alles auf Anfang"},"content":{"rendered":"<p>Ich sitze in jedem Kurs und habe riesengro\u00dfe Augen und Ohren. Ich sehe Bilder, die ich schon kenne und Bilder, die ich noch nie gesehen habe. Ich h\u00f6re bekannte und unbekannte Namen von Komponisten, Malern, Bauwerken, Kunstepochen, Musikstilen; in einer Vorlesung (\u201eEinf\u00fchrung in die Kunstgeschichte, Teil 1: 500 bis 1500\u201c) stehen auf jeder Powerpointfolie gef\u00fchlt f\u00fcnf Begriffe aus der Architektur, von denen ich h\u00f6chstens zwei kenne und einen erkl\u00e4ren k\u00f6nnte. <\/p>\n<p>Aus der Semester\u00fcbersicht des Kurses \u201eDie Anf\u00e4nge der Portr\u00e4tmalerei im 14. und 15. Jahrhundert\u201c leuchten mir Malernamen entgegen, mit denen ich mich besch\u00e4ftigen darf, mit ihnen und ihren Werken, und ich lerne, wie sich das Portr\u00e4t entwickelt, ich lerne \u00fcber Stiftungen und die Vermenschlichung des G\u00f6ttlichen und die Idealisierung. Ich lerne die \u201eMusikgeschichte von 1700 bis 1830\u201c, aus der, laut Dozent, gut die H\u00e4lfte aller Werke stammt, die wir aus Opernh\u00e4usern und Konzerts\u00e4len kennen, ich h\u00f6re, dass die Bach-Werke neu chronologisiert wurden und dass deshalb das Barock nur noch bis 1720 geht und nicht mehr bis 1750 und dass Klassik ein Ideal zwischen Form und Ausdruck sei.<\/p>\n<p>Ich sitze mit 130 Menschen in einem H\u00f6rsaal und pl\u00f6tzlich erklingt Scarlatti. Ich sitze direkt danach mit 20 Menschen in der dazugeh\u00f6rigen \u00dcbung und pl\u00f6tzlich erklingt Corelli. Der Dozent erkl\u00e4rt die drei Teile einer Ouvert\u00fcre, indem er sie einfach vorsingt. Ich erfahre, dass die italienische Ouvert\u00fcre eine andere Struktur hat als die franz\u00f6sische, ich h\u00f6re Begriffe wie Concerto Grosso und Grand Op\u00e9ra. Ich lerne, dass Musik nicht dazu da ist, die Gef\u00fchle des Komponisten auszudr\u00fccken, aber ich lerne nicht, wozu sie sonst da ist. Ich ahne, dass das mein Job in den n\u00e4chsten drei Jahren sein wird, es herauszufinden.<\/p>\n<p>In der Kunstgeschichte-Einf\u00fchrung wei\u00df ich zun\u00e4chst gar nicht, wie mir geschieht, als ich pl\u00f6tzlich die Pfalzkapelle in Aachen erkl\u00e4rt bekomme, mir fehlt die Einordnung, mir fehlt der Plan, mir fehlt ja immer ein Plan, ich muss immer wissen, wo der Anfang und das Ende sind, aber das ist jetzt egal, jetzt versuche ich die Anlage einer Kirche zu begreifen und wie eine S\u00e4ule sich zusammensetzt und warum diese Kirche als Sinnbild f\u00fcr die karolingische Renaissance gilt und was \u00fcberhaupt die karolingische Renaissance ist. In der \u00dcbung zur Vorlesung lernen wir die ersten Grundbegriffe, wie man sich einem Bild n\u00e4hert, welche Fragen man stellen kann, um es zu verstehen. Auf der Folie erscheinen die Sonnenblumen, die alle erkennen, und der Mann mit dem Goldhelm, zu dem die Dozentin meint, daf\u00fcr seien wir wohl noch zu jung, der sei mal bekannt gewesen, weil alle dachten, es sei ein Rembrandt. Ich f\u00fchle mich alt, aber der Tag war auch lang.<\/p>\n<p>In der Vorlesung \u201eDie Skulpturen der Romanik\u201c h\u00f6re ich wieder etwas von S\u00e4ulen und den Karolingern, zwei Stunden sp\u00e4ter bei den \u201eKlaviertrios von Beethoven\u201c diskutieren wir \u00fcber den Begriff der Klassik, und nach lausigen drei Tagen ist der Effekt da, den ich erreichen wollte mit der Einschreibung und dem Studium: dass sich Dinge verbinden. Dass ich Dinge verstehe, dass ich sie einordnen kann, dass ich einen Plan erkenne, denn ich brauche ja immer einen Plan, ich brauche den Anfang und das Ende. Das hier ist ein Anfang, und er f\u00fchlt sich so an wie sich ein Anfang anf\u00fchlen sollte. Aufregend. Begeisternd. Erf\u00fcllend. Neugier weckend. Ich gehe in jeden Kurs und wei\u00df nicht, was auf mich zukommt, und ich komme aus ihm heraus und wei\u00df es noch weniger. Aber ich habe ein winziges Puzzlest\u00fcck in den H\u00e4nden, und das werde ich nicht wieder loslassen. <\/p>\n<p>Die S\u00e4le sind voll, teilweise \u00fcbervoll, nur ein Kurs ist viel zu leer, f\u00fcr die Beethoventrios interessieren sich au\u00dfer mir nur noch f\u00fcnf weitere Frauen. Ich kann mich nicht verstecken hinter den ganzen M\u00e4dchen mit Musikabi oder Kunstleistungskurs, ich muss zugeben, keine Ahnung von irgendetwas zu haben, aber das ist seltsamerweise nicht schlimm. Der Dozent meint, er beneide mich darum, diese Trios noch entdecken zu d\u00fcrfen.<\/p>\n<p>Als Texterin finde ich es f\u00fcrchterlich, keine Ahnung zu haben, ich ergoogle mir alles, ich gehe vorbereitet in Meetings, ich mache den Job lange genug, ich wei\u00df, was mich erwartet. Hier wei\u00df ich nichts, und es f\u00fchlt sich gro\u00dfartig an. Ich warte darauf, dass mir jemand meinen Kopf vollstopft und mein Herz \u00fcbergehen l\u00e4sst, und ich verlasse mit hunderten Menschen den H\u00f6rsaal, gehe durch die alten, hohen G\u00e4nge, die breiten Treppen nach unten zur Ludwigstra\u00dfe, schaue, h\u00f6re, f\u00fchle, lasse mich treiben und trage ein inniges L\u00e4cheln mit mir herum. Und ich hoffe, dass es bleiben wird.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ich sitze in jedem Kurs und habe riesengro\u00dfe Augen und Ohren. Ich sehe Bilder, die ich schon kenne und Bilder, die ich noch nie gesehen habe. 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