{"id":17068,"date":"2012-08-17T11:26:11","date_gmt":"2012-08-17T09:26:11","guid":{"rendered":"http:\/\/www.ankegroener.de\/?p=17068"},"modified":"2012-08-17T11:26:11","modified_gmt":"2012-08-17T09:26:11","slug":"frau-groner-trifft-eine-entscheidung-oder-doch-nicht-oder-doch-ach-frag-mich-in-zehn-minuten-noch-mal","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.ankegroener.de\/blog\/?p=17068","title":{"rendered":"Frau Gr\u00f6ner trifft eine Entscheidung. Oder doch nicht. Oder doch. Ach, frag mich in zehn Minuten noch mal."},"content":{"rendered":"<p>Als die <a href=\"http:\/\/www.ankegroener.de\/?p=17005\">Zusage aus Dresden<\/a> eintraf, stand ich, wie beschrieben, schreiend in der K\u00fcche, weil ich davon ausging, dass das die einzige Zusage bliebe. Ich sah auf bahn.de, dass ich in vier Stunden und f\u00fcr nicht viel Geld nach Hause kommen k\u00f6nnte, suchte im Internet nach Wohnungen, war begeistert \u00fcber die Preise und die Aussicht, demn\u00e4chst jeden Tag den Zwinger und die Semperoper sehen zu k\u00f6nnen und vielleicht \u00f6fter als bisher auch mal reinzugehen.<\/p>\n<p>Dann kam die Zusage aus M\u00fcnchen \u2013 und st\u00fcrzte mich in eine tiefe Sinnkrise. Denn von allen Orten, an denen ich mich beworben hatte, war M\u00fcnchen nat\u00fcrlich der d\u00e4mlichste: wahnwitzig weit weg von Hamburg und wahnwitzig teuer. Aber: M\u00fcnchen hat eine F\u00e4cherkombi, die die anderen Unis nicht haben. Wo ich in Hamburg, Dresden und Berlin Kunstgeschichte mit dem Nebenfach Geschichte studiert h\u00e4tte, k\u00f6nnte ich in M\u00fcnchen das Nebenfach Kunst, Musik, Theater w\u00e4hlen (mit dem Hauptfach Kunstgeschichte also zum Beispiel Musikwissenschaft). Aber: wahnwitzig weit weg von Hamburg und wahnwitzig teuer. Aber: Musik und Theater. Aber: wahnwitzig &#8230; (ad infinitum) <\/p>\n<p>Der Brief aus M\u00fcnchen kam am Freitag abend, weswegen ich in Bayreuth von Samstag bis Montag nur am Gr\u00fcbeln war \u2013 wenn ich nicht gerade in der Oper vor mich hinentspannte. Und gerade dieses Erlebnis lie\u00df mich immer mehr in Richtung M\u00fcnchen kippen. Weil Musik eben gl\u00fccklich macht. Weil die Besch\u00e4ftigung mit ihr gl\u00fccklich macht. Auch wenn sie an Orten stattfindet, die wahnwitzig weit weg und so weiter.<\/p>\n<p>Ich hatte mich also quasi schon entschieden, als am Mittwoch eine E-Mail aufploppte. Die Universit\u00e4t Hamburg w\u00fcrde sich auch total freuen, mich als Studentin begr\u00fc\u00dfen zu d\u00fcrfen. Und damit ging in meinem Kopf der Stress wieder los. Ja, Geschichte ist vielleicht nicht ganz so toll wie Musik und Theater, aber MEINE WOHNUNG MEIN KERL MEIN JOB. Alles da. Ich muss nicht umziehen, ich muss nicht mein ganzes Geld, das nicht mehr mein ganzes ist, sondern h\u00f6chstens noch mein halbes von dem, was ich jetzt verdiene, f\u00fcr Fl\u00fcge und doppelte Wohnungen rauswerfen, nein, ich bleibe einfach da, wo ich jetzt bin. <\/p>\n<p>He, Moment.<\/p>\n<p>\u201eIch bleibe einfach da, wo ich jetzt bin\u201c war genau der Satz, der mich irritierte. Denn genau das will ich ja nicht, zumindest was meine Bildung und pers\u00f6nliche Entwicklung angeht. Aber nat\u00fcrlich hat das Hierbleiben auch Vorteile, wovon der gr\u00f6\u00dfte \u201ekeine Wochenendbeziehung\u201c ist. Und so drehte mein Kopf sich lustig weiter, zwei Engelchen pr\u00fcgelten sich ihre Harfen um die Ohren und br\u00fcllten abwechselnd \u201eHAMBURCH!\u201c oder \u201eMINGA!\u201c, ich entschied mich f\u00fcr eine Stadt, nur um mich zehn Minuten sp\u00e4ter wieder f\u00fcr die andere zu entscheiden und wusste irgendwann wirklich nicht mehr wohin. Im wahrsten Sinne des Wortes.<\/p>\n<p>Und dann ging ich singen.<\/p>\n<p>Die erste Frage meiner Gesangslehrerin ist immer \u201eWie geht&#8217;s?\u201c, worauf sie wirklich eine Antwort haben will. Ich kippte in 30 hysterischen Sekunden meinen derzeitigen Geisteszustand auf sie runter, und sie legte mir ein neues Lied auf den Notenst\u00e4nder, denn mit neuen Dingen kann man mich prima ablenken. Jedenfalls klappt das sonst ganz gut. Dieses Mal nicht, ich war hibbelig, knautschte an den hohen Noten rum und war \u00fcberhaupt so unentspannt wie lange nicht mehr. Auch die gro\u00dfe <em>Les-Mis<\/em>-Dramaschnulze <em><a href=\"http:\/\/www.youtube.com\/watch?v=rwdOP2MG-Uc\">On My Own<\/a><\/em>, bei der ich sonst leidenschaftlich rumleide, konnte mich nicht locker machen.<\/p>\n<p>Und dann nahm meine Lehrerin die H\u00e4nde vom Klavier, drehte sich um und fragte: \u201eAuf was freust du dich eigentlich am meisten beim Studium?\u201c Ich sagte: \u201eIch freue mich darauf, in einem H\u00f6rsaal zu sitzen, in dem mir jemand 90 Minuten lang Dinge erz\u00e4hlt, die ich noch nie geh\u00f6rt habe. Ich freue mich aufs Lernen.\u201c Und sie sagte: \u201eDann singen wir jetzt <em><a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Yentl\">Yentl<\/a><\/em>.\u201c<\/p>\n<p>\u201eThe more I live \u2013 the more I learn.<br \/>\nThe more I learn, the more I realize<br \/>\nThe less I know.<br \/>\nEach step I take \u2013 (Papa, I&#8217;ve a voice now!)<br \/>\nEach page I turn &#8211; (Papa, I&#8217;ve a choice now!)<br \/>\nEach mile I travel only means<br \/>\nThe more I have to go. <\/p>\n<p>What&#8217;s wrong with wanting more?<br \/>\nIf you can fly &#8211; then soar!<br \/>\nWith all there is &#8211; why settle for just <a href=\"http:\/\/open.spotify.com\/track\/6gjz4E3jrhDgQawk7LSXw3\">a piece of sky<\/a>? <\/p>\n<p>Papa, I can hear you &#8230;<br \/>\nPapa, I can see you &#8230;<br \/>\nPapa, I can feel you &#8230;<br \/>\nPapa, watch me fly!\u201c<\/p>\n<p>Ich liebe dieses Lied. Ich liebe seine Botschaft. Und genau das hat mir gestern v\u00f6llig das Genick gebrochen. Die ersten <a href=\"http:\/\/www.lyricsfreak.com\/b\/barbra+streisand\/a+piece+of+sky_20012891.html\">Zeilen<\/a> gingen wunderbar, aber beim Teil, wo es ums Lernen und Wissen und Mehr-Wollen geht, war alles vorbei. Wo ich sonst gerne mal ein bisschen zu schniefen anfange, wenn mich Lieder emotional erwischen, brachen hier alle D\u00e4mme und ich heulte wie fr\u00fcher in der Therapie. Aber danach war Ruhe. Im Kopf, im Herz, die Engel kloppten sich nicht mehr, und ich wusste: M\u00fcnchen. Weil ich lernen will. Alles andere funktioniert schon irgendwie. Geld kommt immer irgendwo her, meine Agentur will mich sowieso weiter besch\u00e4ftigen, eine Wohnung habe ich auch schon in Aussicht, und die freundliche Lufthansa bringt mich in einer Stunde zum Mann meines Herzens. <\/p>\n<p>M\u00fcnchen, watch me fly.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Als die Zusage aus Dresden eintraf, stand ich, wie beschrieben, schreiend in der K\u00fcche, weil ich davon ausging, dass das die einzige Zusage bliebe. 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